Die alten Krüge der Senne

Gasthaus "Zum Kreuzkrug" mit Speiseraum & Gartenlokal

Die alten Krüge waren in der Zeit, als noch die zweirädrigen Fuhrkarren die einzigen Fahrzeuge des Überlandverkehrs waren, mehr als Dorfwirtshäuser, sie lebten hauptsächlich von der Beherbergung und Beköstigung, die sie den fremden Reisenden und Fuhrkärrnern boten, und von dem Vorspann, den sie den Fuhrwerken an steilen Wegstrecken leisteten. So ist die Geschichte der alten Krüge sehr oft eine Geschichte der alten Heer- und Handelsstraßen, ihres Aufkommens, ihrer Blüte, ihres Verfalles. Das wird ganz besonders deutlich an einem Gebiet, das heute abseits vom großen Verkehr liegt, einstmals aber Durchgangsland für eine größere Zahl bedeutender Handelswege war: an der Senne. Am alten, längst vergangenen Finkenkrug vor Oesterholz, am Kreuzkrug, am Poppen Krug in Haustenbeck, am Dörenkrug, am Bartelskrug sind einst, wie die alten Urkunden ausweisen, hintereinander die langen Reihen zweirädriger Fuhrkarren, sind die Kaleschen vornehmer Reisen- der aus aller Welt, sind Pferdehändler mit mächtigen Koppeln von Pferden, Glashändler aus Brabant mit Eselskarawanen, ist Kriegsvolk aus aller Herren Länder vorbeigezogen. Die alten Straßen ziehen sich noch heute als mächtige Sand- oder Graswege durch die Heide, aber der Verkehr, hundertfach verstärkt, fließt in anderen Bahnen, und die alten berühmten Straßenkrüge sind nur noch Dorfgasthäuser oder Ziele der Wanderer, die die Stille der Heide suchen.

Der Finkenkrug
Der älteste Sennekrug war der Finkenkrug. Er lag auf dem Felde vor dem Jagdschloß Oesterholz, da, wo der Sandboden der Senne schon in die steinigen Acker der Kohlstädter Gemarkung übergeht, ein gutes Stück westlich der Fürstenallee. Sein Name ist heute noch – dreihundert Jahre nach seinem Untergang – erhalten im Flurnamen „Am Finkenkruge”, und seine Trümmer – Steinbrocken und Dachziegelreste – finden sich etwa 50 Meter südwestlich des alten ausgebrannten Eichenstumpfes im Felde. Seine Lage deutet den Zug der alten Heerstraße an, die, von Paderborn kommend, westlich an Lippspringe vorbei und durch die Spellerberge bei Schlangen führte, das jetzige Wiesengelände als „Knickweg” durchquerte und höchstwahrscheinlich in Richtung des jetzt noch erhaltenen „Hornschen Weges” auf Nassesand und die Große Egge zulief. Die lange Reihe der an dieser Straßenlinie gelegenen Hünengräber deutet auf ihr Alter hin. Reiche Oberflächenfunde Düstersieks und Schwanolds an der „Schwedenschanze” lassen darauf schließen, daß der Platz sehr früh einer Siedlung gedient hat.

Einst ein stattlicher Baum, jetzt ein bizarres Skelett: die Finkenkrugeiche am Rande der Senne unweit der Fürstenallee. Sie wurde am 17.Januar 1920 auf Grund des Lippischen Heimatschutzgesetzes zum „Naturdenkmal” erklärt. Die einst mächtige Eiche hätte noch so manches Jahrzehnt im Schmuck der grünen Blätter überstanden, wäre sie nicht im Frühjahr 1931 durch Menschenhand in Brand gesetzt worden.

Als der Finkenkrug in den Akten zum erstenmal genannt wird, handelt es sich gleich um sein Verschwinden. Sein Inhaber, der Krüger Sibille, erinnert im Jahre 1628 die Regierung daran, der verstorbene Graf Simon habe ihm befohlen, „daß der Krugh allhie nach Schlangen transferiert und ohne meine Unkosten wieder aufferbauet und ganz fertig gemacht werden sollte”, er, der Finkenkrüger, solle dann das alleinige Krugrecht in Schlangen erhalten. Da der Krüger viel am Kruge gebessert und gebaut hat, will er wissen, ob er darin fortfahren solle und könne, er wolle gern unnütze Kosten vermeiden. Eine Antwort scheint er in den aufgeregten Kriegszeiten von der vormundschaftlichen Regierung nicht bekommen zu haben, der Krieg selbst aber brachte eine Entscheidung. War der Rückgang des Verkehrs auf dieser Handelsstraße schon vor dem Kriege wohl Anlaß zum Plan einer Verlegung des Kruges gewesen, so mußte ihm der Krieg vollends den Garaus machen. 1653 gab der Finkenkrüger Hans Sibille, zusammen mit seinem Sohne Hans Albrecht, den Krug, „der in den vorgewesenen Kriegsläufften ganz ruiniert und abgebrandt worden”, mitsamt der zugehörigen Kruggerechtigkeit an den Grafen ab und erhielt dafür „den vor Schlangen gelegenen und Ihr. hochgr. Gnaden Haus Osterholt gehörigen buchweitzenkamp, welcher vor diesem zu Curten von Schönlohes Gut gehörig gewesen ist”. Gemäß dem Versprechen der Regierung erhielt im folgenden Jahre Hans Albrecht Sibille die Kruggerechtigkeit und das Recht des Bierversellens auf seine neue Schlangener Stätte, die Stelle des im Dreißigjährigen Kriege ausgegangenen ältesten Schönlauischen Kruges. Die Familie Sibille ist seit jener Zeit Inhaber dieses Kruges geblieben.

In den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts brannte, wie Friedrich Sibille 1687 meldet, der „Krug in einer großen Feuersbrunst völlig nieder”. Das hiernach wiedererrichtete Gebäude blieb bis zu dem letzten furchtbaren Brande Schlangens erhalten. Auf dem Kruge ruhten 6 Rtlr. Tranksteuer. Im Jahre 1720, als man in Detmold viel Geld brauchte, wurde diese Last für eine Zeit abgelöst durch ein Darlehn von 200 Rtlr., dazu bekam Sibille das Recht, eine Branntweinsblase anzulegen und Bier und Branntwein zu verseilen. Wie gut der Ersatz der Kruglasten den Sibillen gefiel, zeigte sich, als 1788 die Regierung den Versatzschilling von 200 Rtlr. zurückzahlte und nun die Kruggelder wieder erheben wollte. Sibille weigerte sich, das Versatzgeld anzunehmen, sträubte sich mit Händen und Füßen und suchte tausend Ausflüchte, bis ihn die Regierung mit der Drohung des Konzessionsentzuges endlich zur Raison brachte. Was aber wurde aus dem alten Finkenkruge? Das Gebäude war zerstört, und doch bewarben sich, als Sibille den Krug aufgab, gleich wieder mehrere Interessenten um die noch bestehende Kruggerechtigkeit, so ein Mann namens Blum, ein Sternbergischer Soldat Peter Niemann und ein Heinrich Botz. Aber ein Verkauf kam nicht zustande. Der Oberamtmann Rübell meinte selbst, der Krug würde den Supplikanten wenig nutzen, „maßen zu Schlangen Bier genug gebrauet und des Orts zu zechen wenig anlangen werden”. Wer hätte auch von den nur allmählich wiederkehrenden Passanten den jetzt im Felde, abseits der bequemeren Fürstenallee, liegenden Krug besuchen wollen!

Der Kreuzkrug
Die Rolle des Finkenkruges übernahm nach 1700 der Kreuzkrug. Auch seine Anlage bezeichnet eine Verkehrsumlagerung. Das „Kreuz”, an dem er lag, wurde gebildet durch den damals in Aufschwung kommenden heutigen „Alten Postweg”, der die schnurgerade Verlängerung der Fürstenallee war, und durch die Sennestraße Bielefeld-Horn, die nach dem Verfall des „Sennehellweges” über Nassesand zur Großen Egge lief. Der alte Kreuzkrug lag also am „Alten Postweg”, da wo heute das „Waldhaus” steht. Die dort noch heute deutlich erkennbare vierfache Reihe von Eichen ist nichts anderes als die unmittelbare Fortsetzung der Fürstenallee, ihr Übergang in den „Alten Postweg”.

Das erste Kreuzkrugprivileg erhielt im Jahre 1706 der Oberjäger Hermann Konrad Kruse aus Kohlstädt, dazu das Huderecht auf der Weide der Meierei Oesterholz, im Jahre 1721 schließlich die Heide und einen Kamp in den Nettein. In seinen Einnahmen wurde er beeinträchtigt durch die Glasermeister auf der Glashütte Nassesand und den Neuwohner Sünkler, die gleichfalls Schankkonzession hatten. Viel Schaden brachte dem Kruge gewiß auch der Siebenjährige Krieg, als sehr lange Zeit große feindliche Heere in der Senne von Lippspringe bis Haustenbeck lagen. Von diesen Plackereien kündet noch ein trium- phierendes Billett des Kreuzkruges an die Schwarzen Husaren: „Ein Freundligen Gruß an die H. Hussaren, ich habe Ein Franzmann arrestihr sie werden herauskommen um abzuhollen”. Der Kreuzkrug blieb im Besitz der Familie Kruse bis zum Jahre 1782. Da mußte er verkauft werden, um die Schulden eines Herrn Studiosus Kruse zu decken. Als sich Delbrücker sehr für den Kauf interessierten, kaufte die Regierung, die für ihren Wildbestand fürchtete, den Kreuzkrug an und setzte ihren Holzknecht, d.h. Förster Limberg, als Pächter und Verwalter hinein.

Der Kreuzkrug, ein beliebtes Ausflugsziel, im Jahre 1925

In den baufälligen Gebäuden wohnten außerdem noch Einlieger, die als Waldarbeiter verwandt wurden. Das Geschäft ging erträglich, bis der Postweg nach 1800 als Straße völlig lahmgelegt wurde. 1810 berichtet Limberg, der Kreuzkrug sei „durch die neue unweit demselben herlaufende Chaussee in Ansehung der damit verbundenen Wirtschaft außer alle Nahrung gesetzt”. Die neue „Kunststraße”, die heutige Chaussee, bog nämlich von der Fürstenallee im stumpfen Winkel auf die Gauseköte zu. Kein Wunder, daß der jetzt abseits der Straße im Walde liegende Krug völlig vereinsamte. Limberg schlug deshalb vor, ein kleines Kruggebäude an die neue Chaussee zu setzen. Er wolle das tun. Aber um den Plan durchführen zu können, müsse er den Krug in Erbpacht bekommen. Die „Fürstliche Regierung” ging auf den vernünftigen Plan ein. Gerke schlug vor, das Gebäude an der Abzweigung der geplanten Chaussee nach Horn zu errichten, die alten Gebäude dafür aber einzuziehen.

Seltsamerweise wurde bei dem 1811 angesetzten Verkauf des Kreuzkruges der Zuschlag nicht dem Antragsteller Limberg, sondern dem Glasermeister Uhden für 400 Rtlr. erteilt. Er sollte eine Erbpacht von 40 Rtlr. bezahlen und nebenbei auf das Wild achten und das Chausseegeld heben. Er bekam auch Heide für acht Stück Vieh, die beiden in Kultur befindlichen Kämpe beim Kreuzkruge und das Gelände zwischen der abgeschnittenen Fürstenallee und dem Postwege. Aber die Regierung hatte mit diesem Handel ein schlechtes Geschäft gemacht. Uhden baute zwar den neuen Krug – das heute hinter dem Kreuzkrug liegende Scheunengebäude ist dieser Krug und zeigt noch die Jahreszahl und die Anfangsbuchstaben von Uhdens Namen aber Uhden kam weder dazu, den Krug in Betrieb zu nehmen noch die alten Gebäude abzubrechen noch – die Kauf- und Erbpachtsumme zu bezahlen. Gesindel nistete sich gelegentlich in dem leerstehenden Gebäude ein, vorbeiziehende Soldaten verübten wiederholt darin Exzesse. Uhden brachte immer neue Ausflüchte vor, als man ihn zur Bezahlung seiner Schulden drängte. Schließlich, als ihm der Boden zu heiß unter den Füßen wurde, rückte er aus und starb Anfang 1816 in Sandfort bei Minden.

Aus: Heer- und Handelsstraßen im Sennegebiet, von Friedrich Copei, Detmold 1938.

Nun war die Bahn frei für eine neue Regelung. Die Regierung gab den Krug für 1600 Rtlr. an Christoph Junker aus Kohlstädt zur Erbpacht. Doch wurde die Aufsicht über den Wald und die Jagd diesmal anderen übertragen. Es gab noch allerlei Schwierigkeiten zu überwinden. Die Einlieger in dem abzubrechenden Bau protestierten, Junker zögerte den vorgeschriebenen Abbruch immer weiter hinaus, beim neuen Hause fehlte es an Wasser und es gab allerlei Hudestreitigkeiten, weil das Vieh bald in den Forst, bald in die Hude der benachbarten Orte lief. Da Junker sehr auf die Viehhaltung angewiesen war – die Wirtschaft brachte bei gänzlicher Hemmung des Fuhrkarrenverkehrs sehr wenig ein – kam ihm die Regierung in Heidesachen entgegen, sie räumte ihm ein Hüterevier in Eckelau, Langelau und Königslau ein, dagegen wurde ein Antrag auf Anlegung eines Schei- benstandes im Paulinenholz abgelehnt. Einen schweren Schlag erlitt der Kreuzkrüger, als mit dem Bau der Konkurrenzchaussee über Kohlstädt aller Fuhrverkehr nach dorthin abwendete und die Chausseegelderhebung am Kreuzkruge aufgehoben wurde, so daß das aus den Resten des alten Kruges erbaute Chausseehaus abgebro- chen werden konnte. Aber trotz aller Hemmnisse hat Junker als ein guter Hauswirt den Krug auf die Höhe gebracht. In dieser Zeit Junkers wird wahrscheinlich der heutige stattliche Bau an der Straße errichtet worden sein.

Als Junker 1841 starb, war die Wirtschaft in Flor gebracht, das Heideland kultiviert, alles Bauwerk in guter Ordnung und eine bedeutende Schuldsumme abgetragen. Erben Junkers waren seine Töchter, deren eine mit dem Falkenkrüger Gausmann verheiratet war. Als auch dieser, der den Krug bewirtschaftet hatte, starb, verkauften die Schwestern Junker den Krug 1857 für 4250 Rtlr. an einen Bürger Brockmann. Dieser schlug ihn für 7000 Rtlr. an einen Kolon Gröchtemeier. Das war wieder einmal ein fauler Verkauf, denn Geld hatte Gröchtemeier nicht. Um drohenden Schaden ein für allemal zu verhüten, kaufte die Forstverwaltung den Krug von der Rentkammer und setzte jetzt ihren Förster hinein. Der Kreuzkrug ist seither nicht nur Försterei, sondern auch beliebter Ausflugsort gewesen, ausgenommen in jener Zeit, als der wenig menschenfreundliche Fürst Woldemar die Tür des Forsthauses für hungrige und durstige Seelen schließen ließ. Bei der Vermögensauseinandersetzung mit dem Fürsten Leopold blieb die Försterei im Besitz des Fürsten. In den gemütlichen Räumen waltet die alte Försterfamilie Holste freundlich ihres Amtes. Das Netz von Wanderwegen, in dessen Mittelpunkt der Kreuzkrug heute liegt, ist die letzte Erinnerung an eine bedeutsame Vergangenheit.

Poppen Krug in Haustenbeck
Mitten in dem alten Sennedorf Haustenbeck, da, wo die Chaussee auf einem mächtigen Damm das Haustenbecketal überschreitet, liegt der stattliche „Präsidentenhof, auch „Poppen Hof genannt, in seinem Zentrum unter Buchen, von schönen Fachwerkbäuten flankiert, der alte Poppen Krug. Der „Präsidentenhof wurde angelegt im Jahre 1660, bald nachdem die Landesherrschaft mit großen Kosten einen starken Damm durch das tiefe Tal hatte bauen lassen, damit die durch die Senne führende alte Heerstraße dem Lande erhalten bliebe.

Die Fürstenallee, vom Kreuzkrug nach Schlangen führend,gilt als die „Krone aller lippischen Landstraßen”. Sie ist eine 3 km lange Straße von 35 Meter Breite mit vier z.T. sehr alten Eichenbeständen. Als breit ausgefahrener Heideweg dürfte die Fürstenallee schon in der Bronzezeit (1800-800 v.Chr.) stark benutzt sein, da sie von vielen Hünengräbern begleitet wird. Auf der Sennekarte von Riepe (1715) ist die Allee nicht geradlinig, sondern zeigt in der Gegend von Schloß Oesterholz eine merkwürdige Ausbiegung. Von hier führt auch die Zufahrtsstraße zum Schloß. Aufgrund der noch erhaltenen sehr alten Eichen und Stümpfe müssen dort schon 1715 Eichen vorhanden gewesen sein. Es wird vermutet, daß eine geschlossene Baumbepflanzung etwa 1723-1730 unter dem pracht-liebenden Grafen Simon Henrich Adolph (1718-1734) erfolgte. Die Allee ist ein Teilstück des Hauptverkehrsweges von Detmold über Schlangen nach Paderborn.

Der erste Besitzer des großen Gutes, der hier unter den kleinen Ansiedlern saß, war der „gräfliche Hofchirurgus und Hofbarbier” Meister Conrad Elgershausen, den der Graf 1660 in Anerkennung seiner Verdienste in dem neuer- bauten „HaustentorfF mit einer Stätte von 60 Morgen, die sattelfreies Gut sein sollte, begnadigte, dazu mit der Erlaubnis zu städtischem Handel und Branntweinausschank. Als Elgershausen dann ein bequemeres Wohnhaus errichtete und Gelegenheit zur Beherbung der fremden Reisenden geschaffen hatte, bekam er zum bisherigen Privileg eine volle Kruggerechtigkeit hinzu. Der Krug wird bald aufgeblüht sein. Noch sind aus den folgenden Jahrzehnten die Namen, Siegel und Familienzeichen von Reisenden und Fuhrleuten aus aller Welt, von Basel bis Dänemark, von Holland bis Leipzig erhalten, die hier im Gasthause einkehrten und Essen und Trinken, Hafer und Heu, ein warmes Bett und eine reine Streu fanden. Nicht minder lieb war der Krug den Einheimisehen, das zeigen Joachim Winands sachverständige Strophen:

Kommt man dann endlich in die Herberg hinein.
Da heißt es: „Willkommen, sey willkommen, liebster
Freund mein!”
Darin gibt’s ein guter und herrlicher Branntewein,
Der manchem tut laben das matte Herze sein,
Darin gibt’s starkes Bier und ein guter Bächern,
Der manchen hält, daß er die Tür nicht finden kann,
Sondern muß oft liegen auf der Walstatt,
Daß er nicht hinkommen kann, wo er zu tun hat. 

Bis zur Erbauung der Kirche wurden der Gottesdienst und die Kinderlehre im Kruge abgehalten, eine sinnige, aber auch gefährliche Vereinigung. Elgershausen fand aber doch wohl nicht den Gewinn, den er erhofft hatte, vor allem die Einfriedigung und Bearbeitung des ihm zugewiesenen Heidelandes verursachte ihm große Kosten. So verkaufte er 1676 sein ganzes Gut für 330 Rtlr. an die Witwe und die Erben des Jägermeisters Krecke zu Oesterholz. Ihnen wurde das alte Privileg bestätigt und erheblich erweitert. Zur fetten Pfründe aber gedieh der Hof mit dem Krug, als er durch den weiteren Verkauf 1687 in den Besitz des Hofmeisters und Präsidenten Adam Henrich Kotzenberg zu Horn kam, der, ein rühriger Großunternehmer, die Gunst seines Grafen gründlich zur Erweiterung seines Besitztums ausnutzte. Aus jener Zeit stammen die Bezeichnungen „Präsidentenhof” und „Präsidentenkamp”, die noch im Volke lebendig sind.

Poppen Krug in Haustenbeck, auch Präsidentenhof genannt, im Jahre 1935.

Aber bei aller Betriebsamkeit war doch ein Rückgang der Krugwirtschaft nicht zu vermeiden. Dieser rührte daher, daß der große Überlandverkehr Bremen-Frankfurt sich weiter östlich seine Bahnen suchte. Besonderen Schaden brachte auch im Siebenjährigen Kriege das in der Senne lagernde Kriegsvolk. So war es ein Segen für Krug und Dorf, daß die große „Cölnische Landstraße” sich eine Bahn durch Senne und Dörenschlucht suchte, als die alten Karrenwege zwischen Schlangen, Horn und Blomberg wegen Holzmangels im Schlamm versanken. Noch gegen 1800 fuhren etwa dreitausend Fuhrkarren jährlich diesen Weg. Wirt war seit den fünfziger Jahren der aus Höntrup bei Blomberg stammende ehemalige Förster Poppe, zuerst als Zeitpächter, seit 1765 als Erbpächter. Im Besitz der Familie Poppe blieb der Krug bis ins letzte Jahrzehnt. Alte Sennefreunde werden sich gerne des alten Poppe und seiner Späße und Lügengeschichten erinnern. Die große Geschichte des Kruges war indessen schon vorbei mit dem Augenblick, als die neuen festen Chausseen die schlechten Landstraßen verdrängten. Es kam so, wie der alte Bartelskrüger einmal sagte: Früher hatten die Fuhrleute geflucht, wenn sie von den schönen trockenen Wegen der Senne wieder in die sumpfigen Hohlwege einbiegen mußten, heute fluchen sie, wenn sie einmal von den ebenen Kunststraßen in den tiefen Sand der Sennewege kommen.

Der Dörenkrug
Wahrscheinlich hat es zwei verschiedene Dörenkrüge gegeben. Vom ersten wissen wir nur, daß 1620 bei der Tranksteuerrechnung ein Krug „auf dem Dören” erwähnt wird, also an jener Stelle, wo damals ein doppeltes Schling den wichtigen Paß und die durch ihn führenden großen Straßen verschloß. Eine um so größere Rolle spielten er und sein Wirt in den vielen gruseligen Räuber- und Spitzbubengeschichten aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege, die heute noch in der Senne erzählt werden. Was sich vom zweiten Kreuzkrug berichten läßt, ist weit mehr, aber nicht erfreulicher. Er war die Keimzelle des neuen Siedlerdorfes, „Aufem Dören”, des heutigen Augustdorf. 1722 erbat sich der ehemalige Retlager Mühlenpächter Struß vom Grafen die Erlaubnis, unter dem Bockshorn, nicht weit von dem „Taternpfahl”, wo vagabundierende Zigeuner angeschlossen wurden, eine Hausstelle mit einem Kruge errichten zu dürfen. Die Bitte wurde ihm gewährt. Er bekam 60 Scheffelsaat Heide, die Wirtshauskonzession und das Recht zu brennen und zu brauen, und zwar alles unter günstigen Bedingungen, weil die Regierung auf weitere Ansiedlung an dieser Stelle hoffte. Aber man wäre den Struß bald gern losgeworden, denn er kam weder mit seinem Hause noch mit seinem Lande voran. Nach Augustdorfs Überlieferung soll er lange Zeit in einem Erdloch oberhalb des jetzigen Dörenkruges, das nur durch Laub abgedeckt war, seinen Branntwein ausgeschenkt haben. 1775 war sein Haus noch jämmerlich, sein Land fast unbearbeitet, und die Regierung dachte daran, den Krug an einen anderen Bewerber, den interimistischen Bartelskrüger Hackemack, weiter- zugeben. Aber nun wurde sie Struß nicht wieder los und Geld bekam sie auch nicht, zumal seine Frau krank war und ein Brand ihm zwischendurch sein Anwesen nieder- warf. Dabei war der Platz „so vorteilhaft gelegen, als das beste Wirtshaus in der Grafschaft”. Als alle Mahnungen und alles Entgegenkommen von seiten der Regierung nicht zum Ziele gelangten, machte die Regierung kurzen Prozeß: Sie ließ den Krug mit Gewalt räumen und verkaufte ihn für 236 Rtlr. an den Colon Bergmeister, einen der Augustdorfer Siedler. Struß reichte gegen die Regierung eine Klage beim Reichskammergericht in Wetzlar ein, zog selbst mit Weib und Kindern zur Durchführung des Prozesses hin und starb dort 1788 im Elend. Mit Bergmeister erging es der Regierung nicht viel besser. Auch er kam nicht voran mit Krug und Land, lag dauernd beim Gericht mit Vergehen und Prozessen und bettelte ebenso unentwegt um Erlaß der schuldigen Straf- und Prozeßgelder. Als er sich schließlich so in Schulden gewirtschaftethatte,daß aneinHerauskommen nicht mehr zu denken war, wurde der Dörenkrug, angeblich für 7000 Rtlr., wieder verkauft an einen Krüger Hagemann aus Berlebeck, der dann den Krug in kurzer Zeit seinem Ansehen wie seinem Ertrag nach auf die Höhe brachte. Selbstverständlich wird der Krug auch unter dem Niedergang der großen Straße Bremen-Frankfurt und unter dem Eingehen des Lippstädter Weges gelitten haben. Den ersten Dörenkrügern wurden im Volke tolle Dinge nachgesagt. Einer von ihnen soll die Kaufleute betrogen und ausgeplündert, ihre Fässer angebohrt und einen Emigranten ermordet und verscharrt haben.

Heute erinnern nur noch die beiden Wanderstrecken, der „Frankfurter Weg” am Heiderande entlang auf Haustenbeck und der ältere Lippstädter Weg vom Dörenkrug an der ältesten Augustdorfer Häuserreihe herunter auf das Furlbachtal zu an jene wilden Zeiten.

Simon August Struß aus Barntrup erhält von Graf Simon August das Recht, sich in der Senne auf den Dören anzusiedeln und dort eine Krugwirtschaft (Dörenkrug) zu unterhalten. Die Urkunde datiert in das Jahr 1775, dem Gründungsjahr Augustdorfs. yon Gottes Gnaden Wir Simon August Regierender Graf und Edler Herr zur Lippe, Souverain von Vianen und Ameyden, Erb-Burg-Graf zu Utrecht etc. etc., Ritter des Hessischen golden Löwen Ordens thun kund und fügen hiemit zu wissen, daß, nachdem Uns der zeitige Bürger Simon August Struß zu Barntrup unterthänigst vorgestelt, daß er wohl Willens wäre, sich in der Senne in den sogenannten Döhren anzubauen und daselbst ein kleines Colonat nebst einem Kruge anzulegen, und dannenhero unterthänigst gebeten, daß ihm zu diesem Ende ein Platz zum Hofraum und Garten wie auch zu einem Fuder artbar zu machenden Landes ausgewiesen, dabey aber auch zur Beförderung seines Vorhabens eine zehnjährige Freyheit von allen Abgaben verstauet werden möchte. Wir sothanem Suchen in Gnaden deferiret und demselben zu jenem Anbau einen Platz von 60 Scheffelsaat unter nachfolgenden Bedingungen in der Senne auf den sogenannten Döhren haben ausweisen lassen: nemlich 1) wird dem Neuwohner Simon August Struß zwar die zehnjährige Freyheit von allen Neuwohner-Abgaben ohne Unterscheid zugestanden, nach Verlauf dieser zehn Jahre aber muß er 2) von den ausgewiesenen 60 Scheffelsaat Landes einen jährlichen Canon ad Sechs Reichstaler weniger nicht 3) wegen des Kruges, welchem der Nahmen Döhren-Krug beygelegt worden, eine so dann zu bestimmende Tranksteuer zu erlegen, wie er sich dann hierzu sowohl als auch 4) darzu ausdrücklich verbindlich gemacht hat, daß er an dem Orte seiner Wohnung auf die Wilddiebe Acht haben, selbige, so viel an ihm ist, abhalten, auch in ereignenden Fällen davon jedesmal schleunige Anzeige thun wolle. Urkundlich dessen haben Wir diesen Meyer-Brief wissentlich ausfertigen und das Cammer-Siegel daran hängen lassen, auch denselben Höchsteigenhändig unterschrieben. Geschehen auf Unserer Residenz Detmold den 11 ten December 1775. Simon August Regierender Graf und Edler Herr zur Lippe Meyerbrief für Simon August Struß zu Barntrup wegen des ausgewiesenen Platzes zur Neuwohner Stätte in der Senne auf den so genannten Döhren. (Staatsarchiv Detmold, LIE 1X6).

 

Der Dörenkrug in Augustdorf im Jahre 1930.

Der Bartelskrug
Es zeugt von der Vertrautheit der Lebensbeziehungen in alter Zeit, wenn die Krüge bisweilen den Vornamen ihrer Eigentümer trugen. Bartelskrug heißt nicht anders als Bartholds Krug, und sein Pate Barthold war jener Barthold Grote, der im Jahre 1713 hier in der Senne ein stattliches Haus erbaute und 1721 für seine Stätte die volle Kruggerechtigkeit bekam. Seine Nachkommen sitzen noch heute im Bartelskruge, und es ist eine Freude, den alten prächtigen Herrn Grote in seiner gemütlichen Gaststube von alten Zeiten erzählen zu hören. Als der Krug entstand, war er nicht so abgelegen wie heute. Vielmehr führte der „Hellweg”, die berühmte alte Sennestraße, an ihm vorbei, jene Straße, die schon im Jahre 1456 mit ihrer Zollstelle an der Dalbke erwähnt wird. Der Zoll wurde noch ums Jahr 1600 vom Menkhauser Müller erhoben, denn die Senne selbst war fast unbewohnt, nur das heute noch vorhandene Kolonat Kindsgrab wird 1558 einmal erwähnt. Die ersten planmäßig im Jahre 1668 angesetzten Kolonisten der Oerlinghauser Senne waren Hütten Adolf, Hütten Arend und der Jakobskrüger.

Der Bartholdskrug am Hellweg in Lipperreihe im Jahre 1904.

Der nach dem Dreißigjährigen Kriege verstärkt einsetzende Karrenverkehr, vor allem auch der rege Pferdehandel die Sennestraße herauf und auf Enger zu, mußten wohl zur Anlage eines Kruges reizen. Sein Eigentümer war Jakob Waldeyer, der bis dahin Kötter auf dem Gute Menkhausen gewesen war. Er übernahm auch die Verwaltung der Zollstelle. Weshalb sie ihm mitsamt der Kruggerechtigkeit dann bei der Ansiedlung Grotes genommen und jenem übergeben wurde, ist nicht festzustellen. Seine Wirtschaft scheint nicht in bester Ordnung gewesen zu sein. Vielleicht war auch von Bedeutung, daß der alte Barkhausen aus der Oerlinghauser Zöllnerfamilie Grotes Schwiegervater war. Jedenfalls lag seit den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts der Zoll in den Händen des Bartholdskrügers Grote, und das alte Zollbrett im Landesmuseum vom Jahre 1770 stammt vom Bartelskruge.

Der neue Krug war sowohl dem benachbarten Jakobskrüger wie auch den braven Oerlinghauser Eingesessenen ein Dorn im Auge. So gab es immer wieder Hudestreitigkeiten und Kämpfe um die richtige Schnat. Daß der Bartelskrug in den Kriegswirren sein wohlgemessenes Teil an Plünderungen, Brandlegungen und Totschlag abbekam, war nur zu selbstverständlich. Seine Glanzzeit hat er – merkwürdigerweise – erlebt, als der Durchgangsverkehr auf dem Hellweg durch die scharfen Zollsperren des benachbarten Preußen gänzlich zum Erliegen kam. Denn nun wurde der Bartelskrug ein beliebtes Schmuggellager, von dem aus die Schmuggler die kostbaren Kolonialwaren bei Nacht und Nebel durch die einsame Senne ins Preußische brachten. Bürgermeister Reuter hat, nach den Forschungen von Professor Otto Weerth, das Andenken an jene hübsche Begebenheit aus dem Jahre 1825 erneuert, wie die preußischen Zollbeamten den ihnen höchst ärgerlichen Bartelskrüger ins Preußische lockten, arretierten und nach Soest brachten, wo er wegen Schleichhandels 18000 Rtlr. Strafe zahlen sollte. Der Bartelskrüger rückte ihnen jedoch bei günstiger Gelegenheit aus und lachte ihrer Drohungen hinter den lippischen Grenzsteinen. Straßenkrüge-Sennekrüge. Es wehen um sie Klänge aus wilder, bewegter Zeit. Ob sie heute eingesponnen sind in die Einsamkeit der weiten Heide oder ob sie an neuer, verkehrsreicher Straße liegen – es haftet an ihnen etwas von jenem Zauber, der in der Verwobenheit von Natur, Menschenbauwerk und Menschenschicksal liegt.

Quelle: Lippischer Dorfalender 1937 – Von Friedrich Copei