Der verheerende Brand in Schlangen am 18. August 1904

Die Ortsmitte von Schlangen nach dem verheerenden Brand.

1.Feuer! Feuer!

Ein warmer Sommertag, dieser 18. August 1904; das Dengeln der Sensen auf den Feldern ist verstummt. Leiterwagen ziehen ihre Spuren in die Stoppelfelder. Männer und Frauen beladen die Wagen mit den letzten Garben dieses heißen und trockenen Sommers. Rufe von hierher und dorther, alle Bauern Schlangens scheinen heute das Getreide einzufahren. Das Dorf, unter dessen Dächern schon der größte Teil des Erntesegens geborgen ist, liegt in sommerlicher Ruhe. Im Hause Riepenhausen auf dem Dollhans schaut ein kleiner Junge, August Reckemeier, aus dem Fenster seinen beiden Spielkameraden (5 u. 6 Jahre alt) zu. Sie halten sich gern in dem alten Schuppen auf dem Grundstück Klöpping (Nr. 90) auf, in dem Holz und Stroh lagern und in dessen Mitte ein schon gebrechlicher Wagen steht. August Reckemeier sieht, wie sich die beiden Äpfel aus dem Garten des Lehrers Adams holen. Außer Oma Riepenhausen ist kaum ein Erwachsener in der Nähe. Alle sind auf dem Felde.
„…Im Schuppen legten sie die Äpfel auf das Stroh. Hier schlief auch die kleine dreijährige M., auf die meine Freunde sicherlich achtgeben sollten. Plötzlich hatte einer ein Zündholz in der Hand, zog damit am Eisenreifen des Wagens entlang, und es flammte auf. Die Jungen wollten sich Bratäpfel machen. Einer hielt das Streichholz an das Stroh, auf dem die Äpfel lagen, und im Nu brannte alles. In höchster Not wurde die kleine M. geholt. „August, hilf uns!“ riefen sie, doch da war nichts zu helfen mehr. Der Schuppen brannte…“

Zu dieser Zeit – es ist 15.20 Uhr – arbeitet Heinrich Schäferjohann in der Stellmacherwerkstatt (Nr. 191) an der Hauptstraße. „Plötzlich hörte ich aus der Nachbarschaft Rufe: Feuer! Feuer! Es brennt! Bei Bättgens-Bauer der Stroh-Schuppen! Ich lief und war einer der ersten am Unglücksort. Durch das Bimmeln der Feuerglocke und Hornsignale alarmiert rückte Schlangens Feuerwehr im Laufschritt an. Hauptmann Heinrich Poppe an der Spritze. Aus dem Brunnen zwischen Wohnhaus und Brandstätte wurde das Wasser gepumpt und damit das Feuer bekämpft. Aber nicht lange, denn der Brunnen hatte nicht genügend Wasser, und Hauptmann Poppe ordnete an, nur den Holzgiebel des Wohnhauses nass zu halten. Wir hatten Westwind, und der Funkenflug legte sich in den Gärten der Nachbarn nieder. Das Feuer wurde gepeitscht vom Wind…“

Und was jetzt geschieht, wird in der Geschichte der Sennegemeinde als Katastrophe verzeichnet bleiben.

2. Das Dorf brennt!

„…Heftig tobt der Sturm, brennende Teile durchfliegen die Luft, die Nachbarhäuser gefährdend. Plötzlich brennt das 150 Meter entfernt liegende Wohnhaus des Tischlers Becker; schon lodern hohe Flammen aus dem Dachstuhl des Gebäudes. Jetzt ist auch dei Kochsche Gastwirtschaft entzündet“. (Lipp. Landes-Zeitung 19.8.04). Der Sturm hat den Funkenflug unter die Dachziegel getrieben, wo die Strohdocken sofort Feuer fangen. „ Unser Ansicht nach wäre das Feuer auf den Brandherd beschränkt geblieben, wenn die Dachung der beiden zunächst in Brand gesteckten Häuser rechtwinklig zur Windrichtung gestanden hätte“, heißt es am 11. Oktober 1904 in einem Schreiben der Lippischen Regierung an den Direktor des Feuerversicherungsverbandes.

„Das verheerende Element, durch den heftigen Sturm unterstützt, schlägt auf das Schlömersche Besitztum, die beiden Gastwirtschaften Sibille und Poppe, über, nun breitet sich ein gewaltiges Feuermeer über die nächsten Häuser aus, seine Bahn in östlicher Richtung durch den Ort fortsetzend. Die aus Fachwerk bestehenden , mit Erntevorräten gefüllten Bauernhäuser bieten immer neue Nahrung…“ (LZ, 19.8.04)

Gasthof Koch (Nr. 74)

Landrat Piderit berichtet am nächsten Tag dem „Erlauchtigsten Graf-Regenten“, der in Schlangenbad weilt, dass das Feuer sämtliche Häuser zwischen dem Schuppen und den Gebäuden Koch und Becker habe unversehrt gelassen und sich dann verbreitet habe“…und zwar so rasend schnell, dass ungefähr 35 Minuten nach Ausbruch des ersten kleinen Feuers schon 30 – 35 Häuser in vollen Flammen standen“. Gendarm Möller meldet sogar, was auch von den anderen Augenzeugen bestätigt wird, dass innerhalb von 30 Minuten schon alle später als niedergebrannt registrierten Häuser vom roten Hahn besetzt gewesen seihen.

„Während die Bewohner, die größtenteils im Felde arbeiteten, noch zu der ersten Brandstelle eilten, hatten die übrigen Gebäude schon Feuer gefangen…“, so schreibt der Landrat weiter.
Lassen wie einige der Bewohner selbst zu Wort kommen!
Marie Lüning: „Meine Brüder Fritz und Ernst, meine Schwester Jette und ich waren an diesem Nachmittag dabei, Rauhfutter von der Schweinekuhle zu holen. Als wir den Rauch sahen, spannten meine Brüder die Pferde aus und ritten ins Dorf. Fritz der im Urlaub war, konnte nur noch seinen Militäranzug retten. Wir liefen den Sandweg hinunter, hörten das Geschrei der Kälber, Schweine und Hühner und sahen noch, wie Niemeiers Haus (Nr. 16) zusammenbrach. Unser Elternhaus (nr. 11) lag schon in Trümmern.“
Helene Weeke: Alle leifen aus dem Haus ins Dorf. Ich musste allein bei unserer Laura zurückbleiben; sie war gerade drei Wochen alt. Aus dem Bodenfenster sah ich , wie aus einem Dach durch die mit Strohdocken abgedichteten Pfannen Dampf emporstieg, und dann loderten die Flammen hoch. Beim nächsten Haus genau so: erst der Qualm zwischen den Ziegeln und dann die Flammen – und so geschah es bei vielen Häusern.“
Hermann Wolf: „Eine brennende Speckseite flog herüber auf unser Haus in der Pohlgatze (Nr. 128) und setzte es in Brand. Als die Balken schon zusammenkrachten, wollte meine Mutter noch einen schweren Kleiderkoffer nach draussen bekommen. Unter großen Kraftanstrengungen schaffte sie das viel zu schwere Monstrum bis an das Fenster, weiter ging es nicht. Unsere vier Ziegen verbrannten im Stall. Mit den Schweinen zog ich ins Eempkental. Dort traf ich den kleinen H. Mit seiner Ziege. Er weinte bitterlich: ,Iuse Möm‘ kann mich nich fin‘!‘ Der Sturm hatte fast alle Äpfel von den Bäumen geholt, aber niemand kümmerte sich darum.“Für den hochbetagten Friedrich Göbel schrieb sein Schwiegersohn auf: „Als der Brand ausbrach, war Opa mit dem Gespann auf dem Neuenkamp.

Hof Kloke (NR.11)

Die Pferde überließ er der Frau Klöpping und rannte durch die Denkerwiesen ins Dorf. Über die am Boden liegenden brennenden Sparren musste er springen und erreichte das Elternhaus (Nr.36) wo man schon damit beschäftigt war, das Gebäude mit Wasser zu besprengen. Der Drogist Gustav Poppe saß auf seinem Lagerboden mit Eimer und Fülle und spritzte seine Waren nass.“

Gastwirt Lohmann aus Lippspringe, so berichtet eine Zeitung, behielt bei dem ihm umgebenden Inferno die Nerven, und mauerte im Drogeriegebäude ein Fenster zu. Später musste er zum Arzt. Die Hitze hatte seinem Augenlicht geschadet.

„Ein alter Mann sitzt auf dem Dache seines Häuschens, um Wasser zu gießen; als die Flammen aus dem Dachstuhl schlagen, kann er sich nur mit Mühe retten.“ (LZ, 19.8.04)

Schon züngeln Flammen aus den Strohdocken des Hauses Fischer (Nr. 50). Unermüdlich löscht der Schuhmacher mit seinen Helfern auf dem Dachboden. Mit Erfolg. Trotz des Funkenregens bleibt auch die gleich in der Nähe stehende Schule verschont. Sie hat erst kürzlich ein neues Dach bekommen.
Ein Journalist notiert: „Auch Bauer Lübbertsmeier war auf dem Felde. Als er in das Dorf rannte, brannten sein Haus (Nr. 7) und die Stallungen schon. Nichts konnte geborgen werden. Alles, selbst das Vieh, verbrannte. Die größte Sorge jedoch galt der kleinen Tochter. Plötzlich war sie nicht mehr da. Immer stärker wurde die bange Frage: Wo ist sie? Ist sie in den Flammen umgekommen? Erst Stunden später löste sich alles zum Guten. Die Tochter war mit anderen Kindern zu Verwandten nach Kohlstädt gelaufen.“ (Lipp. Rundschau. 17.8.54).
Pastor Lohmeyer: “… Unaufhaltsam stürmt die Feuermenge fort bis zur äußersten Grenze des Oberdorfes, wo ein weiteres Vordringen und Verbreiten unmöglich ist. Das Feuer ruht nicht, bis das letzte Haus den entfesselten Flammen zum Opfer gefallen ist. Die Flammen laufen noch an den hölzernen Ständern der Drahtzäune ausserhalb des Dorfes entlang, und sprühende Funken setzen einen weit draußen im Felde stehenden beladenen Erntewagen in Brand.

Weinend und jammernd eilen Frauen und Kinder umher. Einige Schwerkranke werden aus bedrohten oder schon brennenden Häusern getragen. Das Vieh rast scheu durch die Straßen. Ein großer Teil kann nicht mehr aus den Ställen gebracht werden und kommt in den Flammen um…“ (Gedächtnispredigt, 18.8.05). Einige Sätze aus der Novelle der Frau des Schlangener Pastors: „Ein erstickender Qualm, undurchdringlicher Rauch, Schreien , Jammern, Fluchen, Beten, Weinen, Klagen vermischt sich mit dem Krachen der Balken, dem Zerspringen des Glases, dem Knallen der brennenden Speckseiten, dem Zischen und Prasseln des Feuers, dem Wehgeheul verendender Tiere.
Kommt keine Hilfe von auswärts?.

3. Kein Wasser

Gegen 16 Uhr hält Landrat Piderit in Detmold ein Telegramm in den Händen: „In Schlangen Großfeuer – sofort kommen -Huneke – Polizeidiener.“ Eine telephonische Anfrage in Kohlstädt – mit der Schlangener Post ist die Verbindung abgebrochen – bringt die Auskuft, daß schon ungefähr 30 Häuser abgebrannt seien. Wie ein Lauffeuer geht diese Nachricht durch Detmold.

Die Dampfspritze der Detmolder Feuerwehr mit Wilhelm Latsch, Fritz und Gustav Kordes

Ohne Zögern ersucht der Landrat Branddirektor Winkler, die Detmolder Dampfspritze ausrücken zu lassen und mit ihm nach Schlangen zu kommen. Auf dem Hohlstein bei Kohlstädt ist Fritz Kanne mit seiner Schwester dabei, Hafergerste aufzuwallen. Der starke Wind will ihnen die Halme fortwehen. Da sehen sie dunklen Rauch aus dem Dorf Schlangen emporsteigen. Der Kohlstädter Feuerwehrmann spannt die Pferde vom Wagen, setzt sich auf eines und galoppiert die Twete hinunter zum Spritzenhaus. Rasch geht es mit dem Spritzenwagen über den Weinberg (nach Luise Meier, geb. Kanne). Die Paderborner Feuerwehr kann nicht kommen. Sie ist beim Brand eines Brauereigebäudes eingesetzt.
Aber aus Lippspringe, Neuenbeken und Horn treffen weitere Wehren ein. Sie stehen machtlos dem Feuer gegenüber, das den Sturm zu seinen Verbündeten gemacht hat, und dessen Hitze und Rauch niemanden zu nahe kommen lassen. Kein Wasser! Im östlichen Teil des Dorfes, dem alten Bauernviertel, in dem die Gier der Flammen unersättlich ist, sind alle Brunnen leer. Ausgetrocknet auch die meisten anderen Wasserstellen in der Gemeinde. Nur alle zehn Minuten spendet der Dorfbrunnen vor dem Kaufhaus Keiser (Nr. 35) den Wehrmännern eine geringe menge des kostbaren Nasses. Inzwischen ist die Detmolder Dampfspritze unterwegs. Wilhelm Latsch heizt sie auf der Gauseköte noch einmal ordentlich ein. Gegen 19 Uhr stehen die Pferde schnaubend mit der ersten Dampfspritze der Detmolder Feuerwehr am Ortsbrunnen bei Kaufmann Emmighausen (Nr. 107). Hier ist noch der größte Wasservorrat. Im Nu haben die 12 Wehrmänner aus der Residenz eine Schlauchleitung von 600 Meter länge gelegt. Die Maschine hat soviel Dampf, dass sie den Wehren das Wasser sofort zupumpen kann. Schon bald muss auch der Wasservorrat des des Dorfbrunnen bei der Post der Dampfspritze zugeführt werden. Jetzt erst ist es möglich einem weiteren Ausbreiten des Brandes wirksam Einhalt zu gebieten. Gegen Mitternacht ist die Macht ist die Macht des Feuers gebrochen.
Am nächsten können die auswärtigen Wehren mit ihren rund 150 übermüdeten Feuerwehrmännern wieder abrücken. Um 11 Uhr trifft die Detmolder Spritze in der Residenz ein. Im Rechnungsbuch wird der 18stündige Einsatz vermerkt: „…für Schmiermaterial, als Lichter Rüböl und Petrolium, 1,50 Mark.“ Branddirektor Winkler, der seit 18 Uhr in Schlangen die Feuerbekämpfung geleitet hat: „ Alle Manschaften haben voll und ganz ihre Schuldigkeit getan!“
Die 46 Schlangener Feuerwehrmänner, die von 15.20 Uhr nachmittags bis 21 Uhr des nächsten Tages tätig und anschließend gruppenweise abwechselnd Tag und Nacht bis zum 23. August 1904 eingesetzt sind, bringen es gemeinsam auf 1667 Stunden.

4. Die 11. Kompanie kommt

Landrat Piderit ist gemeinsam mit dem Branddirektor Winkler um 18 Uhr an der Brandstätte eingetroffen. Überall, so lesen wir im Bericht des Landrats, werden helfende Hände gebraucht, „…um die ermüdeten Feuerwehrleute abzulösen, um einen Kondon um die Brandstätte zum Schutz des zahlreich erschienenen Publikums zu ziehen und besonders, um die überall umherliegenden Sachen zu bergen“, um… Ach, so viel ist zu tun! Eine dringende Bitte des Landrats erreicht das Infanterie-Regiment Graf Bülow von Dennewitz Nr. 55 in Detmold: Schickt eine Kompanie Soldaten! Schon um 19.15 Uhr trifft ein Telegramm aus der Residenzstadt in Schlangen ein: „ Geforderte Kompanie Soldaten ist abgesandt. Rgt. 55.“
Oberleutnant Thümmel hat die Führung, auch Leutnant Haymunds ist dabei. Mit der Straßenbahn fährt die 11. Kompanie vom Marktplatz bis zur Station Johannaberg in Berlebeck, und dann geht es im Eilmarsch über die Gauseköte. Die meisten Soldatenhaben die Strapazen des zurückliegenden Tages schon vergessen: den weiten Weg in die Senne, die Übung in „Sand und Sonnenbrand“, den beschwerlichen Rückmarsch.

Theodor Schierholz: „…Danach war noch Baden angesetzt. Während wir sonst immer über eine halbe Stunde bleiben mussten, kam diesmal der Befehl: ,Alles heraus! Anziehen und antreten!‘ Dies ging immer sehr schnell, da die letzten die Badeanstalt reinigen mussten. Dann wurden die ersten ungefähr dreißig Mann als Gruppe mit Feldmütze, sechster Rock, im Brotbeutel Handtuch und Komißbrot. Abmarsch nach Schlangen zur Brandbekämpfung.“

Zu dem Wachkommando gehört auch der Schlangener Adolf Schmidt: „Mir kam der Weg in mein Heimatdorf unendlich lang vor. Bei der Wirtschaft Schinkencharlotte in der Fürstenallee stellten wir die Gewehre zusammen, um kurz zu rasten. Ich laufe nach links zur Seite und dann nach rechts. Diesen Anblick habe ich nie vergessen. Das Feuer loderte bis zum Hühnerberg. Ich rufe: ,Meine Mutter ist nicht dabei! Mein elterliches Haus muss noch stehen. Aber drüben wohnt meine Schwester, die ist mitten drin im Feuer!‘„
Theodor Schierholz: „Wie wir in die Fürstenallee kamen bot sich uns ein Bild, das man nicht vergessen kann: Turmhoch schlugen die Flammen aus dem Dorf. Unwillkürlich wurde unser Marschtempo schneller.“
Adolf Schmidt: „Einige humpelten schon. Unten vor dem Dorf bei den ersten Häusern kommt uns ein Mütterchen mit einem Handwagen entgegen, auf dem Wagen eine Ziege. Singend ziehen wir in Richtung Dorfmitte. Da ruft das Mütterchen: „Kinners, Kinners, jü kuomt schon viels te late, dat ganze Duorp brennt schon!“ Dieser Ruf ist uns in den folgenden Monaten durch das genze Manöver mitgegangen.“
Paul Thümmel: „Als wir gegen 22 Uhr glücklich in Schlangen ankamen, war nicht viel mehr zu retten. Zwei Frauen trugen eine schwere Truhe aus einem Haus. Sie mussten nach 20 Metern absetzen, da der Feuersturm sie in Brand setzte. Meinen Soldaten blieb nichts weiter zu tun als zu helfen, das Vieh zu retten. Die Schweine mussten mit Gewalt aus den Ställen geschafft werden, und wenn nicht aufgepasst wurde, liefen sie wieder hinein.“
Wilhelm Richter: „Aus der Gastwirtschaft Koch haben wir mit zwei Mann Wein herausgetragen. Grad waren wir wieder draußen als eine Kohlensäureflasche explodierte.“
Theodor Schierholz: „Wir wurden zum Absperren eingeteilt, ebenso auch Streifen für die Nacht. Die war notwenig, denn es mußten verschiedentlich dunkle Elemente, die die Not ihrer Mitmenschen ausnutzen wollten, am Betreten des Ortes gehindert werden.“
Adolf Schmidt: „Gegen Mitternacht wurden die Wachen benachrichtigt: „Aufpassen; es fehlen sieben Kinder!“ Und bald hörten meine Kameraden und ich denn auch etwas verdächtiges. Es war oben im Dorfe bei Julius Keiser. Aus dem Gemäuer drangen elende Stimmen. Wir dachten gleich: „Das sind sie!“ Als wir unter dem großen Türbogen standen, war es wieder still. Dann ging es wieder los. Wir stellten fest, dass sich der Hahn mit seinen Hühnern in den Weintrauben verfangen hatte. Dann erfuhren wir: „Die Kinder sind gefunden; sie sind in Kohlstädt!“ Unter diesen vermissten Kindern war auch meine jetzige Frau. So habe ich mich schon um sie gesorgt, als sie noch ein Kind war…

…Das Haus in dem meine Schwester wohnte, war verschont geblieben.“

Wilhelm Richter: „Wäschekörbe voll Butterbrote kamen aus Bad Lippspringe.“

Pastor Lohmeier: „Wo sind die obdachlosen Menschen geblieben? Sie sind bei Verwandten und Freunden untergekommen. Die Liebe und das Mitleid hat ihnen Unterkunft gewährt. Obdachlos irrte in jener Nacht nach dem 18. August niemand auf den Straßen umher. Eine große Schar Kinder suchte im benachbarten Kohlstädt Unterkunft und wurde dort von hilfreichen Menschen aufgenommen.“ (Gedächtnispredigt 18. 8. 05). So schwer das Unglück manchen auch getroffen haben mag, groß ist der Trost: Menschenleben sind, Gott sei Dank, nicht zu beklagen.

Schlangen nach dem Brand.

5. Rauchende Trümmer

19. August 1904. Der Morgen graut. Immer noch steigt Rauch von den Trümmern auf, verstohlen züngeln kleine Flammen hier und da. Im Oberdorf, wo am morgen zuvor noch bäuerliches Leben seinen gewohnten Gang nahm, rauchgeschwärzte Wände mit leeren Fensterhöhlen, ragende Schornsteine, Schutt und Asche. An den Straßen die Eisenreste der Erntewagen, das Holz von den Flammen verzehrt, unbrauchbar gewordenes Ackergerät auf den Höfen, in den Obstgärten gebratene Äpfel an zerzausten Bäumen oder auf dem Boden.
Hier, auf halbem Wege zwischen Ruine und Straße, Bettfedern, kündend von einem vergeblichen Versuche, zu retten.
Einer Insel im Feuermeer gleich ist das neu gebaute Haus Krieger (Nr. 19) unversehrt geblieben, doch das nach dem Brand vor 10 Jahren ebenfalls massiv errichtete Gebäude Keiser (Nr. 10) in der Nachbarschaft und der von Bauer Wolf (Nr. 12) 1875 an sein Fachwerkhaus gefügte Steinanbau sind zerstört.
An der Hauptstraße hat das Feuer die neuen Häuser Göke (Nr. 149), Meyer (Nr. 27), Drogerie Poppe (Nr. 85) und Krieger (Nr. 254) verschont, doch in ihrer Umgebung stehen Mauerreste trostlos. Telegraphenstangen sind in der Mitte durchgebrannt und gestürzt. Geblieben sind auch die Kirche, das Pfarrhaus, die beiden Schulgebäude und die Häuser östlich von ihnen. Zwischen den Trümmern Menschen, übernächtigt, die sich kaum damit abfinden können, dass zu Asche wurde, was gestern noch so vertraut war. Viele haben nichts gerettet als das, was sie auf dem Leibe trugen. Und nun suchen sie nach Brauchbarem in den Ruinen. In Kisten und Kasten gepackt immer noch die Habseligkeiten derer, die in der Nähe der Brandstätte wohnen.

Fremde kommen, Kurgäste aus Lippspringe, Bewohner aus den umliegenden Ortschaften; Männer mit Listen gehen herum; das Maß an Not und Zerstörung wird statistisch erfasst.
Fünfzig Soldaten der 11. Kompanie sind am Morgen nach Detmold zurückgekehrt; die übrigen haben damit zu begonnen, Schornsteine und Giebelwände, die umzustürzen drohen, niederzureißen.

Theodor Schierholz erinnert sich: „Ein Kamerad, Zimmermann von Beruf, befestigte eine lange, schwere Eisenkette oben an der Uhlenflucht, unten wurde sie um einen mittleren Fichtenstamm geschlungen. Dieser brach aber wie ein Streichholz, als sich 20, 30 Soldaten mit Hau-ruck ins Geschirr legten. Jetzt wurde eine lange Deichsel aus Eschenholz genommen. Da klappte es.“ Landrat Piderit, der mit Branddirektor Winkler erst gegen 11 Uhr nach Detmold zurückfährt, hat das Garnison-Kommando ersucht, die Soldaten nich längere Zeit in Schlangen zu lassen. Sie werden überall – nicht nur beim Beseitigen bedrohlicher Mauerreste – gebraucht.
Paul Mönning und Theodor Schierholz zum Beispiel sind inzwischen in der Bachstube des Bäckermeisters Neese dabei, das so notwendige Brot zu backen. Bäcker Neese ist nach Paderborn gefahren, um dort einige der beim Brand aus den Ställen getriebenen und wieder eingefangenen Schweine zum Nutzen der Geschädigten zu verkaufen (nach Th. Schierholz).

Zahlreiche Borstentiere laufen mit Brandwunden im Langental umher; eines verirrt sich sogar bis zum Bauernkamp. Hausschlachter Adolf Sieveke ist unter den Soldaten. Er muss mehrere Tiere notschlachten (nach A. Schmidt).
„…Das fährt wieder ein Soldat mit einer Karre ein verbranntes Schein fort. Gleich hinter der Karre schreitet ein anderer Soldat; er hält ein Eisen in der Hand, an dessen Ende – die Kette noch um den Hals geschlungen – ein totes Hünchen baumelt, vollkommen ausgetrocknet.“ (LZ, 20. 8. 04).
Der Zug geht zu einem bestimmten Platz, wo Kameraden gegen Mittag die vielen Tierkadaver vergraben. Am nächsten Tag steigt die Zahl der „Sehleute“ aus dem Lippischen, aus dem Preußischen, aus Städten und Dörfern größerer Entfernung. Am Sonntag sind es Tausend, die sich „zu Fuß, zu Rad, zu Wagen“ einfinden, „um das schaurige Bild in Augenschein zu nehmen“. Aus Horn wird ein ungewöhnlich starker Wanderverkehr in Richtung Schlangen gemeldet. (nach LZ, 22. 8. 04).
Wilhelm Becker: „Ich arbeite damals in Dortmund als Maurer. Am Sonntag sind wir mit fünf oder sechs weiteren Schlangenern mit dem Fahrrad von Dortmund nach hause gefahren, um zu sehen was geschehen war.
Lehrer a. D. Wilkenloh hat nicht vergessen, wie er an diesem Sonntag mit Eltern und Bekannten von Heidenoldendorf aud den weiten Fußweg nach Schlangen machte: „Bei glühender Sommerhitze erreichten wir das Dorf. Viel Volk war unterwegs. Es machte schon damals einen eigenen Eindruck auf mich, wie ich die sonntäglich gekleideten Neugierigen zwischen den Ruinen einherstelzen sah und daneben mit harten verschlossenen Gesichtern die vom Unglück Heimgesuchten in Arbeitskleidung, von Ruß geschwärzt, die voll Trauer auf die Trümmer ihrer habe schauten. Die Luft war noch erfüllt von Brandgeruch; hier und da glomm es noch unter der Asche und stieg bläulicher Rauch empor…

Das, was ich damals in Schlangen sah und erlebte, hat mich jedenfalls so beeindruckt, dass ich später, wenn ich in Goethes „Hermann und Dorothea“ die Worte las: „Was die Neugier nicht tut! So rennt und läuft nun ein jeder, um den traurigen Zug der armen Vertriebenen zu sehen“, an unseren Marsch nach Schlangen dachte. Wenn ich aus Schillers „Lied von der Glocke“ den Passus von der Feuersbrunst las oder in der Klasse behandelte, stand mir das Bild das zum Teil ausgebrannten Schlangen vor Augen.“

Dachziegel wurden mit Strohdocken ausgestopft.

Für die Herstellung von Löschwasserbezugsquellen sind bestimmte Grundsätze festzulegen. Jene müssten auf kosten der Gemeinden nach Anordnung der Behörden und nach deren besonderen Angaben ausgeführt werden…“

Ergänzend dazu noch der Direktor des Feuer-Versicherungs-Verbandes in Mitteldeutschland: „… Auch darf ich vielleicht der Hoffnung Raum geben, dass dieser Brandfall dazu beigetragen wird, die Bestrebungen des Verbandes und der Fürstlichen Regierung auf möglichste Beseitigung der so gefährlichen Strohdockendachung und auf die Verminderung der Brandgefahr im Lippischen Lande überhaupt zu unterstützen und die Mitglieder des Landtags auch nach dieser Richtung entgegenkommender zu stimmen…“

Quelle: Text und Bilder stammen aus dem Buch „Lanchel-Colstidi-Astanholte“ (1969), herausgegeben von Heinz Wiehmann im Auftrag der Spar und Darlehenskasse Schlangen