Der Hasselhof bei Lage

Abschied von einem alten Hof des Klosters Corvey

Vor der Stadt Lage, an der nach Bielefeld führenden Bundesstraße 66 hat der Hasselhof, ein alter Einzelhof, seinen Platz. Er liegt innerhalb der Gemarkung von Ehrentrup, genauer gesagt, im Ortsteil Stadenhausen und wurde von dem Bauern Krietenstein, dem Besitzer des benachbart gelegenen Windhofes, an die Gemeinde Ehrentrup verkauft. Die Ländereien werden seit einer Reihe von Jahren vom Windhof bewirtschaftet, während in den fünf Gebäuden des Hofes augenblicklich noch 13 Familien ihre Wohnung haben. Es besteht die Absicht, die Fachwerkhäuser des Hofes, die einen mehr oder weniger baufälligen Eindruck machen, abzureißen und den Hofplatz für Wohnsiedlungen bereitzustellen. Damit heißt es von einem wohl tausendjährigen Hofe Abschied zu nehmen, der einst zum Vitsamt Iggenhausen des Klosters Corvey gehörte, ähnlich wie der Hof Lütkebrune in Ehrentrup oder der schon erwähnte Windhof. Von diesen Höfen mußte der Kolon alljährlich den Freischilling nach Corvey entrichten; wenn ein Kolon heiratete, war dem adeligen Hause Iggenhausen ein Weinkauf zu zahlen, und wenn ein Kolon starb, mußte der beste hinterlassene Rock an das Kloster abgegeben werden.

Ein Gang über den Hofplatz.

Von der Bundesstraße aus gelangen wir direkt auf den geräumigen Hofplatz, der ein sehr unruhiges Relief aufweist. Auf der linken Seite wird er von einem heute totliegenden Hohlweg umfaßt, der auf den Fahrweg Bundesstraße 66 nach Sta-denhausen zuführt. Wir haben hier die „Hasselstraße“ vor uns, einen Abschnitt des alten Hellweges von Lage über Wis-sentrup nach Oerlinghausen. Auf der rechten Seite wird der Hofplatz von einem wannenartigen Siek eingefaßt, das sich nach dem Hasselbruch und damit in das Werretal hinabzieht.
Auf dem Hofe bilden fünf größere Gebäude von unterschiedlichem Alter eine auffällige Baugruppe. Vorn rechts erhebt sich eine Wagenremise, wohl aus dem 19. Jahrhundert; unter ihrem Dach ist dazu eine Kötterwohnung eingerichtet.
Dahinter erstreckt sich ein stattliches Fachwerkhaus von großen Ausmaßen. Das Einfahrtstor dieses Vierständerbaues ist gegenüber der Giebelfront um etwa drei Meter zurückgesetzt, ein Umstand, der vielleicht in dem abschüssigen Boden seinen Grund hat. An der rechten Seite des so entstandenen Vorraumes ist die einzige Inschrift dieses Hauses in einen Balken eingeschnitten: A. N. O. 1696 KF. Wahrscheinlich geht das Gebäude auf dieses Jahr zurück. Der Torrahmen trägt als einzigen Schmuck die Darstellung einer Schlange, deren Kopf sich auf dem linken Torpfosten befindet, deren Leib der Rundung des Torbogens folgt und deren gekringelter Schwanz unten auf dem rechten Torpfosten ausläuft. Die Balkenfache des Baues sind zum Teil noch mit dem ursprünglichen Lehmflechtwerk, teils aber auch mit jüngeren Ziegelsteinpackungen ausgefüllt. Wir treten durch das hohe Einfahrtstor auf die saalartige, dämmerdunkle Deele. Sie mißt sieben Meter in der Breite; ihr Boden trägt eine Decke aus gestampftem Lehm. Die hohen Ständereichen ziehen sich rechts und links weit nach hinten zum Flett, wo noch die Feuerstelle des Herdes auszumachen ist. Über den dicken Dachbalken weitet sich der riesenhafte Bodenraum, in dem die Erntevorräte geborgen wurden. In den schmalen Seitenschiffen neben der Deele waren links die Ställe für die Schweine, rechts die Ställe für Pferde und Kühe. Ein Wohnteil hinter dem Flett schließt das Einheitshaus nach hinten ab; ein Teil davon ist unterkellert.
Links von diesem Bau und etwas zurückgesetzt hat ein neueres, massiv aufgeführtes Gebäude aus dem Jahre 1873, die Leibzucht, einen zentralen Platz innerhalb der Hofstätte. Daran schließt sich wiederum nach hinten ein Fachwerkhaus an, und zwar ein Dreiständerhaus mit rechtsseitiger Kübbung. An seiner Rückseite ist ein quergestellter jüngerer Backsteinbau angesetzt. Das große Einfahrtstor mit dem Ornamentschmuck seiner Pfosten und dem sorgfältig gearbeiteten Schriftwerk seines Querbalkens verdient besondere Beachtung:
„1841 Den l.ten Julius hat August Hasselmeier und Clementine Manhenke aus Dehlentrup durch Gottes und seiner Mutter Hilfe dieses Haus bauen lassen. Wo Friede, da ist Freude, wo Freude, da ist Gott, wo Gott, da ist keine Not. Meister Friedrich Wirn.“
Der Torbogen ist wie bei dem weiter oben beschriebenen Einheitshaus durch einen Schlangenleib eingefaßt und dadurch wirksam ornamental geschmückt. Die Pfosten zeigen in guter Flachrelieftechnik je einen aus einem Topf aufsteigenden Lebensbaum, der in einem Kreisring endet, welcher seinerseits durch einen sechsstrahligen Stern mit umlaufender sechsblättriger Rosette ausgefüllt ist. Darüber folgen eine „Halbsonne“ und weitere Ornamente, die in einer ovalen Rosette mit zwölfstrahligem Stern endigen. Ein alter Eichenbaum mit mächtigem Wurzelwerk hält auf eindrucksvolle Weise vor diesem Haus Wache.
Weiter nach der Bundesstraße zu, mit der Traufenseite etwa parallel zu dem erwähnten Hohlweg, liegt der letzte Bau, ebenfalls ein Dreiständerhaus. Sein Torbalken trägt die Inschrift:
WER GOT VERTRAUET IM HIMMEL UND AUF ERDEN / WER SICH VERLEST AUF JESUM CHRIST DES SOL DER HIMMEL WERDEN KORDTFRICKKE UND ANNA ELISA-
BET DRAWE HABEN DIES HAUS LASSEN BAUEN! ANNO 1702 D 3. JUNIUS MHB
Über dem Torbogen befindet sich als einziger ornamentaler Schmuck eine sechsteilige Rosette. Die Giebelfront zeigt außerdem reichgeschnitzte Konsolen. Die Fache haben Weidenflechtwerk aus Weiden- und Haselruten, das mit Lehm beworfen ist. Im Innern ist noch die alte lehmgestampfte Deele vorhanden; eine Treppe führt zu der Galerie vor der Rückwand hinauf.
Der Rückseite des Hauses ist offenbar ein jüngerer Wohnteil vorgesetzt worden. Schriftbalken und ornamentierte Pfosten bilden hier den Rahmen für eine einmal vorhanden gewesene Eingangstür. Die stark verwitterten Schriftzeichen lassen die Jahreszahl „1822″, den Namen „Brinckmann“ und das Wort „Psalm“ erkennen

Aus der Geschichte des Hofes.

Im Jahre 1731 hat der Landmesser Friemel im Auftrage des Lippischen Landesherrn die Bauerschaften Ehrentrup und Stadenhausen, und damit auch den Hasselhof und seine Besitzstücke vermessen und seine Ergebnisse in ein Register einzutragen. Gleichzeitig fertigte er eine Flurkarte an, die sehr getreu alle Lage- und Größenverhältnisse wiedergibt und wohl einen Vergleich mit den Karten unserer Zeit aushalten kann. Durch die bildmäßig eingezeichneten Gebäude und eine sinnvolle Farbgebung vermittelt uns die Karte ein plastisches Bild von der bäuerlichen Landschaft der damaligen Zeit. Der Hasselhof bildet ein Glied in der Reihe der inmitten ihrer Besitzstücke liegenden Einzelhöfe, die den zentralen Ort Lage ringförmig umgeben: Windhof-Hasselhof, Ot-tenhausen – Sültehof – Avenhaus – Fellensiek-Bökhaus.
Der von einer Hecke eingefaßte Hofplatz (H) hat eine beinahe quadratische Form und ist etwa 5 Scheffelsaat groß. (1 Scheffelsaat = 1717 qm). Von den fünf eingezeichneten Gebäuden stehen heute noch die beiden mittleren. Die von Lage hochführende „Hasselstraße“ läuft an der Ostseite des Hofplatzes entlang, nimmt den von Stadenhausen ankommenden Weg auf und biegt am Hellentrupper Kampe (1) nach Westen auf Wissentrup zu um. An der Biegung ist eine Mergelkuhle (2) gelegen, von der es in dem Register heißt, daß sie jedem Bauern so weit gehört, wie „sein Land ausweiset, so daran schießet“. An der Westseite des Hofplatzes zieht sich ein Siek (3) entlang, das als Trift nach dem Hasselbrok (4) und der Hasselheide dient und dessen Bächlein zu fünf Fischteichen aufgestaut ist.
Die im 19. Jahrhundert angelegte feste Fahrstraße in Richtung Bielefeld, die inzwischen die Bezeichnung B 66 erhalten hat, führt zügig an der Nordseite des Hofplatzes vorbei und kreuzt das Siek auf einem aufgeworfenen Damm.
Die zum Hof gehörenden Besitzstücke
gliedern sich hinsichtlich ihrer Nutzung
wie folgt auf:

 

1731 Scheffelsaat %
Hofraum 5 2
Saatland 156 56
Hude 34 14
Wiese 2 1
Holzung 42 17
Garten 272 1

 

Ein Vergleich mit den übrigen Höfen Stadenhausens gibt folgendes Bild:

 

1731 Scheffelsaat Symbol der Kartenskizze
Windmeier 406
Hasselmann 241 ½ H
Vier Egen 162 ½ V
Brockmann 113 ½ B
Penning 83 ½ P
Körner 94 K
Wort 1 ½ W

 

Der Hasselhof wird in dem Verzeichnis der Vitifreien aus dem Jahre 1430 erstmals erwähnt. „De smet (smedt) im Hasselhoue“ und später der „Hasselman“ begegnen uns in den Schatzregistern — alten Steuerregistern — zwischen 1467 und 1545. Deutlicher tritt die Gestalt des Cord Hasselmann hervor, der um 1542 geboren wurde, um 1560 die Catharina Sültemeier und im Jahre 1606 Ilsabe Boger in zweiter Ehe heiratete und der im Jahre 1616 starb. Sein Sohn Hermann starb 1637 an der Pest. Während des 30-jährigen Krieges hat der Hasselhof stark gelitten. Im Jahre 1640 heißt es, der Hasselhof liege „itzo ganz wüste“.

Möglicherweise geht der Hasselhof auf die Zeit um oder sogar vor 900 zurück. Ein Tausendjähriger, der viele schwere Schicksale überdauerte, wird nun aufhören zu sein. Wer wird in einigen Jahren noch von ihm wissen?

Quelle: Heimatland Lippe 1964 – Von A. W. Peter