Des Zieglers Lust und Last

oder: Simon sein Bilderbuch, mit kurzer Beschreibung zu jedem Bilde, von ihm selber.

Es sagt Salomo: „Ein jeglicher Mensch, der da isset und trinket und hat guten Mut in aller seiner Arbeit, das ist eine Gabe Gotte.” (Pred. 5, 13.)*

Vorrede. Hier ist mein Bilderbuch. So viel mir bewußt ist, ist nichts Böses darin. Warum sollte ich es also geheim halten. In der Steuer werden Sie mich deswegen ja auch wohl nicht höher setzen, weil ich zuweilen an einem langen Winterabend die Feder und das Tintenfaß hergekriegt habe, um zu den alten Dorfkalenderbildern etliche einfältige neue Worte niederzuschreiben. Dieselben sind nur für Leute gemeint, welche noch in ihrem Stande zufrieden sind und bleiben wollen. Gegrüßt sollen sie alle hiermit auch sein.

1.

Die Luft ist heute richtig dick und weich, sonst könnten die Kinder den Schneemann nicht so schön fertig kriegen. Die liebe Jugend auf dem Dorfe lebt doch freier, als die Kinder der hohen Herrschaften in den Städte. Wenn unsere Jungens im Winter rufen: „Platz, schickt euch!” dann tritt ihnen jeder aus dem Wege, von wegen, weil die Zeit der Schlittenfahrt noch kürzer ist, als die Jugend. Im Sommer gehen die Kinder mittags und abends an die Bache und lassen sich das Wasser und die Fische um die bloßen Füße spielen. Ein Kind reicher Leute in den Städten muß ein geplagtes Menschenkind sein gegen unsere Kinder. Nachher kommt es dann ja oft anders, aber wir haben die schöne, freie Jugendzeit erst mal gehabt und wollen sie unsern Kindern nach uns auch gönnen.

Späterhin geht der Junge dann mit auf die Deele zum Dreschen und das thut er dann auch gerne und ist ihm ein Stolz, wenn er mit in der Reihe geht und abends seinen Löffel mit den Erwachsenen in die Schüssel führen kann. Für Bettstroh und dergl. ist es immer angenehmer, wenn man mit der Hand gedroschen hat, und überhaupt immer bummeln — das können die Jungens im Winter auch nicht recht vertragen. Die Pfeife nachher hinter dem Ofen schmeckt nochmal so gut, wenn man bei Tage etwas gethan hat und ist die Pfeife alle, so klopft man sie aus und geht nach dem Bette.

2.

So sah es gestern bei unserm Nachbar aus, wo ich helfen mußte. „Fleisch satt.” Das Schwein hat sich gut gehabt. Von Anfang an hatte es so’n wunderschönen Anstand und weil Kartoffeln genug gewachsen waren, so brauchte der Schlachter nicht vor Neujahr zu kommen. Gestern hieß aber munter sein! Der Mann mit der Hose in den Stiebeln hat’s immer eilig und wartet nicht gerne. Um fünf Uhr hat er schon angefangen und will auf Mittag fertig sein. Um sieben Uhr ging das Bollern und Stoßen los, daß die Arme zuletzt nicht mehr wollten, aber mit der Zeit kommt so ein nahrhaftiger Geruch ins Hans, der stärkt den Menschen von außen. Die schönen Schinken und dass Speck und das kleine Werks liegt schon in der Pickel und der Wurstkessel ist flott im Gange. Fünfunddreißig Leberwürste rund und propper liegen um elf Uhr auf dem Stroh zum Abkühlen, alle das andere Wurstwerk, die Kohlwürste und Blutwürste und Mettwürste und die Sülze und der Wurstebrei nicht zu vergessen. Siebterlei Geschmack an einem Tiere! Es geht’r nich vor, wer selbst auf die Rauchkammer gehen kann. Das kennen die Fabriker nicht und meinen wunders was sie haben, wenn sie sich Sonntags ein Böffsteck vom Pferd kaufen.

3.

Das ist noch Winterarbeit. Holz aus dem Walde holen und den Wagen umkippen, daß es man so kracht, danach das Holz klein machen und hinstellen, damit trocknen kann. Mit Holz muß man immer etwas im voraus sein, das grüne Holz brennen ist kein Profit. Beizu putzt man die Apfelbäume aus und macht sich sonst allerlei auf dem Hofe zu thun. Der Februar-Mond bringt auch schon immer einige warme Tage, dann wird man schon ans Reisen erinnert und sieht im Hause und im Stalle und auf dem Hofe alles nach, ob es auch den Sommer über halten will. Die Frauensleute können sich meist nicht so gut mit der Barte befassen und haben auch genug um die Hand, wenn sie erst mit den Kindern und mit dem Vieh und Garten und Feld allein sind. Bei Sturm und Regenwetter ist es am besten hinter dem Ofen, wo sich ein Mann auch noch immer etwas nützlich machen kann. Das jüngste Kind will verwahrt sein und Kartoffeln schälen und Runkeln schneiden für die Ziege schändet einen Mann auch nicht, der sich im Winter für den Sommer resten will. Abends gibt es auch etwas Arbeit mit den Schülern, wenn sie gerade nicht so’n ganz gelehrten Kopf haben — und das sind Gaben. Wenn sie sonst nur glauben wollen, so muß ein jeder gerne zufrieden sein, daß sie sind, wie sie sind.

4.

Scheiden und Meiden thut weh, wenigstens wenn einer erst die nötige Einsicht hat. Das kleine Mädchen an der Mutter Hund merkt noch kann, was los ist. Der sechsjährige Bengel meint sogar, es wäre der reinste Spaß und läuft, was er kann, damit er seinen Beutel noch auf den Wagen kriegt, der Vater will ja, wenn er im Herbste wieder kommt, einen Zuckerstuten und eine neue Mütze mitbringen. Anders die zwei links am Zaun. Die sind sich ganz gut zu leiden und ein jeder denkt: bis in den Herbst ist eine lange Zeit. Die Frau mit dem Kinde au der Hand mag gar nicht nach dem Wagen kucken. Noch der letzte Koffer, und ihr Mann zieht sich den Rock an und fährt mit nach der Eisenbahn. Der eine Mensch ist nicht wie der andere! Der eine Mensch hat mehr so ein freies Wesen und der andere ist mehr für sich und hilft sich manchmal mit ein paar Thränen, zumal die Frauen. Auch der alte Opa kommt noch vor die Thüre. Er kann nur mehr kleine Schritte machen am Stocke und die Hände zittern schon. Wird er den Sohn und Enkel, die heute abreisen, noch wiedersehen? — wenn Gott will. Die Kinder und Kindeskinder halten den Alten aber ziemlich in Ehren, welcher vor Zeiten als junger Kerl das Haus hat bauen lassen und sein Name und seiner Frau Name steht auf dem Balken über der Scheunenthür und ein schöner Spruch dabei. Zuweilen denkt der Alte aber: die Last ist größer als die Lust; Herr, ich warte auf dein Reich. Führe meine Kinder hier und in der Fremde wie du mich geführt hast, auf das wir danach die Krone des Leben erlangen.

5.

Abschied nach dem Bahnhofe. Die Aelteren sagen nicht viel unterwegs, aber die Jungens thun, als ob sie nach der Kirmes wollten. Was sollte ein junger Kerl auch lieber thun, als in die Fremde gehen mit einem großen Troppe und Geld verdienen! Die alte Mutter auf dem Felde, welche mit ihrer kleinen Tochter schon etwas frühe Kartoffeln für die Stadtleute legen will, hat freilich andere Gedanken. Als das Mädchen frug: „Mutter, warum juchen die Jungens so?” antwortete die Mutter bedenklich: „Kind, dass thun sie vor Angst!” No! so schlimm ist es nun doch noch nicht mit der Kurasche der Ziegler bestellt. Die so ängstlich sind, könnten ja im Lande bleiben und bei den Bauern und auf dem Kondukterhofe Arbeit nehmen, wo jetzt die Knechte oft rar genug sind, das sich die Leute mit Pollaken und dergleichen Volke behelfen müssen. Natürlicherweise hat ein Knecht bei den Bauern im Winter nicht so viel Willen, als wie ein Ziegler, und dass bare Geld ist manchmal auch nicht so groß. Alle könnten auch doch nicht Arbeit im Lande finden und darum ist es gut, daß die Ziegler nicht wie die Frauensleute salziges Wasser beim Abschied ans den Augen wischen. Glück auf die Reise und haltet euch hart.

6.

Da fahren sie hin! Einen Augenblick können die Freunde den Abreisenden noch nachsehen. Eine kurze Zeit sind die Gedanken der Reisenden noch mit der Heimat beschäftigt, so dringen schon neue Gedanken von allen Seiten auf die Fahrgäste ein und lassen kaum Zeit für Abschiedsschmerz. Der Boden unter den Füßen raddert und rackert, die Kisten und Kasten müssen erst mal richtig hingestellt werden, damit bessere Sitzgelegenheit im Wagen kommt, denn die Fahrt ist lang. Wer noch steht, sieht ein neues Bild ums andere vor den Fenstern vorüberziehen. Späterhin Wird man ja gleichgültiger, aber so oft der Zug wieder flötet und anhält, so weiß doch jeder gerne, wo er ist in der Welt. Ist der Zug nicht ein Zieglerzug, sondern ein gewöhnlicher Personenzug, so bietet das Ein- und Aussteigen der übrigen Fahrgäste immer Abwechslung. Alle Stunde wenigsten ist wieder andere Gesellschaft im Wagen. Männer und Frauen mit Körben und Kindern. Einer will nach dem Doktor und der andere nach dem Markte. Ein Orgeldreher spielt einen auf und ein Keuchler macht seine Augenverblendung und frißt Glas und Schwefelsticken. Danach steigen einige Frauensleute und Männer ein. Alle haben ihren Sonntagsanzug an und eine hat einen Kranz in der Hand. Sie sagen nicht viel und Eine weint die meiste Zeit für sich. Auf der nächsten Station steigen sie wieder aus und dafür kommt ein junger Großmaul herein, und so gibt es von Herford bis Chemnitz in Sachsen immer was Neues.

7.

Der alte Junge hinter dem Pfluge ist in seiner Jugend auch auf Ziegelei gegangen und hat sein Geld in den guten Jahren schön geschont. Er ist nun sechszig Jahre alt geworden und kann es sich nun bequemer machen mit Tagelöhnern. Heute hat er von dem Hofe ein Pferd geliehen und macht für sich und seine Freunde einige Stücke Land um. Ein Eigenbesitzer ist er nicht geworden, wie das manchen andern Zieglern wohl glückt; dafür hatte er immer zu viele kleine Kinder, und die kosten viel Geld, ehe sie aus der Schule sind. Aber nun ist das besser, die Jungens gehen schon auf Ziegelei, stehen zwar noch nicht im großem Verdienste, aber sie sind gesund und bringen das ihrige mit im Herbst. Die Mädchens können auch gut bei Leuten sein und brauchen nicht alle Jahr mit der Herrschaft zu wechseln. Eine muß im Hause bleiben und der Mutter beistehen, die auch schon älter wird. Im Winter spinnen Mutter und Tochter fleißig, die Jungens auch, dann bleibt die Mutter mit dem Leisten für Hemden und Bettzeug immer im Voraus und braucht nicht das bare Geld nach dem Kaufmann zu bringen. Es geht nicht für selbstgemachtes Leinenzeug Also — mit Mückenfangen halten sie sich zu Hause auch nicht auf, aber es ist mit Kirchengehend und allem immer angenehmer, als das rauhe Leben auf der Ziegelei und darum gut für die alten Tage. Hott -, Rettchen, sachte! sachte!

8.

Die Kinder sind doch unsere lieblichsten irdischen Schätze. Gott hat sie uns gegeben und er ist ihr Hüter und Erhalten Ein Tropp Kühe oder Schweine ist ja auch schön anzusehen, aber ein Kind in meiner Stube ist mir lieber, als zwei fette Ochsen im Stalle. Unser Bauer meinte neulich, für einen guten Ochsen könnte man viel Geld lösen und die kleinen Kinder schmissen nicht viel auf. Zumal arme Leute hätten oft schon genug zu thun, wenn sie nur halb so viel Bracken dass Maul zu stopfen brauchten. Aber so gut wie die Bauern und Geldmenschen sagen, Gott hätte ihnen ihren Hof und ihr Geld gegeben, so gut dürfen wir kleinen Leute auch sagen: „Gott hat uns unsere Kinder gegeben.” Jedem das Seine. Wir sind mit unserm Teil zufrieden und wollen uns gerne was gefallen lassen für unsere Kinder, die Jungens und die Mädchens. So Kinder sind immer munter und wissen nicht viel von arm und reich und freuen sich über jeden schönen Tag, wie die Spatzen über einen vollen Kirschenbaum. — Von unserm alten Küster ist das mal schön, daß er mit seinen steifen Beinen doch noch gerne unsern Kindern eine Freude macht. Wir ziehen dafür auch die Mütze ab, wenn wir im Winter wieder im Dorfe sind, damit er sieht, wir haben auch noch Gedanken auf der Ziegelei.

9.

Ein kleiner Besuch zu Hause auf Pfingsten ist immer eine schöne Sache. Sechs bis acht Wochen sind abgerissen auf der Ziegelei. Ist die Reise weiter, so wartet man bis Mitte Sommer. Für einen Familienvater ist es sehr angenehm, wenn er zwischendurch einmal acht Tage zusehen kann, wie es in der Familie geht. Natürlicherweise muß dann in den kleinen Urlaub auch ein Sonntag fallen, damit man Gottes Wort in der Kirche hört, wo einem alles bekannt ist. Der Kirchhof mit den Gräbern und Bäumen bekannt, die Kirche von außen und innen bekannt und der Küster vor der Orgel und der Pastor auf seinem Platze bekannt. Die Gesänge werden in der Fremde auch oft andere gesungen; — in der Heimat merkt man überall, daß man zu Hause ist.

Vor und nach der Kirche findet sich auch gute Gelegenheit, mit etlichen Bekannten und Freunden zu sprechen. Wie schön ist es doch im Sommer in der Heimat! Wer schon mehr als zwanzig Jahre geziegelt hat, weiß bald gar nicht mehr, daß die Bäume und Busche in der Heimat im Sommer auch frisches und glänzendes Laub haben und voller Blumen hängen. Mit solchen Gedanken darf man sich aber nicht zu lange aufhalten, wenn man noch ein junger Kerl ist. Als wir Jungens waren, kamen wir den ganzen Sommer nicht nach Hause und wer ganz weit weggeht in fremde Länder, dem kommt schon die eine Hin- und Rückreise teuer genug.

10.

Vor welchen Jahren gingen wir sechsmal auf der Reihe nach einer Ziegelei, welche mitten in den großen Weiden lag. Lauter Wiesen, Wiesen, Wiesen, soweit man sehen konnte und ganz hinten floß ein breites Wasser mit Schiffen darauf. Korn können sie auf solchen Stellen nicht sähen, weil jedes Frühjahr das Wasser darüber geht, aber das Gras hinterher ist ein blanker Staat. Solche Wiesen keimt man bei uns zu Hause nicht. Erst die schönen bunten Wiesen und dann das viele, viele Heu; ein Wagen nach dem Zaudern und die Grumme ist wieder gut. Für einen ländlichen Menschen ist es doch viel angenehmer so, als wenn die Ziegelei dicht vor einer großen Stadt liegt. Wir haben es in Sachsen schon gehabt, daß gleich vor dem Werke die neuen großen vier- und fünfstöckigen Häuser in die Höhe gingen und morgens und mittags und abends kamen die Fabriker vorbei und fragen, ob wir zu Hause nichts zu fressen hätten, daß wir hier den ganzen Tag im Drecke klegen thäten, und was sie sonst für Dummheiten vorbrachten. Mitten im Felde lebt man doch friedlicher und die Versuchung zum Wirtshause ist Sonntags für die Jungens auch nicht so groß. An Milch kann man bei den Bauern auch eher kommen, daß man nicht den ganzen Sommer schwarzen Kaffee trinken braucht. Ich halte es für meine Kanne Bier mit einem friedlichen Leben und Milch im Kaffee. Auch ist der Reis in der Milch gekocht ein gutes Sonntags-Essen für einen Arbeitsmann.

11.

Arbeit unter freiem Himmel macht geduldige Menschen. Stadtleute ziehen sich bei Sonnenschein gerne in den Schatten und bei Regen kriechen sie unter Dach oder spannen ihren Schirm auf. Das ist auch ganz vernünftig für den, der es haben kann. Unser Schneider sagte auch: „es geht nicht für ein Geschäft im Trocknen!” Aber eine Feldziegelei ist eben eine Ziegelei auf freiem Felde, und die bei der neuen Eisenbahn von Lage nach Hameln das Ausschachten thun, müssen auch aushalten und können nicht immer gleich zu Schauer laufen. Sogar unser Schäfer meinte (und das sind doch mitunter findige
Leute) „einen ganzen Tag im Nebelregen die Schafe hüten, das gäbe gerne Patriotismus in die Knochen”.

Nun — geziegelt muß werden in der Welt und Eisenbahndämme müssen gebaut werden, und im Sommer kann man beim ersten Regen die Schafe nicht gleich im Stalle füttern, darum wollen wir uns das Wetter, das Gott giebt, gefallen lassen. Im Winter hinter dem Ofen regnet es ja nicht mehr durch! Die Arbeit unter freiem Himmel ist auch noch gar nicht zu verachten, wenn man an die Fabriker denkt, die jeden schönen Arbeitstag, den Gott werden läßt im Sommer, in ihrer Fabrik verleben müssen und haben oft noch dicke Luft zu schnappen wenn sie auch die Fenster aufreißen. Das Geld hält sich auf der Ziegelei auch besser, als in.den Fabrikstädten.

12.

So heiß, wie die Steine jetzt sind, sollen sie wohl so leicht nicht wieder werden. Warm genug ist es in dieser Kammer, zumal bei Sommertag; aber im Frühjahr und Herbst kann man’s wohl aushalten. Von selbst kommen die Steine ja nicht auf die Karre und aus dem Ofen. Weil aber die Hitze den Menschen zu viel vertrocknet, so muß man nach einigen Jahren einmal wieder Arbeit draußen annehmen. Jede Kammer in dem großen Ringofen ist mit den Steinen wie ein Menschengeschlecht für sich. Wenn eine Kammer vollgepackt ist, so kommt die große Papierwand und die nächste Kammer wird eben so voll gefahren und so fort, und doch wird der Ofen niemals voll. Wenn die Steine eine kurze Zeit in dem Ofen stehen, so kommt auch schon das Feuer von hinten und brennt die Steine gahr. Während sie dann vorne immer einfahren, werden von hinten die Kammern mit den fertig gebrannten Steinen schon wieder leer gefahren. Immer rund um im Ringofen. Die fertigen Steine werden dann an ihren Platz gefahren und vermauert, wozu sie bestimmt sind und wo sie bleiben sollen. Die Welt wird ja auch nicht voll, obwohl alle Jahre ein neues Geschlecht geboren wird und Neujahr ist die Papierwand. Aber wenn ein Menschengeschlecht fertig gebrannt ist und etwas abgekühlt, so werden sie wieder aus dem Ofen geholt; nur der Dreck und das kleine Grutt wird auf den Weg geschmissen und zertreten.

13.

So Wilm, nun laß die Karre man stehn und steck den Kopf in den Eimer, dann schmecken die Erbsen besser. Die Bengel laßt auch man mit Frieden, sie haben’s schon alle gehört. Wenn es bald Mittag ist, so hören die
Ohren scharf. Wer seinen Kump gestern Abend gut gewaschen hat, kann heute Mittag aus einem reinen Kumpe essen. Reinlichkeit muß sein, aber ganz viel Luxus wird sonst mit dem Essen auf der Ziegelei nicht getrieben. Bei solcher Arbeit helfen die dünnen Werke mit Kohl und anderm blättrigem Kram nicht — Erbsen, gut gekocht mit einem Stück Speck oder ordentlichem Fett, die stehen am besten hinter den Rippen. Ein gemeinsames Tischgebet wäre auch wohl recht passend, aber meist ist die Tisch-Gesellschaft nicht danach, und dann ist es besser, wer beten kann und will, der thut es für sich. Sind am Tische die Spötter zu mächtig, so kann man ja auf dem Wege von der Arbeit zum Essen sein Gebet verrichten. Mit unserm Beten wollen wir diejenigen Leute, welche
noch nicht so weit sind, nicht reizen. Uebrigens brauchen wir uns unseres Glaubens nicht schämen, wenn die Spötter das Maul aufreißen. Können wir sie mit unseren Worten nicht belehren, so lassen wir uns von ihren Worten auch nicht erschrecken. Zuletzt werden sie doch wieder stille, wenn sie sehen, daß wir gerne Frieden leiden mögen beim Essen und auch sonst. Wenn erst die neuen Kartoffeln kommen, so schmecken die Erbsen auch noch besser.

14.

„Ticheln eß nenne Sülte eten!” Das ist ein Sprüchwort und ein Wahrwort, nicht nur für Leute, welche draußen ihre Arbeit haben, auch für diejenigen, welche im Ofen zu thun haben, und die Steine selbst sind ein Gleichnis. Die einen werden erst eben in den Ringofen gefahren und haben noch alles vor sich und die andern werden herausgefahren und sind mit allem fertig. Die Hebamme und der Totengräber begegnen sich in unserm Dorfe auch oft genug auf der Straße. Die Steine, welche der Mann auf dem kleinen Wagen vor sich herschiebt, müssen erst noch den Ofen durchmachen und der Brenner muß die Zeit über wohl gut aufpassen. Nachher sind es dieselben Steine, die es vorher waren, aber nun können sie Sonne und Regen abhalten und zu jedem Bauwerk gebraucht werden. Bei uns in Lippe nimmt man mancherorts lieber die Bruchsteine aus den Bergen, zumal für große Bauten, aber in Bremen und Hamburg habe ich die schönsten alten und neuen Kirchen aus Backsteinen gesehen. Wenn wir Menschen erst in dem Ofen gewesen sind, dann kommt ja erst das rechte. Dann werden wir nach der Stelle gebracht und verbaut nach dem Plane Gottes zu seinem ewigen Tempel. Hier das ist jetzt nur Welt und Zeit und Vorbereitung, und die Steine werden nun einmal nicht hart ohne Feuer.

15.

Der Briefträger hat schon von weitem geflötert, als er auf die Stätte kam. Ein Brief mit fünf Siegeln hat was zu bedeuten und die Groschens sind im Sommer mitunter knapp genug. Frauenarbeit bringt nicht viel, auch wenn eine in großes Tagelohn bei den Bauern gehen kann. Darum kommen auch alle im Hause zusammen und freuen sich. Die Ziege geht der Brief zwar ebenst nichts an, aber den Ziegen liegt die Wißbegier im Geblüte. Wenn doch der Vater und Sohn auf der Ziegelei die Freude sehen könnte, welche ihr Brief in der Heimat bereitet! Die Frau soll’s aber wohl hinschreiben, wenn erst der Sonntag Nachmittag kommt. Verschleudert wird das Geld auch nicht, wo es eben angeht, schont die Frau das bare Geld und behilft sich. Aber wo ein Tröppchen Kinder ist, da muß auch immer etwas Geld sein, sonst kriegt der Krüger zu viel ins Buch mit Kaffee und Reis und Oel und Seife und Sticken und dergl. Dazu muß einmal ein neuer Stein für die Schule angeschafft werden und ein neues Buch. Der Lehrer hat mit den alten Brocken schon lange genug Geduld gehabt, aber für den Examen sieht es nicht allzu gut aus. Der Junge lernt ja auch gut, da muß auch so viel über sein. — Genug, das Geld ist rund und bleibt rund, und wenn man meint, man hegte es aufs schönste, es findet immer wieder einen Weg, wie es aus dem Kasten unter die Leute kommt.

16.

Was eine große Dampfziegelei ist, die hat auch einen Kerl, der für nichts-, als den Kessel und die Maschine aufzupassen braucht. So ein Mann muß aber wohl schön zusehen, daß ihm nicht die Brocken um die Ohren fliegen. Man sollte nicht glauben, was für eine Wut in dem Dampfe sitzt, aber es kann’s ja ein jeder bei der Eisenbahn und Dampfdreschmaschine merken. Jeder Dienst fordert seine Kunst. Mir ist lieber, daß ich nur meine Karre zu betrachten habe, und wenn ich nur immer früh genug bei der Mühle bin, so hat mir niemand etwas zu vermelden. Der Mann vor der Maschine muß aber auch da sein auf der Ziegelei, und wer zu dem Feuerwerk Lust hat, für den mag es wohl ein ganz schöner Posten sein. Auf die Knochen wird der Kerl nicht getrieben, aber ich will nun einmal seine Stelle nicht haben.

Man zusehen — das thue ich gerne, wenn es dunkel wird und er noch eine Schute voll ins Feuer schmeißt. Dann leuchtet die Glut aus dem Ofen, daß der ganze Heizer weiß aussieht, und er hat doch in Wahrheit von oben
bis unten die Rabenfarbe. Dass macht der Widerschein, und läßt er die Thür wieder zufallen, so ist wieder alles dunkel, wie vorher und denkt Keiner, wie es hinter der Thür aussieht.

17.

Wer gerne arbeiten mag, mag auch gerne essen. — Natürlicherweise geht es nicht jeden Abend so gemütlich zu beim Abendessen. Zumal in den langen Tagen sieht jeder, der von 3 Uhr morgens bis 9 Uhr abends auf den
Beinen war, zu, daß er rasch was ins Leib kriegt und geht stille nach dem Bette. Wenn aber die Arbeitszeit im Herbste erst wieder kürzer wird und am Sonntag, da kann man mehr aus dem Abendessen und der Lampe machen; zumal wenn die Ziegelei einsam im Felde liegt oder an einem großen Wasser und kein Dorf oder Stadt in der Nähe, da ist das Abendessen eine Lust, wenn die Leute doch friedsam sind. Die Jungens lesen dann gern noch einmal die Briefe, die Mutter geschrieben hat im Sommer; und was Musikanten sind, die spielen einen auf. Ein Liebhaber von Tabak steckt sich eine an, und was so vorfällt, wird besprochen. Was der Eine nicht weiß, weiß der Andere. Ist die Ziegelei auch gerade kein Lusthaus, so ist sie doch auch kein Zuchthaus, und freie Männer genießen mit Freuden die Feierstunden. Die Kinder Israel waren auch Ziegler und mußten in Aegypten ohne Lohn arbeiten und der König Pharao wollte ihnen auf ihre Bitten nicht einmal drei Tage Urlaub in die Wüste geben, damit sie ihrem Gotte opfern könnten — das war harter Dienst! So lange aber noch jeden siebten Tag Sonntag ist und im Winter drei Monate zur Erholung bei Frau und Kindern giebt, so lange geht es auch noch ganz menschenwürdig zu, und Arbeit ist Arbeit, sonst wäre Arbeit keine Arbeit.

18.

Salomo sagt: Wer in der Ernte schläft, wird zu Schanden. Damit können wir Ziegler uns trösten, daß in der Heimat im Sommer die Sonne auch früh aufgeht. Der liebe Roggen muß doch das rechte Korn zum Brot geben, und wenn der Roggen nicht zu teuer ist, so ist das gut für den ganzen Stand. Das Maschinen kommt natürlicherweise jetzt allerwärts zwischen. Die ganzen Großen fahren die Maschinen jetzt schon aufs Feld in die Ernte und bansen gleich dass Stroh für sich, und bringen das reine Korn mit Säcken auf den Boden. Damit ist viel Arbeit und Geld gespart. Bei uns auf der neuen Ziegelei sind auch keine Steinemacher mehr nötig. Die große Maschine schiebt vom Morgen bis zum Abend so viel Steine vor, daß sie immer munter schneiden und abnehmen müssen, eine Karre voll nach der andern. Ein jeder Betrieb wird durch die Maschinen verändert, aber wenn man es erst recht kennt, so kann man die neue Mode nicht schelten. Daß die Welt immer bestehen kann, auch wenn noch so viel neue Maschinen kommen sollten und Arbeitsleute verdrängen, dafür ist Gott ja da. Der giebt dann auch neue Wege an, auf denen wir Arbeitsmenschen wandeln können. Unsere Alten thaten viel das Mähen und Torfstechen in Holland — das ist nicht mehr. Unsere Alten gingen viel nach Friesland und Holland zum Ziegeln — das ist nicht mehr, aber die Welt kann noch immer bestehen und die Arbeitsleute auch, die sich was gefallen lassen.

19.

„Venena” hat unser Apotheker vor einem kleinen Schranke stehen, der extra verschlossen ist. Alle die hundert andern Pötte und Flaschen stehen frei da in der Stube, jedesmal der Name davor. Auf meine Frage sagte mir der Apotheker, „Venena” das hieße soviel als, „giftige Werke” ins Deutsche. Ich fragte darauf, ob das denn Rattengift wäre oder vergifteter Weizen für die Raben, daß die einem nicht auf das Feld fallen, dann sollte er mir für einen Silbergroschen mitthun, da antwortete er: „Nein, Meier, das ist für Menschen, aber nicht zum Totvergiften, sondern damit sie wieder gesund werden. Ich darf es aber nur abgeben, wenn es ein Doktor vermacht hat.”

Der Mann mit der Pulle hinter der Karre ist der Doktor und hat dem Kartenmanne auch „Venena” vermacht. Richtig, mit Maßen thut der Schnaps gute Hilfe bei der Arbeit; aber wehe, wer vergißt, daß „Venena” vor der Pulle steht. Wehe, wer sich durch den Schnaps reizen läßt und meint, er müßte täglich ein viertel Liter haben. Dann wird erst der Magen aufgefressen und dann geht’s ins Geblüt und wird auf die Nase geschrieben „Venena.” und zuletzt wird der ganze Leib und Seele vergiftet So ein armer unvorsichtiger ruinierter Mann vergiftet auch sein ganzes Familienleben, sodaß der Apotheker in seinem Schranke kein rechtes Heilmittel mehr dagegen hat und es nimmt ein schlechtes Ende, wenn sich der vergiftete Mann nicht ernstlich und anhaltend zu Gott um Hilfe wendet — der hat noch Hilfe.

20.

Wer Apfelbäume in seinem Garten hat, kann im Herbst Aepfel pflücken, d. h. wenn welche gewachsen sind. Das ist eine sehr angenehme Arbeit für einen Menschen. Als ich Schwein war habe ich es früher auf dem Hofe immer thun müssen und hatte dann Herbsttag Freunde genug, wenn ich nach der Schule kam. Sind nun die Aepfel nicht allzu rar, so können wir kleinen Mietsleute im Herbst auch wohl an einige Metzen1Der Metzen ist der Name eines Hohlmaßes für Getreide und Salz verschiedener Größe. In Preußen: 3,435 Liter schöner Wahräpfel kommen, damit Weihnachten doch ein paar Aepfel für die Kinder da sind. Die lieben Kartoffeln bleiben aber immer das Haupt, und wenn die Säcke im Herbst auf dem Felde dicht stehen, so leidet niemand Not. Alles Ernten ist eine Lust, aparte, wenn das Wetter danach ist. Bei Sturm und Regen ist das Apfelpflücken auch eitel; und bei nassem Wetter, von oben und von unten naß, die Kartoffeln aufgraben und aufsuchen, ist beschwerlich genug, muß aber auch mitgemacht werden. Und wenn die Hände auch blau und steif werden, so kann man doch die Kartoffeln nicht in der Erde sitzen lassen. Nachher im Winter, hinter dem warmen Ofen, wird nicht mehr daran gedacht, wenn einer mal im Sommer wo Hindernis und Beschwerde hatte bei seiner Arbeit in der Heimat oder in der Fremde. Wenn sich nur Menschen und Vieh sättigen können mit Wohlgefallen — das ist Gottes Gabe und allen Dankes wert.

21.

Ziegel streichen und Ziegel brennen allein thut’s noch nicht, es müssen auch Leute da sein, welche die fertigen Steine haben wollen. Bei einer großen Stadt ist am: ersten Absatz, und wenn die Steine von der Ziegelei gleich in die Schiffe gefahren werden können, so kommt der Transport nicht so teuer. Aber, aber, aber, wenn dann eine Ziegelei neben die andere gesetzt wird, lauter große Werke mit Ringofen und Dampfbetrieb, so kann das kein gutes Ende nehmen. Dann sind mit einem male mehr Steine fertig, als verlangt werden. Wenn aber die Steine erst ein Jahr im Wetter auf dem Platze gestanden haben, so sagen die Leute wie beim Bäcker: „Ich nehme sie lieber warm aus dem Ofen!” So geht es, wenn keine rechte Baulust mehr da ist. Dann lassen die Ziegeleiherren früh schließen und wir Ziegler kommen früh nach Hause und im nächsten Frühjahr muß sich noch jeder freuen, der erst einmal eine gute feste Stelle gefunden hat. Solche Zeiten können oft lange genug anhalten und manchem Ziegler in der Heimat, der zu früh gebaut hatte, wird sein Haus wieder verkauft. Geht’s nicht ganz so schlimm — er muß doch wieder lernen kleine Bröte backen. Hat man aber das erst gelernt, so läßt Gott auch meist wieder andere Zeiten kommen fürs Geschäft.

22.

Es steht’r alle auf — das ist nun mal gewiß; aber bis man findet, was man haben will, heißt es manchmal lange suchen. Zumal solche Jungens, die das erste mal von Hause gehen, müssen gut aufpassen auf den fremden Bahnhöfen. Ein alter Mensch hat immer schon etwas mehr Erfahrung. Wer erst in dem rechten Zuge ist, der hat nix nich mehr zu besorgen; aber bis man mit allen Pucken und Kasten so weit ist, dazu gehört oft viel mit Treppensteigen und Laufen über und unter der Erde. Natürlicherweise können wir Ziegler uns da nicht mit aufhalten, unterwegs die Städte und Häuser der Menschen zu besehen. Ehe bis man auf der Ziegelei angekommen ist, ist das Geld oft knapp genug, und auf der Rückreise will auch niemand gerne Geld verschmeißen. Aber daß die Welt groß ist und die Kunst der Menschen, das kann man wohl erfahren, wenn man die Reise von Station Herford bis nach Sachsen macht. Wer so weit weg macht, der geht auch Pfingsten einmal mit etlichen Kollegen nach der nächsten Stadt und besieht sie von inwendig und auswendig. Es ist zu bewundern, mit den großen Kirchen und Schlössern, und was sich sonst die Leute bauen. Aber darin wohnen —- das wäre nichts für meinen Vater seinen Sohn. Bei uns zu Hause ist doch jeder besser in seinem Eigenen, als wenn in den Städten ein Mensch auf dein andern wohnt und müssen noch schweres Geld dafür bezahlen.

23.

Was sagst du nun? — Ist es noch immer kein menschenwürdiges Dasein, Ziegler spielen? Wenn erst die Kraniche durch die Luft streichen, dann wünscht sich wohl mancher: wäre ich doch im Frühjahr auf Ziegelei gegangen! Aber nun ist es zu spät für dieses Jahr zum Wünschen. Des Tages Last und Hitze ist überstanden und der blanke Lohn in der Tasche. Nun kann man wieder Leute bezahlen und friedlich mit Frau und Kindern leben.

Ja, zurück kommen geht besser als abreisen, wenn man alle im Hause wieder gesund antrifft. Die Krüger und Gastwirte wollen sich nun fast reißen um die Ziegler, d. h. eigentlich nicht um die Ziegler, aber um ihr Geld, und zeigen in allen Blättern an, daß sie Zieglerball und Zieglerkränzchen und dergleichen veranstaltet haben, um bei kleinen unsere Groschen zu locken. Da wird aber nichts von! Das sind alles Dummheiten und schmeißen nichts auf als leere Beutel und schlechten Magen und Streit. Vor Weihnachten, dann wollen wir mal die Spendierbüchsen anziehen, aber nicht für den Krüger, sondern für die Frau, daß sie ein neues Kleid kriegt, und die Kinder eine neue Jacke. Fürerst aber wollen wir uns freuen, daß wir wieder zu Hause sind und uns über Frau und Kinder freuen und über alle alten Freunde und Nachbarn, und wenn die Mutter heute Abend einen Pickert backen will, wie es scheint nach dem großen Kumpe, so soll’s auch recht sein nach den vielen Erbsen.

24.

Kindtaufe halten ist ein Fest von Gottes wegen. Schützenfeste und Kriegervereine können die Menschen einrichten, aber Kinder giebt Gott. Fünf Stück sind nun da und die Mutter kann auch schon wieder eine Stunde mit auf der Stube sitzen, wenn sie’s auch noch etwas im Rücken hat, wie man sieht. Das Fünfte soll heute zur Taufe nach der Kirche getragen werden. Der Vater bürstet sich noch seinen Zylinderhut und der Freund, welcher das Kind halten will, steht auch schon bereit und besieht das Neugeborene. Mannsleute können mit so kleinen Dingern meist noch nichts Rechtes anfangen, weil die Hände an andere Arbeit gewöhnt sind. Dafür sind ja auch Mütter und Hebammen in der Welt, aber in Gedanken können und sollen auch die Männer die kleinen Kinder haben, aparte, wer wo Gevatterstelle angenommen hat. Kaffee trinken und Stuten essen ist auch schon gut am Tauftage, aber wenn das Kind heranwächst, dann darf der Gevatter das Beten nicht vergessen und muß sich ab und zu nach seinem Patenkinde umsehen. Das hat er in der Kirche versprochen und ein Mann — ein Wort. Darum soll soll man sich auch nicht zum Gevatterstande drängen. Hat man den Dienst aber einmal angenommen, so muß man ihn auch versehen, und das Kind lieb behalten und ihm helfen, daß es ein christliches Leben lerne.

25.

Uebermorgen geht es wieder hoch her, aber man freut sich auch schon, wenn man erst einmal so weit ist, daß das Schwein am Hause hängt. Es ist zwar erst November, aber wenn man einsieht, daß die Kartoffeln am Ende sind, so muß man schnell herkommen mit dem Messer, sonst frißt einen das Schwein auf. Ist’s auch keine alte Sau von 400, wie sie jedes Jahr auf dem Hofe schlachten, so wiegt das Tier doch seine schönen 200 Pfund und für einen kleinen Mann ist es schwer genug. Das Schwein bleibt ja immer das nahrhafteste Tier. Außer den Klauen und der Galle wird nichts verschleudert, sogar die Paar Borsten vom Rücken greift der Schlachter zusammen und legt sie sich bei Seite, wenn sie das Tier im Troge brennen.

Die Kinder nehmen die stürmischen Tage gerne wahr, solange die Welt noch nicht voll Schnee ist und suchen das trockene Holz an, welches nun im Walde bricht. Unser neuer Förster ist kleinen Leuten wohl was zu gönnen, wenn er nur sieht, daß wir ihm nichts mutwillig von den Bäumen reißen und daß wir auf die Strohwische achten beim Laubholen. Auf die Hasen reflektieren wir nicht. Mit der Zeit laufen auch mehr Jäger in der Welt herum, als Hasen; bei uns wenigstens. Die mehrsten Jäger haben aber ein gutes Herz und thun dem armen Wild keinen Schaden.

26.

Wenn Einer lange genug hin- und her gewankt hat, dann kommt noch die letzte Reise. Nicht mit Dampf und nicht mit Musik und Spektakel, sondern still und geruhig. Zwar ist die Seele schon nicht mehr im Leibe, aber weil die Seele allein auch nicht der ganze Mensch ist, sondern Seele und Leib zusammen gehören, so bringen sie des Menschen einen Teil, den Leib, ernsthaft und mit Anstand zu Grabe. So’n Stadtmann meinte neulich, als sie den alten Meier begruben, ein Ackerwagen mit Leitern wäre nicht so ganz anständig für einen Leichenzug — Die armen Stadtleute Die thun oft, als ob sie bald keine geraden Gedanken mehr hätten! Was uns im Leben, als noch Leib und Seele beisammen waren, als Gefährte gut genug war, ist uns im Tode, wenn das Beste, die Seele schon aus dem Leibe ist, nicht zu schlecht. Die Stadtleute sollten lieber die armen Leute bei Leibesleben einmal schön und bequem in der Kutsche fahren lassen und ihnen als christlichen Brüdern die Ehre anthun. Der Staat und der Prunk nach dem Tode hilft keinem mehr. Es ist doch nur ein magerer Trost für den, der Zeit Lebens keine Lustfahrt thun konnte, daß sie seinen toten Leib einmal auf einem hohen, schwarzen Federnwagen mit zwei schwarz behängten Pferden herausfahren werden. Das Schöne, was jenseit des Todes unserer wartet, ist nicht die große Beerdigung, sondern die Auferweckung des Leibes durch Jesus Christus, unsern Herrn, zum ewigen Leben.

27.

Auf Weihnachten freuen wir uns schon lange. Auf Weihnachten freuen wir uns schon lange. Dann sitzt Jedermannwieder bei Frau und Kindern. Wenn Weihnachtsmarkt gewesen ist, kommen alle die schönen Feiertage hintereinander. In die Lichterkirche nehmen wir alle Kinder mit, unser Pastor sagt, das schadete nichts, wenn bei solcher Gelegenheit auch mal eins von den Kleinsten schreien thäte; dann geht die Mutter stille damit vor die Thür. Einen so großen Baum mit so vielen Lichtern kriegen sonst unsere Kinder ja nicht zu sehen, und die Schüler müssen alle ihre Lieder singen. Am ersten Weihnachtstage um 10 Uhr ist dann die rechte Kirche für die erwachsenen Leute und dann findet sich’s, daß die Geschichte, die Kinder so gerne hören, für die Erwachsenen erst recht gut ist, jedes Jahraufs neue: „Also hat Gott die Welt geliebt” und so fort. Wasbesseres kann uns Menschen doch auch nicht vorgelegt werden. Wo wollten wir sonst wohl hingehen mit alle den Gedanken, welche im Alter und im Kranken kommen. Nun aber brauchen wir nur an Weihnachten zu denken und ein armer Einlieger ist eben so reich, wie der Mann, der in seinem Schlosse wohnt. Bis das Vollkommene kommt, müssen Beide warten.

Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1896, Unbekannter Autor

Send this to a friend