Der Schaumburgsche Krug in Blomberg

Die Brinkstraße in Blomberg. Ansichtskarte

Vorspiel

Wir schreiben den 16. August 1819. In der wackeren Stadt Blomberg geht es hoch her. Der Jahrmarktstrubel des Laurentiusmarktes hat von nah und fern alles herbeigelockt, was Beine hat. Der Kram- und Viehmarkt war in der Zeit ohne Eisenbahn- und Kraftverkehr von großer Bedeutung. Auch Marktbesucher, welche aus dem Ausland, d.h. Rinteln oder Hameln gekommen waren, haben sich Schweine auf dem berühmten Blomberger Markt  gekauft. Die Tiere waren preiswert — aber vielleicht kann man sich auch noch vor der städtischen Marktaceise (Steuer) herdrücken. Man wird sich wie im Vergangenen Jahr durch die Weinpforte davonmachen. Am Amtshaus Vor der Burg endet die städtische Hoheit. Den bückeburgischen Posten drückt man ein willkommenes Trinkgeld in die stets offenen Hände.

Auch der Magistrat hat seine Maßnahmen getroffen und zur Befetzung aller Ausgange eine Reihe Bürger zum Landsturm aufgeboten. Diese beziehen unter Gewehr ihre Doppelposten an allen drei Toren und auf dem Platz Vor dem Amtshaus, der sogen. Wüsten Stätte. Kein Tier darf die Stadt verlassen, ehe nicht die Aceise bezahlt ist. Die Schweinekäufer sprechen noch einmal mit dem Unteroffizier Münter auf der Burg. Dann treiben sie. einen großen Trupp Schweine über die Wüste Stätte. Die beiden Landsturmjäger, Schuhmacher Friedrich Kesting und der junge Christoph Langemann, halten die Treiber an und Versuchen, die Tiere mit ihren Büchsen zurückzutreiben. Da drängt der ganze Haufe mit den aufgeregten Tieren unter lautem Gejohle auf die beiden Landsturmmänner, daß diefe durch den starken Anprall ein paar Schritt über die Schaumburger Grenze mit fortgerissen werden. Ietzt kommt der Unteroffizier Münter, der hierauf nur gewartet hat, mit feinen Soldaten herbeigesprengt, packt Kesting vor die Brust und stürzt ihn rücklings zu Boden. Die anderen bedrängen Langemann mit dem Bajonett, dieweil der Haufe der Schweinetreiber mit den grunzenden und quiekenden Tieren durch das Burgtor davonjagt.

Der Schaumburgsche Krug – R. Herold, Detmold

Der Markt ist beendet, alle Tore sind geschlossen, die Landsturmmänner gehen zum Appell. Bevor die Wache auseinandergeht, sind zur Erhaltung der nächtlichen Ruhe und Sicherheit noch einmal alle Wirtshäufer zu besuchen, ob alles ruhig, und kein Verdächtiges Gesindel zurückgeblieben ist. Die vier Stadtviertel werden ausgelost. Kesting und Langemann haben das Brinkviertel gelost.

Der Schaumburgsche Krug am Brink

Im Brinkviertel —- jetzt Brinkstraße Nr. 21—25 – lag der übelberüchtigte sogen. Schaumburgsche Krug, ein Stein des Anstoßes und die Ursache eines hundertjährigen Streites mit dem schaumburgischen Oberamt Blomberg für den über das Wohl seiner Bürger und die Rechte der Stadt wachenden Magistrat. Das stattliche Fachwerkgebäude trägt über seinem Torbogen noch heute die Jahreszahl 1565. Es war ein außerhalb des Burgbezirks erbautes herrschaftliches Haus gewesen gegenüber der Einfahrt zum Vorwerk und hatte dem gräflichen Gärtner und dem Amtsdiener als Wohnung gedient. 1736 Verkaufte die Verwitwete Gräfin Johannette Wilhelmine das inzwischen als Schweinehaus benutzte Gebäude an den Amtmann Johann Henrich Kampen für 200 Taler, er könne darin frei seine Nahrung treiben. Drei Jahre später hat der hochgräfliche Richter Johann Ernst Kersting das Haus an sich gebracht, umgeworfen und an dessen Statt ein neues errichten lassen.  Kersting verzapfte in dem Haus Wein und trieb andere Nahrung — d.h. er verkaufte Franz- und Rhein. Branntwein, Eisen, Leder usw., dafür zahlte er an die Stadt auf Verlangen 18 Tlr. als Abgabe. Als sein Schwiegersohn, der Kommissionsskribent Kämper die Weiterzahlung verweigerte, belegte die Stadt 1748 zwölf Taler Pachtgeld mit Beschlag. Da das bückeburgische Amt sich auf die Seite Kämpers stellte, erwog die Stadt Repressalien und Verbot ihren Bürgern, dort Waren zu kaufen. Dagegen untersagte das Amt seinen Untertanen, mit der Stadt Handel und Wandel zu treiben bei 5 Ggr. Strafe, Leinsaat durfte nur bei Kämper gekauft werden. Beschwerden der Stadt nützten nichts. So ging der Kleinkrieg weiter. Bürgern, welche Branntwein holten, wurde, wenn sie gefaßt wurden, das Geschirr zerschlagen. Auch der neue Besitzer, Amtsschreiber Hartmann, setzte das Geschäft fort. Sein Pächter, Amtsverwalter Meyer, betrieb dazu um 1785 einen beträchtlichen, Kornhandel.

1809 lebte der Streit mit dem Oberamt wieder auf, als die Stadt einige Desserteure in dem jetzt von dem Gastwirt Düllmann besessenen Kruge Verhaftet. Wieder behauptet das Amt, der Krug gehöre nicht zur Stadt. Die Detmolder Regierung pflichtet der Stadt Blomberg bei, der Schaumburgsche Krug sei dem Stadtgericht unterworfen, und wünscht, daß die Stadt die polizeiliche Kontrolle des Hausesdurchführt Die Regierung hält sich aber selbst aus dem Spiel, da sie eigene weitgehende Prozesse mit Bückeburg hat, und überläßt es der Stadt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. So 1816: „Da der Polizeidiener angezeigt hat, daß sich in dem Düllmannschen Hause liederliche Weibspersonen aufhielten, welche das Militair und geringe Leute aus der Stadt dahin lockten; wie dann auch in voriger Nacht, worin er die Patrouille gemacht, ein großer Lärm darin gewesen; so wurde demselben befohlen, das besagte Haus mit Hülfe einer Landsturmmannschaft“ zu visitieren und darin befindliche Dirnen und sonstige Verdächtige Personen zu arretieren. Die beiden Mädchen stammten aus Hameln und gingen sonst in Pyrmont ihrem Gewerbe nach. Auf dem vorgestrigen Markt hatte sie Düllmann um ihren Zuspruch ersuchen lassen. Durch zwei Landsturmmänner wurden sie zur Heimat abgeschoben.  Darauf meldet sich das Oberamt, einige Bürger hätten sich erdreistet und unter der Egide des Landsturms in das unter Fürstl. Schaumburg Lippischer Hoheit und ihrer Jurisdiktion stehende Haus einzudringen und daselbst Vagabunden zu ergreifen, welche man selbst durch das Burgkommando schon aus der Stadt werfen wollte. Man erwarte vom Magistrat, daß er diese Unbilden förmlich mißbillige. Doch die Regierung in Detmold drückt dem Magistrat ihren Beifall aus, den Protest des Oberamts zu beantworten, erübrige sich. Uber Zwischenfälle solle man schleunigst berichten und bei weiteren Visitationen zusehen, daß man immer der stärkere sei. Wieder gab es 1818 Streit mit dem neuen Besitzer, dem Gastwirt Schramm, welcher eine Grenzmauer nach eigenem Gutdünken gezogen hatte.

16. August 1819, in der zehnten Abendstunde

Kesting und Langemann stapfen die Brinkstraße hinauf. Es geht laut her in der Gaststube. Der warme Sommerabend, der genossene Alkohol und eine gewisse Erwartung hat die Gäste in Stimmung gebracht. Es liegt etwas in der Luft. Die Landsturmmänner öffnen die Tür und treten ahnungslos hinein. Aber kaum eingetreten finden sie sich von dem Hausherrn und dem Unteroffizier Münter mit vier bis fünfMann Soldaten, welche sich hier auf die Lauer gelegt hatten, umzingelt, sie werden für Arrestanten erklärt, ihrer Büchsen beraubt, beschimpft und gestoßen. Da die Übermacht zu groß ist, lassen sie alles geschehen. Als sie aber fortgehen wollen, hält man sie fest, während sich Münter schnell mit ihren Büchsen davonschleicht. Doch haben ein paar junge Leute von draußen bemerkt, was hier vorging, und als Kesting und Langemann etwa seine halbe Stunde festgehalten waren, stürmt plötzlich eine große Anzahl schnell alarmierte Menschen ins die Wirtschaft, um sie zu befreien. Die Soldaten wollen sich der Menge widersetzen und  mit den Bajonetten auf die Menschen eindringen. Da geraten diese in Wut. Es gibt solchen Tumult, Lärm und Schlägerei, daß die Wache, welche dabei angeblich unbeteiligt bleibt, bei ihrer späteren Aussage keinerlei Einzelheiten mehr berichten kann. Es geht drüber und drunter. Die Ge- wehre der Soldaten werden entzweigeschlagen. Was aus diesen selbst geworden ist, verschweigt des Sängers Höflichkeit. Doch die erboste Menge Versucht noch, wenn auch ohne Erfolg, das Burgtor zu stürmen, um die von Unteroffizier Münter gestohlenen Gewehre zurückzuholen. Kesting und Langemann erklären nach dem Protokoll des für seine lieben Mitbürger stets Väterlich besorgten Stadtsyndikus Piderit, sie seien nach dem Spektakel ruhig nach Hause gegangen, ob sich einer aus der Menge später noch etwas habe zu Schulden kommen lassen, sei ihnen unbekannt, da sie sich für ihre Person aber davon frei wüßten, bäten sie, daß man ihnen die widerrechtlich abgenommenen Büchsen dochwieder ausliefern möge.

Ausgang

Über den Ausgang des Streites verlautet nichts. In den kommenden Jahren sind anscheinend die Streitigkeiten über die Grenzen des Burggrabens an der Wüsten Stätte wichtiger. Eine Entspannung zwischen Bückeburg und Blomberg führt dann der Schwiegersohn Piderits, der spätere Justizkanzleirat Wippermann in Bückeburg, durch ein persönliches Schreiben an seinen Schwiegervater herbei. Die Grenzfrage wird geregelt und ein Übereinkommen wegen des Schaumburgschen Kruges in Aussicht gestellt. Dabei verbleibt es zunächst. Erst 1844 wird die Stadt bei der Detmolder Regierung deswegen wieder vorstellig. Die Verhandlungen verlaufen jetzt günstig, und am 1. Februar 1845 leistet die Stadt Blomberg, „nachdem eine Fürstlich Schaumburg Lippische hochlöbliche Regierung zu Bückeburg allen Rechten und Ansprüchen auf das vormals Düllmannsche jetzt Kästingsche Haus am Brinke entsagt hat“ . . .  auf die aus den herrschaftlichen Mühlen vor hiesiger Stadt bisher bezogenen kleinen Abgaben . . . „völlig und für immer Verzicht“. Damit hatte der Streit um den Schaumburgschen Krug sein Ende gefunden.

Später wurde das Haus geteilt, die Straßenseite verputzt, doch macht die Giebelseite mit dem starken Gebälk und dem schönen Torbogen noch immer einen stattlichen Eindruck.

Quelle: Lippischer Kalender 1952 – Von Helmuth Riemann , Detmold