Der Immendieb am Schandpfahl

Hans Br. aus der Grafschaft Sternberg hatte sich wiederholt für Süßigkeiten interessiert und Immen gestohlen. Nachdem er das erste Mal noch rechtzeitig „flüchtigen Fußes außer Landes entkommen“ war, hatte man ihn nach seiner Rückkehr im nächsten Jahre wieder bei seinen süßen Gewohnheiten ertappt. Für dieses Mal sollte ihm der Honig aber schlecht bekommen. Er wurde auf dem Schloß Brake gefangengesetzt. Der Vorgang wurde dem Hohen Peinlichen Halsgericht in Detmold unterbreitet. Das Verfahren ward schnell erledigt, und nach ein paar Tagen erschien bereits der Sekretär des Hohen Peinlichen Halsgerichts auf dem Schloß Sternberg mit dem Urteil in der Tasche.
Der Immendieb am Schandpfahl 1In einem Instruktionsschreiben an den Amtmann Tilhen waren Einzelheiten der Vorbereitung zur Urteilsverkündung festgelegt: „Unten im Schloßplatz, wo die Bawem sich vor der Amtsstube zu versamblen pflegen“, sollte ein Tisch aufgestellt werden, an welchem der Amtmann als Kommissar des Gerichts nebst dem Sekretär Platz nehmen sollten. Alsdann war durch die Fußknechte der Delinquent gebunden vorzuführen. Nach Eröffnung des Tatbestandes, den Br. bejahen müsse, sollte mit Rücksicht auf das „gelinde Urteil“ in der Tasche des Sekretärs darauf hingewiesen werden, daß er für seine Diebereien „öffentlichen Staupenschlag und Landesverweisung“ verdient habe. Hiernach möge man dem Br. eine Weile Zeit zur Besinnung lassen; er würde dann wohl um Gnade bitten. Erst nachdem das geschehen, sollte ihm nach zuvoriger nochmaliger scharfer Verwarnung vor Rückfälligkeiten eröffnet werden, daß der Landesherr mit Rücksichtnahme auf seine schlechte wirtschaftliche Lage für dieses Mal in Gnaden gewogen sei und also „vor Recht erkannt“ habe: „daß Hans Br. sothaner seiner verübten Dieberei halber gar wohl verdienet, mit öffentlichem Staupenschlag und Landesverweisung abgestrafet zu werden, daß demnach dieses folgender Gestalt aus bewegenden Ursachen zu mildern sei, nämlich, daß er acht Tage lang und zwar jed- weden Tages von 9—1 Uhr an den öffentlichen Pfahl gestehet und geschlossen, ihm auch zum Zeichen vollbrachten Diebstahls einen Bienenkorb auf den Rücken gebunden und er letztlich durch den Scharfrichter in carcere mit Ruhten scharf aus- streichen und darauf wiederum zu seiner Handtierung dimittieret werden soll“. Br. erhielt nunmehr sofort seine erste Kostprobe am Schandpfahl mit dem Bienenkorb auf dem Rücken. Es war im November, und es mochte schon empfindlich kalt sein. Bei dem Gedanken aber an den letzten Hafttag, an die Ausstreichung mit Ruten durch Meister David, wird er sicher nicht mehr gefroren haben.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1955 – von K. S