Die Anfänge Augustdorfs

Blick vom Großen Ehberg auf Augustdorf - von Tsungam (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

nach der Küstermannschen Chronik11. Küstermann, Inhaber der hiesigen Küsterstelle von 1856–1868, hat mit größter Sorgfalt nach mündlicher Überlieferung, den Akten der Pfarregistratur, der Rentkammer und des Landesarchivs eine umfangreiche Geschichte Augustdorfs verfaßt dargestellt

Augustdorf hat am 6. September 1925 seinen 150. Geburtstag gefeiert. — Wo jetzt unser Dorf steht, wo fruchtbare Aecker und Gärten sich ausdehnen, da stand vor 150 Jahren keine Menschenwohnung, kein Baum und kein Strauch als 3 bis 4 Fuß hohe Heide. Unbehindert konnte der Blick in weite Fernen schweifen. Hier und dort fand eine Schafherde kümmerliche Nahrung, wo heute Tausende von Menschen Arbeit und Brot finden. Die Schafe konnten von der hohen Heide nur die äußersten Spitzen als Nahrung gebrauchen, und sie ließen oft mehr Wolle an den Zweigen der Heide, als die spärliche Nahrung, die sie fanden, wert war. Oft genug blieben auch die Schafe in der starken, etwa flaschenhalsdicken Heide stecken und mußten lange von den Schäfern gesucht werden. Unwillig darüber zündeten diese in einer Zeit, als schon die ersten Ansiedler sich hier niedergelassen hatten, »auf dem Brande« die Heide an. Es war ein gewaltiger Brand, dem beinahe die wenigen Menschen, Tiere und Hütten zum Opfer gefallen wären. Aus dem halben Lipperlande und den anliegenden preußischen Dörfern eilten die Leute zur Hilfe herbei; durch aufgeworfene Sanddämme wurde das Feuer zum Stillstand gebracht, nachdem etwa eine Quadratmeile Heide ein Raub der Flammen geworden war.

Schon lange vor Besiedelung des »Dörentales« führten drei Hauptwege durch die Senne hindurch; zwei von Berlin zum Rhein, und zwar der eine über Paderborn, der andere über Lippstadt. Die schweren, zweirädrigen Karrenwagen (die Räder waren mannshoch) wurden von einem großen Karrengaul und 4—6 Vorspannpferden gezogen. Die Räder schnitten tief in den Sand ein und drangen sogar durch den Ortstein hindurch. Oft wurde durch eine einzige Karawane von etwa lO Pferden ein Weg so verfahren, daß die nächste Karawane sich einen neuen Weg durch die hohe Heide bahnen mußte. Manche dieser ausgefahrenen Wege, in denen bei starkem Regen oder Schneeschmelzen das Wasser sich Bahn suchte, sind später zu tief einschneidenden Brüchen geworden. Einige Bezeichnungen erinnern heute noch an diese Wagenzüge, z. B. Kökerknapp und Kökergrund, wo die Fuhrleute abfechten (es war damals dort ein Teich) und Kribben (die Fuhrleute nagelten ihre Krippen an die Buchen und lagerten sich im Schatten der Bäume).

Der dritte Hauptweg ist der sogenannte Kohlweg, (jetzige Kohlreihe) auf dem Fuhrwerke die Holzkohlen aus dem fürstlichen Walde nach Bielefeld brachten. — Charakteristisch für die alte Senne waren die jetzt ausgetrockneten Teiche. So war z. B. ein Teich dort, wo jetzt die Kirchenkiefern stehen, zwei auf dem Kolonate von Erter Nr. 59, einer auf der Stätte des Bauerrichters Böger

Die Dörenschlucht. Ludwig Menke 1864),
via Wikimedia Commons

Im Jahre 1775 ließ sich der erste Ansiedler, ein Mann namens Struß aus Pivitsheide, in der Dörenschlucht nieder. Er hauste in einem mit Heide überdachten Erdloch. Dieser erste war aber kein echter Dörener, denn er war nicht sonderlich fleißig. Die Rentkammer hatte ihm etwa 50 Scheffelsaat angewiesen, von denen er aber trotz vieler Mahnungen der Rentkammer und ebensovieler Versprechungen seinerseits nur herzlich wenig urbar machte. Er hat sich in der Hauptsache von Branntwein-Verkauf an die durchziehenden Fuhrleute erhalten. Dieser Struß klagt in vielen Schreiben an die Rentkammer und den Grafen über seine jammervollen Verhältnisse — Frau und Kinder waren ihm krank geworden, und erbittet und erhält auch recht nennenswerte Zuschüsse von der Rentkammer, mit denen er den ersten Dörenkrug erbaute. Hier fanden nun die Kauf- und Fuhrleute Unterkunft. Sein ganzes Besitztum wurde ihm zwangsweise verkauft, weil die Urbarmachung seines Bodens keine Fortschritte machte. Obwohl dieser erste Ansiedler keineswegs ein Mann war, auf den Augustdorf stolz sein kann, hat er doch für das Dorf erhebliche Bedeutung gewonnen. Es scheint so, daß erst seine Anwesenheit in der Dörenschlucht zuerst den Amtsrat Schreiter aus Lage auf den Gedanken gebracht hat, den Dören zu besiedeln. Schreiter hat dann wohl erst durch seine Berichte an die Rentlammer den bekannten Aufruf des Grafen Simon August veranlaßt, in dem den Ansiedlern in der Senne die freie Anweisung eines Platzes zur Urbarmachung und Abgabenfreiheit für 5 Jahre versprochen wurde. (Diese wurden später auf 10 Jahre heraufgesetzt) Daraufhin ließen sich im Jahre 1780 12 weitere Ansiedler auf dem Dören an dem alten Lippstädter Wege nieder. Die Rentkammer hatte ihnen 50 Taler Vorschußgelder gegeben, um ihnen die Anfänge der Siedlung zu erleichtern. Diese ersten Siedler haben unter Arbeiten und Entbehrungen, die wir verwöhnten Menschen des 20. Jahrhunderte uns kaum mehr vorstellen können, den Grund zu dem späteren Augustdorf gelegt. Ihre erste Arbeit war der Bau einer Hütte. Mit der Axt wurden die Grundholzer behauen und diese einfach auf den Heideboden gelegt; auf diesem wurde das Ständerwerk errichtet mit so viel Kunst und Geschick, als das Werkzeug hergeben wollte. Auf diesem Ständerwerk richtete man einige Sparren auf, worauf Buchenstöcke oder fein gespaltene Stämme als Latten festgebunden oder genagelt wurden. Das Ausmauern des Fachwerkes erfolgte mit — Heidetörfen das Dach wurde mit Heideplaggen bedeckt und der Giebel mit Heide zusammengebunden. Auf den Dachfirst legte man Rasentörfe. Eine solche Hütte, die in einigen Wochen fertiggestellt war, bestand aus einem Raum, der erst nach und nach in mehrere Raume geteilt wurde. Zuerst aber mußte die Heide auf dem Fußboden der Hütte abgehackt werden. Die ganze Familie mit ihrer Ziege — mehr Vieh hatten die ersten Ansiedler meistens nicht — hauste in dem einen Raum. Die Wände der Hütte waren so undicht, daß manchmal bei geschlossenen Türen das Oellämpchen vom Winde ausgeblasen wurde. Nachdem man die Heide bei der Hütte fortgeräumt hatte, ging man daran, das Land mit dem Spaten umzubrechen. Die Urbarmachung war deshalb mit so großen Schwierigkeiten verbunden, weil wegen des Mangels an Vieh der nötige Dünger fehlte, und der Senneboden braucht sehr viel Dünger. Besondere Schwierigkeiten machte auch das Mergeln des Landes, da es an Fuhrwerk fehlte. Man holte den Mergel mit Schiebkarren mühsam heran, ja schleppte ihn in Körben und Schürzen herbei. Daß unter solchen erschwerenden Verhältnissen die Urbarmachung des Bodens in den ersten Jahren nach 1780 trotz harter Arbeit nur langsam vor sich gehen konnte, versteht sich von selbst. Das nicht urbare Feld war, da genügend davon vorhanden war, spottbillig. So wurde die sechs Scheffelsaat große Stätte 15b (jetzt Matthieu) für ein Ziegenlamm verkauft; der Kolon Helle kaufte die Stätte Nr. 55 (jetzt Brinkmann) für einen guten Groschen = einbalb Tagelohn. Die einige 20 Scheffelsaat große Stätte Nr. 78 (jetzt Pestrup) wurde von dem Kolon Dreier dem Mathis dafür überlassen, daß er ihm das Haus seines Kolonates mit Heide deckte.

Die Nahrung dieser ersten Ansiedler war die denkbar einfachste. Das Hauptnahrungsmittel war die Kartoffel und zwar die sogenannte englische, eine rotgestreifte, zwei Fäuste dicke, grobe Kartoffel. »Sie würde heute nicht einmal mehr unseren Schweinen munden«, schreibt Küstermann 1860. Die Saatkartoffeln sollen hinter dem aus Lehm gebauten Ofen in einem alten Strumpf aufbewahrt worden sein. — Morgens gab es eine weißliche Suppe mit ein wenig Buchweizengrütze, wenig Milch und viel Wasser; dazu aß man Schrotbrot. Das Frühstück, wenn es eins gab, bestand aus Kartoffeln mit Salz, bestenfalls aß man noch Brot dazu. Das Brotkorn wurde oft durch Betteln hinter den Bergen oder von den Fuhrleuten erworben; nur einen ganz geringen Teil baute man selber. Speck und Fett waren unbekannte Dinge. Manche Dörener haben auf dem Gute Welschoff den ersten Speck gegessen. Die freundlichen Besitzer des Gutes zogen die bettelnden Augustdorfer zur Arbeit heran und gaben ihnen nachher zu essen. Wenn später einmal jemand ein Schwein von 100 Pfund geschlachtet hatte, war diese interessante Neuigkeit gleich im ganzen Dorf bekannt und man sprach über diese »Fetthänse«. Wie elend und ungesund die ganzen Lebensverhältnisse der ersten Ansiedler gewesen sein müssen, lehrt ein Blick in das Sterberegister des ältesten hiesigen Kirchenbuches. Als Todesursache sind in der Regel Krankheiten wie Schwindsucht, Auszehrung, Schürten, Blattern, Brustkrankheit usw. angegeben. Zwei Beispiele, die bezeichnend für die Lage der Einwohner sind, mögen angeführt werden: In einer Familie war das Brot ausgegangen. Die Kinder weinten vor Hunger; zu verkaufen hatte man nichts. Was blieb anders übrig, als in den Nachbardörfern zu betteln. Schweren Herzens machten sich Vater und Großvater, ehrliche Leute, auf den Weg. Es war das erste Mal, daß sie gingen, die Barmherzigkeit der Leute anzurufen. Aber so sauer ihnen der Gang auch wurde, die Not trieb sie doch. An der ersten Tür, an der sie anklopften, wurden sie hönisch abgewiesen und mit harten Worten vom Hofe gejagt. Das kränkte die beiden armen Leute so und machte sie so niedergeschlagen und hoffnungslos, daß sie beschlossen, nicht weiter zu betteln, sondern lieber mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren als sich nochmals solcher Behandlung auszusetzen. Sie machten sich ans den Heimweg, aber sie kamen nicht weit. Zu sehr waren sie vom Hunger geschwächt. Sterbensmatt sanken sie unter einem Baum zusammen und befahlen ihre Seelen Gott. Schließlich wurden sie von Fuhrleuten gefunden, die die beiden halb verhungerten Leute mit Speis und Trank erquickten. Neugestärkt und mit Nahrung beschenkt eilten unsere beiden Dörener dankerfüllt nach Hause, wo Frau und Kinder sehnlichst auf sie warteten und nun auch ihren Hunger stillen konnten. — Ein anderes Bild: Da wankt eines Sonntags morgens eine ganze Familie barfuß in zerlumpten Kleidern dem Walde zu. Wollen sie sich dort etwa an der schönen Gottesnatur erfreuen? Ach nein, sie treibt etwas ganz anderes, nämlich der Hunger. Das Brot ist in ihrem Hause ausgegangen und mit der vorhandenen Nahrung muß man sehr sparsam umgehen. So gehen sie, ohne morgens etwas genossen zu haben, zum Walde hin, um an den Heidelbeeren ihren Hunger zu stillen. Sie bleiben den ganzen Tag da und ziehen abends gesättigt ihrer elenden Hütte zu. Der Ziege bringen sie gleichzeitig frisches Laub und Gras mit. — Wenn es auch noch nicht allen Familien so schlecht ging, wie diesen beiden, so werden wir uns doch die Dürftigkeit der Verhältnisse, die Entbehrungen dieser ersten Ansiedler, auch ihre Bedürfnislosigkeit und Sparsamkeit kaum groß genug vorstellen können. — Für ihre Sparsamkeit ein Beispiel: Im allgemeinen kamen die Kolonisten mit etwa 2 Pfund Tran oder Oel jährlich aus: der Kolon Gärtner Nr. 7 aber gebrauchte gar nur ein Pfund Oel im Jahre. Er achtete aber auch streng darauf, daß das Oellämpchen nur erbsengroß brannte. »Nicht größer als eine Erbse«, pflegte er inbezug aus das Lämpchen zu sagen. Und bei solchem Licht wurde dann von der ganzen Familie gesponnen. Wenn der Mond hell schien, begnügte man sich nur mit dem Himmelslicht. Diese große Sparsamkeit artete jedoch, wenigstens bei dem Kolon Gärtner, nicht in Geiz aus. Bei seinem Tode vermochte er den Armen des Dorfes 25 Taler.

Das „Neue Dorf“ (Niendorp, heute Hövelhof)
in einem Stich von 1672. Johann Georg Rudolphi
(Public domain), via Wikimedia Commons

Die ersten Ansiedler waren durchweg arme Leute. Sonst wären sie auch gewiß nicht in die Senne gezogen, wo wohl härteste Arbeit und größte Entbehrungen ihrer warteten, keinesfalls aber auch nur die Aussicht auf baldige Reichtümer sie locken konnte. Ihre Moral war teilweise keine sonderliche. Von dem Nachfolger des ersten Dörenkrügers erzählt die Sage schaurige Dinge. — Er bohrte den Fuhrleuten nicht nur heimlich die Fässer an und ließ Kisten und Kasten verschwinden, ihm soll auch ein Menschenleben nicht viel gegolten haben, wenn es etwas zu erobern galt. Sein Knecht, der sich später das Leben nahm, will in seinem Hause Menschenknochen vergraben gesehen haben. Ein Kaufmann wollte einst im Dörenkrug übernachten, um am nächsten Morgen weiter nach Haustenbeck zu wandern. Es wird ihm aber doch in diesem Gasthause zu unheimlich, und da er unvorsichtigerweise viel Geld, das er bei sich trug, gezeigt hatte, faßte er den Entschluß, trotz hereinbrechender Dunkelheit weiter zu wandern. Man warnt ihn davor, weil er sich leicht in der Senne verirren könnte. Doch er läßt sich nicht halten, sondern geht erst nach Haustenbeck zu und schlägt, als er sich unbeobachtet glaubt, den Weg nach Detmold durch den Wald ein. Bald merkt er, daß er verfolgt wird. Er fängt an zu laufen, aber seine Verfolger kommen immer näher. Er gibt sich schon verloren, weil er gänzlich erschöpft ist; da versucht er das letzte Mittel, er springt in seiner Herzensangst hinter einen Baum und verbirgt sich dort. Gleich darauf sieht er verschiedene Männer, die nach ihm suchen. Glücklicherweise finden sie ihn nicht, sodaß unser Kaufmann unversehrt nach Detmold gelangen kann, wo er in einem Gasthaus, noch zitternd vor Entsetzen, sein Erlebnis erzählt. Dieser Dörenkrüger soll später noch einen Emigranten ermordet haben. Er ist durch seine Diebereien ein wohlhabender Mann geworden; aber schon seine Söhne brachten das Vermögen wieder durch und kamen an den Bettelstab. Unrecht Gut gedeihet nicht. — Die andern Dörener aber haben sich ohne Zweifel durch ehrliche, harte Arbeit ihr täglich Brot verdient.

Da der dürre Boden sie nicht genügend ernähren konnte, haben sich die Augustdorfer von jeher nach Nebenverdiensten umgesehen. So nahmen sie den Hinterbergischen für Geld oder meistens für Naturalien die Dienste ab, die jene auf Lopshorn leisten mußten. Noch später haben immer einige Augustdorfer in Lopshorn Beschäftigung gefunden. Vor allem hat der Wald ihnen Verdienst gegeben (Kulturarbeiten, Holzklauben usw.). In den ersten Jahren brachten sie das Klafterholz zum »Sprunge« hin, von wo es nach Salzuflen geflößt wurde. Bei Strate in Pivitsheide wurde eine Quelle zu zwei Teichen gestaut. In diese Teiche wurde das Holz geschafft. Man fuhr am Abend in den Wald, belud die Wagen und fuhr am Morgen das Holz in die Teiche. Das Vieh ließ man die Nacht weiden und schlief oder lagerte sich in Gruppen und verbrachte die Nacht unter Gesprächen. Einer der Ansiedler soll sogar seine Frau mit seiner Kuh oder seinem Ochsen zusammen vor den Wagen gespannt haben. Es ist übrigens gar nicht selten vorgekommen, daß Frau und Kinder der Kuh beim Pflügen mit ziehen helfen mußten. — Waren die Teiche beim Sprunge genügend mit Holz gefüllt, wurde der Damm durchstochen, worauf das Wasser mit dem Holz talwärts floß zur Werke hin. Von Flößern wurde es nach Salzuflen gebracht und dort aufgefischt. — Der wichtigste Nebenerwerb aber war in alten Zeiten das Spinnen, bei dem die ganze Familie half. Die Ansiedler haben auch selber etwas Flachs angebaut, aber es doch bald wieder aufgegeben, da der Erfolg nicht ermutigend war. Später nahm das Weben die stelle des Spinnens ein.

Bis 1860 hatten die Kolonisten stark unter Wildschaden zu leiden. Zwar sollten die Felder mit einer Umzäunung versehen sein. Die Kolonisten mußten die Einfriedung in einem »wehrbaren Stand« erhalten. Zwei Wildhüter mußten das ausbrechende Wild in den Wald zurückscheuchen. Außerdem lösten sich in vielen Familien Mann und Frau nachts im Wachen ab, um ihr Feld vor Wildschaden zu bewahren. Aber dennoch brach das Wild sowohl wie die Senne-Pferde immer wieder in die Felder ein. Die Pferde liefen an der Einfriedung entlang und inspizierten diese genau; wenn sie irgendwo eine Lücke fanden, brachen sie durch. Manchmal drängten sie rückwärts gegen das Rickerwerk, um es zu zerbrechen. Mit Vorliebe suchten sie die Wurzelfelder der Kolonisten heim. Wo solche Rudel von 10— 15 Pferden nachts mit den Vorderhufen Wurzeln aufgegraben hatten, sahen die Felder am nächsten Morgen trostlos aus; scharrten sie doch Löcher, in denen ein Hund sich hätte verbergen können. Waren sie in ein Buchweizenfeld eingebrochen, so war das Mähen fast nicht mehr möglich. Nicht selten liefen die Pferde bis nach Stuckenbrok hinein auf preußisches Gebiet. Hier wurden sie von den Bauern eingefangen und erst gegen Ersatz des angerichteten Schadens wieder freigelassen. In der Lippischen Senne dagegen brauchte kein Schadenersatz geleistet zu werden. Die Rechte der Pferde auf die Senne waren eben älter als die der Neuwohner. Gleichwohl wurde besonders Geschädigten ein Gnadengeschenk vom Fürsten gewährt. — Zur leichteren Auffindung der Pferde hing man ihren Anführern helltönende Glocken um. Wenn der durch das Wild angerichtete Schaden gar zu groß wurde schoß man die Hirsche in Mengen ab. Den Augustdorfern wurde dann das Fleisch für einige Pfennige das Pfund verkauft.

Noch mehr als die Wildplage machte den Kolonisten der Wassermangel zu schaffen. Zuerst hatte die Rentkannner am alten Lippstädter Wege einen Brunnen gebaut, den sogenannten Herrenbrunnen Er ist nicht sehr lange gebraucht worden, denn ein Kolonist sprang in einem Anfall von Tiefsinn in den Brunnen. Seitdem wurde er nicht mehr benutzt und verfiel. Nun mußten die Ansiedler selber an das Brunnen-Bauen denken. Das war eine höchst gefährliche und kostspielige Arbeit, denn die Brunnen müssen in dem zuerst besiedelten Teil des Dorfes bis zu 25 Meter tief sein. Der Wassermangel war oft sehr empfindlich, da die ersten Bewohner unseres Dorfes nicht wie die heutigen Regenbrunnen an oder in ihren Häusern hatten. 12 Haushaltungen beteiligten sich manchmal an einem Brunnen; das Wasser mußte oft einviertel Stunden Wegs getragen werden. Bei dem Brunnenbau half man sich gegenseitig unentgeltlich, nur die Kost wurde verlangt. Man warf ein gewaltig großes kreisrundes Loch von etwa 50 Schritt Durchmesser aus. Haushoch türmte sich der ausgeworfene Sand auf. Man grub terassenförmig in die Tiefe, sodaß sich das Loch unten immer mehr verengte. In etwa 15 Meter Tiefe wurde die Oeffnung mit Brettern abgesperrt und nun grub man senkrecht weiter. Selten reichten die Bretter zur Berschalung aus, es war darum ein höchst gefahrvolles Graben, zumal die gewaltigen ausgeworfenen Sandmassen aus den oberen Rand des Trichters drückten. In etwa 20 Meter Tiefe traf man auf Wasser, und ietzt fing man an zu mauern. Die Kalksteine, die man benutzte, waren aus der Dörenschlucht unentgeltlich herangefahren. Man grub noch einige Meter tiefer, so weit man eben kommen konnte. Schließlich mußte der Sand wieder an die frisch gemauerte Brunnenwand geworfen werden. Diese Brunnen waren, obwohl die Arbeiter nur Kost bekamen, abgesehen von den Maurern, die gut bezahlt wurden, sehr teuer. Auf dem Hilkerhofe Nr. 52 war z. B. solch Brunnen gebaut worden. Die Nachbarhöfe Moshage 54 und Böger 51 hatten sich mit Hilter zusammengetan. Nach vollendetem Brunnenhau hatte man alle drei Höfe arm gegessen. Dieser Brunnen hatte das Schicksal von manchem anderen. Schon nach zwei Jahren war das Wasser versiegt. Einmaliges Senken half nichts. Man wollte darum noch eine Tonne in den Brunnen graben; aber keiner wollte mehr hinein, da das Arbeiten zu gefährlich war. Schließlich liest sich der Bruder von Hilker durch ungestümes Zureden bewegen, nochmals in den Brunnen hinabzusteigen. Er ahnte Schlimmes und sagte zu den ihn Nötigenden, er wolle sich erst noch ein reines Hemd anziehen, denn heraus komme er doch nicht wieder. Seine Ahnung ging in Erfüllung: der Brunnen stürzte zusammen, als er unten arbeitete. Er war an diesem Tage, den 6. Oktober 1788, erst 25 Jahre alt. — Später baute man die Brunnen gleich senkrecht in die Tiefe. Auf einem Senkrahmen von Buchenholz wurde gemauert, unter dem Rahmen der Sand weggegraben. Diese Senkbrunnen waren gewöhnlich nicht lotrecht, weil keine guten Schneidrahmen benutzt wurden. Auch bei diesen Brunnen kamen nicht selten Unglücksfälle vor. In dem Brunnen auf dem Kolonat Nr. 31 (jetzt W. Hilbrink) wurde ein Jobst Wilhelm Speckmann unter den Erdmassen begraben; seine Leiche konnte erst nach 6 Tagen geborgen werden. Bei einem Brunnenbau auf Stätte Nr. 33 (jetzt Räker-Hof) verunglückte ein Bergmann, der den Brunnen zu bauen übernommen hatte. Der Tod hatte ihn überrascht, als er sich aus den Spatenstiel mit der Brust stützte in dieser Stellung fand man ihn nach drei Tagen. Heute noch verursachen die Brunnen den Augustdorfern große Ausgaben. So ist der 1920 gebaute Pfarrbrunnen, der 31 Betonringe zu je 80 cm. faßt, schon wieder zugefallen, sodaß früher oder später ein anderer gebaut werden muß.

Da die Senne südlich und westlich des Dorfes schon vorher besiedelt war, und die Einwohner dieser Orte, Stukenbroker und Haustenbecker bis an die Dörenschlucht ihr Vieh gehütet, auch nach Herzenslust Heide geplaggt hatten. gerieten sie mit den Augustdorfern in Streit. Selbstverständlich wollten diese das Hüten und Plaggen in ihrer Senne nicht dulden. Je mehr sich das Dorf nach Haustenbeck und Stuckenbrok hin ausdehnte, desto schlimmer wurden die Reibereien. Man führte einen richtigen Kleinkrieg mit Plaggenhauern, Spaten, Greben usw. und pfändete sich gegenseitig das Vieh; einige haben ihre Ochsen und Kühe nie wiedergesehen. Später kam es zwischen Haustenbeck und Augustdorf zu einem Prozeß, der sich mehrere Jahre hinzog und den Augustdorfern, die ihn verloren, viel Geld gekostet hat. Der Streit mit Stuckenhrok verlief ebenfalls nicht günstig für Augustdorf. Die Vorsteher der beiden Ortschaften waren mit den Herren von der Regierung in Stukenbrok zusammengekommen, um die Grenze festzusetzen. Die Augustdorfer gaben das strittige Stück preis, weil es — auf der Karte — nur ein strohhalmbreit war; als man nachher merkte, daß dieser Strich etwa 2½ Tausend Scheffelsaat groß war, war es zu spät.

Den Neuwohnern war versprochen, daß sie einen Schullehrer erhalten sollten, sobald sich 30 Ansiedler eingefunden hatten. Auf ein Gesuch des Pastors Jenin aus Stapelage, der daraus hinwies, daß bereits l9 Häuser im Dörental erbaut seien und die Kinder verwilderten, da sie die weiten Wege zur Schule nach Pivitsheide nicht machen könnten, wurde die Gründung einer Schulstelle auf dem Dören vom Konsistorium genehmigt. Der erste Lehrer, Hermann Jobst Drehmann aus Heiden begann seinen Unterricht in einem gemieteten Zimmer aus dem Kolonate von Bergmeister Nr. 8. Nach mündlicher Ueberlieferung kamen zuerst 4 Kinder in den Unterricht und zwar auch nur im Winter. Drehmann soll seinen Unterricht hinter dem Spinnrade sitzend erteilt haben. Die alten Dörener rühmten ihm nach, er habe gut lesen und beten gelehrt. Drehmann bekam nur 20 Taler Gehalt; außerdem für sein Betstundehalten von jedem Kolonat jährlich drei Mariengroschen. Einmal kam er «weinenden Auges« zum Pastor Jenin von Stapelage und klagte ihm, die Dörener wollten ihm nicht das volle Schulgeld bezahlen. »Aus Mitleid mit diesem armen Schulmeister« bittet Jenin das Konsistorium, man solle den Augustdorfern befehlen, ihrem Schulmeister nach Stapelager Art das Schulgeld zu bezahlen. Drepmann hat sich noch hier verheiratet und wurde 1787 auf Fürsprache Pastor Jenins nach Lockbausen versetzt. Sein Nachfolger war Johann Heinrich Strate aus Luerdissen, der hier nach 19jähriger Tätigkeit an Brustkrankheit starb. Im Jahre 1792 wurden Strate auf fein Gesuch hin, »zu seiner besseren Subsistenz« 2 Deputatlasten unterdrücktes Holz bewilligt, die später in 1½ Kasten Buchenkloben umgewandelt wurden. — 1783 war die erste Schule auf dem jetzigen Schulspielplatz von der Rentkammer erbaut worden. Sie war in der Anlage verfehlt und hat viele Kosten verursacht. 1834 schon mußte ein neues Schulhaus gebaut werden, da das alte für die auf über 200 Kinder angewachsene Schülerzahl nicht mehr genügte und weil das Haus baufällig geworden war.

Kirchlich gehörten die Ansiedler zur Gemeinde Stapelage. Bis 1784 mußten auch die Toten in Stapelage beerdigt werden, was bei den weiten Wegen und dem Mangel an Zugvieh mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Seitdem kam Pastor Jenin bei Beerdigungen nach hier. Auf der Deele der Schule wurde die Trauerfeier gehalten; da der Raum recht klein war, mußte meist die Hälfte der Zuhörer draußen stehen. Als Predigtstuhl benutzte Jenin den Herd. Er mußte oft stundenlang warten, bis sich die Gemeinde versammelte, da auf dem Dören weder Uhr noch Glocke vorhanden war. Erst 1787 wurde eine 117½ Pfund schwere Glocke angekauft und auf dem Dach des Schulhauses angebracht. Im Jahre 1798 wurde auf dem Friedhof der Grundstein zu einem Kirchlein gelegt, das am 7. September 1800 von dem Generalsuperintendenten v. Cölln im Beisein der fürstlichen Familie, des Fürsten Leopold und der Fürstin Pauline, eingeweiht wurde. Die Kirche war 69 Fuß lang und 38 Fuß breit und hatte 260 Sitzplätze. Augustdorf war zunächst noch Filial von Stapelage. Der Pastor Jenin (der jüngere) predigte alle l4 Tage hier. An den Sonntagen, an denen nicht gepredigt wurde, hielt der Lehrer Betstunde ab. Dieser wurde nunmehr Küster und erhielt für seine neuen kirchlichen Pflichten eine Gehaltszulage von lO Talern aus der Konststorial-Kasse. Außerdem wurde das Kolonatsgeld von 2 auf 4 Mariengroschen für jedes Kolonat erhöht. Seine gesamte Bareinnahme betrug jetzt 40 Taler. — 1801 wurde die Pfarrstelle zu Augustdorf begründet und dem Pastor Voigt aus Lüdenhausen übertragen, der in den ersten Jahren feiner hiesigen Tätigkeit in Lopshorn wohnte. Er ging später nach Amerika. — Daß Augustdorf eine eigene Kirche hatte, war für die Gemeinde von größter Bedeutung. Nun brauchte man nicht mehr die weiten Wege über die Berge bei Taufen, Trauungen, zu den Gottesdiensten zu machen, um Gottes Wort zu hören. Vor allem aber haben die gemeinsamen Gottesdienste im eigenen Dorfe dazu beigetragen, »aus dem aus aller Herren Länder zusammengelaufenen Volk mit verschiedenen Sitten und Unsitten, mit verschiedenen Sprachen und Gewohnheiten ein fest zusammengewachsenes Geschlecht mit einerlei Sprache, Sitte und Religion zu machen«. So schreibt Pastor Theopold in seiner anläßlich der 100. Wiederkehr des Einweihungstages der ersten Kirche herausgegebene Festschrift

Wesentlich gefördert wurde die überaus schnelle Entwicklung des Dorfes durch die große Fürsorge der Rentkammer für die neue Kolonie und durch das rege Interesse, das der Amtsrat Schreiter aus Lage ihr entgegenbrachte. Dieser Amtsrat Schreiter wird geradezu schwärmerisch, wenn er sich die künftige Entwicklung des Dörens ausmalt. Jedes Jahr mußte er eine Besichtigung der neuen Kolonie vornehmen, die es mit großem Eifer ausrichtete. Ueberall sah er nach dem Rechten. Wenn hier ein Pflug, dort eine Egge- da ein Stück Vieh fehlte, sorgte er dafür, daß die Rentkammer die Betreffenden unterstützte. Er achtete auch daraus, daß dieser Vorschuß der Bestimmung gemäß verwendet wurde. Diejenigen, die nicht genügend für ihr Land sorgten, zog er zur Verantwortung heran. Dennoch war er bei den Kolonisten sehr beliebt und geachtet. Er war ein wohlgenährter stattlicher Herr, der mit den Ansiedlern plattdeutsch sprach und alle mit »Du« anredete. Ihm wird Augustdorf unter den Menschen wohl mit am meisten zu danken haben. Es ist schade, daß sein Andenken heute so ganz geschwunden ist. – Die Rentkammer ging meistens gern auf die Anregungen des Amtsrates Schreiter zur Förderung der neuen Kolonie auf dem Dören ein. Augustdorf ist von der Rentkammer in den ersten Jahrzehnten bedeutend unterstützt. So wurden in den Jahren 1785 bis 1787 für Brunnen und Schule 677 Taler bewilligt, außerdem von der Landkasse noch 20 Taler zur Bezahlung der Glocke. An Bedürftige wurden in einem Jahre 293 Taler von der Rentkammer und 294 Taler von der Landkasse gegeben. — 1789 ließ die Rentkammer die neue Kolonie aus dem Dören als Augustdorf beim Katasteramt eintragen.

In den Jahren 1775–80 wohnte der Struß, wie schon erwähnt, allein in der Dörenschlucht. 1780 haben nach den Rentkammerakten 12 weitere Ansiedler je 50 Taler Vorschußgelder erhalten. Im nächsten Jahre siedelten sich 9 Kolonisten an. 1786 gab es schon 37 Stätten; die Zahl der Einwohner betrug 40 Männer, 41 Frauen, 118 Kinder = 199 Menschen. Dank der Fürsorge der Rentkammer war auch der Viehbestand erheblich gewachsen. Hatten die ersten Ansiedler in der Regel anfangs nur eine Ziege, so gab es 1786 schon 17 Ochsen, 46 Kühe, 10 Rinder, 21 Ziegen und 2 Esel im Dorfe; sodaß also im Durchschnitt jeder Kolon 2 Stück Rindvieh im Stall hatte. Bei dem Mangel an Futter mögen es allerdings recht elende Tiere gewesen sein. Die Jahresernte betrug nach Angabe der Kolonisten 152 Scheffel Roggen und Buchweizen 1787 gab es 42, 1790 schon 59 angebaute Stätte. In diesem Jahre waren 583 Scheffelsaat urbar, von denen 181½ Scheffelsaat mit Roggen, 87¼ Scheffelsaat mit Buchweizen, 66½ mit Kartoffeln, 2 mit Flachs, mit Futterkräutern nichts angepflanzt waren. 1791 erntete man 802 Hauf — 756 Scheffel — Roggen, 242 Scheffel Buchweizen, 230 Sch. Kartoffeln, 220 Sch. Wurzeln, 49 Sch. Rüben und l7 Sch. Erbsen. 1796 gab es 70 Stätten mit insgesamt 1889 urbarem Lande« Die Ernte betrug in diesem Jahre 1613 Hauf (1292 Scheffel) Roggen, 199 Scheffel Buchweizen, 472 Sch. Kartoffeln, 88 Sch. Rüben, 368 Sch. Wurzeln und l7 Sch. Erbsen. Sie hat sich also in den 5 Jahren von 1791 –96 nahezu verdoppelt. Im Jahre 1800 hatte man 530 Scheffelsaat mit Roggen bepflanzt, von denen man 1697 Scheffel erntete, die Scheffelsaat hat demnach durchschnittlich etwa 3 Scheffel Roggen eingebracht. In diesem Jahre war auch zum ersten Mal eine größere Menge Kartoffeln geerntet, nämlich 1375 Scheffel. 1801 waren 86 Kolonate vorhanden. Die Viehzählung dieses Jahres stellte 4 Pferde, 178 Ochsen, 118 Kühe, 99 Rinder, 40 Ziegen fest.

Eins wird den Lesern der Geschichte des alten Augustdorf gewiß aufgefallen sein: Wie viel elender die äußere Lage dieser Kolonisten gewesen ist als unsere· Wir jammern so leicht über die schlechten Zeiten, wir haben wahrlich keinen Grund dazu. unsere Ansprüche an das Leben sind nur unvergleichlich größere geworden. Sind die alten Dörener durch zähen Fleiß, unermüdliche Schaffenskraft und größte Sparsamkeit mit Gottes Hilfe voran gekommen, so würden wir bei gleichen Eigenschaften ebenfalls unsere gewiß nicht schwierigere Lage überwinden.

Quelle:Lippischer Dorfkalender 1926 – Von der Küstermannschen Chronik dargestellt von P. Schreck.

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