Die Entstehung des Dorfes Wiembeck

Zu den jüngsten Siedlungen im Lipperlande gehört auch das Dorf Wiembeck in der Reihe der sogenannten Hagendörfer. Es war im 12. und 13. Jahrhundert, zur zeit der Gründung der ersten deutschen Kolonie im Baltenlande, als fleißige, knorrige Bauern gen Osten zogen, um brachliegenden fruchtbaren Boden zu bebauen.

Die regierenden Grafen zur Lippe wollten aber nicht, daß tüchtige Bauern außer Landes zogen. Ihre Kräfte sollten der eigenen Scholle und Heimat nutzbar gemacht werden, und so geschah es denn, daß neben vielen anderen Grundflächen auch mit Hecken und Waldbäumen bestandener anbaufähiger Boden urbar gemacht wurde. Alle diese sogenannten Hagendörfer, oder Heckendörfer würde man heute hochdeutsch sagen, verdanken dieser Fügung ihre Entstehung. Ein weiterer Grund dieser Siedlungspolitik der Regierenden war die Seßhaftmachung der nicht erbberechtigten Bauernsöhne. Ihnen wurden diese Hagen- und Waldflächen zur Urbarmachung überwiesen und ihnen dazu besondere Freiheiten verliehen. Man unterschied nun sogenannte “Frei Hagen“ und „unfreie Hagen“. Man nannte dies freie rechte, die persönliche und gesicherte Besitzrechte bei geringen Lasten. Diese rechte hießen „die sieben freien Hagen-Rechte“. Ein solches Besitztum war ein Erbzinsgut, konnte aber trotzdem vom jeweiligen Inhaber aufgeteilt und an Familienangehörige, sofern sie Hagenangehörige waren, abgetreten werden. Ein Verkauf konnte nur stattfinden, wenn der Hagherr oder dessen nächste Verwandten keinen Widerspruch erhoben. Hagherr war der Graf zur Lippe, der auch zugleich Gerichtsherr war. Während eine Reihe von Hagendörfern zunächst einem Gericht unterstanden, das von einem Stift- oder Edelmann eingesetzt war und hernach erst in zweiter Linie dem Landesherrn als Gerichtsherrn unterstellt waren, standen die Hagenfreien von Wiembeck direkt dem Grafen zur Lippe als Gerichtsherrn. Die Kolonisierung des Lipperlandes nahm auf diesem Wege einen solchen Umfang an, daß die Lipper Bevölkerung dazu nicht ausreiche, und so entschloß man sich denn auch, Bauern aus Sachsen hereinzunehmen.

So kam es denn, daß auf vielen Bauernhöfen an den sogenannten Meierhäusern das sächsische Pferd angebracht ist. Es handelt sich also bei den angebrachten Pferdeköpfen nicht, wie irrtümlicher Weise angenommen wird, um ein hannoversches Zeichen. Das Hagengericht wurde durch den Gerichtsherrn aus den Reihen der Hagenfreien gewählten Hagenrichter oder Hagenmeister gebildet.

Gerichtstage standen alljährlich etwa viermal statt. Erst sehr spät, am 5. Mai 1616, gab Graf Otto zur Lippe-Brake den hagenfreien zu Wiembeck eine Gerichtsordnung. Neben anderen Bestimmungen, die das Verhältnis des Hagenbauern zum Gerichtsherrn regelten, wurde auch festgelegt, daß wer auf ein Hagengut heiraten wollte, durch seine Geburt frei sein, oder sich vorher freikaufen mußte.

Die Gerichtsverhandlungen wurden fein säuberlich aufgeschrieben, und es liegt zur Zeit eine solche Urkunde vor, aus welcher ich folgendes wiedergeben möchte:

“Dero in der Wiembecke gehaltenen Hagengerichts Actum uff des Hagenmeisters Hoffe in der Wimbecke den 18. July 1616 … Darauff bemester verordneter Hagenrichter zur bestärkung des Gerichts gefragett“

  1. Ob es Thag stat und Zeit sey das hagengerichte zu halten? Schäfferhenrich geantwortet Ja;
  2. Wann das Gerichte nicht konte gehalten werden vormittags, ob man dan auch nachmttags zu verfahren bemächtigett? Schäfferhenrich geantwortet solches möge wohl geschehen;
  3. Dormis verstände surfielen, weswegen der Hagenrichter und seine Beigeordnete sich zu bedenken aufstehen müßten, ob solches geschehen möchte? — Schäfferhenrich Ja geantwortet;
  4. Maß an diesem Gerichte zu gebieten verbieten sey? — Darauf Schäfferhenrich geantwortet, der Richter soll recht gebieten und unrechte verbieten.Diesen nehist ein öffentlich hagengericht alter gewohnheit gemees geheget und gespannet, und den sämtlichen Hagengenossen uff deren Begehr die Articul dieses Hägens durch Vorhochgeborenen unseres genädigen graffen und herren Suerotarieum Ernsten Meterbeck verständlich vorgelesen welche Articule Sie die sämbtliche hagengenossen nemptiret, approbirt. und es daben bewenden lassen, inmaßen sei solches durch ihren Beystand Jehannsem Gehlem anzeigen lassen;Worauf ferner folgt, daß Friedrich Töhtmann zum Frohnen des gerichts vorgeschlagen worden, der mit handtastung angelobet, die verlesen Articul in gebührlicher Acht zu haben und desselbige was einen geirewn Frohnen gebührett, jederzeit fleißig zu verrichten.“

Wenn auch die mit der Gerichtssitzung verbundenen Bauerntage mit der Aufhebung der Leibeigenschaft aufhörten, so feierte man doch die Hagenfeste als Volksfeste lange Jahre hindurch weiter in alter Weise. Das Hagendorf Wiembeck gehört zu den 13 Hagendörfer der Grafschaft Lippe. es hatte bereits im letzten Vietel des 17. Jahrhunderts 44 Wohnstätten, wobei bemerkt sei, daß Wahmbeck, der Waldkrug, Hummerntrup und ein Teil der Laubke zu dem Dorfe Wiembeck gehörten. Mit dem Namen hat man offenbar die Lage bezeichnen wollen, denn Wime bedeutet soviel wie hochgelegenes Nest an der Beke oder hochdeutsch bach. Mithin Wiembeck

Aus der Lippischen Landeszeitung vom 30. Oktober 1935