Eng mit dem Handwerk des Müllers verbunden war das des Mühlenbauers. Er war für den Bau und die Reparatur der „gehenden Werke“, der Wasserräder und Windmühlenflügel, sowie für die Regulierung des Mühlenbachs, für die Anlage der Stauwerke und den Bau der Zulaufkanäle zu-ständig. Erfertigte auch die Zeichnung an, nach der Maurer und Zimmerleute den Bau errichteten.

Mühlenbauer mußten sowohl Holz- als auch Eisenarbeiten beherrschen, hölzerne Zahnräder anfertigen und Schlosserarbeiten ausführen, Tourenzahlen berechnen und Turbinen einbauen können. Vor allem aber mußten sie improvisieren können und „sich zu helfen wissen“.

Zur Werkstatt eines Mühlenbauers gehörten Schmiedeesse, Dreh- und Werkbank, Zangen und Hämmer ebenso wie Sägen, Hobel, Holzbeitel und Zirkel. Nach 1900 kamen elektrische Bohrmaschinen, Bandsägen, später auch Schweißgeräte hinzu. Mühlenbauer waren Zimmerer, Tischler, Maschinenfachleute und Baumeister zugleich. Einige von ihnen betrieben außerdem selbst eine Mühle, waren also auch gleichzeitig Müller.1* Die Mühlenbauer gehörten somit zu den vielseitigsten und am umfassendsten ausgebildeten Handwerkern überhaupt und hatten selten Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden, weil sie praktisch in mehreren Handwerken gleichzeitig versiert waren.
Grundsätzlich mußte ein Mühlenbauereine komplette Mühle errichten können. Neubauten sind nach 1900 nicht mehr in großer Zahl entstanden. Die Mühlen, die nach der Jahrhundertwende entstanden, wurden nicht mehr von Mühlenbauern, sondern von Baufirmen errichtet. In den meisten Fällen hatte der Mühlenbauer Erweiterungen, Umbauten und Reparaturarbeiten zu übernehmen, die er immer in Zusammenarbeit mit den örtlichen holz- und eisenverarbeitenden Handwerkern vornahm. Dazu zählten vor allem Ausbesserungen an den Mühlenrädern und am Getriebe der Mühlen. Häufig ausgewechselt wurden besonders die Kämme der hölzernen Zahnräder. Das Rad hatte genau abgezirkelt und die Holzzähne „auf Stich“ gesetzt zu sein, damit das Getriebe ruhig lief. Nach der Jahrhundertwende wurden nur selten mehr Zahnräder und Achsen aus Holz eingebaut, aber etliche noch repariert. Das galt auch für die großen Mühlenräder. Sie hatten eine Lebensdauer von ca. 20 Jahren, mußten aber häufiger ausgebessert werden.

Die ehemalige herrschaftliche Mühle in Langenholzhausen. Erbaut 1568 von Simon VI.

Die ehemalige herrschaftliche Mühle in Langenholzhausen. Erbaut 1568 von Simon VI.

Bevor das Mühlenrad eingebaut werden konnte, mußte der Mühlenbauer eine sorgfältige Berechnung der Wasserkraft und der Umdrehungszahl des Rades vornehmen, denn
davon hing die Ausstattung und Leistungsfähigkeit der Mühle ab. Mühlenräder wurden nach genauen Maßen an- gefertigt und direkt an Ort und Stelle eingebaut. Dasselbe trifft für die großen Kammräder zu, die immer direkt in der Mühle zusammengesetzt wurden, weil sie wegen ihrer Größe nicht mehr nachträglich eingebaut werden konnten.

Mühlenbauer und Zimmermann Friedrich Paukaus Nalhof, um 1915. Die Mühlenbauer waren für den Bau und die Reparatur von „gehenden Werken“, Wasserrädern, Windmühlen flügeln und Stauwerken zuständig. Sie mußten sowohl Holz- als auch Eisenarbeiten verrichten, Tourenzahlen berechnen und Turbinen einbauen können. Mühlenbauer gehörten daher zu den am umfassendsten ausgebildeten Handwerkern und übten meistens mehrere Berufe gleichzeitig aus. Für den Bau von Windmühlen war allerdings eine Sonderausbildung erforderlich

Mühlenbauer und Zimmermann Friedrich Paukaus Nalhof, um 1915. Die Mühlenbauer waren für den Bau und die Reparatur von „gehenden Werken“, Wasserrädern, Windmühlen flügeln und Stauwerken zuständig. Sie mußten sowohl Holz- als auch Eisenarbeiten verrichten, Tourenzahlen berechnen und Turbinen einbauen können. Mühlenbauer gehörten daher zu den am umfassendsten ausgebildeten Handwerkern und übten meistens mehrere Berufe gleichzeitig aus. Für den Bau von Windmühlen war allerdings eine Sonderausbildung erforderlich

Mühlenbauer hatten meist größere Holzvorräte bereitliegen, vor allem Eichenholz, das gut abgelagert sein mußte. Das Holz wurde entweder direkt beim Bauern gekauft oder im Holzhandel erworben. Die eisernen Achsen und Zahnräder, wie sie in allen neuen oder renovierten Mühlen eingesetzt wurden, gab der Mühlenbauer bei Gießereien in Auftrag, kleinere Eisenteile beim ortsansässigen Schmied.

Beim Neubau, Umbau oder bei der Renovierung von Wassermühlen arbeitete stets der Müller selbst mit, der einfache Reparaturen an den Zahnrädern auch allein ausführen konnte. Lediglich bei den technisch komplizierteren Windmühlen war immer ein Mühlenbauer hinzuzuziehen, der diese Technik eigens gelernt haben mußte. Teilweise
wurden Windmühlenbauer sogar aus Norddeutschland mit dem Bau beauftragt.

Im Jahre 1861 wurden in Lippe fünf Mühlenbauer gezählt, 1891 waren es elf, von denen einer dieses Handwerk im Nebenberuf ausübte.  Dieser Anstieg hing mit der verbesserten Auftragslage aufgrund von Mühlenrenovierungen und Mühlenneubauten nach 1869 zusammen, die auch die Anzahl der Mühlenbauer ansteigen ließ – wie sich umgekehrt auch jede Rezession im Mühlengewerbe sofort auf die Situation dieses Handwerks niederschlug. Insgesamt hat sich die Zahl der Mühlenbauer in Lippe jedoch zwischen 1850 und 1950 erstaunlich konstant bei fünf bis sechs Betrieben gehalten, wenn man von der Aufschwungphase in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einmal absieht. Schon 1907 waren es wieder fünf Betriebe, zu denen bis 1947 ein weiterer hinzukam. Der eigentliche Niedergang dieses alten Handwerks setzte auch in diesem Fall erst in den 1950er Jahren ein, parallel zum und als direkte Konsequenz des großen „Mühlensterbens“.

Quelle: Landleben in Lippe 1850 – 1950

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