Die alte Ölmühle zu Brake

Ehemalige Ölmühle bei Schloss Brake, Lemgo. Von Tsungam (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Nirgendwo habe ich den Rhythmus der ewig wesenden Natur, geheimnisvoll und eindringlich zugleich, so stark empfunden wie an der alten Ölmühle zu Brake. In der Erstarrung des Winters, im drohenden machtvollen Rauschen der Wasser in den Tagen der Schneeschmelze, im frühen Frühling, wenn die Weiden sich bräunen, im Mai, wenn die Blattknospen aufbrechen, in der feierlichen Ruhe eines Sommertages, wie im jauchzenden Aufschrei des Herbstes lädt dieses Bild den Besinnlichen zum Verweilen ein.

Sicher gehören Mühlen dieser Art der Vergangenheit an. Lange schon, wenn man sich ihrer in Notzeiten auch immer wieder erinnerte, steht auch diese Mühle still. Ihre Geschichte aber lebt noch in den Namen der Müller, deren Schicksale mit der alten Mühle eng verbunden waren. Die Kochs und die Bögers, die Biermanns, die Kerkhoffs und Hillebrands im 17. Jahrhundert, die Stocks, die Deppes, die Vorhers, die Trachts, die Meiers und die Krachts im 18. Jahrhundert, und die Brachts, die Quentells, die Papes und die Vietmeiers im 19. Jahrhundert, sie alle leben noch in ihren Nachfahren fort.
Ich greife in das Leben des tatkräftigen Müllers Christoph Bracht mitten hinein, wenn ich aus der Geschichte der „Gräflich Lippischen Bräkischen Mühle“ erzähle. Nicht alle waren so stark und lebenskräftig wie Meister Christoph. Mancher gab nach kurzer Laufzeit seines Vertrages den Betrieb der Mühle wegen der überhöhten Pachtsumme wieder auf oder musste verarmt von dannen ziehen. Die Geschichte, die ich hier erzählen will, findet sich in den Mühlenakten Tit. I Nr. 7 im Staatsarchiv zu Detmold. Die Auszüge stellte mir mein verehrter alter Lehrer und Freund, Herr Rektor i. R. Friedrich Sauerländer, für diese Arbeit zur Verfügung.
Am 20. August 1805 richtete Bracht an die gräfliche Rentkammer zu Detmold folgende Eingabe: „Es würde mir in der dem verarmten Müller Cöring ohngefähr von 3½ Jahren abgenommenen bräkischen Sage-, öl- und Bockemühle nicht besser ergangen sein wie diesem und ich würde ebenso wenig wie dieser imstande sein, davon die allzu hoch aufgetriebenen Pachtgelder zu bezahlen, wenn ich nicht darauf bedacht gewesen wäre, durch allerlei Umschlagen und Handelsverkehr neue Erwerbsquellen zu öffnen und durch Verbesserungen und neue Anlagen in der im schlechtesten Zustande angetretenen Mühle den eigentlichen Mahlerwerb zu erhöhen und zu verbessern . . . Indessen ist bei der Ölmühle, wovon der hauptsächlichste Mahlerwerb abhängt, bisher noch nichts geschehen, und wenn auf die Verbesserung dieses hauptsächlichsten Nahrungszweiges nicht ebenfalls Rücksicht genommen wird, wird schwerlich ein Pächter bei dem enormen Pachtgelde bestehen können.
So wie ich bei den übrigen Mühlen die gehenden Werke bereits vorteilhafter und zweckmäßiger eingerichtet habe, so wäre ich auch wohl willens, bei der Ölmühle ein Gleiches zu tun und das Geschirr derselben auf holländische Art einzurichten.“
Meister Christoph schlug dann vor, die alte, aus Holz gebaute Mühle durch einen Neubau zu ersetzen. Die Steine könnten von dem alten Marstall genommen werden, der zur Zeit abgebrochen würde. Er schlug weiter vor, den Neubau an einer anderen Stelle vor der Bockemühle zu errichten. Dadurch würde ein alter Streit mit dem Müller von St. Johann beigelegt
werden können. Die Ölmühle in ihrer jetzigen Lage nähme, wenn sie gebraucht würde, dem St.-Johann-Müller alles Wasser, weil es den Zug zur Ölmühle nähme. Er erinnerte an die schweren Pachtgelder und die vielen, mit der Mühle verbundenen Lasten, unter anderm das unentgeltliche Bohren der hölzernen Wasserleitungsröhren und das Schneiden des herrschaftlichen Holzes.
Der gräfliche Rat Rodewald befürwortete die Bitten des Müllers und stellte ihm ein sehr wohlwollendes Zeugnis aus. Er erinnerte daran, dass der Rentkammer ja schon nicht wohl gewesen wäre bei dem Gedanken, daß die Pachtgelder unrechtmäßig hoch seien. Bracht habe ungeachtet dessen seine Pacht stets pünktlich entrichtet. 280 Reichstaler! Das seien 119 Taler mehr im Jahr, als der Pächter Tasche bis 1796 dafür bezahlt habe!
Am 20, Februar 1807 kommt dann folgender Pachtkontrakt zustande: Pachtgeld 280 Reichstaler auf zwölf Jahre, vom 7. Mai 1808 bis dahin 1820, herrschaftlich Holz unentgeltlich schneiden, Röhren ohne Entgelt bohren, aus dem völlig ausgereiften Rübsamen 21—22 Pfd. öl liefern und niemand über den hergebrachten Lohn übernehmen.
Das Holz muss er aus der herrschaftlichen Forst kaufen, jedoch soll es ihm frei angefahren werden, auch die Handdienste sollen ihm geleistet werden. Die laufenden Werke soll er in Bau und Besserung halten, jedoch gegen freien Genuß der erforderlichen Hand- und Spanndienste. An den feststehenden Sachen übernimmt der Pächter die kleinen Reparaturen, alle Hauptreparaturen übernimmt die Herrschaft. Wenn die Mühle ohne sein Verschulden stille stehen muss, so erhält er im Verhältnis der Pachtgelder und der Zeit eine entsprechende Entschädigung.
Sodann macht sich Christoph Bracht verbindlich, noch während der alten Pachtperiode die Ölmühle mit Steinen und Stempeln neu und mit massiven Umfassungsmauern nebst Radhaus zu erbauen, wozu ihm das erforderliche Holz und die Materialien von dem alten Schlachthause frei angewiesen, auch die Mauersteine von dem alten Mauerwerke des Schlosses zu brechen verstattet wird. Für diesen Bau erhält er am Ende der neuen Pachtperiode eine Vergütung von 400 Reichstalern. Das gehende Werk muss er excl. der Ölsteine auf seine Kosten neu anlegen und unterhalten, und wird ihm am Ende seiner Pachtjahre von seinem Nachfolger der Wert vergütet.
Und so geschah es denn auch. Die Mühle wurde gebaut und auf holländische Art eingerichtet. Dagegen scheint dem Wunsch, mit dem St.-Johann-Müller ins Reine zu kommen, nicht entsprochen zu sein; jedenfalls tritt der Graben nur einige Meter oberhalb der Ölmühle aus dem Mühlenkolk. Der Graben für die Mühle von St. Johann ist noch in der Wiese zwischen der Mühle und der Lindenhäuser Allee zu erkennen. Es ist der „alte Fluss“, der uns in anderem Zusammenhange bekannt ist als die Trennungslinie zwischen der I.emgoer Alt- und Neustadt.
Die Einrichtung „auf holländische Art“ ist heute dem endgültigen Verfall nahe, aber in ihrem Bestände noch erhalten, Sie besteht aus dem eigentlichen Malwerk oder dem Kollergang, dem Rührwerk und der Presse oder Wringe.
Seit langen Jahren schon steht die alte Ölmühle still,, Das zerfallene Rad hat man vor einigen Jahren erneuert, Munter dreht es sich im Kreis, aber es läuft leer, es leistet keine Arbeit, Wäre es nicht sinnvoll, auch das interessante Mühlenwerk wieder instand zu setzen? Es könnte viel erfühlen vom Leben und dem praktischen Erfindergeist vergangener Geschlechter.

Heimatland Lippe: Juli 1963 Friedrich Pahmeier