Die Berkemeyers

„DIE AUSWANDERER“, Schulwandbild von Müller Wachsmuth 1925, darstellend die Zeit um 1850, Verlag F.E. Wachsmuth, Leipzig

1. Die Bauern

Man schreibt das Jahr 1617. Über die Kachtenhauser Heide weht der Maienwind und spielt im Laub der drei Birken, dem Wahrzeichen des Hofes. Jobst, den kleinen Stammhalter auf dem Arm, steht neben seiner Frau in der Hoftür und blickt mit stiller Freude in das junge Birkengrün hinein. „Sind das nun nicht die schönsten Pfingstbäume weit und breit, Anna?“ — „Ja“, meint sie, „und zu Pfingsten freue ich mich auch immer besonders an ihnen. Alles Pfingstlaub welkt so rasch, unsers aber grünt den ganzen Sommer lang.“ — „Siehst du, das hat auch der Großvater immer gesagt, und darum hat er sie auch gepflanzt.“ — „Ja, und nach den Birken habt ihr dann euern Namen gekriegt. So ist’s doch, Jobst?“ — „Gewiß, schon den Großvater nannten sie den Jobst in den Berken, den Vater und mich auch, und der Kleine hier wird mal just so heißen.“ — „Ne, du, der soll ein richtiger Meier werden! Dem wollen wir später mal einen größeren Hof vererben!“ — „Anna, Anna, du willst immer hoch hinaus! Na, denn nimm mir mal den kleinen Berkemeyer ab! Wollen noch ein bißchen nach dem Roggen sehen.“
Sie stehen am üppig sprossenden Feld. Der kleine Jobst hat eine Butterblume in der Hand und kräht vor Vergnügen. Die Sonne lacht, die Lerchen schmettern ihr Lied. Das erste Festläuten der Oerlinghauser Kirchenglocken klingt herüber, aber der Altbauer Jobst in den Berken ist schon auf dem Kirchwege. Die jungen Leute haben Zeit für ihr Glück und ihre Träume. Da liegt ihr Birkenhof, es grünt die Saat, voll haben die Obstbäume angesetzt. Aber weites Brachland harrt noch des Pfluges. Ihr Junge hier, der so unbekümmert dem Leben entgegen jauchzt, wird über dieses Brachland einmal den Pflug ziehen, Jobst in den Berken, der Berkemeyer.

Man schreibt das Jahr 1633. Frühjahr ist’s, aber was für eins! Henrich, der Zwölfjährige, stolpert über die Schwelle. „Sie kommen! Sie kommen!“ keucht er mit letztem Atem. Die schwere Kette wirft er auf den Tisch und sackt hin auf die Bank. „Junge, was ist? Wer kommt?“ Die Mutter rüttelt ihn. „Die Schweden! Sie kommen, sie kommen!“
Man hatte ihn nach Oerlinghausen geschickt zum Schmied, eine Kette zu holen. Grad will er damit fort, da sprengen schwedische Reiter ins Dorf, wilde Gesellen, Mordbrenner ohne Kommando und ohne Zucht. Hinter einen Holzhaufen geduckt, hatte der Junge alle die furchtbaren Szenen der Plünderung erleben müssen. Das wilde Geschieße und die Schreie der Gemarterten hallten ihm noch in den Ohren. Dann war er in blinder Angst davongerannt. Die ganze Strecke war er gelaufen, die schwere Kette im Arm.
Der Vater kommt herein mit hastendem Schritt. „Rasch mit der Kuh und der Ziege ins Bruch!“ ruft er den beiden großen Mädchen zu, die zitternd vor Angst dagestanden. Kaum sind sie fort, kommt auch Jobst gelaufen. „Drei Reiter halten auf den Hof zu!“ ruft er. „Na, Junge, mit denen sollten wir fertig werden“, knurrt der Vater. „Zu plündern gibt’s nichts mehr hier, kein Vieh mehr im Stall, kein Korn auf der Bühne, kein Geld mehr im Strumpf. Käme für uns beiden nur der Schwedentrunk. Und den wollen wir uns ersparen!“ Schnell holt er die Flinten aus der Lade, und dann stehen der alte und der junge Jobst hinter den Birken, während die Mutter und Henrich zur Hintertür hinauseilen, den Mädchen nach ins Bruch. Bald darauf knallen zwei Schüsse, ein Pferd mit ledigem Sattel jagt davon, zwei Reiter sprengen hinterdrein. Im wilden Bruch bergen sich die Bauern.
Es ist Abend. Jobst, der Anerbe, liegt im Heidekraut und schaut nach dem Hofe herüber, wo die Schweden am Werk sind. Wüstes Gelage, wildes Gegröhl. Hühnerfedern wirbeln im Abendgold. Dann, jäh, züngelt Feuerschein durchs Strohdach. Gehast und Getobe, bestürzter Abzug bei Flammen und Funkengestiebe. Der Hof geht unter, das zarte Birkengrün schwärzt der Rauch.

2. Die Leineweber

Man schreibt das Jahr 1754…… „Und dann, Großvater?“ — „Ja, und dann haben sie im Bruche gelebt, in der Plaggenhütte, Jahr um Jahr, bis die Pest ins Land kam und nahm sie mit, den Vater und die Mutter und die beiden Mädchen. Aber der Jobst und der Henrich sind geblieben. Und hat der Jobst den Hof nicht lassen wollen und hat geackert so gut es eben ging in den schlimmen Jahren. Und als er dann mit seiner Frau später zu etwas Gelde kam, hat er unter den Berken wieder Hausbörung gehalten. Und sitzen die Berkemeyers ja noch auf der Stätte.“ — „Und was ist aus dem Henrich geworden, Großvater?“ — „Ja, Junge, du weißt ja wohl, daß die jüngeren Kinder hierzulande nicht Platz haben auf den Höfen. Und hat denn der Henrich, was mein Großvater war, Knecht werden müssen auf fremden Höfen, und ist später lange Jahre nach Holland gegangen und hat Torf gestochen und Wiesen gemäht. Und denn haben sie ja das Weben angefangen hier. Denn was meine Großmutter war, die hat das Handwerk verstanden wie keine zweite. Und sind gut voran gekommen und haben sich diese Stätte hier in Oerlinghausen bauen können. Und die Amtsleute und großen Meiers haben ihr Brautleinen bei den Großeltern weben lassen, und die Aufkäufer haben sich dald drum gerissen.

Bloß mit ihren Kindern haben sie kein Glück gehabt. Drei sind schon klein gestorben an den schwarzen Blattern, und zwei kriegten in jungen Jahren den Husten und mußten auch unter die Erde. Und was mein Vater war, der ist ja auch nicht alt geworden.“
Der Alte schwieg. Seine Gedanken flogen über sein eigen Leben hin, über die armselige Kindheit mit dem kranken Vater und der verhärmten Mutter, über Glück und Erfolg seiner besten Jahre. Ein erfülltes Menschenleben lag hinter Jürgen Henrich Berkemeyer. Das Leineweberhandwerk hatte immer noch seinen Mann ernährt, und wer seine Kunst verstand und seine Hände regte, der kam schon aus. Das Leinen von Berkemeyers Webstuhl galt wieder was bei den Händlern, und darauf war er stolz.

Klappklapp, ging nebenan der Webstuhl. Cord Hermann, der Sohn, war auch wieder ein Meister in der Kunst. Wenn er nur gesund bliebe! Sein Husten wollte in letzter Zeit gar nicht auf hören des Nachts. Gut, daß er bei seinen fünf Kindern eine tüchtige Frau hatte, Anna Margareta, des Scherenkrügers Tochter.
Caspar Henrich, der Junge, hatte andere Gedanken. „Muß ich auch wieder Leineweber werden, Großvater?“ — „Na ja, das versteht sich doch von selbst. Was wolltest du denn sonst wohl?“ — „Ich möchte lieber Bauer werden und einen Hof haben.“ — „Ja, den laß dir man abmalen!“ lachte der Alte. „Schlag dir solche Flausen aus dem Kopf!“

3. Die Heidjer1Heidebauern

Man schreibt das Jahr 1781. Auf dem zerfahrenen Heidewege rumpelt ein Leiterwagen. Ein Fuder Hausrat will an seine neue Statt. Auf dem großen, eisenbeschlagenen Buckelkoffer sitzt des Wistinghauser Meiers Knecht und kutschiert. Der Webstuhl, dies unweise Stück, schwankt und knarrt bei jedem Räderstoß. Der Schrank, das Pottbrett, der eiserne Ofen, der Kupferkessel, der Kohlpott und all das andere Gerümpel, es klappert und ächzt. Die Kuh hinterm Wagen will auch nicht recht mehr. Doch ab und zu rupft ihr die kleine, magere Frau ein Büschel Gras.
Caspar Henrich geht mit langen Schritten neben dem Gespann. Seine Augen gehen in die Ferne. Der magere Sennesand, das armselige Hausgerät, die schwache Frau? Er denkt nicht dran. Er wird seinen Hof haben, den Berkemeyerhof auf dem Dören, im neuen Dorfe Augustdorf!
Mein Gott, wurde es denn nicht auch endlich Zeit, daß er zum Zuge kam? Er war nun 39 Jahre alt, und sein Leben bisher war Kargheit und Kümmernis gewesen. Des Vaters früher Tod, der Verkauf der Oerlinghauser Stätte in der schlechten Zeit des Siebenjährigen Krieges, die Sorge für die Mutter und die kleinen Geschwister, Quälerei auf dem Webstuhl von früh bis spät. Sein Rücken war krumm geworden schon in jungen Jahren. Dann, er hatte schon die Dreißig überschritten, war für kurze Zeit das Glück bei ihm eingekehrt. Aber seine Frau, einst ein so frohes und lebendiges Mädchen, war nach der Totgeburt des ersten und einzigen Kindes nicht mehr zu Kräften gekommen.

Da war es ihm wie ein Wink des Himmels gewesen, als eines Sonntags der Pastor einen Aufruf des lippischen Grafen Simon August verlesen hatte. Jeder seiner Untertanen, hieß es da, der Lust hatte, sich auf dem Dören anzusiedeln, solle unentgeltlich einen Platz haben und 50 Taler Bauzuschuß. Schon am nächsten Sonntag war er, Caspar Henrich, hingewandert, sich das neue Kanaan anzusehen. Ach, es war kein Land, in dem Milch und Honig floß! Aber es konnte eins werden! Viel Arbeit und Ausdauer, viel Geduld und Genügsamkeit waren hier nötig, dem Sennesande immer bessere Ernten abzutrotzen. Aber er würde es schon schaffen! Ein Stück Heide nach dem andern würde er im Laufe der Jahre abplaggen und zu Ackerland machen. Und dabei hatte er noch sein Weberhandwerk als solide Grundlage. Gewiß, die Krankheit seiner Frau hatte ihn länger aufgehalten als er gedacht, aber nun, nachdem ihm die Rentkammer Land und Hofstatt überschrieben, hatte er Tag um Tag hier geschafft. Nun stand das Haus, und heute war Einzug. Der Leineweber Caspar Henrich Berkemeyer war ein Heidjer geworden.

Man schreibt das Jahr 1835. Auf Berkemeyers Stätte in Augustdorf geht es heute fröhlich zu. Friedrich, der Anerbe, macht Hochzeit mit Henriette, des Bauern Bögers Tochter. Und während das junge Volk auf der Diele den Achttourigen tanzt, sitzen die Alten bei Kaffee und Bier in der Stube und sind am Klöhnen. Christoph, der alte Berkemeyer, erzählt dem Pastor, der erst neu ins Dorf kam, gerade die bewegten Schicksale seiner Familie.

„Ja, es ist schon so, Herr Pastor, sie haben sich totgequält, die alten Berkemeyers. Die Frau kam ja schon krank her und hat es nur noch ein paar Jahre gemacht. Aber der Caspar Henrich — er war ja meiner Mutter Bruder — hat gewühlt, da war das Ende von weg. Er wollte doch partout aus seiner kleinen Stätte einen Bauernhof machen. Und wenn er dann tagsüber Heide geplaggt hatte, ging’s bis spät in die Nacht noch ans Wörken. Schließlich mußte er’s doch zugeben und hat mir dann im 93er-Jahr die Stätte überschrieben. Paar Jahre später lag er unter der Erde,“ — „Ja, Vater Berkemeyer, dann ist an ihm auch der alte Siedlerspruch wahr geworden: .Dem Ersten der Tod!‘. Und wie ist es nun mit Ihnen gewesen? Sie waren doch der Zweite hier. Und Sie wissen ja: ,Dem Zweiten die Not!“ — Ach, Herr Pastor, die hat mir auch lange genug auf die Hacken getreten. Zumal in den Zeiten, als der Napolijum am Gange war und kein Absatz war mit dem Leinen. Drei Kinder sind uns in jenen Hungerjahren gestorben. Später ist’s dann ja besser geworden, und wir haben seither auch gute Jahre gehabt. Aber es sieht mir doch beinah so aus, als wollten die Engländer mit ihren neumodischen Maschinen den lippischen Leineweber auf die Dauer kaputt machen. Und, Sie wissen ja, Herr Pastor, ohne Zuverdienst, nur so von der Heidjerei, da kann man auf solch ’ner Stätte kaum satt werden.“ — „Nun, Vater Berkemeyer, in Ihrem Friedrich haben Sie doch einen tüchtigen Nachfolger. Er ist der Dritte in der Reihe, und er wird wohl auch den dritten Teil unseres Siedlerspruches erfahren: ,Dem Dritten das Brot!’“ — „Möchten Sie recht haben, Herr Pastor!“

4. Die Amerikafahrer

Man schreibt das Jahr 1854. Die letzte Nacht ist’s in der alten Heimat. Ins schlafende Haus blickt der Vollmond. Sein Licht gleitet über die leeren Böden und durch die verlassenen Ställe. Es fällt durch die Luken auf die Diele, wo der Leiter- wagen mit den gepackten Kisten und vollen Leinensäcken steht. In die Kammern scheint es, den sieben Schläfern ins Gesicht, den fünf Kindern, der frischen, rüstigen Frau und dem starken Manne mit dem kantigen Gesicht, in dessen Falten das Grübeln geschrieben steht und die Sorge.

Wahrlich, es ist kein leichter Entschluß gewesen für Friedrich Berkemeyer, der doch mit ganzem Herzen an seiner Scholle hing. Als sein Bruder Franz im 48er-Jahr mit Frau und Kindern übers Wasser ging und ihn auch überreden wollte, da hat er nur immer mit dem Kopfe geschüttelt. Aber die Jahre sind seitdem nicht besser geworden. Die Weberei brachte nichts mehr ein, und jeder trockene Sommer wurde hier in der Senne ein Hungerjahr. Und dann waren die Briefe aus Amerika gekommen und erzählten von weiten Äckern mit reichen Ernten, von Dollars und freiem Leben. Dazu zogen die Agenten von Dorf zu Dorf und warben Auswanderer, boten Kredite an, billige Überfahrt und fruchtbares Land in der neuen Welt. So war der Strom der Amerikafahrer immer größer geworden im Lipperlande. Schließlich hatten seine Frau und seine beiden großen Mädchen ihm noch täglich in den Ohren gelegen. So hatte er dann in vielen stillen Stunden sein Herz losgelöst von der Heimaterde.
Nun aber war alles bedacht. Haus und Land, Vieh, Ernte und Hausrat waren verkauft. Der Nachbar Strate würde hier wohnen und den Hausnamen Berkemeyer weiterführen. Er aber und sein Blut wollten neue Wurzeln schlagen in der neuen Welt. Möge der alte Herrgott, den er tief  im Herzen trug, mit ihnen sein und seinen Segen zu ihrer Reise geben!

Man schreibt das Jahr 1855. Dies ist der Brief, den die 17jährige Anna Berkemeyer an ihren alten Lehrer sandte:

Lieber Herr Lehrer!
Nun sind es schon fünf Monate, daß wir von Augustdorf fortgemacht sind. Aber ich hatte zum Schreiben keine Gelegenheit. Wir sind ja immer noch nicht auf unserm Platz. Ich kann aber diesen Brief mit bei einen andern beilegen. So will ich schreiben, wie es uns seither gegangen ist. Oh, lieber Herr Lehrer, Sie haben uns früher den schönen Spruch gelernt: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten!“ Das erste haben wir nun in reichem Maß gehabt. Doch ich will von Anfang an erzählen.

Bögers brachten uns ja mit dem Wagen bis nach Erder. Da waren denn schon eine Masse Leute, die alle nach Amerika wollten. Wir wurden auf die Böcke verladen und fuhren ganz die Weser herunter bis Bremerhaven. Das war eine ganz lustige Reise. Wir Mädchen haben alle die schönen Lieder gesungen, die wir bei Ihnen gelernt haben. Wir haben auch gleich eine gute Bekanntschaft gemacht, das ist die Familie Christoph Hoffmann aus Barntrup. Die haben auch drei Kinder und ist die Älteste 14 wie unser Lina. Und die beiden Kleinen wie Fritz und Hermann. Die Eltern konnten sich auch gleich gut verstehen und sind zusammengeblieben. Wollen auch die Farmen zusammen haben. Es ist gut, wenn man gute Nachbarn hat.

Nun aber in Bremerhaven, da haben wir lange gelegen und kamen dann auf das englische Schiff. Da ging unser Leiden los. O, es ist gar nicht zu beschreiben. Es waren auf dem Schiff bei die 500 Menschen und war so eng und voll. Wir vier Kinder mußten in einer Koje schlafen, und die Eltern haben die kleine Jette mit in die Lade genommen. Es war gut für die erste Zeit, daß wir viel Hartbrot und Speele mithatten, sonst hätten wir wohl verhungern müssen. Acht Wochen haben wir auf dem Meer geschwommen. Es war auch ein großer Sturm, da sind wir alle ganz krank gewesen und meinten, wir müßten sterben. Aber nachher der Durst war noch schlimmer.

Dann aber kam das große, große Leid.
Da sind so viele gestorben. Jeden Tag wurden die Leichen in die See geworfen. Es war schrecklich. Da ist auch unser liebes, kleines Jettchen gestorben. Wir haben alle viel geweint. Und wenn wir uns nicht hätten trösten können mit Gottes Wort, dann hätten wir diese schwere Zeit wohl nicht durchgestanden. Vor den englischen Matrosen mußte man bange sein und sich immer verstecken. Das Schiff hatte nicht genug Frischwasser mit. Darum sind auch so viel gestorben.

In New Orleans war die große Seereise endlich vorbei. Wir haben Gott gedankt. Dann kamen wir auf ein anderes Schiff. Ich habe nie gewußt, daß es ein so großes Flußwasser gibt. Wir sind sechs Wochen auf dem Mississippi gewesen bis St. Louis. Aber es war diesmal eine schönere Reise, haben auch gut zu essen gehabt und zu trinken. Und habe gesehen, wie groß, groß Amerika ist und noch viel Platz hat. Ließ sich viel davon schreiben.
In St. Louis sind wir wieder umgeladen und fuhren den großen Fluß Missouri herauf bis Hermann. Das ist eine kleine Stadt und wohnen lauter deutsche Menschen hier. Und haben uns gut aufgenommen und haben es nun wieder gut soweit. Aber wir müssen noch etwas hier bleiben, weil noch Winter ist, bis wir hinkönnen und unsere Farm bauen. Verdienen aber alle schon Geld hier, indem Vater beim Zimmern hilft und Mutter wäscht. Und Lina und ich helfen bei andern Leuten im Haus. Fritz und Hermann gehen in die deutsche Schule. So kommen wir gut durch den Winter. Wäre noch viel zu sagen. Doch andermal.

Viele, viele Grüße, auch an alle Bekannten, auch von Vater, Mutter, Fritz und Hermann. Aber die kleine Jette ist tot.
In Dankbarkeit geschrieben von Ihrer früheren Schülerin Anna Berkemeyer.

5. Die Farmer

Man schreibt das Jahr 1867. Die Farm heißt Roegers Stoor in Missouri. Mathilde Berkemeyer, die junge Farmersfrau, sitzt in ihrer guten Stube vor einem Stoß Schreibpapier. Es ist Sonntag nachmittag. Die Schwiegereltern sind in die Nachbarschaft gegangen, und ihren Fritz, den jungen Ehemann, hat sie hinterhergeschickt. Sie kann ihn jetzt nicht brauchen, wo ihr erster großer Brief — der erste von vielen, vielen — in die alte Heimat soll. Mein Gott, was gibt’s da alles zu erzählen!

Wie ein Wirbelsturm sind ja die letzten Monate über sie hingegangen. Vorige Woche hieß sie noch Mathilde Hoffmann, und wie lange ist’s her, da saß sie noch bei den Eltern im Langenholzhauser Kantorhause. Bis dann eines Tages von Onkel Christoph aus Amerika der Brief ins Haus kam mit der Anfrage, ob sie nicht herüberkommen wollte nach Missouri und den Fritz Berkemeyer heiraten, den jungen, tüchtigen Nachbarssohn. Der hatte beim Onkel ihr Bild gesehen und wollte nun mit Gewalt keine andere Frau heiraten als sie. Ja, was hätte sie da tun sollen? Die Eltern sagten nicht ja und nicht nein, da müsse sie selbst entscheiden. Nun, aus Onkels Briefen wußte sie ja schon, welch gute und christliche Leute die Berkemeyers waren. Und der Fritz, der Anerbe, dessen Bild der Onkel auch mitgeschickt hatte, der war ja ein Mann, den sie wohl leiden mochte. Also ja!

Der Brief, der dieses Ja überbringen soll, ist kaum fort, da kommt der Heidelbecker Schulmeister ins Haus und berichtet, daß er fort will nach Amerika. Hat mit dem Fürstlichen Konsistorium Krach gehabt und soll aus dem Dienst. Also fort übers Wasser ins Land der Freiheit! „Wollen Sie mich mitnehmen?“ — „Wird gemacht! Aber übermorgen geht es schon los! Und geheim muß es bleiben!“
Eine seltsame‘ Brautfahrt übers Meer! Und die Abreise glich fast einer Flucht. Und war doch so schwer, dieses Losreißen von den Lieben und von der geliebten Heimat! Ach, bei allem Glück und allem frohen Schaffen würde sie diese tiefe Sehnsucht nach der alten Heimat nie verwinden. Heimweh würde sie begleiten ihr Leben lang. Seitdem sie hier war, waren ihr ja die Tage und Wochen wie im Fluge vergangen. Und mit ihrem Fritz, das weiß sie, wird sie glücklich sein, was immer das Leben auch bringt. Die tiefe Gläubigkeit, das feste Gottvertrauen, das sie eint, wird sie beide auch durch das gemeinsame Leben tragen.

Man schreibt das Jahr 1918. … „der ist wie ein Baum, gepflanzet an den Wasserbächen, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht, und was er macht, das gerät wohl!“ — Es ist Abend geworden. Auf der Farm kehrt mählich Ruhe ein. Die alte Frau klappt die Bibel zu und schaut sinnend aus ihrem Häuschen über den weiten Farmhof, wo ihre Enkelkinder noch spielen. „Wie ein Baum, gepflanzet an den Wasserbächen!“ Ja, so war’s wohl gewesen. Und nun ging das Geschlecht der Berkemeyers in die Breite, Enkel und Urenkel wuchsen heran. Mögen sie dauern, mögen sie wachsen und blühen, und mögen sie allezeit bleiben in der Furcht des Herrn!

Mathilde Berkemeyer sitzt und sinnt. Ihre Gedanken ziehen der alten Sehnsucht nach, in die alte Heimat über den Was- sern. Die Lieben alle, die sie einst dort gekannt, sind lange dahin. Aber noch um die Kinder und Kindeskinder jener Lieben kreist ihre Sorge. Was wird aus Deutschland? Es liegt im Kriege mit der ganzen Welt. Sind die Deutschen auf einmal so schlecht geworden, wie die Zeitungen es schreiben? Sie kann es nicht glauben. „Grüßt mir die Lieben in der alten Heimat!“ das werden ihre letzten Worte sein.

Man schreibt das Jahr 1954. Im Herbst dieses Jahres wird der große Familientag der Berkemeyers sein, die Hundertjahrfeier der Amerikafahrt. Dann werden sie kommen, die Berkemeyersippen, aus Kansas und Nebraska und Jowa, vor allem aber aus Missouri. Dann werden sie kommen die Handwerker und Angestellten, die Kaufleute und Techniker und die Studierten, aber die Farmer werden in der Mehrzahl sein. Sie werden kommen in ihren großen Autos, den Kilometerfressern, sie werden kommen mit ihren schmucken Frauen und ihren hübschen Kindern. Und die Alten, die noch die Ahnen gekannt, und die Enkel, die sich noch der Großeltern erinnern, sie werden erzählen von alten Zeiten. Emil aber wird Briefe verlesen von seinem Sohne Verlon, der nun Soldat in Germany ist. Und Estelle wird berichten von ihrer Deutschlandfahrt und den Besuchen bei Verwandten im Lipperlande, und William wird seine Farbfotos zeigen. Und wird viel Lachen und Fröhlichkeit sein. Und, so wollen wir hoffen, die Verbundenheit mit der deutschen Stammheimat wird wachgehalten und nicht verlöschen.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1955 – von Wilhelm Süvern