Der Schlänger Markt

Schlänger Markttrubel, im Hintergrund "Dorf Cafe Goeken Backen"

Über 200 Jahre Schlänger Markt

Amtsrat Hermann Krücke aus Horn hatte am 11. Dez. 1789 bei der Regierung in Det­mold den Vorschlag gemacht, „zu Schlangen auf der offenen Heide daselbst, vorerst jähr­lich, einen Kram- und Viehmarkt anzule­gen.“ Es war die Zeit des fürstlichen Absolu­tismus, in der man mit Hilfe der Wirtschafts­lehre des Merkantilismus, versuchte, den Wohlstand des Landes durch Handel und Förderung der gewerblichen Produktion zu heben. Es dauerte dann aber noch 2 Jahre, bis der erste Markt zu Schlangen auf der offenen Heide stattfand, bei schlechtem Wetter übri­gens. Das gab es damals also auch, und ob die Bürokratie und Politik aus der Zeit mit Pferd und Wagen in der Zeit des Flugzeugs, Telefons und der Computer mit ihren Ent­scheidungen schneller geworden sind, mag mancher Bürger des ausgehenden 20. Jahr­hunderts bezweifeln.

Der erste Schlänger Markt fand am Montag, dem 19. Sept. 1791, auf der offenen Heide in Schlangen statt. Man hatte nicht nur für 5 Jahre Freiheit von allen Abgaben gewährt, sondern auch Prämien ausgesetzt für den größten Viehauftrieb und zwar

3 Reichstaler demjenigen, der mit dem „mehrsten“ fetten Vieh kam, 2 Reichstaler demjenigen, der die „mehrsten“ Füllen bringt und 2 Reichstaler demjenigen, der die „mehrsten“ Pferde hat.

Der Markt war im Lippischen Intelligenz­blatt, im Paderbömischen Intelligenzblatt und in der Lippstädtischen Zeitung bekannt gemacht und wurde ein voller Erfolg. In einem Bericht heißt es: „Es waren auf diesem Markte nicht nur allerlei Waren, son­dern auch über 230 Stück Pferde, Kühe und Fohlen und wohl 100 Stück Schweine vor­handen.“

Schlangen lag an der Lippischen Grenze, und man hatte bewußt auch auf viel Besuch aus dem „Ausland“ gehofft. Die Zahl der Besucher stieg ständig, obwohl in den ersten Jahren die schlechte Witterung den Markt nicht begünstigte, wohl aber den Umsatz an Bier und Branntwein zu steigern schien. 1795 speisten allein beim Krüger Sybille 140 Per­sonen zu Mittag.

Im Jahre 1800 verzeichnete man den besten Besuch. Aufgetrieben wurden: 140 Pferde, 130 Stück Rindvieh und 119 Schweine. 113 Buden wurden aufgebaut 23 mehr als im Vorjahr.

Ein Jahr später zerstörte ein entsetzlicher Windsturm sämtliche Buden.

Der Markt hatte aber auch „Stürme“ ande­rer Art zu überstehen. Die Nachbarn aus dem Paderborner Land führten 1819 einen neuen Zolltarif ein, der den „Ausländern“ den Besuch und vor allem den Handel auf dem Schlänger Markt erschweren sollte. Hatte der Markt im Herbst 1818 noch einen Überschuß von 24 Talern und 31 Groschen gebracht, so weist das Verzeichnis des Amt­manns in Hörn für 1819 einen Verlust von 1 Taler und 33 Groschen aus.

Nicht ohne Stolz berichtet der Amtsrat Krücke der Regierung in Detmold im Jahr 1807, daß er vor 29 Jahren die Vogtei Schlan­gen in Verfall und einem nährlosen Zustand übernommen habe. Es waren nur wenige Bürger imstande, die herrschaftlichen Steuern zu entrichten. Jetzt aber sei die Vogtei in einem ziemlich blühenden Zustande. Dazu beigetragen habe eine erhöhte Kultur des Ackers, höhere Kornpreise, Einführung des Esparsettenanbaues,1Die Esparsetten (Onobrychis) sind eine Pflanzengattung in der Unterfamilie der Schmetterlingsblütler(Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae), also Verwandte der Erbse. Aufhebung des Zehnten sowie die guten Handelserfolge an einer Hauptverkehrsstraße. Er ermunterte, neben dem erfolgreichen Herbstmarkt auch einen Frühjahrsmarkt abzuhalten, was ab 1808 geschah. Zwei Märkte aber waren zuviel. Der Frühjahrsmarkt hat nie größere Bedeutung erlangt.

Viehmarkt 1970. Foto: Fleege

Dieter Hausmann gibt im Schlänger Gemeindeboten vom 1. 11. 1956 an Hand der Abgabelisten ein recht anschauliches Bild vom Markttreiben jener Zeit: „einen Juden mit einem Packen, ein Mann mit seinem Esel und seiner Tracht, eine Packe und Korb, ein Rolet Spiel, ein Hutmacher, ein Spieltisch, eine Garküche, 14 Mass Branntwein, eine Tracht Porzellain, eine Ziege, 2 Mass Branntwein, ein Pferd, ein Caffeebrenner, ein Spieler mit einem Würfel“ Hausmann fällt die große Zahl der Spielbuden auf, die in den ersten Jahren des vorigen Jahrhun­derts regelmäßig aufdem Markt anzutreffen sind (1807 = 9 an der Zahl). Ihre Einnahmen seien dabei wohl nicht schlecht gewesen, denn sie hätten bis zu 2 Taler Standgeld zu entrichten gehabt. Diese Art des Glückspiels habe man dann aber offenbar verboten, denn seit 1808 seien keine Eintragungen mehr über solche Spielbuden zu finden.

Das Glück verließ offenbar auch den Schlän­ger Markt mehr und mehr. 1824 verkaufte man die Zollbude, in der die Händler ihr Standgeld und vom verkauften Vieh die Umsatzsteuer bezahlten (Hausmann: von jedem Taler des Kaufpreises war ein Gro­schen, also der sechsunddreißigste Teil, als Steuer abzuführen) für 18 Groschen, als Brennholz. 1848 wollte dann die lippische Rentkammer die Kosten nicht mehr tragen.

Jetzt retteten einige Schlänger den Markt und übernahmen die Gebühren. 1860 verlegte man die Termine der Märkte von Mai und September wohl mit Rücksicht auf die zunehmende Zahl der Wanderarbeiter in den April und November. 1865 gründete man den Verlosungsverein. Man hoffte, den Her­bstmarkt dadurch zu heben, wenn Vieh und landwirtschaftliche Geräte angekauft und verlost würden. Bereits im gleichen Jahr wurde das Vorhaben erfolgreich in die Tat umgesetzt.

Kirmes 1982. Foto: Hanselle

Die Gewinne — für 10% der Lose — wurden nach dem im Sommer vorgeschlagenen Gewinnplan von einer Kommission bei den örtlichen Handwerkern und Gewerbetrei­benden, und die lebenden Gewinne auf dem Markt, gekauft. Der Verkauf der Lose erfolgte ab September in ganz Lippe und dem angrenzenden Paderborner Raum. Es wur­den vor allem lebendes Vieh und landwirtschaftliche Geräte verlost. Die Lotterie war sehr beliebt, denn alle Lose wurden immer ohne Schwierigkeiten verkauft. Ein Rekord mit 7.000 verkauften Losen war 1927 zu ver­zeichnen. Die Verlosung begann am Markt­tag um 13 Uhr und war gegen 16 Uhr beendet. Sie war öffentlich. Die Gewinnummern wur­den ausgerufen und angeschlagen. Die Ver­losung trug erheblich zur Belebung des Marktes bei.

1938 wurde die Verlosung wegen der zahl­reichen Sammlungen der NSV und des Win­terhilfswerkes verboten.

In den fünfziger Jahren versuchte man, die beliebte Verlosung wieder durchzuführen. In der Tradition des sogenannten „Verlo­sungsvereins“ (Verein zur Förderung der Land- und Forstwirtschaft und des Gewerbes in Schlangen) gründete man einen neuen Verein zur Förderung des Schlanger Marktes, den „Schlanger-Markt-Verein“ Für 1957 war der Gewinnplan fertig aufgestellt. Doch die vorgeschriebenen Steuern, Abga­ben und Auflagen machten die Durchfüh­rung unmöglich. Der Schlanger-Markt-Ver­ein schloß sich deshalb 1958 mit dem Heimat- und Verkehrsverein Schlangen zusammen, welcher die Bezeichnung „Schlanger-Markt-Verein“ als Zusatz über­nahm.

Kirmes 1988. Foto : Hanselle

Der Schlänger Markt lebt! Die Schlänger kommen selbst aus Südafrika, Amerika und Australien zu diesem Ereignis in ihr Heimat­dorf. Aber auch aus der näheren und weite­ren Nachbarschaft kommen die Besucher immer wieder gern, um gemeinsam zu feiern. Auftakt ist seit Jahren nun schon der Lampionzug der Kinder. Als Neuerungen locken: Luftballonwettfliegen, Flohmarkt, Kettcar-Rennen, Torwandschießen und das sehr beliebte und heißumkämpfte Wettsä­gen.

Zum 200. Geburtstag des Marktes werden viele Erinnerungen geweckt: Holzkarussell, Raupenbahn (aus alter Zeit), Drehorgel, Feuerschlucker, Glasbläser, Marionetten­theater, historische Schänke und vieles mehr! Lassen Sie sich überraschen! Auch an die alte Verlosung soll erinnert werden. 3.000 Lose sind für jeweils einen „Lippi­schen Taler“ (= 3,—DM) vom 1. Oktober an in den örtlichen Banken und Sparkassen erhältlich. Lebendes Vieh gibt es allerdings nicht mehr zu gewinnen. Dafür warten aber andere lockende Preise auf ihre glücklichen Gewinner!

An die prima Rinderwurst zum Schlänger Markt darf man gar nicht denken, denn da läuft jedem Kenner bereits jetzt das Wasser im Munde zusammen! Deshalb: Auf zum 200. Schlänger Markt!

Quelle: Heimatland Lippe 11/1991 Reinhard Goebel