Die Detmolder Kriegstage 1945

Tagebuchnotizen von Bernhard Ebert1Dr.Bernhard Ebert, * 2.3.1882 in Bremen, + 8.2.1958 in Detmold, lebte seit 1893 in Detmold und war bis zu seiner Pensionierung als Richter tätig, zuletzt als Oberamtsrichter am Amtsgericht. Er bewohnte 1945 das Haus Allee Nr.5. Die handschriftlichen Tagebuchnotizen sind in einem 16seitigen DIN A 5-Heft niedergeschrieben; sie befinden sich im Besitz seiner Tochter, Frau Hedwig Eisenhardt geb.Ebert, die das Manuskript zusammen mit den folgenden Erläuterungen freundlicherweise für die Veröffentlichung zur Verfügung stellte.
bearbeitet von Hermann Niebuhr“‚

Nachdem die feindlichen Truppen seit Anfang März immer mehr Boden auf dem rechten Rheinufer gewonnen hatten, wurde die Lage auch für unsere Stadt allmählich bedrohlicher, und wir mußten mit feindlicher Besetzung im Laufe des Monats April rechnen.

Am Dienstag, dem 27.März erschien zu unserer größten Freude Hedwig,2Tochter von Bernhard Ebert (vgl.Anm.l), * 11.11.1922 in Detmold; 1945 Studentin in Göttingen. die am frühen Morgen in Göttingen abgereist und von Ostbergen bis Altenbeken mit dem Fahrrade gefahren war. Sie wollte die Ostertage bei den Eltern verleben und hatte die Absicht, am Dienstag nach Ostern nach Göttingen zurückzufahren, wo sie ihre meisten Sachen, ihre Papiere und ihr Geld in ihrer Wohnung zurückgelassen hatte.

Mittwoch. 28.März. brachte für unsere Stadt eine Verschärfung der Kriegslage. Ein Fliegerangriff am Vormittage nötigte mich zur Unterbrechung der Strafsitzung. In der Nähe des Gerichts fielen Spreng- u.Brandbomben, in der Mühlenstraße enstanden mehrere Brände; die Kapelle der Evangel. Gemeinschaft brannte aus, andere Häuser wurden stark beschädigt. Auch am Nachmittag war mehrfach Fliegeralarm.

Verkleidung der Schaufensterscheiben der Häuser Paulinenstraße. Foto Karbach, Detmold 1945

Gründonnerstag. 29.März. Vormittags und Nachmittags mehrfach Alarm, jedoch kein Angriff auf Detmold. Der Gottesdienst abends um 19 Uhr verlief ungestört. Um 22 Uhr erschien Justizobersekretär Heißenberg u.meldete, daß derFeind im Sauerlande stark vorgerückt sei und bereits bei Brilon stehen solle, sodaß mit einem schnellen Weitermarsch auf Paderborn zu gerechnet werden müsse.

Am Karfreitag. 30.März. suchte ich daraufhin LG Präs.Winkelesser auf und kam mit ihm überein, daß sofort noch nichts Amtliches zu veranlassen  sei. Der Tag brachte wieder viele Fliegeralarme. Am Nachmittage verbrachten wir weitere schutzbedürftige Sachen in den Keller. Um 18 Uhr kam ein Polizeibeamter und forderte zur Ablieferung eines Fahrrades für militärische Zwecke auf. Noch während Fliegeralarms brachte Hedwig Mutters3Marie Ebert geb.Wulkop, * 1886 in Celle, Bernhard EbertRad zur Kaserne in der Leopoldstraße.

Sonnabend. 31 .März. Im Gericht herrschte bei allen Beamten u. Angestellten ernsteste Stimmung, da die Feinde bis Paderborn vorgerückt waren. Die elektr.Bahn stellte den Verkehr ein. Ich erledigte im Amtsgericht die für den Fall der feindl.Besetzung vorgesehene Pflicht und bearbeitete Straf- u. Gnadensachen. Auf die Nachricht, daß reichlich viel Fahrräder abgeliefert seien, erreichte ich bei Pol.Hauptmann Haaskamp die Freigabe unseres Rades, über das die Truppe noch nicht verfügt hatte. Hedwig konnte es wohlbehalten wieder in Empfang nehmen.

Am Nachmittag holte ich zwei Gefangene für den Garten und zur Fertigstellung des Bunkers. Durch Herausschaffen abgebröckelter Erdmassen wurde der Bunker trocken und benutzbar gemacht. Die Gefangenen brachten ein Bett vom Boden in den Keller für den Fall längerer nächtlicher Kelleraufenthalte.

Ostersonntag 1 .April. Infolge der Nähe der Front, von der dauernd Kanonendonner hörbar wurde, und wegen der häufigen Fliegeralarme konnte keine Festtagsstimmung aufkommen. Hedwig ging um 8 Uhr zur Kirche, wo der Gottesdienst ungestört verlief. Für den Fall einer Beschießung unserer Stadt verbrachten wir weitere Sachen in den Keller, die übrigen Hausbewohner ebenfalls. Wir verbrachten den Tag still in Haus und Garten; der Heeresbericht bestätigte die Anwesenheit der Feinde in Paderborn. Am Nachmittag kam Frau A.Hofmann4Ehefrau des Fabrikanten Alex Hofmann, wohnhaft in der Rosenstraße. Hofmann wurde nach dem Einmarsch der alliierten Truppen als Bürgermeister der Stadt Detmold eingesetzt. und überlegte mit uns, ob ihre Tochter wohl am Dienstag ihre neue Stelle beim Bauern Husemann in Wühler antreten müsse oder könne. Wir erklärten, daß Hedwig jetzt unter dem Druck der Ereignisse einsehe, welch gefährliches Wagnis eine Radfahrt nach Göttingen sei und daß sie hier bleiben werde. Herr Hofmann rief s.Frau fernmündlich zurück, da die Feinde bereits in Augustdorf seien und in der Dörenschlucht gekämpft werde. Die allgemeine Hoffnung, Detmold werde als offene Stadt kampflos den Feinden überlassen werden, wurde geringer. Es hieß, SS und Volkssturm würden die Stadt aufs äußerste verteidigen.

Am Abend kam Schwester Elisabeth,5Elisabeth Ebert, Schwester von Bernhard Ebert, wohnhaft Palaisstraße 33. um die Nacht hier zu verbringen. Um 21 Uhr teilten Brandes6Familie Brandes, wohnhaft Palaisstraße 46. uns mit, daß nach Mitteilung von Oberst Schaffer die Anlagen des Flugplatzes gesprengt werden sollten und daß deshalb die  Fenster zur Vermeidung von Bruch der Scheiben zweckmäßig geöffnet würden. Wir kamen dem Rate nach und verbrachten den Rest des Abends im Badezimmer. Infolge dauernden Fliegeralarms und wegen befürchteten Artilleriebeschusses blieben wir in Kleidern und legten uns nur zeitweise in den Zimmern etwas zur Ruhe. Die meisten Fenster blieben halb geöffnet. Von Sprengungen auf dem Flugplätze war nichts zu hören.

Ostermontag. 2.April. Die besorgte Stimmung wuchs. Der Vormittag verging mit weiteren Vorbereitungen für Beschießung und Feindeinmarsch. Hedwig kam vom Fleischeinkauf – einige Lebensmittelgeschäfte hatten kurze Zeit geöffnet – mit der Nachricht zurück, Detmold sei zur offenen Stadt erklärt. Das Gerücht sollte sich leider nicht bestätigen. Um 13½ Uhr kam Fahnenjunker-Unteroffizier Rothert völlig erschöpft und bat, sich waschen zu dürfen. Von den 2000 vor wenigen Tagen ausgerückten Fahnenjunkern, die hier zur Ausbildung lagen, hatten sich nur 60-80 gerettet; die andern waren gefallen oder gefangen. R.war mit 4 Kameraden zu Fuß über Hamm – Beckum hierher gelangt, um sich zu stellen. Nach reichlichem Mittagessen und Schlaf nahm er mit uns am Nachmittagstee teil, der wegen einsetzender Beschießung im Keller stattfinden mußte. Außer Elisabeth hatte sich auch Elisabeth Lincke7Elisabeth Lincke geb.Preuß, Cousine von Bernhard Ebert, Wilhelm Lincke, Oberst a.D., wohnhaft Gutenbergstraße. um 15½ Uhr eingefunden, um die kommenden] Tage hier zu verbringen, da Wilhelm im Volkssturm tätig und daher abwesend sei. Rothert verließ uns gestärkt um 17 Uhr mit einem Kameraden, der sich um 16 Uhr eingestellt hatte. Ich gab Rothert Arnolds Handgranate u.Christophs8Arnold und Christoph Ebert, Söhne von Bernhard Ebert; Christoph war 1943 bei Stalingrad gefallen; Arnold war bei Kriegsende Leutnant.  Revolver mit, um diese Waffen aus dem Hause zu bringen. Im Laufe des Nachmittags wurden in unserer Nähe das Palais u.das Haus des Konditors Hoppe getroffen; in letzterem entstand ein – bald gelöschter – Zimmerbrand. Hedwig erhielt Besuch von Hanna Zippelius9Hanna Zippelius geb.Brandes (Freundin von Hedwig Ebert). und verbrachte mit ihr längere Zeit im Bunker unter unserer Tanne. Um 19 Uhr setzte stärkere Beschießung der Stadt ein, die mit kleineren Pausen bis zum folgenden Morgen andauerte. Unsere aus 11 Personen bestehende Hausgemeinschaft verbrachte die ganze Nacht in bester Eintracht im Keller, wo beiderseits der Treppe genügend Sitzgelegenheit war. Im großen Keller gab es kaltes Abendbrot. Das Pfeifen der Granaten war deutlich hörbar, mehrere Einschläge waren in nächster Nähe zu spüren. Wiederholt klirrten Scheiben bei uns, und Mörtel ging im Schornstein nieder. An Schlaf dachte in dieser Nacht niemand; die Frage, weshalb diese Verteidigung der Stadt in der Dörenschlucht und bei Hiddesen wirklich nötig gewesen sei, bewegte uns lebhaft.

Dienstag. 3.April. Nachdem gegen 7 Uhr die Beschießung aufgehört hatte, konnten wir zu unserer Freude feststellen, daß unser Haus unbeschädigt war und wir nur eine Anzahl Fensterscheiben verloren hatten. Nach gemeinsamem Frühstück im Keller konnte Hedwig beim Bäcker Brot kaufen. Wilhelm Lincke besuchte kurz s.Frau, wies den Gedanken einer kampflosen Übergabe der Stadt weit von sich und erklärte, daß der Feind in der Dörenschlucht zurückgedrängt sei und daß die Verteidigung bis zum äußersten weitergehe. Mittags gemeinsame Mahlzeit im Keller. Der elektrische Strom hörte nun auch auf, nachdem das Gas schon seit zwei Tagen aufgehört hatte. Um 16 Uhr beschossen Tiefflieger die Stadt; unser Haus blieb wieder verschont. Zwischen 18 und 19 Uhr setzte neue starke Artilleriebeschießung ein, die fast ohne Pause bis zum andern Morgen um 7 Uhr dauerte. Die Hausgemeinschaft durchwachte die Nacht bei Kerzenlicht im Keller; Mutter u.Hedwig ruhten meist auf dem in den Keller verbrachten Bette. Großer Lärm von zusammenstürzenden Dächern oder Mauern zeigte uns an, daß Einschläge in nächster Nähe erfolgt sein mußten. Das Krachen der Artillerie war ungeheuer laut u.bewies das Näherrücken der Feinde. Jeder sehnte schon von Mitternacht an das Ende dieser Schreckensnacht herbei.

Mittwoch. 4. April. Nach Aufhören der Beschießung um 7 Uhr durften wir zunächst dankbar feststellen, daß unser Haus wiederum verschont geblieben war; die Zahl der zertrümmerten Fensterscheiben hatte sich allerdings auf über 40 erhöht. Allee u.Neustadt zeigten erhebliche Schäden. Mehrere große Bäume waren entwurzelt u.lagen quer in der Allee. Im Schönfeldschen Hause Nr.4 war eine Granate ins Dach gegangen und hatte die Dachpfannen bis in unseren Gang zum Torweg geschleudert. Das früher Cordes’sche Haus Nr.7 hatte zwei Treffer erhalten und war bis ins Erdgeschoß beschädigt. Auf der Neustadt hatten das v.Sobbe’sche und das früher Thorbeckesche Haus Dachschäden erhalten; auch das Theopoldsche Haus – Nr.3 der Allee – hatte an der Rückwand einen Einschlag, sodaß gerade die ärztlichen Praxisräume getroffen worden waren. Fahrdamm und Gehbahnen waren voll von Trümmern und Glassplittern.

W.Lincke suchte seine Frau kurz auf und berichtete, daß die Verteidigung bis zum letzten weitergeführt werden solle und daß eine Übergabe zwecks Schonung der Stadt nicht in Frage komme. Er hatte dabei s.Frau angedeutet, daß er selbst am Kampfe wohl teilnehmen und dabei den Tod finden werde, Elisabeth trug sich tagsüber tapfer mit dem Gedanken, daß sie Wilhelm nun wohl nicht Wiedersehen werde; sie tröstete sich mit der Erwägung, daß ein solcher Tod die Vollendung u.Krönung seines soldatischen Lebens bilden werde.- Alle übrigen Hausbewohner waren von Linckes Mitteilungen er- schüttert, da wir immer noch die Hoffnung hegten, Detmold werde kampflos geräumt werden.

Frühstück und Mittagessen fanden wiederum im Keller statt, doch gestattete die Lage einen Aufenthalt in den oberen Räumen. Auch konnten die notwendigsten Lebensmittel eingekauft werden. Artilleriefeuer war vormittags noch immer hörbar; vom Mittag an kamen immer mehr deutsche Militärfahrzeuge aus der Richtung Berlebeck und Hiddesen zurück; auch verstärkte sich die Zahl der einzeln oder in kleinen Trupps zurückflutenden abgekämpft und erschöpft aussehenden deutschen Soldaten. Nach dem Mittagessen wieder Aufenthalt im Garten möglich; Hedwig holte von Balken Fabrik in der Hornschen Straße einen Kasten Fruchtschnitten, die dort als zu Militärbeständen gehörig an die Bevölkerung abgegeben wurden. Schon ehe sie zurück war, setzte ein starker Angriff von Tieffliegern ein, die auch zahlreiche Brandbomben und Kanister abwarfen. In nächster Nähe wurde das Geschäftshaus des Friseurs Hahn in der Langen Straße in Brand gesetzt. Das Haus brannte bis zum Abend völlig aus, desgl.das daneben liegende große Begemannsche Haus (Eisdiele) u.das Haus des Drogisten Dankes. Andere Brände waren in der Leopoldstraße, Langen Straße (Metzelten, Schuhhaus Grothe, Koopmann) u.Kaserne II. Bald nach dem Ende des Tieffliegerangriffs um 18 Uhr wurde Maschinengewehrfeuer vom Hiddeser Berge her hörbar. Die Feinde näherten sich also der Stadt. Um 19 Uhr drangen die Amerikaner durch die Bandelstraße, Hans Hinrichsstraße, Schillerstraße in die Stadt ein. Das Gewehrfeuer verstummte allmählich; die letzten SS-Truppen verließen Detmold in Richtung Meiersfeld-Blomberg. Um etwa 19½ Uhr sahen wir die ersten amerikanischen Panzer, die aus der Weinbergstraße kommend am Lippischen Hofe hielten. Bald darauf beobachteten wir, wie auf der Neustadt amerik.Soldaten in jedes Haus bis zu Kanne (Nr.9) gingen und gleich darauf alle Einwohner das Haus verließen und sich zum Lipp.Hofe begaben. Wir bereiteten uns auf die gleiche Maßnahme vor, wurden jedoch unbehelligt gelassen. Nach einer halben Stunde kehrten die Neustadtanwohner in ihre Häuser zurück. Damit war nun der Feind in der Stadt und jeder fühlte das Bedrückende dieser Besetzung. Das Bewußtsein, daß der Krieg endgültig verloren ist und Deutschland einer unsagbar schweren Zukunft entgegengehen muß, drängte sich auf. Für den Augenblick brachte das Gefühl der Entspannung und des Endes der Luftgefahr für unsere Stadt eine gewisse Erleichterung.

Während in der Stadt Stille herrschte, bereiteten wir Nachtlager außerhalb der Kellerräume vor; unser Gast Elis.Lincke und Schwester Elisabeth nächtigten in Hedwigs und meinem Zimmer; wir holten die aus Vorsicht im Keller verstauten Betten unseres Schlafzimmers wieder herauf und fanden nach drei Schreckensnächten ungestörten tiefen Schlaf im eigenen Bett.

Donnerstag. 5.April. Früh um 7 Uhr holte W.Lincke seine Frau ab. Er berichtete, daß der Widerstand vergeblich gewesen sei und daß er nach „Auflösung“ des Volkssturms als Zivilperson hier verbleibe.  Der Vormittag wurde der Aufräumung der überfüllten Kellerräume gewidmet und wieder etwas Ordnung ins Haus gebracht. Die in den Zimmern liegenden Glassplitter wurden entfernt, Haustreppe und Bürgersteig von Scherben und Mauer- und Ziegelstücken gesäubert. Amerikanische gepanzerte und andere Wagen, auch viele kleine Personenwagen fuhren in großer Zahl in die Stadt ein. Die Übermacht der Feinde in Ausrüstung und Bewaffnung wurde sofort klar.

Nachdem Gas und el. Strom auf gehört hatten, versagte heute auch die Wasserleitung. In Berlebeck hatte der Volkssturm die kleine Brücke über die Berlebecke oberhalb von Kanne sprengen wollen, aber nur die darunter liegende Detmolder Wasserleitung getroffen, sodaß diese unbrauchbar wurde. Wir ließen den Rest des Leitungswassers in die Badewanne und holten zu Wirtschaftszwecken Wasser aus dem Kanal, das im Waschkessel gesammeltwurde.

Freitag. 6. April. Die obere Mühle und Großhändler Wist verkauften Mehl u.Zucker in größeren Mengen an die Detmolder Bevölkerung. Ein Versuch von Hedwig, bei Wist auch 10 Pfund für unser Haus zu erhalten, war ohne Erfolg, da dieser wilde Verkauf auf amtliche Anordnung eingestellt werden mußte.

Ein Gang zum Gericht gab mir den ersten Eindruck von den erheblichen Schäden, die Detmold während der Tage der „Verteidigung“ hatte hinnehmen müssen. Nur wenige Schaufenster sind verschont geblieben; überall bedecken Glassplitter u.Mauerteile die Straßen. Das Gerichtsgebäude hatte einen Volltreffer an der Nordseite erhalten, der in meinen Sitzungssaal eingedrungen [war] und diesen stark beschädigt hatte. Der Eingang des Gerichts war geschlossen und ein Anschlag „Off Limits“ belehrte uns, daß die Besatzungsbehörde die Gewalt über das Gebäude an sich gerissen hatte. In Unterhaltungen mit Winkelsesser, Wigge und mehreren anderen Bekannten kam einmütig die Überzeugung zum Ausdruck, daß der geringe Widerstand, der dem Feind vor Detmold geleistet war, für den Fortgang des Krieges ohne militärische Bedeutung gewesen sei und deshalb die kampflose Übergabe der Stadt richtiger gewesen wäre.

Am Nachmittag nahm ich die Gartenarbeit wieder auf und fand darin etwas Ablenkung von dem schweren Druck des Feindeinmarsches. Die Besatzungsbehörde setzte die Ausgehzeit für Detmolder Einwohner auf die Stunden von 9-12 Uhr fest.

Sonnabend, 7.April. Beseitigung der Reste von Glasscherben, Vernagelung von Fenstern, Wasserholen aus dem Kanal, Holzzerkleinern und Gartenarbeit verhalfen weiter über das Trübe der Lage ein wenig hinweg.

Im Gegensatz zu manchem anderen Hause blieben wir in diesen ersten Tagen der feindlichen Besetzung von eindringenden amerikanischen Soldaten verschont. Unter dem Vorwände einer Kontrolle forderten sie in vielen Häusern außer photogr. Apparaten, Fahnen und Feldstechern, die sie angeblich einziehen sollten, noch Uhren, andere Wertsachen und besonders Wein und Spirituosen j eder sonstigen Art, wobei sie nicht davor zurückschreckten, die Behältnisse gewaltsam in gröbster Weise unter schwerer Beschädigung zu öffnen.

In der folgenden Woche wurde die Ausgehzeit auf die Stunden von 7-18 Uhr festgesetzt, was für die Hausfrauen eine große Erleichterung bedeutete. Die englische Kommandantur richtete sich im Gebäude der Wirtschaftskammer ein und begann ihre Tätigkeit. Ich hatte eine erste Verhandlung mit einem englischen Offizier, der Auskünfte über Grundbücher, Handelsregister u.dergl.haben wollte. Die Gerichte bleiben bis auf weiteres geschlossen.

Ende der Woche erschienen eines Abends um 21 Uhr, als das Haus bereits verschlossen war, vier amerikanische Soldaten mit Waffen und fragten in barschem Tone, wieviel Leute im Hause wohnten. Auf die Antwort kam es ihnen aber nicht an, sie drangen vielmehr zum Teil an uns vorbei weiter ins Haus ein und gingen in den Keller. Mieze verlangte in gutem Englisch ihnen den Ausweis für ihr Erscheinen ab, erklärte, daß ich Richter sei und mit dem Military Government verhandelt und daß mir dort Major Warren bestätigt hätte, daß ich stets den Ausweis oder Auftrag der amerik.Soldaten verlangen solle. Diese wiederholten Ausführungen blieben nicht ohne Eindruck auf die Soldaten, sodaß der erste schließlich seinen Kameraden einen Wink gab, das Haus zu verlassen. So blieben wir vor einer offenbar beabsichtigten Beraubung von Wein u.dergl.verschont. Alle Hausbewohner bedankten sich bei Mieze, die durch Beredsamkeit u.energisches Verhalten es erreicht hatte, daß unser Haus wiederum verschont blieb.

Quelle: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde. Band 64. 1995