Die Belagerung des Ellernkruges

Jagdgesellschaft vor dem Ellernkrug (Fotomontage).

Seit Jahrhunderten hatten die Grund­eigentümer und Gemeinden hingenommen, daß der Landesherr auf ihrem Grund und Boden die Jagd selbst ausübte oder gegen Entgelt anderen gestattete. Das änderte sich, als 1848 die Frankfurter National­ versammlung die „Grundrechte des Deut­schen Volkes“ festlegte und der Fürst den Gemeinden und Grundeigentümern das Jagdrecht einräumte. Im Jahre 1851 be­seitigte der berüchtigte Kabinettsminister Hannibal Fischer diese Regelung zugunsten des Landesherrn. Alle Proteste dagegen von seiten der Bauern, auf deren Ackern sich das Wild ernähren mußte, blieben Jahre hindurch erfolglos. Schließlich fand man einen Weg, auf dem der Willkürmaß­nahme wirksam entgegengetreten werden konnte. Durch den Syndikus Hausmann und den Kaufmann Echterling wurden bei den juristischen Fakultäten der Universi­täten Berlin und Heidelberg Gutachten angefordert, die beide zu dem Ergebnis kamen, daß das einseitig erlassene Jagdgesetz der rechtlichen Gültigkeit entbehre. Das erregte großes Aufsehen.

Karrikatur a. d. „Kladderadatsch“ vom 31.12.1871

Am 24. September 1871 abends fand auf Einladung Hausmanns eine geheime Bauernversammlung statt, auf der über die Rechtslage Bericht erstattet wurde. Noch am gleichen Abend wurde in den Dörfern um Lage und Detmold mitgeteilt, daß am folgenden Tage eine Jagd stattfinden sollte. Die Bauern aus Heiden, Bremke, Niewald und Ottern hatten durch den Dorfvor­ steher das Jagdrecht an den Landwirt Grote gut übertragen, während der Fürst die Grundstücke dieser Ortschaften an ver­schiedene Herren aus Detmold, insbeson­dere den Rittergutsbesitzer MerkeI, ver­pachtet hatte.

Am 25. September morgens, 9.00 Uhr, trafen sich gemäß der Empfehlung Haus­manns die Grundeigentümer dieser Ge­gend, um die vom Fürsten vorenthaltene Jagd auf eigene Faust auszuüben. Zum Führer der Gesellschaft wurden der Land­wirt Grotegut und die Brüder Moritz aus Heiden gewählt. Plötzlich kam aus Det­mold eine Gesellschaft von etwa 15 Jägern – an ihrer Spitze der Rittergutsbesitzer Merkel. Beide Parteien sammelten sich um ihre Führer, manch hartes Wort wurde gewechselt, und um ein Haar wäre es zu Tätlichkeiten gekommen. Die Gesellschaft aus Detmold mußte sich – obwohl sie von Gendarmen begleitet war – alsbald zu­rückziehen, da die übermacht auf der anderen Seite zu groß erschien und die Bauern durch ihre Knechte und viele hinzu­ gekommene Bürger Verstärkung erhalten hatten, die bedrohliche Haltung einnah­men.

Während die Bauernjäger im Ellernkrug einkehrten, zog die Dermolder Jagdgesell­schaft in die Residenz, um den Hof- und Regierungskreisen von dieser unglaublichen Rebellion zu berichten. Da die Bauern mit Gegenaktionen aus der Residenz rechneten, wurden auf bei den Straßen, die über Kohl­pott und die andere über Belfort nach Detmold führten, in einer Entfernung von 500 Metern Doppelposten aufgestellt. Nach etwa 1112 Stunden meldeten die Posten im Ellernkrug, daß Soldaten im Anmarsch seien. Die Nachrichten über die Stärke der anrückenden Abteilung schwankten zwi­ schen 60 und 120 Pickelhauben des Regi­ments 55, die von dem Gendarmeriechef Cronemeyer oder (und) dem Hauptmann von Ranzow kommandiert und von dem Kabinettsrat von Meisenburg, einer jugend­lichen Stütze des alten Präsidenten Held­mann, begleitet wurden. Beim Ellernkrug wurde »Halt« kommandiert, die Gewehre geladen. Unter Beachtung aller strate­ gischen Vorsichtsmaßregeln wurde der EI­ lernkrug in kurzer Zeit umzingelt. Vor jeder Haustür wurde ein Doppelposten mit aufgepflanztem Seitengewehr postiert, damit niemand entweichen könne. Dann begaben sich die Führer des Einsatzkom­ mandos in die Höhle der Jagdfrevler und wollten die Gewehre als Beweisstücke sicherstellen. Als der Gastwirt Sültemeier die geforderte

Karrikatur a. d. „Kladderadatsch“ vom 15.10.1871

Herausgabe der Flinten ver­ weigerte und der Hauptmann mit Haus­ suchung drohte, fragte Sültemeier ganz kaltblütig, ob denn die erforderliche An­ordnung dafür vorliege. Da diese jedoch fehlte, begaben sich der Hauptmann und der Kabinettsrat zum Amt nach Lage, um das fehlende Papier zu beschaffen. Aber der dortige Beamte verweigerte den Haft- und Durchsuchungsbefehl, da Flucht­ verdacht oder Verdunkelungsgefahr nicht beständen. Als die Herren aus Lage zurückkamen, hatten sich in der Umgebung des Ellern­ kruges über 100 Bürger aus Detmold ver­ sammelt, um dem kriegerischen Schauspiel oder der lächerlichen Komödie zuzusehen. Es war sicher peinlich für die Soldaten, als nun die Belagerung aufgehoben und der Rückmarsch angetreten wurde. Die Bauern, die daraufhin aus dem EI­ lernkruge herauskamen, begleiteten den militärischen Rückzug mit mehrfachem donnernden ,Hurra‘, mit Hohn- und Spottreden auf die Veranlasser der Belagerung, sowie mit Einzelschüssen und Salvenfeuer. Die mutigen Jäger haben sich dann vor dem Ellernkrug fotografieren lassen. Die Bilder wurden für einen Schilling mit fol­gender Anpreisung in der Zeitung ange­boten: „Der Ellernkrug, welcher nach den letzten Jagdereignissen, die zu einer Welt­ berühmtheit geworden sind, schon an und für sich den Sieg des Rechts gegen den altgewohnten Gewaltbesitz darstellt, der Ellernkrug mit den tapferen Vertretern ihres eigenen und allgemeinen Rechts, ihrer sechzehn an der Zahl, wohlportraitiert“.

Die Teilnehmer der Bauernjagd wurden vom Kriminalgericht zu 1 – 6 Wochen Ge­fängnis und mit Einziehung der Gewehre bestraft. Abgesessen haben sie die Strafe allerdings nicht. Am 20. November 1871 brachte der national-liberale Abgeordnete Dr. Erhardt im Reichstag eine Interpella­tion ein, mit welcher er anfragte, ob dem Herrn Reichskanzler bekannt sei, daß im Fürstentum Lippe Abteilungen des Deut­schen Reichsheeres zum Einschreiten gegen die Bevölkerung gebracht worden seien und welche Maßnahmen der Reichskanzler gegenüber diesem Vorgehen der lippischen Regierung zu ergreifen gedenke. Staats­minister Delbrück gab zu, daß nicht ganz gesetzmäßig verfahren worden sei, aber die lippische Regierung habe die Truppen zur Aufrechterhaltung der Ordnung mobi­ lisieren dürfen.

Lippes verwegene Jagd

Noch nie wurden seit dem Bestehen des deutschen Reichstages die Ver­hältnisse eines Kleinstaates eingehender be­ sprochen als in dieser Sitzung. An der leb­ haften Aussprache beteiligten sich u. a. BebeI und von Oheimb, der früher Mi­nister in Lippe gewesen war und sich dann auf sein Gut bei Minden zurückgezogen hatte, weil die lippische Bevölkerung sehr gegen ihn aufgebracht war.

So konnte es nicht ausbleiben, daß die Belagerung des Ellernkruges weit und breit großes Aufsehen erregte und die Witzblätter das Vorkommnis aufgriffen und teilweise in Versen besangen. Auf den Jahrmärkten wurde alsbald nach der Me­lodie „Wer will unter die Soldaten“ ein Ellernkruglied von einem Drehorgelspieler vorgetragen und von den belustigten Zu­hörern „aus voller Kehle und tiefer Brust“ mitgesungen.

Am 25. September 1896 fand im Ellern­krug eine gutbesuchte Feier aus Anlaß der 25. Wiederkehr des Ereignisses statt. Da­ bei hielt der Landtagsabgeordnete Moritz aus Lage, der damals selbst die Belagerung erlebt hatte, die Festrede und schilderte in kurzen humoristischen Worten die Vor­gänge, die auch heute noch manchen zum Schmunzeln veranlassen.

Quelle: Heimatland Lippe 11.1971, Von Dr. A. Ebert

Landhaus Ellernkrug