DER LEHNSTAG UNTER DER LINDE ZU BLOMBERG UND SEINE ÖRTLICHKEIT

Elias von Lennep, Blomberg, Ansicht von Osten 1663/66.

Die Everstein’sche Fehde war vorüber. Die Friedensschlüsse von 1408 1409 hatten für die Herrschaft von Lippe das Ende der furchtbaren Verheerungen und Brandschatzungen gebracht. Edelherr Simon III. zur Lippe wurde gezwungen, wertvolle Bestandteile seiner Herrschaft zu versetzen. Ämter wie Enger und Quernheim, das halbe Dorf Ufflen, reiche Höfe, Mühlen und andere Besitzungen und Einkünfte wurden verpfändet. Simon überlebte den Schlag nicht lange. Nach seinem Tode trat Bernhard VI. eine traurige Erbschaft an. Die Verpfändungen nahmen ihren Fortgang. Doch scheint er bemüht gewesen zu sein, wieder Ordnung zu schaffen. Er hat begonnen, Schulden zu bezahlen und schon zu Anfang seiner Regierung eine Art Bestandsaufnahme gemacht: In zwei Lehnstagen am 18. Mai 1410 in Lippstadt und am 8. Mai in Blomberg hielt Bernhard Heerschau über seine Vasallen.

Das Lehnsregister hebt an:
„Als men schrifft na Godes Gebort veerteinhundert Jar darna in deme elten Jare des anderen Sondages in der Vasten do sat de Edele, min leve gnedige Junther Bernd, here to Lippe ein Leinrecht ( L E H N R E C H T) to dem Blomberge under der Linden. Do entfengen de hir na geschreven stand van eme erGud, dat se van de Herschop to Lippe to leine (L E H N) hebbet.“
Etwa dreißig Lehnsträger empfingen am 8. Mai 1411 ihre Güter aus der Hand ihres Lehnsherren, fast alle aus ritterbürtigen Geschlechtern. Man kann sich vorstellen, daß sie zu diesen denkwürdigen Ereignis mit ihrer Freundschaft und Verwandtschaft und gefolgt von ihren Dienern und Knechten zur Stadt geritten waren. Auf dem Hause Blomberg wurden sie vom Edelherrn und dessen Verwandtschaft, den Burgmannen mit ihrem Burggrafen, dem Amtmann, Schreibern und Gefolge empfangen. Dazu war die Bürgerschaft Blombergs erschienen. Sicher waren auch sonstige Vertreter der Ritterschaft und der Städte anwesend, diesen Tag feierlich zu begehen. Von weither war das Landvolk zu diesem Schauspiel geströmt.
Zu Blomberg unter der Linde fand in feierlichem Aufzuge vor den zusammengeströmten Scharen die eigentliche feierliche Belehnung statt, selbst in ihren Überresten noch gewaltige und schöne Linde vor der Weinpforte in Frage kommen. Sie steht außerhalb der Stadt, und der sie umgebende runde Raum ist für einen so großen Lehnstag unmöglich. Eine andere alte Linde in der Feldmark im Süden der Stadt kann wegen ihres ungünstigen Standorts, und da sie ebenfalls außerhalb der Stadt wächst, nicht in Frage kommen.
Auf welchem Platze in Blomberg kann nun dieser Lehnstag stattgefunden haben? Hier dürfte der Marktplatz ausscheiden, ihn ihn beherrschten nicht Landesherr und Linde, sonder Bürgermeister und Rat und Rathaus. So bleiben nur noch zwei Örtlichkeiten übrig, nähmlich der Burghof und der jetzige Pideritplatz, früher die Wüste genannt. Über Größe und Art des früheren Burghofes wissen wir nichts. Burg und Stadt wurden 26 Jahre später in der Soester Fehde aufs schwerste zerstört. Abgesehen davon, daß der alte Burghof für diese Festlichkeit sicher nicht ausgereicht haben dürfte, wird es sich wohl um einen Gerichtsplatz außerhalb der Burg gehandelt haben, der einer größeren Menschenmenge Platz bot.
So bleibt nur noch der Pideritplatz. Auf seine weitere Geschichte soll hier nicht eingegangen werden. Doch fand sich in den Akten des Blomberger Stadtarchivs ein Vorgang, der es wahrscheinlich macht, daß hier unter der Linde die Belehnung durch den Edelherrn erfolgte. Es ergibt sich nämlich aus den Akten, daß hier noch im 18. Jahrhundert eine Linde gestanden hat.
Im Jahre 1785 will die Stadt Blomberg ein Spritzenhaus bauen und zwar hat sie den Pideritplatz dazu ausersehen. Das bückeburgische „Amt Blumberg“, das in der Burg residierte, fühlt sich in seinen Rechten gekränkt und erhebt grundsätzlich Einspruch, weil man es nicht gefragt hat: „Die Wüste Stelle“, der heutige Pideritplatz, sei gemeinschaftlicher Besitz. Der Magistrat widerspricht, der vorgesehene Platz liege innerhalb der Stadtgrenzen, welche sich „vor des Herrn General von Loßberg Hofe hinaus bis an das Pflaster vor dem Amthause als der notorische Grenze der Burg woselbst ehedem ein Torweg gestanden“, erstreckten. Inzwischen hat die Stadt ihr Spritzenhaus erbaut. Da widerspricht daß Amt am 1. November 1785 der Ansicht des Magistrats, umschreibt die Grenzen der wüsten Stelle und fährt fort: „Aus obigen richtigen Gränzen-Bezeichnung ergibt sich daß das Spritzenhaus auf der sogenannten wüsten Stelle und da, wo vorhin eine Linde gestanden, stehe und falls die Herren nur an ihre zarte Jugend Jahre sich zu erinnern belieben, wann sie ohnweit der herrschaftlichen Zehntscheuer Ball geschlagen aber von auf dem Platz des Spritzenhauses gestandenen Linde Käfer geworfen, so werden sie uns zugeben müssen, daß sie diese Spiele auf der sogenannten wüsten Stelle getrieben haben, und diese auch keinen anderen Nahmen führte. Was die Gemeinschaft dieses öffentlichen Platzes, auf welchem vor länger denn 100 Jahren der Pferdemarkt gehalten worden ist, anlanget . . “ und führt an, daß der Platz auch als Exerzierplatz für die bückeburgische Garnison aus dem Hause Blomberg ohne Widerspruch gebraucht worden ist. Worauf der Magistrat durch seinen Bürgermeister Piderit nur noch antwortet, “ Daß die vorgebrachten Dinge teils ins kindische fallen, teils nichts Nachhaltiges enthalten, inmaßen der Umstand mit dem Pferdemarkt für die Stadt ist, und das Exerzieren nur dann und wann geschehen sei und nicht zu hindern gewesen.“
Damit scheint dieser Streit sein Ende gefunden zu haben. Vielleicht aber war der vorgebrachte gemeinschaftliche Besitz der damaligen „wüsten Stelle“ seitens Haus und Stadt Blomberg nicht so ganz unbegründet. Eine Linde hat also dort gestanden, wo dann das Spritzenhaus gebaut wurde, dem wahrscheinlich die alte Lind hat weichen müssen, und das heutige Spritzenhaus dürfte an der Stelle des alten stehen. Beide Umstände dürften es außen den schon oben genannten Gründen wahrscheinlich machen, daß wir hier die Stelle gefunden haben, auf dem jener vielgenannte Lehnstag stattgefunden hat.
Mit fast völliger Gewißheit können wir aber den jetzigen Pideritplatz als Platz der Lehnstage in Anspruch nehmen, wenn wir uns die Ortsangabe über ein Lehnsgericht im Jahre 1461 vor Augen halten. Bruno Travelmann, Bürger in Münster, wird von Herrn bernhard zur Lippe auf das lehnsgericht geladen „vor der Bruggen unsser Borgh tom Blomberge up den Plaen under Lynden up der gewontliken stedt“.
Unter Plan kann nur eine größere Fläche verstanden werden. Hinzu kommt der Baubefund der Burganlage. Die Weinpforte mit dem Weinberge ist erst später angelegt worden. Ursprünglich nahm den ganzen berghang ein Knick (Knick, Knicke, Knicks, Öwer oder Över) ist eine Bezeichnung für von Gehölzen bewachsene, häufig künstlich errichtete Erd-, Stein- oder Torfwälle in Mitteleuropa. Sie sind als Grenzmarkierung und Einfriedung weit verbreitete landschaftsprägende Elemente der Kulturlandschaft.) ein. Bis zum Amthaus lagen Wall und Graben (Wallrest im Amtahsugarten). Die Burgbrücke lag also schon im Anfang des Pideritplatzes, während die jetzige Linde wohl vor der Burmauer, aber vom Eingang aus gesehen hinter Graben und Brücke lag.

Quelle: Lippischer Kalender 1950 – Von Helmut Riemann