Die Burg in Kohlstädt

In Kohlstädt steht eine kleine, eher unauffällige Burgruine, die dennoch wegen ihres hohen Alters von besonderem Interesse ist. Die Tatsache, daß die Burganlage klein ist und nicht unserem romantischen Bild einer mittelalterlichen Ritterburg entspricht, führte dazu, daß in früheren Jahrhunderten allerlei merkwürdige Interpretationen der Anlage umliefen. Man hielt den Turm für einen Kalkofen, eine Eisenschmelze, eine „Heidenkirche“ oder gar den „Turm der Velleda“.‘ Vel(l)eda war eine Frau, die in der Zeit des Römischen Kaiserreiches (69/70 n. Chr.) als Seherin verehrt wurde und von Tacitus in seinen Historien und auch in der Germania erwähnt wird. Natürlich stammt der Turm in Kohlstädt nicht aus dieser Zeit, denn damit überschätzt man sein Alter immerhin um gut tausend Jahre. Eine gewisse Unsicherheit über die Funktion des Bauwerkes läßt auch Wilhelm Gottlieb Levin von Donop in seiner 1790 erschienenen Beschreibung Lippes erkennen: „Gleich unterhalb Kolstät, an der Strote, stehen die Ue-berbleibsel eines uralten Gebäudes. Sie sind an dem einen Ende noch an 50 Fuß hoch, etwa 40 breit und 100 lang. An jenem Ende ist dieses MauerViereck nirgends einen eigentlichen gemachten Eingang; sondern nur ein nachher eingebrochenes Loch, wodurch man einkriechen kann; auch trift man an dem ganzen noch stehenden Ueberrest des Gebäudes keine Spur von Fensterlöchern an. Die Mauern sind übrigens dick und von besonderer Beschaffenheit: denn man glaubt ehender eine Felsenwand als Mauerwerk zu betrachten.“2 Das Unverständnis für die Ruine hatte immerhin schon 1704 Schatzsucher angezogen, die vor Ort gegraben hatten, aber offensichtlich nichts für sie Wertvolles fanden.1 Erst 1932 konnten in einer archäologischen Grabung viele der Rätsel um die alte Ruine geklärt werden. Seit dieser Zeit aber haben verschiedene Forschungen eine ganze Reihe von Erkenntnissen über vergleichbare Anlagen erbracht, so daß es sich lohnt, auch die Kohlstädter Burg noch einmal zu beschreiben.

Der Wohnturm in Kohlstädt: eine Motte
Die Burg besteht aus zwei Teilen, einem Turm und einem weiteren Gebäude, das seitlich durch einen kleinen Zwischenraum verbunden ist. Der Turm bildet fast exakt ein Quadrat, mit knapp 12 Meter Seitenlänge.4 Er dürfte mehrere Geschosse hoch gewesen sein und besaß einen Zugang im ersten Obergeschoß1, was das Fehlen eines Eingangs im erhaltenen Erdgeschoß erklärt. Gefunden wurden Reste einer Lehmtenne, die den Fußboden gebildet haben dürfte, und Überreste eines Kreuzgewölbes, mit dem das Erdgeschoß überbaut war. Die noch erhaltenen Fenster sind eigentlich Schlitze, etwa 15 Zentimeter breit und 1 Meter hoch. Für die Verteidigungsfähigkeit einer Burg waren solche kleinen Fensteröffnungen wichtig, aber man kann sich gut vorstellen, daß zumindest in den unteren Räumen die einfallende Sonne nur ein schummriges Dämmerlicht erzeugte. Außerdem war der Innenraum nicht besonders groß, denn die Mauern waren immerhin knapp 2,40 Meter dick. Um die Burg besser verteidigen zu können, hatte man zuerst einen Hügel von 3,40 Meter aufgeschüttet, was heute durch den modernen Straßenbau und andere Arbeiten nur noch zu erahnen ist. In den Hügel baute man dann den Turm, in dem sicher auch gewohnt wurde. Einen solchen Wohnturm auf einem künstlichen Hügel nennt man Motte nach dem französischen Begriff Chateau ä motte (= Burg auf einem Erdhügel). An den Wohnturm schließt sich nach Westen ein etwa 18 Meter langes und knapp 12 Meter breites Gebäude an, das durch eine Wand in zwei Räume geteilt war. Seine Mauern sind deutlich dünner, so daß dieses Haus offensichtlich nicht in erster Linie der Verteidigung, sondern dem Wohnen diente. Um die ganze Anlage herum darf man einen Graben vermuten, der aber heute nicht mehr nachweisbar ist. Vergleichbare Burgen vom Typ Motte gab es auch in Rheda, in Brake bei Lemgo6 und in Ri-schenau.7 Auf dem Brink bei Rischenau konnte man bei einer ebenfalls sehr kleinen Motte Gräben von 14 Meter Breite erkennen, was den Wehrcharakter einer solchen Burg deutlich aufzeigt.“ Wie aber ist eine Motte und damit auch die Kohlstädter Ruine nun in den Burgenbau im östlichen Westfalen einzuordnen? Wann entstand die Burg und wer bewohnte sie? Weil schriftliche Quellen zu diesen Fragen im Falle Kohlstädts fehlen, sind wir bei diesen Fragen neben der Auswertung der archäologischen Grabung auf Vergleiche zu anderen Burgen in der Region angewiesen.

Die ersten Adelsburgen
Schon zur Zeit Karls des Großen gab es Burgen in unserem Gebiet. Während der Kriege der Franken gegen die Sachsen werden zum Beispiel die Eresburg (auf dem Bergsporn, der heute den Stadtteil Obermarsberg trägt) oder die Iburg oberhalb Bad Driburgs erwähnt.9 Allerdings handelte es sich dabei um sehr große Anlagen, die nicht nur Straßen und Wege schützten, sondern auch als Fliehburg für die Bevölkerung dienen konnten. Die Adeligen dieser frühen Zeit bewohnten Höfe, die höchstens durch einige Palisaden geschützt waren. Erst unter dem Eindruck der Kämpfe gegen Normannen, Slawen und Ungarn begannen einzelne Adelige damit, kleine Burgen zu erbauen, um sich selbst, ihre Familie und ihr Gefolge zu schützen. Die Bevölkerung allerdings fand in diesen Adelsburgen keine Zuflucht mehr.1″ Die frühesten Beispiele kleiner Burgen des Adels kennen wir aus der Zeit um 1000. Es handelte sich dabei nahezu immer um Wohntürme wie in Kohlstädt. Im weiteren Verlauf des Mittelalters wurden zwar größere Burgen gebaut, doch blieben Wohntürme im ganzen Mittelalter beliebt. Es finden sich deshalb noch viele solcher Burgen in unserer Region. Dazu gehören die Oldenburg bei Marienmünster, die Burg in Beverungen oder die Tonenburg bei Höxter. In der ersten Phase dieses Burgenbaues zwischen 1000 und 1150 waren es große und bedeutende Familien, die Burgen errichteten. Erst später gingen auch kleinere Adelsgeschlechter dazu über, ihre Wohnsitze zu befestigen. Eine solche kleine Adelsfamilie gab es auch im Raum Kohlstädt. Der älteste von drei Brüdern erbte den Besitz in Kohlstädt und schenkte ihn um 1050 dem Bistum Paderborn wie aus einer Urkunde hervorgeht, die allerdings erst später ausgestellt wurde.“ Weil dieses insgesamt unbedeutende Adelsgeschlecht nicht für einen Burgenbau in Frage kommt (vergleiche unten), kann die Burg erst danach errichtet worden sein.12 Demnach ist die Burg wohl um 1100 gebaut worden. Ein Ergebnis, das sich auch mit der dort gefundenen Keramik deckt.11 Sie gehört damit aber immer noch zu den ältesten Adelsburgen im heutigen Kreis Lippe.

„Grundriß der Ruine bei Kohlstädt.“ Zeichnung von Emil Zeiß, wahrscheinlich aus dem Jahre 1863. Beschriftung von oben nach unten: Umgestürztes Mauerwerk – Stauwerk – 39 (Fuß) – Bach – Nischen – 702 (Fuß) – Chaussee von Kohlstädt nach Schlangen.

Die Anlage zeigt auch schon eine Übergangsform zu späteren Burgen. Weil die Wohntürme eng, dunkel und schwer zu beheizen waren, zog man es bald vor, die Türme nicht mehr zu bewohnen. Neu errichtete Türme enthielten kaum noch Wohnräume. So entstand der Bergfried, der dann auch mit geringerem Durchmesser gebaut werden konnte. Stattdessen baute man zum Wohnen ein separates Gebäude, meistens Palas genannt und umgab die ganze Anlage mit einer Ringmauer. Das Fehlen einer solchen Ringmauer und das Aussehen des Turmes zeigen, daß der Turm in Kohlstädt zumindest für den Fall einer Fehde noch bewohnbare Räume enthalten haben muß. In ruhigen Zeiten aber wurde der angebaute Wohnteil genutzt, in dem auch ein Herd gefunden wurde.14 Allerdings muß man sich vergegenwärtigen, daß nur ein einziger Herdplatz vorhanden war. Im Winter mußten sich die Bewohner der Burg in einem einzigen Raum zusammendrängen, wollten sie nicht frieren. Besonderen Luxus bot die Burg in Kohlstädt sicher nicht. Das ist zweifelsohne auch ein Grund, warum sie im 14. Jahrhundert aufgegeben wurde. Ungeklärt blieb bisher, wer die Burg gebaut und bewohnt hat.

Die Erbauer der Kohlstädter Burg
Heinrich Kiewning glaubte offensichtlich 1933, in der kleinen Adelsfamilie von Kohlstädt auch die Erbauer der Burg gefunden zu haben.15 Weil das Bistum Paderborn schon zu Zeiten Bischof Meinwerks (Bischof von 1009 bis 1036) über Besitz in Kohlstädt verfügte, nahm Kiewning außerdem an, daß die erwähnte Schenkung schon vor Meinwerks Zeiten geschehen sein müßte. Eine so frühe Übergabe paßt aber nicht zu der in der Urkunde geschilderten Generationsfolge. Die Schenkung muß statt dessen wie oben erwähnt um 1050 erfolgt sein. Der Paderborner Besitz unter Bischof Meinwerk kann demnach nicht identisch sein mit dem Besitz der „Edelinge“ von Kohlstädt.

Ruine der Burg in Kohlstädt. Aquarell von Emil Zeiß aus dem Jahre 1863.

Daß es auch andere Grundbesitzer in Kohlstädt gab, ist durch Schenkungen an Meinwerk überliefert.16 Interessanter ist die Frage, ob diese Edelinge die Erbauer der Burg in Kohlstädt waren? Das scheint jedoch ausgeschlossen, denn für das 11. und frühe 12. Jahrhundert ist in keinem einzigen Fall ein Burgenbau durch ein kleines Adelsgeschlecht in unserem Raum verbürgt. Die noch wenigen Burgen gehörten (soweit bekannt) alle bedeutenden Adelsgeschlechtern. Darüber hinaus wäre die Schenkung einer Burg sicher auch in irgendeiner Form schriftlich festgehalten worden. Auf den ersten Blick scheint daher nur der Bischof von Paderborn als Erbauer in Frage zu kommen. Doch auch die Paderborner Bischöfe treten erst im 12. Jahrhundert als Burgenbauer in Erscheinung. Es wäre immerhin merkwürdig, daß die Bischöfe zuerst in einem von Paderborn aus gesehen eher am Rande liegenden Dorf eine Burg bauten, bevor sie in ihrem Kerngebiet entsprechende Anlagen gründeten. Wahrscheinlicher ist es, daß die Grafen von Schwalenberg den Kohlstädter Wohnturm errichten ließen. Ihre Geschichte ist eng verzahnt mit der des Bistums Paderborn und des Klosters Corvey (das hier ebenfalls begütert war). Seit 1123 hatten sie als Vögte die Gerichtsherrschaft für die Bischöfe inne und spätestens seit 1116 waren sie auch Vizevögte von Corvey.17 Außerdem belegen spätere Urkunden, daß sie in Kohlstädt über Besitz verfügten.“1 Wann sie diesen Besitz erworben hatten, wissen wir allerdings nicht. Wichtiger scheint mir, daß die Schwalenber-ger als Erbauer ganz ähnlicher Anlagen bezeugt sind. Sie besaßen um 1100 nicht nur die Stammburg bei Marienmünster, sondern spätestens 1150 auch den kleinen Wohnturm auf dem Brink bei Rischenau.16 Beide Anlagen weisen Ähnlichkeit mit dem Kohlstädter Wohnturm auf. Später wurde von den Schwalenbergern in Rischenau selbst noch ein Wohnturm erbaut, der in Ausdehnung und Mauerstärke ebenfalls vergleichbar ist.2″ Natürlich ist dies kein Beweis dafür, daß auch die Burg in Kohlstädt durch die Grafen von Schwalenberg errichtet wurde. Solange keine neuen Erkenntnisse vorliegen, scheint mir diese Annahme aber am wahrscheinlichsten. Die Burg selbst war zweifellos mit Burgmannen besetzt. Noch im Jahre 1365 gab es einen Niederen Hof, der als Burglehen ausgegeben wurde, obwohl die Burg offenbar nicht mehr bewohnt wurde.21 Wo dieser Niedere Hof lag, ist heute nicht mehr festzustellen.22 Burgländereien allerdings erschienen noch in einem Sal-buch des 17. Jahrhunderts.23 Nimmt man an, daß die Kohlstädter Burg von den Grafen von Schwalenberg gebaut worden ist, dann klärt sich auch ihr weiteres Schicksal. Im Laufe des 14. Jahrhunderts erbten die Edel-herren (später Grafen und Fürsten) zur Lippe den größten Teil des Besitzes der Schwalenberger und damit wohl auch den Kohlstädter Wohnturm. Genau zu dieser Zeit aber wurde nach Ausweis der Keramikfunde die Burg aufgegeben. Die Lipper benötigten sie offensichtlich nicht, weil sie mit den Burgen Hörn und Blomberg, sowie der Falkenburg bei Detmold-Berlebeck bereits genügend Stützpunkte an den Straßen über das Gebirge besaßen. Denn die wichtigste Funktion der Kohlstädter Burg war offensichtlich der Schutz der vorbeiführenden Straße. Die Strothe, die im Mittelalter noch einen etwas anderen Verlauf besaß als heute, hatte an ihren Seiten Kiesflächen angehäuft, die lange Zeit als Weg benutzt wurden.24 Diesen Weg und das Dorf bewachte der Turm. Unter der Herrschaft der Edel-herren zur Lippe konnte Kohlstädt sowohl von Hom aus als auch von der Falkenburg aus in annehmbarer Zeit erreicht werden. Tatsächlich rechneten die Edelherren Kohlstädt schon 1405 zur Ausstattung der Falkenburg.25 Die kleine, ungemütliche Burg verfiel in der Zwischenzeit und wurde nicht mehr erwähnt. Deshalb geriet auch ihre ursprüngliche Funktion in Vergessenheit.

Quelle: Schlangen – Kohlstädt – Oesterholz – Haustenbeck. Beiträge zur Geschichte Band II. – Von Frank Huismann

Hier finden sie die Ruine von Burg Kohlstädt.