Der Ottenkrug

Alverdissen, Elias van Lennep (Kupferstich um 1663) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die meisten denkwürdigen Bauten unserer Heimat haben einen großen Teil ihrer Romantik eingebüßt. Eine nüchtern denkende Gegenwart sucht ihnen in oft recht prosaischer Weise irgendeinen Nutzungswert abzugewinnen, wobei die Umwandlung einer alten Burg zur Jugendherberge, einer Mühle zur Kaffeewirtschaft noch die glimpflichste Form moderner Sachlichkeit darstellt. Und doch wüßte schon manches einfache Fachwerkhaus von interessanten Geschlechtern und Geschehnissen zu berichten, die unter seinem eichenen Torbogen ein- und ausgegangen sind. Auch manche alte Krugwirtschaft birgt ein Stück heimatlicher Geschichte. Ihre Vergangenheit ist um so ereignisreicher, je weiter sie dereinst von der Stadt entfernt draußen an einsamer Heerstraße lag. Dort stand  sie den Fuhrknechten und Begleitern der Frachtwagen, den Reisenden und Pilgern, wildem Kriegsvölkern und lockerem Gesindel mit Trank und Imbiß, Strohlager und Vorspann zu Diensten.

Dicht an der Grenze war die Unsicherheit, war aber auch der Zustrom von Gästen am größten. Der Scheerenkrug , der Ahmser Krug, der Bögerhof und der sagenhafte Nebelkrug – sie alle könnten von wilden Abenteuern und schlimmen Geschichten erzählen. Eine solche Grenzwirtschaft war auch der Ottenkrug, der nicht gerade das älteste, aber vielleicht das einträglichste unter den Gasthäusern an der lippischen Landesgrenze war.

Sein Begründer war Otto Falckmann (Valtman) vom Falkthofe in Ehrdissen, anfangs Gastwirt in Wehrden bei Höxter. Er war mit 34 Jahren als Ratskellerwirt nach Alverdissen gekommen und hatte während der fünf Pachtjahre mit Umsicht erwogen, wo die günstigste Lage für eine Krugwirtschaft mit eigener Brennerei sein möchte. Durch den Flecken führte die große Heerstraße Osnabrück—Hildesheim, welche 3 Kilometer weserabwärts kurz vor den Dudenhauser Höfen überquert wurde von der vielbenutzten Verkehrslinie Bremen— Kassel. Diese Straßenkeuzung war die ideale Lage für einen Krug nebst Herberge; hier begannen die beschwerlichen Steigungen zum Hummerbruch und Teutberg, die eine vorherige Erholung und Stärkung für Mensch und Tier dringend erforderlich machten. So hat Otto Falckmann 1673 „mit Consens ihr hochgrafl. gnaden zu Detmoldt zu Dunhausen ein neu heuslein hin. gebauwet“. Danach hat er „umb ein platz zum garten demütigst angehalten“, und Graf Simon Henrich hat „gneidigst solchen platz consentiert“.

Dieses erste Krughaus steht noch heute und ist der vordere Teil des abgebildeten Fachwerkhauses. Die Schankgenehmigung scheint gleich zu Beginn vom Grafen erteilt worden zu sein, denn der „Otto- Krüger“, wie der neue Wirt anfangs genannt wurde, hat schon in den ersten Jahren über Kapital verfügt, das ihm nur aus seinem flotten Wirtschaftsbetrieb zugeflossen sein kann. Er und seine Nachfolger konnten mehrfach dem immer um Geld verlegenen Detmolder Grafen Darlehen gewähren, was ihnen mancherlei Vorteile für die Gastwirtschaft und die kleine „Hoppenplöckerstätte“[css3_tooltip content=’Die auch Straßenkötter genannten Hoppenplöcker standen auf der untersten sozialen Stufe und besaßen außer einem kleinen Haus (Kotten) oder einer Wohnung keinerlei oder sehr wenig anbaufähigen Boden.‘ position=’top_center‘ tag=’a‘ width=’250px‘ style=’style_22′ delay=’100′ cursor=’pointer‘ event=’hover‘ ]①[/css3_tooltip] eintrug. So erhielt der Schwiegersohn Falckmanns, Henrich Pape aus dem Reher Bruch, für ein an die gräfliche Kammer gezahltes Darlehen von 650 Tlr. einen Freibrief, der ihm Schankrecht, Brenn- und Braugerechtigkeit sowie Befreiung von Steuern und Diensten einbrachte. Für eine spätere Leihsumme wurden ihm die Einkünfte aus der Dudenhauser Mühle überschrieben. Seine kleine Landwirtschaft vergrößerte er durch Zuschläge aus den herrschaftlichen Waldungen im Niedernholz und im Rott, durch Wiesen und Fischteiche im Dewessiek. Vor allem die Erwerbungen im Niedernholze, das bis nach Dudenihausen reichte, verärgerten die Alverdisser Bürger, die hier ihre alten Hudegereehtsamkeiten besaßen, sowie die gleichfalls privilegierten Grafen aus dem Hause Lippe-Alverdissen.

Als 1689 Henrich Pape einen Schweinestall im Niedemholze auf baute, kamen die Bürger mit Äxten und Barten heraus und brachen im Beisein des Grafen Philipp Emst den Stall in tausend Stücke. Als Pape fünf Jahre später durch den Sternberger Amtmann einen Zuschlag oberhalb des Hofes zugewiesen bekam, den er abholzte und einsäte, kam die Gräfin Dorothea Amalia und ließ durch vierzehn Schloßsoldaten die Kuhherde und 300 Schafe von ihrem benachbarten Gute in die Umzäunung treiben, so daß die ganze Einsaat zertrampelt wurde. Auch sonst hatte der Ottenkrüger viele Neider, die ihm sein schnelles Empor- kornmen. nicht gönnten. Über den Torbogen zum alten Schafstall setzten 1691 Hinrich Pape und Margreta Valtmans einen Sinnspruch, der Gott um Hilfe gegen alle Verfolger anruft. Und 1695 entstand der hintere Teil des alten Krughauses unter dem Motto: „Uns zum Nutz, den Feinden zum Trutz!“ Aber nicht nur ihrer vielen Gegner, auch eines glänzenden Geschäftes waren sich die Ottenkrüger bewußt, wenn sie in die Giebelfläche schrieben: »-„Geld und Gut kompt alle Dage.“

Buntfarbig würde das Bild des alten Grenzkruges ausfallen, wollte man das Leben und Treiben darstellen, das zwischen den trunkfesten Bauern und den streitbaren Kriegsmännern von diesseits und jenseits der Grenze sich in der Schankstube entfaltete. Der Kornschnaps, dessen Herstellung Friedrich Pape (Zeitgenosse Friedrichs des Großen) in Groningen ebenso gründlich wie die Bierbrauerei erlernt hatte, erregte die Lust zum Tanz — Töchter waren bei Pape und dem benachbarten Müller Böddeker immer in großer Zahl vorhanden —, ließ aber auch die Streitlust jugendlicher Heißsporne oft genug aufflammen. Pape und Böddeker waren selber einer handfesten Auseinandersetzung nicht immer abgeneigt. Bei all dem wilden Treiben, das damals den Krug erfüllt hat, berührt es uns eigenartig, daß über dem großen Schafstall auch ein Bet- und Andachtsraum eingerichtet war, der bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Benutzung gewesen ist.

Am Ende ist die Entwicklung des Verkehrs dem Ottenkruge zum Verhängnis geworden. Die Poststraße Rinteln—Pyrmont wurde schon bei der Umwandlung des Sobbenhofs zum gräflichen Landgut Dorotheental weiter nach Westen verlegt und führte nun 200 Meter am Kruge vorüber.

Hundert Jahre später wurde die alte Handelsstraße von Lemgo nach, Hameln über Barntrup und Grießem, 1839 auch die Poststraße durchs Extertal über Alverdissen geführt. Damit war Dudenhausen vom Fremdenverkehr entblößt. Die Wirtschaft wurde geschlossen, die fünfzehn schweren Zugpferde konnten abgeschafft werden. Der Ottenkrüger, der sich nun mit aller Kraft dem Ausbau seiner Landwirtschaft widmete, das Land und die Schäferei von Dorotheental pachtete und später die Schweinehude im ganzen Niedernholz und die Schafhude auf dem Salberg erwarb, hat von dem Kruggewerbe nur noch die Brennerei eine Zeitlang beibehalten. Das Kirchenbuch nennt ihn 1818 noch „Gutsbesitzer und Branntweinfabrikant“. Aber gegen den Namen „Ottenkrüger“ wehrte er sich energisch, seitdem der alte Krug verödet dalag.

Über seinen Sohn Wilhelm Pape, der bis 1899 gelebt hat und ein humorvoller, passionierter Jäger war, weiß der Volksmund durch unzählige Anekdoten eine ebenso farbige und phantasiereiche Schilderung zu geben, wie Prof. Ad. Keyßer in seinem trefflichen Jägerbuche „Der alte Pape“.

Der Name „Ottenkrug“ ist trotz aller gegenteiligen Bemühungen bestehen geblieben und hält die Erinnerung wach an Otte Falckmann, der hier vor bald dreihundert Jahren sein „neu heuslein hin gebauwet“.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1952 – Von Otto Pölert, Bad Salzuflen

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