Der Thronfolgestreit im Fürstentum Lippe

Fürst Leopold und Graf Ernst in einer Kutsche. 1904

Als Simon VI. Graf zur Lippe am 8.12.1613 stirbt, hat er sein Testament so verfaßt, daß 4 lippische Linien entstehen: Lippe-Detmold, Lippe-Brake (diese Linie erlischt 1709, der Besitz fällt der Linie Lippe-Detmold zu), Lippe-Schwalenberg (der Erbe stirbt 1620 kinderlos, Schwalenberg fällt an Detmold und Schieder an Brake) und Lippe-Alverdissen (diese Linie erbt durch Einheirat die Grafschaft Schaumburg, heute das Fürstentum Schaumburg-Lippe). Von der regierenden Linie Lippe-Detmold spaltet sich später noch die Linie Lippe-Biesterfeld ab, von der sich auch wiederum eine gräfliche Linie abspaltet. Sie nennt sich Lippe-Weißenfeld. Diese verschiedenen Linien, die alle den gleichen Stammvater haben (Simon VI.), verstanden sich auch immer recht gut. Doch seit ca. 1870 war es um den Frieden zwischen den vier Linien schlecht bestellt. Fürst Leopold III. war kinderlos. Auch seine drei Brüder vermochten keinen Erben für das kleine Fürstentum zu stellen. Doch er war zu willenlos, um ein Hausgesetz zu erarbeiten und zu erlassen, in dem festgelegt wurde, wer das Fürstentum nach dem Aussterben der fürstlichen Linie Lippe (-Detmold) übernehmen sollte. Die nächste erbherrliche Linie war zweifellos Lippe-Biesterfeld. Doch ihre Erbberechtigung wurde angezweifelt, da die Mutter des Chefs dieser Linie, eine gewisse Modeste v. Unruh, nicht dem freiherrlichen Stande angehört haben soll. Man unterstellte ihr, sich zu Lebzeiten den Titel Freiin zugelegt zu haben. Doch ob sie eine Freiin war oder nicht, war zu der Zeit, in der die Ehe geschlossen wurde, (1803) völlig egal. Ausschlaggebend für spätere Entscheidungen war, daß sie und ihre Familie dem „alten Adel“ angehörten. Und das war unbestritten. Später, ungefähr im Jahre 1896, als ihr Mann längst tot war, wandte sich die Schwiegertochter der Modeste v. Unruh an den damaligen Reichskanzler. Sie war eine geborene Gräfin Castell-Castell. Sie führte dem zweitmächtigsten Manne im Deutschen Kaiserreich gegenüber aus, daß ihre Schwiegermutter sich nie einen Titel zugelegt hätte, der ihr nicht rechtmäßig zugestanden hätte. Dafür sei sie viel zu fromm gewesen. — Auch die Lippe-Weißenfelder sollten nicht erbberechtigt sein. Hier fand man noch mehr unebenbürtige Ehen in Kirchenbüchern und Dokumenten verzeichnet als bei der Linie Lippe-Biesterfeld.

Somit bewarben sich die Schaumburg-Lipper besonders um den Posten des Lippischen Fürsten. Doch hier hatten Graf Julius zur Lippe-Biesterfeld und sein Sohn Graf Ernst sozusagen ein Haar in der Suppe entdeckt. Denn die Stammutter der Bückeburger war ein gewisses Fräulein v. Friesenhausen gewesen. Und nun hatte ein Archivdirektor im Auftrage der Biesterfelder herausgefunden, daß dieses Fräulein vor ihrer Ehe ein „unfeines“ Leben geführt hatte. Während diese 3 Linien schon ihre Ansprüche festlegten, starb Fürst Leopold III. zur Lippe und wurde am 16. 12. 1875 in Detmold beigesetzt. An diesem Tage sagte Erbprinz Georg aus Bückeburg zu Prinz Heinrich zu Waldeck, einem Vetter der Biesterfelder, er sei vor dem Tode des Fürsten immer zwischen Detmold und Bückeburg hin und her gependelt, um wegen der Successionsfrage gleich auf dem Posten zu sein. Daraufhin machte Graf Julius eine Anfrage beim Reichskanzler Bismarck in Berlin, um zu erfahren und festgelegt zu wissen, wer denn nun thronfolgeberechtigt sei, wenn die regierende Linie ausstürbe. Eine Antwort des „eisernen Kanzlers“ läßt sich nirgendwo finden. Da sein älterer Bruder Prinz Hermann schon verstorben war, übernahm Woldemar die Regierung in Detmold. Dieser Fürst war ganz anders als sein sanfter Bruder. Er verurteilte die Biesterfelder, weil diese, um ihre Rechtsansprüche zu fixieren, ein Gutachten in Auftrag gaben. Dieses Gutachten der Rechtswissenschaftler Heinrich Albert Zachariä und Heinrich Mathäus Zoepfl spricht sich eindeutig für eine Erbberechtigung der Biesterfelder aus, die ihren Sitz in Oberkassel bei Bonn hatten. Als Woldemar ihnen am 9. 12. 1875 den Tod seines Bruders mitteilte, verband er dieses mit dem Gesuch, an den Trauerfeierlichkeiten nicht teilzunehmen, da er Streit mit den Bückeburgern befürchte. Außerdem meinte er, daß das Gutachten bei Hofe unangenehm berührt habe. In den folgenden Jahren wird der Umgang von Detmold mit Oberkassel peinlichst gemieden.

Graf-Regent Ernst zur Lippe-Biesterfeld (Regent 1897 – 1904)

Woldemar weigert sich sogar, Briefe der Biesterfelder zu lesen. Er läßt alles durch seinen Hofmarschall beantworten. Als er für die Hochzeit des Prinzen Friedrich v. Meiningen seinen Standesbeamten zur Verfügung stellen soll, da die Braut eine Tochter des Grafen Ernst ist, weigert er sich strikt. 1885 scheint es für die Biesterfelder einen Lichtblick zu geben. Hugo Freiherr v. Richthofen wird neuer Kabinettsminister in Detmold. Er war dereinst ein Studienkollege des Grafen Ernst in Bonn. Doch um seine Position nicht zu gefährden, muß er den Grafen leider enttäuschen.
Fürst Woldemar hatte zwar 1858 eine badische Prinzessin geheiratet, doch diese Ehe blieb kinderlos. Vielleicht war sein Umgang mit den Biesterfeldern darum so hart. Er war nach Aussagen von Zeugen recht wunderlich. Er zeigte sich fast nie in der Öffentlichkeit, sondern war ein passionierter Jäger, den man viel in den fürstlichen Wäldern beobachten konnte. Man hatte in ihm zwar einen Regenten, doch wer würde nach seinem Tode die Regentschaft Lippes übernehmen. Sein Bruder Karl Alexander lebte schon seit längerem in einem Nervensanatorium in der Nähe von Bayreuth. Es stand einwandfrei fest, daß er schwachsinnig war und als regierender Fürst nie auftreten könnte. So schlössen Detmold und Bückeburg am 29.1.1886 einen geheimen Vertrag ab, in dem Woldemar die Angehörigen der Linie Schaumburg-Lippe zu seinen Nachfolgern bestimmte, so wie es Graf Julius 1876 gegenüber Bismarck behauptet hatte. Dieses Dokument mußte freilich geheim bleiben, sonst wäre es in dem kleinen Fürstentum wohl drunter und drüber gegangen. Die Regierung sollte Prinz Adolf übernehmen. Er sollte eine eigene Linie begründen. Warum man allerdings seine beiden älteren Brüder bei dieser Regelung übersprang, ist unklar. Daran, daß er einmal Schwager Kaiser Wilhelm II. werden würde, kann es nicht gelegen haben, denn Prinzessin Victoria wollte zu dieser Zeit noch ganz jemand anderen heiraten. In Bückeburg regierte sein Bruder Georg, der mit Woldemar die Jagdleidenschaft teilte. Im Mai 1885 trat Graf Ernst, der seit dem Tode seines Vaters im Jahre 1884 Oberhaupt der Biesterfelder Linie war, an den Bundesrat heran, die Erbansprüche festzulegen. Der erklärt sich zur Zeit für unkompetent. Auch der Kaiser selbst, unterstützt von Reichskanzler Bismarck, hielt sich nicht für zuständig. Bismarck sprach sich aber für die Biesterfelder aus. Unter anderem auch, weil die Anzahl der Bundesländer auf keinen Fall verringert werden sollte, um das Übergewicht Preußens nicht so sehr herauszustellen. Dieses Problem war ein Hauptbestandteil Bismarcks Innenpolitik. Am 4.4.1889 berichtet der preußische Gesandte in Oldenburg, daß Erbprinz Georg aus Bückeburg der Meinung sei, die Biesterfelder seien zwar erbberechtigt, doch durch zahlreiche Mißheiraten in den gräflichen Linien wäre eine Regierung von ihnen für ihn undenkbar. Man solle sie mit Geld abfinden und ihnen eine besondere Stellung bei Hofe in Berlin einräumen. 1889 wird wieder ein Komplott gegen die Biesterfelder geschmiedet. Man plant die Adoption des Prinzen Adolf durch Fürst Woldemar, weil dieser allein die Biesterfelder nicht abfinden könne.

Fürst Leopold IV. zur Lippe (Regent 1904 — 1918)

Daß als Urheber dieses Plans der Kaiser höchstpersönlich anzusehen sei, kann man nicht leugnen, da dieser Vorschlag vom preußischen Gesandten in Bückeburg gemacht wurde. Auch Bismarck soll diesem Plan zugestimmt haben, immer noch von der Furcht geplagt, die beiden Fürstentümer könnten in Personalunion regiert werden. Nachdem Prinz Adolf sich am 26. 6.1890 mit der Kaiserschwester Victoria verlobt hatte, konnte er am 8. 8. wieder einen Pluspunkt für sich verzeichnen. An diesem Tage erhielt er von Fürst Woldemar die geheime Vollmacht, sofort nach dem Tode des Monarchen nach Detmold zu kommen und die Regentschaft zu übernehmen. Am 15. 9. teilte der Fürst dies auch seinem Kabinettsminister mit, verbunden mit dem Befehl, sofort nach seinem Tode den Inhalt der Vollmacht in einem Gesetzblatt zu veröffentlichen. Obwohl der lippische Landtag (diese Volksvertretung hatte 21 Abgeordnete) den Bückeburgern gegenüber nicht wohl gesonnen war, erhielten die in Detmold stationierten Truppen der Armee einige Orders mit dem Befehl, sie erst nach dem Tode des Fürsten zu öffnen. Sie enthielten den Befehl, beim Einzug des Prinzen Adolf für Ruhe und Ordnung zu sorgen. 1893 wurde Prinz Alexander vom Detmolder Landgericht entmündigt. Dann geschieht etwas, das man wohl eine Nacht- und Nebelaktion im besten Sinne nennen kann. Am Morgen des 20.3.1895 stirbt Fürst Wolde-mar zur Lippe. Der Kabinettsminister teilt dies und die Todesursache, Herzlähmung, sofort seiner Majestät dem Kaiser mit. In der folgenden Nacht nimmt Prinz Adolf Besitz vom Detmolder Residenzschloß. Erst am folgenden Tage wird der Tod Woldemars offiziell mitgeteilt. Nach einer ersten Empörung schaltet sich Graf Ernst geschickt und intelligent ein, so wie er es häufig zu tun pflegte. Als „nächster Agnat“ teilt er dem Kaiser den Tod des Fürsten mit. Dieser weiß nicht, wie er antworten soll und läßt es auch einfach. Es kam sehr selten vor, daß jemand den Hof in Berlin so sprachlos gemacht hat. Am 12. 4. stirbt ganz überraschend der in alles eingeweihte Kabinettsminister v. Wolffgramm. Dadurch verliert der gar nicht ehrgeizige Bückeburger Prinz jeglichen Halt in Detmold. Daraufhin schaltet sich sofort der Kaiser ein und schickt ihm Graf Monts, einen wortgewandten Gesandten, der Prinz Adolf helfen soll. Der neue Kabinettsminister überwirft sich sehr schnell mit dem Landtagspräsidenten. Außerdem legt der zuständige Landtagsausschuß schärfsten Protest gegen die Regentschaftsübernahme des Prinzen Adolf ein. Das Auswärtige Amt befiehlt dem Grafen Monts folgende Marschrichtung in Detmold: Die Schaumburger müßten sich insoweit einigen, daß Prinz Adolf den Detmolder Thron bekommt, da eine Regentschaft der gräflichen Linien aus finanziellen Gründen und Gründen der Ebenbürtigkeit ausgeschlossen sei. Der Landtag rügt die nächtliche Inbesitznahme des Schlosses und somit des ganzen Landes, nachdem am gleichen Tage (dem 6.4.) im Schloß eine Erklärung des neuen Regenten entgegengenommen wurde.
Man will sich jedoch mit dem gegenwärtigen Zustand abfinden, wenn der Prinz die Entscheidung des Bundesrates, dem höchsten Gremium des Deutschen Kaiserreiches akzeptiert.
Daraufhin gehen dort 3 Beschwerden ein, mit denen man sich befassen muß:
Graf Ernst zur Lippe-Biesterfeld beschwert sich über die Verfügung des Fürsten Wolde-mar zur Lippe und verlangt die Bestätigung der Thronfolgerechte seiner Familie.
Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe bestreitet die Ansprüche der Biesterfelder und verlangt, daß man seine Rechte und die seiner Familie anerkenne.
Graf Ferdinand zur Lippe-Weißenfeld will die Verfügung des Fürsten Woldemar für ungültig erklärt wissen, da der lippische Landtag dabei übergangen worden sei.
Um für das neue Regentenpaar zu werben, besucht die Kaiserin Friedrich Lippe zweimal. Doch nicht immer wurde sie sehr freundlich empfangen, denn man kann die lippische Presse wohl ohne weiteres als biesterfelderisch bezeichnen. Am 24. 4. 1895 erläßt der Landtag ein Gesetz, dessen wichtigste Klausel ist, daß, wenn der Prinz Alexander in weniger als einem Jahr nach Erlaß dieses Gesetzes sterben sollte, nur die lippische Volksvertretung einen Nachfolger aus dem Reigen der successionsbe-rechtigten Agnaten wählen darf.

Nach dem Schiedsspruch im lippischen Thronfolgestreit von einem Bürger errichtetes Denkmal in der Meinberger Schweiz zu Ehren des Grafregenten Ernst zur Lippe-Biesterfeld

Die vorübergehende Regentschaft des Prinzen Adolf, der den regierungsunfähigen Prinz Alexander vertrat, wurde aber anerkannt. Außerdem durfte nach diesem Gesetz kein Agnat für das Fürstenamt eingesetzt werden, der ein Land regierte. Dadurch wurde einer Regentschaft des Fürsten Georg ein Riegel vorgeschoben. In dieser Zeit spaltete sich die deutsche Presse in zwei Teile: biesterfelderisch (Berliner Nationalzeitung, Leipziger Neueste Nachrichten, Münchner Allgemeine Nachrichten und Hamburger Zeitung) und bückeburgisch (Kölnische Zeitung und Münchner Neueste Nachrichten). Um immer wieder zu zeigen, daß er Recht in diesem Streit hat, ersuchte Graf Ernst sowohl den Kaiser als auch Prinz Adolf um eine Audienz, doch beide wurden ihm verwehrt (womit er auch rechnete). Am 15. 2. 1896 stimmten Graf Ernst und auch Fürst Georg zu, sich einem Urteil des Schiedsgerichts in ihrer Sache zu unterwerfen. In der darauffolgenden Zeit wurde viel über die Entscheidung des Fürstengerichts spekuliert.
Doch am 6. 7. 1897 teilte König Alben von Sachsen, der Vorsitzende des Gerichts, dem Kaiser mit, daß man sich in dem Thronfolgestreit des Fürstentums Lippe für den Grafen Ernst zur Lippe-Biesterfeld entschieden hätte. Am 17. 7. hält Graf Ernst mit seiner Familie feierlichen Einzug in die Residenzstadt Detmold. Endlich schien erreicht, was man immer gewollt hatte. Doch dieser Familie steht noch eine schwere Zeit bevor. Man verweigert Grafregent Ernst die Teilnahme an Veranstaltungen, zu denen sonst alle Bundesfürsten eingeladen wurden, auch der Titel „erlaucht“ soll ihm und seiner Familie nicht zustehen. Sogar der Kaiser und hohe Militärbeamte weigern sich, ihn anzuerkennen (den Titel). Das führt zu einer telegrafischen Auseinandersetzung mit dem Kaiser. So etwas, wie Graf Ernst es im Jahre 1898 dem Kaiser gegenüber gewagt hatte, war noch nie passiert, doch man legte diese Auseinandersetzung still bei. Darauf entschließt sich der Kaiser, nur noch dem Grafregenten und seiner Frau gegenüber Honneurs zu machen, nicht gegenüber seinen Kindern.
Auf der Beerdigung der Witwe des Fürsten Woidemar in Karlsruhe wurde sein Sohn Graf Leopold nicht empfangen und mußte sich sein Hotelzimmer selber suchen. Das beantwortete er mit einer sofortigen Abreise. Auch zur Kaiserparade in Oeynhausen wurde Grafregent Ernst nicht eingeladen. Am 26. 9. 1904 starb dieser Mann, der sich sein ganzes Leben lang für seine Rechte und für die seiner Kinder eingesetzt hatte im Jagdschloß Lopshorn. Man kann ihn nur bewundern, denn sein Leben ist ein Beispiel dafür, daß es nicht immer angenehm ist, ein Angehöriger des hohen Adels zu sein. Nach einem Jahr der Beratungen wurde vom Schiedsgericht Leipzig das zweite und auch letzte Urteil in dieser Streitfrage gefällt. Der Präsident des Gerichts, Rudolf Freiherr von Sechendorf, verkündete am 25. 10. 1905, daß Grafregent Leopold thronfolgeberechtigt sei. Inzwischen war am 13. 1. 1905 Fürst Alexander bei Bayreuth in einem Sanatorium gestorben. Von da an regierte Fürst Leopold das Fürstenthum Lippe, bis er 1918 abdankte. Er starb 1949.
Seit 1918 hat die regierende lippische Dynastie keine Regierungsgewalt mehr, doch noch heute lebt S. D. Dr. Armin Prinz zur Lippe mit seiner Familie im Detmolder Residenzschloß.

Quelle: Heimatland Lippe: 7/1985 – von Burkhard Meier (15 Jahre)