Der Hof – ein Geschichte aus Huxol

Huxol, Gemeinde Kalletal

Eine Geschichte, so wie sie mir erzählt wurde

Draußen lag das vorweihnachtliche Land unter einer dichten Schneedecke. In kurzen, heftigen Stößen pfiff der Wind um das Haus und ließ die Buchenscheite im grünen Kachelofen aufknistern. Eine angenehme Müdigkeit kroch in den Gliedern hoch und machte mir den Kopf schwer. Ich lehnte mich auf der Ofenbank zurück und ließ meine Blicke durch den Raum schweifen über die schweren, alten, geschnitzten Eichenmöbel, über Zinngeschirr auf dem langen Bört., über die verhängten Fenster. Der Raum war nur von einer Petroleumlampe schwach erhellt. So ruhig und in sich gefestigt war das Bild, so heimlich, daß mich ein stilles Glücksgefühl überkam. Ja, hier konnte man eine zweite Heimat finden. Fernab von allem hasten und Jagen der modernen Welt, unberührt von der grausam phantastischen Entwicklung aller Technik, gleichsam um Jahrzehnte hinter der Zeit zurückgeblieben war der Hof im Tal von Huxol. Hier konnte man ausruhen von den furchterfüllten Wochen und Monaten der letzten Kriegsjahre, die mich aus der Heimat vertrieben, die mir dazu noch den Vater genommen. Kraft konnte einem dieses Land und seine stillen Menschen geben zu neuem Anfang und neuem Beginnen.

Plötzlich fiel mein Blick auf eine Anzahl, vorher kaum beachteter Bilder, die auf einem Tischchen in der Ecke lagen oder standen. Ob Zeichnungen oder Photographien, alle stellten sie Männer mittleren oder fortgeschrittenen Alters dar, Menschen mit harten, durchfurchten und faltigen Gesichtern, Angehörige eines Volkes, daß durch schwere Arbeit geadelt war. Was mir auffiel war eine gewisse verwandtschaftliche Ähnlichkeit, die allen Köpfen eigen war.

Auf meine Frage hin erklärte der Bauer, nachdem er noch einen Zug aus der Pfeife getan, in seiner langsamen und bedächtigen Art:

„Ja, Ihr mögt es nicht glauben, aber diese Bilder sind sozusagen ein Stück Geschichte meines Hofes. Jeder von denen hat sein besonderes Schicksal gehabt. Es ist kurios, aber wenn Ihr Interesse habt, kann ich euch das erzählen.“

Ich bejahte schnell und freudig, war es mir doch lieb, etwas über meine neue Heimat zu erfahren.

Und der Bauer erzählte….

– 1813 –

Die Familie des Stocksbauern saß am Frühstückstisch: der Alte, die Frau und die beiden Söhne. Jürgen, der Ältere war sonntäglich gekleidet. Er trug ein braunes Wams, das vorn offen stand und auf der Sammetweste die aus Goldmünzen bestehende Uhrkette sehen ließ. Die Hosen steckten in langen, schwarzen Stiefeln. Die drei anderen trugen, bereit zur Arbeit, ihr werktägliches Gewand. Es herrschte ein bedrücktes Schweigen in dem kleinen Kreis. Jeder aß still und blickte dann schweigend und seinen Gedanken nachhängend vor sich hin. Der Bauer, ein noch rüstiger sechziger, schaute mit finster zusammengezogenen Brauen auf den Tisch. Die Frau, die in ihrer Jugend einmal hübsch gewesen sein mochte, nun aber durch Arbeit und Sorgen früh gealtert war, seufzte hin und wieder leise auf. Jürgen, der Anerbe trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf den Tisch und schaute mit einem etwas trotzigen Gesichtsausdruck zum Fenster hinaus. Nur Hanfrieder, der jüngste, mochte den Sorgen nicht recht nachgeben und blickte ziemlich unbekümmert drein.

„Du. Jürgen“ fragte er, „wenn Du gleich zur Domaine reitest, bring doch die Peitsche mit, die ich am Sonntag dort vergessen habe. Aber denke daran!“

Jürgen nickte. Der Alte hob den Kopf und fragte mit zorniger Stimme: „Du willst also doch fort?“

„Ja. Vater“, antwortete Jürgen einfach.

„Und sie soll hier auf den Hof?“ fragte der vater erneut. Jürgen nickte nur Aber seine Finger trommelten schneller und heftiger auf die Tischplatte.

Jetzt mischte sich die Frau ins Gespräch: „Vater, laß doch den Jungen“ sagte sie. „Ich weiß nicht, was Du gegen die Annemarie hast? Sie ist ein gutes Mädchen und fleißig und ehrlich. Jürgen wird ein gute Frau an ihr haben.“

„Ich sage euch sie paßt nicht auf den Hof. Sie ist viel zu vornehm. Jürgen muß eine Frau haben, die vieles mitbringt, nicht nur Geld. Du nimmst sie ja nur in Schutz, weil ihr Vater dein Schwager ist.“

„Und Du kannst die Drakes nicht ausstehen, weil sie Dir damals nicht zustimmten, als Du den Brinkhof kaufen wolltest, das ist es!“

Die Frau hatte den Bauern bei diesen Worten mutig angeschaut. Der warf den Kopf mit einem heftigen Ruck hoch. Seine Lippen preßten sich zu einem schmalen Spalt zusammen und seine Augen blickten zornfunkelnd auf die Frau.

Schuldbewußt senkte diese den Kopf. Das hatte sie unvorsichtiger Weise an die alte Wunde gerührt. Nun war es ausgeschlossen, das Vater und Sohn zu einer Einigung kamen. Denn in dieser Stimmung ließ der Alte nicht mit sich Reden. Zu tief saß der Groll in ihm über den fehlgeschlagenen Versuch, den Brinkhof, den den zweiten der drei Huxoler Höfe, aufzukaufen. Zwar war die Sache damals nicht so ganz sauber gewesen, aber er wollte es doch nur seiner Kinder willen tun. Nur sie sollten einmal den großen Besitz erben. Der Bauer verschwieg sich selbst aber, daß auch ein gutes Stück Egoismus in seinem damaligen Handeln gelegen hatte. — Jürgen stand auf und ging hinaus. Es war nicht ersichtlich, ob er mit dem Frühstück fertig war, oder ob ihn das Gesprächsthema verdroß. Vielleicht befürchtete er auch, daß ihm der Vater streng seinen Ritt verbieten würde. Denn trotz seiner 23 Jahre hatte der Junge noch einen gewaltigen Respekt vor dem Alten.

Die anderen saßen noch eine Weile am Tisch zusammen, ohne daß jedoch ein Wort fiel. Schließlich stand der Alte auf und schob mit einem Ruck den Stuhl zurück. Als er auf die Deele trat, hörte er, daß Jürgen gerade abritt. Lauschend blieb er stehen und horchte dem Hufschlag nach.

Draußen aber ritt der Junge in den erwachten Frühlingstag. —

Gegen Mittag, der Bauer kam gerade aus dem Stall, wo er die Mägde beim Melken beaufsichtigt hatte, kündete das bellen des Hofhundes die Ankunft eines Besuchers an. Der Bauer trat vor die Deele und blickte und blickte dem Fremden entgegen. Es war ein Magistratsbote aus der Kleinstadt, der soeben in die Umfriedung des Hofes einritt. Der Reiter trug eine blaue Uniform mit einem kurzen schwarzen Mantel und einer blauen Schirmmütze. Der Alte begrüßte ihn und führte ihn in die Stube. Dort stand die Frau von ihrem Fensterplatz auf. Sie war nur einen Augenblick aus der Küche herübergekommen um ihrem Manne noch einmal über die Braut des Anerben zu sprechen.

Der Alte ließ den Gast Platz nehmen und holte eine Flasche mit zwei Gläsern aus dem Schrank. Das Gespräch wollte nur mühsam in Gang kommen. Man unterhielt sich über das Wetter, über die Ernte und kam dann auf das Schicksal des Landes in dem bevorstehenden Krieg zu sprechen. Ganz selbstverständlich war es, daß man auch auf Jürgen kam.

“Ihr habt an eurem Sohn ja jetzt eine gute Hilfe“ sagte der Bote, indem er sich ein neues Glas einschenkte. “Er ersetzt doch sicher einen Knecht?!“ Der Alte lachte “Knecht?! Da kennt Ihr den Jungen schlecht. der macht seit einem halben Jahre hier die ganze Arbeit. Ich bin auf die Leibzucht gezogen. Nur ab und zu schaue ich im Haus noch einmal nach dem Rechten. Aber nun … ja . . nun will er sich eine Braut holen!“

Der Alte war im rechten Fahrwasser. Doch das Thema schien dem Boten zu unbequem zu werden. Er griff in seine Tasche, holte einen Brief hervor und legte ihn auf den Tisch.Dann verabschiedete er sich schnell, wie einer, der sich eines unliebsamen Auftrages entledigt hat. Etwas erstaunt ob des plötzlichen Aufbruches seines Gastes griff der Bauer nach dem Schreiben, öffnete es und las schweigend. Ein plötzliches Erschrecken ging über sein Gesicht. Doch er sagte kein Wort. Ebenso schweigend reichte er das Blatt seiner Frau. Diese abdr bat: “Lies mir doch bitte vor. Ich habe meine Brille nicht.“

Der Alte räusperte sich, nahm das Blatt und begann:

“AUFFORDERUNG“ Wir, von Gottes Gnaden, Pauline Christine Wilhelmine Souveräne Fürstin … zur Lippe, Edle Frau und Gräfin zu Schwalenberg und Sternberg … rufen Unseren Landeskindern die Notlage des Vaterlandes ins Gedächtnis … Der Feind … im Lande … Wir haben deshalb beschlossen … jede dritte Mannesperson … zur Verteidigung … kämpfen … !“

Der Bauer ließ das Blatt sinken. Seine Frau hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte fassungslos. Blaß und unruhig blickte der Bauer auf sie herab, dann zum Fenster hinaus. Schließlich brummte er:

“Ich habe es ja gewußt,“ jammerte die Frau, “Er muß fort und Du willst ihm nicht einmal die Annemarie gönnen!“

Laut aufschluchzend warf sie die Arme auf den Tisch und vergrub den Kopf darin. der Der Bauer ging schweigend hinaus.

Um die gleiche Zeit trabte auf dem Pfade, der über die Hügel hinter dem Hause in Richtung auf Huxol führte, ein Pferd dahin. Jürgen hatte Annemarie vor sich auf den Sattel genommen und war bemüht ihr das Reiten auf dem holprigen Pfad so bequem wie möglich zu machen. Die beiden wechselten nur wenig Worte miteinander. Aufmerksam betrachtete das Mädchen die Landschaft, die ihr neu war. Sie war von schlanker Gestalt, und ihr schmales Gesicht konnte eher einer Städterin als einen Bauernmädchen gehören. Das Gesicht und die Tracht ihrer langen blonden Locken verrieten, daß die Drake noch nicht lange bauern waren. Sie trug einen weiten roten Rock und ein helles Mieder. An den kurzen Ärmeln saßen rosa Schleifchen. Die Füße steckten in feinen rosa Sammetpantoffeln.

Jürgen blickte aufmerksam in das Gesicht des Mädchens, neugierig, wie ihm die neue Heimat gefallen würde.

“Gefällt es dir hier?“ fragte er vorsichtig. Das Mädchen erwiderte nichts, sondern ergriff nur zart seine Hand und drückte sie leise. Jürgen löste die Seinige verlegen.

Plötzlich stolperte der Rappen und brach in die Knie. Doch Jürgen war schon aus dem Sattel, und fing das Mädchen in seinen Armen auf und ließ es vorsichtig zu Boden gleiten. Das Tier jagte, scheu geworden, in weiten Sätzen den Rest des Weges zum Hof hinab. Ängstlich klammerte sich das Mädchen an Jürgen: “Das ist ein schlechtes Zeichen. Ich soll nicht auf den Hof und Du sollst mich nicht heiraten. ich habe solche Angst, Jürgen!“

Sie standen vor der Bank am Ende des Gartens. Jürgen setzte sich und zog das Mädchen neben sich.

“Unsinn“, brummte er “Der Gaul ist über einen Maulwurfshaufen gestolpert und scheu geworden. Du brauchst doch keine Angst zu haben.“

Sie standen auf und gingen zum Hof hinab. Als die beiden das Zimmer betraten, kam nur die Mutter ihnen entgegen. Sie begrüßte Annemarie herzlich und schloß sie in ihre Arme. Jürgen stand dabei und lächelte vor sich hin. Er freute sich, daß die Mutter so lieb und einfach seine Braut begrüßte. Da bemerkte er plötzlich ihre rotgeweinten Augen. Sicher hatte sie seinetwegen Ärger gehabt. Er wollte grade nach der Ursache ihrer Tränen fragen, als die Tür aufging und der Bauer ins Zimmer trat. “Hier ist Annemarie, Vater“ sagte Jürgen, indem er sich umwandte, während das Mädchen dem Alten entgegenging. der betrachtete sie prüfend und lange. dann gab er ihr mürrisch die Hand.

“N’tag“ sagte er. Damit ging er zu seinem Stuhl und setzte sich. Seine Meinung von der Braut, die sich der Anerbe ausgesucht hatte, war die gleiche geblieben. Annemarie blickte befremdet auf Jürgen. Doch der schaute fort.

Der Alte begann jetzt zu sprechen:

“Du, Jürgen! da ist ein Schreiben gekommen. Du mußt … aber da, lies nur!“ Er gab dem erstaunten Jürgen den Brief, der ihn hastig überflog. Seine Augen richteten sich erschreckt auf den Vater, dann auf die Mutter. Jetzt wußte er, warum sie geweint hatte. Er las noch einmal. Als er dann aufblickte, war er ruhig. Er wandte sich zu Annemarie:

“Ich . . muß fort. Nach Detmold. Es wird wohl Krieg geben.“

Annemarie erschrak noch mehr als eben Jürgen. Sie fühlte die Tränen in sich aufsteigen, doch sie biß die Zähne zusammen und unterdrückte das Weinen. Sie fühlte die Blicke des Alten beinahe mit Schadenfreude auf sich ruhen. Als nun aber auch die Mutter weinte, war es um ihre Selbstbeherrschung geschehen. Laut aufschluchzend sank ihr Köpfchen an seine Schulter.

“Jürgen,“ schluchzte sie. Mehr konnte sie nicht sagen. Aber all ihre Liebe zu dem Anerben des Stockshofes lag in diesem Wort. Die Magd trat ins Zimmer und blieb angesichts der weinenden Frauen an der Türe stehen. Doch der Alte winkte ihr:

“Bring das Essen!“

Das Mittagessen verlief schweigend. Nachher saß man ebenso schweigend um den Tisch. Dann stand Jürgen auf:

“Vielleicht will Annemarie mal durch die Ställe. Komm wir gehen,“ wandte er sich an das Mädchen. Auch der Alte stand auf und folgte ihnen. Seine Blicke verließen das Mädchen nicht. Annemarie wußte, daß das alles eine Prüfung war. Und sie war mit dem festen Vorsatz gekommen, diese Prüfung um ihrer Liebe willen zu bestehen. Aber mit dem guten Vorsatz war es nun nichts. Sie mußte dauernd an sich halten, um nicht aufzuweinen.

Der Abschied ging noch kürzer vonstatten. Der Bauer gab dem Mädchen schweigend die Hand und blickte sie nicht an. Nur die Mutter hielt ihre Hand lange fest. Dann, als sie schon in der Türe waren, fragte Jürgen:

“Freitag muß ich fort. Also wird Annemarie übermorgen wiederkommen und hierbleiben. Sie kann dann de Mutter zur Hand gehen.“ Dann schloß er die Tür. Die Mutter horchte auf die verklingenden Schritte, den schweren des Jungen und den leichten des Mädchens. Dann setzte sie sich seufzend hin: Jetzt sah der Bauer auf. “Und so hab’ ich doch Recht,“ fragte er. “Die paßt nicht auf den Hof. Rote Büxen und Hackepantöffelchen sind nichts für den Huxol …“

– Ein Jahr später darauf –

Ein gleicher strahlender Frühlingstag, wie der , an dem sich das oben Geschilderte begab, hüllte das Tal von Huxol in seinen Sonnenglanz. Die große Schlacht bei Leipzig war geschlagen. Quer durch die deutschen Lande war der Feind getrieben. In einer der letzten Schlachten am Rhein hatte auch Jürgen das tödliche Blei getroffen. In seinem Blute liegend, während die Schmerzen in ihm rasten, sah er noch einmal sein Huxol, er sah den Hof mit dem Vater in der Deelentür und über allem schwebte Annemaries Bild. Und er glaubte ihre Stimme zu hören, wie sie damals sagte: “Jürgen, ich glaube, ich soll nicht auf den Hof. Du sollst mich nicht heiraten.“ So hatte sie doch Recht behalten. Und noch einmal sah er ihr Bild und ihr Lächeln, wie sie in der Abschiedsstunde sagte: “Geh ruhig! Ich warte auf Dich!“ Ein Ein Widerschein ihres Lächelns trat auch auf seine Züge. Er fühlte auf einmal keine Schmerzen mehr, und lächelnd entschlummerte er sanft in das Land des ewigen Friedens, wo es keine Krieg und unsinniges Sterben mehr gibt.

Der gleiche Bote brachte auch die Todesnachricht. Und ebenso schnell wie damals verabschiedete er sich wieder. Annemarie weinte nicht einmal. Nur Jürgens Mutter war laut aufweinend zusammengebrochen. Sie war keine starke Frau, es war zuviel für ihr Mutterherz.

Der Bauer hatte erst eine Zeit lang schweigend gestanden, dann war er stumm hinausgegangen. Und ebenso stumm blieb er auch in den nächsten Tagen.

Zwei Wochen später rollte eine Kutsche, von dem Jungen des Stockshofes geführt langsam aus der Umfriedung des Hofes. Inmitten ihrer Beutel und Kasten saß Annemarie. Die Bäuerin stand in der Deelentür und winkte dem davonrollenden Gefährt nach.

Dann kam die Stelle, an der der Rappe gestolpert war, damals bei dem ersten Besuch. Mit erschreckender Klarheit stand das Bild vor Annemaries Augen. Sie bat den Jungen anzuhalten. Langsam ging sie zu der Bank und setzet sich. Das fuhrwerk rollte ein kleines Stück weiter und hielt dann. Unbeweglich saß der Junge auf dem Bock. Seine Gestalt hob sich schwarz gegen den roten Abendhimmel ab.

Noch geraume Zeit vernahm er das leise wehe Schluchzen einer Mädchenstimme.

– 1845 –

Die Petroleumlampe auf dem Wohnzimmertisch des Brinkhofes verbreitete nur einen schwachen Schein. Die Gesichter der beiden Brüder Karl und Johann blieben im Dunkel. Die Lampe beleuchtete nur den Tisch, auf dem mehrere Flaschen standen. Aber nur vor Johann stand ein Glas. Oft und hastig griff danach mit zitternder Hand. Seine Augen hatten bereits eine glasige Starre, das Zeichen des Gewohnheitstrinkers, angenommen. Er lehnte sich in den Sessel zurück und murmelte unzusammenhängende Worte vor sich hin. Angewidert und mit leisem Ekel betrachtete Karl den Bruder. Das war nun der Mitbesitzer des Brinkhofes! Ein Trinker, ohne Respekt bei dem Personal und den Leuten der Umgebung. Keine Frau wollte seinetwegen auf den Hof, und was viel schlimmer war: seinetwegen war der Hof verschuldet seinetwegen standen sie jetzt dicht vor dem Ruin. Karl ballte die Hände. Ja, das war das Ende. Der Hof, sein Hof, an dem dem er mit jeder Herzensfaser hing, sein Hof mußte verkauft, versteigert werden. Bettelarm wurden sie! Und alles durch die Schuld dieses … . versoffenen Lumpen! Die Ungeheuerlichkeit dieser Bezeichnungfür seinen Bruder kam ihm nicht einmal zum Bewußtsein, so waren seine Gedanken gefangen genommen von dem traurigen Bildern der Zukunft.

Die Gedanken seines Bruders schienen ähnliche Wege zu gehen. Sein anfangs undeutliches Gemurmel wurde lauter und Karl konnte einzelne Worte verstehen: “Wenn nicht ein Wunder geschieht, sind wir dran. der Hof ist kaputt … ist alles kaputt … ja, wenn wir Geld hätten! … Das verd … Geld …Da! … Prost!“

Angewidert wandte sich Karl ab. der Bruder lallte weiter: “ich wüßte schon einen, der uns was leihen könnte: Jost Stocks von nebenan. Der tut’s, der tut’s ganz bestimmt!“

Karl führ herum: “Wage es nur, den anzubetteln“ fauchte er mit zornbebender Stimme. “Den auch noch, gerade den! der ist schlimmer als alle anderen Hunde von Gläubigern zusammen. Der will nur den Hof, will ganz Huxol haben. Und doch hat er nie genug! Nie, niemals! Ja, wenn es ein anderer wäre! Wage es nur, den anzubetteln! Mensch ich …“

Aber Johann hörte schon nicht mehr. Sein Kopf war auf die Brust gesunken, und ein erst leises, dann immer lauter werdendes Schnarchen zeigte an, daß der Alkohol seine Wirkung tat.

Jost Stocks stand auf den Hügeln, die das Tal von Huxol umgaben. Die drei Höfe lagen vor ihm, eingebettet in die Wiesen und Felder, von deren grün sich das Weiß ihrerMauern seltsam abhob. Die Fenster schauten wie dunkle Augen ins Land. Abseits der größte Hof war der Stockshof, sein Hof. Er trug ein rotes Ziegeldach, gleich als wollte er schon durch diese Neuerung seine Sonderstellung anzeigen. Jost Stocks lächelte kaum merklich: Bald würde auch ein anderer Hof ein neues Ziegeldach bekommen und … einen neuen Namen! Er hatte nicht umsonst die Herren vom Gericht gestern auf dem Brinkshof gesehen. Nur noch eine kleine Weile Geduld, dann war es so weit!

Plötzlich hörte er Schritte hinter sich und bevor er sich umwenden konnte, stand Johann, der ältere der Brinksbrüder neben ihm.

“N’tag“, sagte er unsicher. “Verzeiht, daß ich Euch störe“ Ihr wundert Euch, daß ich Euch anspreche?“

Jost Stocks bejahte diese Frage mit leichtem Befremden. Der andere sprach langsam weiter. Mann merkte, daß es ihm schwer fiel, die richtigen Worte zu finden. “Ich habe nämlich eine Bitte an Euch. Gern’ sprech ich sie nicht aus. Aber Ihr wißt, daß wir am Ende sind. Wir können den Hof nicht mehr halten. Und da wollte ich Euch halt fragen … halt bitten, ob ihr uns nicht doch noch einmal etwas Geld leihen könnt? Es ist bestimmt das letzte Mal. Und viel braucht es auch nicht zu sein. Nur, daß wir die dringendsten Schulden abzahlen können“. Jost Stocks betrachtete den anderen, der sich unruhig hin und her wandte, mit Augen, aus denen der helle Triumph leuchtete. Jetzt war es also schon soweit! Sie kamen und baten, baten ihn, Jost Stocks, ihren Nebenbuhler. Nun, das Risiko konnte er ruhig eingehen, da es ja gar keines war. ,Denn nicht einmal die Ernte auf den Halmen gehörte dem Brinksbrüdern. der Hof war so gut wie sein, denn zurückzahlen konnten die nicht!

“Wieviel Geld soll es denn sein?“ fragte er vorsichtig.

“Ah … 800 Taler.“

“Ist ja ziemlich viel. Aber man läßt ja den Nachbarn nicht gern im Stich. Also gut! Kommt und holt Euch das Geld nachher ab,“ sagte er mit leisem Lächeln. Dann reichte er dem anderen die Recht zum Handschlag, der ihn zum Herrn des Brinkhofs machte.

Über dem Wohnzimmer des Brinkhofes lag eine schwüle Luft. Karl stand am offenen Fenster, als Johann eintrat. Er wandte sich um, maß ihn mit einem kuzen Blick und fragte: “Du warst also doch beim Stocksbauern?“

“Ja, natürlich, was blieb uns denn anderes übrig?“ war die Antwort. “Weißt Du etwa einen anderen Weg? — Na also! Hier ist das Geld.“

Ohne die Goldstücke, die Johann auf den Tisch zählte, eines Blickes zu würdigen, wandte Karl sich wieder dem Fenster zu. Mit tonloser Stimme sagte er über die Schulter zurück: “Na schön, dann ist es eben aus. Der Hof verloren.“

“Ja, war er denn anders nicht verloren?“ fragte Johann trotzig zurück.

Verloren! Verloren! tönte es in Karls Ohren. Sein Hof! Nichts hatte er dann mehr! Betteln mußten sie dann gehen! O, dieses verfluchte Leben! Man rackerte sich ab, brachte es zu nichts und die anderen?

Sie waren nicht mehr zu retten. Es sei denn, daß irgend etwas Außergewöhnliches geschähe. Etwas ganz Außergewöhnliches. Wenn etwa, . . Karl schreckt auf. Die Ungeheuerlichkeit des Gedankens machte ihn zittern.

Der Mond stand als blasse Scheibe am Himmel und erfüllte die Wiesen und das Tal mit milchigem Schaum. Das herbstliche Land schlief. Eine fühlbare Stille erfüllte die Luft. Nur ab und zu ertönte der Schrei eines Käuzchens aus den nahen Wäldern. Jetzt löste sich ein Schatten aus den Mauern des Brinkhofes. Eine Gestalt glitt den Weg nach dem Stockshof hinunter. Nach wenigen Schritten hatte sie der Schatten der Bäume verschlungen. Noch einmal tauchte sie unterhalb des Brunnen auf, dann war sie für lange Zeit unsichtbar.Man hörte jetzt ein Schlagen wie von Stahl auf Stein, dann ein kurzes Aufglühen ….

Jost Stocks erwachte aus tiefem Schlaf. Es konnte nicht spät sein, das stellte er auf den ersten Blick fest. Schläfrig rieb er sich die Augen. Was der Hund nur hatte?! Das Tier riß an der Kette, jaulte und bellte ununterbrochen. Jost war es, als ob auch die Pferde unruhig würden. Er blickte auf seine Frau neben sich. Sie hatte nichts bemerkt. Line war noch sehr jung, erst 28 Jahre. Mit einem Blick voller Liebe betrachtete Jost das feine offene Gesicht mit den kindlichen Zügen. Ihr Atem ging regelmäßig. Die eine Hand lag auf der Decke. Jost ergriff sie und hielt sie vorsichtig und zärtlich in der seinen. Liebkosend strichen seine Finger über die ihrigen. Er tat so etwas nicht oft, das lag ihm nicht. Aber heute hatte er das unbestimmtes Gefühl, daß er ihr etwas gutes tun, daß er ihr danken müßte für die Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte. Sechs Jahre waren sie verheiratet, und Jost liebte sie noch wie am ersten Tag.

Plötzlich fuhr er zusammen. Draußen gellte ein Schrei:

“Feuer … Hilfe! ….“

Ein langgezogener Klageruf dann:

“Feuer …! Bauer …! Hilfe!“

Jost sprang aus dem Bett, riß die Vorhänge beiseite, das fenster auf und fuhr zurück. Dicht vor seinen Augen schien die lodernde Glut zu wallen. Die Scheune stand in hellen Flammen, die schon auf das haus überzugreifen drohte.

Und noch einmal der Schrei: “Hilfe … Feuer!!!“

Jost fuhr ins Zimmer zurück. Ein heiserer Ruf entrang sich seinen Lippen.

“Line … Line, die Kinder! … da …!“

Seine Hand wies durch das offene Fenster in das Glutenmeer. Die jungen Frau starrte mit vor Schreck weit offenen Augen ins Zimmer. Sie rührte sich nicht. Jost sprang auf sie zu, riß sie an den Schultern und zog sie auf. Dann sprang er zur Tür, ergriff Hose und Jacke und rannte hinaus. Die drei Knechte stürmten soeben aus der Kammer. Aus der Mägdekammer waren laute, schrille Schreie zu hörbar. Jost rannte auf die Deele. Zuerst die Tiere! Der Schweinekoben war schon geöffnet und die Tiere hinausgelassen.

Dann zu den Kühen! Sie standen unruhig und brüllend vor den raufen und sahen mit angsterfüllten Augen auf die Männer, die hastig ihre ketten lösten. Jost rannte zu den Pferden, denn m Kuhstall wurden sie allein fertig. Die Pferde waren wild. Unruhig drängten sie sich aneinander, schlugen aus und versuchten zu beißen, als Jost kam. Nur mit Mühe konnte er den Hengst losbinden. Kaum war das Tier frei, so bäumte es sich auf und jagte aus der Deele in die Nacht hinaus. Auch die anderen Tiere gab Jost frei.

Auf der Treppe kam ihm Line mit den weinenden Kindern entgegen. Schreckensblaß wollte sie ihn etwas fragen, aber er hörte nicht. In der Stube sprang er ans Fenster und warf hinaus, was er erreichen konnte.

Dann stand Jost im Kreise der Neugierigen vor dem Haus. Sein junges Weib hielt er bei der Hand. Mit zusammengebissenen Zähnen starrte er auf die lodernden Flammen.. Zu retten gab es nichts mehr, zu löschen wäre vergeblich gewesen. Plötzlich krampfte sich die Hand der Frau zusammen. Angstvoll suchend irrte ihr Blick umher.

“Jost,“ keuchte sie, “Jost! Wo ist Heinrich?“ Heinz, der ältere Junge war nicht da.

“Jost, Heinrich ist nicht da!“

Der gellende Aufschrei des Mutterherzens riß den Mann aus der Betäubung. Ein wahnsinniger Schreck durchzuckte ihn. Heinrich? Der Junge nicht das? Im brennenden Haus?

Er schrie die Nächststehenden an:

“Habt ihr den Jungen nicht gesehen?“

Das Kind war nicht bemerkt worden. Die Frage flog von Mund zu Mund. Jost zitterte vor Angst und Erregung. Eine hatte sich jammernd an ihn gehängt. Plötzlich riß er sich los und rannte auf das brennende Haus zu. Mit einem schrillen Aufschrei stürzte Line einer Nachbarin in die Arme.

Ein, zwei Mann sprangen dem Bauern nach, doch bevor sie ihn erreicht hatten, war er schon in dem brennenden Rahmen der Deelentür. Einen Augenblick hielt er inne. “Heinz!“ flüsterte er. Dann stürzte er in die rote Wand. Doch nur zwei Schritte konnte er tun, da traf ihn ein herabstürzender Balken und er brach zusammen. Ein roter Funkenregen staubte auf.

Jetzt hatten die Knechte den am Boden liegenden erreicht und rissen ihn aus dem brennenden Haus. Sie warfen den leblosen Körper zu Boden und suchten die Flammen zu ersticken. Dann betteten sie ihn unter einen der Bäume an der Hofumfriedung.

Weinend kniete Line neben ihn nieder und nahm den verbrannten Kopf des Mannes in ihren Schoß. Jost lebte noch. Einen Augenblick schien er etwas sagen zu wollen, dann versank er in die dunkle Nacht der Bewusstlosigkeit.

Das Haus brannte unterdessen weiter. Alle Einwohner von Huxol standen dabei und betrachteten das grausig-erregende Schauspiel.

Line hielt noch immer den kopf ihres Mannes. Ihre Tränen perlten auf seine wunden Hände. Unabläßig streichelte sie seine Wangen.

Plötzlich berührte sie einen Hand, und als sie aufblickte, stand Heinrich vor ihr mit einem kleinen weißen Lamm, seinem Lieblingstierchen auf dem Arm.

“Mutter“, bat der kleine mit furchtsamer Stimme., “Sei nicht bös! Bitte, bitte nicht! Ich hatte nur so Angst um’s Lämmchen, und da habe es gesucht! Aber es lebt ja noch!“

Das letzte sprach das Kind mit einem glücklichen Lächeln in den Augen. Die Frau aber brach mit einem wehen Aufschrei über dem Körper des Mannes zusammen.

Fünf Wochen darauf zog an einem regnerischen Herbsttage des Jahres 1845 ein Zug die Landstraße nach dem kleinen Friedhof hinauf, der zu Huxol gehörte. Hinter dem zug schritten eine junge Frau und drei Kinder.

Die Trostworte des Pastors am Grabe fanden nicht den Weg zu ihrem Herzen, die gepanzert allen Einflüssen schienen, die nicht der Trauer um den Tod des geliebten Mannes dienten. Die Tränen hatten aufgehört zu fließen. Nur in ihren Augen stand ein namenloses Entsetzen.

Ganz am Ende des gleichen Zuges stand Johann, der ältere der Brinksbrüder, und starrte auf den Sarg. Er war allein. Der Bruder war zu Hause geblieben.

– 1863. –

Der Mond schien durch die halb zugezogenen Vorhänge und malte helle Flecken auf den Fußboden und die Wände. Durch das offene Fenster drang das leise, sanfte Rauschen der Bäume vor der Kammer des ältesten Sohnes des Stockshofes. Die Vorhänge wehten leise hin und her.

Der Junge wälzte sich von einer Seite auf die andere. Er konnte nicht schlafen, denn zu viele Gedanken hatte die Erzählung der Mutter in ihm wachgerufen. Er hatte zum ersten Male richtig gehört, wie sein Vater eigentlich gestorben, nein umgekommen, ein Opfer der Flammen geworden war. Der 22-jährige atmete schwer. Die Gedanken und Fragen schmerzten. Heinrich warf die Kissen zurück und trat ans Fenster. Vor seinen Blicken glänzte die Landschaft: die Felder, Wiesen und Wälder von Huxol. Das alles würde bald ihm gehören! Er sog tief die kühle Nachtluft ein.

Sein Blick fiel auf den Brinkshof. Ein kleines Licht schien durch die davor liegenden Bäume. Der Junge beugte sich weit hinaus und ein sehnsüchtiges Lächeln trat auf seine Lippen. Dort wohnte Traute, die 18-jährige Tochter des Brinkbauern. Ob sie wohl auch schon schlief? Oder dachte sie an ihn, so wie er an sie?

“Traute“, flüsterte er leise, “Traute, ich hab Dich so lieb!“ Er lehnte den Kopf zurück an den Fensterrahmen und blickte zu den Sternen hinauf. Das glückliche Leuchten auf seinen Zügen verhärtete sich. Oh, es war doch so schön, zu leben! Es gab einen Menschen, den er liebte, so ganz anders liebte, als die Mutter.

Set wann wußte er das eigentlich? Er stellte sich noch einmal alle die glücklichen Stunden vor, die seit Beginn seiner Liebe zu Traute durchlebt hatte. Das war gar nicht so lange her; damals, vor drei Monaten war es gewesen.

Eines Abends, — er saß mit seinen Eltern in der Stube — klopfte es, und ein Mädchen trat herein, mittelgroß, blond, mit wundervollen Augen. Das sah er sofort. Auch die langen Wimpern fielen ihm auf. Es war Traute, die Nachbarstochter. So nahe und so lange hatte Heinrich sie eigentlich noch nie gesehen. Seit dem Brande damals — er war ja noch ein kleines Kind — hatte man jeder Verkehr miteinander abgebrochen. Unbewußt war die Abneigung der Stocksbauern den Brinksleuten gegenüber gewesen. Das änderte sich auch nicht, als sie dann zum zweiten Male heiratete. Dann war Karl, der jüngere der Brinksbrüder, gestorben. Zuerst hatte man ihn in Verdacht gehabt, der Brandstifter zu sein. Aber dann war ein Knecht als Täter entlarvt worden, der sich an Jost Stocks wegen einer persöhnlichen Beleidigung rächen wollte. — Ja, und dann hatte Johann doch noch geheiratet und eine gute Frau bekommen. Das Trinken zwar gab er nach jener schaurigen Brandnacht auf. Und nun hatte er eine so solch große Tochter.

Das Mädchen wollte nur die Peitsche holen damals, da der Vater ausfahren wollte und die seine vergessen hatte. Doch sie blieb länger, erzählte und gab freundlich auf alles Antwort. Unverwandt blickte Heinrich sie an. Und als sie schließlich ging, blieb ein solch’ wehes und doch zugleich glückliches Gefühl in seinem herzen zurück; er hatte so etwas nie gekannt. Es schien ihm die Kehle abzupressen, und doch hätte er jubeln, jauchzen, unter Tränen lachen können vor Glück. Ganz seltsam war es damals gewesen, und er schüttelte auch jetzt noch den Kopf. Un dabei wußte er nicht, daß es die Liebe, die erste große Liebe war, die ihn mit zarten Flügeln gestreift hatte.

Morgen nach dem Gottesdienst würde er sie sehen, mit ihr sprechen! Denn heute hatte er den Jungen mit einem Zettel hinüber geschickt, auf dem er traute um ein Stelldichein bat. Und sie hatte das Blatt angenommen, hatte es nicht zurückgeschickt. Sie würde bestimmt kommen! Aber die Zeit bis morgen deuchte ihm so unendlich lang!

Auf dem Brinkhof starrte auch ein junges Menschenkind in daß Dunkel, doch es stand nicht am geöffneten Fenster, sondern es hatte sein blondes Köpfchen in die Kissen eingegraben. Zuerst hatte es geweint vor Ratlosigkeit, Schmerz und … Glück. Denn als am Morgen jener Zettel kam mit der unbeholfenen Schrift, hatte sie nicht gewußt, was sie tun sollte. Erst hatte sie gelacht. Es war doch zu komisch. Sie, Traute, 18 Jahre alt und ein Stelldichein mit einem, der in sie verliebt war?

Mit einem . . ja, wer war denn der eine? Plötzlich war sie sehr ernst geworden, sehr ernst und fast verlegen. Sie hatte den Zettel in der Schürzentasche verborgen, hatte den Jungen zum Stockshofe zurückgeschickt und war eilig wieder an ihre Arbeit gegangen, übereilig. Sie hatte versucht, den albernen Zettel zu vergessen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Und dann hatte sie es auf einmal nicht mehr abwarten können bis der Abend kam und sie den Zettel auf ihrer Kammer genau besehen und überlegen konnte, was zu tun. Immer öfter hatte sie das Blatt hervorgeholt, und schließlich war sie dann allein. Nachdenklich las sie Zeile für Zeile. Und dann hatte sie geweint. Es war soch zu dumm! Sie wußte gar nicht was sie tun sollte, ja, sie hatte Angst. Etwas Fremdes spürte sie in sich. Aber unter den Tränen hatte sie gelächelt, erst schmerzlich und dann glücklich. Der dumme Junge! Der hatte sie lieb? Sie legte sich zu Bett und wieder kamen ihr die Tränen. Doch dieses Mal war es das Glück, dem sie gehörten. Und dann war sie sehr müde geworden. Doch bevor sie einschlief, fühlte sie unter das Kopfkissen. Ja, das kleine Blatt lag noch dort! Und das Lächeln blieb auf dem Gesicht der schlafenden.

Durch den erwachenden Morgen trabte ein Reiter auf das Tal von Huxol zu. Die jugendliche Gestalt saß aufrecht und straff im Sattel. Man erkannte in dem wohlgegliederten Jüngling unschwer den Sohn eines der wohlhabenden Bauern der Umgebung. Er mochte wohl 20 Jahre alt sein. Sein bartloses Gesicht war von der frischen Morgenluft gerötet. Er trug einen grünen Lodenanzug und hohe Stiefel. Die ganze Kleidung verriet den Reichtum seines Vaters.

Er war noch eine Viertelstunde von Huxol entfernt, aber seine Gedanken waren schon am Ziel. Sie beschäftigten sich mit den Menschen, denen sein Besuch galt. Sein Ziel war der Brinkshof und die Tochter des Bauern. Ja, die Tochter! Er würde Traute Brinks heute Abend zum Tanze in das Dorf holen. Er würde sie einladen, jawohl! Ob sie kam? Sie mußte kommen, konnte froh sein, wenn er sie holte. Und ihr Vater? Der hatte seinen Mund zu halten. Der konnte froh sein, daß er aus der Affäre mit dem Stockshof damals so glimpflich davongekommen war. Wollte doch mal sehen, wer ihm zu trotzen wagte, ihm, Rudolf Riksmeier. Dafür hatte sein Vater den weitaus größten Hof der ganzen Umgebung. Dagegen war selbst der ansehnliche Stockshof klein. Selbsbewußt richtete er sich im Sattel auf und gab dem Pferd die Sporen.

Auf dem Brinkshofe wurde er in die gute Stube geführt. Die Magd bedeutete ihm, daß der Bauer, den er zu sprechen wünschte, nicht daheim sei, daß aber seine Tochter gleich komme. Als Rudolf allein war, schwand ein Großteil seiner Selbstbeherrschung. Mit Traute allein? Nein, das paßte ihm gar nicht. Und als Traute ins Zimmer trat, war nicht mehr viel von dem selbstbewußten Rudolf und zukünftigem Domänenbesitzer übrig. Traute ging freundlich auf ihn zu und begrüßte ihn. Das gab ihm einen Teil seines Selbstbewußtseins wieder Etwas herablassend gab er ihren Gruß zurück. Auf die freundliche Frage nach dem Grund seines Besuches setzte er ihr mit trockenen kurzen Worten seine Absicht auseinander. Taute war erstaunt. Lachend erwiderte sie ihm:

“Aber wie komme ich denn dazu, mit Dir tanzen zu gehen?“

“Nun,“ sagte Rudolf, “ich wußte eben keine andere, und außerdem gefällst Du mir!“

Noch immer lachend erwiderte Traute: “Und wenn ich nun nein sage?“

Wegwerfend sagte Rudolf: “Das kommt gar nicht in Frage! Schließlich bin ich es ja, der Dich holt, und manches andere Mädchen wäre froh, wenn sie an Deiner Stelle wäre.“

Trautes Gesicht wurde plötzlich ernst. Hochmütig schürzte sie die Lippen und blickte zum Fenster hinaus. Sie sagte nichts.

Zu spät erkannte Rudolf, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Einlenkend sagte er: “Also ich darf Dich doch abholen, heute Nachmittag?“

Traute antwortete jetzt sehr kühl und schnell: “Nein. Ich muß gleich zur Kirche. Und da wird es der Vater nicht erlauben, daß ich heute Nachmittag auch aus dem Hause bin. Zudem bekomme ich noch anderen Besuch.“

Sie konnte es sich nicht verwehren, ihm diesen Stich zu versetzen. Die Wirkung blieb dann auch nicht aus. Rudolf schoß das Blut ins Gesicht. Er war es nicht gewohnt, daß man ihm widersprach. Zu Hause wagte das keiner; und bestinmmt gab ihm keiner so unverblümt zu verstehen, daß er ihm gestohlen bleiben könne.

Wütend rief er jetzt:

“So, deshalb willst Du also nicht? Hast wohl schon einen anderen, wie? Schau da, daß hat auch keiner gedacht. Wer ist es denn. wie?“

Da Traute ihm keine Antwort gab, steigerte sich seine Wut. Fast überlaut schrie er: “So, Du willst nicht? Dann laß es sein. Aber Du wirst noch einmal froh sein, wenn dich ein Riksbauer nimmt. Den anderen Hund, den mach ich ausfindig. Dem geht’s dreckig!“

Das Mädchen war schweigend zur Tür gegangen und hatte ebenso schweigend in unnachahmlichen Stolz das Zimmer verlassen. Einen Augenblick stand Rudolf betroffen da. Dann ergriff er wütend seinen Hut und verließ mit dröhnenden Schritten den Hof. Draußen schlug er vor Wut dem Pferde die Sporen in die Weiche, daß es hell aufwiehernd davonjagte.

Auf der gleichen Bank an Ende des Gartens, auf der schon einmal zwei junge Menschen in ihrem Glück, das ein so trauriges Ende fand, gesessen hatten, saßen Traute und Heinrich. Der Junge hatte den Arm um des Mädchens Schulter gelegt und lächelte vor sich hin, denn er war ja so glücklich. Er hatte Traute seine Liebe zu ihr bekannt und von ihr ein gleiches Geständnis erhalten. Nun würden sie beide zusammen den Weg durch’s Leben gehen. Sie würden zusammen glücklich sein in ihrem Tal. Gerade heute hatte die Mutter gesagt, daß es am besten wäre, wenn er ein Mädchen aus Huxol zur Frau nähme. Dann kämen zwei Höfe gut zusammen. Nun wußte er, wie das sein würde.

Leise zog Heinrich das Mädchen an sich und drückte einen Kuss auf ihre Lippen.

Drei Wochen später ritt wiederum ein Reiter auf Huxol zu. Wieder war es Rudolf, der Sohn des Riksbauern, nur, daß es dieses Mal Abend war. — Ein leichtes Lächeln der Befriedigung spielte um Rudolfs Lippen. Diese Mal würde er nicht unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. Er wußte ja nun, wer der andere war, der ihn bei Traute ausstechen wollte. Nur gut, daß sie auf dem Stockshofe den Knecht, den Polen, so schlecht behandelt hatten. Da hatte er dann leichtes Spielgehabt. Als sie abends im Dorfkruge saßen, erzählte ihm der Pole bald, daß sich zwischen den beiden Höfen etwas anspinne. Der Junge habe einen Zettel hintragen müssen, und dann habe er nach der Kirche so etwas gesehen.

Zuerst hatte Rudolf nicht viel um das Gerede gegeben. Aber dann, als die Namen fielen, war er doch hellhörig geworden. Nun wußte er alles, wußte, daß Traute öfter auf den Stockshof kam, und daß Heinrich sogar schon unter ihrem Fenster gestanden hatte. Da hatte er sich seinen Plan zurechtgelegt. — Also, der Stock war es. Der wollte ja nur den Hof haben. Er würde das dem Mädchen einmal klar machen, und dann wollte er doch sehen, ob sie ihn wieder stehen ließe.

Er trieb sein Pferd an, bis es in leichten Trab fiel. das letzte Stück Weges ging er zu Fuß. Er mußte an dem ersten Hof vorbei, dann lag der Brinkshof vor ihm. Die Fenster stachen als helle Rechtecke gegen die dunklen Hauswände ab. Nichts war zu hören als ab und zu ein knacken in den Ästen und von fern der Schrei einer Eule. Es mochte eine Stunde vor Mitternacht sein. Da plötzlich wurde Trautes Zimmer hell. Er sah sie Silhouette des Mädchens am Fenster. Rudolf schlich an das haus heran, hob ein Steinchen auf und warf es gegen die Scheiben. Nichts geschah. Er wiederholte das Spiel und rief leise Trautes Namen. Jetzt erschien das Mädchen am Fenster und schaute hinaus. Sie mochte den Untenstehenden entdeckt haben, denn sie trat zurück und löschte das Licht. Dann öffnete sie leise das Fenster und beugte sich hinaus.

“Heinrich?“ ertönte die fragende Stimme des Mädcehns. Der Mann triumphierte: Also stimmte es !

*“So, meinst Du, Dein Schatz ist es? Nein diesmal nicht. Jagst Du mich wieder fort, wenn ich dich einlade?“

Traute hatte ihn erkannt. Sie fuhr zurück und schloß das Fenster. Nein, so durfte es nicht kommen. Rudolf warf wieder ein Steinchen. Er rief ihren Namen vergeblich. Er rief lauter, warf noch einmal. Nichts! Jetzt rief er absichtlich laut. Mochte man ihn hören! Sie würde dann schon öffnen. Der Erfolg blieb auch nicht aus. Traute öffnet das Fenster und fragte mit unwilliger Stimme: “Was willst Du denn? Laß mich in Ruhe, ich hab nichts mit Dir zu schaffen!“

“Mit mir nicht, aber mit dem anderen, wie?“ Zynisch lachte ihr das entgegen. Wieder wollte das Mädchen zurück. “Wart“, keuchte er. “Hör zu!“ Widerstrebend hielt Traute inne. “Sag’, glaubst Du wirklich, daß er dich liebt? Er, vom Stockshof, Dich, die Tochter des Brinksbauern? Den Hof will er, sonst nichts. Der ist doch ein Stocks.“

Das Mädchen war einen Augenblick stutzig geworden. Sollte er ….

In diesem Augenblick huschte ein Schatten heran. Eine gestalt sprang zu dem Riksbauern hoch, und ein Faustschlag landete in seinem Gesicht. Rudolf taumelte zurück. Der Angreifer sprang erneut auf ihn zu. Sie wälzten sich auf dem Boden. Jeder versuchte den anderen abzuschütteln. Hinter dem Fenster des Mädchens wurde ein Schrei hörbar: Traute hatte die kämpfenden gesehen. Jetzt lag Rudolf unten. Der andere hatte ihn an der Gurgel und schlug auf ihn ein. “Du Hund, verdammter !“ keuchte er mit heiserer Stimme. Rudolf erkannte Heinrich. Er war verloren, der würde ihn umbringen. Heinrich drückte die Kehle seines Gegners fester. Er würde ihn erdrosseln.

Plötzlich schlug der Hund an. Im Hause wurde eine Stimme laut. Einen Augenblick verhielt Heinrich. Das genügte! Rudolf warf mit einer verzweifelten Anstrengung ab, sprang auf und jagte in der Dunkelheit davon.

Heinrich machte keinen versuch ihm zu folgen. Taumelnd stand er auf und lehnte sich an einen baum. In ihm tobte eine unbändige Wut. Also hatte Traute einen anderen! Eifersucht, Haß und Traurigkeit kämpften in ihm.

Schließlich siegte die Traurigkeit. Also war es aus! Und er hatte sie so geliebt! Die Tränen traten ihm in die Augen. Plötzlich öffnete vor ihm Trautes Fenster. Das Mädchen beugte sich vor.

“Heinrich, Heinrich!“ rief sie mit flüsternder Stimme. Heinrich trat mechanisch vor. Mit einem leeren Ausdruck im Gesicht blickte er zum Fenster empor.

“Heinrich, was hast Du gemacht? Warum hast Du ihn geschlagen?“ flüsterte sie mit ängstlicher Stimme.

“Hast wohl Angst um ihn, wie?“ fragte er hönisch.

“Ach DU, ich kenne ihn ja gar nicht.“

“So. Du kennst ihn nicht? Läßt ihn aber in deine Kammer, wie?“

“Heinrich, Lieber, glaub mir doch. Ich habe nichts mit ihm.“ Das Mädchen fing an zu weinen.

Der Junge wurde nur noch wütender.

“Spiel’ Dich doch nicht auf! Heuchelt die Unschuld und läßt solch einen Kerl auf ihre Kammer! Pfui Teufel!“ Er spuckte auf die Erde, wandte sich um und ging ohne weiteres Wort in der der Dunkelheit davon.

In seiner Kammer trat er ans Fenster. Der Mond schien silbern auf das friedliche Land. Heinrich blickte noch einmal wehmütig zum Brinkshof hinüber. Das Haus lag völlig dunkel da. Eine Sternschnuppe fiel, und es war eine Träne, die der Himmel über das Leid der Erdenkinder weinte.

Mit einem tiefen Seufzer schloß Heinrich das Fenster und zog die Vorhänge zu.

Seit Tagen schweifte der Junge Stocksbauer draußen umher. Er gab vor, zu jagen, nahm auch immer die Büchse mit. In Wirklichkeit suchte er Rudolf, um ihm alles, aber alles zurückzuzahlen. Er brachte nur selten Beute mit Heim, mal eine Hasen oder eine Ente.

Diesmal war gegen Mittag plötzlich aufgesprungen, hatte die Büchse ergriffen, denHut aufgestülpt und war hinausgerannt. Er nahm die Richtung auf den Bentorfer Teich. Ein Hase hoppelte ihm über den Weg, er achtete nicht darauf. Seine Gedanken waren wie immer bei Traute und bei dem anderen. Wie er beide haßte! Er hätte sie beide töten können, das Mädchen, weil sie ihn, wie wie er glaubte, verraten hatte, den Mann, weil er sie dazu verführt hatte.

Der Teich lag vor ihm. Ein Schwarm Enten flog bei seinem Erscheinen auf. Plötzlich hatte er Lust zu jagen. Er ging hinter ein paar Bäume in Deckung und wartete, bis sich die Tiere beruhigt hatten. Gerade wollte er abdrücken, als von der gegenüberliegenden Seite ein Schuß ertönte und der Schwarm erneut aufgejagt wurde. Nur eines der Tiere schwamm tot auf dem Wasser. Jetzt stürzte ein Hund aus dem Walde und holte die Ente. Die gegenüberliegenden Büsche teilten sich und Rudolf Riksmeier trat hervor.

Heinrich zitterte die Büchse in den Händen. Da stand sein Todfeind, endlich! Er würde ihn jetzt von hier abknallen, das Schwein! Doch fiel ihm ein, daß das feige und gemein gwesen wäre. So trat er aus seiner Deckung und rief den anderen an.

“Hier schieß wenn Du Mut hast.“ Er lief einige Schritte um den Teich herum, dann drückte er ab. Ein hönisches Gelächter zeigte ihm, daß er gefehlt hatte. Doch bevor Rudolf nun schießen konnte, war Heinrich über ihm. Beide ließen die Büchsen fallen. die kämpfenden rollten im Sande. Keiner gab heute dem anderen etwas nach. Immer näher kamen sie dem Teich. Heinrich wollte wollte schreien: “Einhalten!“ Doch das wäre sein Tod gewesen. Keuchend rangen sie weiter. Abwechselnd tauchte das eine oder das andere der verzerrten Gesichter auf. Sie waren nur noch einige Schritte vom Ufer entfernt. Dann ertönte ein gräßlicher Schrei ….

Am Tage darauf wurde Heinrichs Leiche auf den Stockshof gebracht. Ein paar Männer hatten sie mit Stangen aus dem Teich gefischt. Er schien ertrunken, bei einer nächtlichen Jagd in den Teich gestürzt. Sie hatten ihn auf einem Brett gebracht, und dieses Brett stand nun auf zwei Stühlen in der guten Stube.

Aus den Kleidern des Toten troff es, und am Bodn bildete sich langsam eine Lache.

– ❋ –

Der Bauer war mit seiner Erzählung zu Ende.

Eine Weile saß ich regungslos und schweigend, tief ergriffen von dem eben Gehörten. Nur das knistern der Buchenscheite im Ofen unterbrach die Stille.

Dann erhob ich mich und gab dem Bauern die Hand. Ein anders Zeichen des Dankes erschien mir unpassend. Er hielt sie einen Augenblick fest. “Sehen Sie“, sagte er, “unser Leben hier ist auch nicht immer leer. Es geschieht zwar nicht viel, aber jeder hat doch eben sein Schicksal. Man muß das Gewaltige und Große im einfachen Menschen nur erkennen können.“

Ich drückte dem Bauern schweigend die Hand und ging hinaus.

Quelle: Lippischer Kalender 1950 – Von Herbert Nierhaus