Der Heimkehrer

Im Auswanderungsbüro, Felix Schlesinger

Eine Erzählung von August Meier Böke

Er war ganz seiner Arbeit verpflichtet und erschrak fast, als ich, die Tageszeit bietend, plötzlich vor ihn hintrat. Mein Anliegen nahm er nur widerstrebend an. Er sagte, das Kinn dem Spatengriff aufstützend und indem er mich zunächst abweisend, fast feindlich, zuletzt aber mit wachsendem Wohlwollen anblickte: „Lebensläufe suchen Sie? Schicksale gewissermaßen? Dann sind Sie hier richtig. Und sicher in der Gnade der rechten Stunde. Drüben geht eines hinter den Pferden. Die Pferde selbst auch sind Schicksale. Fünfundzwanzig Sommer und Winter. Solange ist es heute hin.“
Erst jetzt gewahrte ich den Pflugmann unweit zwischen den hanghinanziehenden Hartriegelhecken, unmittelbar über dem beglänzten Strom. Das Gespann bewegte sich langsam, mir schien, noch langsamer, als Kühe zu gehen pflegen, und ganz lautlos. Man vernahm das leise, zornige Knirschen brechender Schollen.

„Schicksale“, fuhr mein Gegenüber fort, „kommen aus Gott, aber wir Menschen helfen dann und wann gern ein bißchen nach. Der da drüben, Jakob Unverzagt, hat oft nachgeholfen, immer in den entscheidenden Augenblicken. Jakob und ich sind ein Jahrgang. Er war als Knecht bei mir auf dem Hofe. Zuletzt als Einlieger. Heute ist er Farmer in den Staaten, Besitzer von über fünftausend Acker1Ein Acker=2 Scheffel = 5.534,20 m² (in der Landwirtschaft). In Kansas, noch jenseits des Missouri. Seit drei Wochen ist er nun wieder in der alten Heimat. Um zu pflügen, ja, um einmal noch zu pflügen, bevor die letzte Tür zuschlägt. Verstehen Sie das? Heimgekehrt, hoch in die Achtzig, um einmal noch zu pflügen? Nein, ein Stadt- mensch kann das nicht verstehen.“ Er setzte, mit Seitenblick auf den Strom hinzu: „Es ist auch noch ein anderes dabei. Eine Frau, oder deren zwei, wenn Sie wollen.“
Er trat die Erdklumpen an dem Spaten ab. Wir setzten uns zwischen die Blumen des Feldrains, wo der Blick frei war auf das beglänzte Tal des Stromes, vor dem das Pfluggespann verglitt wie im Schrittmaß der Ewigkeit, entlang blutroten Brombeerknicks wie vor brennenden Altären, und darüberhin, hoch und fern, Wolken im blauen Meer segelten, gleich Schiffen, die zur Heimat fuhren.

Der Bauer fuhr fort: „Man sagt wohl, früh krümmt sich, was ein Haken werden will. Jakob Unverzagt ging schon hinter den Pferden, als er noch die Schütthose anhatte, pflügte mit zwölf wie ein Alter und trug mit vierzehn einen Pflugbaum geschultert zur Schmiede, er ganz allein. Ziegler Unverzagt wollte das nicht. Eben schulentlassen, nahm er ihn mit auf die Kampagne. Ein Jahr lang ging es, schlecht und recht, ein zweites. Eines Tages schrie Jakob den Möller an, als er das Göpelpferd wieder einmal mit dem Spatenstiele schlug: ,Das ist Schinderei. Das mach ich nicht mit. Du mußt gut zu ihm sein. Dann geht alles viel besser.’ Da schlug der Möller ihn, und am andern Morgen war der Junge auf und davon. Zu den Heringsfängern, bei denen damals, in hungriger Zeit, viele ein mühsames Brot fanden. Wir erfuhren davon erst ein- einhalb Jahr später, als Jakob, bleich wie der Tod und mit fast erloschenen Augen, plötzlich wieder da war. ,Fritz’, sagte er aufschluchzend zu mir, ,auf dem Meer ist das so: überall riecht es überein, und immer nach Salz und Tang. Ich habe mir einen Blumentopf mit frischer Wesererde auf das Spind gestellt, um etwas anderes um die Nase zu haben. Aber bald roch auch sie nach Salz und Tang. Ja. Und immer bist du auf dem Meer woanders, und nie weißt du, wo. Der Mensch muß festen Boden unter den Füßen haben, darauf er stehen und gehen kann. Ja, das muß er.’ Mein Vater nahm ihn damals als Knecht mit Zieglerlohn an.

Er hat es nie bereut. Jakob kannte alle Pferde im Dorf, ihr Alter genau, den Tag, wann sie fohlen mußten, ihre ganze Ahnentafel. Die Mädchen, wiewohl er täglich mit ihnen Umgang hatte, schon wegen der Arbeit, waren ihm allesamt Luft. Daß er aber doch einer nachgehangen, Auguste Engelking, früh schon, seit der Schule, und sie ihm, das sind wir erst viel später gewahrgeworden. Am Tage der Musterung schrie ihm der Stabsarzt ins Ohr, nachdem er ihn vorn und hinten gehörig abgeklopft hatte: .Schade! Schade um den Mann! hätte einen vorzüglichen Kavalleristen für Seine Majestät abgegeben. Schade, daß er so miserabel hört!’ Jakob lachte und sagte: , Schade? Keineswegs schade, Herr. Oberstabsarzt. Wichtiger ist, daß gepflügt wird und welche da sind, denen der Pflugsterz nicht aus der Faust rutscht, wenn die Schar einen Kieserling anreißt oder sich im Stubben verhakt.‘ — .Recht hast du, mein Sohn‘, gab jener zurück und ihm einen Klapps auf den Nacken, der wie ein Berg war, und rief: ,Der Nächste, bitte!’“

Bei diesen Worten meines Berichterstatters strich Jakobs des Harthörigen Pflug in der Anewende aus. Das Eisen blitzte blau vor der Sonne. Ich wunderte mich, wie ruhig und in sich sicher die Tiere kehrten, ohne auch nur einmal über die Stränge zu treten. Ich stellte fest, daß sie, deren Hufe breit ausgetreten und deren Fell zerschäbt und klumpig von der Fliegenplage vieler Jahre, sehr alt waren, und ich bemerkte, wie zärtlich sie miteinander taten, die Leiber zueinanderdrängend und, Nüster an Nüster, verschwiegene Zwiesprache miteinander hielten. Der Bauer empfing Jakobs Lächeln, das mehr eine Freundlichkeit der Augen war als der verwitterten Wangen, ein Lächeln gleichvoll stillen Geborgenseins wie tiefster Leiderfahrenheit und schon leise überfremdet von beginnendem Entrücktsein, dem man oft bei Alten begegnet, deren Stirn gebeugt wurde von der Last der tausend Tagewerke. Als die Schollen wieder aufrauschten, fuhr mein Gewährsmann fort:
„Damals starb unser Einlieger. Des Vaters Wahl fiel, um tüchtigen Ersatz besorgt, auf Jakob, der, obschon noch jung, fast zu jung, alle Voraussetzungen aus einer bewährten Vergangenheit als Verheißung für die Zukunft mitzubringen schien. Er sagte zu ihm, der sogleich einverstanden war, daß er dann heiraten müsse und auf der Stelle; denn ein Kottenmann ohne Frau sei wie ein Pflug ohne Pferd oder umgekehrt. Aber mit Auguste, das ginge nun nicht. Möge sie gleichwohl zur Frau an und für sich taugen, so doch unter keinen Umständen zur Einliegersfrau. Der brauche etwas Handfestes, eine mit so einem stabilen Schritt darunter. Da kratzte Unverzagt sich am Ohr und bat, zwischen zwei Feuer gestellt, um Bedenkzeit. Entschied sich, gegen das Weib für den Kotten. Fragte Sophie Klinksiek. Mit ihren gewaltigen Armen hätte sie, wenn nötig, einen Urwald ganz allein ausgerodet. Ich traf Jakob am Tage nach der Hochzeit. Er verdrückte eine heimliche Träne und sagte: ,Man muß dem Herzen die Peitsche geben, manchmal. Aber den Kotten, den muß ich haben, und sind es auch nur zwei Morgen2Ein Morgen = Viertelhektar (2500 m2  Norddeutscher Bund ab 1869).’ Auguste aber heiratete bald danach Wilhelm Wesemann, den Krüger. Jahre später, in dem Herbst, als der Rausch über die Kleinen Leute und die Enterbten von den Höfen kam und sie zu Hundert und Tausend nach dem gelobten Westen zogen, wo es noch Saatland zu gewinnen gab, sagte der Vater zu Jakob, er wolle ihm keinen Stein in den Weg legen. So stand der zum zwreiten Male am Scheidewege und blickte vor sich und hinter sich, und sah vor sich die goldene Krone, das Königreich, das es zu gewinnen galt, für sich und seine Kinder und Kindeskinder. Und er erblickte hinter sich den armen Kotten, darin alle, die nach ihm kommen würden, Knechte blieben, immer und ewig. Und da war die Entscheidung auch schon gefallen. Der Vater überantwortete ihm Kastor, den Zweijährigen, sein Lieblingspferd; denn es sei immer gut, etwas Zuverlässiges für den Anfang zu ha- ben. Und gab ihm einen Pflug und einen Kastenwagen in die Aussteuer für die Neue Welt. Und sagte zu dem Scheidenden, daß er, wenn er nun aus seinem Vaterlande und aus seiner Freundschaft ginge, er doch auch die Verheißung Abrahams für sich habe, daß er ein Vater vieler Völker werde, ein Gesegneter sei und zum Segen vieler werden würde. ,Hüh!‘ schrie Jakob, klappte mit der Peitsche. Kastor zog an, nicht ohne noch einen Blick nach der Stalltür zu tun, wo Pollux, die gleichaltrige Pfluggesponsin, ihnen mit großen, feuchttraurigen Augen über die Halbetür nachblickte, als ob sie fühle, daß dies nun ein Abschied für immer sei.“

Hier wies der Bauer auf das Gespann hin, das sich langsam wieder näherte: ,,Nun ist Kastor doch noch wiedergekommen. Drüben geht er, das Handpferd. Seine Partnerin, das ist Pollux, die Daheimgebliebene. Und haben sich nun so, weil sie sich wiederhaben nach fünfundzwanzig Jahren.“

An der Anewende, nachdem er die Furche erst wieder angesetzt hatte, zog Jakob, der Alte, ein paar Stück Kandis aus der Rocktasche und reichte sie auf der flachen Hand den freudig zuschnubbernden Tieren hin. Ich begrüßte den Heimkehrer, brachte mein Anliegen vor, worauf er, nach Art Schwerhöriger, die lauter sprechen als nötig, meinte, daß da nun eigentlich nicht mehr viel zu erzählen sei. Es sei ihm nicht anders ergangen wie den vielen, allzuvielen, die hinübergemußt, und wie dem Manne, der aus Mesopotamien ging. Seine Farm sei eine der größten in Süd-Kansas, die gehabten Schwierigkeiten die aller Anfangenden, Mißwuchs, Teuerung und Seuchen unter dem Vieh, wie schon zu Abrahams Zeit. Bauernwerk sei eben immer und überall das gleiche, Wechsel zwischen Saat und Ernte. Am schwersten sei es ihm noch geworden, sich an die fremde Erde zu gewöhnen, ihren Geruch. Es sei ja wohl so, daß jede Erde ihren eigenen habe. Auch das Wasser. Der Missouri rieche anders als die Weser. Ja, von der Weser hätten sie oft und oft gesprochen und das Schwalbenlied gesungen und das von dem Wanderer, der nach der Heimat zurückkehre, abends, nach des Tages Last und Hitze, vor den offenen Klobenfeuern, besonders wintertags.
In Bruchstücken empfing er danach die große Konfession seines Lebens, Freud wie Leid, das Geschenk seiner zwölf Kinder, und daß der Bulle eines der Mädchen zertreten, ein engelgleiches Kind, daß der Missouri, wie die Weser, alle Jahre sein Opfer gefordert, zwei seiner Jungen. Drei Kinder seien an den Pocken dahingeschwunden, der Rest nun längst erwachsen, säße auf eigenen Farmen, jede so groß wie die größten Güter an der Weser. Und einer sei Millionär geworden, Inhaber eines riesigen Traktorenwerkes. Nun, wo er den nötigen Abstand habe, müsse er rückblickend bekennen, es sei alles gut gewesen, wie es gewesen. Nun sei ja auch Sophie, seine Frau, im vorigen Jahr gestorben. Seitdem fühle er sich sehr einsam; denn die Kinder, das wisse man ja, gingen bald eigene Wege. Und seitdem sei sein Herz aufgestanden unter der jahrzehntelangen Verschüttung, habe sich hoch und immer höher gehoben und lauter, immer vernehmlicher mit ihm geredet.
Ein jedes Ding sehne sich nach seinem Ursprung zurück, das gehe ja auch — (mit Seitenblick auf Kastor und Pollux) — den Tieren so. Und so habe er denn, als der letzte Büschel Mais in der Barn gewesen, den Kastenwagen herausgezogen, den nämlichen, mit dem sie damals aufgebrochen und den er sehr geschont habe, und da habe Kastor reineweg gezittert vor Freude, denn er habe sofort sein Vorhaben erkannt. Jakob sagte: „Ja, und nun sind wir da, und nun schreiben sie von drüben fast jeden Tag mit Luftpost, ich solle nun endlich wiederkommen. Es fehle der Großvater, immer und überall. Aber in Wirklichkeit brauchen sie mich nicht mehr. Doch hier, da bin ich, sind wir noch nicht zu Ende. Stimmt’s, Kastor? Ist’s nicht so, Pollux?“
Als das Pferdepaar, gleichsam zustimmend, halblaut aufwieherte, setzte er hinzu: „Morgen kommt nun die .letzte Ecke’ dran. Drüben, das einstige Kottenland. Und übermorgen, ja, da geht’s ans Allerallerletzte. Hüh!“, rief er, klackte mit der Zunge und trieb die Tiere an, die, gleich ihrem Pflugherrn, nun in ihre letzte Furche schritten.
Der Bauer mochte mir wohl an den Augen ablesen, daß ich zu wissen wünschte, was es denn mit diesem „Allerallerletzten“ auf sich habe. Er sagte, den Schwalben zugewendet, die eben von den Telegraphen- drähten auf flatterten: „Übermorgen hält er Hochzeit mit Auguste Engelking, verwitwete Wesemann seit zehn Jahren. Und mit dieser, seiner dritten und letzten Entscheidung, ist es ihm nicht minder ernst, obschon viele im Dorf lächeln über den verliebten Jubelgreis, über den Großvater, der die Großmutter freit.

Wir sahen den Pflügenden bei der dritten Anewende eine Weile verhalten, das geneigte Haupt zu dem abendlichen Kranichzug emporhebend, der hoch und grau und sehr regelmäßig in das rötliche Licht hineinruderte wie in die Vorhalle eines Heiligtums, fern, schon hinter dem Rande der Welt. Wir hörten Jakob ein Lied anstimmen, das er wohl als Junge oft gesungen haben mochte, Hermann von Hermannstals Hymnus „Wenn ich den Wandrer frage ..in einer Vertonung, die er vor urlanger Zeit beim Kantor in der Dorfschule gelernt hatte, wobei er, der stimmbegabteste Sänger seiner Klasse, immer den Orgelton zu halten gehabt. Und so, wie in verschollener Zeit, hing der Ton über der Tiefe des abendlichen Stromes, doch nun ohne die Begleitung der andern, ganz für sich allein, gleich einer schmerzlichen Klage. Bei der Frage „Wo blüht dein Glück?“ schwoll er über alles Menschenmaß an, und als er die Antwort „Zu Hause, zu Hause“ hinaussang, war es wie der erschütternde Aufschrei eines Langeverschüttetgewesenen, so daß alle Leute in der Feldmark die Häupter auf- hoben und wohl heimlich ahnen mochten, daß hier eine Menschenseele in einen zuvor nie gekannten, in ihren letzten Zustand schreite. Jakob, der Pflüger, aber stand wie ein Entrückter und zugleich Verzückter unter den hohen Wolkenschiffen, die, rötlich angeglüht vom Licht des sinkenden Tages, unaufhörlich und unaufhaltsam in den purpurnen Untergang am Rande der bewohnten Erde hineinglitten.

Am nächsten Abend begegnete ich Auguste Wesemann in der Krugstube. Sie saß im hirschledernen Backenstuhl, das Antlitz dem offenen Fenster zugewendet, durch das das letzte Licht des Abends fiel. Ich emfing den Glanz ihrer Augen wie eine der Gnaden, wie sie nur ganz selten den Wandern- den auf ihren Wegen begegnen. Nur weil ich ein Wissender, vermochte ich die feinen Furchen wahrzunehmen, die von der Nase abwärts zum Kinn verliefen und die, nicht allein dem Alter verpflichtet, aber nun überklärt erschienen vom Glück später Erfüllung.
Eine Woche danach, schon auf der Rückkehr begriffen, um eine graue Morgenfrühe, als eben die Sonne das weite Stromtal mit goldenen Katarakten überschüttete, traf ich meinen Bauern auf dem nämlichen Acker, wo ich ihn verlassen. Mitten darauf, vor dem Pflug, der pferdelos stand. Das Erdreich daran war zertreten wie von hundert Füßen. Ich vernahm seine schwere Stimme, die mir fremd erschien: „Jakob Unverzagt ist nicht mehr. Am Tag nach seiner Hochzeit fanden wir ihn hier, an dieser Stelle, um die Vesperstunde, mit dem Oberkörper über den Pflugsterz hingesunken. Er hielt die Leine fest zwischen den Fingern. Das Licht der Sonne fiel in seine offenen Augen. Am gleichen Abend verschied auch die Krügerin. Gestern haben wir sie zusammen begraben.“

Während seine Augen dem Strom nachgingen, der still und stetig dahinglitt, dem Tor in der Kette zu, das wie eine Tür zu zukünftiger Welt sich öffnete, sprach er noch die Worte: „Er starb in den Sielen. Ich will es nun noch richtig machen mit dem Acker.“ Und, schon im Aufbruch nach den Hartriegelhecken, wo Kastor und Pollux ungeduldig ihrer letzten, allerletzten Arbeit harrten, sagte er noch: „Eine jede Arbeit will zu Ende getan sein. Auch die, welche dem Herzen weh tut. Getan hat. Denn selig sind die, welche das Heimweh haben, weil sie nach Hause kommen.“

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1955