Lebensmittel- und Kolonialwarenhandel

Gasthof Kahlenberg in Hagen, um 1910. Spezialisierte Lebensmittelgeschäfte gab es in den ländlichen Gebieten vor 1950 nur wenige. Die meisten von ihnen vertrieben auch Manufaktur- und Eisenwaren, Porzellan und Sämereien. In vielen Fällen waren zusätzlich eine Bäckerei und eine Gastwirtschaft angeschlossen.

Wenn vom Kaufmann auf dem Lande die Rede ist, so war damit in Lippe bis weit in unser Jahrhundert hinein in erster Linie der Lebensmittel- und Gemischtwarenhändler gemeint. Großhandelsgeschäfte beschränkten sich hier-wie in anderen Teilen des Deutschen Reiches – auf die größeren Städte, und auch Spezialgeschäfte für den Vertrieb einzelner Produkte wie Kaffee und Tee, Delikatessen oder Tabakwaren, wie sie in den lippischen Städten schon Ende des vergangenen Jahrhunderts entstanden, sind auf dem
Lande relativ rezente Erscheinungen, die wegen der geringen Nachfrage der ländlichen Bevölkerung als Einzelhandelsunternehmen lange Zeit keine Existenzgrundlage fanden. Eine Ausnahme bildeten hingegen die Bäckereien, die seit etwa den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch in den ländlichen Gemeinden in wachsender Zahl anzutreffen waren. Meist waren sie aus einfachen Verkaufsständen hervorgegangen, welche die Bäcker in ihrem Haus einrichteten, als mit der langsam steigenden Kaufkraft immer mehr Frauen dazu übergingen, ihr selbstgeknetetes Brot sowie Platenkuchen und Stuten beim Bäcker im Dorf „abbacken“ zu lassen oder dort Brot zu kaufen.
Ähnliches trifft seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts auf die lippischen Schlachtereien zu, die sich allerdings bis in die 1930er Jahre eher auf die kleineren und größeren städtischen Ansiedlungen beschränkten und in den kleinen Orten nur selten anzutreffen waren.

Da auf dem Lande in jedem Hause selbst geschlachtet wurde, waren sie dort nicht lebensnotwendig. In den Städten dagegen waren Nachfrage und Kaufkraft der Bevölkerung wesentlich größer, wenngleich auch in den lippischen Acker bürgerstädten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts noch viele Hausschlachtungen vorgenommen wurden. Im Gegensatz zu den Bäckern waren die Fleischer in stärkerem Maße von konjunkturellen Schwankungen der Wirtschaft und der Einkommenssituation der Bevölkerung
abhängig.
1861 wurden 292 Fleischer registriert, zu denen aber möglicherweise auch die Hausschlachter ohne Ladengeschäft gezählt wurden; 1875 waren es immerhin 363 Haupt- und 59 Nebenbetriebe. Bis 1907 sank ihre Zahl jedoch auf 263 ab und erreichte 1925, noch vor der großen
Wirtschaftskrise, mit 132 ihren Tiefpunkt. Von diesen 132 Betrieben waren allein 26 in Detmold und 15 in Lemgo angesiedelt, aber nur zwei im gesamten Amt Varenholz und nur eine im Amt Schwalenberg. In anderen Ämtern sah die Situation ähnlich aus. Zur gleichen Zeit gab es neun Bäckereien im Amt Varenholz und fünf im Amt Schwalenberg, während ihre Zahl in Detmold und Lemgo in etwa der der
Schlachtereien entsprach (26 in Detmold, 21 in Lemgo)
Insgesamt war auch die Zahl der Bäckereien um rund 20% zurückgegangen, von 354 im Jahre 1907 auf 270 im Jahre 1925. Ein Zuwachs war in beiden Fällen erst in den 1930er Jahren und dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen: 1948 wurden bereits wieder 339 Bäckereien und 445 Schlachtereien gezählt.Im 19. Jahrhundert waren Bäcker und Schlachter mit offenen Ladengeschäften noch nicht eindeutig als „Kaufleute“ im Sinne von Handelsgewerbetreibenden zu verstehen.
 Ihrer Ausbildung wie ihrem Selbstverständnis nach blieben sie in erster Linie Handwerker, auch wenn einige von ihnen gegen Ende des Jahrhunderts dazu übergingen, ihren Betrieben ein Lebensmittelgeschäft und vielfach auch eine Gastwirtschaft anzugliedern.

Gaststätte „Zur Erholung“ der Familie Fritz Diekmann in Reelkirchen nach dem Umbau, um 1900. Der wirtschaftliche Aufschwung gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte auch die Erweiterung von Gewerbebetrieben möglich. Gastwirtschaft und Ladengeschäft konnten damals noch von demselben Besitzer mit seiner Familie betrieben werden.

Neben dieser Art von Lebensmittelläden, die sich aus Handwerksbetrieben heraus entwickelt haben, gab es die „Kramläden“, die das Bild des Dorfladens eigentlich geprägt haben.
Hier gab es vom Hosenknopf bis zur Petroleumlampe und vom braunen Zucker bis zum eingelegten Hering alles zu kaufen, was die Landbevölkerung zum Lebensunterhalt benötigte, aber nicht selbst produzieren konnte.
 Dazu zählten auch die „Kolonialwaren“ aus fernen Ländern, die jahrhundertelang aus allen Teilen der Welt und zwischen 1884 und 1919 vor allem aus den deutschen Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien importiert wurden. Besonders begehrt waren Artikel wie Kaffee, Reis und Sago, außerdem verschiedene Gewürze wie Pfeffer, Lorbeerblätter, Nelken, Vanille, Ingwer und Kaneel, die zum Backenoder Wursten benötigt wurden.
Der Begriff K o l o n i a l w a r e n l a d e n galt lange Zeit für den Lebensmittelhandel schlechthin und wurde auch dann verwendet,wenn im Laden gar keine Waren aus Kolonialländern angeboten wurden. Im Zuge der „Eindeutschung“ von Lehnwörtern aus anderen Sprachen in den 30er Jahren wurde der „Kolonialwarenladen“ zum „Lebensmittelladen“.
Nach der Aufgabe der letzten Kolonien verlor der Begriff schließlich auch seine ursprüngliche Bedeutung. 
Bestimmte Importwaren wie Schokolade, Kakao, Apfelsinen, asiatischer Tee oder ausländischer Tabak, die um die Jahrhundertwende vorwiegend im Angebot der städtischen Kolonialwarenläden erschienen, konnte sich die Landbevölkerung nur selten leisten. Selbst Kaffee, der zu dieser Zeit auch in Lippe längst allgemeines „Volksgetränk“ gewordenwar, mußte sparsam verwendet werden. Im 18. Jahrhundert war der Konsum von Kaffee dem „gemeinen Bürger, Handwerks- und Arbeitsmann in den Städten und so
auch dem gemeinen Unterthan auf dem Lande“ aut Anordnung der lippischen Regenten verboten, weil man darin eine übermäßige Verschwendung zu sehen glaubte. Die städtischen Händler durften an den mit solchen Verboten belegten Personenkreis keinen Kaffee verkaufen, und auf dem Lande war der Handel damit ganz untersagt.

Kaffee galt noch im 18. Jahrhundert als schädlich für die Arbeitskraft des „gemeinen Mannes“. Den Untertanen wurde das Kaffeetrinken wiederholt verboten. Auf dem Lande war der Handel mit Kaffee ganz untersagt, städtische Kaufleute durften ihn nur an Adelige und privilegierte Bürger verkaufen. Die Lipper waren jedoch selbst durch „Pfahl und andere Leibesstrafen“ nicht vom Kaffeetrinken ab- zuhalten, so daß Fürstin Pauline 1814 das Kaffeeverbot wieder aufhob. (Landes-Verordnungen der Grafschaft Lippe, 2. Bd., 1781, S. 648/649)

Selbst für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten durfte er nicht verkauft werden. Das Verbot scheint jedoch wenig wirksam gewesen zu sein, da wiederholt entsprechende Verordnungen erlassen wurden. 1778 mußte die lippische Regierung feststellen, „daß das Caffeetrinken bei denen Personen, denen es untersagt worden, noch nicht ausgerottet seye, vielmehr nunmehrodie Entgegenhandlungen wider gedachte Verordnungen so weit gehen, daß von den Kaufleuten in den Städten, gegen ihre vormaligen Angelobungen, denen Personen, welchen der Caffee untersaget ist, ganz ungescheuet wieder verkauft, von denen also auch, besonders in den Städten, wieder frei und ungestörtgetrunken, und sogar von Gesinde und Tagelöhnern als eine erlaubte Sach, ja selbst als Schuldigkeit gefordert werde. Nun ist und bleibt aber der Caffee dem gemeinen Unterthanen ganz entbehrlich, da er andere Getränke und Stärkemittel hat, die seiner Lebensart angemessener sind, und gegen die sogar der Gebrauch des Caffees seiner Gesundheit schädlich ist“.
Obwohl das Zuwiderhandeln mit Geld- und Gefängnisstrafen geahndet wurde, blieben die Verordnungen uneffektiv, selbst „Pfahl- und andere Leibesstrafen“ konnten die Lipper nicht vom Kaffeetrinken abbringen. Fürstin Pauline hob schließlich 1814 alle Verbote bezüglich des Verkaufs und Genusses von Kaffee wieder auf. Wegen der niedrigen Geldeinkommen und der vergleichsweise hohen Preise für Importwaren blieb Kaffee jedoch auch in den folgenden 150 Jahren für die Landbevölkerung ein besonderes Getränk, das man sich nur selten leisten konnte. „Richtigen Kaffee“ aus Bohnen gab es in vielen Familien nur an Sonn- und Feiertagen.

Das ehemalige Kolonialwaren-Detailgeschäft Tintelnot in Lemgo wurde 1905 an Fritz Köster verpachtet. Wie viele andere Kolonialwarenhändler verkaufte er auch Sämereien und Düngemittel. Der Handel mit landwirtschaftlichen Bedarfsgütern wurde später ausgelagert und zu einem Landhandelsunternehmen ausgebaut.

Er wurde von dem Kolonialwarenhändler auf dem Lande selbst geröstet oder gelegentlich auch als Rohkaffee an die Kunden weiterverkauft, die ihn dann zu Hause auf dem Ofen rösteten, um ein paar Pfennige zu sparen.Während der Woche wurde „ Muckefuck“ getrunken, ein Kaffee- Ersatz aus gebranntem Gerstenmalz, wie etwa Kathreiner’s Malzkaffee, später Lindes oder Karo-Kaffee. Auch der Kaffee- Ersatz wurde beim Kaufmann im Dorf gekauft. Die „kleinen Leute“ rösteten sich die Gerste selbst. Bohnenkaffee gab es in Pergamenttüten zu 125 Gramm oder 250 Gramm. Ein Viertelpfund mußte in der Familie für die ganze Woche reichen. Jede Preiserhöhung hatte stets einen Rückgang der Kaffeeumsätze und eine vermehrte Nachfrage nach Surrogaten zur Folge, wie in den frühen Berichten der Handelskammer Detmold wiederholt vermerkt ist. Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre war der Genuß von Bohnenkaffee an Werktagen geradezu ein Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs und konnte von vielen jungen Hausfrauen jener Jahre nur gegen die Mißbilligung der älteren Generation durchgesetzt werden, die darin nach wie vor eine Verschwendung sah.

Lebensmittelabteilung im Kolonialwarengeschäft Köster während des Ersten Weltkrieges. So wie viele andere Ehefrauen von Kaufleuten führte Frau Köster das Geschäft alleine, solange ihr Mann Soldat war.

Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Zahl der Kaufläden auf dem Lande noch verhältnismäßig gering. Der Grund dafür ist nicht allein in der geringen Kaufkraft der Bevölkerung zu suchen, sondern auch im bis dahin geltenden Niederlassungsverbot für Gewerbetreibende in ländlichen Gebieten, das seit dem 70jährigen Privileg aus dem Jahre 1470 für Kaufleute und Handwerker gleichermaßen galt, um das Monopol des städtischen Gewerbes zu erhalten. Wie schon die Entwicklung des Handwerks deutlich gemacht hat, wurden die Verbote der Niederlassung in Lippe nie ganz befolgt, dennoch stellten sie eine Beeinträchtigung der freien Entfaltung der Wirtschaft dar und trugen dazu bei, daß bis zur Einführung der Gewerbefreiheit im Jahre 1869 die Ansiedlung von Gewerbebetrieben auf dem Lande nur zögerlich erfolgte. Mochten derartige Verbote in der letzten Phase der alten Gilden und Zünfte auch weitgehend unwirksam geworden sein – das seit dem Mittelalter bestehende, ehemals sehr einflußreiche Lemgoer Kaufmannsamt wurde beispielsweise schon 1841 aufgelöst – und auch Verstöße dagegen von seiten der Obrigkeit nicht mehr verfolgt werden wie noch im 18.Jahrhundert, so bedeuteten sie doch ein unwägbares Risiko, das der Eröffnung von Läden auf dem Lande nicht eben förderlich war.

Bäckerei Breaker in Erder, um 1930. In „Breakers Laden“ konnte man auch Kaffee- und Milchkannen, Einweckgläser, Emailleeimer, Fußmatten u. a. m. kaufen. Die Familie be- trieb im gleichen Haus die Gastwirtschaft „Zur Post“

Nach der Gewerbezählung von 1861 gab es zu dieser Zeit 276 „Kaufleute mit Laden“ mit insgesamt 461 Beschäftigten in Lippe. Man kann davon ausgehen, daß es sich dabei überwiegend um die traditionellen „Kramläden“ handelte, wie wir sie oben beschrieben haben. Davon waren etwa 48% mit 40% der Beschäftigten auf dem Lande und gut 52% mit 60% aller im Handel Beschäftigten in der Stadt angesiedelt. Städtische Kaufleute hatten also durchweg mehr Personal, während die ländlichen Geschäfte in der Regel Kleinstbetriebe waren, die vom Kaufmann und seiner Frau und evtl. weiteren mithelfenden Familienmitgliedern geführt wurden. Die Zahl der Läden war demnach etwa zu gleichen Teilen zwischen Stadt und Land aufgeteilt; zur selben Zeit lebten allerdings noch ca. 83% der Bevölkerung Lippes auf dem Lande. Sie war somit in bezug auf den Besatz mit Ladengeschäften gegenüber der Stadtbevölkerung erheblich benachteiligt. Nur etwa die Hälfte von ihnen wohnte in Orten mit wenigstens einem Ladengeschäft, aber rund 40% aller Landgemeinden hatten noch überhaupt keinen Laden. Je größer der Ort und die Entfernung zur nächsten Stadt, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, daß ein Geschäft dort aufmachte, weil sich der Verkauf offenbar nur dann lohnte, wenn ein relativ großer Einzugsbereich vorhanden war. Nur 12% aller Einzelhandelsgeschäfte fanden sich hingegen außerhalb von Kirchdörfern und Flecken.
In den unterversorgten Orten war die Bevölkerung auf den Hausierhandel und die Jahrmärkte angewiesen. Das galt zu dieser Zeit vor allem für den lippischen Westen und das untere Extertal. 1861 wurden 92 herumziehende Krämer und 13 „Mäkler im Kleinhandel“ registriert. Ob sich die Situation in den 70er Jahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg auch für die Händler und Kaufleute verschlechterte, wie das z.B. im Handwerk deutlich feststellbar war, geht in diesem Falle aus der Statistik nicht eindeutig hervor, weil 1861 keine Differenzierung des Einzelhandels erfolgte. 1875 sind erstmals Kolonialwarenläden als gesonderte Kategorie aufgeführt. Erst ab den 1880er Jahren läßt sich die Entwicklung im Lebensmittelhandel genauer verfolgen. Auch hier ist ein Niederschlag des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs der beiden letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen,wie wir ihn auch schon im Bereich des Handwerks konstatieren konnten. Die Zahl der Kolonialwarenläden stieg von 187 im Jahre 1875 in nur sieben Jahren auf 386 an und bis 1907 um weitere 200 auf insgesamt 585.

Lebensmittelhandlung Drews in Humfetd, Anfang der 60er Jahre. Die steigende Kaufkraft der Bevölkerung nach 1950 machte Erweiterungs- und Umbaumaßnahmen der Lebensmittelgeschäfte erforderlich. Läden, die anfangs nur in einem Seitenteil eines Bauernhauses untergebracht waren, nahmen nun das gesamte Untergeschoß ein. Auf eine einheitliche Fassadengestaltung wurde beim Umbau aber wenig Rücksicht genommen.

Bezeichnend ist aber, daß zu dieser Zeit noch eine Reihe von Betrieben im Nebenerwerb geführt wurden, weil viele Krämer von den Einkünften ihres kleinen Ladens alleine nicht leben konnten. Wie bei den meisten Handwerkern war es auch bei den Kaufleuten auf dem Lande üblich, neben dem Geschäft noch eine kleine Landwirtschaft zu betreiben, mit der man notfalls den Lebensunterhalt allein bestreiten konnte. Der Laden befand sich in der Regel auf einer Seite des Hauses, die Deele und die Ställe für das Vieh auf der anderen. Bis um die Jahrhundertwende waren die an den Laden angrenzenden Räume noch bewohnt. Beginnend in den städtischen Kramläden setzte dann eine Modernisierungsphase ein, indem die Läden vergrößert wurden, einen eigenen Eingang und größere Fenster erhielten und die unteren Räume als Wohnräume aufgegeben wurden. Großflächige Läden und Schaufenster, für die das gesamte Untergeschoß des Hauses umgebaut werden mußte, entstanden in Lemgo und Detmold schon bald nach der Jahrhundertwende, in den lippischen Dörfern aber erst ab den 1930er Jahren. Bis dahin waren der Krämerladen und die oftmals daran angeschlossene Gastwirtschaft integrale Bestandteile eines in seiner Struktur im wesentlichen unveränderten Bauernhauses. Eine Spezialisierung als Lebensmittelhändler war in den Dörfern bis um die Mitte unseres Jahrhunderts nur selten möglich oder erforderlich. Der „Laden“ vereinigte in sich Lebensmittel-, Haushaltswaren- und Kaffeegeschäft, Landhandel und Apotheke. Nach dem Verzeichnis des Lippischen Handels- und Genossenschaftsregisters von 1908 vertrieben 82 % aller mit Kolonialwaren handelnden Betriebe auch andere Waren.

„Werkskonsumanstalt“ der Firma Hoffmann-Stärkefabrik in Bad Salzuflen, um 1900. Der Laden war eingerichtet worden, um die Arbeiter der Fabrik mit preisgünstigen Lebensmitteln zu versorgen.

Als Hauptgeschäftszweig waren überwiegend angegeben: „Kolonial-, Manufaktur-und Eisenwaren“, „Kolonialwaren und Porzellan“ oder „Kolonialwaren, Delikatessen, Sämereien und Zigarren“. Nur 24 Firmen gaben keinen weiteren Geschäftszweig an. Zu fast allen Gasthäusern und Krügen auf dem Lande gehörte zu dieser Zeit ein Kolonial- und Manufakturwarengeschäft oder eine Bäckerei. Nicht selten waren alle drei Bereiche unter einem Dach vereint. Dazu kam immer noch der landwirtschaftliche Betrieb. Damit war das wirtschaftliche Risiko möglichst breit gestreut. Diese Diversifikation der Betriebe, wie sie in den beiden Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende typisch war, funktionierte allerdings nur, weil die Familien groß genug waren, um den größten Teil der Arbeitskräfte selbst zu stellen, weil die Löhne für Angestellte sich auf minimalem Niveau bewegten und der Geschäftsumsatz der verschiedenen „Branchen“ nur sehr gering war.
Die betriebliche Vielfalt setzte sich innerhalb des „Ladens“ in der Vielfalt des Angebots fort. Auf meist kleinstem Raum waren Hunderte von Artikeln in hölzernen „Trecken“ (Schubladen) auf meterhohen Regalen, die in vielen Läden bis zur Decke reichten und in den oberen Fächern nur mit einer Leiter zu erreichen waren, in Säcken, Gläsern und Kisten verstaut. Da viele Waren lose eingekauft und dann nach den Wünschen der Kunden in größeren oder (meist) kleineren Mengen abgepackt wurden, gaben sie den Kolonialwarenläden ihren unverwechselbaren Geruch, eine Mischung aus Petroleum, Jute, Gewürzen, Sauerkraut und Heringslake. In den meisten Läden gab es ein bis zweimal pro Woche frisches Brot, das der Inhaber entweder selbst backte, sofern er auch Bäcker war, oder vom ortsansässigen Bäcker bezog. Daneben waren alle anderen Grundnahrungsmittel wie Zucker, Salz, Reis und Graupen vorrätig. Viele Läden führten außerdem Artikel für Haus und Hof wie Emaillegeschirr, Kaffeekannen, Bürsten und Fußmatten, Besen, Holzschuhe und Schrubber in ihrem Sortiment. An Manufakturwaren wurden Arbeitskleidung, Aussteuerwaren und Bettwäsche angeboten. Außerdem gab es bestimmte „Drogen“, Verbandstoffe, Rizinusöl, Seife und Waschpulver, Schuhcreme, Pomade, Wurstebänder und Därme zum Wursten. Auch Schnaps, Bier, Kaffee und Tabak gehörten unbedingt dazu, ferner in vielen Fällen Farben und Pinsel sowie Sämereien, die im Frühjahr in großen Säcken vor dem Tresen aufgebaut waren. Begehrt vor allem bei Kindern waren die in großen Deckelgläsern auf dem Verkaufstisch aufbewahrten „Bolchen“.1Bonbon

Beschlagnahme einer Verkaufsstelle des Lippischen Konsumvereins in Detmold durch Angehörige der SA, 1933. Die Nationalsozialisten hatten schon vor der Machtergreifung gegen die Organisationen der Arbeiterbewegung agiert. 1933 wurden dann beim Lippischen Konsumverein willkürliche Entlassungen erzwungen, wenig später mußte auch dort das „Führerprinzip eingeführt werden. 1938 erfolgte die Liquidation des Vereins und die Privatisierung des Betriebes einschließlich aller 54 Verkaufsstellen.

Einige Waren, die heute aus keinem Lebensmittelladen fortzudenken sind, fanden sich um die Jahrhundertwende gar nicht oder nur in sehr geringen Mengen im Angebot der Kolonialwarengeschäfte: Mehl wurde vom Müller im Dorf geholt, Gemüse zog jeder im eigenen Garten, für Fleisch und Wurst sorgte das eigene Schwein im Stall, so daß nur ausnahmsweise beim Schlachter im Dorf zugekauft werden mußte; Milch und Butter produzierten die Bauern selbst und lieferten ihre Überschüsse an die „kleinen Leute“ ohne Kühe in der Nachbarschaft, die aber meist die Milch von ihren Ziegen verwerteten. Nur Käse wurde im Kolonialwarenladen angeboten, allerdings lediglich zwei Sorten: es gab „Harzer“ und „Nieheimer Käse“.
Angebot und Einkommen der dörflichen Krämer haben sich zwischen 1850 und 1950 erheblich verändert, auch wenn es aus unserer heutigen Sicht so scheinen mag, als habe es diese Dorfläden schon immer so und nur so gegeben. Leider liegt keine Untersuchung zur Geschichte des dörflichen Einzelhandels in Lippe vor, so daß sich vorerst nur allgemeine Charakteristika erfassen lassen. Die Situation dieser Läden war während des gesamten 19. und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nicht annähernd zu vergleichen mit der Zeit nach 1950, als die veränderten Lebensund Arbeitsbedingungen zu einem Boom in der Entwicklung des Einzelhandels, insbesondere des Lebensmittelhandels, führten. Doch schon vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich gegenüber 1850 erhebliche Veränderungen vollzogen. Fest steht, daß mit wachsender Kaufkraft und Nachfrage seitens der Bevölkerung auch das Angebot der Läden beständig zunahm und sich immer mehr Ladengeschäfte auf dem Lande halten konnten – ein Trend, der heute wieder rückläufig ist. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde nur das gekauft, was unter keinen Umständen selbst produziert werden konnte und zum Leben unbedingt notwendig war – und auch das nur in sehr kleinen Mengen. Viele Familien waren so arm, daß sie sich kaum das notwendige Rüböl für die damals noch üblichen Öllampen und die in größeren Mengen erforderlichen Gewürze für das winterliche Schlachtefest leisten konnten.Das Angebot an Lebensmitteln im Handel muß auf den Dörfern sehr gering gewesen sein, und das damit zu erzielende Einkommen reichte zum Leben vielfach nicht aus. Nur so ist zu erklären, daß 1861 ein so großer Teil der ländlichen Gemeinden noch ganz ohne Ladengeschäfte auskam und selbst 1882, als bereits ein kräftiger Aufschwung zu verzeichnen war, noch 48 % aller Kolonialläden nur als Nebenerwerbsbetriebe geführt werden konnten. 1892 waren es dagegen nur noch 30 %, 1907 wurden bereits 78 % dieser Läden im Haupterwerb geführt.

Der „Konsum“ in Bad Meinberg, Ende der 50er Jahre. Die veränderten Ansprüche der Kundschaft machten Modernisierungen und die Umstellung auf das „Schnellbedienungs-System“ erforderlich.

Gleichzeitig blühte allerdings auch der H a u s i e r h a n d e l, der zur Zeit der Gilden und Zünfte mehr als jedes andere Gewerbe von Einschränkungen, Verboten und Kontrollen betroffen war. Die Vorschriften bezüglich der zum ambulanten Handel freigegebenen oder davon ausgenommenen Waren änderten sich laufend, in manchen Jahren durften Hausierer auch außerhalb der Markttage ihre Waren verkaufen, nach der politischen Restauration 1850 wieder nur an Markttagen und mit behördlicher Genehmigung. Die gerade in diesem Gewerbe zahlreich vertretenen jüdischen Händler waren zudem von erhöhten Abgabenlasten betroffen.
Erst mit der Gewerbefreiheit 1869 konnte sich der Hausierhandel freier entfalten. Es war lediglich ein Gewerbeschein erforderlich. Hausierer besaßen kein eigenes Ladengeschäft und zogen deshalb mit ihren Waren direkt zu den Kunden -teilweise in Konkurrenz mit dem örtlichen Einzelhandel. Angeboten wurden allerdings nur Kleinteile wie Nadeln, Nähzeug, Knöpfe, Scheren, Messer und Rasierklingen, gelegentlich auch Töpfe, Kannen oder Textilien. Dazu gehörten aber keine Lebensmittel. Umgekehrt zogen auch manche Kolonialwarenhändler gelegentlich auf die Höfe, um ihre Waren zu präsentieren – insbesondere Aussteuerwäsche, Arbeitskleidung und Stoffe. Diese Art des ambulanten Handels wurde nicht als Hausierhandel bezeichnet. Das galt ebensowenig für „das Herumtragen von Eiern,Butter, Federvieh, Gemüse, Obst u.a. Viktualien“, das laut Polizeiordnung von 1892 ohne Konzession gestattet war. Meist handelte es sich dabei um Kleinbauern, die zu ihren Kunden über das Land zogen und in Körben oder Rucksäk-ken Gemüse, Eier und selbstgemachte Butter zum Verkauf anboten. Gerade dieser ambulante Handel aber, der teilweise noch Ende der 50er Jahre existierte, spielte für die Landgemeinden eine große Rolle, als noch kaum jemand ein Auto besaß und der Gang zum Händler im nächsten Dorf besonders für abgelegene Höfe recht weit sein konnte. Wie viele dieser umherziehenden Händler und Kleinbauern es in Lippe gegeben hat, läßt sich nicht nachweisen. Die Aussagekraft der Statistik ist in diesem Punkt äußerst eingeschränkt und bezieht sich lediglich auf den Hausierhandel. Für 1895 sind nur insgesamt 48 Hausierbetriebe angegeben, 1907 waren es 59, 1925 aber immerhin 169 „Betriebe für den Hausier- und Straßenhandel“. Die Umsätze im Handel stiegen seit der Jahrhundertwende so an, daß immer mehr Krämer von ihrem Laden leben konnten und deswegen die Landwirtschaft nur noch nebenberuflich betrieben oder ganz aufgaben. Die Bevölkerung war zwar auch im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts noch immer – gemessen an heutigen oder selbst an Wirtschaftswunderzeiten – sehr arm, dennoch konnte man sich mehr „leisten“ als noch 50 Jahre zuvor. Das äußerte sich nicht nur in einer besseren Ernährung, sondern auch in einer größeren Nachfrage nach materiellen Dingen. Es wurden allerdings nach wie vor nur geringe Mengen eingekauft – man konnte getrost die Kinder zum Einkaufen schicken. Mit ihren kleinen, geflochtenen Einkaufskörben waren sie früher ein gewohntes Bild in den dörflichen Läden. Schon wegen der geringen Umsätze der einzelnen Produkte waren die Ladenbesitzer darauf angewiesen, ein möglichst vielfältiges Sortiment zu führen. Für Umsatz sorgten nicht zuletzt die Ziegler-Familien, bei denen es üblich war, auf Kredit zu kaufen und die Rechnung am Jahresende nach Abschluß der „Kampagne“ zu bezahlen. Wo die Ziegler erst am Heiligabend nach Hause kamen, da hatte auch der „Laden“ an diesem Tag noch bis spätabends geöffnet, denn dann wurden die Weihnachtsgeschenke gekauft und die Rechnungen für die vergangenen Monate bezahlt. Fiel der Verdienst einmal geringer aus als in den anderen Jahren, wie etwa 1913, so machte sich das im gesamten lippischen Einzelhandel deutlich bemerkbar.

„Tabak- und Confitüren“-Geschäft Walter Seidenfad in Blomberg, 1930er Jahre. Im oberen Teil des Hauses war eine Zahnarztpraxis untergebracht.

Die Kolonialwarenhändler bezogen ihre Ware von einer Reihe von Zulieferern. Bestimmte Waren wurden bei Handwerkern im Dorf oder in der unmittelbaren Umgebung bezogen: Graupen und Mehl (sofern überhaupt im Angebot) von der Getreidemühle, Öl von der Ölmühle, Därme vom Schlachter, Brot vom Bäcker, Holzschuhe, Holzkellen, Besen und Bürsten von Holzschuhmachern, Besenbindern und Bürstenmachern. Die meisten ihrer Kunden bestellten allerdings direkt bei diesen Handwerksbetrieben, weil die Preise dort etwas niedriger waren. Stoffe erhielten die Kolonialwarenhändler von Textilfabriken außerhalb Lippes, deren Vertreter seit dem Ende des 19.Jahrhunderts die lippischen Händler etwa ein- bis zweimal jährlich aufsuchten, um ihre Bestellungen entgegenzunehmen. Solange in Lippe im großen Stil Flachs angebaut und zu Leinen verarbeitet wurde, wurde handgesponnenes Flachsgarn von vielen Kolonialwarenhändlern als Zahlungsmittel akzeptiert. Es wurde gesammelt und an die Leinenhändler weiterverkauft. Die Blütezeit des lippischen Leinengewerbes war jedoch schon um 1850 vorbei, doch wurde Leinen noch bis in die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts in vielen Haushalten hauptsächlich für den eigenen Bedarf selbst hergestellt. Handgefertigtes Leinen fand sich deshalb auch in den Kolonialwarenläden. Es wurde allerdings zunehmend von industriell hergestelltem Leinen und Baumwollstoffen aus den außerhalb Lippes angesiedelten Textilfabriken verdrängt. Die Preise dafür waren anfangs wegen der schlechten Transportbedingungen in Lippe noch relativ hoch, sanken jedoch in dem Maße, wie die Verkehrsverhältnisse verbessert wurden. Nach dem Anschluß Lippes an das Eisenbahnnetz gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es den lippischen Händlern – selbst den kleinen Kolonialwarenhändlern auf dem Lande – möglich, ihre Waren direkt beim Hersteller zu bestellen und mit der Bahn schicken zu lassen. Das traf vor allem für Manufakturwaren und Kaffee zu, während viele andere Waren, die nur in kleineren Mengen abgenommen werden konnten, bei den Lemgoer und Detmolder Grossisten bestellt wurden. Die Lieferungen trafen nicht täglich ein, sondern ein- bis zweimal pro Woche. Wer kein eigenes Fuhrwerk besaß, bestellte den ortsansässigen Fuhrmann, um die Ware abzuholen. Der Erste Weltkrieg und die wirtschaftliche Rezession der 20er Jahre ließen auch die Zahl der Kolonialwarenläden zurückgehen. 1925 wurden 399 Betriebe gezählt, ca. 30 % weniger als 20 Jahre zuvor. Doch der allgemeine Trend hin zu einer Verbesserung der Versorgungslage der Dörfer war damit nicht rückgängig gemacht und setzte sich ab Mitte der 1920er Jahre ungemindert fort. Mit wachsender Nachfrage und einem immer größeren, auf Spezialisierung abzielenden Sortiment stiegen auch die Anforderungen an die kaufmännischen Fähigkeiten der Ladenbesitzer. Anfang der 1930er Jahre sah man sich behördlicherseits veranlaßt, ein neues Berufsbildungsgesetz zu erlassen, um damit zum einen die Ausbildung der Lehrlinge im Handel zu verbessern und zugleich das Ansehen dieses Berufsstandes zu heben, denn „der Kaufmannsberuf würde in der Öffentlichkeit noch zu sehr verkannt“, heißt es in einem Bericht über einen Vortrag des Deutschnationalen Handlungsgehilfenvereins aus dem Jahre 1931. Den Grund dafür sah man in der unzureichenden praktischen und theoretischen Ausbildung:

Einmal sehe man in ihm eine bequeme soziale Aufstiegsmöglichkeit für Minderbegabte, ein andermal dünkt man sich für den Kaufmannsberuf zu fein. Deshalb der
starke Andrang zu den höheren Schulen und zu den akademischen Berufen. Der Zudrang zu den höheren Schulen in Lippe müsse unbedingt abgestoppt werden zu Gunsten der Berufsschule, damit dem kaufmännischen Nachwuchs mehr Intelligenz einverleibt werde.

Zu Beginn der 30er Jahre schlössen nur etwa 25 % aller kaufmännischen Lehrlinge ihre Ausbildung mit einer Prüfung ab. Nach dem neuen Gesetz wurde sie obligatorisch. Gleichzeitig wurden wöchentlich zehn Stunden Berufsschulunterricht vorgeschrieben und die Lehrzeit auf drei Jahre begrenzt.
Die Entwicklung vom Kolonialwarenladen zum reinen Lebensmittelhandel – und damit das Ende des alten Gemischtwarenladens – setzte in den lippischen Städten schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein, auf dem Lande erst nach 1950, teilweise auch erst Anfang der 1960er Jahre.

 

Anzeige im Lippischen Dorfkalender, 1932. Die „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwareneinzelhändler (EDEKA) wurde 1906 in Hamburg als Reaktion auf die wachsende Konkurrenz der Verbraucherorganisationen mit ihren „Konsum“-Geschäften gegründet. Der erste EDEKA-Großhandelsmarkt in Lippe entstand 1913 in Detmold. Viele lippische Kolonialwarenhändler, auch auf den Dörfern, traten dieser Genossenschaft bei, um sich gegen die Konsumläden behaupten zu können.

Eine ganz ähnliche Entwicklung nahmen die Läden der lippischen Konsum- und Einkaufsgenossenschaften. Die Eröffnung der ersten Konsum-Verkaufsstelle erfolgte am 15.2.1901 in Lemgo, geführt vom „Lemgoer Konsumverein“ (ab 1908 umbenannt in „Lippischer Konsumverein“), der bald weitere Läden in allen Teilen Lippes eröffnete. Bei Kriegsausbruch 1914 waren es insgesamt 16. Schon ein Jahr früher bestand ein anderer Konsumverein in Oerlinghausen, dessen zwei Verkaufsstellen 1915 vom Lippischen Konsumverein übernommen wurden. Die Konsumgenossenschaften waren (und sind) reine Verbraucherorganisationen, deren Mitglieder in Lippe, wie auch in anderen Teilen des Deutschen Reiches, in der Anfangszeit zum ganz überwiegenden Teil zur gewerblichen Arbeiterschaft gehörten. Die Einrichtung der ersten Konsum- Verkaufsstelle in Lemgo war eine Initiative Lemgoer Bürger, die sich aus Protest gegen die Anhebung der Preise um 2-4 Pfennige zu den Läden der „Vereinigten Lemgoer Kaufleute“ zusammenschlössen, um durch gemeinsam organisierte Großeinkäufe direkt beim Erzeuger günstigere Preise auszuhandeln und damit den Zwischenhandel übergehen zu können. Die Mitglieder hatten Mitspracherechte bei Vertrieb, Organisation und Personalentscheidungen und erhielten die Preisvergünstigungen durch Rückrabatte im Verhältnis der Güterentnahme am Ende eines Geschäftsjahres erstattet. Mit der Einrichtung eigener Produktionsstätten (z.B. einer Bäckerei, später auch einer Kaffeerösterei,
Selterswasserherstellung und Abfüllereien) sowie durch den Zusammenschluß der Konsumvereine auf Regional-und Reichsebene konnten die Waren z.T. wesentlich preiswerter angeboten werden, als dies für die kleinen Einzelhandelsläden möglich war.

Die Konsumverkaufsstellen erwiesen sich schon bald als so erfolgreich, daß sie zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für den lippischen Einzelhandel wurden. Als Reaktion darauf wurde 1913 der Edeka-Großhandel Detmold gegründet, welcher der seit 1906 bestehenden „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwaren-Einzelhändler“ mit Sitz in Hamburg angehörte. Edeka- Mitglieder erhielten fortan einen großen Teil ihrer Waren über den zentralen Großhandel in Detmold und kamen damit in den Genuß von Großhandelsrabatten, so daß sie preislich mit den Konsumläden mithalten konnten.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bauten beide Genossenschaftsorganisationen ihr Verteilernetz in Lippe weiter aus. Konsum- und Edeka-Läden gab es nicht nur in den lippischen Städten, sondern auch in den Dörfern. Im Jahre 1925/26 gab es beispielsweise insgesamt 45 Konsum- Geschäftsstellen, davon befanden sich 27 auf dem Lande, wie etwa in Haustenbeck, Wöbbel, Lieme, Heiden, Hiddesen oder Alverdissen und in 20 weiteren Orten. Während die Edeka auch in dem folgenden Jahrzehnt weiter arbeiten konnte, begann für die Konsumgenossenschaft schon zu Beginn der 1930er Jahre eine Zeit der politischen Repression. Die Nationalsozialisten agierten bereits vor der Machtübernahme 1933 gegen die Institutionen der Arbeiterbewegung mit dem Ziel ihrer Liquidation. 1933 mußte auch bei den Konsumvereinen das „Führerprinzip“ eingeführt werden. Ein NSDAP-Beauftragter an der Spitze hatte absolute Vollmachten und war – entgegen den Statuten der Genossenschaft – fortan weder von den Mitgliedern noch von einem Aufsichtsrat zu kontrollieren. Vorstand und Aufsichtsrat legten daraufhin ihr Amt nieder, viele Genossenschaftsmitglieder zogen aus Furcht vor der Auflösung ihre Spareinlagen zurück. Der Lippische Konsumverein – der 1935 in „Lebensmittel-Gesellschaft Lage“ umbenannt worden war – wurde chließlich im Jahre 1938 liquidiert, seine Gebäude, Fahrzeuge und Produktionsstätten privatisiert – im selben Jahr, als die Edeka ihr 25jähriges Jubiläum feierte.28) Die Neugründung der „Lippischen Konsumgenossenschaft“ mit Sitz in Lage erfolgte 1946. Aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten konnten bis 1947 erst wieder sieben Verkaufsstellen, bis 1950 insgesamt 14 eröffnet werden. Der eigentliche Aufschwung der Konsum-Läden setzte etwa 1954 ein, als wegen der sprunghaft gestiegenen Nachfrage seitens der Bevölkerung Wachstumsraten von bis zu 25 % jährlich erzielt werden konnten. Die Modernisierung der Konsum-Läden auch in den kleinen Ortschaften und die Umstellung auf das „Schnellbedienungssystem“ verstärkten noch die hohen Umsätze.
Denselben Aufschwung konnten die Edeka- Läden und die nicht-genossenschaftlichen Einzelhandelsläden verzeichnen, sofern es ihnen gelang, sich rechtzeitig auf die neuen Anforderungen umzustellen. Die Wandlung vom Kolonialwarenladen zum „Supermarkt“ vollzog sich jedoch im wesentlichen erst in den 60er Jahren und liegt außerhalb des für diese Studie relevanten Zeitraums.

Quelle: Landleben in Lippe Bd. II

Print Friendly, PDF & Email