David Welmann

Johann Geiler von Kaysersberg 1516, Von den Unholden und von den Hexen

Hofapotheker in Detmold, Ratsapotheker in Lemgo, geb. 1595, 1669 als Zauberer hingerichtet

David Welmann wurde im Jahre 1595 in Lemgo als dritter Sohn eines Glasers geboren. Ausgebildet für seinen späteren Beruf wurde er von dem Lemgoer Apo­theker Wolrad Ferber, der offenbar ein ungewöhnlich gelehrter Mann war, wid­mete ihm doch der damalige Rektor der Lateinschule und spätere Theologieprofes­sor Joh. Gisenius eine Dissertation.
In der Grafschaft Lippe gab es bis da­hin nur die Apotheke in Lemgo, der weit­aus größten Stadt des Landes. Da beschloss im Jahre 1620 der regierende Graf Si­mon VIL, auch in Detmold eine Apotheke zu errichten. Inhaber dieser „Hof­apotheke“ wurde David Welmann. Der Landesherr schoss ihm das dazu nötige Geld vor und verlieh ihm neben anderen Vergünstigungen die Freiheit von allen städtischen Lasten. Welmann, der inzwi­schen geheiratet hatte, zog nun nach Det­mold und versah die Apotheke mit den erforderlichen „instrumentis pharmaceuticis“ und schaffte „gute zur Arznei taug­liche Sachen“ an, die in jener Zeit vor­nehmlich dem Mineral-, dem Pflanzen-und dem Tierreich entnommen wurden. Chemikalien als Arzneimittel kamen im 17 Jahrhundert erst allmählich auf. Wel­mann scheint die ausländischen Drogen, die als besonders heilkräftig geschätzt wurden, aus Frankfurt und Hamburg be­zogen zu haben. Die in der Heimat wach­senden sammelte er selbst.
Im Jahre 1621 ergriff der Krieg, der 30 Jahre lang dauern sollte, auch die lip­pische Grafschaft. Das Geld wurde knapp, und der Detmolder Magistrat zog den Apotheker trotz der vom Landesherrn ihm zugesicherten Immunität zu den städ­tischen Lasten heran. Als Welmann sich auf die ihm verliehene Immunität berief und die Zahlung verweigerte, pfändete der Magistrat ihm die Destilliergeräte. Darüber beschwerte sich im Jahre 1624 der Apotheker beim Grafen. „Man ist mir und zwar in mein abwesendt mit Ge­walt und unerhörter Sachen in die Apo­theke gefallen und sind mir meine Instru­menta pharmaceutica und speziell mein Destillierkolben unter dem Schein der Pfändung entwendet und hinterhalten, und also meine officia, dadurch doch dem gemeinen Nutzen gedient wird, unerhör­terweise gehemmt worden.“
Die Regierung entschied, der Magistrat solle dem Apotheker seine Freiheit lassen. Nach dem Tode des Grafen wandte auch sein Nachfolger Simon Ludwig der Hof­apotheke seine Fürsorge zu und stellte 1633 „seinem ehrbaren und erfahrenen Unterthan und lieben getreuen“ David Welmann einen Privilegienbrief aus.
Die finanziellen Verhältnisse des Apo­thekers müssen nicht schlecht gewesen sein. Er hatte in Detmold ein Haus er­worben und konnte sich im Jahre 1626 auch in Lemgo eins kaufen. Aber die Kriegszeiten wurden immer schlechter, und der Betrieb der Hofapotheke in der we­nig bevölkerten Residenz brachte immer weniger ein, und als im Jahre 1633 der Lemgoer Apotheker Ferber gestorben war, pachtete Welmann mit landesherrlicher Genehmigung die Lemgoer Ratsapotheke, zunächst für drei Jahre, und siedelte nach Lemgo über. Die Detmolder Apotheke wurde auf Welmanns Rechnung von einem „wohlqualifizierten Gesellen“ versehen.
Welmann hätte besser daran getan, die Stadt zu meiden, in deren Mauern der Teufelsglaube und die Hexenverfolgung grauenhafte Triumphe feierte — auch mit­ten im Kriege, der ohnehin der als Festung von beiden Parteien umkämpften Stadt maßlose Leiden brachte. Der Apo­theker war über den ebenso dummen wie grausamen Teufelsaberglauben erhaben, und er hat aus seiner Auffassung wohl auch kein Hehl gemacht. Das war ge­fährlich. In anonymen Briefen und Schmähschriften wurde er der Zauberei verdächtigt, doch blieb er einstweilen un­angetastet. Er versah Ehrenämter, als Deche des Krameramts und als Vormund verwaister Kinder. Seine Töchter machten gute Heiraten, die eine mit dem Subkonrektor Gerhard Möller, die andere mit dem Detmolder Apotheker Albert Busche. Vielleicht war das jener „wohlqualifizierte Geselle“
Welmann konnte die Pacht für die Rats­apotheke nicht mehr aufbringen. Der Rat verpachtete sie im Jahre 1653 an den Apotheker Joh. Limbach. Es scheint so, als habe Welmann seinem Nachfolger zu­nächst beigestanden, denn Anfang 1654 meldet das Senatsprotokoll: „David Wel­mann und sein Schwiegersohn Albert Bu­sche sollen sich der Apothekengeschäfte enthalten“ Warum dies Verbot? Wahr­scheinlich, weil in der Stadt wieder ein­mal ein böses Gerücht über den Apotheker umging. Denn in diesem Jahre 1654 nah­men die „Herrn von Lemgo“, an ihrer Spitze der fanatische Bürgermeister Dr. Kerkmann, die Hexenjagd wieder auf, und sie brachten in drei Jahren 28 Frauen und Männer zur Strecke. Dem neuen Apotheker Limbach wurde es unheimlich in solcher Atmosphäre. Er zog nach Detmold und gründete dort eine zweite Apotheke. Sein Nachfolger als Lemgoer Ratsapotheker wurde 1655 Henrich Henrichsen.
Welmann verlor im gleichen Jahre auch seine Detmolder Hofapotheke. Er hatte, um seine Existenz ringend, öfter Geld aufnehmen müssen und war tief in Schulden geraten. Von dem Hofmedikus Dr. Dreckmeier hatte er 200 Thaler geliehen und ihm als Sicherheit sein Haus nebst der Apotheken-Einrichtung verschrieben. Da er die Schuld nicht abtragen konnte, verlor er beides. Als Dreckmeier im folgenden Jahre starb, trat Welmann wieder in die Hofapotheke ein, nunmehr als Pro­visor, und führte sie für Dreckmeiers Er­ben ois 1660 weiter. Er muß dann irgend­wann wieder nach Lemgo übergesiedelt sein. Wir haben keine Nachricht darüber. Erst Jahre später, 1669 — er war damals schon ein alter Mann von 74 Jahren — begegnet uns sein Name wieder — in den Akten der Lemgoer Hexenprozesse.
Im Jahre 1665 brach nach neunjähriger Pause die Hexenverfolgung in Lemgo von neuem aus. Nachdem in diesem Jahre von den vier Bürgermeistern drei — darunter Dr. Kerkmann — gestorben und einer, der besonnene Kleinsorge, nicht wieder gewählt war, wurde Hermann Cothmann, 37jährig, von beiden Räten erst zum Direktor des peinlichen Gerichts und im folgenden Jahre auch zum Regierenden Bürgermeister gewählt. Er lebt im Volks­munde als „Hexenbürgermeister“ fort. Sein von Hermann Kruwel im Jahre 1571 er­bautes Haus, der prächtigste Renaissance­bau der Stadt, ist heute Heimatmuseum. Die verblendeten Bürger hatten diesem macht- und geldgierigen Manne mit sei­nem Amte tatsächlich die Macht über Le­ben und Tod seiner Mitbürger gegeben. Denn jeder, gegen den er einen Zauber­prozeß eröffnete, war verloren. Seine Helfershelfer waren vornehmlich der Sie­gelherr Kuckuck und der alte Sekretär Berner. „Diese Männer“ — so heißt es in einer spätem Feststellung des Reichskam­mergerichts — „taten, was sie wollten, denn sie waren Kommissare und Magi­strat, Brandmeister, Ankläger, Richter und Henker zugleich, und brauchten keine Verantwortung ihrer Proceduren zu geben.“
Da die gräfliche Regierung die Lemgoer Schandmethoden deckte — betrieb sie doch selber eine skrupellose Hexenjagd im Lande —, konnten jetzt die „Herren von Lemgo“ ein unerhörtes Schreckensregiment aufrichten und ihre aufrechten und red­lichen Gegner vernichten. Das erste Jahr forderte 36, das zweite 27 Opfer. Alle wurden als „geständige“ Hexen und Zau­berer hingerichtet, denn die unmenschliche Folter erpreßte aus allen die gewünsch­ten Lügen. Alle wurden in der Folter nach „Complices“ gefragt, und da die Bein­schrauben nicht eher gelockert wurden, bis sie Namen genannt hatten, oft 20 und mehr, gebar jeder Prozeß neue Verfol­gungen.
Kein Wunder, daß nun auch der alte Apotheker aufs neue von den Gefolterten als Genosse beim Hexentanz benannt wurde. In den Prozeßakten der Jahre 1666 und 1667 werden 24 Personen nam­haft gemacht, die Weltmann „beklafften“1beschuldigen, denunzieren.
Am 6. September 1669 wird er ver­haftet und verhört. Natürlich leugnet er, wie alle andern, jede Schuld. Da fragt man ihn nach einem Pasquill, das an den Kak2Pranger geschlagen war und in dem er als Zauberer verdächtigt war. Ob er nicht in Jürger Fehlings Hause gesagt habe, das Zauberwerk sei eitel Phantasie. Er wird dann mit Hermann Sievert und seiner Frau konfrontiert, die sich beide bereits auf der Folter als schuldig bekannt hatten. Sie sagen ihm ins Gesicht, er sei mit ihnen wiederholt auf dem Hexentanze gewesen.
Am 8. September wird Welmann zur Folter geführt. Er sagt, „wenn man ihm Lügen wolle abpressen, so wolle er den Herren das in ihr Gewissen schieben“ Er kann die Qual der Beinschrauben nicht ertragen und ruft, man solle ihn loslas­sen. Darauf sagt er, so müsse er eben lügen. Und dann „bekennt“ er den glei­chen Blödsinn, den schon die Kinder auf der Straße herleiern konnten: er habe ein Bündnis mit dem Satan geschlossen, Men­schen und Tiere vergiftet, an den nächtli­chen Hexentänzen teilgenommen usw. Auf die übliche Frage, von wem er die Zau­berei gelernt habe, sagt er, vor etliche zwanzig Jahren habe „der große Otto“ ihn das Zaubern gelehrt. Er soll Mitschul­dige nennen. Er sträubt sich, Unschuldige ins Verderben zu reißen. Die erneute Fol­ter zwingt ihn, Namen zu nennen. Er nennt Leute, von denen er wußte, daß sie bereits „beklafft“, also so gut wie ver­loren waren. Hinterher widerruft er einige.
David Welmann war verloren. Das Ur­teil lautet: „In peinlichen Sachen Amts­anklägers an einem, entgegen und wider David Welmann Angeklagten dem andern Teil, erkennen und sprechen wir Bürger­meister und beide Räte der Stadt Lemgo auf Klage, Antwort und alles Vorbrin­gen, auch notwendiger Erfahr- und Er­kundigung, so deshalb nach laut Kaiser Carls V und des heiligen Reichs Ordnung geschehen, für Recht, daß P A. wegen sei­nes Abfalls von dem lieben Gott, gemach­ten Bündnisses und gepflogener Gemein­schaft mit dem leidigen Satan, sodann Verführung frommer Leute, wie auch Vergiftung von Menschen und Vieh, sich selbst zu wohlverdienter Strafe, anderen aber zu einem Exempel und Abscheu, mit dem Feuer vom Leben zum Tode abzu­strafen und hinzurichten sei. V R. W (Von Rechts Wegen)
Die Strafe für Teufelsbündnis und Zau­berei war nach Vorschrift der Carolina, des Gesetzbuchs Kaiser Karls V., der Tod durch Verbrennung. Also wurde auch Wel­mann zum Feuertode verurteilt, aber zum Schwerte „begnadigt“ Eine andere Be­gnadigung gab es nicht. Die Lemgoer hat­ten in den teuren Zeiten des 30jährigen Krieges diese Begnadigung eingeführt. Das Verbrennen war zwar ein hochinteressantes Spektakulum, aber kostspielig. Eine Menge Holz, eine Tonne Teer, Forken und Leitern wurden dazu benötigt. Das Köpfen kostete, abgesehen von dem Honorar für den Henker und das nach der Prozedur übliche Festmahl der Ratspersonen, so gut wie nichts. Ja, man machte sogar ein Geschäft damit. Denn der Rat ließ sich die „Gnade“ teuer be­zahlen. Der arme Sünder oder vielmehr seine Hinterbliebenen mussten für das Kopfabschlagen einen erklecklichen Preis zahlen, je nach Vermögen, oft 100 Thaler oder mehr — eine geniale, sonst nirgend­wo vorkommende Idee der Lemgoer zur Kostendeckung ihrer famosen Justiz. Die freilich zu einem erbitterten Streit mit dem Landesherrn führte, der den Lem­goern das Begnadigungsrecht bestritt, das ein Vorrecht des Souverains sei. Nach einem zehnjährigen Prozess einigte man sich dahin, daß der Graf zwei, der Rat ein Drittel der Summe erhalten solle.
Die Kinder des armen Apothekers werden nicht billig davon gekommen sein.
Nach dem Todesurteil wurde das pein­liche Halsgericht öffentlich auf dem Markte „gehegt und gespannt“, in Ge­genwart des herrschaftlichen und Stadt­richters, des Sekretärs, der Assessoren und des Defensors. Uralte, langatmige For­meln wurden feierlich gesprochen. Das Geständnis, das in der Folterkammer erpresst war, musste von dem Delinquenten öffentlich bestätigt werden. Er hatte das vorher dem Geistlichen beim Sakrament versprechen müssen.
Diese grausige Justizkomödie fand statt auf dem Richtstuhl, der genau gegenüber der Ratsapotheke lag. Da mögen wohl, während das Armesünder-Glöcklein läu­tete, die Blicke des alten Apothekers hinübergeschweift sein zu der Stätte seines ehemaligen segensreichen Wirkens, ehe er sein Haupt auf den Block legte, draußen in der Sandkule vor der Stadt.
Wer war der „große Otto“, den Welmann als seinen Lehrmeister in der Zauberei genannt hatte? Der Mann war den Lemgoern offenbar auch ohne Nennung des Familiennamens unter jener Bezeich­nung bekannt. Es ist überliefert, dass der um 1620 in Herford geborene Otto Tasche (Tachenius), der spätere hoch­berühmte Arzt, Chemiker und Entdecker der Fettsäure, in der Lemgoer Apotheke in der Arzneimittellehre ausgebildet wurde. Er musste wegen einer nicht naher bekannten Verfehlung die Stadt verlas­sen. Er war der Sohn eines abteilichen Müllers und wurde Apothekengehilfe außer in Lemgo auch in Kiel, Danzig und Königsberg, ließ sich dann als Arzt und Chemiker in Venedig nieder und hatte bald großen Zulauf. Es ist kein Zweifel, daß Welmann auf diesen, seinen ehemali­gen Gehilfen hindeutete. Beim Tode sei­nes ehemaligen Chefs hatte Tache­nius bereits seine Hauptwerke heraus­gegeben: „Hippokrates chymicus“ Vene­dig 1666 und Braunschweig 1668, „Tractatus de morborum principe“, Leyden 1668, und „Clavis antiquissimae Hippocraticae medicinae“, Frankfurt 1668. Als Chemiker ist Tachenius durchaus selbstän­diger Forscher von hoher Bedeutung und seiner Zeit weit voraus.

Heimatland Lippe: Von Karl Meier-Lemgo

Quellen und Literatur:
Kriminalakten des Staatsarchivs Detmold und des Lemgoer Stadtarchivs. Die biographi­schen Daten hat Herr Plöger vom Lemgoer Archiv freundlicherweise für midi zusammen­gestellt.

Fr. Priester, Die Hofapotheke in Detmold in Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, B. 6, 1908. Wilh. Normann in Julius Normanns Her­forder Chronik, 1910. Karl Meier-Lemgo, Geschichte der Stadt Lemgo. 1962. Karl Meier-Lemgo, Die Begnadigung beim landesherrlichen und beim Lemgoschen Kri­minalgericht. Mitteil. B 28. 1959.