Die ehemalige Kapelle in Großenmarpe

Heute steht ein Uhrturm auf dem Platz der ehemaligen Kapelle. Lippe2Web

Sie verfiel etwa im Jahre 1906 dem Abbruch, als Opfer einer Zeitanschauung, die der Bedeutung alter Baudenkmäler für Volkstum, Geschichte und Landschaft noch ohne das richtige Verständnis gegenüberstand. Ohne zwingende Notwendigkeit wurde sie nachdem sie Generationen als Andachtsstätte gedient hatte, beseitigt. Durch vernachlässigte Unterhaltung war sie baufällig und unbenutzbar geworden, war „hinderlich“ und mußte fallen.

Mit welch geringen Kosten die Instandsetzung und Erhaltung für die Nachwelt möglich gewesen wäre, erkennt man aus den alten Akten. Es hat nicht an warnenden Stimmen gefehlt, aber es ist betrüblich zu sehen, daß der Untergang nicht verhindert worden ist, weil es an guten Willen fehlte. Auch die Behörden sind dabei nicht ohne Schuld.

Schon 1893 berichtete der Kapellenvorstand über den baufälligen Zustand der Kapelle. Die bauamtliche Untersuchung erbrachte ein Gutachten, in dem eine gründliche, nicht eine oberflächliche Abstellung der der vorgefundenen Mängel gefordert wurde. Der Gutachter schätzte den Baudenkmalswert des schlichten, weil nicht mit Kunstformen ausgestatteten Baues nicht besonders hoch ein — wir würden das heute nicht als wegmindernd ansehen — betont aber den Wert der alten Wandmalereien und empfiehlt deren weiter Bloßlegen von der Übertünchung, um dann eine Entscheidung über Abbruch oder Erhaltung, treffen zu können. Zum Schluß sagt das Gutachten, daß „durch das Bestehenbleiben des Bauwerks eine nachteilige Beeinflussung des Schulgrundstücks nicht abzuleugnen sei“, ohne irgendeinen Hinweis, worin diese Beeinflussung bestehe.

Daraufhin geschieht nichts! Nach 5 Jahren, im April 1898, kommt ein neuer Bericht des Kapellenvorstandes an das Konsistorium über den weiteren Verfall; Kapellen- und Schulvorstand schlagen den Abbruch vor. Der Bausachverständige der Regierung bestätigt den verschlechterten Zustand und stimmt dem Abbruch zu.

Kapelle in Großenmarpe um 1880

Wieder vergehen 5 Jahre, man läßt die Kapelle weiter verfallen. Im Februar 1903 bittet der Kapellenvorstand den damaligen Landbaumeister Knoop in Blomberg um ein Gutachten, ob das Bauwerk noch reparaturbedürftig sei und eine Instandsetzung für längere Jahre zum gottesdienstlichen Gebrauch die Reparaturkosten lohne, wenn nicht, sei die Ortschaft für den Abbruch.

Koop nimmt eine sehr gründliche Zustandsprüfung vor und stellt in einem ausführlichen Gutachten fest, daß die Bausubstanz im allgemeinen noch gut sei, daß eine Jahrhunderte haltbare Wiederherstellung recht wohl möglich und mit nicht allzu hohen Baukosten verbunden sei.  Im weiteren werden dann die einzelnen Mängel und ihre Beseitigungsmöglichkeiten besprochen und genaue Besserungsvorschläge, auch für das Innere, gemacht. Die Kostenberechnung ist überraschend: Die gesamte bauliche Instandsetzung kostet 2200 Mark, kommt dazu noch die Erneuerung der inneren Ausstattung in einfacher Form, so entstehen insgesamt 3500 Mark kosten, die sich auf 4000 Mark erhöhen, wenn eine reichere Ausstattung mit neuer Bemalung gewünscht wird. Genaue Angeben über die Art und Weise der Ausführung und die Reihenfolge der Arbeiten, Änderungs- und Verbesserungsvorschläge folgen. Das Gutachten erscheint gewissenhaft durchgearbeitet, die vorgeschlagenen Maßnahmen sind durchaus zweckmäßig.

Für sage und schreibe 3500 bis 4000 Mark hätte danach die Gemeinde die Kapelle auf Jahrhunderte hinaus herrichten und würdig ausstatten können, sei es auch bei der Verteilung der Arbeiten auf mehrere Jahre. Es ist kaum ein Zweifel, daß bei Bekanntwerden der alten Malereinen ein nahmhafter Zuschuss zu den Baukosten vom reiche (Kultusministerium) zu erwarten war, vielleicht auch ein solcher von anderen Stellen.

Umso unbegreiflicher ist es, daß man den vernünftigen Vorschlägen Knoop nicht folgt und nichts Ernsthaftes unternimmt. Die Öffentlichkeit ist aber aufmerksam geworden, die Läppische Landesleitung bringt im Februar 1903 einen längeren warnenden Aufsatz und meint: „Die Leute, deren Wiege in Großenmarpe stand, … sind es nicht, die der Zerstörung der alten heiligen Stätte das Wort reden.“ Baurat Koop sieht sich im Februar 1905 veranlasst, die Regierung auf den künstlerischen und kulturgeschichtlichen Wert der Kapelle, sowie auf die drohende Gefahr des Abbruchs hinzuweisen und fordert auf Grund des Gesetzes vom 3. Januar 1895, den Abbruch zu verbieten und die Wiederherstellung zu befördern.

Inzwischen hat der Kapellenvorstand endlich von einzelnen Handwerkern Kostenanschläge eingeholt, die aber unvollständig und zur Berücksichtigung nicht geeignet sind. Daraufhin schlägt Koop vor, einen von ihm zu benennenden zuverlässigen Unternehmer die Arbeiten in Generalunternehmung zu übertragen, was aber vom Kapellenvorstand und Ortsausschuß abgelehnt wird.

Die Regierung schreibt auf Knopf Antrag an das Verwaltungsamt Blomberg, das inzwischen wohl in der Sache berichtet hat: „Aus dem Berichte entnehmen wir, daß die Erhaltung und Wiederherstellung der Kapelle gesichert ist. Zur Gewährung eines Kostenzuschusses fehlt es uns an den nötigen Mitteln.“ Sehr einfach!

Die Erhaltung war aber keineswegs gesichert, wie die Entwicklung zeigte. Nach vierzehnjährigen fruchtlosen Verhandlungen verschwindet das altehrwürdige Bauwerk 1906/07 und macht einem wunderlichen Gebilde von steinernem Turm Platz, dessen Erscheinung wahrlich nicht das Dorfbild verschönt. In welchen Widerständen und Überlegungen endlich die Erhaltung der Kapelle gescheitert ist, besagen die Akten nichts.

Worum ging es? Unser Bild zeigt, wie überzeugend und charaktervoll der schlichte Kapellenbau in seiner überhöhten Stellung inmitten des alten Friedhofs an der Straßenecke wirkte.

Wandmalerei in der Kapelle

Der spätgotische Bau war 1473, vielleicht unter Einbeziehung älterer Bauteile, in einfachen Formen errichtet. Er trug ein Dach von Sohlenplatten und hatte eine einfache, ansprechende Ausstattung in barocken Formen. Was ihm aber besondere Bedeutung und Wert verlieh, waren die gotischen Malereien an Wänden und Gewölben. Wir sind in der glücklichen Lage, die farbige zeichnerische Wiedergabe eines Teiles dieser Malereien von der Hand des um die Aufnahme alter Kunstdenkmäler in Lippe wohlverdienten Lemgoer Zeichenlehrers Dewitz aus dem Jahre 1880 zu besitzen. Die Bilder waren im Laufe der Zeit mehrfach übertüncht worden und nur an den Stellen sichtbar, an denen die Tünche abgefallen war. Dewitz ist auf Grund seiner Proben der Ansicht, daß alle Wand- und Gewerbeflächen bemalt waren und ist sehr für deren vollständige Bloßlegung eingetreten, hat aber leider keine Unterstützung gefunden. Bei dem Mangel an erhaltenen alten Wandmalereien ist die Vernichtung der Großenmarper Kapelle ein sehr zu beklagender, unersetzlicher Verlußt. Eine ganz einheitlich ausgemalte Kapelle wäre bei einigermaßen guter Erhaltung der Bilder eine große kunstgeschichtliche Seltenheit gewesen.

Nach Dewitz zeigten die Chorwände einen Apostelzyklus, aus dem unser Bild die Apostel Paulus (mit dem Schwert) und Thomas (mit dem Winkelmaß) wiedergibt. Außerdem war im Chor der Schmerzensmann, Christus, im Brunnen stehend mit Geißel und Rute aufgemalt. Letzteres Bild ist unzweifelhaft der Kirche in Blomberg entlehnt, wo sich am Grabmal Bernhard VII. die gleiche Darstellung plastisch in Sandstein befindet. Da sich auch am Gewölbe das gleiche gotische Rankenwerk zeigt wie Kinder der ehemaligen Sakristei der Blomberger Kirche, so kann mit einiger Sicherheit vermutet werden, daß beides von derselben Künstlerhaus stammt und das um so mehr, als die Erbauungszeit beider Bauten nahezu zusammenfällt. Auch in Steinheim ist diese Künstlerhaus nachweisbar.

Es wäre schon eine gute Tat gewesen, die Großenmarper Kapelle zu erhalten; ihre Zerstörung hat uns wertvoller Kunst beraubt.

Ein warnendes Beispiel!

Quelle: Lippischer Kalender 1952, 264. Jahrgang – Von Karl Vollpracht, Detmold