Das Weihnachtsfest Karls des Großen im Jahre 784

Ary Scheffer: Karl der Große nimmt in Paderborn Widukinds Unterwerfung an,1840

Mit der Eroberung Sachsens durch Karl den Großen tritt unser Raum in das Licht schriftlicher Überlieferung. Als Geschichtsquelle sind für die Zeit der Sachsenkriege an erster Stelle die Reichsannalen zu nennen.
Sie berichten über die etwa 30 Jahre dauernden kriegerischen Auseinandersetzungen, deren Verlauf im Rahmen dieses Beitrages nicht im einzelnen nachgezeichnet werden kann.
Das Schwergewicht unserer Betrachtungen soll auf die Zeit von 783 bis 785 gelegt werden. Dieser Zeitraum brachte die entscheidende Wende zugunsten Karls des Großen, also erst 11—13 Jahre nach dem Beginn der Sachsenkriege, nach der Eroberung der Eresburg und der Zerstörung der Irminsul im Jahre 772.
Im Jahre 783 kam es zu der anscheinend nicht nur für die Sachsen verlustreichen Schlacht bei Theotmalli (Detmold). Die siegreichen Franken zogen sich auf Paderbrunnen (Paderborn) zurück und rüsteten dann zu neuen Kriegszügen, die zunächst bis zur Hase führten, wo es auch zu schweren Kämpfen mit den Sachsen kam, dann über die Weser bis zur Elbe. Von dort zogen sich die Franken wieder zurück.
Im folgenden Jahre erhoben sich die Sachsen und ein Teil der Friesen erneut. Aus diesem Grunde drang König Karl wiederum in Sachsen ein. Er selbst wandte sich gegen die Ostfalen, die etwa zwischen Weser und Elbe wohnten, sein Sohn Karl gegen die Westfalen, westlich der im Wesergebiet lebenden Engern. Die Westfalen wurden nach offenbar schweren Kämpfen im Dreingau besiegt. Karl der Große zog im Winter 784 noch einmal nach Sachsen. Wohin er gelangte, das soll der Text der Reichsannalen selbst aussagen. Es heißt am Schluss des Berichts für das Jahr 784: „Et celebravit natalem Domini iuxta Skidrioburg in pago Waizzagawi super fluvium Ambra in villa Liuhidi.“ Und er feierte Weihnachten bei der „Skidrioburg“ im Gau „Waizzagawi“ am Fluss „Ambra“ in „Liuhidi“

Zu Beginn des Jahres 785 zog König Karl an die Weser bei Rehme, an der Einmündung der Werre, kehrte aber wegen starker Überschwemmungen auf die Eresburg zurück. Von dort ließ Karl die aufständischen Sachsen ausplündern, eroberte ihre Burgen, drang in ihre Befestigungen ein und säuberte die Straßen. Dann hielt er in Paderborn eine Reichsversammlung ab. Von Paderborn aus durchzog er ganz Sachsen, wohin er wollte auf offenen Wegen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Noch im selben Jahre wurde Widukind in Attigny getauft. Damit schien Sachsen endgültig unterworfen zu sein. Es kam aber bis 804 immer wieder zu Kämpfen mit den Sachsen. Erst dann kann man von einem Ende der Sachsenkriege und von einer Eingliederung Sachsens in das Fränkische Reich sprechen.
Besonders beschäftigen soll uns nun der Passus über die Weihnachtsfeier Karls des Großen im Jahre 784. Es sind Zweifel darüber entstanden, wo die in den Reichsannalen genannten Orte zu suchen sind. Dabei ist es noch wichtig, zu wissen, dass es über diese Weihnachtsfeier noch andere Belegstellen gibt, die stets die Skidrioburg — wenn auch teilweise in anderer Schreibweise — nennen, nicht aber in jedem Falle Liuhidi. Die Erwähnung der sächsischen Feste Skidrioburg war also offenbar wichtiger als die Nennung des Orts der Weihnachtsfeier. Wenn man sich die Schilderung der Auseinandersetzungen mit den Sachsen in den Reichsannalen für die Jahre 783 bis 785 vergegenwärtigt, so ist das auch ohne weiteres verständlich. Es sollte doch insbesondere festgestellt werden, daß es Karl dem Großen möglich war, eine friedliche Weihnachtsfeier tief im Sachsenland — und sogar in der Nähe der sächsischen Feste Skidrioburg — zu begehen.

Seite der Reichsannalen mit dem Satz über die Weihnachtsfeier Karls des Großen im Jahre 784 (Zeile 8—10), Nationalbibl. Wien Cod. 473

Wenden wir uns nun den in den Reichsannalen genannten geographischen Namen im einzelnen zu. Unbestritten ist, dass unter dem Fluss Ambra die Emmer und unter dem Gau Waizzagawi der Wetigau zu verstehen ist, der nach anderen Quellen beiderseits der Emmer gesucht werden muss. Schwierigkeiten hat der Name der sächsischen Feste Skidrioburg bereitet. Leo Nebelsiek, der 1938 Alt-Schieder untersucht hat, hält es für möglich, dass der hier entdeckte ältere Ringwall als Skidrioburg anzusprechen ist. Überwiegend wird aber heute die Auffassung vertreten, dass mit der Skidrioburg die etwa 4 km westlich von Lügde gelegene Herlingsburg gemeint ist, obwohl der Name Skidrioburg für die Herlingsburg nicht nachzuweisen ist. Immerhin waren auch die anderen in den Reichsannalen genannten sächsischen Burgen anders als Alt-Schieder Höhenburgen. Für die Identifizierung des Orts der Weihnachtsfeier ist die Ermittlung der Skidrioburg nur insoweit von Bedeutung als der Ort nur in der Nähe (iuxta Skidrioburg) gesucht werden kann. Die Entfernung zwischen Alt-Schieder und der Herlingsburg ist aber so gering, daß sich aus dieser Unsicherheit keine schwerwiegenden Probleme ergeben, zumal wenn man bedenkt, was mit der Aussage „iuxta Skidrioburg“ ausgedrückt werden sollte. Es besteht insoweit also kein Grund, die in den Reichsannalen gemachte nähere Bezeichnung „in villa Liuhidi“ zu ignorieren, auch wenn diese Angabe bei anderen Belegstellen fehlt. Mit Liuhidi ist zweifellos Lügde gemeint. In den Corveyer Traditionen heißt der Ort wenig später (um 850) Liuithi. Diese bzw. ähnliche Namensformen kommen auch sonst für Lügde in der mittelalterlichen Überlieferung vor.
Wenn bisher für Lügde im Gegensatz zu Schieder der Nachweis eines Königshofes fehlt, so darf das ebensowenig dazu führen, die Erwähnung Lügdes beiseite zu schieben. Königshöfe waren nämlich zur Zeit Karls des Großen mit einem palatium ausgestattete, an bevorzugter Stelle gelegene Wirtschaftshöfe, die zwar in der Regel eingefriedigt, nicht aber befestigt waren.

Mit einer Befestigung wurden sie meist erst seit dem 9. Jh. versehen, es sei denn, sie waren bereits unter Karl dem Großen in vorhandenen Befestigungen angelegt worden. Königshöfe der Zeit Karls des Großen sind mithin nicht immer leicht zu ermitteln.

Lügde mag mit seiner Kilianskirdie auch die für die Weihnachtsfeier Karls des Großen unerläßliche Kirche besessen haben, weil das Kilianspatrozinium ein Hinweis auf die Würzburger Sachsenmission sein kann. Archäologisch ist der Nachweis für ein so hohes Alter bei den Grabungen des Jahres 1972 unter Leitung von Dr. Lobbedey allerdings nicht gelungen. Dass Schieder eine Kirche aus der Zeit Karls des Großen gehabt hätte, konnte allerdings bisher auch nicht festgestellt werden.
In Übereinstimmung mit Adolf Gauert, Karl Hauck, Albert K. Hömberg und anderen bekannten Landes- und Kirchenhistorikern werden wir also annehmen dürfen, daß Karl der Große — wie es die Reichsannalen berichten — das Weihnachtsfest im Jahre 784 in Lügde bei der Skidrioburg gefeiert hat. Dabei kann man allerdings die mehrfach zitierte Bezeichnung der Reichsannalen „in villa Liuhidi“ nicht von vornherein mit der späteren städtischen Siedlung gleichsetzen, vielmehr mag der Königshof in einiger Entfernung von oder vor der Stadt gelegen haben, wie es ja auch bei der Kilianskirche und dem Oldenlüderfeld der Fall ist.

Heimatland Lippe 05/1979, Herbert Stöwer