Der „Kropsche“ Folterkasten im Museum Hexenbürgermeisterhaus

Inzinierung einer Folterkammer im Hexenbürgermeisterhaus. um 1970

„DIE RACHE GOTTES ERWACHE …“

ANNO 1773/74:

Ein dreifacher Mord und die letzte Hinrichtung in Lemgo

1. Die Opfer der Mordtat und ein mögliches Tatmotiv

1.1 Die Entdeckung der Mordtat
Am Pfingstmorgen des Jahres 1773 um 6 Uhr früh wurde der Lemgoer Obrigkeit ein dreifacher Mord gemeldet. Eine Stunde später begaben sich die beiden Bürgermeister Johann Anton Benzler und Christian Friedrich Helwing, der Stadtsekretär Johann Albert Hermann Heldmann, der Stadtphysikus Dr. Christoph Heinrich Kruse und der Chirurg Johann Dietrich Mische in das Haus des Bäckers und Brauers Johann Lorenz Koch, gelegen in der Breiten Straße (heutige Haus-Nr. 54) an der Ecke Hinter dem Heiligen Geist. Dort fanden sie den Hausherrn, dessen Ehefrau und die Dienstmagd in ihren Schlafkammern erstochen und erschlagen auf.

Mit dem Protokoll über diese Tatortbesichtigung in der Frühe des 30. Mai 1773 beginnt die umfangreiche Prozessakte gegen den später als Täter verurteilten Johann Christoph Krop. Da die Stadt Lemgo damals selbst die Blutgerichtsbarkeit ausübte, befindet sich die Akte bis heute im Städtischen Archiv. Sie dokumentiert die große Mühe und Sorgfalt, die sich das Gericht bei der Aufklärung des Tathergangs und der Aufhellung möglicher Motive des Täters gab.

1.2 Das Begräbnis der Ermordeten
Zwei Tage später, am 1. Juni 1773, wurden die drei Ermordeten gemeinsam bestattet. Es war wohl eine besondere Beerdigung. Denn sie wurde nicht nur von feierlichen Totengeläut und dem Gesang der halben Schule begleitet, sondern sie fand auch, entgegen dem damals üblichen Abendbegräbnis, am tage statt. Pastor Johann Friedrich Sasse hielt eine Leichenpredigt. In den Sterbeeintragungen im Kirchenbuch von St. Marien ist als Todesursache „Gewaltsamer Tod“ vermerkt. Von anderer Hand findet sich ein späterer Nachtrag: „In der Pfingstnacht von Joh. Christoph Krop ermordet“.

1.3 Erste Fahndung nach einem Verdächtigen
Die sofort nach Entdeckung der Mordtat einsetzenden Verhöre ergaben Hinweise auf verschiedene Verdächtige. Bereits am 2. Juni 1773 ließen Bürgermeister und Rat von Lemgo einen Fahndungsaufruf in die „Lippischen Intelligenzblätter“, damals die einzige Zeitung im Lande, setzen. Der darin gesuchte Papiermachergeselle Hirschberg erwies sich jedoch als ebenso unschuldig wie der später verhaftete Glashändler Martin Westhof.

1.4 Der Lebenswandel der Ermordeten
Die Opfer der Mordtat waren ein älteres Ehepaar, der 59jährige Johann Lorenz Koch und seine 10 Jahre ältere Frau Marie Elisabeth Stockmeiers, beide aus Lemgo gebürtig, und ihre 22jährige Dienstmagd Catharina Ilsabein Temmen. Diese stammte aus Wahmbeck. In der „Actenmäßigen Nachricht …“ über den Fall Krop, die der damalige Stadtsekretär Heldmann verfasste, wird sie als „junges unschuldiges Mädchen“ charakterisiert. Aber auch über die Eheleute Koch, die an der Breiten Straße eine Gasthof führten, wusste zunächst „niemand etwas übles zu sagen“. Koch galt als fleißig, und „so hielt man es für nichts besonderes, dass er sich einige Landgüter angekauft und ein mittelmäßiges bürgerliches Vermögen erworben hatte“.

1.5 Das „mittelmäßige bürgerliche Vermögen“ des Johann Lorenz Koch
Aus den seit ca. 1740 geführten Lemgoer Katasterbüchern geht hervor, dass Koch außer dem Haus in der Breiten Straße (Heiligengeistbauernschaft Nr. 3) noch ein weiteres in der Marienbauerschaft (Nr. 22) besaß. Zusammen mit der Nr. 23 gehörte es später zum Beginenhaus (Foto, Beginenstraße 8). Weiter hatte er in den Jahren ab 1758 fünf Stücke Garten- und Ackerland erworben.

1.6 Der Gastwirt Koch – ein Hehler und Gaunerkomplize?
Der schließlich in Herford als Täter verhaftete und am 26. Juni 1773 nach Lemgo ausgelieferte Johann Christoph Krop sagte in verschiedenen Verhören aus, er habe die Mordtat zwar allein begangen, aber auf anstiften von vier Mindeschen Hausberge wohnenden Juden, die ihm „solche zu verrichten aufgetragen und ihn dazu beredet“ hätten. Auf die Frage, „ob sie ihm nicht die Ursache eröfnet, warum er den Koch ermorden solle“, antwortete er, „sie hätten ihm gesagt, daß Koch ihnen Geld schuldig wäre und um ihre Diebstähle wüßte“.

Das 18. Jahrhundert war die hohe Zeit der Räuber- und Diebesbanden. Während die Bevölkerung stetig anwuchs, blieb die Zahl der „Nahrungs-stellen“ wesentlich gleich, so dass eine zunehmende Kriminalität gedrängt wurden. Mit Argwohn blickte die Obrigkeit in diesem Zusammenhang auf Wirts- und Gasthäuser, besonders auf die ländlichen, oft einsam gelegenen Krüge. Sie galten als Treff- und Stützpunkte der Diebes- und Räuberbanden, und die Wirte nicht selten als Komplizen. Unterstützer, Tipgeber und Hehler. In dieses Bild passt auch die Aussage, die Krop über den ermordeten Koch machte. Er sagt ihm sogar nach, in eigner Person an einem Diebeszug in Lage und an einem Überfall auf einen Bauernhof beteiligt gewesen zu sein. Das dort gestohlene Geld „wäre noch in Kochs Hause oben auf der Kammer geteilet worden“.

1.7 Eine jüdische Diebesbande – Verleumdung oder Realität?
Die Aussage Krops, vier Juden aus Hausberge hätten ihn zu der Mordtat angestiftet, veranlasste den Lemgoer Magistrat, einen Fahndungsaufruf mit deren Beschreibung in die „Lippischen Intelligenzblätter“ setzen lassen. Am Ende des 20. Jahrhunderts erweckt eine solche Aussage den spontanen Verdacht, hier habe man es mit einer puren antisemitischen Verleumdung zu tun. Die Lebenswirklichkeit des 18 Jahrhunderts sah allerdings anders aus. Der Bevölkerungsanstieg der damaligen Zeit, die dadurch erheblich verminderten Subsistenzmöglichkeiten und die Gefahr eines Abgleitens in die Kriminalität trafen in besonderem Maß die Angehörigen der jüdischen Minderheit. Ohnehin unterlagen sie rigiden Zuzugsbeschränkungen und durften sich ohne „Geleitbrief“ nirgendwo ansiedeln. Die soggenannten „unvergleiteten“ Juden waren daher gezwungen, unstet umherzuziehen und durch Betteln oder Hausieren ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie alle Bettler und Vagabunden standen sie im Verdacht, so eine lippische Verordnung von 1728, dass sie zu „sich ereignenden Unthaten, Raub und Diebereien, … [auch] wann sie etwa solche selbst nicht ausüben, dennoch gerne Handlanger und Abnehmer zu seyn pflegen“. Tatsächlich tauchen in den Fahndungslisten des 18. Jahrhunderts etliche jüdische Diebe und Räuber auf, und es gab sogar rein jüdische Banden. Hinter Krops Aussagen stand also ein soziale Realität, und sie war sicher auch geeignet, das negative Bild, das man damals, über die trostlose soziale Situation der jüdischen Minderheit zu diskutieren, und die Gräflich-Lippische Regierung wies 1774 mit Nachdruck darauf hin, dass sich „von dem moralischen Caracter eines Theils der Juden nicht auf den von allen schließen“ lasse.

1.8 Der geplante Überfall auf das Lemgoer Lombard Oder: Warum Koch sterben musste
Nicht nur durch Krops Geständnisse wurde das Bild vom reputierlichen braven Bürger Koch angekratzt, sondern auch durch ein in der Stadt umgehendes „dunkles Gemurmel“, dass er „wol umgebracht seyn könte, weil er nicht hätte schweigen können“. Man erinnerte sich bei Gericht an einen im Herbst 1772 auf der Kaiserlichen Post in Lemgo gefundenen anonymen Brief, worin vor einem geplanten nächtlichen Überfall auf das Lombard gewarnt und dessen verstärkte Bewachung angeraten wurde. Das Lombard war ein Vorläufer der heutigen Sparkassen. Dort wurden größere summen von Geld verwahrt und zur Ankurblung von Handel und Gewerbe wieder ausgeliehen.

Das Gericht ließ den anonymen Brief einfordern, „verglich ihn mit des Kochs nachgelassenen Hausscripturen, und fand zum Erstaunen, daß er ihn geschrieben hatte.“ Als Beweisstück befindet er sich heute in der Prozessakte Krop. Er dürfte das entscheidendste Indiz in diesem Kriminalfall sein. Von einer ganz anderen Seite her bestätigt er die Aussagen Krops. Für diesen ist ein eigenes Motiv für die Mordtat nicht erkennbar. Wenn man dagegen annimmt, dass der Gastwirt Johann Lorenz koch tatsächlich Mitwisser und Hehler von Diebeszügen war, dem der Überfall auf das Lemgoer Lombard zu „heiß“ erschien, so dass er den Plan veriet, erhält das Verbrechen einen „Sinn“. War es also ein „klassischer“ Fememord, und Johann Christoph Krop ein „Auftragskiller“, der in Mafiamanier alle im Haus Anwesenden umbrachte, um mögliche Zeugen auszuschalten?

1.9 Christian Friedrich Helwing (1725 – 1800) – Ein Lemgoer „Sherlock Holmes“
Im Jahr 1773 amtierte in Lemgo als Erster Bürgermeister Christian Friedrich Helwing. In dieser Eigenschaft war er auch Vorsitzender der Gerichtskommission, die die verhöre führte. seinem ausgezeichneten Gedächtnis und seiner Kombinationsgabe war die Erinnerung an denanonymen Brief von 1772, worin vor einem Überfall auf das Lemgoer Lombard gewarnt wurde, und an die 1771 in den Hannoverschen Anzeigen publizierte Fahndung nach dem aus Celle entflohenen Krop zu verdanken. Noch auf andere Weise war Helwing mit dem Krop-Prozess verbunden. In seinem Hauptberuf war er nähmlich Inhaber der Meyerschen Verlagsbuchhandlung. Dort erschienen sowohl die von ihm begründeten „Lippischen Intelligenzblätter“, die sich auf verschiedene Weise mit diesem Kriminalfall befassten, als auch die von Stadtsekretär Heldmann 1774 veröffentlichte „Actenmäßige Nachricht …“ über den Fall Krop.

2. Der Täter Johann Christoph Krop und sein Umfeld

2.1 Krops äußere Erscheinung
Der Satz, der am meisten Anstoß erregen sollte, steht nicht in der Prozessakte, sondern in der von Stadtsekretär Heldmann verfassten „Actenmäßigen Nachricht …“, § 21: „Er [d.h. Krop] sieht einem Juden sehr ähnlich, und hat alles Böse der jüdischen Denkungsart an sich“. Der überlieferte christliche Antijudaismus, der sich hier ausdrückt und den Juden alles Schlecht zutraute, war damals an der Tagesordnung. Selbst ein Wohlgesonnener wie Christian Wilhelm Dohm, der sich wenig später für die Emanzipation der Juden einsetzen sollte, widersprach nicht der Meinung, dass die jüdischen Zeitgenossen „listig, falsch und betrügerisch“ seien. Allerdings – und hier liegt der große Unterschied zum rassenideologisch begründeten Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts – hielt er diese Eigenschaften für sozial verursacht und Folge einer ungerechten Gesetzgebung der christlichen Obrigkeiten. Dies werde sich ändern, sobald auch den Juden die gleichen Rechte und Möglichkeiten zugestanden seien. Stadtsekretär Heldmann vertrat 1784 in den „Lippischen Intelligenzblättern“ eine vergleichbare Auffassung.

Eine Beschreibung von Johann Christoph Krop findet sich in dem Fahndungsaufruf, den der Lemgoer Magistrat kurz nach der Verhaftung veröffentlichen ließ, um seine vorhergehenden Aufenthaltsorte und evtl. weitere von ihm begangene Straftaten in Erfahrung zu bringen. Er sei „einige 30 Jahre alt, von mitlerer Statur, weislichtem Angesicht, mit schwarzen stumpfen Haaren und Bart, blau gekleidet“. Die männliche Mode des 18. Jahrhunderts verlangte das glattrasierte Gesicht, und so war es wohl der der ungewöhnliche schwarze Bart, der Krop einem Juden ähnlich sehen ließ. Denn bei diesen gehörten Bart und lange (Stirn-)Locken zu den religiösen Geboten. Ein Porträt ist Heldmanns „Actenmäßiger Nachricht…“ beigegeben. Der Verfasser bemerkt dazu, dass dieses „Bilde des an die Wand mit Ketten geschlossenen Delinquenten… dem verurteilten Krop ganz ähnlich“ sehe.

2.2 Krops Herkunft
Seiner eigenen Aussage nach war Johann Christoph Krop im Dorf Himbach in der Grafschaft Isenburg-Meerholz im heutigen Hessen geboren. Sein Vater wohnte dort als Leineweber, und auch er selbst hatte diesen Beruf erlernt. Bestätigt wird dies durch die Tauf- und Heiratsregister der für Himbach zuständigen reformierten Kirchengemeinde Eckartshausen. Darin ist seine Geburt unter dem 19. Juni 1739 eingetragen. Seine Eltern Johannes Krop, ehelicher Sohn des Conrad Krop zu Himbach, und Susanna Catharina, nachgelassene Tochter des verstorbenen Conrad Maetzen zu Groß Gerau, hatten am 26. September 1726 die Ehe geschlossen. Eine jüdische Herkunft Krops, wie 1983 behauptet ist damit widerlegt.

2.3 Krops familiäre Verhältnisse
Durch den siebenjährigen Krieg verschlug es Johann Christoph Krop nach Herzberg ins heutige Niedersachsen. Weil er als Soldat desertiert war, durfte er in seine Heimat nicht zurückkehren. In Herzberg heiratete er am 12. Juli 1764 die Tochter des dortigen Bürgers und Leinewebers Johann Christoph Schuhmann, Carolina Elisabeth Schumanns – wie Krop später aussagte, eine „erliche“ junge Frau, die an seinen Verbrechen keinerlei Anteil hatte. In Herzberg wurden auch mehrere Kinder geboren. Das offensichtliche Bedürfnis nach einem familiären „Nest“, wohin er sich zurückziehen konnte, äußerte sich auch, nachdem ihm die Rückkehr nach Herzberg versperrt war. In der elternlosen Anne Marie Margarethe Vogts aus Herford fand er eine neue Gefährtin, mit der er ein Jahr in Hausberge zusammenlebte. Beide gaben sich als Ehepaar aus, denn die dort am 15. Mai 1772 geborene Tochter ist im Kirchenbuch als „ehelich“ eingetragen. Auch Anne Marie Margarethe Vogts, die im Prozess aussagte, Krop habe sie immer gut behandelt, wusste nichts von seinen Untaten. Diese Nichtbeteiligung der beiden Frauen ist einigermaßen ungewöhnlich, denn bei Diebes- und Räuberbanden der frühen Neuzeit war des Gegenteil die Regel. Auch unter den Mitgliedern der 1699 in Lemgo hingerichteten Diebesbande befanden sich zwei Frauen.

2.4 Die Flucht aus dem Zuchthaus in Celle
In Herzberg ging Johann Christoph Krop keiner geregelten Arbeit nach. Offenbar war er bereits damals tief ins kriminelle Milieu verstrickt. Wegen eines Einbruchdiebstahls wurde er schließlich im Sommer 1770 verhaftet und nach einer vergeblichen Flucht zu drei Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Am 20. Januar 1771 lieferte man ihn ins Zuchthaus Celle ein.

Die Idee das Zucht- und Arbeitshauses entstand Ende des 16. Jahrhunderts in den Niederlanden. Im 18. Jahrhundert wurde sie auch in Deutschland akzeptiert, als man immer mehr vom alleinigen Strafzweck der Vergeltung abrückte und statt dessen die Erziehung und Besserung in den Vordergrund stellte. Durch ihre Arbeit sollten zudem die Übeltäter Wiedergutmachung leisten und der Gesellschaft nützlich sein. Das 1710 gegründete „feste Haus“ zu Celle, nicht nur Zucht-, sondern auch „Tollhaus“ (Irrenanstalt), war der erste zu dieser Bestimmung errichtete Zweckbau in Norddeutschland. Die Ausführung der weitläufigen schlossähnlichen Architektur erfolgte bis 1729. Noch heute dient das Gebäude als Justizvollzugsanstalt und Hochsicherheitsgefängnis. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1771 gelang es Johann Christoph Krop zusammen mit einem Mithäftling eine spektakuläre Flucht aus dem Celler Zuchthaus. Die dortige Justizkanzlei fahndete per Steckbrief in den Hannoverschen Anzeigen nach den beiden entsprungenen Sträflingen. An diese Anzeige erinnerte sich 1773 der Lemgoer Bürgermeister Christian Friedrich Helwing. Sie lenkte den Tatverdacht endgültig auf Krop.

2.5 Der kriminelle Hintergrund: Diebes- und Räuberbanden
Seinen eigenen Geständnissen nach war Johann Christoph Krop seit seiner Flucht aus Celle 1771 an Diebeszügen in Herzberg, Minden, Lage, Lipperode und auf dem Land beteiligt, die er in Gemeinschaft mit anderen begangen hatte. Auch jüdische Komplizen waren darunter, wie „der getaufte Jude zu Detmold“. Zu er sechsköpfigen Bande, die 1736 in Minden gesucht wurde, gehörte der Jude Salomon, und die „grosse Räuber- und Diebs-Bande“, die 1752 von der Regierung Münster zur Fahndung ausgeschrieben wurde, zählte „dreyßig sechs Juden und neunzehn Christen“. Kulturelle und religiöse Gegensätze spielten offenbar dann so gut wie keine Rolle mehr, wenn blanke Not und krude Subsistenzsicherung eine zweckrationale Zusammenarbeit erforderten.

Der „Kropsche Kasten“ ist heute im Städtischen Museum Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo zu sehen. Foto: Lippe2Web

2.6 Das Gefängnis im Ballhaus und der sog. „Kropsche Kasten“
Johann Christoph Krop stand in dem Ruf, dass er sich „aus den gewöhnlichen Schlössern und Verwahrungen der Gefangenen nicht viel machen solle“. Man ließ daher in Lemgo auf dem Ball- oder „Tanzhaus“ am Marktplatz einen Raum rundherum einschließlich Decke und Fußboden mit dicken glatten Eichenbohlen auskleiden. Das Fenster wurde bis auf einen schmalen Spalt verschlossen und zusätzlich mit Gittern versehen. Der Gefangene wurde in Ketten gelegt und Tag und Nacht von einer sechsköpfigen Bürgerwache beaufsichtigt. Trotzdem wäre es ihm um ein Haar gelungen, auch aus diesem „Hochsicherheitstrakt“ zu entkommen. Daraufhin entschloss man sich, „ihn durch eine engere Verwahrung sicherer, biegsamer und vielleicht williger zum Bekenntnis zu machen“.

Bereits seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in Zuchthäusern besonders gefährliche Gefangene in hölzerne Schließkästen eingesperrt, die sie bewegungsunfähig machten. Auch im Detmolder Zuchthaus besaß man ein solches Behältnis, das man leihweise nach Lemgo schaffte. Da es sich für Krop als zu groß erwies, fertigte man für ihn einen eigenen Schließkasten an. Dieser sog. „Kropsche Kasten“ wird heute im Museum Hexenbürgermeisterhaus aufbewahrt. Ein solcher, ursprünglich nur als Sicherheitsmaßnahme gedachter Kasten erhielt im Laufe des 18. Jahrhunderts, als die gerichtlich angeordnete Tortur immer mehr in Misskredit geriet und nach und nach abgeschafft wurde, eine neue zusätzliche Funktion, nämlich als Folterersatz zu dienen. Offenbar entwickelte man zu jener Zeit erstmals ein Gespür dafür, dass „Folter“ noch etwas anderes und mehr sein konnte als „nur“ die Anwendung von Daumenschrauben und Schnüren. Diesen Zweck erfüllte der Kasten auch bei Krop. Nachdem er am 6. September 1773 für einige Stunden in dem Schließkasten hatte verbringen müssen, war er zu einem Geständnis bereit. In diesem Geständnis berichtete er einige Einzelheiten, die vorher niemanden bekannt gewesen waren, die sich dann bei einer Nachprüfung als richtig herausstellten und die nur der Mörder wissen konnte. Daher kann auch heute noch an Krops schuld kein Zweifel bestehen.

3. Tortur, Todesurteil und die Kosten des Prozesses

3.1 Krop wird zur Folter verurteilt
Die Voruntersuchung im Prozess gegen Krop wurde von Lemgo selbst geführt. Nachdem Anklage- und Verteidigungsschrift vorlagen, wandte man sich zur Rechtsabsicherung an die Universität Rinteln mit der Anfrage, wie weiter mit dem Beschuldigten zu verfahren sei. Im Januar 1774 erging von den Rintelner Juristen die gutachtliche Anweisung, die Tortur gegen ihn anzuwenden, um die Namen von Komplizen und weitere Straftaten zu erfahren. Erlaubt sein sollten Daumenschrauben und Hanfschnüre, was dem ersten und zweiten Foltergrad entsprach. Soweit allerdings ließ Krop es nicht kommen. Bei der auf den 26. Januar 1774 angesetzten Tortur bekannte er angesichts der Folterinstrumente freiwillig.

3.2 Daumenschrauben
Aus dem Nachlass der Lemgoer Scharfrichterfamilie Clauss/Clausen stammen die heute im Museum Hexenbürgermeisterhaus aufbewahrten Folterinstrumente, darunter zwei Exemplare Daumenschrauben. im 17. Jahrhundert, zur Zeit der Hexenprozesse, war der Gebrauch von Daumenschrauben in Lemgo noch nicht üblich. Ebenso wie das sog. Schnüren, wobei mittels Hanfseilen tief in das Fleisch von Ober- und Unterarmen eingeschnitten wurde, waren sie wohl erst im 18. Jahrhundert in das Lemgoer Strafverfahren übernommen worden.

3.3 Das Todesurteil
Da ein Geständnis vorlag und an Krops Schuld kein Zweifel bestand, bat Lemgo in Rinteln um die gutachtliche Abfassung eines abschließenden Urteilsspruches. Nach dem geltenden Recht konnte es nur ein Todesurteil sein. Die Herren „Doctores und Professores“ der Juristenfakultät erkannten also „für Recht, daß Peinlich Beklagter Johann Christop Kropp wegen der begangenen und von ihm eingestandenen Verbrechenanfänglich mit einem glüenden Zangen-Riß dreymal zu reißen, und darauf mit dem Rade vom Leben zum Tode zu bringen, auch nach vollbrachter Execution, anderen zum Abscheu, deßen Cörper auf ein Rad zu legen und zu flechten“ sei. Am 14. Februar 1774 wurde dieses Urteil vor den beiden Bürgermeistern, dem Ankläger und dem Verteidiger eröffnet. Der auf den 21. März festgesetzte Hinrichtungstermin wurde Krop am 17. März mitgeteilt. Gleichzeitig wurden der lutherische Pastor August Heinrich König zu St. Nicolai in Lemgo und der reformierte Prediger August Luther Führing zu Brake, die sich bereits „seit einigen Wochen sehr viel Mühe gegeben, ihm die Größe seiner Sünden recht fühlbar zu machen, und ihn zur aufrichtigen Buße zu bewegen“, damit beauftragt, ihn auf den Tod vorzubereiten und zum Richtplatz zu begleiten.

3.5 Materielle und personelle Aufwendungen für den Prozess
Aus der Prozessakte, aus den Kämmereirechnungen und den dazu erhaltenen Belegen geht hervor, welche umfangreiche städtische und ausserstädtische Infrastruktur in Bewegung gesetzt werden musste, um den möglichst reibungslosen Ablauf von Gefangenschaft, Prozess und Hinrichtung zu gewährleisten. Angefangen von den beiden Bürgermeistern und den beiden Kämmerern, dem Syndikus und dem Sekretarius, dem Richter, dem Fiskal (Ankläger) und dem Defensor (Verteidiger), den Predigern zu Lemgo und zu Brake, dem Scharfrichter und seinen Knechten, zwei Ratsdienern und der Frau eines Ratsdieners einem Sägemüller, zwei Fuhrleuten und ihrem Knecht, einem Zimmer- und einem Tischlermeister, einem Sattler und einem Schmied, einem Tagelöhner, einem Händler und einer Kauffrau, einer sechsköpfigen Bürgerwache, der gesamten Schützenkompanie und ihren Offizieren, bis zu auswärtigen Magistraten, Amtsverwaltungen und Justizkanzleien, den Professoren und Doktoren der Juristenfakultät zu Rinteln, Schreibern und Boten sowie ungenannten weiteren Lieferanten und Hilfskräften. Eine Gesamtabrechnung der Kosten ist nicht erhalten, doch dürften sie mit Sicherheit eine dreistellige Talersumme ausgemacht haben.

3.6 Was Tischler Johann Adolf Kottman am Krop-Prozess verdiente
Zu den Handwerkern, die im Verlauf des Prozesses gegen Johann Christoph Krop mit Aufträgen bedacht wurden, gehörte der Tischler Johann Adolf Kottmann. Für die Wachmannschaft lieferte er einen Tisch und einen Stuhl sowie für Krop einen „Schließstuhl“, woran der Gefangene mit Ketten angeschlossen werden konnte. Er besserte den Richtstuhl auf dem Marktplatz aus – jenes verandaähnliche Gebilde, auf dem am Tag der Urteilsvoll-streckung das Gericht Platz nahm, um das öffentliche Peinliche Halsgericht zu hegen. Außerdem hatte er für die angeordnete Folterung Krops eine Leiter und einen Stuhl angefertigt. Für seine Leistungen berechnete er am 20. April 1774 vier Taler und 18 Groschen.

Durch diese Rechnung wird im übrigen die verbreitete Vorstellung widerlegt, dass Objekte, die für die Strafjustiz bestimmte waren, nur von der gesamten Handwerkszunft gemeinsam hergestellt worden seien, um die angeblich damit verbundene „Unehre“ gleichmäßig zu verteilen. Im Gegenteil war, wie weitere Rechnungen zeigen, die Beauftragung eines einzelnen Meisters die Regel.

4. Die Hinrichtung

4.1 Wer bildet die Absperrung um den Hinrichtungsplatz?
Da seit der vorhergehenden Hinrichtung in Lemgo bereits 75 Jahre vergangen waren, wusste bei Gericht niemand mehr, wer damals die Absperrung um den Richtplatz gebildet hatte: Lemgoer Bürger oder Bauern vom umliegenden Land? Zu den Hinrichtungsvorbereitungen gehörte daher die Befragung jener sehr betagten Einwohner und Einwohnerinnen, die bei der Exekution von 1699 im Kindes- oder jugendlichen Alter zugegen gewesen waren. es handelte sich um Hermann Gerhard Benzler (damals 10 Jahre alt), die Witwe Agate Stockmeiers (5 oder 6 Jahre alt), die Witwe von Jost Hermann Surmanns geb. Anna Ilsabe Kramer (16 Jahre alt), die Witwe von Joh. Henrich Schönhagen geb. Anna Elisabeth Steinmeyers (10 Jahre alt), Johann Wilhelm Noltens Ehefrau geb. Anna Elisabeth Arnings (15 Jahre alt). Sie sagten übereinstimmend aus, dass es die Lemgoer Bürgerschützen gewesen seien, die mit zum Richtplatz gezogen und den Kreis gebildet hätten.

4.2 Wie man eine Räderung vorbereitet…
Im nächsten Schritt erfolgte eine Besprechung der beiden Kämmerer Hinrich Daniel Stümer und Arnold Henrich Hölbe mit dem Scharfrichter, und dies offenbar in zwangloser Atmosphäre. „Als die beeden Camerarien mit [H]errn Kleine sich wegen Einrichtung einiger Nothwendigkeiten bey der Execution beredet“, so notierte man unter dem 9. März in den Kämmerei- Rechnungen, „wurden verunkostet 21 Groschen“. Jobst Henrich Kleine, ein älterer Herr von 62 Jahren, wohnte bereits seit 36 Jahren in Lemgo, nachdem er 1738 die Witwe seines Amtsvorgängers Johann Peter Clauss geheiratet hatte. Man war also schon seit längerem miteinander bekannt und vertraut. Zu den speziellen Gerätschaften, die für eine Hinrichtung mit dem Rad herzustellen waren, gehörte eine hölzerne Unterlage, auf die der Verurteilte mit ausgestreckten Armen und Beinen festgebunden wurde. Eine Modellbezeichnung für eine solche Unterlage ist im Nachlass der Scharfrichterfamilie Clauss/Clausen erhalten geblieben. Sie wurde 1794 von Kleines Stiefsohn und Nachfolger Johann Christian Friedrich Clausen anläßlich der letzten Hinrichtung im Fürstentum Lippe angefertigt. Auf dem Neupförtnerbruch, den man den man als Hinrichtungsplatz ausersehen hatte, wurde durch einen Tagelöhner ein Schafott errichtet – vermutlich in Form einer runden aus Erde aufgeschichteten Plattform. Außerdem mussten ein starker Holzpfahl beschafft, zwei Räder in Auftrag gegeben, ein Feuerbecken und eine Zangen geschmiedet werden.

4.3 …und wie man sie ausführt
Am 12. August 1727 wurden auf der Schildescher Heide bei Bielefeld die Gebrüder Rennebaum, zwei junge Leute von 19 und 21 Jahren, wegen Raubmordes gerädert. Ihre Mutter und ihre Schwägerin, die um die Tat gewusst haben hatten, mussten dabei zusehen. Die bildliche Darstellung dieser Hinrichtung gibt die Szene so wieder, wie man sie sich vergleichbar auch in Lemgo vorstellen muss. Deutlich ist zu erkennen, dass auf dem aus Erde aufgeschütteten Schafott nicht nur der Scharfrichter und seine Knechte, sondern auch die Vertreter der Obrigkeit und die Pfarrer zugegen waren. Statt einer hölzernen Unterlage wie in Lemgo benutzte man nur untergelegte Pflöcke, um unter den Ober- und Unterarmen, Ober- und Unterschenkeln des Verurteilten Hohlräume zu bilden. An diesen Stellen wurde mit einem eisenbeschlagenen Rad zugestossen, um die Knochen zu brechen. Beim Rädern von „von unten herauf“ begann man mit dem Unterschenkeln, beim Rädern „von oben herab“ mit dem Herzstoss, um den sofortigen Tod herbeizuführen. Im 18. Jahrhundert wurde es üblich, den Verurteilten vorher mit einem Strick zu erdrosseln, was offenbar in Bielefeld geschah. Johann Christoph Krop wurde eine solche Milderung nicht zuteil. Das gegen ihn ergangene Urteil wurde „nach seinem ganzen Inhalt wirlich vollstrekket“. Zur Strafverschärfung wurde er zuvor dreimal mit einer glühenden Zange gerissen. Der Scharfrichter pflegte diese Art der Hinrichtung nicht selbst auszuführen, sondern ließ sie durch seine Knechte vollziehen. Der tote Körper wurde anschließend auf ein Rad gesetzt und dieses auf einen hohen Pfahl gesteckt, wie es im Vordergrund der Hirnrichtung der Gebr. Rennebaum zu sehen ist.

4.4 Magentropfen für die Lemgoer Schützenkompanie
Wie in Bielefeld bildeten auch in Lemgo die Bürgerschaften eine kreisförmige Absperrung um das Schafott. Als Zuschauer standen sie damit in der ersten Reihe. Offenbar war diese Nähe zum Geschehen gar nicht so leicht zu ertragen Denn vor dem Ausmarsch mussten sich sämtliche Herren Offiziere und Rottmeister der Schützenkompanie nicht nur mit Wein, Branntwein und Weißbrot, sondern auch mit Magentropfen stärken.

4.5 Das Hinrichtungsprotokoll

Zu den Bestandteilen einer Kriminalprozessakte gehörte auch die Protokollierung der Urteilsvollstreckung. In der Prozessakte Krop fehlt dieses wichtige Stück (Nr. 134). Eine Abschrift befindet sich im Staatsarchiv in Detmold. Wie sehr viele andere Schriftstücke aus dem Lemgoer Archiv, vor allem Abrechnungen der Hexenprozesse, gelangte sie wahrscheinlich aus dem Nachlass von Christian Antze in die Detmolder Bestände. Antze „sammelte“ diese Archivalien aus den Prozessakten, die sich, einschließlich der Kropschen Akte, in den 1820er Jahren für seine Arbeit über die Hexenverfolgungen in Lippe und Lemgo entliehen hatte.

5. Verbrechen und Strafen in der Literatur des 18. Jahrhunderts

5.1 Die „Mordthats-Geschicht“ im Ahmser Krug
Druckschriften über „erschröckliche“ Verbrechen und die nicht minder schreckliche Vergeltung bilden eine typische Literaturgattung des 18. Jahrhunderts. Sie wurden entweder von den am Prozess beteiligten Juristen verfasst – als Erfolgsstories der von der Obrigkeit zelebrierten „heilsamen Justiz“ -, oder sie waren von Geistlichen geschrieben und dann als Bekehrungsgeschichten der verstockten und zu den Kindern Gottes geläuterten Missetäter konzipiert. Eine dritte Variante stellt die vorliegende Publikation dar. Es handelt sich nähmlich um eine gereimte Moritat in 16 Strophen. Sie berichtet über einen fünffachen Mord, der sich am 18. Juni 1724 im Ahmser Krug ereignete.

5.2 Die „Mordthat“ der Gebrüder Rennebaum in der Grafschaft Ravensberg, 1730
Ein typisches Beispiel der von Juristen verfassten Literatur ist die „Actenmäßige Relation“ über Verbrechen und Bestrafung der beiden Brüder Johann Hermann und Johann Jobst Rennebaum aus Werther bei Bielefeld, worin auch ihre ganze Familie verwickelt war. Neben dem umständlichen Titel ist die Bebilderung charakteristisch. So wird der Raubmord dargestellt, die beiden Täter in Ketten im Gefängnis und schließlich ihre Hinrichtung.

Diese Art Literatur wollte, wie auch der Lemgoer Stadtsekretär Heldmann in der Einleitung seiner „Actenmäßigen Nachricht…“ zum Fall Krop schreibt, „der Welt ein sonderbares Beispiel der göttlichen Rache über eine himmelschreiende Mordthat vor Augen stellen“. Dahinter stand ein sog. theokratisches Strafmodell, wie es für die Frühe Neuzeit charakteristisch war. Nach dieser Vorstellung verletzte ein Verbrechen die göttliche Weltordnung und damit die Ehre Gottes. Beide konnten nur durch Vergeltung („Aug um Auge“) wiederhergestellt werden. Gott selbst hatte daher der Obrigkeit Feuer und Schwert in die Hand gegeben, um in seinem Namen die Übeltäter zu strafen. „Die Rache Gottes erwachte“, wie es bei Heldmann heißt, sobald es darum ging, einen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

5.3 Die „actenmäßige Erzählung“ über eine Raubmord zwischen Brake und Lemgo
Über jene Mordtat, die zur letzten Hinrichtung in Lippe führte, ist die Schrift des Fürstlich Lippischen Rats und Kriminalgerichtsassessors Johann Conrad Stertzenbach erhalten. Auch hier war der Verfasser unmittelbar am Prozess beteiligt. Die von Franz Henrich Böger aus Brake an dem geldboten Fischer verübte Mordtat endete am 16. Juli 1794 mit der Räderung des Täters auf der Jerxer Heide bei Detmold.

5.4 Ein bis Heute unentschiedener Streit: Sind kriminelle „schwarze Ungeheuer“ oder Opfer ihrer Umwelt?
In den Lippischen Intelligenzblättern vom 5. Juni 1773 erschien unter den „Gelehrten Sachen“ der Beitrag eines ungenannten Autors in Form eines fiktiven Briefes an einen Freund. Darin wird auf den in Lemgo kurz zuvor entdeckten dreifachen Mord Bezug genommen. Im folgenden Text spiegelt sich eine der grundlegendsten Diskussionen des 18. Jahrhunderts wieder. Der älteren Auffassung nach, zurückgehend auf die christliche Lehre von der Ursünde, war die Bosheit jedem Menschen angeboren, und es war allein seine individuelle persönliche Entscheidung, ihr nachzugeben oder widerstehen. Nur er selbst war für seine taten verantwortlich. Demgegenüber stand die Überzeugung der Aufklärung, verbreitet vor allem durch die Schriften Rousseaus, dass der Mensch von Natur aus gut sei und es folglich auf seine Lebensumstände ankomme, ob er auf dem Pfad der Tugend bliebe oder auf kriminelle Abwege geriete. Der Erziehung und Bildung kam dabei eine entscheidende Rolle zu. Der anonyme Autor des Briefes „An einen Freund“ vertritt die letztere Auffassung. Die Frage, ob solche Übeltäter wie der grausame Mörder von Lemgo bereits als „schwarze Ungeheuer“ auf die Welt gekommen seien, beantwortet er mit einem entschiednen Nein. Statt dessen fordert er Rechenschaft von denjenigen, „denen die Sorgfalt für die Seelen des gemeinsamen Haufens anvertraut ist“ und die diese „aus Trägheit, Nachlässigkeit oder verschuldeter Unwissenheit verwahrloset“ hätten. „Der Mensch könnte so sehr nicht herab sinken,… wenn seine Lehrer und Führer seiner gewiß guten Natur nur etwas forthülfen!“ Selbst Stadtsekretär Heldmann, der in seiner „Actenmäßigen Nachricht…“ Krop auf der einen Seite als „Bluthund“ und „Abschaum“ des menschlichen Geschlechts“ deklassiert, ist auf der anderen Seite der Meinung, aufgrund seines Verstandes und seiner Geistesgaben würde er „ein großer Mann geworden sein, wenn er eine gute Erziehung genossen hätte“.

5.5 Der Abschied vom „Bekehrungstheater“ und die Frage nach dem Sinn der Todesstrafe
Eine weitere grundlegende Diskussion des 18. Jahrhunderts, die vor allem Theologen austrugen, richtete sich gegen die traditionelle Auffassung, dass selbst schlimmste Verbrecher nach ihrer Hinrichtung unmittelbar zur Seligkeit gelangen würden, falls sie zuvor nur genügende Reue und Buße an den Tag legten. Damit verknüpft war die Frage nach der Rechtfertigung der Todesstrafe. Auch Stadtsekretär Heldmann hielt es am Schluss seiner „Actenmäßigen Nachricht…“ für angebracht, über Krops, „Bekehrungszustand“ zu berichten: „Er bezeugte im Gefängnis gegen die Herrn Prediger und andere Personen Reue über seine begangene Missethaten, und erkante, daß er die ihm bestimte Strafe gar wohl verdiente. Er äußerte Dankbarkeit und Vergebung gegen die Personen, die wider ihn gezeugt hatten.“ Reue und Buße waren also die Voraussetzung dafür, dass die Todesstrafe einen Sinn bekam. Nur durch ein williges Opfer konnte „der gerechte Zorn Gottes“ besänftigt werden.

Der Schloßprediger Johann Gottlieb Meyer zu Iburg, der unmittelbar nach einer Hinrichtung in den Osnabrückschen Wöchentlichen Anzeigen dazu „Einige Gedanken“ publizierte, gibt auf die Frage, wie man mit Missetätern umgehen solle, eine ganz andere Antwort: „Wenn eine weise und rechtschaffene Obrigkeit straft, so kann sie keine andere Absichten haben, als diese drey: den Verbrecher selbst zu bessern, oder ihm die Macht zu nehmen, weiter zu schaden, oder den übrigen Unterthanen ein abschreckendes Exempel zu geben. Die beyden ersten Absichten fallen bey der Todesstrafe weg. Denn dem Verbrecher wird alle Möglichkeit benommen, sich wenigstens auf dieser Welt zu bessern – und was das außer Stand setzen zu schaden betrifft, so sind dazu andere Mittel. Also kann bey der Todesstrafe nur letzte Absicht Statt finden: denen Lebendigen ein schauderhaftes Beyspiel zur Warnung aufzustellen.“ Doch auch diese Absicht, so Meyer, werde durch das bei Hinrichtungen übliche „Bekehrungstheater“ verfehlt und ins Gegenteil verkehrt. Denn der „einladende Pomp“, das „Geprahle von vorzüglicher Bekehrung und Seligkeit der Delinquenten“, die „mit ihren heiligen, zum Himmel gerichteten Augen schon in den paradiesischen Gefilden herumflattern“, wirkte auf das Publikum weit eher als Attraktion und könne zudem einfältige Gemüter verführen, gleichfalls ein Verbrechen zu begehen, um mittels der eigenen Hinrichtung „eine Märtyrerkrone zu erringen“. Damit werde der falsche Glaube in die Welt gesetzt, es genüge zur ewigen Seligkeit eine einmalige Buße anstelle eines beständigen tugendhaften Lebenswandels. Statt „vom Rabenstein herab die herrliche Bekehrung des armen Sünders im feyerlichen Tone denen Zuschauern zum Muster anzupreisen“, empfiehlt er seinen geistlichen Amtsbrüdern, lieber in ihren Sonntagspredigten, „für jeden belehrend, warnend und erbauend“, „den gang der Sünde“ aufzuzeigen und die Zuhörer durch „richtige Beurtheilungen“ zur „Selbstkenntniß“ zu führen. Als überzeugter Aufklärer setzt er also auf Einsicht und Vernunft, die mittels richtiger Erziehung in allen Menschen zu entwickeln seihen. Die „Rache Gottes“ ist für ihn kein Argument mehr, und die Rache des Menschen erst recht nicht.

6. Nachleben. Krop und der „Kropsche Kasten“ in der historischen Erinnerungskultur

6.1 Heldmanns „Actenmäßige Nachricht …“ von 1774
Am 19. März 1774, zwei Tage vor Krops Hinrichtung, wurde in den Lippischen Intelligenzblättern das Erscheinen der „Actenmäßigen Nachricht von der wider Johan Christoph Krop angestellten Untersuchung und dessen Verurteilung …“ angekündigt. Eine Woche später war auch der Anhang mit dem Bericht über die Hinrichtung und das Titelkupfer mit Krops Bild käuflich zu erwerben. Der Verfasser, der damalige Lemgoer Stadtsekretär und spätere Bürgermeister Johann Albert Hermann Heldmann, hatte in seiner dienstlichen Funktion den Prozess von Anfang bis Ende miterlebt und konnte somit aus erster Hand berichten. Wegen einiger nicht eingehaltener Zensurauflagen, die u.a. die Erwähnung des Kropschen Kastens betrafen, kam es zu mehrjährigen Auseinandersetzungen mit der Gräflich-Lippischen Regierung zu Detmold.

6.2 Die „Bemerkungen eines Reisenden“ von 1788
Reisebeschreibungen zählten im 18. Jahrhundert zu den beliebtesten Literaturgattungen. So erschienen 1788, vierzehn Jahre nach der Hinrichtung, im Westphälischen Magazin in mehreren Teilen die „Bemerkungen eines Reisenden“, der während eines Badeaufenthaltes in Pyrmont ins Paderbornische und zurück reiste und daher auch durch Lemgo kam. Sein Weg führte ihn durch das Neue Tor in Richtung Stadtwald und weiter nach Rinteln. „Nicht weit vor dem Thore sah ich die schrecklichen Gebeine eines Missethäters auf dem Rade liegen, eines pfälzischen Emigranten namens Kropf“, der im folgenden wegen seiner grausigen Mordtat als „Scheusal“ charakterisiert wird. In konzentrierter Form dürfte der Text jene Schauer-legenden wiedergeben, wie sie damals über Krop in Umlauf waren.

Der Hinrichtungsplatz, woran der Reisende vorbeikam, lag auf dem sog. „Neuen Pförtner Bruch“ an der heutigen Rintelner Straße, ziemlich genau an der Stelle, an der sich heute das Klinikum befindet. Wegen der erwarteten Zuschauermenge hatte man diesen Ort gewählt anstatt des traditionellen Richtplatzes auf dem Holzhauser Berg. Zur Abschreckung blieb das aufgerichtete Rad mit den Überresten des Hingerichteten so lange stehen, bis es von selbst umfiel.

6.3 Gruners Schilderung das Lemgoer Gefangenenhauses von 1802
Als Ergebnis einer Informationsreise veröffentlichte der aus Osnabrück stammende preußische Kammerrat Justus Gruner 1802 ein Buch „Ueber die Einrichtung öffentlicher Sicherungsinstitute nebst einer Darstellung der Gefangenen-, Zucht- und Besserungshäuser Westphalens“. In Lemgo fand vor allem der „für einen berüchtigten Mörder namens Kropp“ angefertigte Schließkasten, den er als „ein Ueberbleibsel der ehemaligen barbarischen Tortur“ bezeichnet und genau beschreibt, sein Interesse. Der erweiterte Folterbegriff, der bereits 1774 wegen der Anwendung des Kastens zu einer mehrjährigen Auseinandersetzung zwischen dem Lemgoer Magistrat und der Gräflich-Lippischen Regierung führte, hatte sich also entgültig durchgesetzt. Damit stand auch nicht mehr der Täter Krop im Mittelpunkt, sondern das Instrument seiner angeblichen Tortur. Bei Gruner ist noch ein weiterer in die Zukunft weisender Aspekt zu finden, nämlich die Funktion des kastens als exemplarisches Schaustück einer musealen „Altertümersammlung“. Er werde, so heißt es zum Schluss, „noch jetzt zum ewigen rühmlichen Andenken der damaligen weisen Justiz aufbewahrt, und ich bemerke für zukünftige Schaulustige, daß er jetzt auf dem Kornboden des sogenannten Ballhauses steht“.

6.4 Der „Kropsche Kasten“ und die Hexenprozesse
Auch spätere Autoren, wie Christian Antze in seinem mehrteiligen, 1835 – 1839 erschienenen Aufsatz über die Hexenprozesse in Lippe und Lemgo, ordnen den Schließkasten dem Thema „Folter“ zu, obwohl er nie zu den üblichen und gerichtlich angeordneten Torturinstrumenten gehörte. Seit Antze wird er zudem fälschlicherweise mit der Hexenverfolgung in Verbindung gebracht – eine Verbindung, die zum Beispiel auch 1925 beim Historischen Festumzug der Lemgoer Schützen hergestellt wurde.

Mit der Eröffnung des Heimatmuseums 1926 bildete der „Kropsche Kasten“ einen Teil der Inszenierung einer „Folterkammer“ im Keller des Hexenbürgermeisterhauses, und blieb so bis in die 80er Jahre. Erst das Ende der folkloristischen Mythen um die Lemgoer Hexenverfolgungen brachte auch wieder eine realistische Einordnung des Schließkastens.

6.5 Die Auseinandersetzungen um eine Fernsehspielproduktion 1983/84
Im Sommer 1983 wollte der Sender Freies Berlin über den Fall Krop in Lemgp einen Film drehen und bat um Drehgenehmigung u.a. im Lemgoer Rathaus. Das zur Information vorgelegte, von dem Gelsenkirchener Autor und Regisseur Rainer Horbelt verfaßte Drehbuch, das sich wiederum auf Heldmanns „Actenmäßige Nachricht…“ von 1774 stützte, ging jedoch von einem historisch falschen Faktum aus: Es behauptet nämlich, Johann Christoph Krop sei Jude gewesen. Folglich wurde der gesamte Kriminalfall in einen antisemitischen Schauprozeß gegen einen Unschuldigen uminterpretiert und von dort wiederum eine gerade Verbindungslinie zum Nationalsozialismus gezogen, insbesondere zu den Ergebnissen der Reichstagswahl von 5. März 1933 im Lipper Land. Als der damalige Stadtarchivar Herbert Stöwer, unterstützt von Politik und Verwaltung, auf die Irrtümer aufmerksam machte, kam es zu erheblichen Auseinandersetzungen, weil sich der Autor und Regisseur durch den Entzug der pseudohistorischen Basis um die Argumentationslinie seines Fernsehspiels gebracht sah. Er selbst vermochte in den Einsprüchen aus Lemgo nur politische Vertuschungsmanöver zu sehen, wie seine Lebensgefährtin Sonja Spindler in einer Programmzeitschrift mitteilte: „Die Aufarbeitung des Falls scheint in Detmold und Lemgo nicht erwünscht zu sein. Vielleicht meint man, das durch unseren Film unliebsame Wahrheiten auf den Tisch kommen. Es ist eben nicht immer so ganz leicht, mit der eigenen Vergangenheit fertigzuwerden“. Nach einigen marginalen Drehbuchänderungen wurde der Film realisiert und am 12. Juli 1984 im 3. Programm des Westdeutschen Fernsehens gezeigt.

Texte: Gisela Wilbertz