Der Wunderdoktor von Distelbruch

Distelbruch bei Detmold. Ansichtskarte

Es war im Jahre 1796. Der Schrecken der französischen Staatsumwälzung war in der Tagesunterhaltung gerade abgetan. Das philosophische Zeitalter Kants und anderes mehr über Fortschritte und Erkenntnisse einer eben begonnenen aufklärenden Epoche wurde heftig besprochen, da setzte im Lande der Rose nach unserem ach, so stillen, friedlichen Diestelbruch am Leistruper Walde eine wahre Völkerwanderung nach dem sogenannten „Streichebengel“ ein; so nannten die Lästerzungen kurz den Wunderdoktor, Musketier Simon Justus Dohmeier von der 2. Kreiskompagnie des Obristen Wentzel. Er war erst etwas über 20 Jahre alt und hatte aus einer „Erleuchtung“ seiner selig Mutter den unterhimmlischen Auftrag, seine ihm angeborenen Wunderkräfte der kranken, leidenden Menschheit dienbar zu machen. Das war einfacher und leichter auch, als mit dem Gewehr sein Brot zu verdienen. Also ließ er sich beurlauben, um in seiner schönen Heimat Diestelbruch eine Art fachärztliche internistische Heilpraxis zu beginnen und auszuführen. Kranke gab es genug, damals wie heute. Da war es garnicht so schwer, über den Anfang zu kommen.

Nach einigen gewiß zufälligen, aber glücklich verrichteten Kuren, war Simon Justus „Schäfer Ast“ bald in aller Munde.

So kam es durch seine gewinnende Art, wie aus den Akten zuverlässig entnommen werden kann, daß alsobald täglich eine wahre Völkerwanderung einsetzte, die von dem Wunderdokter von morgens früh bis zum späten Abend „bestreichelt“, „gewaschen“ und mit seinem Heilwasser „getränkt“ wurden. Selbst der Archivrat Clostermeier von Detmold berichtete gelegentlich einer Reise nach Hildesheim brieflich der Regierung über seine Reiseerlebnisse in dieser Hinsicht. Eine Frau, die er auf Bitten unterwegs bis nach Hameln auf seinem Wagen mitgenommen hatte, habe ihm über die Behandlung durch Dohmeier berichtet; sie selbst wäre in kurzer Zeit an einem vier Jahre alten Nasenleiden kuriert worden. Uber Hameln, Stift Hildesheim, Braunschweig, Lüneburg, und andere Städte von nah und fern, kämen ganze Wagen voll Krüppel und andere Gebrechliche, die die Wunderkraft und Kuren des Diestelbrucher Doktors begehrten. Neben dem Streicheln der Kranken mit seinen Händen verabfolgte er kannenweise echten Diestelbrucher Brunnen, in welchem er sich „vorher gewaschen“ hatte, um seine heilsamen Wunderkräfte auch darin wirken zu lassen, durch trinken und waschen. Er nahm alle vorkommenden Krankheiten unbekümmert in seine Behandlung. Den Unterschied zwischen chirurgischen und internistischen Fällen von Erkrankungen kannte man damals noch nicht. Die Akten sind voll von niedergeschriebenen Verhören Behandelter, wonach der Wunderdoktor bei allen nur erdenklichen Leibesgebrechen inwendig und äußerlich gebraucht worden war und auch angeblich geholfen hatte.

Da die geschulten Medizinmänner damaliger Zeit hiesigen Bereichs aus dieser Veranlassung kaum noch etwas zu tun hatten, wurde der Amtsrat Schreiter bestürmt, bei dem Landesherrn zu erwirken, dem „Streichebengel“ das abergläubische Handwerk zu legen. Man wollte wissen, daß „der Kerl bis zu 50 Reichsthaler den Tag über in die Taschen stecke“; nur der erste Patient am Morgen, so hatte die Vorsehung seiner sei. Mutter noch bestimmt, wurde frei behandelt. Das machte Schule unter den Kranken für einen frühen Anfang, und in Diestelbruch und den Nachbardörfem war kein Platz mehr für eine Übernachtung zu bekommen, wenn nicht ein besonderes Opfer auf sich genommen wurde.

Den Gedanken zu dieser wundertätigen Einrichtung hatte ihm angeblich der Geist seiner toten Mutter eingegeben. Er hatte ihren Ruf unbeachtet gelassen, noch ein- mal an ihr Sterbebett zu kommen. Da wollte es das schlechte Gewissen doch, daß er sich öfter zu ihrem Grabe aufmachte. Als er in stiller, betrübter Nachdenklichkeit mit den Sünden seines Ungehorsams eines Tages wieder an ihrem Grabe kniete und mit den Händen unwillkürlich ein wenig in der Erde des Hügels alles Vergänglichen wühlte, hatte er angeblich durch die magnetischen Kräfte seiner Hände den Geist der Verstorbenen wieder hervorgerufen, der ihm also verkündigt habe, „er sei der siebente Bruder unter seinen Geschwistern und besitze daher die Wunderkraft, durch Streicheln die Gebrechen der kranken, leidenden Menschheit zu heilen“; das habe sie ihm auf dem Totenbette noch sagen wollen, er solle nun hingehen und tun, wozu er berufen.

Das leuchtete Simon Justus wohl ein, er nahm die Botschaft an und tat gehorsam, was ihm der Geist seiner toten Mutter aus dem Grabe aufgetragen hatte. Daß der Glaube an seine Wunderkraft noch mehr genährt wurde, ließ er durch seine Patienten dies Wunder am Grabe der Mutter gehörig verbreiten und mehr noch, „daß er im Kreuz seines Rückens mit einem goldenen Merkmal als Zeichen Gottes und seiner höheren Macht versehen sei“. Auch seine Hände waren angeblich mit einem goldenen Merkmal versehen, so daß er Handschuhe trug, wenn er seine Hände bei den Kuren nicht brauchte.

Der „Herr Doktor von Diestelbruch“, wie er in den Aktenzeugnissen genannt ist, war in kurzer Zeit „ein hochberühmter Mann“. Mit Windeseile verbreitete sich seine wundertätige Heilweise. Er hatte Lahme gehend und Blinde sehend gemacht, wie Jesus von Nazareth. Die Menschen kamen in Strömen, wie die Gläubigen zum heiligen Ganges, „soffen sein Waschwasser“,‘ wie es in den Akten heißt, und „ließen sich von ihm streicheln“. Wochenlang quartierten sich die Kranken auf den Dörfern ein, um die Wunderkuren mit Erfolg zu gebrauchen. Mütter mit Kindbetterkrankungen wurden mit Dohmeiers Waschwasser gewaschen, wurden gestreichelt und geheilt. Eine junge Mutter mit entzündeter Brust, die angeblich schon wochenlang nicht mehr geschlafen hatte, sagte aus, sie habe die erste Nacht nach der Streichekur bereits wieder schlafen können und sich bald auch wieder ganz wohl befunden. Das Wasser möchte ja wohl weniger geholfen haben, aber „es hätte die erhitzte Brust doch so wohltuend gekühlt“. Ein junges Mädchen von 14 Jahren, ganz blind durch die bösen Blattern, konnte eines Tages wieder sehen und habe vor Freude geweint; zwei andere Kinder, auch blind von den Blattern, konnten nach einiger Behandlung bereits den hellen Lichtschein der Sonne wieder erkennen. Gichtkranke, alte und junge, selbst solche, die bereits seit Jahren lahm gelegen, konnten bald wieder mit dem Stocke gehen oder die Krücken ganz wegwerfen. Geschwülste und Schwären, offene Beine und hitziges Fieber und anderes mehr wurde geheilt oder doch wesentlich gebessert. Selbst Knochen- und Leistenbrüche wurden wieder zurecht „gestrichen“. Die Wundertätigkeit des „Herrn Doktors von Diestelbruch“ ist vielfältig durch Dankesbezeugungen in den Akten des Amtes bei amtlichen Verhören und in Berichten nachgewiesen. Darum scheint es den Tatsachen zu entsprechen, daß seinerzeit nach dem Heiligen Grabe in Jerusalem nicht so zahlreich gewallfahrtet worden ist, als in jenem Anno 1796 zum sogenannten Streichebengel Johann Justus Dohmeier in Diestelbruch „gekrochen, gehinkt, gegangen, geritten, gefahren oder huckepack hingetragen“ worden ist.

Aber mit einer Reihe von ganz bösen Krankheiten (wahrscheinlich Schwindsucht, Krebs und dergleichen) war Johann Justus denn doch nicht fertig geworden. Hier hatten seine Streichekuren und sein Waschwasser versagt. Diese für damalige Erkenntnisse natürlich ganz selbstverständlich mit Mißerfolg für seine Kuren ausgehenden Erkrankungen wurden nun von den aufs schwerste gereizten Fachgelehrten damaliger Zeit eifrigst aufgestöbert und dem Amtsrat und Landesherrn als also nachgewiesene Kurpfuscherei des Wunderdoktors zugetragen. Da die Erfolgsmeldungen die „Nieten“ weit überstiegen, sah der Landesherr immer wieder davon ab, einzugreifen. Als die Beschwerden aber durchaus nicht verstummen wollten, entschloß er sich schließlich doch zur Entziehung der Praxis. Er ließ den Obristen Wentzel anweisen, seinen Musketier Simon Justus Dohmeier „Doktor zu Diestelbruch“, wieder in seine Armee aufzunehmen und abholen zu lassen.

„Ich muß gehorchen“ hatte er seinen Patienten noch gesagt, die ihm weinend nachhumpelten bis vor die Tore Detmolds. Nach einem Bericht des Obersten war Simon Justus zu besonderer Verwahrung und Aufsicht in das Quartier des Leutnants Böger gegeben“. Seine Patienten bestürmten noch lange den Landesherm mit Flehen und Bitten und unter Vorlage eidesstattlicher Zeugnisse über Heilerfolge „ihren Doktor“ doch wieder freizugeben. Auch seine Frau bemühte sich vergeblich darum. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.

Der „Wunderdoktor“ von Diestelbruch aber hatte wohl doch unbewußt durch solcherart körperliche und seelische Einwirkung zweifellos vielen Leidenden Hilfe oder Linderung gebracht. Daß er keine bakterielle oder chirurgische Erkrankungen mit Erfolg „bestreichein“ konnte, war damals noch unbekannt. Über alle Verleumdungen und Belustigung seines Anfangs und seiner Heilmethoden gebührt dem „Doktor von Diestelbruch im Jahre 1796“, Simon Justus Dohmeier, daher doch Dank und Anerkennung, die wir ihm hiermit darbringen wollen.

Quelle: Lippischer Kalender 1958 – Von Karl Sundergeld