Detmolds alte Wassermühlen

Kupferstich der Stadtansicht Detmolds von Matthäus Merian. Veröffentlicht in "Topographia Germaniae" Band "Topographia Westphaliae" von 1647.

Der schöne Kupferstich von „Detmolden“, den Matthaeus Merian im Jahre 1647 in seiner „Topographie Westphaliae. Das ist Beschreibung der Vornehmbsten und bekantisten Städte und Plätz im Hochlöbl. Westphälischen Creiße“ veröffentlichte, zeigt eine Gesamtansicht der Residenz von Westen. Deutlich hebt sich zwischen dem Lemgoer Tor (links) und dem Hornschen Tor (rechts) der Schloßbezirk von der mauerumringten Stadt ab, während außerhalb dieses Bereiches im Gelände des Bruches mit seinem Baum- und Hedtenbewuchs drei Bauten (im Vordergründe links) zu sehen sind: die „obere oder große Mahlmühle“ (heute Mittelmühle genannt) und daneben zwei kleinere Häuser, die ihr angebaute Bokemühle1Eine Bokemühle, Bockemühle oder Bottmühle ist eine Art Hammerwerk, mit der man den Bast der Flachsfaser bloßlegt.und das unscheinbare „Hirtenhaus“.

Die herrschaftlichen Mühlen Detmolds blicken auf eine über fünfhundertjährige Geschichte zurück. Schon im Jahre 1420 verkaufte Simon IV., Edler Herr zur Lippe, an das Kloster auf der Lemgoer Neustadt und den belehnten Priestern in „Unserer Lieben Frauen Kirche“ für 144 Gulden seine beiden Mühlen vor dem „Slote“ zu Detmold, die obere und die niedere zwischen den Toren nach Lemgo und Horn. Beide Mühlen waren landesherrliches Regal, und so sicherte sich Simon IV. in dem Vertrage, den Amtmann Goswin Slingworm, Gottschalk von Frisenhausen und Johann von dem Rede, Burgemeister zu Lemgo, mit untersiegeln mußten, alle Mühleneinkünfte, die jährlich 12 Gulden überstiegen.

Die Schleusenkammer der Oberen Mühle am Friedrichstaler Kanal.

Um 1660 standen in Detmold drei herrschaftliche Mühlen: die obere oder große Mahlmühle (an Stelle der heutigen Mittelmühle) gegenüber dem Burggraben, die mittlere Mahl- und Sägemühle am Waschhof, die nur fünfzig Jahre von 1651 bis 1703 in Betrieb war, und die untere Mahl- und Ölmühle, die nach der Erbauung der heutigen Oberen Mühle auf der obersten Schleuse 1753 abgerissen wurde. Nach Errichtung dieser Wassermühle am Ende der Detmolder Allee bürgerte sich die Bezeichnung „Mittelmühle“ für die alte „obere oder große Mahlmühle“ ein. Einen wesentlichen technischen Umbau erfuhr die Mittelmühle, als 1701 —1704 der Kanal nach Friedrichstal angelegt und damit der äußere Wallgraben als Verbindung zum Burggraben schiffbar gemacht wurde. Damals mußte der Wasserspiegel wesentlich erhöht werden, und die bisher mit unterschlächtigen Mühlrädern in Gang gesetzte Mittelmühle wurde nunmehr auf oberschlächtigen Wasserantrieb umgestellt.

Ende des 18. Jahrhunderts war die herrschaftliche Mittelmühle am Burggraben betriebstechnisch ein Großunternehmen. Sie besaß nicht weniger als fünf Mahlgänge, von denen jeder sein eigenes Wasserrad hatte. Im Jahre 1798 wurde hinter der Mühle der Bau eines „Schoppens“ durchgeführt, der erst vor wenigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden wußte. Als im Jahre 1801 die Pachtung der Mittelmühle neu ausgeschrieben wurde, meldeten sich aus dem Lande Lippe nicht weniger als 113 Interessenten, deren Pachtangebote zwischen 300 und 700 Reichstalern schwankten. Den Zuschlag erhielt der Müller Starke mit 700 Talern. Er verlangte jedoch den zusätzlichen Einbau einer Ölmühle, der 1804 an Stelle des fünften Mahlganges erfolgte. Im Jahre 1838 wurde diese Ölmühle jedoch wieder entfernt, da das dort geschlagene öl infolge des Mehlstaubes aus der Hauptmühle Unreinheiten aufwies. Bereits 1807 mußte jedoch der Müller Starke um einen Pachtnachlaß bitten. Die Begründung ist ernährungsgeschichtlich aufschlußreich. Die Mehlproduktion war erheblich durch den zunehmenden Kartoffelanbau in Lippe gemindert worden, „daran sich die gemeine Volksklasse ganz, und auch ein großer Teil der Bauern und des Bürgerstandes entweder bei gänzlicher Entbehrung des Brotes als einzige Nahrung, oder doch als Zusatz zum Brote, bedienen.“ In den Jahren 1826—1828 erfolgte dann auf Anforderung des Landbaumeisters Natorp eine grundlegende bauliche Instandsetzung der Mittelmühle, die praktisch einem Neubau gleichkam. Damals wurde auch zusätzlich eine Knochenmühle2Eine Knochenmühle ist eine Mühle, die in der Regel Tierknochen mahlt oder stampft. Knochenmehl wurde als organischer Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt.mit eingebaut.

Die Bedeutung der Wasserantriebskraft in den technischen Betrieben des 17. bis 19. Jahrhunderts wird einem deutlich, wenn man die Reihe der Spezialmühlen durchmustert, die es damals noch in Detmold neben den reinen Korn- und Mahlmühlen gab. So besaßen die Detmolder Schuhmacher zwei Lohmühlen3Eine Lohmühle dient zur Zerkleinerung der für die Lohgerberei notwendigen pflanzlichen Gerbmittel. Es werden vor allem Fichten- und Eichenrinden aus Lohwäldern zur Lohe zermahlen. Diese ist sehr gerbsäurehaltig und deshalb geeignet zum Gerben von Leder.. Die eine lag am Einfluß des Mühlenwassers in den Stadtgraben nahe dem Hornschen Tore. Im Jahre 1619 wurde sie konzessioniert und brannte 1855 ab. Eine zweite Lohmühle lag neben der 1634 erbauten Walkemühle der Wandmacher am Waschhof. Schließlich gab es noch an der unteren Mühle eine Ölmühle, sodann auf dem Pöppinghauser Gebiet eine Pulvermühle und im baulichen Zusammenhang mit der Mittelmühle eine Ölmühle, Knochenmühle und Bokemühle, deren hölzernes Hammerwerk der Flachsaufbereitung diente.

Diese der Mittelmühle angebaute Bokemühle hat übrigens ihre eigene Geschichte. Es wurden in ihr nicht nur die Flachsstengel mürbe geklopft, sondern den Wasserantrieb benutzte man auch mit vier eingebauten Bohrern zum „Piepenbohren“, d. h. zum Ausbohren der damals noch üblichen hölzernen Wasserrohre. Das war eine große technische Erleichterung, denn wie mühsam das Ausbohren der harten Holzrohre mit der Hand gewesen sein muß, davon kann man sich angesichts der langen handgeschmiedeten Löffelbohrer und des mächtigen eichenen Wasserrohres in den Heimatsammlungen unseres Landesmuseums eine deutliche Vorstellung machen.

Aber diese Bokemühle neben der alten Mittelmühle spielt auch noch in der lippischen Münzgeschichte eine Rolle. Im Jahre 1789 holte man den ehemaligen hessischen Münzmeister Balthasar Reinhard aus Kassel nach Detmold und stellte ihn mit einem Jahresgehalt von 300 Talern als lippischen Münzmeister ein. Reinhard suchte zunächst die sehr vernachlässigten Münzgerätschaften in guten Stand zu setzen. Für 8 Louisdor wurde aus Neuhaus ein altes Silberblechwalzwerk angekauft und in die Bockemühle eingebaut. Der Mühlenpächter war anscheinend damit gar nicht einverstanden, zerstörte boshafterweise das Walzwerk und mußte es dann auf eigene Kosten wieder ersetzen. Später wurde in der Bockemühle für die Münze noch ein Glühofen eingerichtet. Trotzdem erwies sich die Detmolder Münze, in der man aus Sparsamkeitsgründen sogar Zuchthäusler beschäftigte, technisch als unzureichend. Im Jahre 1809 beschloß sie ihre langjährige Tätigkeit, und Balthasar Reinhard starb als letzter lippischer Münzmeister 1816 in Kassel.

Bedingt durch die Struktur der lippischen Landschaft gab es in Lippe im überreichen Maße Wassermühlen, dagegen nur wenige Windmühlen. Der Lippische Kalender vom Jahre 1863 verzeichnet noch fünf Mühlenbauer, die 132 Wassermühlen und 13 Windmühlen im lippischen Lande handwerklich zu betreuen hatten. Aber der Lippische Kalender erwähnt damals auch schon eine „Dampfmühle“, und damit deutet sich das Schwinden der zahlreichen lippischen Wassermühlen an, das in unseren Tagen seinem Ende entgegensieht.

Quelle: Heimatland Lippe 07/1964  – Von  Wilhelm Hansen