Das Zaubermägdlein von Sternberg

Peinliches verhör im 18. Jahrhundert

Es waren zwei dunkle Jahrzehnte nach den Schrecknissen und Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges: Zauberwahn, Hexen- und Werwolfsglauben suchten das Sternberger Land heim. Ein besonders schlimmer Hexenkessel begegnet uns in dem kleinen abgelegenen Dorfe Alt-Schwelentrup zwischen den Ausläufern der Sternberger Berge.
Drei Jahre hintereinander erfahren wir auf Grund von Kriminalgerichtsakten, dass drei Frauen wegen Zauberei und Hexerei angeklagt und hingerichtet wurden: Am 2.7.1667 Catharinen Faßen, Berndt Wulfs Weib, wurde auf der Jerxerheide mit dem Strick auf der Leiter erwürgt und ihr Körper verbrannt, am 15. 9. 1668 Angelica Steg, Henrich Stegs Eheweib, zu Sternberg mit dem Schwert enthauptet und am 8. 10. 1669 Anneke Hagedorn, des Bauerrichter Jasper Schoefs Weib zu Detmold auf der Jerxerheide mit dem Schwert gerichtet und verbrannt. Alle drei Frauen waren aus Schwelentrup. Aber schon vor ihnen lief ein Hexenprozess vor dem Landesherrlichen Kriminalgericht gegen Anneke, Friedrich Schoefs Eheweib, ebenfalls wegen Zauberei. Anneke wurde am 1. 8. 1665 aus der Grafschaft Lippe und dem Stift Paderborn „zu ewigen Zeiten des Landes verwiesen.“ Zur Heimatlosigkeit verdammt zu werden, war damals eine schwere Strafe. Doch nicht nur erwachsene Frauen konnten in die Maschen der Zaubereianklage geraten, sondern auch unschuldige Kinder.

Zwei Kanzelabkündigungen in der Kirche zu Hillentrup. 1665

Als Anneke Schoef am 1. August 1665 angeklagt und des Landes verwiesen wird, finden wir unter den 45 Anklagepunkten in den Artikeln 44 und 45 folgende Vorkommnisse anlastend verzeichnet: „Als der Pastor von Hillentrup in der Kirche von der Kanzel aufgefordert habe, dass die Leute für die zur Zauberei leider verführten Kinder mildiglich beisteuern möchten, habe die Peinlich Angeklagte Anneke Schoef mit lauter Stimme gesagt, da wolle sie nicht zu geben: „Welche dem Teufel sind, die soll man auch dem Teufel lassen! — Und wie ein andermal, als die „Türken wieder ins Land eingefallen seien und der Befehl gekommen und von der Kirchkanzel aufgefordert worden sei, auf dem großen Büß- und Bettag fleißig zu beten, da habe besagte Anneke zu einem anderen Weibe, der Alten Strateschen — sie erlitt später auch den Hexentod — gesagt: „Stratsche, unserm Herrgott ist woll viel an unserem und eurem Gebete gelegen!“ Beide Weiber hatten in Schwelentrup und Hillentrup ein loses Maulwerk und dazu „ein böses Geschrei“, d. h. den Leumund der Zauberei und Hexerei.

Auch unschuldige Kinder geraten in den Verdacht der Zauberei

Uns interessiert hier, dass damals wie im ganzen Lipperlande auch in Hillentrup zu Fürbittgebeten und milden Gaben aufgerufen wurde für die leider zur Zauberei verführten Kinder. Zu ihnen gehörte aus unserem engeren Gebiet auch Margaretha Catharina (M. C.), des Rittmeisters Hoppen Tochter, deren Mutter vermutlich anfangs in Göttentrup bei Schwelentrup wohnte und später auf Dinglinghausen, hier als die Witwe Hoppe oder Hoppsche abzeichnend.

Margaretha Catharina Hoppen in den Fängen der Hexenjustiz

Am 16. Oktober 1656 — acht Jahre sind seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges verflossen — da wendet sich die Vidua Hoppen in einer Bittschrift an den Lippischen Landesherren. Es geht um ihr Sorgenkind Margaretha Catharina, das sich um diese Zeit in Detmold im sog. „Gasthaus“ — lies Gewahrsam — in der „Obhut“ eines besonderen Schulmeisters befand, der sie zusammen mit anderen dort eingelieferten Kindern durch tägliche Unterweisung, Singen und Beten aus den Banden des Teufels lösen und Gott wieder zuführen sollte. Wir erfahren aus der Eingabe, dass Margaretha Catharina schon länger in Detmold einsaß, bisher aber noch nicht frei zu bekommen war. Wie war es zu der Anklage wegen Zauberei gegen dieses Mädchen gekommen?

Hermannus Beschoren aus Lemgo ein sog. Teufelsknecht

Ein eigenartiges Schicksal hatte im Leben der Margaretha Catharina Hoppen mitgespielt. Es begann in jungen Jahren, als das Kind zusammen mit anderen Kindern nach Lemgo geschickt und zwecks Unterweisung auch einem Schulmeister zugeführt wurde, einem geheimnisumwitterten Manne, wie sich bald offenbaren sollte. Der Lemgoer Schulmeister hieß Hermannus Beschoren, der statt die Kinder zu Gott zu erziehen sich angeblich als des Teufels Werkzeug entpuppt hatte — wie die Lemgoer raunten — und dem man darum schon 1654 den Hexenprozess gemacht hatte. Es war damals die schlimmste Zeit der Lemgoer Hexenverfolgungen, in die unsere Margaretha Catharina hineingeraten war. Mit glühenden Zangen gefoltert, hatte Hermannus Beschoren bekannt, einer Reihe von 17 Knaben und Mädchen, darunter auch Margaretha Catharina Hoppen, das Zaubern und Hexen gelehrt zu haben. Eine schwere Denunziation und große Gefahr für Margaretha Catharina! Das sollte sich bald zeigen.

Burg Sternberg. Kupferstich von Elias van Lennep um 1663/66. Quelle: Heimatland Lippe

Burg Sternberg. Kupferstich von Elias van Lennep um 1663/66. Quelle: Heimatland Lippe

Margaretha Catharina wird Henrich Henkhausen in Detmold zugeführt

Kurz nachdem 1654 Hermannus Beschoren mit dem Schwert gerichtet und sein Körper verbrannt worden war, war auf Anordnung des Lippischen Grafen Herman Adolph unsere „beklaffte“ Margaretha Catharina Hoppen zusammen mit anderen Kindern eingezogen und nach Detmold ins „Gasthaus“ dem Schulmeister Henrich Henkhausen zugeführt worden, der nun in der Folgezeit durch seine Bekehrungsversuche die verführten Seelen wieder Gott zuführen sollte.

Erste Bittschrift an den Landesherrn bleibt ohne Erfolg

Die Witwe Hoppen, die inzwischen Hillentrup-Göttentrup verlassen hatte und auf Dinglinghausen wohnte, geriet in große wirtschaftliche und seelische Not. Hexenprozesse jener Zeit waren nicht umsonst, „wenn etwas Vermögen da war“ vonseiten der Angehörigen, das zu ergründen die gräflichen Beamten schon vorher sich angelegen sein ließen. Während die Rittmeisterswitwe ihre Tochter in Henrich Henkhausens Händen wußte, hatte sie inzwischen in Dinglinghausen für ihre übrigen Kinder einen Hauslehrer genommen, einen studiosum oder praezeptoren. Könnte der nicht auch ihre „verlorene“ Tochter betreuen? In ihrer Bittschrift an den Lippischen Landesherrn sucht sie Margaretha Catharina aus jenem „Gasthaus“ zu lösen mit dem Versprechen, der praeeeptore der anderen Kinder daheim werde auch Margaretha Catharina zur Gottesfurcht führen und sie selbst auch das arme Kind in Dinglinghausen daheim mit Hausarbeit in mütterlichen Fürsorge zu allem Guten beaufsichtigen. An ihr sollte es an nichts mangeln!

Eine neue Bittschrift an den lipp. Grafen am 13. April 1659

Hatte schon die erste Eingabe nach Detmold vom 16. Oktober 1656 erste Einblicke in das traurige Schicksal Margaretha Catharinas eröffnet, so blieb es jedoch in Detmold ohne Erfolg. Warum wohl? Wir können vorerst nur Vermutungen darüber anstellen. Erst 2Va Jahre später, am 13. April 1659, finden wir eine neue Bittschrift der Mutter. Aus dieser Petition geht hervor, dass sie schon viele Unkosten von dem Aufenthalt ihres Sorgenkindes in Detmold gehabt hat. Sie schreibt „aus einem elenden und über die Maßen traurigen Kreuzstand, darein sie wegen der vielen Kosten geraten und fleht demütiglich auf ihr schon oft erfolgloses Anhalten um eine gnädige Antwort“ Die Mutter unterschreibt mit Catharina Dinglinghausen, Witwe „Hoppsche“ Vermutlich ist sie wiederverheiratet und hat ihren Wohnsitz von Göttentrup nach Dinglinghausen verlegt.

Ein regulärer Hexenprozess spinnt sich am 3. Mai 1659 an

Die Eingabe der Witwe Hoppen hat auch diesmal keinen Erfolg gehabt. Anno 1659 leitet man gegen die unmündige Margaretha Catharina einen regulären Hexenprozess ein, hervorgerufen durch den 1654 in Lemgo hingerichteten Schulmeister Hermannus Beschoren, der unter der Folter unter den 17 damals „beklafften“ Kindern auch jenes Mägdlein als seine Zauberschülerin angegeben hatte. Der Peinliche Amtsankläger und Fiscalis trat nun in Aktion und reichte beim Halsgericht die „Articulierte Peinl. Anklage“ ein, das sog. „Libell“ Wir erfahren aus den Akten, dass der Freigraf Johan Friedrich Rüschen am 3. Mai 1659 ein Halsgericht geheget und gesponnen hatte. Der Fiscalis und Defensor waren zugegen. Margaretha Catharina wurde über alle 18 Punkte der Klagschrift vernommen. Alle Artikel wurden ihr vorgelesen, ihre kurze Antwort im Protokoll aufgeschrieben.

Margaretha Catharina seit 5 Jahren in Haft — im 16. Lebensjahr

Zu Beginn des Prozesses stand das angeklagte Mägdlein im 16. Lebensjahr und war bereits 5 Jahre im haftähnlichen „Gasthaus“ und dort den seelsorgerischen Einwirkungen des Schulmeisters Henrich Henkhausen ausgesetzt. Welche methodischen Wege dieser Seelenretter zur Ehre Gottes eingeschlagen haben mag, geht aus den Akten nicht hervor.

Die Anklageartikel. Der Fiscalis sucht M.C. als Teufelsschülerin abzustempeln

Wie in den meisten Hexenprozessen geht es auch hier um Teufelsbündnis, Erlernung der Zauberkunst, Satansbuhlschaft und Teilnahme an Hexentänzen. Der Vorwurf, im Dienste des Argen Menschen oder Vieh „vergeben“ zu haben, wird in diesem ersten „Libell“ noch nicht erhoben, aber dann doch später im Laufe der Responsion hineingebracht. Wessen wird Margaretha Catharina Hoppen im einzelnen angeklagt?
Artikel 1—4: Die Peinlich Angeklagte (P. A.) sei von Kindesbeinen an bis zu ihrem 11. Lebensjahr in Gottes Wort unterrichtet und habe gewusst, dass sie nicht in einen Bund mit dem Teufel treten dürfe. Das aber sei geschehen, und sie habe in diesem Teufelsbund verharret. Die Zauberei habe sie vor 6 Jahren bei dem später hingerichteten Zauberer Hermannus Beschoren erlernet, habe Gott ihren Schöpfer ableugnen und sich dem Satan zusagen müssen unter allerlei teuflischen Ceremonien. Das angeklagte Mädchen gibt diesen Abfall und die eigenartigen Ceremonien zu, stand M. C. nun doch schon eine geraume Zeit in Detmold unter dem Einfluss und in der Haft jenes dämonen- und zaubergläubigen Schulmeisters Henrich Henkhausen, inmitten eines ganz und gar vom Hexenwahn infizierten Milieus. Das sog. „Zaubermädchen“ gibt sein Verschulden zu, und der Protokollschreiber notiert kurz und lakonisch „affirmat“

Buhle, Weinkauf und Stigma. Magister Kemper

Unter Beschorens Einfluss soll sich M. C. in Lemgo zu einer Zauberin gewandelt haben. Margaretha Catharina gibt zu, von einem teuflischen Buhlen einen Weinkauf genommen und am Leibe ein Zeichen bekommen zu haben. Das Stigma sei ein weiß Stücke gewesen, in den Busen gestochen. Und wie sie es wieder herauslangen wollen, sei es ein Span gewesen. M. C. wird von den Hexenkommissaren gefragt, womit der Teufel ihr das Zeichen gemacht. Da antwortet das Mädchen, mit den Klauen der rechten Hand. Dieses Stigma habe ihr später der Pfarrherr Magister Kemper aus Lemgo mit einem Federmesser wieder weggekratzt. Bei diesem Pfarrherrn Kemper handelt es sich um den Vater jenes berühmten Japanreisenden und Forschers Engelbert Kämpfer (1651-1716), der seinerzeit Pfarrer an der Lemgoer Nikolaikirche war.

Nachttänze auf dem Markt in Lemgo Satanische Bankette

Artikel 7—9: M. C. wird in den weiteren Artikeln vorgehalten, sie habe alles geheim gehalten von ihrem Abfall, vor allem auch, dass sie vielmals auf teuflischen Nachttänzen sich habe finden lassen mit anderen wohlbekannten Personen, mit ihnen auf den satanischen Banketten essend und trinkend. Diese Vorwürfe gibt M. C. als wahr zu. Sowohl ihr Lehrmeister Hermanus Beschoren aus Lemgo als auch ihr Buhle hätten ihr verbeten, darüber zu reden. Ihr Buhle Hans sei mit ihr auf den Tänzen gewesen, wie oft, könne sie nicht sagen, habe es vergessen. Auf dem Markt in Lemgo wäre der Tanz gewesen, sie wisse aber nicht den modum, wie sie auf den Tanz gekommen sei. Bisweilen sei sie des Nachts erwacht und habe sich mit dem Buhlen auf dem Tanze befunden, essend und trinkend, wäre aber nicht satt geworden.
Wie die Peinlich Angeklagte in die Hände der Hexeninquisitoren geraten ist, offenbart Artikel 9: „Durch ihres Lehrmeisters Hermannus Beschoren in und außer der Tortur und mit seinem Tode bekräftigten Bekenntnis sei es offenbar worden, dass M. C. das Zaubern durch ihn erlernet.“ Das angeklagte Mädchen sagt aus, wie ihr Schulmeister Hermannus Beschoren in Lemgo wäre angegriffen („mit feurigen Zangen“), da wäre sie von ihrer Schwester, der Sellischen zu Lemgom durch den Leutnant von Hilverndorff nach Lemgo gefordert worden.
Artikel 10—14: zeigen, wie sehr die Seuche des Hexenwahns viele Kreise in jener dunklen Zeit erfasst hatte und wie Landesherrschaft und Kirche bemüht waren, die Seelen aus den Händen des Satans zu befreien und welche eigentümlichen Wege sie dabei einschlugen. Ehrn Magister Kemper zu Lemgo hat Margaretha Catharina auch zur Rede gestellt, und sie hat ihm ihren Lehrmeister genannt und „weitere umständliche Bekenntnisse getan“ Aus Landesobrigkeitlicher Fürsorge nach Detmold gebracht, ist M. C. dort Schulmeister Henrich Henkhausen zu ihrer weiteren Bekehrung übergeben und mit anderen gleichfalls verführten Knaben und Mädchen zusammengetan. Schon 5 Jahre dort, hat Margaretha Catharina wiederholt Reue und Leidwesen gezeigt und ist auch zum Hochheiligen Abendmahl gegangen.

Margaretha Catharina trifft mit Niedermeyers Sohne und llsabeen Schmitts zusammen

Hier aber in Detmold ist es geschehen, dass M. C. mit den ohnlängst mit ihnen verführten Knaben Christian und Bartholden Gebrüder Niedermeyern von Lueokhausen und mit dem Mädchen Elisabeth Schmitts von Ufflen zusammengetroffen und sich heimlich vereinbart, sie wollten alle ihre dem Pastori zu Lemgo und allhier zum öfteren wiederholten Bekenntnisse wieder ableugnen „listiglich“ Im Protokoll steht bei den §§ 10—14 immer „affirmat“ = gibt zu, ja. Nur bei Artikel 15 ergänzt M.C.: „solchen Vorschlag zu leugnen, habe fürs erste Ilsaben Schmitts von Ufflen getan“ Reu und Besserung haben bei dem „Zaubermägdlein“ nicht lange vorgehalten. Im Libell heißt es, dass Peinlich Angeklagte durch fleißiges Ermahnen und Erinnern wiederum zwaren zur Erkenntnis gebracht, auch das Heil. Abendmahl gebraucht, aber es sei auch wahr, daß noch kürzlich P. A. wieder auf den Hexentänzen gewesen sei, so formuliert der Fiscalis. Darüber sei ein ärgerlich Gespräch und Rede entstanden. Margaretha Catharina aber bestreitet, „solang sie allhie zu Detmold im „Gasthaus“ gewesen, auf den Hexentänzen gewesen zu sein“ M. C. ist jetzt Anfang 16.

Vom Gasthaus ins Gefängnis. Der Fiscalis fordert die Tortur

Auf Grund der Anklagematerie fordert der Amtsankläger, M. C. ins Gefängnis zu überführen „zu wohlverdienter Strafe und anderen zum abscheulichen Exempel und zur Verhütung weiteren größeren Unheils. (!) Und da P.A. sich unverhofft weiter aufs Leugnen legen solle, alsdann dieselbe mit scharfer peinlicher Frage anzugreifen“, d. h. die Tortur anzuwenden. — Der Verteidiger bittet, „nicht nach der Schärfe der Rechten, sondern clementer zu verfahren“ Das Gericht beschließt, den Defensor Remmihghausen der P. A. Margaretha Catharina „zum curatore ad litem“ zu verordnen. Beiden Seiten wird aller Handlung Abschrift zuerkannt und dem von Amts wegen bestellten Verteidiger aufgegeben, innerhalb von 8 Tagen seijie „Notturfft“ einzubringen, dem Fiscalis aber geboten, die Anklage weiter zu beweisen. Das angeklagte Mädchen aber wird „zu voriger custodi hiemit verwiesen“

Erweiterung der Anklage auf Zauberschaden

Ein ins Protokoll gehefteter Zettel liegt in den Criminalakten, der darlegen soll, dass M. C. bei der Abhörung der Fiscalanklage bekannt habe, sie habe von ihrem Buhlen „schwarz Zeug“ empfangen, womit sie ihre Mutter habe vergiften sollen, hätte es aber nicht getan. Ein schwerer Vorwurf. Woher mag dieser Punkt plötzlich auftauchen? Acht Tage später, am 11. Mai 1659, reicht der Ankläger eine weitere Beweisschrift beim Peinl. Halsgericht ein. Er weist darauf hin, daß das angeklagte Mägdlein nichts von der bisherigen Anklagematerie geleugnet und schon im 11. Lebensjahre mit dem Teufel ein Bündnis (nach unseren Akten Anno 1651) geschlossen und darin bis zu ihrem 14. Lebensjahre „verharret“ habe, als ihr Lehrmeister Hermannus Beschoren in Lemgo eingezogen sei. Margaretha Catharina habe sich nicht nur auf den Teufelstänzen finden lassen, sondern auch „schwarz Zeug“ (Gift) angenommen, um ihre Mutter damit zu vergiften. Dieser Anklagepunkt ist neu. Sie habe auch einen Teufelsbuhlen gehabt und damit vermutlich Schande getrieben. Zwar habe sie diese Verbrechen „in anno pubertati“ begangen, aber eine Besserung sei nicht anzunehmen, da sie mit den übrigen wegen Hexerei nach Detmold eingezogenen Knaben und Mädchen sich verabredet, ihre frühgetanen Bekenntnisse abzuleugnen und zu verdrehen.“ Nicht einmal das exemplum des vor diesem hingerichteten Knaben sei ihr zu Herzen gegangen, derowegen schwerlichen eine beständige correctio zu hoffen.“ Deshalb bittet der Ankläger, das Mädchen auf Grund der Constitutio Carolinae (C.C.C.) nach vorgegangener „scharfer Frage“ (Tortur) abzustrafen.

Der Defensor versucht eine eingehende und umfangreiche Verteidigung

Nach der Fiscalanklage reicht 2 Tage später, am 13. Mai 1659, der Verteidiger Remminghausen seine „Articuli Defensionalis“ ein. 38 Punkte umfasst die Schrift des Curators. Er wagt zwar keinen Generalangriff gegen den Hexenglauben allgemein. Es wäre sicher zu gefährlich gewesen, die Unmöglichkeit und den Nonsens der Zauberei zu beweisen, vielleicht mag auch der Defensor selbst vom Hexenwahn infiziert gewesen sein. Die Defensionalschrift aber sucht alles für seine Mandantin M. C. sprechende Gute herauszustellen, was er dem Ersuchen des Fiscalis nach der „tortura ad eruendam veritatem“ entgegenzustellen hat: Das Mädchen sei von frommen Eltern gezeugt, der Vater sei verstorben, die Mutter aber noch am Leben. Sie müsse mit großer Herzkränkung diesem Elende zusehen. Sie habe das Mädchen im 7. Lebensjahre nach Lemgo zu dem Schulmeister Hermannus Beschoren zur Schule gesandt. Beschoren sei dem Kinde nahe verwandt gewesen und habe es für sein Kind angenommen, da er mit seiner Frau keine Kinder gehabt. Er habe der P. A. Margaretha Catharina „post obitum seine Güter versprochen“

Der Verteidiger lädt alle Schuld auf Hermannus Beschoren

In den Artikeln 5 16 seiner Verteidigungsschrift lässt der Defensor so recht die Zügel schießen und lädt viele Schuld auf Hermannus Beschoren, der ja 1654 verbrannt wurde und nun nicht mehr zeugen konnte. Dieser »verfluchte Schelmen- und Teufelsknecht habe Margaretha Catharina seturirt und elendiglich verführt«. Einstmals habe Beschoren sogar das Kind zwischen seine Beine genommen – salva venia – und ihm das Haar gestrichen und dabei gesagt: »Margaretgen, du mußt itzund wacker sein, morgen wirst du eine Braut werden!«. Seine Frau, »des Hexenschelms Weib« habe diese Worte auf der Deel gehört, darauf die Hände geschlagen und zu ihrem Manne gesagt: »Ach, Hermannus, tuet es doch nicht!« Er aber habe sich nicht daran gekehrt und zu seinem Weib gesagt: »Was geht euch das an! Laßt mich mit dem Kinde zufrieden!« – Des andern Tages habe er das Kind wieder zu sich genommen und ein »Teutsche Vorschrift« abzuschreiben vorgelegt. Das Mädchen habe es allein nicht können, aber der gottlose Bösewicht habe dem Kinde die Feder geführet. Das Weib Beschorens sei darüber in die Stube gekommen.

Margaretha Catharina bekommt einen Bräutigam und ein Hexenstigma

Danach sei der böse Feind in Gestalt eines Knaben dem Mädchen erschienen, mit einer roten Scharlaken Hose und einem Hut mit Federn bekleidet. Auf Antrieb des verfluchten Schulmeisters habe das Kind dem bösen Feinde als seinem Bräutigam die Hand geben müssen. Der böse Geist habe dem armen unmündigen Kind in der rechten Hand »ein Stigma oder Mal« gegeben. Dies sei zwar alles so gewesen, schreibt der Defensor, aber Margaretha Catharina habe das nicht alles verstanden, was mit ihm vorgenommen wurde, es sei »nicht tolipax gewesen«, nicht ganz bei Sinnen gewesen.

Das Zaubermädchen in landesobrigkeitlicher Fürsorge in Detmold

Nachdem Margaretha Catharina im Hause Beschorens in Lemgo in den Verdacht der Zauberei geraten und Hermannus sie in der »Urgicht« zusammen mit anderen als seine Zauberschülerin denunziert hatte, habe die Hohe Landesobrigkeit sich »ihrer angenommen« und für sie wie für andere verführte Kinder in Detmold »bei die 5 Jahr im Gasthaus einen Schulmeister namens Henrich Henkhausen bestellt, sie durch Information aus des Teufels Banden loszumachen«

Barbarischer geist und Empfehlungen zweier Hexenrichter. Quelle: Heimatland Lippe

Gott sei Dank, er habe auch Erfolg gehabt, durch die Regierung des Heiligen Geistes sei bewirkt worden, dass das Zaubermägdlein nunmehr neben anderen Kindern vom Teufel unangefochten blieb. Noch neulich habe der Schulmeister Henrich Henkhausen mit M. C. und anderen Kindern wieder zum Tisch des Herrn gehen wollen, aber der Herr Superintendent habe geraten zu warten, bis insgesamt alle Kinder mitgehen könnten. (§12-24). In einem gewissen Überschwang führt der Defensor alles für Margaretha Catharina Sprechende auf: »Gibt es ein sicheres Zeichen, dass sich der liebe Gott des armen Mädchens wieder in Gnaden angenommen und über ihm seine gnädige Erbarmungshand gehalten habe, indem der Herr Magister Kemper in Lemgo das Stigma mit einem Federmesser wieder ausgekratzt habe, also dass diese Stelle nicht mehr zu erkennen ist?« Und weiter, das Mädchen habe sich der Gnade Gottes gänzlich versichert, habe es doch seiner lieben Mutter »einen gar beweglichen beständigen Brief geschrieben, worin sie die Gnade und ihre Bekehrung innerlich rühmt«. Niemand könne ohne Rührung und Tränen diesen Brief lesen. (§ 27 des Def.) Nun sei zwar wahr, dass die Angeklagte beschuldigt werde, sie habe mit den anderen Kindern davon gehen wollen und habe sich wieder auf den Hexentänzen sehen lassen. Alles unwahr, schreibt der Verteidiger. Als Margaretha Catharina mit anderen Kindern habe spielen wollen, sei des Schulmeisters Weib in Detmold dazu gekommen und habe gesagt: »Wenn ihr wüsstet, was ich weiß, würdet ihr nicht spielen, sondern vielmehr weinen!« Dadurch seien die Kinder in große Angst geraten, meinend, sie sollten bald hingerichtet werden. (§ 31/32).
Als der Prozeß gegen Margaretha Catharina Hoppen geführt wurde, befand sich unter den in Detmold einsitzenden zauberverdächtigen Kindern auch die zauberverdächtige Trieneke Wehrmanns aus Meierberg. Auch gegen die erst neunjährige Trieneke wurde ein Zauberprozess eingeleitet. (Crim. Akt. W. 20). Unter den Akten befindet sich ein Gutachten der Hexenkommissare Dr. Barckhausen und Henr. Herrn. Erp Brockhausen. Die Empfehlungen dieser beiden Hexenrichter zeigen den ganzen Barbarismus jener dunklen Zeit. Es ist möglich, dass Henkhausens Weib den Geist und die Vorschläge dieser beiden Gerichtsherren erfahren und ihr Wissen um das mögliche Schicksal an die erschreckten Kinder weitergeleitet hatte.

Wieder Suggestivfragen! »Interrogatoria«. M. C. krank an Blattern

Weiter weist der Verteidiger darauf hin (§ 33/34), dass die P. A., als sie vom Peinlichen Gerichtsverhör zurückgekommen sei, zu ihrem praeceptore Henkhausen gesagt habe: »Ach Gott, ach Gott, wie kann sich ein Mensch mit seinem Munde so leicht ins Unglück bringen! Ich habe vor diesen Herren soviel geredet, deswegen muss ich anitzo den Tod erleiden! Jedoch rufe ich Gott zum Zeugen an, dass mir ein solches abgefragt worden ist, ich habe etwas sagen müssen!« Wir lesen hier, dass das angeklagte Zaubermädchen durch Suggestivfragen bedrängt wurde, daher auch die fast alle gleichlautenden Antworten in den lippischen Hexenprozessen, sowohl im Inhalt als auch in der Form. Bei unserer Margaretha Catharina kam noch etwas anderes dazu. »Gott im Himmel möge sich ihrer erbarmen«, klagt M. C., sie müsse krank im Gefängnis liegen und würde von den »Blättern« heimgesucht, und müsse nun damit rechnen, dass man ihr den Peinlichen Prozess mache. Darüber müsse sie sich vor dem Angesichte Gottes und dessen strengen Gericht beklagen.« – Im letzten Artikel weist der Defensor darauf hin, dass der Schulmeister Henrich Henkhausen in Detmold eigentlich selbst für das angeklagte Kind zeugen müsse. »Ihm müsse doch noch wissend sein, dass M. C. alle Nacht, da die teuflischen Tänze sollten exerzieret werden, wäre wacker (standhaft) gewesen, hätte fleißig gesungen und gebetet, wäre daheim gewesen und hätte auch auf Anrufung gedachten praeceptoris allemal des Nachts geantwortet.«

Trotz eines für M. C. entlastenden Gutachtens die Universität Helmstädt bleibt die Angeklagte in Haft!

Nach den 38 Artikeln seiner Verteidigungsschrift bittet der Defensor, »Gnade walten zu lassen« und das arme, nunmehr gottlob zur Buße gebrachte Kind der schweren Haft zu entledigen, nach Inhalt des Helmstädtischen Responsi. Inzwischen wurde nämlich von der Universität Helmstädt ein Gutachten eingeholt. (Das Universitäts-Responsum wurde nicht im Crim. Proz. HI 11 gefunden, es liegt in den Prozessen, die gleichzeitig gegen die auch in Detmold einsitzenden zauberverdächtigen Kinder Elisabeth Schmitt aus Uflen und die beiden Söhne des Niedermeyers zu Lueckhausen geführt wurden).

Eine neue Remonstration des Fiscalis

Aber weder die eingehende Defensionalschrift des Curators Remminghausen noch der Hinweis auf das die P. A. entlastende Gutachten der Uni. Helmstädt führte zur Entlassung des armen Mädchens. Am 19. Mai 1659 reicht der Amtsankläger eine neue Remonstration ein, die nochmals so recht dartut, wie dämonen- und zaubergläubig der Fiscalis ist. Er wiederholt das uns schon bekannte Anklagematerial aus dem großen »Li-bell«. Wieder hören wir, dass das Kind schon im 7. Jahr bei dem Teufelslehrmeister Beschoren in Lemgo verführt worden sei etc. Die Stigma-Geschichte. Von Freunden habe sich das Zaubermädchen bewegen lassen, sich von Ehrn Magister Kempern examinieren zu lassen. Das nachgeschriebene Chirogramm sei der P. A. sicher von Teufel gestellt und bei ihm verblieben. Der Lehrmeister habe auch einige verdächtige praeparatoria und instigatoria gebraucht bei der Besprechung des Bräutigams. Frau Beschoren, des Schulmeisters Weib, sei auch eine Hexe gewesen. Margaretha Catharinas Buße sei nur eine Scheinbuße gewesen.
Der Fiscalis will das Zaubermädchen unbedingt auf die Folter bringen. Selbst wenn M. C. Reu und Buße beständig zeige, könne man sie nicht von »zeitlicher Strafe« befreien. Es ist die Sprache der Hexeninquisition, höchster Unduldsamkeit und Grausamkeit. Die Hexenkommissare verfolgen angeblich den Teufel, sind aber im höchsten Grade von ihm selbst besessen, wenn wir in des Fiscalis »Remonstration« lesen: »DieP. A. habe sich der Zeit der Gnaden, welche ihr von dem langmütigen Gott und der Hohen Obrigkeit zur Buße gegönnet, mit großem Dank zu erkennen, nunmehr aber müsse sie durch das wohlverdiente Urteil zur ewigen Sicherheit für (vor) dem bösen Feinde gebracht werden.« Aus diesen Worten spricht die satanische Welt des Hexeninquisitors, der auf Tortur plädiert, »ad eruendos socios«.

Zeuge Ehrn Johan Henrich Stöcker

Noch jüngsthin sei das angeklagte Zaubermädchen auf den Hexentänzen gewesen, führt der Ankläger aus und führt in seine Anklageschrift einen Zeugen ein. Viele Bekenntnisse wurden damals vor dem Geistlichen aufgenommen, der dann später, wenn nötig, als Zeuge auftrat. So auch hier: Am 8. Mai 1659 bezeugt schriftlich Johan Henrich Stöckern aus Detmold: »Uf Erfordern des Peinl. Gerichts berichte ich endtbenendter Pfarrherr allhie zu Detmold, dass das »Metgen von Sternberg« mir bekanndt habe, dass es nebenst allen den anderen im Gasthaus befindlichen Mädgens und Knaben ohnlängst auffeinem Hexentantze wieder geweßen und sich sehen lassen, der Tantz auch in einem vor der Lemgoischen Pforte bundt gemalten Hauße gehalten worden. J. H. St.« Gibt es ein erschütternderes Zeugenbekenntnis? Teufels- und Dämonenglaube waren eben weithin landauf landab verbreitet.

Die Prozessakten werden zur Universität Rinteln versandt

Es scheint so, als sei man mit dem für die P. A. günstigen Responsum der Universität Helmstädt nicht einverstanden und zufrieden gewesen, das auf Freilassung der M. C. plädiert hatte.

Pfarrherr Johan Henrich Stöcker bezeugt, daß M. C. vor ihm bekannt, sie sei auf dem Hexentanz vor der lemgoischen Pforte gewesen. Quelle: Heimatland Lippe

Ehe der Landesherr – und nur er konnte das Urteil fällen ein Urteil fällt, beschließt das Peinl. Gericht: »Es sollen förderlichst die Akta inrotuliret und nach Richtigkeit der Sachen zugleich an eine Theologische und Juristische Facultät zu Einholung eines rechtlichen responsi verschickt werden.« Das geschah am 19. Mai 1659. Man wendet sich diesmal an Rinteln. Am 9. Juni 1659 geht das Gutachten der Universität ein, das auf vier zur Zauberei verführte Kinder bezug nimmt: 1. Hermann Christopher und 2. Bartholden des Nieder Meiers Söhne zu Lückhausen, 3. Catharinen Margaretha Hoppen und 4. Ilsaben Schmitts aus Salzuflen. Eine Copia des Responsums liegt auch unserem Prozess bei.

Urteil und Begründung des Gutachtens der Universität Rinteln

Beide Facultäten Rintelns haben »collegialiter woll erwogen und befunden, dass des Fiscal. Ersuchen noch zur Zeit nicht zu »teferiren« (stattzugeben) sei«. Warum? »Die Kinder seien von ihrem Praezeptore und Lehrmeister so jämmerlich verführet. Die Kinder verwenden zu ihrer Entschuldigung, dass sie durch harte Worte der Schulmeisterin geschrecket worden. Seien dazu in schlechtem Gefängnis verwahrt und hätten ihre vorher getanen Bekenntnisse widerrufen. Das Zaubermägdlein von Sternberg – hier im Gutachten Rinteln so benannt und vom Chronisten darum als Überschrift genommen – bezeugt, dass sie die peinlich beklagten Kinder auf keinen Hexentänzen gesehen habe. Auf Eingeben des bösen Feindes habe die P. A. Margaretha Catharina Hoppen die Unwahrheit berichtet und zuletzt dieses beständig ausgesagt. Darum seien peinl. angeklagte Kinder 1. der Haft zu erlassen, 2. voriger custodi und information noch eine Zeitlang zu untergeben, 3. dem praeceptori daneben zu befehlen, dass er mit ihnen des öfteren inbrünstig bete und singe, sie ferner fleißig unterrichte und examinire, 4. auf ihre Geberden und Verhältnisse und sonderlich, ob auch einige Merkzeichen einer ernsten Reue und künftiger Beständigkeit sich bei ihnen spüren lasse, genaue acht habe. – »Wirdt sich alßdan mit der Zeit außfindig machen, waß der Barmherzige Gott zu Bekehrung der armen Kinder vor ferner Gedeyen und gnädige Rettung verleihen wolle«.
Aber das Peinl. Gericht in Detmold folgt nicht den Empfehlungen »Decani Seniores und anderer Doctores der Theologischen und Juristischen Facultät Rintelns«. Auf Befehl des Lipp. Landesherren werden die Criminalakten nochmals verschickt, und zwar diesmal an die Universität Marburg.

Was sagt die Universität Marburg zur Anklage der Zauberei

Unserem Prozess gegen P. A. Margaretha Catharina Hoppen liegt eine Abschrift bei. Das Original befindet sich im Crim. Proz. gegen Elisabeth Schmitts aus Salzuflen. Am 12. Juli 1659 antwortete Marburg: »Unser geistl. und rechtliches Bedenken betr. ., Berichten wir darauf zu recht, dass so viel Herman Christoffeln und Bartoldten und Margarethen Catharinen betrifft.

selbige von der ordentlichen Strafe Zauberei betr. zu absolviren und zu entledigen,
jedoch wegen bekannter excessen im Gefängnis mit Ruthen ziemblichermaßen zu streichen und
nach ausgestandener Strafe zu erinnern, sich hinfüre für dergleichen zu hüten, ernstlich und
mit Bedrohung einer noch viel schärferen Strafe an Leib und Leben,
sodann bei gute, ehrliche und fromme Leute zu bringen, und nicht allein in der Gottesfurcht mit Beten, Singen
und anderen geistlichen Übungen nach wie vor fleißig zu unterrichten
und auf alles ihr Tun und Wesen sorgfältig und genaue Achtung zu geben und
das übrige Gott und der Zeit zu befehlen sei«
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Durchführung des Urteils durch Schulmeister Henrich Henckhausen

Die von Marburg gutachtlich anheimgege­bene Bestrafung der Maleficantin M. C. H. mittels Rutenstreichen wird am 24. Septem­ber 1659 ausgeführt, nachdem der Landes­herr das Responsum anerkannt und dem Secretarius Haken der Kanzlei dazu Befehl er­teilt hat. Des Peinl. Gerichts Commissarius und Assessor H. Henrich Erp Brockhausen sowie der Detmolder Amtmann H. Simon Herman Capellen werden beauftragt, die Execution durchführen zu lassen und begeben sich dazu ins sog. »Gasthaus«. Hier erfolgt die Auspeitschung der Zauberei halber inhaf­tierten Kinder Hermann Christopher und Bartolden, des Niedermeyers Söhne aus Lueckhausen, sowie unserer Margarethen Ca­tharinen Hoppen. Die Durchführung der Strafe erfolgt durch den Schulmeister Hen­rich Henckhausen. Nach ausgestandener Strafe ist P. A. M. C. erinnert, sich hinfüre dergleichen Excessen zu hüten ernstlich und mit Bedrohung einer noch viel schärferen Strafe an Leib und Leben. Und weil von ih­ren Verwandten »uff geschehne Denunciation (Anzeige, Nachricht) an heut neinmandt erschienen, ist P. A. wiederum dem Schulmeister anvertrawet und befohlen wor­den«.

Margaretha Catharina Hoppen wird von ihrer Halbschwester Arndt Sehligens in Lemgo am 26. Septembris 1659 aus Detmold abgeholt!

Von des Dramas letzten Teil berichtet das folgende Protokoll: »Den 26. September 1659«, also 2 Tage nach der körperlichen Be­strafung, »Als der Herr Commissarius Erpp Brockhausen nicht bey Hauß, sondern ver­reiset und dann dato der P. A. Catharinen Margareten Hoppen Halbschwester, Arndt Sehligens in Lemgo Fraw erschienen, so ist derselbe uff ob angezogene Commission von dem Ambtman alhie Simon Herman Capel­len die P. A. anbefohlen worden, mit dem Andeuten, dass ged. Sehligsche, ihre Halb­schwester, die P. A. zu weiterer Gottes­furcht als Beten, Singen und anderen geistlichen Übungen mit allem Fleiß ermahnen und sonsten uff alles uhr Thun und Wesen sorgfältige und genawe Achtung geben soll­ten. Deme sie dann also nach Möglichkeit nachzukommen gelobet und dan P. A. dar­auf dimittiret worden.«

In diesem Hause in Göttentrup verlebte Margaretha Catharina ihre Kindheit. Quelle: Heimatland Lippe

Rückblick auf das Schicksal Margaretha Catharina Hoppens

So nahm der Hexenprozeß gegen die Tochter des Rittmeisters Margareten Cathe­rinen Hoppen, mit anderen Criminalprozessen verglichen, noch einen gelinden Aus­gang. Aber es war doch das tragische Schick­sal eines zu Prozessbeginn noch ganz unmün­digen Kindes: Zunächst vom Schulmeister Hermannus Beschoren an Kindesstatt ange­nommen. Als dieser als sog. Hexenmeister verhaftet, gefoltert und hingerichtet wurde, geriet auch M. C. in den Verdacht der Zaube­rei, wurde in der Folter und Urgicht von Beschoren zusammen mit 17 anderen Kindern beklafft und denunziert und noch im glei­chen Jahr aus Landesobrigkeitlicher Fürsor­ge von Lemgo nach Detmold ins »Gasthaus« überführt, eine Art Sonderhaft zur Umerzie­hung, mit geistlichen Übungen permanent traktiert, allzeit beargwöhnt in einem Zauber- und hexengläubigen Milieu, aus dem sich dann 1659 ein regulärer Hexenprozess gegen dieses »Zaubermägdlein« entwickelt. Viele Versuche der armen Rittmeisterswit­we, Margaretha Catharina aus Detmold frei­zubekommen, schlugen fehl. Das Peinl. Gericht suchte das peinlich angeklagte Mädchen als Zauberin und Hexe abzustempeln und auf die Folter zu bringen. Die Theologischen und Juristischen Facultäten, dreier Universi­täten wurden bemüht, Helmstädt, Rinteln und Marburg, um die Peinlich Angeklagte aktenmäßig zu durchleuchten und zu begut­achten. Erst nach dem letzten Responsum der Universität Marburg traten Landesherr und Peinl. Criminalgericht jenem Gutachten bei und gaben sich zufrieden damit, daß P. A. M. C. zwar freigelassen, aber mit Ruten »ziemlichermaßen« gestrichen würde, eine Execution, die dann auch im Gefängnis bar­barisch von dem als Büttel fungierenden Schulmeister Henrich Henkhausen durchge­führt wurde. Mit dem schändlichen Rufe ei­nes »Zaubermägdleins von Sternberg« – so in den Gutachten der Rintelner und Marburger Universität genannt – kehrte Margaretha Catharina in die Freiheit nach Lemgo zwar zu­rück ins Haus der Halbschwester, aber mit der Auflage, weiterer Beargwohnung durch Verwandte ausgesetzt zu sein, deren Rolle in diesem Prozess ungeklärt bleibt.
Mit innerer Bewegung nur kann man diese Prozessakten gegen unschuldige Kinderlesen und Einblick gewinnen in jene dunkelste Periode heimatlicher Geschichte aus den er­sten Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Kriege.

Quelle: Heimatland Lippe Kriminalgerichtsakten des Staatsarchiv Detmold, Signatur 86, H. II Zeit: 16. 10. 1956 16.9. 1959, von Louis Knese