Der Valepagenhof im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold

Torinschrift und Brüstungsfries. (Foto: Socha, Münster).

Mit der Übergabe des ersten Bauabschnittes des Paderborner Dorfes im Westfälischen Freilichtmuseum am 13. Juli 1981 konnte mit dem Valepagenhof aus Dorfbauernschaft / Delbrück auch eines der bedeutendsten ländlichen Bauwerke Westfalens der Öffentlichkeit zurückgegeben werden.

Die großartige, reich geschnitzte Renaissancefassade von 1577 erregte schon im ausgehenden 19.Jh. das Interesse des Provinzialkonservators A. Ludorff, obwohl Bauernhäusern damals von Seiten der Denkmalpflege kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde1A. Ludorff, Die Bau- und Kunstdenkmälcr des Kreises Paderborn, Münster 1899, 18, Tafel 3..

Abb. 1: Der Valepagenhofin Delbrück-Dorfbauerschaft im Jahre 1954. (Foto: Landesdenkmalamt).

Als besonders charakteristisches Bauwerk in Westfalen wurde es 1906 in das umfangreiche Tafelwerk der Deutschen Architekten- . und Ingenieur- Vereine aufgenommen2Das Bauernhaus im Deutschen Reiche und in seinen Grenzgebieten, Dresden 1906, 70, Tafeln 3,3..

Seidem ist das Haus in der Literatur vielfach erwähnt worden3z. B. F. Walter, Das Westfälische Bauernhaus, Dortmund 1936, 52. J. Schepers, Haus und Hof deutscher Bauern, Westfalen-Lippe, Münster 1960, 59, 165 ff., 411. W. Hansen und H. Kreft, Fachwerk im Weserraum, Hameln 1980..

Das Vierständerhaupthaus in reiner Dachbalkenzimmerung zeigt einen Giebel in den klassischen Maßverhältnissen des goldenen Schnitts mit zweimal vorkragendem Giebeldreieck. Die Vorkragung erfolgte mittels der damals progressiven Form der Stichbalkenkonstruktion. Das Giebelrähm und die Füllhölzer zwischen den Stichbalken zeigen die traditionelle Taustabornamentik, die zwei Brüstungsfriese eine Folge von Fächerrosetten. Die Zwickel der Rosetten sowie die Saumschwellen überzieht in Flachschnitzerei ein reicher Schatz von Renaissancemotiven:

Groteske Drachen und Fabelwesen, Brustbilder von Mann und Frau, Tiere und Jagdszenen, das Motiv des Hirsches am Brunnen (als Symbol für die Taufe) und Erbauer und Baujahr nennt in vergoldeten Buchstaben die Inschrift auf dem Torholm:

Dis Haus steit in Gots hant Joist Valpage ist er gnant
Der hats lassen bawen Und auf Got ge- setz sein vertrawe
Anno Domini 1577

Joist Varendorff, genannt Valepage – die Schilde beidseits der Inschrift zeigen die Wappen der beiden Familien – war damals nicht nur Besitzer dieses von allen Lasten und Diensten befreiten adeligen und freien Sattelgutes4Staatsarchiv Münstcr-Abdinghof, A. 505 f. 321 ff. , sondern hatte zudem mit dem wohlangesehenen Gografenamt im Delbrücker Land das Richteramt inne und für die Überwachung und Durchführung der fürstbischöflichen Erlasse Sorge zu tragen. Der Name Valepage taucht in Verbindung mit dem Hof erstmals in einer Urkunde von 1385 auf5ebd. U 428. Kurz zuvor muß ein Valepage auf den vorher Lakehof genannten Besitz eingeheiratet haben. Der Lakehof war seit alters her ein Lehnshof des Klosters Abdinghof zu Paderborn und blieb es bis zur Säkularisation 1803. 1395 hatte ein Henricus Valepage den Hof als Erblehen inne6ebd. U 527. Der Name Valepage muß sich schnell als Hofname durchgesetzt haben, denn die Familie Varendorff, die nach 1481 auf den Hof kam, übernahm den Namen Valepage7ebd. U 761 A. . 1444 zählt der Paderborncr Domscholastor Dietrich von Engelsheim die Valepages zu den 38 ritterbürtigen Geschlechtern des Fürstbistums8Zeitschrift für Vaterländische Geschichte und Altertumskunde 40, 1881/82, 142.

 

Die Familie besaß aber nicht nur diesen von Gräften umgebenen9Der Urkatasterkartc von 1828 ist zu entnehmen, daß die Gräften früher mindestens 2 Inseln bildeten (Delbrück, Flur II, Katasteramt Paderborn). Lehnshof, sondern sie war zudem der einzige im Delbrükker Lande selbst ansässige Grundherr. Ihr gehörten außer dem Lakehof zwei Vollmeierhöfe in der Bauerschaft Osterloh, ein Halbmeierhof in Hövelhof und ein Achtelmeierhof in Dorfbauerschaft10H. F. v. Hülst, Der Valepagenhof im Delbrücker Land. Eine Studie zur Hof- und Besitzergeschichte. In: Die Warte 31, 1970, 136 -139. . Als Eigenbehörige hatten diese Höfe dem Valepagenhof Abgaben zu entrichten und Dienste zu leisten.

Die Valepages bekleideten vielfach im Delbrücker Land (eigenes Landrecht) das fürstbischöfliche Amt des Gografen und das einträgliche Amt des Landschreibers. 1680 wurde durch Heirat mit Anna, Freiin von Sporck, der Sporckhof hinzugewonnen, kurz darauf wurde der Wohnsitz wohl auch nach dorthin verlegt. Der Valepagenhof wurde seitdem verpachtet. Beim Tode des letzten Valepage, dem in Delbrück am Kirchplatz ansässigen Kaufmann Wilhelm Josef Valepage, wurde der Gesamtbesitz unter seine Verwandten aufgeteilt. Der 199 Morgen große Valepagenhof wurde von den Erben weiterhin verpachtet, wobei aber dem Pächter der Hausstätte nur noch ca. 50 Morgen der Fläche zur Verfügung standen11* Chr. Reinicke, Der Hof Valepage zu Delbrück in Geschichte und Gegenwart, Manuskript Freilichtmuseum, Detmold 1980. .

Das aufwendige Vierständerhallenhaus von 1577 mit seiner Prunkfassade mußte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. starke Substanzverluste hinnehmen. Dem „Taxationsinstrument von dem schriftsässigen Gute Valepagenhof“ ist zu entnehmen, daß es noch 1840 die stattliche Länge von mehr als 30 Metern hatte.

 

Dem Kammerfach war links ein Anbau angefügt, der die „alte Kapelle“ von 18×18 Fuß enthielt und einen Saal mit separatem Eingang, der nicht vom Pächter, sondern ausschließlich vom Eigentümer genutzt werden durfte12Amtsgericht Delbrück, Grundbuchakten (frdl. Mitteilung H. F. von Hülst). . Da es mit über 30 Metern Länge im ausgehenden 19 Jh. für die Pächterfamilie zu groß und in der Unterhaltung zu teuer war, wurden das Flett, der Kammerfachbereich und der Kapellenanbau abgebrochen und dem Restbau/Wirtschaftstrakt ein spartanischer, kurzer, zweigeschossiger Wohntrakt angefügt, so daß es nunmehr nur noch eine Gesamtlänge von knapp 26 Metern aufwies. Anläßlich des Umbaues wurden auch die bisher zur Deele hin offenen Stallwände verschlossen. Einige Füllhölzer mit Taustabornamentik vom ehemaligen Rückgiebel fanden hier ihre Wiederverwendung. Sie lassen den Schluß zu, daß auch der einstige Hintergiebel üppig ausgestaltet war.

Vom letzten Besitzer, der Familie von Hülst aus Münster, wurde das alte Haus mit erheblichen Investitionen liebevoll unterhalten. 1948 mußte die Giebelfront unterfangen und bei einem Teil der rechten Traufseite das Fachwerk ausgewechselt werden. 1954 wurde der Schaugiebel mit Hilfe der Denkmalpflege generalüberholt und dabei auch farbig gefaßt. Die Mechanisierung der Landwirtschaft jedoch machte einen durchgreifenden Umbau des Hauses notwendig. Im Herbst 1960 wurde der komplette Bohlenbelag über der Deele durch eine Leichtbetondecke ersetzt; in der Absicht, die Deelenständerwände zu entfernen, hatte man die Betondecke schon mit Stahlsäulen abgestützt. Die Fortnahme dieser Wände hätte einen entscheidenden Eingriff in die Hauptkonstruktion des Hauses dargestellt und den schnellen Untergang des Baukörpers herbeigeführt. In diesem Augenblick konnten der erste Museumsdirektor des Westfälischen Freilichtmuseums, Prof. Dr. Josef Schepers, und das Landesdenkmalamt in Münster den Besitzer überzeugen, daß zugunsten einer Erhaltung des Hauses im ursprünglichen Zustand der landwirtschaftliche Betrieb aus diesem Gebäude herauszuziehen sei. Die Beihilfekommission des Fachausschusses

für landschaftliche Kulturpflege bereitete den Boden für einen Ankauf durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe; am 18. 12. 1961 beschloß der Kulturausschuß, das Gebäude für das neue Freilichtmuseum zu erwerben. Die öffentliche Kritik im Raume Delbrück, daß ihrem Land das bedeutendste Juwel geraubt würde, fand ihren Höhepunkt 1972 in der Kampagne: „Der Valepagenhof gehört dem Delbrücker Land“. Der Besitzer begegnete dieser Kritik mit der Prognose, man werde letzten Endes stolz sein, daß das Delbrücker Land einen solchen Beitrag für das Freilichtmuseum habe bringen können. Das starke Engagement der Delbrücker bei der Einweihung des Paderborner Dorfes mit dem Valepagenhof und die Resonanz aller Besucher haben ihm Recht gegeben.

Ursprünglich war vorgesehen, nur den Wirtschaftsteil von 1577 nach Detmold zu translozieren und beim Wiederaufbau einen Wohntrakt der Zeit um 1577 frei zu rekonstruieren. Bis zum Abbau 1973 hatte jedoch ein Sinneswandel stattgefunden, und man entschloß sich, auch den einfachen Wohn- teil des 19. Jh. mitzunehmen.

Das Vierständergerüst im Wiederaufbau 1976. (Foto: Klöchner, Hanau).

So künden heute Giebel und Kerngerüst des Deelenbereiches, Höhepunkt ländlicher Architektur im Paderborner Land, von der Blütezeit des Valepagenhofes als adeliges freies Sattelgut, während der kleine Wohntrakt mit seinem dünnmaschigen Zweckfachwerk an das einfache Pächterdasein der letzten Jahrhundertwende erinnert.

Mit dem Valepagenhof bringt das Freilichtmuseum seinen Besuchern zwei echte Neuerungen, zum einen die erste üppig gestaltete Schaufassade des Freilichtmuseums und zum andern die erste Wohnung und Wohnausstattung der letzten Jahrhundertwende.

Quelle: Heimatland Lippe, Mai 1982 – Von Dr. Stefan Baumeier