Die Korbflechterei gehörte bis in die 50er Jahre zu jenen
 Handwerken, die in nahezu jedem lippischen Dorf vertreten 
waren, die aber – ebenso wie das Handwerk des Holzschuhmachers – nur von relativ wenigen Personen als 
regulärer Beruf ausgeübt wurden. Für die Mehrzahl der
lippischen „Körbker“ war die Korbmacherei eine Nebenerwerbsquelle, die sie in den Wintermonaten nutzten, wenn
 sie in ihrem Hauptberuf als Ziegler, Maurer oder auch
 Kleinbauer keine oder nur wenig Arbeit fanden. Wohl auf 
diesen Umstand ist es zurückzuführen, daß es lange nicht 
gelang, die Korbmacher entsprechend dem Beispiel anderer Handwerker berufsmäßig zu organisieren.

Da die mei
sten von ihnen selbständig arbeiteten, ihr Material überwie
gend aus eigenen Weidenbeständen bezogen oder zumindest freien Zugang zu Weiden hatten und überdies nur für
 den lokalen Bedarf der bäuerlichen Wirtschaft produzierten,
somit als Korbmacher weder „Arbeitnehmer“ im eigentli
chen Sinne waren noch auf die Organisation von Material
beschaffung und Absatz der fertigen Ware durch Dritte
angewiesen waren, bestand an einer standesgemäßen
 Vertretung in vielen Teilen Lippes wenig Interesse1vgl. „Korbflechten Ausweichberuf für Ziegler“ In: Lippische Rundschau 5, 38, 1950, vom 14. Februar. Es läßt sich daher auch nicht immer genau ermitteln,
 wieviele Korbmacher es insgesamt in Lippe gab bzw. in 
wievielen Haushalten überhaupt Körbe geflochten wurden.
 Die in den Statistiken aufgeführten Zahlen weisen augenscheinlich nur die hauptamtlichen, nicht aber die zahlreichen nebenberuflichen Korbflechter aus.

Weidenkörbe für die Kartoffelernte und andere Zwecke.

Weidenkörbe für die Kartoffelernte und andere Zwecke.

Einfache Körbe wurden lange Zeit von fast allen bäuerlichen Haushalten selbst angefertigt. Die Produktion für den Verkauf setzte in Lippe erst relativ spät ein. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts scheint auf den meisten Höfen der Bedarf an Kartoffelkörben und Reiserbesen (die ebenfalls von Korbmachern hergestellt wurden) noch überwiegend selbst gedeckt worden zu sein. Mit der wachsenden Zahl von Wanderarbeitern setzte dann aber eine Art Spezialisierung in der Korbmacherei ein, indem die Herstellung von Korbwaren mehr und mehr diesem Personenkreis überlassen wurde. Da die Ziegler im Winter ohnehin keine geregelte Beschäftigung hatten, verfügten sie über genügend Zeit, größere Mengen an Körben zu flechten, auf deren Erlös sie im übrigen auch dringend angewiesen waren. Verdienen ließ sich mit der nebenberuflichen Korbflechterei nur wenig, solange die Nachfrage unregelmäßig und begrenzt war, weil es auf den meisten Höfen immer einige Personen gab, die auch selbst Körbe flechten konnten. Inwieweit die lippischen Körbker jemals als „Stör-Handwerker“ im Winter auf die Höfe zogen, um die benötigten Körbe direkt vor Ort zu fertigen, wie dies aus anderen Regionen bekannt ist2vgl. etwa für Süddeutschland: Frieder Stöckele und Roland Bauer, Vom Korbmacher, wo flinke Hände flechten und formen, 1989, S. 4, ließ sich nicht in Erfahrung bringen.

Gewerbsmäßig wurde die Korbmacherei nur dort betrieben, wo gute Voraussetzungen hinsichtlich der Rohstoffvorkommen und regelmäßige Absatzmöglichkeiten gegeben waren. Das galt vor allem für die Dörfer in der Nähe der Weser, wie Varenholz, Stemmen, Silixen oderauch Bremke, wo man die benötigten Weidenruten auf sumpfigen Wiesen des Kalle- und Extertales selbst anbaute oder von Weidenanbauern an der Weser bezog und die Glashütten in Rinteln, Minden und Obernkirchen für eine garantierte Abnahme der Körbe sorgten3vgl. Hildegard Bode, Die Geschichte der Korbmacherei im Extertal, Teil I, 1974, S. 23. In dem Maße, wie die Produktion von Flaschen, insbesondere Ballonflaschen, stieg, nahm auch die Zahl der hauptberuflich arbeitenden Korbflechter zu4siehe Wilhelm Weber, Die Korbmacherei in Silixen, 1932. Die Glashütten hatten ihre eigenen Flechtereien, kauften aber bei Bedarf auch von selbständigen Korbmachern, die sich in der Nähe angesiedelt hatten. Gefragt waren vor allem sogenannte G r ü n k o r b a r b e i t e n aus ganzen, ungeschälten Weiden. Für die feinere W e i ß k o r b f l e c h t e r e i, bei der geschälte Weiden verarbeitet werden, bestand dagegen in Lippe nur ein sehr begrenzter Bedarf. Zu den Weißarbeiten zählen Waschkörbe, Brot- und Bäckerkörbe, geflochtene Einkaufstaschen und Henkelkörbe, Stuhlsitze, Korbsessel und vieles andere mehr In ganz Lippe gab es nur wenige größere Betriebe(in Varenholz, Stemmen und Detmold), die sich auf Feinkorbwaren spezialisiert hatten. Es wurde allerdings noch bis Mitte der 50er Jahre eine reguläre Ausbildung als (Weiß-)Korbmacher angeboten, die drei Jahre dauerte und mit der Gesellenprüfung abgeschlossen wurde. Auch Meisterprüfungen konnten vor der Handwerkskammer in Detmold abgelegt werden. Die Weißkorbflechterei kennt eine große Zahl an äußerst komplizierten Flechttechniken und erfordert viel handwerkliches Geschick, während die Grünkorbarbeit in relativ kurzer Zeit erlernt werden kann und in Lippe nicht als Lehre angeboten wurde5vgl. Hinrich Siuts, Bäuerliche und handwerkliche Arbeitsgeräte in Westfalen, 1982, S. 294.

Korbträger in Schwalenberg mit zwei Kartoffelkörben an einer Holzschanne, um 1910.

Die meisten Korbmacher, die Grünarbeiten anfertigten, hatten ihr Handwerk bereits als Kinder oder Jugendliche bei Eltern, Verwandten oder Nachbarn gelernt, aber nie eine Prüfung darin abgeschlossen und konnten auch nur bestimmte Korbarbeiten flechten. Entsprechend gering war die Zahl der Meister‘ 1861 gab es in ganz Lippe 17 Korbmacher, davon nur sechs auf dem Lande. Bis zur Jahrhundertwende schwankte ihre Zahl zwischen 18 und 34, doch die Gesamtzahl der hauptberuflich Beschäftigten im Korbmacherhandwerk betrug während dieser Zeit nie mehr als 50.

Obwohl die vielen nebenberuflich tätigen Korbflechter hinzugerechnet werden müssen und der Aufstieg der Korbmacherei im lippischen Norden in den ersten beiden Jahrzehnten unseres Jahrhunderts beachtlich war, wurde Lippe nie zu einem Zentrum der Korbflechterei und konnte insofern auch nicht mit den traditionellen Flechtgebieten des Obermains, Oberfrankens und Thüringens konkurrieren. Zwar wurden auch in Lippe anspruchsvollere Korbwaren hergestellt, doch waren die meisten Produkte kaum mit den qualitativ hochwertigen Flechtarbeiten der genannten Gebiete, etwa den berühmten Weidenschienenarbeiten aus Michelau, zu vergleichen noch wurde hier besonders viel Wert auf Fortschritte in der Ausbildung von Korbflechtern gelegt, wie dies mit der Gründung von Fachschulen für Korbflechterei an anderen Orten des Deutschen Reiches- wie z.B. im oberfränkischen Lichtenfels – versucht wurde6vgl. Helmut Vocke (Hrsg.), Geschichte der Handwerksberufe, 1959. S. 365 ff., Will, 1978, S. 57 ff..
In einer Beziehung traten die lippischen Korbmacher jedoch nach 1880 als durchaus ernstzunehmende Konkurrenten auf dem Markt auf: sie konnten Mitanbieter aus anderen Korbflechtregionen vielfach in preislicher Hinsicht unterbieten. Die in Lippe häufig verwendete Technik der „gematteten Arbeit“ für grobgeflochtene Körbe, bei der mehrere Weiden gleichzeitig eingezogen werden, ermöglicht es, die Körbe schneller und daher billiger herzustellen als „geschlagene Arbeiten“ für feingeflochtene Körbe, bei denen die Weiden einzeln eingezogen werden.
Der wirtschaftliche Aufstieg des Reiches nach 1880 ließ die Nachfrage nach Verpackungsmaterial sprunghaft ansteigen. Da es damals noch keine Pappkartons oder Verpakkungen aus Plastik und anderen Kunststoffen gab, nahm man zum Versand oder Verkauf von Waren entweder Holzkisten oder geflochtene Körbe. Neben die Glashütten als Hauptabnehmer der Produkte von Korbmachern traten zunehmend Nachfrager aus den Reihen der Fischgroßhändler von den Nordseehäfen Cuxhaven und Bremerhaven, aber auch aus Hamburg und Bremen. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Kleineisenindustrie, Handelsgärtnereien und Baumschulen hinzu. Die Zahl der hauptgewerblichen Korbflechter in Lippe stieg stetig an, zumal der Beruf um diese Zeit gute Verdienstmöglichkeiten bot. Bis 1907 war die Zahl der lippischen Korbmacherbetriebe auf 45 mit insgesamt 82 Beschäftigten angestiegen, 1925 waren es zwar nur noch 39 Betriebe, aber die Anzahl der Beschäftigten war um nahezu 65% auf 127 angestiegen. In Silixen, wo es um die Jahrhundertwende noch kaum Korbmachereien gab, waren bis 1920 ein Dutzend Flechtwerkstätten entstanden, die jeweils vier bis zehn Angestellte hatten. Daneben gab es immer auch Selbständige und Hausgewerbetreibende, die in eigener Regie Aufträge übernahmen oder für einen oder mehrere Großabnehmer arbeiteten und z.T neben Familienangehörigen auch fremdes Personal beschäftigten. Damit gehörte Nord-Lippe allerdings noch keineswegs zu den bedeutendsten Korbflechtgebieten des Weserraumes. Allein im benachbarten Rintelner Gebiet arbeiteten 400 Korbmacher, in ganz Schaumburg-Lippe ca. 2000.

Verladung von Körben in Stemmen, Ende der 40er Jahre.

Die fertiggestellten Flaschen-, Eisen- und Fischkörbe wurden entweder per Leiterwagen zu den Abnehmern gebracht oder mit der Bahn von Rinteln aus verschickt. Die für die Nordseehäfen bestimmten Lieferungen wurden waggonweise verladen, wobei etwa 1200 bis 1400 Körbe gleichzeitig von mehreren Korbmachern versandt wurden.

Ausgetriebene Kopfweiden an der Werre, um 1930.

Das dafür benötigte Rohmaterial kam von den an Flüssen, Bächen oder Feldrainen wachsenden Kopfweiden, deren Ruten sich gut zum Flechten von Kartoffelkörben, jedoch weniger für anspruchsvollere Flechtarbeiten eignen. Für Weißkorbarbeiten wurden die rotbraune Amerikanerweide und die gelbe Weide bevorzugt, die sich beide gut zum Schälen eignen und Erträge von 60 bis 70 Ztr pro Morgen erbringen. Sie benötigen außerdem, im Unterschied zu anderen Weidensorten, trockenen, sandigen Boden, d.h. sie können auch außerhalb von Gewässern angebaut werden. Daneben gab es die hellgelbe Hanfweide und die grüne Ulbrichtweide.

Welche Sorte ein Korbmacher verwendete, hing von den herzustellenden Korbarten ab. Um genügend Weidenvorräte zu haben, gingen die lippischen Korbflechter dazu über, Weiden kulturmäßig anzubauen, z.T auf eigens dafür gepachtetem Land. Dazu mußte der Boden ca 50-60 cm tief umgegraben werden, damit die etwa 30 cm langen Weidenstecklinge bis auf 5 cm eingesetzt werden konnten. Meist waren die Triebe schon im ersten Jahr nach dem Pflanzen verwendbar Solange die Unkraut- und Schädlingsbekämpfung nicht maschinell erfolgte, betrug der Abstand zwischen den Stecklingen etwa 10-20 cm, später wurden sie in größeren Abständen gepflanzt. Gedüngt wurde in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts schon mit Kunstdünger, vor allem mit Thomasmehl und Kali, weniger mit Stickstoff und Phosphat, weil dies die Weidenruten zwar schnell wachsen läßt, aber die Qualität beeinträchtigt.  Zum Flechten benötigte man vor allem elastische Weiden mit zähem Holz, die nur einen geringen Kern hatten. Eine Weidenpflanzung konnte maximal 15-20 Jahre lang genutzt werden. Aus einem Weidenstock wuchsen 10-15 Ruten, die man vor Einführung der Weidenmähmaschine von Hand mit der „Hippe“, einem sichelförmigen Messer schnitt, und zwar während der Saftruhe zwischen dem 15. November und Ende Februar/Anfang März. Standen keine oder nicht ausreichend Weiden zur Verfügung, so wurde von den „Weidenplantagen“ an der Weser zusätzliches Material aufgekauft. Die Weiden dieser Pflanzungen, wie man sie überall um Möllenbeck, Stemmen und Exten antreffen konnte, wurden jedes Jahr im Oktober/November nach dem Laubfall meistbietend versteigert.

Schon während des Ersten Weltkrieges reichten diese Ressourcen nicht mehr aus, und man begann, zusätzlich erhebliche Mengen an Weiden aus anderen Gebieten, vorzugsweise aus Schlesien, Pommern, Posen und der Weichsel, zu importieren.
Nach 1945 waren diese Weidenlieferanten nicht mehr zu erreichen, so daß man sich mit Einfuhren aus anderen Gebieten, namentlich der Elbe, begnügen mußte. Die lippischen Korbflechter waren allerdings in wesentlich geringerem Maße auf importierte Weiden angewiesen als etwa ihre Kollegen aus dem preußischen Wesergebiet, da sie selbst über relativ große Anpflanzungen verfügten und bestrebt waren, sich von den teuren Importen unabhängig zu machen.
Die Weiden mußten, bevor sie verarbeitet werden konnten, zunächst eine Zeitlang getrocknet werden7Einen guten Überblick über die Arbeitsschritte bei der Verarbeitung von Weiden gibt Herbert Reiners, Agrarstruktur und Korb weiden Wirtschaft in der Rur-Wurm-Niederung, 1961, S. 185-200; siehe auch Siuts, 1982, S. 294. Frische Weiden wurden ungern genommen und nur dann, wenn kein getrocknetes Material mehr vorhanden war, weil das Holz während des Trocknens ca. 40% seines Gewichts verliert. Ein frisch verarbeiteter Korb schrumpft nach der Fertigstellung noch erheblich zusammen, und es entstehen u. U. große Löcher im Flechtwerk.
Die für Weißkorbarbeiten vorgesehenen Ruten wurden vor dem Trocknen geschält. Dazu stellte man sie in große Kübel mit Wasser, damit die Feuchtigkeit zwischen Holz und Rinde eindringen konnte. Die Weiden waren dann, sobald sie ausgetrieben hatten, relativ leicht zu schälen. Das geschah dadurch, daß man sie durch eine auf einer Holzbank befestigte Schälklammer zog (Klammerbank). Ein anderes Verfahren, die Rinde zu lösen, bestand darin, die frischen Ruten für ca. anderthalb bis zwei Stunden abzukochen. Bei diesem Vorgang färbte sich das Holz durch die in der Rinde enthaltene Gerbsäure (Salizin) braun.
Zum Trocknen wurden die Weiden gebündelt und sortiert im Freien in großen Holzfinnen aufgestapelt. Dabei war darauf zu achten, daß kein Wasser in die Finne eindringen konnte, weil das Holz dann schimmelig oder stockig wurde und brach. Man schichtete die Weiden daher hausförmig auf, mit zwei Weidenbündeln als Dach, an denen das Wasser ablaufen konnte.

Holzbock eines Korbflechters. Der Flechter saß bei der Arbeit auf dem Schemel am Kopfende des Bockes mit der von ihm abgekehrten Schräge vorsieh. Die schiefe Unterlage der Körbe bot den Vorteil, daß die Weiden immer senkrecht nach oben geflochten wurden, so daß sich der Korb nicht verbiegen konnte.

Die Ausrüstung eines Korbmachers war relativ einfach. Er benötigte lediglich die „Hippe“, Rund- und Flachzange, Messer, Pfriem und Schälholz sowie ein Spaltholz zum Spalten der Weiden und ein Handeisen zum Festklopfen des Geflechtes8Eine graphische Darstellung und kurze Beschreibung der von lippischen Korbflechtern benutzten Geräte gibt Hansen, Hauswesen und Tagewerk im alten Lippe, 1984, S. 308; siehe auch Siuts, 1982, S. 293 – alles Werkzeuge, die ohne großen finanziellen Aufwand angeschafft werden konnten. Die Weiden wurden beim Flechten auf ein meist selbst angefertigtes hölzernes Gestell mit senkrecht stehenden Holzpflöcken, die sogenannte „Ziege“, gelegt. Sie mußten, bevor sie endgültig verarbeitet werden konnten, nach dem Trocknen nochmals 14 Tage zum Einweichen in Wasserbecken gelegt werden, um wieder geschmeidig zu werden. Die Korbmacher brauchten, sofern sie zu Hause arbeiteten, auch keine besondere Werkstatt für ihr Handwerk. Meist wurde auf der Deele oder in der „Waschküche“ gearbeitet. Kartoffelkörbe wurden ohne Arbeitsunterlage auf den Knien geflochten. Zuerst zog der Korbmacher die Weiden über das Knie, um sie biegsam zu machen. Das Flechten begann mit der Herstellung des Rumpfes. Dazu wurden zwei stabile Gerüstbügel, die dem ganzen Korb den Halt gaben, miteinanderverbunden, indem rechts und links an den Kreuzungs punkten eine „Rose“ geflochten wurde, bestehend aus feinen, gespaltenen Weiden, die in Rosettenform um die Bügel herumgezogen wurden. Danach wurden dann die etwas dünneren Bodenbügel eingesteckt und zum Abschluß das Flechtwerk zwischen den Bügeln hergestellt.

Für die Herstellung von runden, ovalen, eckigen oder zylinderförmigen Körben benutzten die Korbflechter einen hölzernen Bock als Unterlage, auf dem eine schrägliegende Holzbohle lag. Der Flechter saß bei der Arbeit auf einem Schemel und hatte den Holzbock mit der von ihm abgekehrten Schräge vor sich. Er begann mit dem Boden: sechs etwas dickere „Bodenstöcker“ wurden zu jeweils dreien kreuzweise übereinandergelegt und mit Weiden so verbunden, daß die Stöcker speichenförmig auseinanderliefen. War der Durchmesser des anzufertigenden Korbes erreicht, so wurden die Stöcker an den Enden abgeschnitten und eine ungerade Zahl von vorn zugespitzten Staken neben die Bodenstöcker gesetzt. Diese Staken wurden am Rande des Korbbodens senkrecht hochgebogen und am oberen Rand mit einem Weidenring zusammengehalten. Damit war das Gerüst des Korbes fertiggestellt. Es wurde mit dem „Pfriem“, einer spitz zulaufenden Ahle, auf dem Flechtbock festgesteckt. Danach begann das eigentliche Hochflechten, wobei der Flechter immer von links nach rechts arbeitete, während er das Korbgerüst von rechts nach links drehte. Dadurch, daß man die Körbe auf eine schiefe Unterlage stellte, wurde erreicht, daß die Weiden immer senkrecht nach unten geflochten werden konnten, ohne daß dabei die Form des Korbes – wie dies bei waagerecht stehenden Körben leicht geschehen kann – verändert wurde. Das Geflecht klopfte man nach jedem Gang mit dem Handeisen fest. Die Dichte des Korbes hing von seiner Funktion ab: Fischkörbe konnten grob geflochten werden, so daß nicht ständig mit dem Handeisen festgeklopft werden mußte, Flaschenkörbe waren dagegen etwas dichter zu flechten.

Korbflechter aus Stemmen bei der Herstellung eines grobgeflochtenen Korbes. Als erstes mußte der Boden geflochten werden. Die „Staken“ für die Seiten wurden später in den Boden eingesteckt und an den Seiten hochgebogen, danach entstand das Flechtwerk zwischen den Staken.

Die Weidenanfänge waren immer an der Außenseite anzubringen, damit der Korbinhalt nicht beschädigt wurde. War die erforderliche Höhe des Korbes, die man mit einem selbstgemachten Maßstab abmaß, erreicht, so wurden die Staken gegeneinander verflochten. Der Rand konnte auf verschiedene Weise geflochten werden: als einfacher Kipprand, „Einschlag“ oder „Zuschlag“, bei denen die Stakenenden untereinander verschränkt wurden, oder als zierender Zopfrand mit verzopften Stakenenden, wie man ihn häufig für Einkaufskörbe verwendete. Sollte ein Korb seitlich Griffe erhalten, so ließ der Flechter rechts und links je zwei Staken stehen, die im Bogen ineinandergesteckt und danach umeinander herumgedreht wurden. Für manche Flaschen- und Packkörbe wurden auch Deckel geflochten.

Eine besondere Art von Körben waren die aus geschälten Weiden geflochtenen Rückentragekörbe. Sie waren an der Seite, die auf dem Rücken auflag, abgeflacht und mit starken Ruten verstärkt und wurden an Lederriemen getragen. Es läßt sich nicht feststellen, wie lange diese Körbe hergestellt worden sind. Bei der alltäglichen Arbeit in Haus und Hof spielten sie in Lippe keine große Rolle, wurden aber, solange es noch kaum öffentliche oder private Transportmittel gab, von den Marktfrauen benutzt, die darin ihre Butter, Eier oder Gemüse zu den städtischen Wochenmärkten brachten. Lange Zeit waren diese Kiepen geradezu das Kennzeichen der über Land ziehenden Händler und Hausierer, die man daher auch Kiepenkerle („Kuipenkerls“)nannte.
Der größte Teil aller Korbwaren, die in Lippe hergestellt wurden, bestand aus Weiden. Daneben gab es aber auch Spankörbe aus dünnen Holzspänen, wie sie heute noch als Obst- und Gemüsekörbe verwendet werden. In den 20er Jahren dieses Jahrhunderts kam außerdem das geschmeidige und nicht wurmanfällige Peddigrohr in Mode, das über Bremen aus Manila eingeführt und vorwiegend für Korbstühle und Wäschetruhen genommen wurde.

Der Verdienst der Korbflechter war recht unterschiedlich und hing von den Absatzmöglichkeiten und der Nachfrage für ihre Produkte einerseits sowie von der Geschicklichkeit des Flechters und ggf. der Zahl der ihm zur Verfügung stehenden Hilfskräfte andererseits ab. Die Mehrzahl der lippischen Korbflechter mit Ausnahme der wenigen Meister auf dem Lande und der Flechter des lippischen Nordens konnten von diesem Handwerk nicht existieren. Kartoffel-, Pflück- und Wäschekörbe, wie sie überall in den Dörfern und auf den ländlichen Märkten verkauft wurden, brachten nur Pfennigbeträge ein. Wem es allerdings gelang, in der Flechterei einer Glasfabrik eine Anstellung zu finden oder bestimmte Betriebe der Nahrungsmittel- oder Kleineisenindustrie mit Packkörben zu beliefern, der hatte in den ersten beiden Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ein zwar geringes, aber sicheres Einkommen.
Einen Einschnitt brachte der Erste Weltkrieg, als die Aufträge zunächst drastisch zurückgingen. Gegen Ende des Krieges erhielten dann viele Korbmacher neue Aufträge von den Beschaffungsämtern des Heeres, das einen ständig wachsenden Bedarf an Munitionskörben hatte.

In den 20er Jahren bis zum Einbruch der Weltwirtschaftskrise erlebte die Korbmacherei in Lippe wie in anderen deutschen Korbflechtgebieten ihre wohl größte Blütezeit. Die Verdienstmöglichkeiten in diesem Handwerk waren für lippische Verhältnisse sehr gut, besonders für ausgebildete Korbflechter Heimarbeiter waren freilich immer schon darauf angewiesen, auch ihre Kinder als Arbeitskräfte einzusetzen. Da sie auf Stücklohnbasis entlohnt wurden, kamen sie nur dann zu einem akzeptablen Verdienst, wenn möglichst viele Familienmitglieder mitarbeiteten. Die Beschäftigung von Kindern war zu jener Zeit jedoch ein alltägliches Phänomen, das man in fast allen Berufen und mit wenigen Ausnahmen in nahezu allen sozialen Schichten der ländlichen Gebiete antreffen konnte. Korbmacher beschäftigten vielfach nicht nur die eigenen, sondern auch Nachbarskinder, die dann für ein paar Pfennige pro Korb mithalfen. Aufgrund der kurzen Anlernzeiten in der Grünkorbflechterei und der Fingerfertigkeit von Kindern, wie sie gerade für das Flechten notwendig ist, waren Kinder in diesem Handwerk häufig anzutreffen. Viele von ihnen arbeiteten keineswegs nur für ein zusätzliches Taschengeld, sondern unterstützten mit ihrem Verdienst ihre Familien. So berichtet etwa Gustav Bobe aus Waddenhausen, daß er als Schüler nach dem Ersten Weltkrieg jeden Nachmittag nach der Schule an sechs Tagen in der Woche bei dem im Ort ansässigen Korbmachermeister zum Körbeflechten ging – für 20 Pfennige pro Korb. Bei drei Körben pro Nachmittag hatte er einen Wochenverdienst von 3,60 Reichsmark, die zum Lebensunterhalt der 12köpfigen Familie beigesteuert wurden. Das Leistungsniveau der Korbmacher war unterschiedlich. Geübte Flechter benötigten ca. 1 Stunde für einen 50 kg- Packkorb und brachten es auf zehn bis zwölf Körbe pro Tag9vgl. „Korbflechter sind jetzt Seltenheit“ In: Lippische Landes-Zeitung 200, Nr. 60, 1966, vom 12. März. Als mit Beginn der wirtschaftlichen Depression 1929 die Nachfrage nach Körben von seiten der Industrie schlagartig zurückging, sanken die Preise für Körbe um 70%. Viele Korbmacher wurden entlassen und mußten „auf Ziegelei gehen“, um überleben zu können. Besonders hart traf es die Heimarbeiter Sie verdienten Anfang der 30er Jahre nicht mehr als 10-12 Mark wöchentlich bei einem Zwölfstunden- Arbeitstag und auch das nur, wenn die gesamte Familie mitarbeitete. Von den Aufkäufern wurden in diesen Jahren nicht mehr als 15 Pf pro Stück bezahlt.

Korbflechterei im Ortskern von Silixen, 1922. Die steigende Nachfrage nach Körben seitens der Glashütten in Rinteln, Minden und Obernkirchen sowie der norddeutschen Fischindustrie, die Körbe vor allem als Verpackungsmaterial benötigten, ließ die an der Weser liegenden Dörfer Silixen, Varenholz, Stemmen undBremke vorübergehend zu Zentren der lippischen Korbflechterei werden. Allein in Silixen entstanden zwischen 1900 und 1920 ein Dutzend Korbmacherbetriebe mit je vier bis zehn Beschäftigten.

Die Situation der lippischen Korbmacher änderte sich erst wieder nach der Wirtschaftskrise ab Mitte der 30er Jahre. Bis Kriegsbeginn wurden alle Sorten von Grün-, Braun- und Weißkorbarbeiten hergestellt. Flaschenkörbe lieferte man nicht nur an die umliegenden Glashütten, sondern bis nach Bremen und Berlin. Eisenkorbwaren wurden oft direkt an Metallwarenfabriken in Bielefeld, Seesen, Iserlohn und Hannover verschickt, und Fischkörbe gingen in großen Mengen an die Fischgroßhändler an der Nordsee.
Der Verkauf von Körben für den einheimischen Markt erfolgte in den 30er Jahren bereits teilweise mit dem Auto, und zwar mit dem Dreirad. Zu den Dorf kirmesfesten, auf denen es immer Stände mit einem reichhaltigen Sortiment an Körben gab, kamen nun auch zunehmend Händler von außerhalb Lippes10vgl. „Lippische Weidenkörbe in allen Erdteilen. Fleißige Handwerker kapitulieren nicht vor der Maschine“ In: Lippische Landes-Zeitung, Nr. 273,1954, vom 24. November; siehe auch „Schlangen wie es einmal war“. In: Der Gemeindebote. Amtliches Verkündigungsblatt Schlangen 31, 1968, S. 5.

Während des Krieges gingen, wie schon während des Ersten Weltkrieges, große Lieferungen an Granat- und Geschoßkörben sowie alle Arten von Gebrauchskörben an die Deutsche Wehrmacht. Nach 1945 brachten der Aufschwung der Wirtschaft und die Wiederaufnahme der Weideneinfuhren aus dem Ausland zunächst erneut recht gute Absatz- und Verdienstmöglichkeiten für die lippischen Korbmacher Ab Mitte der 50er Jahre setzten dann aber zwei Entwicklungen ein, die letztlich das Ende des Korbmacherhandwerks herbeiführten: die Einführung von Papp- und Plastikverpackungen hatte zur Folge, daß die Eisenwaren- und Glasindustrie als Großabnehmerfür Korbwaren ausfiel. Als die Fischgroßhändler zunehmend dazu übergingen, ihre Ware von Kühlwagen direkt an die Zwischenhändler auszuliefern, bestand schließlich auch hier kein Bedarf an Körben mehr Von dem gleichzeitig einsetzenden Rückgang der Nachfrage nach Korbmöbeln waren die lippischen Grünkorbmacher allerdings weniger betroffen. Ausschlaggebend für die Aufgabe ihres alten Handwerks war vielmehr die Zunahme von importierten Weißkorbwaren aus Niedriglohnländern. War schon der Markt für geflochtenes Verpackungsmaterial verlorengegangen, so konnten sie nun auch Gebrauchskörbe kaum noch verkaufen. Die importierten Waren, die von den Korbhändlern erst zögerlich, dann aber wegen der großen Nachfrage in immer größeren Mengen angeboten wurden, waren derart niedrig im Preis, daß die lippischen Korbflechter selbst bei knappster Kalkulation nicht mithalten konnten. Die meisten von ihnen gaben daher im Verlauf der 50er Jahre auf. Schon 1950 gab es nur noch 23 Korbmacher und zwei Korbmacherlehrlinge als Nachwuchskräfte in ganz Lippe. Die wenigen Korbflechter, die in späteren Jahren dieses Handwerk noch ausübten, betrieben es nur noch als Hobby.

Quelle: Landleben in Lippe Bd. II

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