Im Jahre 1943 hat Karl Henckel sein Bild von der alten Böttcherwerkstatt in der Krummen Straße zu Detmold geschaffen, das heute im Detmolder Rathaus hängt. Monatelang stand er an seiner Staffelei am Türeingang der Werkstube, um den Böttchermeister August Brand zu malen, wie er auf der „Togbank“ sitzt, um mit dem krummen „Togmest“ die leicht gekrümmten Fassdauben zu schneiden. Alles musste in der Werkstatt so stehen und liegen bleiben, wie es war, als Karl Henckel an dem Bild arbeitete. Sogar die alte Blechlampe wurde wieder vom Dachboden geholt und an die Decke gehängt, und die Hausfrau durfte nicht die Spinneweben in den Ecken wegputzen, denn auch das gehörte zum echten Abbild einer alten Handwerkerstube.

Heute befindet sich das Gerät dieser alten Böttcherei und Küferei, in der seit 1855 drei Generationen der Familie Brand tätig waren, im Lippischen Landesmuseum. Der alte Böttchermeister Wilhelm Walter aus Schötmar hat ebenfalls sein Gerät, das er nun nicht mehr benutzt, dazu getan, und so ist eine vollständige Sammlung dieser altertümlichen Handwerkszeuge entstanden, die dem Museumsbesucher einen anschaulichen Eindruck von der eigentümlichen Technik dieses in Lippe bereits ausgestorbenen Gewerbes vermittelt: die lange Zugbank mit den vielen verschiedenen Zugeisen, die riesigen Fugenhobel, auf denen die Seitenkanten der Fassdauben fugendicht gemacht wurden, die Kimmhobel und „Krösen“ (Rillenschneider), eine uralte Fasswinde, auf der man mit einem Seil die Fassdauben zusammenpresste, der schwere eichene „Block“, auf dem das Fass während der Arbeit stand, die Setzschuhe und Setzhämmer, mit denen die Reifen auf die Fässer geschlagen wurden, und schließlich als besondere altertümliche Kostbarkeit aus der Böttcherei Walter ein Nagelschmiedeamboss vom Jahre 1593, auf dem die eisernen Fassreifen vernietet wurden. Allen Respekt vor dem Handwerkerverstand bekommt man aber vor den großen und kleinen Zirkeln und dem langen Messstab, mit dem das Fassungsvermögen der Tonnen ermittelt und berechnet werden konnte. Damit nahm man es in Lippe sehr genau, denn 1789 ordnete der Landesherr die Eichung der Biertonnen an.

Der Böttcher 1

Der Böttcher bei der Arbeit.

Die Magistrate der Städte mussten besondere „Eicher“ verpflichten, die sich überzeugen sollten, ob die Bierfässer das vorgeschriebene Maß von 84 Kannen11 lippische Kanne = 1,3 Liter hatten. Nur der Stadt Salzuflen wurde „ihr von jeher gehabtes besonderes Biertonnen-Maß von 72 Kannen“ zugestanden, „da nun andere Einrichtung derselben mehrerlei neue Kosten ihr verursachen würde.“ Stimmte das Eichmaß des Bierfasses, so brannte der „Eicher“ dreimal die „fünf-blätteriche Lippische Rose“ auf den Fassboden, zeigte sich dagegen Übermaß oder Mangel, so wurde nur eine lippische Rose eingebrannt und vom Böttcher mit römischen Ziffern die beanstandete Differenz in den Fassboden eingekerbt.Seit Jahrzehnten war das Böttcherhandwerk in Lippe im Gegensatz zu den Weingegenden zum Aussterben verurteilt. Im Jahre 1863 verzeichnet der Lippische Kalender noch 30 Meister mit 15 Gesellen, davon 22 Meister in den Städten und 8 Meister auf dem Lande. Vor dreißig Jahren gab es noch drei handwerksmäßige Traditionsbetriebe: die Böttcherei August Brand in Detmold (Krumme Straße 34), die Böttcherei Wilhelm Beckmann in Lage (Meierstraße 5) und die Böttcherei Wilhelm Walter in Schötmar (Aechternstraße 1). Heute verzeichnet das Lippische Landes-Adressbuch nur zwei „Fassfabriken“ in Schötmar.

Ursprünglich arbeiteten die alten Böttcherwerkstätten für den Hausbedarf der Landwirte und Hausfrauen, der Gastwirte und Schnapsbrennereien, die den lippischen Zieglern in zahllosen kleinen Fässern den heimischen Wacholder und Korn auf die Ziegelei schickten. Selbst zu Beginn unseres Jahrhunderts gab es noch viele andere Aufträge: es kamen die ersten hölzernen Waschmaschinen mit Handbetrieb auf, die Firma Sinalco brauchte für ihre Einrichtung im Jahre 1902 viele Bottiche, Zuber und Fässer, und sogar noch in den dreißiger Jahren wurden hölzerne Moorwannen und Brunnenfässer für das Staatsbad Meinberg angefertigt. Inzwischen entwickelte sich aber die Industrie maschinell angefertigter Fässer, und viele Holzgefäße wurden durch Korbflaschen und Zinkwannen ersetzt. Der Bedarf an handwerklich angefertigten Böttcherwaren wurde immer geringer, und vor wenigen Jahren löste man die Böttcherinnung — ähnlich wie die der Drechsler — in Lippe auf. Ein altüberkommenes Handwerk hatte damit sein Ende gefunden.

Was gab es früher alles an hölzernen Böttchergefäßen? Vor allem natürlich das „Fatt“ und die „Tunnen, für die Brauereien das „Beuerfatt“, für die Hausfrau die „Siwwanskauhlstunnen“ und für den Landwirt die „Ahltunnen“, um die Jauche aufs Feld zu fahren. Ein „Tubben“ oder „Tower“ war eine ovale oder runde Holzwanne mit zwei verlängerten Griffdauben, ein „Kuiben“ hatte Standfüße aus ebenfalls verlängerten Dauben, und man konnte ihn als „Waskekuiben“ oder „Buikekuiben“ („Buiketunnen“) zum Auslaugen der frisch gewebten Leinwand benutzen. Dann gab es die „Stanne“ mit besonders dickem Boden, in der mit dem hölzernen „Pümpel“ oder dem „Stoituisen“ das Futter zerstampft wurde, und das „Stünsken“, ein kleiner Bottich mit Griffdaube, aus dem die Ziegen und Schafe gefüttert wurden. Ein kleiner Kerl war ein „Stünsken“, ein kleiner Junge ein „Süikerstünsken“. Reger Bedarf bestand für die zahlreichen „Emmer“, besonders „Melkemmer“, ebenso wie in jedem Hause früher die aus Eichenholz geböttcherte „Botterkern“ mit dem „Botterriuks“ nicht fehlen durfte. Und an den altertümlichen Wagen mit Holzachsen baumelte hinten an einer Kette der kleine „Schmeerpott“, der ebenfalls vom Böttcher stammte. Im Jahre 1803 waren auf dem Brautwagen im Amte Sternberg als Aussteuer folgende Böttchergefäße zu finden:

„1 Bükeküfen, 1 Trinkeistanne, 1 Butterkarre, 1 Eimer und 1 Salzfass.“

In Redensarten und Sprichwörtern der lippischen Mundart tauchen immer wieder die Erzeugnisse des Böttcherhandwerks in drastischen Bildvergleichen auf. War jemand sehr bescheiden und machte nicht viel von sich her, sagte man: „Vulle Fätter klinget nich!“ Fühlte sich jemand in voller Deckung sehr sicher, so wählte man den anschaulichen Vergleich: „Wer in’er Tunnen sitt und kicket dür et Spundlock, de hätt geut jiuchen.“ Aber auch ein kurioser Kerl wurde ironisch mit jemand verglichen, der in der Tonne saß: „Es’t en dühten Kerl?“ — „Jo, wenn de in’ne Tunnen krüpt un sett er paar dühte Hols-ken vor, dann meunt jeuder, do seute’n unwuisen Kerl inne.“ Ein lautstarker Angeber „hat ne Stemme, os wenn heu in’n Tower bölkt.“ Klappte beim Dreschen der Takt nicht, so klang es „os wenn ’ne Ssiege in’t Stünsken köttelt“. Ein starker Kerl „hat Brohen (Waden) oß ’ne Botterkern“, und wiederum ironisch verglich man bei passender und unpassender Gelegenheit: „Et passt wie’n Eeß up’n Emmer!“ Daß die Lipper aber allem hochfahrenden Wesen abhold waren, besonders bei Leuten, deren Vergangenheit die unerwartete Standeserhöhung kaum erwarten ließ, sagt das alte Sprichwort: „Wenn ut’n Schmeerpott en Botterpott ward, denn stinkt he!“

Quelle: Lippe Anno dazumal

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