Die Entstehung des Landes Lippe

Der Bau der Falkenburg, von der heute nur noch eine Ruine zu sehen ist, wurde zwischen 1190 und 1194 durch Bernhard II. und seinen Sohn Hermann II., Edelherren zur Lippe, veranlasst. Ansichtskarte

1. Dunkle Jahrhunderte
2. Die Grafen von Schwalenberg und die Edelherren zur Lippe, Herr Bernhard II. zur Lippe
3. Der Ausbau des Territoriums. Gründung der Städte
4. Verlust und Gewinn. Endgültige Gestalt


 1. Dunkle Jahrhunderte

Aus dem hohen Mittelalter, der Zeit der sächsischen, salischen und Staufischen Kaiser, liegen vor dem 13. Jahrhundert nur verhältnismäßig wenige unmittelbare Nachrichten für das später Lippe genannte Gebiet vor. Seine schon erwähnten Gaue und Kirchspiele im Paderbomer und Mindener Diözesanbereich gehörten zum sächsischen Stammesherzogtum der Liudolfinger, die mit Heinrich I. 919 auch den deutschen Königsthron bestiegen.
Wenn man versucht, sich die Verhältnisse vom 10. bis 12. Jahrhundert vorzustellen, so wird man zunächst an die großen geistlichen und weltlichen Grundherrschaften denken; sie werden für die bäuerliche Bevölkerung jener Jahrhunderte, in denen es in unserm Bereich noch keine Stadt gab, die für ihr Leben wichtigste Institution gewesen sein. Zwar hielten sich wie überall so auch hier noch freie Bauern, aber es überwogen doch diejenigen, die sich in den Schutz und die Abhängigkeit eines Edlen, einer der großen Grafensippen oder der Kirche hatten begeben müssen. Die Grundherrschaften bestanden so aus verstreut in den Dörfern liegenden einzelnen Höfen, die einem Fronhof untergeordnet waren. Nach dem Verwalter eines solchen Oberhofes, dem Meier oder villicus, bezeichnet man heute solche grundherrliehen Bezirke auch als Villikationen, während die alte eigene Bezeichnung „Amt“ (officium) lautet. Aus älteren oder auch jüngeren Aufzeichnungen der Grundherren über die geschuldeten Abgaben kennen wir eine ganze Reihe solcher Haupthöfe, die zum Teil auf lippischem Boden selbst gelegen haben, teils hier dazugehörige Bauernhöfe oder Vorwerke hatten.
Der Paderborner Domkirche gehörten vor allem die beiden Ämter Barkhausen (bei Oerlinghausen) und Heerse (bei Schötmar, ursprünglich Bexten) mit den großen Amtsmeierhöfen (Vorwerken) Barkhausen, Menkhausen, Heepen und Eckendorf, (ursprünglich noch Oerlinghausen), bzw. Hexten, Vinnen (ursprünglich Heerse), Hündersen und Volkhausen (ursprünglich Eikmeier zu Retzen). Erst 1607 und 1612 sind die grundherrliehen Rechte in diesen Amtsbereichen von den Grafen zur Lippe erworben worden. Im Jahre 1036 hatte Bischof Meinwerk von Paderborn den Zehnt von diesen Haupthöfen dem neu gegründeten Kloster Busdorf übereignet; in diesem Zusammenhang werden noch erwähnt Kohlstädt als zum Haupthof Enenhus (Wüstung bei Paderbom) gehörend und der Haupthof Heiligenkirchen mit den beiden Vorwerken Homoidendorf und Berentrup (Hof zu Schönemark). Im 16. und 17. Jahrh. faßte das Domkapitel seine lippischen Einkünfte in einem officium „Helmeringhausen“ oder „Hilmeringhausen“ bei Lemgo bzw. bei Lippspringe zusammen, dessen Einkünfte außerhalb der Ämter Barkhausen und Heerse namentlich aus der Umgebung von Lippspringe und Lemgo stammten; wo der Ort „Hilmeringhausen“, bei dem nicht an Elbrinxen zu denken sein dürfte, zu suchen ist, muß leider offen bleiben.

Bischof Meinwerk aus dem Geschlecht der Immedinger stattete das von ihm gegründete Kloster AbdinghofWW auch mit eigenen Erbgütern aus, darunter dem Hof Havergo zu Wellentrup; auch später ist Wellentrup der wichtigste Besitz dieses Klosters in Lippe geblieben.

Das Domstift Minden hatte keinen nennenswerten Besitz in Lippe, aber um so mehr trifft das für das älteste, noch in karolingische Zeit zurückgehende Mönchskloster Sachsens zu, das Benediktinerkloster Corvey (822) und das gleichzeitig mit Corvey gegründete Frauenkloster Herford (819). Beide berühmten Reichsabteien hatten seit den ältesten Zeiten auch im lippischen Gebiet Höfe erworben. Der Corveyer Besitz gruppierte sich um Iggenhausen, Ahmsen und den Hof in Meinberg. Bis in die neueren Zeiten hinein bildeten die nach dem Corveyer Schutzpatron ihren Namen führenden sogen. St.-Vitifreien eine bäuerliche Besitzerklasse für sich. Die lippischen Güter der Herforder Äbtissin gehörten vornehmlich zu den Ämtern Vinnen, Übbentrup, Milse, Biest bei Lemgo, Seligenwörden bei Salzuflen, Breda bei Matorf, aber auch außerlippische Oberhöfe wie z. B. Altenherford und Libbere bei Herford hatten lippischen Besitz und ebenso das um 1011 von der Abtei Herford aus gegründete und mit Besitz ausgestattete Stift auf dem Berge bei Herford, für das eine Besitzbestätigung des Jahres 1151 vorliegt, die zugleich zahlreiche ravensbergische und auch Iippische Orte erstmalig urkundlich nennt.

Ferner ist für unseren Bereich noch das ebenfalls in karolingische Zeit zurückreichende Frauenkloster Möllenbeck (8%) zu erwähnen, das im lippischen Norden reichen Grundbesitz hatte. Die Zugehörigkeit der einzelnen Güter zu den verschiedenen Klosterämtern war offenbar durch Herkunft und Zweckbestimmung seit alter Zeit gegeben. Lippischer Besitz gehörte außer zu den der Äbtissin und der Küsterei zu Möllenbeck vorbehaltenen Gütern zu den Ämtern zu Wülfentrup, zu Heidelbeck, zu Rottorp (Wüstung zwischen Möllenbeck und Rinteln), zum Domamt (wohl aus der Schenkung eines Mindener Bischofs entstanden) und zum Turmamt, das seinen Namen einem Turm- oder Uffenhof (nach dem mit der Gründungslegende zusammenhängenden Edlen Uffo) zu Möllenbeck verdanken soll.

In geistlichen Besitz gelangte auch der wichtige, in den Sachsenkriegen Karls des Großen entstandene Königshof in Schieder. Er ist der einzige Königshof auf lippischem Boden, den wir kennen; man hat noch weitere finden wollen, doch handelt es sich dabei nur um vage Vermutungen. Der Ort Schieder, dessen befestigter Königshof ,,Altenschieder“ am Fuße des Kahlenberges noch heute erkennbar ist, hätte mit mehr Glück gleich anderen Königshöfen die Keimzelle einer frühen städtischen Entwicklung werden können, doch beruhte es auf Irrtum, wenn man es schon im 14. Jahrhundert zum Sitz eines angeblich von Karl dem Großen ursprünglich hier gegründeten Bistums machen wollte. Obwohl Corvey seit dem 9. Jahrh. Besitz in Schieder hatte, gelangte der Königshof mit seinen großen Zubehörungen, die sich auch in die Gaue Lemgo (Limgauwe) und Tierfelle (Detmold) erstreckten, durch königliche Schenkungen 997 in den Besitz des Erzstiftes Magdeburg. Haupthof der Grundherrschaft war offenbar der ,,Barkhof“ bei Schieder. Die Erzbischöfe von Magdeburg belehnten später die Grafen von Schwalenberg mit Schieder, deren Besitznachfolger im 14. Jahrhundert dann die Edelherren zur Lippe geworden sind.

Iggenhausen. Alter Corveyscher Haupthof, dann Rittergut. Kapelle des 17. Jahrh. mit den der Biegung einer jetzt trockenen Gräfte folgenden Wirtschaftsgebäuden

Iggenhausen. Alter Corveyscher Haupthof, dann Rittergut. Kapelle des 17. Jahrh. mit den der Biegung einer jetzt trockenen Gräfte folgenden Wirtschaftsgebäuden

Das 10. und 11. Jahrhundert sind die Blütezeit der Villikationsverfassung gewesen, seit dem 12. und namentlich im 13. Jahrhundert ist sie verfallen. Bei jüngeren Klöstern, das gilt für unsern Bereich etwa für Marienmünster (1128) und dann für die Zisterzienserklöster Marienfeld (1185) und Falkenhagen (1246/9), kam es nicht mehr zu einer entsprechenden Organisation, sondern die Bauern wurden aus der Abhängigkeit von einem Oberhof gelöst und leisteten als Zeit- oder Erbpächter in einem neuen ,,meierstättischen“ Verhältnis ihre Abgaben an die Grundherrschaft; die Ausdehnung des Meiernamens auf die bäuerlichen Besitzer schlechthin hängt mit dieser Wandlung zusammen. Die alten Klöster haben, da die Oberhöfe in die Hand von Dienstmannen geraten waren, zum Teil ihren Besitz in erbliche Lehen umwandeln müssen oder ihn überhaupt verloren. Einige ritterliche Dienstmannen, aus denen im 13. Jahrhundert der niedere Adel sich bildete, verraten in ihrem Namen die Herkunft von Meierhöfen geistlicher Grundherrschaften. Aus unserm Bereich wären etwa folgende Namen zu nennen, für die freilich z. T. auch andere Erklärungsmöglichkeiten nicht ausgeschlossen sein würden: v. Barchoven, v. Barkhausen, v. Brede, v. Domhave (gen. Dommeiger), v. Heidelbeck (Helbeke), v. Helmerinkhusen (Elmeringh.), v. Herse, v. Iggenhausen, v. Milse, v. Molenbeck, v. Rottorp, de Scydere, v. Sedorp (wüst b. Rinteln), v. Selingwörden, v. Tome. Fünf dieser fünfzehn Namen nennt allein eine Urkunde des Jahres 1312 (LR. 602).

Über weltliche Gmndherrschaften der frühen Zeit ist weit weniger bekannt. Neben dem schon erwähnten Königshof Schieder ist hier vor allem der schwalenbergische Haupthof Stapelage zu nennen, den vier Brüder dieses Geschlechtes im Jahre 1185 mit in die Ausstattung des neu gegründeten Klosters Marienfeld gaben. Auch jetzt noch im wesentlichen nur aus einem Gutshof und einer Kirche bestehend, hat dieser Ort den Charakter eines grundherrlichen Haupthofes mit einer kleinen Eigenkirche bis zum heutigen Tage bewahrt.

Kloster Möllenbeck vor dem Hintergrund der Sternberger Berge (nach einem Stahlstich in Fr. von Dingelstedt. Das Weserthal von Münden bis Minden. 1845)

Was uns jedoch erhalten ist, das sind die Namen einiger freier und z. T. auch edelfreier Grundbesitzer, die Besitzteile an geistliche Institute schenkten; sogar die Namen der Bauern werden gelegentlich genannt, die das Land bebauten. Es sind die ersten ,,Lipper“, die die Geschichte kennt. Sieht man von einem Graf Buto ab, der gleich nach der Gründung des Klosters Corvey (822) diesem vor sieben genannten Zeugen eine Hufe in Schieder übertrug, so stünde zeitlich an der Spitze die nicht viel später erfolgte Übereignung einer Hufe zu Vahlhausen durch einen Asulf. Zum Zubehör gehörten zehn Eigenleute, nämlich Teodrad mit Frau und vier Kindern, ferner Maynred, Wilman, Folculf und Aluo; neun genannte Zeugen wohnten auch diesem Akte bei. Aus den Aufzeichnungen über Eigentumsübertragungen an Kloster Corvey lassen sich für das 9. und 10. Jahrhundert die Namen verschiedener solcher frommen Schenker zusammenstellen, so Osburg für Billerbeck, Folchard und Abbi für Wöbbel, Tiedger und Marcbod und Bernhard für Ahmsen, Waldger für Hornoldendorf, Hoda und seine Frau Benike für Borkhausen u. a.

Aus dem 11. Jahrhundert sind es die Lebensbeschreibung des Bischofs Meinwerk von Paderborn und einige auch für die Paderbomer Kirche erhaltene Notizen von Grundstücksübereignungen, die das Dunkel etwas erhellen. Bekannt ist die älteste Aufzeichnung für das Jahr 1093 über die Externsteine, aus der hervorgeht, daß ein edles Geschlecht sowohl Holzhausen mit den Externsteinen als auf der anderen Seite des Gebirges Kohlstädt besaß, wo sich die Ruine eines festen Wohnturmes noch heutigen Tages erhebt. Genannt werden drei Brüder, der eine mit Namen Imico, dessen Gattin Ida und beider Sohn Erpho. Möglicherweise war diesem Geschlecht verwandt jenes Geschwisterpaar Oda, Nonne zu Geseke, und Richard, die über Erbgut in Kohlstädt, Oesterholz und Schlangen etwa 1015—1036 verfügten. Aus entsprechenden und gleichzeitigen Vorgängen ergeben sich die Namen eines Edlen Liuthard, seiner Frau Norhsuit und seiner Erben Elfdag, Bado und Wicball für den Brockhof zu Schönemark und für Schmedissen; der Brüder Liudric und Becilin sowie Wicilin und ihrer Erbin Helmburg für Heiligenkirchen; einer Nonne Atta und ihres Erben Abbo für Aspe; 1052—1076 eines Wirinbert und seines Sohnes Bove für Hornoldendorf, Remmighausen und den Bannenberg; 1118 eines Freien Eilico und seiner Frau Biva für Belle. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts zählten Hufen zu Hohenhausen, Laßbruch, Selsen und ,,Stöcken“ (wüst bei Langenholzhausen) zum Erbgut der Witwe Mechtilde von Ricklingen, Schwiegermutter Widukinds von Rheda.

Von besonderem historischen Interesse müssen für uns die sich aus den freien und edelfreien Grundbesitzern hervorhebenden Grafensippen sein, von denen sich feststellen läßt, daß sie das Grafenamt für unser Gebiet innegehabt haben. Eine führende Oberschicht mit weit über die sächsischen Gaue verstreutem Grundbesitz, aus der auch die Inhaber des Grafenamtes genommen wurden, läßt sich bereits für das 9. Jahrhundert nachweisen. Aus ihr ist ohne Bruch der sächsische Adel des 10. Jahrhunderts hervorgegangen, der dann unter den sächsischen Kaisern auch den Anschluß an die Reichsaristokratie fand. Das Grafenamt wurde erblich und seit ottonischer Zeit in einem Gemisch von Gauen, Untergauen und der Amtsgewalt unterworfenen Orten ausgeübt. Die gräflichen Herrschaftsbezirke sind dann in Verbindungmit den in der Hand der Grafen befindlichen Vogteirechten über Krön- und Kirchengut im 12./13. Jahrhundert die wichtigste Wurzel für die sich bildenden Landesherrschaften geworden.

Den ältesten im lippischen Bereich nachweisbaren Grafen Buto, der wohl noch aus der Zeit Karls des Großen stammt, erwähnten wir schon als um 822 zuständig für Schieder. Er wird aber kaum identisch sein können mit jenem Buto, der schon um 770 auf der sächsischen Volksversammlung zu Marklo sich zum Schutze des dort erschienenen angelsächsischen Missionars Lebuin einsetzte. Nach Buto hatte eine hypothetische ,,Redhard-Sippe“ die gräflichen Rechte in Schieder (Reithard 889) und offenbar Grundbesitz in Hummersen (Redman und Sohn Hermann). Im 10. Jahrhundert erscheinen dann jedoch die Billunger im Besitz der gräflichen Rechte über Schieder (Herzog Bernhard 997).

Ein Bevo hatte in der Mitte des 9. Jahrhunderts gräfliche Rechte im Warburger Gebiet und Besitz in Oesterholz; auch die Liudolfinger scheinen hier (Brun, Boso?) wie in Veldrom (Uffo, auch Liudolf gen., und sein Bruder Boso) Besitz gehabt zu haben, doch nennt die eine der zeitlich zusammengehörenden Corveyer Traditionseintragungen als ersten Zeugen ausdrücklich den Grafen Bardo, so daß Oesterholz in der Grafengewalt des unter Ludwig dem Deutschen und Ludwig II. einflußreichen Geschlechts der Bardonen stand, das auch die Corveyer Vogtei besaß.

Für das 10. und vor allem 11. Jahrhundert interessieren für den lippischen Bereich in erster Linie die Billunger und das Geschlecht der Haolde.
Die Billungertmgen gewissermaßen in Stellvertretung den sächsischen Herzogstitel, seitdem das Herzogsgeschlecht der Liudolfinger den deutschen Königsthron bestiegen hatte. Neben den Grafen von Werl waren sie das mächtigste Grafengeschlecht, deren reicher Besitz nach ihrem Aussterben (1106) über den Herzog und König Lothar von Supplinburg an die Welfen überging. Billungischer Kernraum war das Gebiet von der unteren Elbe (Bardengau) über das Leinegebiet (Marstemgau) bis zur mittleren Weser (Tilithigau), von wo sie dann auch im Wethigau, im Augau und weiter in Westfalen Rechte erwarben. Die Billunger erscheinen als Lehnsträger und wahrscheinlich Schirmvögte von Minden, wahrscheinlich als Vögte von Möllenbeck, dessen Gründer Folchard und Hiltipurg diesem Geschlecht zuzurechnen sein werden, wahrscheinlich als Vögte von Kloster Fischbeck und von ihrem Hauskloster Kemnade sowie in engen Beziehungen zur Abtei Herford, die auch auf eine Vogtei schließen lassen. Im späteren Land Lippe sind gräfliche Rechte der Billunger nachweisbar für Schieder (997) sowie für Werl-Aspe und für Orte zwischen Süntel und Osning sowie des Padergaus (1015—31), sofern der Paderbomer Stiftsvogt Amelung ein Billunger war. Belle darf für den billungischen Machtbereich in Anspruch genommen werden, weil hier, wahrscheinlich als Erbe der Billunger, Lothar von Supplinburg (1118) gräfliche Rechte ausübte. Einen Grafen Konrad, der im billungischen Machtbereich 1031 auch für Niese und Hummersen zuständig erscheint, hat man als billungischen Untergrafen in Anspruch genommen, wobei die Grafschaftsrechte im Augau möglicherweise Paderborner Lehen waren. Billungischer Grundbesitz lag in Brüntrup (oder Steinbründorf, Kreis Herford? 1018). Die später sachsen-lauenburgischen Lehen der von Kalldorf im lippischen Norden dürften ebenfalls über welfisches oder askanisches Erbe auf ursprünglich billungischen Besitz zurückgehen. Es bleibt nur daran zu erinnern, daß Gau und Komitat keine sich deckenden Begriffe sind und daß innerhalb der Gaue Raum für die Grafenrechte verschiedener Träger blieb.

Als solche tritt noch das Geschlecht der Haolde in Erscheinung, das 952 das Kloster Geseke stiftete und an das man früher zu Unrecht genealogisch auch die Edelherren zur Lippe anknüpfen wollte. Das Geschlecht läßt sich etwa in acht Generationen zwischen 820 und 1020 nachweisen, und durch mütterliche Abstammung zählt auch Graf Dodicho von Warburg dazu, dessen Grafenrechte 1021 an Paderborn übergingen. Dasselbe geschah 1011 auf Gmnd königlicher Schenkung mit den Grafenrechten des verstorbenen Grafen Hahold, und diese waren ,,gelegen in den Orten Haverga, Limga, Thiatmalli, Aga, Patherga“ und anderen im Kreise Büren, Kreis Paderborn, im Regiemngsbezirk Arnsberg und in Waldeck. Von den für das lippische Gebiet in Betracht kommenden Gauen innerhalb der Paderborner Diözese fehlt hier im Südosten der Wethigau (und Augau). Es lag dort um Sandebeck 1031 der Grafschaftsbezirk eines Widukind, der bereits ein Schwalenberger und billungischer Lehnsmann gewesen sein wird. Für den Nordwesten fehlt 1011 die Gaubezeichnung Wessagau, in dem 1019 für Schildesche ein Graf Friedrich zuständig war; auch für ihn ist Abhängigkeit von den Billungern vermutet worden. Lagen diese Bereiche offenbar außerhalb der Machtsphäre des Grafen Hahold, so wird bei dem schon erwähnten Grafschaftsbezirk des Paderbomer Stiftsvogts und vielleicht Angehörigen des billungischen Geschlechts Amelung, der ca. 1015/36 im Wessagau für Aspe und weitere Orte zwischen Süntel und Osning sowie im Padergau zuständig war, vermutet werden können, daß ihm Bischof Meinwerk erst die Rechte übertragen hat, die kurz zuvor der Paderborner Kirche aus der Erbschaft des Hahold zugefallen waren. Im ,,Havergo“, wenn diese Deutung richtig ist (vgl. S. 63), besaßen auch die Grafen von Northeim-Boyneburg Allodialbesitz, der 1152 an Heinrich den Löwen fiel.

Es ergibt sich also, daß in den lippischen Kerngebieten neben dem Machtbereich der Billunger sich Grafschaftsbezirke der Hahold-Sippe ausbreiteten, die 1011 an das Stift Paderborn fielen, von diesem aber wenigstens teilweise sogleich an die Billunger weitergegeben zu sein scheinen. Das Erbe der Billunger haben im 12. Jahrhundert dann die Welfen angetreten. Das Schicksal der lippischen Gaue hing somit in der zukunftsträchtigen Epoche der sich ausbildenden Landeshoheit vornehmlich von zwei politischen Gewalten ab, von Paderborn und vom welfischen Hause, das seit dem Tode Lothars von Supplinburg (1137) auch das sächsische Stammesherzogtum besaß.

2. Die Grafen von Schwalenberg und die Edelherren zur Lippe, Herr Bernhard II. zur Lippe

Leider ist nach dem Ende der Lebensbeschreibung des Bischofs Meinwerk von Paderborn (1036) die Überlieferung für die zweite Hälfte des 11. und dann für das 12. Jahrhundert so dürftig, daß sich nicht mit Sicherheit sagen läßt, wer tatsächlich die Hoheitsrechte im lippischen Gebiet ausgeübt hat und wie es zu erklären ist, daß sie schließlich die Edelherren zur Lippe erwerben konnten. Hält man sich an die dürftige Überlieferung, so fehlt jeder Hinweis darauf, daß Paderborn etwa selbst seine eigene Landesherrschaft über den Teutoburger Wald hinweg auszudehnen versucht hätte. Es hätte an und für sich nahe gelegen, da es sich um die eigene Diözese handelte und da das Haholdsche Erbe eine Handhabe geboten hätte. Paderborn hat hier aber offenbar die Grafenrechte wieder fortgegeben und nicht zu eigener Ausübung an sich gezogen. Behauptet hat Paderborn jedoch den dem Bistum 1001—03 bestätigten Forstbann über Osning und Senne. Die Überlieferung läßt aber einen anderen Konkurrenten erkennen, das Schwalenberger Grafenhaus.

Als erster erscheint 1127 mit dem Namen Schwalenberg ein Graf Widukind, der 1128 am Fuße seiner Burg das Kloster Marienmünster gründete; Kloster St. Marien bei Schwalenberg war dessen Name, der zugleich die später nur noch als ,,Oldenburg“ bezeichnete Burg als Stammsitz des Geschlechts auswies. Die Besitzungen erstreckten sich bis nach Hannover und zur Lippe (Havixbeck) und wohl auch schon früh bis nach Waldeck. Grafen des 11. Jahrhunderts mit Namen Widukind werden als Vorfahren in Anspruch zu nehmen sein, wenn sie wie jener schon genannte Widukind von 1031 mit Grafenrechten im Wetigau und auch im Gau Tilithi erscheinen. 1116 war Widukind I. — man hat ihn auch als Widukind III. gezählt — northeimischer Untervogt von Corvey, und nach dem Tode Friedrichs von Arnsberg (1124) machte ihn sein Neffe Bischof Bernhard I. von Oesede auch zum Vogt der Paderborner Kirche.

Gründung des Klosters Marienmünster durch Widukind von Schwalenberg und seine Gemahlin Luttrude 1128. Ölbild des 17. Jahrhunderts im Rathaus Schwalenberg

Widukind I. muß in besten Beziehungen zu Lothar von Supplinburg gestanden haben, in dessen Gefolge er erscheint, und wenn später die Schwalenberger auch die Schirmvogteien über Möllenbeck, Herford und Schildesche besaßen, so mag es sich dabei um Rechte handeln, die König Lothar ihnen abgetreten hat.

Die Söhne Widukinds I., Volkwin II. und Widukind II., begingen Gewalttaten gegen das Kloster Corvey und die Stadt Höxter, die Kaiser und Papst beschäftigten, und Heinrich der Löwe sah sich 1157 genötigt, Widukind II. die Lehen zu entziehen, darunter den Desenberg bei Warburg, und ihn zu verbannen. Es ist danach auch wieder zu Beilegungen des Zwistes gekommen, auch zur Zurückgabe des Desenbergs, aber 1168 nahm Heinrich der Löwe den Desenberg mit Gewalt, und 1179/80, beim Sturz des Welfen, stand das schwalenbergische Haus auf der Seite der Gegner.

Die Grafen zu Schwalenberg besaßen in Lippe bis 1185 den damals an Widukind von Rheda verpfändeten Meierhof Stapelage nebst Zubehör und übereigneten ihn in diesem Jahre dem neugegründeten Kloster Marienfeld. Dessen — freilich durch spätere Erwerbungen vermehrte — ,,monnekelude“ saßen nach den lippischen Schatzregistern auf vielen Höfen der Kirchspiele Oerlinghausen, Schötmar und Lage, so daß es verständlich ist, wenn die Grafen die Schenkung hernach bereuten und — erfolglos — rückgängig zu machen versuchten. Es blieben in ihrer Hand Zehnten und Dienste aus diesem Bereich. 1227 machten sie Rechte geltend auf Güter offenbar zu Barntrup  und die Fischerei zu Billerbeck, wobei für die Grafen u. a. die Ministerialen von Bega, von Donop und von Wendlinghausen Bürgschaft leisteten. Diese befanden sich offenbar in Abhängigkeit von den Schwalenberger Grafen als Lehnsträger der Herrschaft Sternberg. Mancher erst später greifbar werdende Besitz dieses Hauses, so etwa noch Salzuflen, mag ebenfalls noch in alte Zeit zurückreichen.

Das Haus Schwalenberg hat im 13. Jahrhundert seine alte Machtstellung nicht wieder zurückerworben, sondern es ist mit ihm dauernd und verhältnismäßig schnell bergab gegangen, nicht zuletzt infolge wiederholter Teilungen. 1184 war Widukind II. für Pyrmont Vasall des Erzbischofs von Köln geworden, des neuen Herzogs von Westfalen; im 13. Jahrhundert spalteten sich von der Pyrmonter Linie die Herren von Kollerbeck ab. Die Söhne Volkwins II. hatten 1185 auf Stapelage und 1189 auf die wichtige Paderborner Vogtei verzichtet, mit der auch die Vogtei über Kloster Abdinghof und Stift Busdorf verbunden war. Die Enkel Volkwin IV. und Adolf I. teilten sich um 1225 (Forwick: 1227/31) in die Linien Schwalenberg und Waldeck (das waldeckische Fürstenhaus besteht noch heute) und mußten nach heftigen Besitzauseinandersetzungen dem Bischof von Paderborn Buße leisten (1227). Eine Beteiligung der Schwalenberger Grafen an der Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Köln 1225 ist nicht erweislich. Unter Volkwins IV. Söhnen ist dann um 1240 nochmals von Schwalenberg eine besondere Grafschaft Sternberg abgetrennt worden.

Daß das Land Sternberg überhaupt Besitz der Schwalenberger wurde, dürfte eine Folge der alten Grafenrechte im Tilithigau und offenbar auch Osterburggau sein. Es gibt kaum Nachrichten, die die Schwalenberger als Herren des später lippischen Gebietes Schwalenberg-Stemberg vor dessen Teilung erkennen lassen. Das wichtigste Ereignis ist die Erbauung der jüngeren Burg Schwalenberg, auf die dann der Name übergegangen ist. Der Bau muß unter Volkwin IV. um 1225/31 vollendet gewesen sein, und gleichzeitig gab es bereits bei der Burg eine als oppidum bezeichnete Siedlung mit eigener Pfarrei; von Bürgern und vom Rat und damit von städtischer Verfassung ist zuerst um 1258 und 1260 die Rede. Im Zusammenhang mit Schwalenberg muß auch ein Kloster Burghagen gestanden haben, dessen Kirche und Konvent 1231 bzw. 1246 genannt werden. Im Jahre 1228 gründeten die Brüder Volkwin IV. und Adolf I. das Zisterzienser-Nonnenkloster Mariental in Netze bei Waldeck, eingedenk dessen, ,,daß durch Almosen und den Bau heiliger Kirchen sowohl die verbrecherischen Sünden als auch die verzeihlichen Vergehen getilgt werden“. Um ein ähnliches und etwa gleichzeitiges ,,Sühnekloster“ im Schwalenberger Bereich mag es sich bei dem Zisterzienser-Nonnenkloster ,,Burghagen“ handeln, das dann 1247 nach Falkenhagen verlegt wurde; es ist die älteste Klostergründung im Bereich des heutigen Kreises Lippe. Bei dem Kloster ,,Burghagen“ kann es sich nicht um die von H. Dietz ausgegrabene wüste Kirche am Jakobigrund im Schwalenberger Wald schon aus dem 11 ./12. Jahrhundert handeln, die offenbar im 13. Jahrhundert aufgegeben wurde, als die Bewohner in das neue oppidum Schwalenberg zogen.

Für das Sternberger Land ist außer der eben schon angeführten Urkunde von 1227 nur noch auf einen Vogt von Bösingfeld namens Halt zu verweisen, der 1224 im Gefolge Volkwins erscheint. Es ist daraus auf die Existenz einer schwalenbergischen Burg in Bösingfeld, deren Verwalter Halt war, bereits im Jahre 1224 zu schließen.

Blick auf Burg und Stadt Schwalenberg

Bedeutsamstes Geschichtsdenkmal des Landes Sternberg ist aber die Burg Altsternberg bei Schwelentrup, nicht weit von der jüngeren Burg Sternberg. Der Name ,,alte Sternberg“ steht schon auf einer Karte des Amtes Sternberg aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, so daß es sich hier nicht um eine gelehrte Erfindung, sondern einen echten Flurnamen handelt. Nach den keramischen Grabungsfunden geht die Burganlage bis ins 11. Jahrhundert zurück, ist gegen Ende des 12. Jahrhunderts noch einmal durch bastionsartige Schuttkegel befestigt und im frühen 13. Jahrhundert aufgegeben worden. Es handelt sich um eine kleine Herrenburg, und es stehen uns keine historischen Unterlagen zur Verfügung, die einen anderen Schluß zuließen als den, daß es sich hier um eine Befestigung zur Sicherung der Herrschaft der später unter dem Namen Schwalenberg bekannten Grafen im Weti-, Thiliti- und Osterburg-Gau handelt. Eine ältere Dynastenlinie Alt-Sternberg gehört in das Reich der Fabel. Alt-Sternberg wurde aufgegeben, als sich für Sternberg eine selbständige Linie der Grafen abzweigte und eine größere Landesburg als Wohnsitz benötigte, als es Alt-Sternberg war. Die neue Burg Sternberg, nach der sich zuerst Graf Heinrich 111. 1243 nannte, war ursprünglich nach Westen um ein Drittel größer, der Grundriß ist im 15. Jahrhundert verkleinert worden. Den Namen trägt die Burg, wie vielfach im 13. Jahrhundert üblich, nach dem Wappenbild, dem Schwalenberger Stern, den auch die Grafen von Waldeck beibehalten haben.

Kommen wir auf die eingangs gestellte Frage zurück, wie und wann etwa die lippischen Edelherren die im hiesigen Bereich mit vielfachen Gütern und Rechten ausgestatteten Schwalenberger Grafen beiseite geschoben haben könnten, so wird man kaum geneigt sein können, ihnen vor dem Zerwürfnis der Schwalenberger mit Heinrich dem Löwen nach 1156 dafür Aussichten zu eröffnen, und man wird angesichts der verschiedenen danach noch wieder erfolgten Vergleiche noch eher an den allgemeinen Rückgang des Hauses denken, der etwa um 1185 einsetzte.

Auch ein Blick auf die Vorgeschichte der lippischen Edelherren macht es unwahrscheinlich, daß sie vor der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in ihrem späteren Lande eine Machtstellung besessen hätten.

Die Edelherren zur Lippe werden mit ihrem Namen zuerst 1123 genannt, und zwar handelt es sich um ein Brüderpaar Bernhard (I.) und Hermann (I.), das in der Folgezeit meist gemeinsam und zusammen mit Angehörigen der gräflichen bzw. edelfreien Geschlechter Schwalenberg, Büren, Steinfurt, Bentheim, Calverlage, Holte, Oesede u. a. als Zeugen in Urkunden des Kaisers Lothar, Heinrichs des Löwen, der Bischöfe von Münster, Osnabrück und wiederholt auch von Paderborn erscheint; im letzteren Falle handelt es sich vornehmlich um bischöfliche Urkunden für Klöster wie Heerse, Marienmünster, Abdinghof, Gehrden und Corvey. Der Paderborner Bischof Bernhard aus dem Hause Oesede (1127—1160) war Schwager Widukinds I. von Schwalenberg und vielleicht auch Hermanns 1. zur Lippe, der nebst seinem Bruder Bernhard sicherlich auch Rechte im Bereich der Paderbomer Diözese besessen hat.
Heimisch waren die Lipper vielmehr in und um Lippstadt, und zwar war ihr Stammsitz nicht die erst dem 13. Jahrhundert angehörende Burg Lipperode, die man früher als die Wiege des Geschlechts betrachtete, sondern nach neueren Feststellungen (Rothert) ein Herrenhof Hermelinghof im Bereich der späteren Stadt Lippstadt. Ob erst Hermann I. dem Hof den Namen gegeben hat oder ein früherer Hermann, muß offen bleiben. Für den schon früher und auch neuerdings (Homberg) wieder unternommenen Versuch, die lippischen Edelherren genealogisch an das mächtige Werler Haus der Grafen von Westfalen anzuschließen, in dem sich ebenfalls die Leitnamen Hermann und Bernhard finden, läßt sich ein schlüssiger Beweis nicht führen. Homberg ist auch in einer neueren Untersuchung über die Entstehung der Herrschaft Lippe, die er erfreulicherweise übernommen hatte, aber leider nicht mehr vollenden konnte, davon wieder abgerückt, wenn er dabei dann auch die Frage nach Charakter und Herkunft der sicherlich alten kleinen lippischen Freigrafschaft um Lippstadt hat offen lassen müssen. Als alten Besitz des Hauses außerhalb des späteren Landes Lippe wertet er die Vogtei des Stifts Geseke, die er für das Bernhard II. wegen seiner Parteinahme für Heinrich den Löwen 1180 genommene, dann 1186 zurückgegebene kölnische Lehen halten möchte. Alter Besitz scheinen ihm auch als Münstersche Lehen die Vogtei des Stifts Herzebrock und über Münstersche Besitzungen im Dreingau, darunter bis 1240 innerhalb der Städte Warendorf, Beckum und über die Kirche in Ennigerloh; desgleichen als Osnabriicker Lehen die Vogtei über das Kloster Quernheim. Er rechnet weiter dazu die Vogtei über das Stift Enger vom Erzbistum Magdeburg, vielleicht über den Herzog von Sachsen als eigentlichen Lehnsträger, dazu verschiedene alte Vasallen im Raum Bünde-Enger; die Vogtei über die Abdinghofer Grundherrschaft Rehme-Eidinghausen, die 1353 vom Paderborner Kloster Abdinghof an das Bistum Minden abgetreten wurde. Alt, aber nicht sehr umfangreich war Grund- und Lehnsbesitz im Gebiet der oberen Lippe, des Hellwegs und der Möhne. Ob es sich schon um Besitzrechte des 12. Jahrhunderts handelt, bleibt zweifelhaft bei den Freistühlen zu Eickelborn und Lippborg. auch Wesenfort. Daß Rheda und die Vogteirechte über die Klöster Freckenhorst, Liesbom und Marienfeld 1190 in Nachfolge der Edelherren von Rheda erworben wurden, ist bekannt. Dem 13. Jahrhundert ist erst zuzuschreiben die Erwerbung der Herrschaft Stiepel und der Vogtei über das Kloster Clarholz, dem 15. die Vogtei Bünde, die vom Stift Herford herrührte und offenbar von den Grafen von Sternberg als Herforder Hauptvögten an Lippe gekommen ist. — Angesichts der sehr dürftigen Überlieferung muß die Datierung der vorstehend aufgeführten Besitzrechte bis zu einem gewissen Grade hypothetisch bleiben. Wir wollen jedoch hier darüber im einzelnen nicht rechten. Wenn es in keiner der Klostervogteien zu einer mit der um Lippstadt vergleichbaren Herrschaftsbildung gekommen ist, etwa um Geseke oder Enger, so wohl deshalb, weil an beiden Orten als Untervögte Vasallen der Grafen von Arnsberg und der Bischöfe von Osnabrück saßen, die sich offenbar um die Iippische Lehnshoheit nicht viel kümmerten. Homberg möchte deshalb vermuten, daß diese Untervögte eingesetzt wurden, als Bernhard II. in den Jahren nach 1180 seiner Lehen verlustig gegangen war.

Die Landesherrschaft der Edelherren zur Lippe im späteren Land Lippe beruhte u. a. auf den Grafenrechten in den Haholdschen Kleingauen Haverga, Limga, Thiatmalli, Aha, auf Vogteirechten über die Paderbomer Villikationen Niederbarkhausen, Bexten, Heiligenkirchen und auf Forstrechten im Teutoburger Waldgebiet, soweit also auf Paderborner Lehnrechten. Die Freigrafen, die unter Königsbann richteten, wurden auf Präsentation der lippischen Edelherren als Stuhlherren vom Kaiser, später vom Erzbischof von Köln als Herzog von Westfalen ernannt. Bekannt sind die Freistühle zu Biest bei Lemgo (1307), Schötmar (1318), Salzuflen (1328), Falkenberg (ca. 1410) und Wilbasen bei Blomberg (1448); der Freistuhl zu Oesterholz (1525) blieb in schwalenbergischer Hand (Waldeck). Demgegenüber war die niedere Gerichtsbarkeit der Gogerichte, die aber ihre Bedeutung auf Kosten der Freigerichte steigern konnten und für den Ausbau der Landeshoheit wichtig wurden, anfänglich vielfach in fremder Hand, z. B. der von Varenholz, der Wend, des Herforder Gografen, und wurde von den lippischen Landesherren planmäßig vom 14. bis 16. Jahrhundert meist durch Kauf erworben. Es bleibt die Frage, ob die Grafschaftsrechte unmittelbar vom Bischof auf den Edelherm übertragen worden sind oder unter Zwischenschaltung des Herzogs von Sachsen, und ebenso, wann das nach 1011 der Fall gewesen sein wird. Bei dem Fehlen aller direkten Nachrichten bleiben nur Kombinationen übrig. Wir hatten oben das ausgehende 12. Jahrhundert nach dem Verlust der Paderborner allgemeinen Stiftsvogtei (il89) durch die Schwalenberger für wahrscheinlich gehalten. Homberg möchte den Vorgang ein Menschenalter zurückdatieren in die Zeit Lothars von Supplinburg (f 1137), der so den Lippern ihre Parteinahme für ihn gedankt habe. Den Erwerb des Blomberger Gebietes, wo Lothar von Supplinburg 1118 als Erbe der Billunger Grafschaftsrechte über Belle noch unmittelbar ausübte, möchte auch er bis allerdings spätestens 1180 für möglich halten. Mitrechte hoheitlicher Art an Blomberg hat inzwischen die Numismatik für die Schwalenberger, die billungisch-welfische Lehngrafen waren, noch für die Zeit um 1250 nachgewiesen.

Die Persönlichkeit, die das dem Stand der Edelfreien zugehörende, noch wenig begüterte und an der Lippe ansässige Geschlecht zu politischer Bedeutung erhob, ist  Hermanns I. Sohn Bernhard II. gewesen. Ursprünglich zum Geistlichen bestimmt, wechselte er nach dem Tode eines älteren Bruders vom Domstift Hildesheim an den Hof Heinrichs des Löwen über, dessen treuer Gefolgsmann er dann in den Kämpfen mit den Erzbischöfen von Magdeburg und Köln wurde. Er verteidigte ruhmvoll und erfindungsreich Haldensleben (1167? und 1181), nahm (1177) den ,,Löwenberg“, weswegen er in Zwistigkeiten mit dem Grafen von Ravensberg geriet, und bekriegte gemeinsam mit seinem ihm blutsverwandten Waffengefährten Widukind von Rheda Soest und Medebach (1179). Wenn das ursprünglich magdeburgische Amt Enger (s. o.) um 1300 lippisch ist, so ist die Vermutung nicht ganz von der Hand zu weisen, daß die lippischen Besitzrechte von einer Kriegsbeute Bernhards ausgegangen sind.
Im Jahre 1186 erscheint Bernhard auch als Lehnsmann des Stifts Osnabrück, was sich auf die urkundlich erst für 1285 bezeugte Vogtei über das Enger benachbarte Stift Quernheim (s. o.) bezogen haben dürfte.
Bernhards bekannteste Leistung ist die Erbauung der Stadt Lippstadt, mit der er nach dem Vorbild Heinrichs des Löwen in Westfalen die Epoche der Stadtgründungen eröffnete. Bernhard soll die kaiserliche Erlaubnis dazu auf einem Reichstag erhalten haben, bei dem man an Würzburg 1168, aber auch an Mainz 1184 gedacht hat.
Die Angabe findet sich in dem vom Lippstädter MagisterJustinus um 1260 verfertigten ,,Lippiflorium“, einem lateinischen Heldengedicht und ,,Preislied auf die lippische (Wappen-)Blume“, und ist dort unlösbar verknüpft mit der Mantelanekdote:

Der zu der im Freien stattfindenden Reichsversammlung zu spät kommende Edle Herr Bernhard hatte mit seinem prächtigen Gefolge auf der Erde Platz nehmen müssen. Beim Aufbruch lassen die Lipper ihre Mäntel liegen, und Bernhard antwortet auf verwundertes Befragen, es sei nicht Sitte ihres Landes, die Sitze mitzunehmen!

Der Kaiser versäumt nicht, ihnen am nächsten Tage bessere Sitze anweisen zu lassen. Das Mantelmotiv ist nun eine europäische Wanderfabel, und auch der Reichstag dürfte mit ins Reich der Dichtung gehören. Die kaiserliche Genehmigung zum Stadtbau, die ja aber nicht an einen Reichstag gebunden ist, erwähnt im übrigen auch die
Stadtrechts-Verleihungsurkunde. (Vgl. Lipp. Mitt. 26, 35 ff. und 36, 133 ff.)

Die Zeit nach dem Sturz Heinrich des Löwen ist die bewegteste im Leben Bernhards gewesen, die als größte politische Leistung seine Aussöhnung mit den früheren Feinden, in erster Linie mit Köln, unter grundsätzlicher Erhaltung seines Besitzstandes brachte. 1184 befand sich Bernhard wieder im Gefolge des Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg, als dieser die von ihm auf angekauftem Grund und Boden errichtete Burg Pyrmont den Schwalenbergern zur Hälfte zu Lehen zurückgab. In gleicher Weise und sicherlich etwa zu gleicher Zeit mußte Bernhard sein Allod Lippstadt dem Erzbischof verkaufen, um die Stadt als erbliches Lehen in ruhigem Besitz zu behalten. Ein (anderes) Kölner Lehen, das Bernhard entzogen und dem Grafen von Arnsberg übertragen war, wurde 1186 zurückgegeben, um Bernhard als Lehnsmann der Kölner Kirche zu erhalten. So hatte der rastlose und in der Wahl seiner Mittel nicht immer wählerische Mann die Hände wieder frei: Mit Raub und Brand vergalt er Angriffe auf die neue Stadt Lippstadt, dem Domstift Minden entzog er unrechtmäßigerweise Grundbesitz, dem Kloster Freckenhorst die Lehnshoheit über die Klostervasallen und raubte ihm zugleich nach der nicht unglaubwürdigen Legende ein dort hoch verehrtes heiliges Kreuz, das sich dann auch in seinen späteren livländischen Kämpfen als Siegesunterpfand bewährt zu haben scheint. Nach dem Tode Widukinds auf dem Kreuzzuge 1190 war Bernhard Nachfolger Widukinds in der Herrschaft Rheda und den damit zusammenhängenden Klostervogteien geworden, was einen sehr wesentlichen Machtzuwachs bedeutete.

Auf diesem Höhepunkt seiner Macht vollzog sich in Bernhard eine Wandlung im Geiste echter mittelalterlicher Frömmigkeit. Bereits 1185 hatte er zusammen mit Widukind von Rheda und Widukind von Schwalenberg nebst dessen Brüdern das Zisterzienserkloster Marienfeld gegründet, dem auch weiterhin seine besondere Fürsorge galt. 1193/94 gab er geraubtes Gut und angemaßte Rechte den rechtmäßigen Besitzern zurück. Er überließ seinem Sohne Hermann (II.) die weltlichen Geschäfte und wurde Mönch im Kloster Marienfeld: 1207 spricht der Papst von ,,B. zur Lippe, einst ein edler Mann, jetzt aber Mönch des Zisterzienserordens“. Er gelobte weiterhin die Teilnahme an einem Kreuzzuge nach Livland, und es wird berichtet, daß darauf eine Lähmung, die den rastlosen Mann zur inneren Umkehr getrieben hatte, alsbald von ihm wich. Offenbar 1211 ist Bernhard in Livland eingetroffen, wo er zum Abt des MarienfelderTochterklosters Dünamünde gewählt wurde.

Erst durch neuerliche Untersuchungen (Johansen) ist die Rolle etwas klarer geworden, die Bernhard in jener fernen, urn ihren Bestand und ihre Ordnung noch ringenden christlichen und deutschen Ostseekolonie gespielt hat. In der Rivalität zwischen dem zur erzbischöflichen Würde strebenden Bistum Riga und dem Schwertbrüderorden stand Bernhard zunächst auf der Seite des Ritterordens, und es scheint, daß dieser ihn zum Bischof seines Estland-Anteils und das lippische Haus zu seinem Schirmherm machen wollte: die Stadt Fellin (westlich Dorpat), deren Gebiet und Burg Bernhard 1217 und 1223 tatkräftig erobern half, führt in ihrem Siegel eine fünfblättrige Rose und scheint wie Lippstadt eine Gründung Bernhards zu sein! 1218 ist Bernhard jedoch nicht dort, sondern für das noch unentwegt aufständische Gebiet Selonien zum Bischof geweiht worden, dessen Hauptort Selburg er wahrscheinlich ebensowenig je hat betreten können, wie er es erlebte, von dem zur Ergänzung seines Bistums bestimmten Gebiet Semgallen Besitz zu ergreifen. Als Bernhard 1224 starb und in seinem Kloster Dünamünde beigesetzt wurde, da hatte er das Ziel einer lippischen Schutzherrschaft über den Schwertbrüderorden und eines gesicherten Bistums Selonien-Semgallen nicht erreicht, aber er hat seinen Namen unverlierbar mit der christlichen und deutschen Geschichte des Baltenlandes verbunden; wenn es richtig ist, daß ein bestimmter livländischer Stadttyp, eine enge Verbindung der städtischen Siedlung als ,,Vorburgstadt“ mit der Burg, auf Fellin und Bernhard zurückgeht, so hätte er nicht nur in Westfalen, sondern auch im Baltenland seine unvergängliche Spur als Städtegründer hinterlassen.

Es war eine Folge der livländischen Kämpfe und Wirren und der Hilfsbedürftigkeit des dortigen christlichen Deutschtums, daß auch der Abt und Bischof Bernhard in mindestens drei, zum Teil mehrjährigen Reisen sich im ganzen mehr in Deutschland als im Osten aufgehalten hat, er ist in Livland mit Sicherheit nur 1211—1213, 1217, 1219 und 1223 (—1224?) nachzuweisen. Für seine Betätigung im heimischen norddeutschen Bereich gibt es eine ganze Anzahl Belege aus den Jahren 1218/19 und 1220—23, darunter die wohl erst in das Jahr 1221 zu setzende Bestätigung des Lippstädter Stadtrechts. Auch seine Bischofsweihe hat Bernhard 1218 in Deutschland empfangen. ,,Ein Wunder!“ rief ein zeitgenössischer Chronist aus: ,,Bischof Otto von Utrecht hat in Oldenzaal seinen Vater Bernhard zum Bischof geweiht, und später weihte der Vater zusammen mit demselben Sohn einen anderen Sohn, Gerhard, zum Bremer Erzbischof“. Das war nun in der Tat gewiß nicht alltäglich und beleuchtet die überaus erfolgreiche Familienpolitik, die Bernhard auch im kirchlichen Bereich getrieben hat. Seine Söhne bestiegen die bischöflichen Stühle zu Hamburg-Bremen, Utrecht und Paderborn, einer wurde Propst zu Deventer, die Töchter Äbtissinnen zu Bassum, Herford, Freckenhorst und Elten. Man hat erst neuerdings erkannt, daß diese weitgespannten Familienbeziehungen des lippischen Hauses neben der Organisation der Hanse ein wichtiger Faktor zur Ausbreitung des in den westfälischen Hallenkirchen zum Ausdruck kommenden Baustils gewesen sind und — durch Vermittlung wandernder Bauhütten — allein Gemeinsamkeiten der Architektur erklären, die Lippstadt und Paderborn und Marienfeld mit Herford, Bremen, Riga. Deventer, Bassum verbinden und in der nächsten Generation auch noch Münster, Hamburg und Südschweden einbezogen haben.

Blick auf Berlebeck und den Falkenberg im Hintergrun

Die überragende Gestalt Bernhards II., die zu den bedeutendsten westfälischen Persönlichkeiten der Stauferzeit gehört, ist schon um 1260 durch den Lippstädter Magister Justinus im bereits erwähnten „Lippiflorium“, gefeiert worden. Die dynastisch ausgerichtete ältere lippische Geschichtsschreibung hat ihn naturgemäß stets als glanzvollen Beginn der heimatlichen Geschichte betrachtet, der seinem Hause eine so nie wieder erreichte, politisch einflußreiche Stellung verschafft hat.

Ältester nachweisbarer Besitz der Edelherren zur Lippe in ihrem späteren Lande war ein Haus in Heiligenkirchen, das schon Hermann I. (1160/1168) nicht als Lehen, sondern, wie nachdrücklich betont wird, als erbliches Eigentum gehört hat. Bei der weiten Streulage des Eigentums der sächsischen Adelssippen sind daraus keinerlei weitere Schlüsse zu ziehen, zumal sich keine sonstigen Iippischen Besitzobjekte ähnlicher Art nennen lassen. Außer einem Ersatzhaus zu Ripen (wohl wüst bei Lemgo) für das in Heiligenkirchen abgebrannte Haus hat Bernhard II. auch nur außerlippischen Besitz an das von ihm mitgegründete Kloster Marienfeld geschenkt (1185, 1221).

Von großer Wichtigkeit sind jedoch zwei Nachrichten, die den Übergang Paderborner und welfischer Rechte und Besitztitel an Bernhard II. erweisen und bei denen es sich um Rechte an Waldgebieten und deren z. T. weitgehende Ausnutzung handelt. Bernhard II. wollte im bischöflichen Forstbanngebiet eine Burg bauen und erhielt ca. 1192 nach ursprünglichem Widerspruch die Erlaubnis für den Falkenberg unter Teilung aller Rechte zwischen Paderborn und den Edelherren; als deren Interessengebiet erscheint dabei die Paderborn abgewandte Seite des Gebirges. Bei der Falkenburg handelt es sich um die dann wichtigste lippische Landesburg, an der die Paderborner Mitbesitzerrechte bald abgestreift sein müssen, und es kann kein Zweifel sein, daß durch diese Urkunde in unserem Blickfeld der Edle Herr Bernhard II. zur Lippe erscheint, wie er dabei ist, hier eine Landesherrschaft zu errichten und zu sichern. — Im zweiten Fall schenkten nach einer später ausgestellten Urkunde 1207 die Söhne Heinrichs des Löwen, Kaiser Otto IV. und seine Brüder, dem Kloster Marienfeld den ihnen vererbten Stapelager Berg. Diesen Berg hatten ihnen zuvor Bernhard II. und sein Sohn Hermann aufgelassen, da diese ihn ,,mit den übrigen Gütern“ zu Lehen hatten. Bei diesen weiteren welfischen Lehen wird man vielleicht an ehe- maliges Allod der Grafen von Northeim-Boyneburg im ,,Havergo“ denken dürfen, wenn man die Nennung von 400 Hufen in ,,Hadverge“ im Allodienverzeichnis des 1144 gestorbenen Grafen Siegfried, das offenbar erst in den 90er Jahren des 12. Jahrhunderts entstanden ist, mit der Gaubezeichnung südwestlich Lage identifiziert.

„Bernhard zur Lippe besitzt das meiste dieses Allods“, heißt es in jenem Verzeichnis. Erben der Northeimer Allodien wurden 1152 die Welfen, so daß Bernhard II. hier als welfischer Lehnsträger erscheint. (Vgl. Lipp. Mitt. 40, 292.)

Eine singuläre Stellung nimmt die Burg Brake ein; während sonst alle übrigen landes- herrlichen Burgen den neu gegründeten Städten eingefügt worden sind, liegt Brake abseits von Lemgo, wo der Landesherr überdies über ein festes Haus in der Gestalt des Lippehofes verfügte. Ist Brake wie die Falkenburg eine ältere Landesburg noch aus der Zeit vor der Gründung der Stadt Lemgo? Nach O. Gaul wurde Burg Brake „wohl im 12. Jahrhundert“ gegründet, doch fehlt es an datierenden Funden, überhaupt an einer Grabung. Für die ältere Forschung galt ein 1173 urkundlich erwähnter Werno von Brach als erster bekannter Inhaber der Burg Brake, bis dieser 1937 von westfälischer Seite mit Brake bei Bielefeld in Verbindung gebracht wurde. Diese Lösung hatte nur den einen Haken, daß in Brake bei Bielefeld keine Spuren einer Herrenburg des 12. Jahrhunderts bekannt waren, die schließlich nicht spurlos hätte verschwinden können.

Älteste Darstellung der lippischen Rose auf einem nach 1193 vergrabenen Lippstädter Silberpfennig der eine in Soest geprägte Münze des Erzbischofs von Köln nachahmt. Der thronend dargestellte Erzbischof hat rechts einen Krummstab, links eine Fahne, deren Stange in einer Rose endet. Umschrift: LIPIA

Ich habe 1967 geltend gemacht, daß man doch wohl die Entscheidung zwischen beiden Deutungen offenlassen müsse, solange in Brake bei Bielefeld, für das sich sonst Gründe beibringen lassen, keine Befestigungsanlage gefunden würde. Wenn sie dort in irgendeiner Form nachgewiesen werden könne, wäre die Entscheidung erbracht, daß die .,munitio Brach“ von 1173 nichts mit dem lippischen Brake zu tun hat. Sie ist dann als zweite lippische Landesburg zu werten, die unabhängig von einer Stadtgründung errichtet worden ist. Ihre älteste urkundliche Erwähnung stammt erst aus dem Jahre 1306.

Aus der Zeit bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts ist der nächste urkundliche Beleg für Besitz und Rechte der Edelherren in Lippe erst die Bestätigung der von seinem Vater und Großvater der Stadt Lemgo verliehenen Rechte 1245 durch Bernhard IIL, den Enkel Bernhards II. Die Urkunde ist gleichlautend mit einer kurz zuvor für Lippstadt ausgestellten Urkunde, doch ist kein ausreichender Grund vorhanden, deshalb die sich aus dem Wortlaut ergebende Gründung Lemgos durch Bernhard II. zu bezweifeln. 1248 liegt dann die erste Erwähnung der Stadt Horn vor, bei der außer Frage steht, daß es sich um eine lippische Stadtgründung handelt, und etwa um die gleiche Zeit (vor 1255) erscheint ein Richter Bernhards III. in Blomberg, sicherlich der in den lippischen Städten übliche landesherrliche Stadtrichter.

Überblickt man diese Entwicklung, so wird aus den Schwalenberger Verzichten von 1185 (Stapelage) und 1189 (Paderbomer Stiftsvogtei) und den lippischen Besitztiteln von ca. 1192 (Falkenburg) und vor 1207 (Stapelager Berg und andere welfische Lehen) der Schluß erlaubt sein, daß Bernhard II., um 1190 aus ursprünglich Paderborner und welfischem Besitz die Hoheitsrechte erworben hat, die die in ihrem späteren Territorium ursprünglich kaum begüterten Edelherren zur Lippe in den Stand setzten, hier eine Landesherrschaft aufzubauen. Die Frage, seit wann es ein ,,Land Lippe“ in seinen ersten Anfängen gegeben hat, ist also zu beantworten: wahrscheinlich seit etwa 1190.

3. Der Ausbau des Territoriums. Gründung der Städte

MagisterJustinus läßt in seinem ,,Lippiflorium“ Bernhard II., als er sich anschickt, ins Kloster zu gehen, seinem Sohn unter andern guten Ratschlägen folgendes ans Herz legen: ,,Mach deine Städte nur stark; wenn sie zu befest’gen du trachtest, dann hast selber du Macht, Kraft wirst aus ihnen du ziehn.“ Besser als durch diese Verse kann die lippische Überzeugung von der politischen Bedeutung der Städte gar nicht zum Ausdruck gebracht werden. Mit Ausnahme von Lemgo und bis zu einem gewissen Grade wohl auch noch Blomberg, wo das kaufmännische Element eine gewisse Rolle spielte, in Lemgo mit weitreichenden Fernhandelsbeziehungen, hatten die übrigen kleinen Ackerbürgerstädte vornehmlich Festungscharakter für das Territorium, dazu natürlich die Funktion von Handels- und Gewerbezentren für ihr Umland. Bernhards Sohn Hermann II. (f 1229) und Enkel Bernhard III. (t 1265) haben das Vorbild des großen Ahnherrn getreulich befolgt, die lippische Territorialgründung gelang sehr wesentlich durch den wirtschaftlichen und militärischen Machtzuwachs, den die neuen Städte dem neuen Herrn brachten. Die mit Schußwaffen ausgerüsteten, freilich erst seit dem 15. Jahrhundert erwähnten Schützen der Städte bildeten für den Landesherm den wichtigsten Teil des allgemeinen Landesaufgebotes.

Lippstädter Schützenkleinod von 1532, offenbar das älteste Westfalens. Im Medaillon oben als Symbol der noch vorbrandenburgischen Samtherrschaft über Lippstadt die Schilde von Kleve-Mark (gespalten. vorn die halbe klevische Lilienhaspel, daneben der märkische Schachbalken) und von Lippe (Rose). Wenn das außer Ornamenten auf den Rand gesetzte W auf Herzog Wilhelm den Reichen von Kleve-Mark hinweisen soll, so könnte es erst nach 1539 angebracht sein; vielleicht 1556. in welchem Jahre Graf Bernhard VIII. zur Lippe (und doch sicherlich auch Herzog Wilhelm) zu einem Vogelschießen am 16. Mai nach Lippstadt eingeladen wurden. Im Einladungsschreiben wird erwähnt, der Graf zur Lippe habe der Lippstädte

Schußwaffe war zunächst die Armbrust, von deren Anfertigung für die Stadt Lemgo schon 1361 die Rede ist, später die Büchse. Da der Gebrauch von Schusswaffen geübt werden muß, lag es nahe, Übungsschießen, ,,Schützengesellschaften“, d. h. Schützenzusammenkünfte und Schießspiele abzuhalten. Die ältesten erhaltenen Schützenvögel stammen aus den Städten Lippstadt (1532), Horn (1575), Blomberg (1576) und dem Amt Falkenberg (1592). Auch die sicheren Nachrichten über organisierte Schützengesellschaften (Schützengilden) reichen nicht weiter zurück (Lemgo 1575), frühere Datierungen sind unsicher bzw. willkürlich (für Lage angeblich schon 1509 gibt es keinen Beleg).

In den Städten befand sich zugleich eine landesherrliche Burg, ein festes Haus, das grundsätzlich zugleich mit der Stadtgründung in deren Grundriß eingefügt wurde. Der Grund und Boden, auf dem die Städte erbaut wurden, gehörte dem Landesherrn, denn er empfing von den Bürgern den Wortzins für das Stadtgrundstück und das Morgenkorn für den Anteil an der Feldmark. Es gab gemäß dem Lippstädter Stadtrecht, das der inneren Ordnung aller lippischen Städte zugrunde lag, in allen Städten einen landesherrlichen Stadtrichter, und die Einsetzung des Rates erfolgte — mit Zustimmung der Bürgergemeinde — durch den Landesherm. Lippstadt, dessen Stadtrecht für alle lippischen Städte maßgebend war, hatte sein Recht von Soest übernommen, das auch die ersten Bürger von Lübeck als Vorbild gewählt hatten.
Das Soester Stadtrecht pflegte man früher von Köln abzuleiten, während man neuerdings dazu neigt, dem Oberhof Soest einen selbständigen Charakter zuzubilligen. (Stech nach Ebel). In allen Fällen handelt es sich bei den lippischen Städten um planmäßige Gründungsstädte, die nach einem gleichmäßigen Schema für den Grundriß unter Zerstörung älterer Siedlungen erbaut worden sind.

Für die lippischen Städte ist charakteristisch ein System von drei Längsstraßen mit den typischen Namen Mittelstraße, Ober- und Unter-, bzw. Vorder- und Hinterstraße, von denen die äußeren mindestens an einem Ende auf die mittlere Straße und ein Stadttor umbiegen. Außer einer betonten durchgehenden Querstraße (Straßenkreuz) sind sie je nach der Stadtgröße durch weitere durchlaufende oder auch versetzte Querstraßen verbunden. Eine Mauerstraße läuft, nur durch die Stadtburgen unterbrochen, noch jenseits der äußeren Längsstraße innen an der freistehenden Mauer herum. Dem Plan der gesamten Anlage, die den Verkehr überlegt auf das Stadttor zuleitet bzw. von ihm aus zügig verteilt, entspricht es, wenn die Fernstraße, an der die Stadt in jedem Falle erbaut worden ist, über die Mittelstraße läuft, doch kommen Abweichungen vor.

Die wohl schon um 1200 vor Eintritt Bernhards II. ins Kloster angelegte Stadt Lemgo an der Straße von Osnabrück, Herford nach Hameln ließ die ältere Hauptkirche St. Johann des Kleingaues ,,Limga“, dessen Namen die Stadt führt, außerhalb der Stadtmauer und hatte die Dreigabelung der Straßen im Osten am Ostertor. Lemgo entwickelte sich zur bedeutendsten Handelsstadt des Landes, eine ursprünglich selbständige Neustadt ist etwa um 1260 angefügt worden. Die Stadt besitzt eine große Gemarkung und ausgedehnten eigenen Waldbesitz.

Horn und Blomberg liegen an der Kölnischen Landstraße von Paderborn nach Hameln. Die ebenfalls über ein älteres Kirchdorf gelegte Stadt Horn ist vor 1248 angelegt worden, und zwar wohl als nächste Stadt nach Lemgo. Das Umbiegen der beiden äußeren Längsstraßen auf die ,,Mittelstraße“ ist im Westen auf das obere Tor zu um die Kirche offenbar durch die ältere Dorfanlage beeinflußt. Die Stadt besitzt einen eigenen Anteil am Teutoburger Wald und hat eine landesherrliche Burg an der Stadtmauer. — Dies gilt auch für die Stadt Blomberg, die als selbständige Kirchengemeinde und wohl überhaupt 1231 noch nicht vorhanden war und offenbar nach Horn und vor 1255 gegründet worden ist. Die Dreigabelung der Straßen erfolgt am Niederen Tor, die mittlere Straße trägt hier den Namen Steinweg und knickt, als Kompromiß zwischen der Längsachse der Stadtanlage und dem Verlauf der Straße nach Hameln, am Markt rechtwinklig um. Der Stadtwald grenzt an den Forst Schieder.

Zu diesem Städtedreieck Lemgo — Horn — Blomberg ist noch nach der Neustadt Lemgo (1283 erwähnt) vielleicht vor 1265, sicher vor 1302/05, Detmold hinzugekommen, auf der Grundlage einer alten Kirchsiedlung. Der Grundriß ist durch die übermäßige Entwicklung des Residenzschlosses stark gestört. Vom Dreistraßen-System sind im Westen an der Bruchpforte nur noch die Bruchstraße und die charakteristische „Krummestraße“ vorhanden, doch folgt in Detmold die Fernstraße (Alter Postweg) von Paderborn nach Lemgo grundrißmäßig der Querstraße (Landesstraße). Detmold hat die kleinste Feldmark und keinen eigenen Wald.

Es sei hier angefügt, daß auch in den beiden Grafschaften Schwalenberg und Sternberg zur nämlichen Zeit mit gleichem Eifer, aber mit geringerem Erfolg Städte gegründet worden sind. Sie scheinen eine rechtlich weniger günstige Stellung erhalten zu haben — nur für Barntrup ist 1376 die Verleihung lippischen Stadtrechts bekannt —, sie lagen z. T. zu dicht beieinander, und die Kleinheit und der politische Rückgang der Herrschaftsgebiete, zu denen sie gehörten, hemmten ihre Entfaltung. So sind sie, Barntrup am ehesten noch ausgenommen, Weichbilde (Flecken) geblieben oder gar zum Dorf zurückgesunken. Es handelt sich dabei um die übrigen durchaus nach lippischem Vorbild angelegten und mit einer landesherrlichen Burg verbundenen schwalenbergischen Orte Schwalenberg (um 1225/30, s. o.) und Rischenau (nach 1269, vor 1352, im 15. Jahrh. Dorf), im Sternbergischen um Bösingfeld (vor 1353, nach 1267?, Burg hier älter als die planmäßige Stadtanlage?), Barntrup (vor 1317) und Alverdissen (vor 1370). — Auch Salzuflen hat nach seinem Siegelbild mit dem Stern über dem Brunnen zu den Sternberger Weichbilden gehört, die Rechte der Grafen von Sternberg sind hier aus der von ihnen innegehabten Herforder Stiftsvogtei abzuleiten. Der Ort nimmt insofern unter den lippischen Städten eine Sonderstellung ein, als er nicht planmäßig angelegt worden ist, sondern infolge der Gunst seiner Lage an den Salzquellen über eine dörfliche Existenz organisch hinauswuchs. In Salzuflen befindet sich auch keine landesherrliche Burg. Im Jahre 1488 ist dem Ort das lippische Stadtrecht verliehen worden, unter dem er sich günstig weiterentwikkelte. — Einen geradezu klassischen ,,lippischen“ Stadtgrundriß besitzt dagegen die von den Grafen von Pyrmont, einem Seitenzweig der Grafen von Schwalenberg, um 1240 gegründete und mit lippischem Stadtrecht ausgestattete Stadt Lügde. Das (hier durch eine halbe vierte Längsstraße erweiterte) Dreistraßenschema trägt die typischen Namen Vordere Straße, Mittlere Straße, Hintere Straße. Zu diesem lippischen Stadttyp gehört, was H. Engel in seiner sonst ausgezeichneten Münchner Dissertation über die Grafschaft Pyrmont der ihm z. T. entgangenen lippischen Literatur hätte entnehmen können, eine von vornherein mit in den Grundriß eingeplante landesherrliche Burg. Diese vom Landesherm erst nach Erbauung des Pyrmonter Wasserschlosses 1526 aufgegebene Lügder Stadtburg lag nach Engel am Niederen Tor an der Stelle des späteren Franziskanerklosters (jetzt Altersheim) und ist also nicht älter als die Stadt.

Von den alten Stadttoren der lippischen Städte ist nur das spätgotische (um 1540) Niedere Tor in Blomberg erhalten, einzelne Mauertürme in Lemgo, Salzuflen, Horn und Lügde, Mauerreste auch noch in Detmold (am eindrucksvollsten in Blomberg). Charakteristischer Bestandteil der Stadtbefestigung sind noch vorgeschobene Wachttürme auf Bergen, offenbar dazu bestimmt, Straßen zu beobachten und das Heranrücken des Feindes durch Sichtzeichen etwa an die Türmer auf den Kirchtürmen rechtzeitig zu melden. In einer Aufsatzfolge der Heimatbeilage der Lippischen Rundschau ist 1959/60 von verschiedenen Bearbeitern darüber berichtet worden.

Der Liemer Turm. Außenbefestigung der Stadt Lemgo, 1590

Solche z. T. nur noch in wenigen Überresten oder nicht einmal durch diese erhaltenen Außentürme standen im Umkreis um Blomberg auf dem Dickenberge unweit Riechenberg, „to Meien“ an der Straße nach Hiddensen, auf dem Eichenberge (früher Wartberg), auf der ,,Hohen Warte“ unweit Siekhof, auf dem Hundsloh oberhalb  des Lakehofes und auf dem Wartsberge oberhalb Reelkirchen. Lemgo hatte drei Warttürme, im Westerfelde zwischen den Wegen nach Herford und Leese, auf der Höhe des Stönebrinks und oberhalb des Lüerdisser Bruchs. Außerdem sicherten noch Türme und Turmhöfe die Wegedurchlässe durch die die Feldmark sichernde Landwehr, nämlich der stattliche Liemerturm, von dem es eine Abbildung von 1590 gibt, Rieperturm, Gröchtenturm, Bienbergturm und der Neuentürmer an der Straße nach Vlotho. Die innerlippische Südseite blieb ohne solche Sicherungen. Um Detmold gab es Warten dieser Art auf dem Vietberg bei Heidenoldendorf und, worauf der Name Hohenwart schließen läßt, auf dem Meierberg zwischen Herberhausen und Vahlhausen. Die noch am besten erhaltenen Warttürme sind der ,,Stumpfe Turm“ bei Salzuflen am Wege nach Exter und Vlotho und, in wesentlich bescheideneren Resten, der Homer Wartturm auf dem Ziegenberg bei Heesten. Turmhöfe und Schlagbäume wie Lemgo hatte im übrigen auch Herford in der Landwehr gegen Lippe, bekannt sind der Lockhauser, Ahmser und Ufler „Baum“, der Lockhauser Wartturm auch durch eine bildliche Darstellung von 1600.

Die lippischen Edelherren, für die sonst Gmndbesitz in ihrem hiesigen Herrschaftsbereich nicht weiter nachzuweisen ist, haben ihre Städte offenbar in oder doch in Verbindung mit Forstgebieten gegründet, über die sie Verfügungsgewalt erhielten oder sich aneigneten. Bei Lemgo und Blomberg könnte man vielleicht an einen Zusammenhang mit dem magdeburgischen Königshof Schieder denken, — wie mag die jüngere Stadtpfarrkirche von Blomberg zu ihrem dem Königtum nahestehenden Patrozinium St. Martin gekommen sein? Der Blomberger Stadtwald grenzt an den Forst Schieder, und auch bei der Lemgoer Mark erscheint die Annahme nicht abwegig, wenn in der Besitzbestätigung für Magdeburg 1005 zwar von den Forsten zwischen Emmer, Niese und Wormke, also dem Schwalenberger Wald, aber doch auch von Zubehörungen in anderen Gauen, darunter dem „Lingauwe“, die Rede ist.
Wir wissen nicht, wann Schieder von Magdeburg zu Lehen an die Schwalenberger gegeben wurde, die es im 14. Jahrhundert besitzen, und es wäre wohl nicht unmöglich, daß Bernhard II. im späteren Blomberger und vielleicht auch Lemgoer Gebiet sich Besitz seines Gegners Magdeburg angeeignet hat. Von dem noch in den älteren Münzen zutage tretenden schwalenbergisch-lippischen Kondominat bei Blomberg war oben (S. 59) die Rede. Bei Horn, dessen Stadtwald bis zur Velmerstot reicht, haben sicherlich abgetretene Paderbomer Hoheitsrechte über den Teutoburger Wald ebenso die Stadtgründung ermöglicht wie zuvor die Erbauung der Falkenburg.

Grundriß der Stadt Lügde. Kilianskirche südlich der Altstadt und Eisenbahn unweit der Straßengabel. (1) Rathaus und Stadtkirche. (5) Franziskanerkloster (jetzt Altersheim) an der Stelle des ehemaligen gräflich pyrmontischen festen Hauses. Erhaltene Mauertürme bei (2) und in der Nordost-Ecke links von (3)

Am schlechtesten ist die spätere Landeshauptstadt Detmold weggekommen, sie besitzt keinen eigenen Wald, und es wäre möglich, daß auf Grund der bei Erbauung der Falkenburg auch für das benachbarte Gebiet getroffenen Vereinbarangen hier der Landesherr nur beschränkte Rechte ursprünglich besessen hat. Bei Detmold handelt es sich im übrigen ebenso wie bei Lemgo und Horn um ältere Kirchorte, und es wäre auch zu erwägen, ob es den Edelherren etwa gelungen sein könnte, sich teilweise in den Besitz der reichen Landausstattung der alten Kirchen zu setzen. Zu den wenigen Rechten, die für die Edelherren im 13. Jahrhundert noch in Lippe nachweisbar sind, gehörten die Zehnten zu Spork, Biest und Brake bei Lemgo als Paderbomer Lehen.
Auf Detmold fällt unerwartetes Licht durch die Gründung des Hospitals zum Heiligen Geist an der Brachstraße. In einer den Verfassern der Lippischen Regesten entgangenen, nur abschriftlich erhaltenen Urkunde der Stadt Detmold vom 29. November 1460 heißt es, daß die lippischen Edelherren ,,gegeven unde gevrigget hebt den armen luden eine stede by dem kerkhove in deme Lippehove, dar uf gebuwet iß ein huß und hillig geist.“ Wenn der zur Burg gehörende Hof, von dem ein Teil für das Hospital zur Verfügung gestellt wird, den Namen ,,Lippehof“ trägt, so scheint es sich hier um einen ehemaligen Hof der Edelherren zur Lippe zu handeln, d. h. um Grundeigentum, das die Gründung der Stadt an dieser Stelle ermöglicht haben könnte. Auch in Lemgo gab es die Bezeichnung Lippehof für das landesherrliche Haus in der Stadt.

Das fruchtbare Gebiet im Westen des Landes hätten die Lipper sicherlich gern in ihre Städtegründungen einbezogen. Wenn sie es nicht taten, so offenbar deswegen, weil ihnen hier der für eine Stadtgründung erforderliche eigene Grund und Boden zunächst nicht zur Verfügung stand. Die ältesten für die Edelherren im 14. Jahrhundert überlieferten Rechte in Lage sind das 1332 angekaufte Gogericht, eine vielleicht auf ursprünglichem Kirchenland angelegte Mühle (1374), Zehnt und Zoll. Bei Verpfändung dieser Rechte an den Lemgoer Bürger Waltering (Quaditus) wird das Recht einbezogen, ein Steinwerk zu errichten (1395). Um 1480, als Bernhard VlL Lage wieder einlöste, muß dann die Umwandlung der Siedlung zu Weichbildsrecht erfolgt sein, und es begann damit eine Entwicklung, die schließlich zum Stadtrecht führte.

Erst 1607/12 hat Lippe die Grundherrschaft über die bis dahin in dieser Beziehung paderbomisch gebliebenen Ämter Barkhausen und Heerse erworben. Im übrigen zeigt das im 16. Jahrhundert von den Grafen zur Lippe in diesen Ämtern erhobene Dienst- und Vogtgeld noch an, daß die lippischen Hoheitsrechte hier auf Paderborner Vogteirechten beruhten.

Diese Städtegründungen und ebenso die gleichzeitige Kolonisation des Ostens haben einen Bevölkerungsüberschuß zur Voraussetzung. Das schließt nicht aus, daß die Bewohner der im näheren Umkreis um die neuen Städte gelegenen älteren Dörfer als Ackerbürger in die größeren Schutz bietenden Städte zogen und ihre Äcker weiter von der Stadt aus bestellten. Solche Wüstungen in Stadtnähe gibt es in Lippe insbesondere bei Lemgo, Blomberg und auch Detmold. Im übrigen ging aber auch die Rodungstätigkeit weiter, nicht nur die Altsiedlungen wurden an den Rändern erweitert, sondern es wurden auch neue Dörfer gegründet. Für diese jüngere Siedlungsschicht des hohen Mittelalters sind insbesondere die sogen. Waldhufendörfer charakteristisch mit den handtuchartigen Besitzstreifen der einzelnen Höfe und dem für die Bauern günstigen Hagenrecht. Für eines dieser Waldhufendörfer, Ehlenbruch, ist 1237 als Rodungsdatum urkundlich überliefert (vgl. Pfaff). Bekannt sind weiter in Lippe die fünf freien Hagen des Kirchspiels Heiden, nämlich Oettern, Bremke, Hedderhagen, Niewald, Nienhagen. Auch ohne überliefertes Hagenrecht verraten die Flurformen der Dörfer Rodung in Waldhufenform, so namentlich im Detmolder Hügelland. Geregelte Rodesiedlungen dieser Art sind ohne Lenkung durch die Landesherren oder die beteiligte Grundherrschaft nicht denkbar. Man hat die typischen Rodungsstreifen der Waldhufen, die für die ostdeutsche Kolonisation bedeutsam gewesen sind, überhaupt erstmals hier im Wesergebiet feststellen wollen (Engel).

Es sind nur erst wenig Urkunden, die ein unmittelbares Licht auf die Verhältnisse des 13. Jahrhunderts in Lippe werfen, die Rechtsgeschäfte der Edelherren betreffen  überwiegend noch ihr außerlippisches Gebiet, und für Lippe selbst muß vieles aus späteren Verhältnissen erschlossen werden. Wenn im 14. Jahrhundert die lippische Landesherrschaft fest begründet vorhanden ist, so muß sie sich im 13. Jahrhundert folgerichtig auf der Grundlage der Städte und der Burgen entwickelt haben. Nach Hermann II., der als Mitstreiter seines Bruders Gerhard, des Bremer Erzbischofs, Weihnachten 1229 gegen die Stedinger Bauern gefallen war und den Justines im „Lippiflorium“ als besitzwahrenden Erben des Vaters bezeichnet, kommt dem tat- kräftigen und von Justinus als Blüte der Ritterschaft und Mehrer des lippischen Besitzes gepriesenen Bernhard III. (1229—65) das Verdienst zu, das Werk Bernhards II. vollendet zu haben. Auf ihn dürfte die Gründung von Horn, Blomberg und Detmold zurückgehen. Als 1230 zur Reform des Paderbomer Bistums ein bevollmächtigter landständischer Ausschuß eingesetzt wurde, waren Vertreter des Herrenstandes Bernhard III. zur Lippe und Bernhard von Oesede. Das gute Einvernehmen zu den Paderbomer Bischöfen war dadurch gewährleistet, daß diese 1227—1277 und erneut 1321—1341 selbst dem lippischen Hause entstammten. Die lippischen Edelfrauen des 13. Jahrhunderts kamen aus den benachbarten Grafenhäusern Mecklenburg, Arnsberg, Ravensberg. Rietberg und Waldeck.

 

4. Verlust und Gewinn. Endgültige Gestalt

Die Zeit des 14. Jahrhunderts bis in den Anfang des 15. hinein ist für das junge Land Lippe eine sehr bewegte gewesen, nur unter heftigen Erschütterungen hat es die Gestalt erhalten, die dann allerdings auch kaum mehr verändert werden sollte. Fehden, Landesteilungen und entschlossene Ausnutzung sich bietender Möglichkeiten zu Gebietserwerbungen charakterisieren das politische Geschehen dieser Jahrzehnte.
Simon I. (1275—1344) wurde durch seinen Paderbomer gleichnamigen Oheim und anfänglichen Vormund in Fehden gegen den Erzbischof von Köln verwickelt. Seine Burg Enger mitten im ravensbergischen Hoheitsbereich zog ihm die Feindschaft seiner dortigen Nachbarn zu. Simon, den der Mindener Chronist Hermann von Lerbeck ,,einen waffengewandten, streitbaren Ritter“ nennt, unterlag und mußte in die Schleifung der Befestigungen in Enger und der neuangelegten lippischen Stadt Rheda einwilligen (1305), weil diese eine Beeinträchtigung der Osnabrücker Stadt Wiedenbrück darstellte. Während seiner Haft in Osnabrück kamen die Vereinbarungen mit dem Dominikanerorden zustande, dem Simon gegen eine in seiner gefährdeten Lage dringend benötigte Geldzahlung die Verlegung des Nonnenklosters Lahde bei Minden hinter die Mauern der Neustadt Lemgo an die dortige Marienkirche ermöglichte (1306).

Im Jahre 1323 gelang Simon eine Ausweitung seines Gebietes nach Norden bis zur Weser durch Kauf der Burg Varenholz und des Gogerichts Langenholzhausen. Die Vorbesitzer, die von Varenholz, waren ein ursprünglich offenbar edelfreies Geschlecht, dessen Name neben dem Bernhards 11. in den Zeugenlisten Heinrichs des Löwen auftaucht. Sie scheinen infolge des Besitzes ihrer Burg eine dynastenähnliche Stellung bis ins 14. Jahrhundert bewahrt zu haben, denn in der Verkaufsurkunde wird der Oberhoheit der askanischen Herzoge von Sachsen-Lauenburg nicht ge-
dacht. Diese waren ja neben den Erzbischöfen von Köln Erbe des geteilten Stammesherzogtums geworden und sind in der Mitte des 14. Jahrhunderts durchaus als Lehnsherren der im lippischen Norden reich begüterten von Kalldorf nachzuweisen, deren Lehen nach ihrem Aussterben an die Wend vererbt wurden und 1550 an die Grafen zur Lippe als Lehnsträger übergingen.
Gleichzeitig beginnt der für Lippe wichtige Erwerb der Grafschaft Schwalenberg, deren Reste damals nochmals unter zwei Vettern, Günther und Heinrich, geteilt worden waren. 1323 ist Lippe im Besitz des Güntherschen Anteils (dabei die Vogtei über Falkenhagen und der Freistuhl unter dem Stoppelberg), nachdem 1321 Graf Günther noch „wegen unvermeidlicher, drängender Notwendigkeit“ eine Abtretung an Ravensburg betrieben hatte. Die Burgen Oldenburg und Schwalenberg waren in gemeinsamem Besitz mit der Heinrichschen Linie, und es kam dabei 1331 zu einem Streit und Zweikampf des Edelherm Otto mit dem Grafen Burchard auf dem Marktplatz zu Hameln, aus dem Otto „sieglos“ hervorging. Lippe empfing für den erworbenen Teil der Grafschaft die Belehnung durch den Abt von Corvey.
Schwieriger gestaltete sich der Kampf um den Heinrichschen Anteil, zu dem Rischenau gehörte. Das seinem Ende entgegengehende Haus Schwalenberg versuchte eine Vererbung an die verwandten Edelherren von Schöneberg aus dem westfälisch-hessischen Grenzgebiet, die ihre Rechte jedoch an Paderborn Weitergaben, dann an das aus dem gleichen Stamm entsprossene Haus Waldeck. Als Oberlehnsherren mischten sich Hessen und Corvey ein. Als erstes gelang Lippe 1350 (z. T. schon 1328) die Erwerbung von Schieder. 1358 erfolgte eine Einigung mit Paderborn in der Art, daß der Bischof die Hälfte des Heinrichschen Anteils und damit ein Viertel der Herrschaft erhielt, während die andere Hälfte des Heinrichschen Anteils und der ganze Günthersche Anteil und damit drei Viertel der Herrschaft an Lippe kamen. Die Burgen Schwalenberg und Oldenburg wurden geteilt. Die so begründete paderbornisch-lippische Samtverfassung der Ämter Schwalenberg, Oldenburg und Stoppelberg hat bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden. Die Situation in Rischenau, das zwischen 1269 und 1352 von den Grafen von Schwalenberg zur Stadt gemacht worden ist, hat durch die Grabungen von H. Dietz eine zum Teil überraschende Aufklärung erfahren. Es wurden nicht nur die Befestigungen der Stadt und der Burg im 14. Jahrhundert ermittelt, sondern es fand sich auch noch eine bis dahin völlig unbekannte kleine Herrenburg des 12. Jahrhunderts auf dem sogen. Judenbrink nördlich oberhalb des Ortes. Es kann sich dabei nur um eine Befestigungsanlage der Grafen von Schwalenberg handeln, die dann gegen 1300 zugunsten der mit der Stadtgründung in günstigerem örtlichen Zusammenhang stehenden jüngeren Burg aufgegeben wurde.

Stadt Rischenau mit Umwallung. Stadtburg
und älterer Herrenburg auf dem Judenbrink.


Dieser glücklichen Entwicklung standen die Nachteile gegenüber, die eine Landesteilung zur Folge hatte. Schon nach dem Tode Bernhards III. (1265) erscheinen Lippstadt und Rheda vorübergehend im Besitz eines jüngeren Sohnes. Im Jahre 1344, nach dem Tode Simons I., teilten dessen Söhne in aller Form den väterlichen Besitz in eine Hälfte mit der Stadt Lippstadt und der Burg Rheda und eine andere mit der Stadt Lemgo und der Falkenburg. Zu Bernhards V. Anteil jenseits des Waldes gehörten noch Holzminden, das im 14. Jahrhundert in lippischem Besitz war, ferner zum Ausgleich noch die Ämter und Kirchspiele Reelkirchen, Cappel, Barkhausen, Lage und Heiden sowie Stadt und Burg Horn; der Edelherr Otto, der den Mannesslamm fortsetzen sollte, erhielt das übrige lippische Gebiet mit Enger und Quernheim. 1361 wurde auch die Schwalenberger Herrschaft noch geteilt, wobei Rischenau, Oldenburg und Stoppelberg, soweit Lippe daran Rechte besaß, sowie die Vogtei über das Kloster Falkenhagen an Bernhard V. fielen. Verhängnisvoll sollte in der Teilung von 1344 der unklare Satz werden, bei erbenlosem Tode eines der Brüder ,,solde sin del herschap weder komen in der rechten erven hant“.

Diesen  Fall  hielt Sirnon 111. , Ottos  Sohn , für gegeben , als 1365 Bernhard  V . ohne Hinterlassung eines  männlichen  Erben starb. Dessen Schwiegersohn Graf Otto  von Tecklenburg beanspruchte jedoch das Erbe im Namen der Töchter,  und es kam zu ei­nem Kampf um Rheda und Lipperode, in deren  Besitz er sich zu setzen gewußt hat­te.  Die Auseinandersetzungen , während der Simon III . auch das  Unglück  hatte , in Gefangenschaft  zu geraten  und erst  nach einigen Jahren wieder freigekauft zu werden,  zogen sich in der nur vorübergehend von Landfriedensvereinbarungen unter­brochenen, im übrigen  für ganz Westfalen sehr fehdereichen Zeit  bis 1400/0 I   hin. Das  Ergebnis  war, daß Tecklenburg sich im Besitz von Rheda  behauptete. auf das Lippe in aller Form erst 1491 verzichtet hat.

Sarkophag-Platte des Edlen Herrn Otto zur Lippe und seiner Gemahlin Ermgard von der Mark (nach 1360) in der Lemgoer Marienkirche. Älteste bildliche Darstellung eines lippischen Landesherr

Zu dem Verlust von Rheda kamen Verluste in der Form von mancherlei Verpfändungen hinzu, zu denen man seine Zuflucht hatte nehmen müssen, um die Kosten der Fehde zu decken. Es gehörte dazu die Wiege der Herrschaft, die älteste Stadt Lippstadt. 1376 war sie an das verbündete und verschwägerte Haus der Grafen von der Mark verpfändet worden. Eine Wiedereinlösung gelang nicht, vielmehr mußte Lippe 1445 vor der Soester Fehde auf die halbe Stadt völlig verzichten und in eine Samthenrschaft mit Kleve-Mark einwilligen, in die dann Brandenburg-Preußen eingetreten ist. Im Jahre 1850 hat Lippe schließlich seinen ihm bis dahin verbliebenen Anteil an Preußen abgetreten, so daß Lippe also seit 1376 sich nie mehr im uneingeschränkten Besitz der Stadt befunden hat.

Zu den endgültigen Verlusten zählte seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts auch der Besitzkomplex Enger-Quernheim (mit dem sogen. Amt Rehme-Eidinghausen und auch dem Gericht in Bünde), der sich infolge andauernder Verpfändungen allmählich auflöste, und von dem nur restliche Bestandteile infolge einer Verbindung mit der 1469 erworbenen Ulenburg, — nach heftigen Auseinandersetzungen während des 16. Jahrhunderts mit den Lehnsinhabem — bis ins 17., ja z. T. 18. Jahrhundert überdauerten.

Überaus günstige Aussichten schienen sich für Lippe zu eröffnen, als der kinderlose Graf von Everstein 1403 einen Erbverbrüderungs vertrag mit Lippe schloß, demzufolge der beiderseits der Weser zwischen Hameln und Höxter gelegene und mit dem Gebiet der Burg Polle an Lippe angrenzende eversteinische Herrschaftsbereich an Lippe fallen sollte. Everstein, das eben erst (1393) im Bunde mit den Nachbarn Lip-pe aus dem Besitz von Holzminden verdrängt hatte, flüchtete in ein Bündnis mit Lippe aus Furcht vor der welfischen Macht, die sich bereits in den Besitz von Hameln, Burg Everstein sowie von Anteilen an der Burg Ohsen und nun auch an Holzenden gesetzt hatte. Die Herzoge von Braunschweig-Lüneburg nahmen den lippischen Einbruch in ihre Machtsphäre nicht hin und verhinderten in einer an Zwischenfällen reichen Fehde, daß Lippe sich an der Weser festsetzte. Ein Herzog von Braunschweig wurde gefangengenommen und auf der Falkenburg festgesetzt. Er gelobte Lösegeld und ,,Urfehde“ (d. h. Verzicht auf Rache), ließ sich jedoch vom Papst von seinem Eid lösen und erwirkte gegen den lippischen Gegner Acht und Bann. Im Bunde mit zahlreichen Nachbarn, darunter insbesondere dem Bischof von Paderborn, verwüstete das feindliche Heer im Sommer 1407 nachhaltig das lippische Land, und der Bischof von Paderborn vermochte es 1408, sich auch in den Besitz einer ca. 1395 erst erbauten und nun zerstörten Burg Lage sowie von Horn und der Falkenburg zu setzen. Ein etwa 1409 aufgesetztes umfängliches Schadensverzeichnis, offenbar aus einer Klage gegen den Bischof von Paderborn wegen Bruchs der Landfriedens- und Fehdebestimmungen, verzeichnet Schatzung, Brand, Raub (namentlich an Vieh) und sonstige Gewalttaten vor allem in einem breiten Streifen nördlich des Teutoburger Waldes und südlich einer Linie Blomberg—Lemgo—Salzuflen.

Das Ergebnis der unglücklichen Eversteinschen Fehde war, außer den Kriegsschäden, daß die Grafschaft Everstein auf Grund eines ,,Separatfriedens“ von 1408 in Verbindung mit einer Eheverabredung bezüglich der offenbar noch nach der Erbverbrüderung von 1403 geborenen Eversteinschen Erbtochter an Braunschweig fiel. Lippe entging damit der verheißungsvollste Gebietszuwachs, der sich ihm in seiner Geschichte jemals eröffnet hat.

Burg Sternberg, Kupferstich von Elias von Lennep um 1663

Außer dem Verzicht auf alle Ansprüche aus den früheren Verträgen mit Everstein wurden Lippe im Friedensschluß mit Braunschweig 1409 keine Abtretungen auferlegt, doch mußte Lippe die Paderborner Oberlehnshoheit über Horn und die Falkenburg anerkennen. Schloß also auch dieses Unternehmen verlustreich für Lippe ab, so gelang etwa gleichzeitig nun doch die Erwerbung des noch übriggebliebenen Herrschaftsbereiches des Schwalenberger Hauses, nämlich der seit ca. 1240 unter einer Nebenlinie abgetrennten Grafschaft Sternberg. Es ist historisch von diesem kleinen Territorium
mit der festen und an Umfang beachtlichen Landesburg Sternberg, den schon erwähnten Städten, den in ihnen gelegenen weiteren Burgen zu Barntrup, Alverdissen und Bösingfeld und dem schon dem 13. Jahrhundert entstammenden, in der Überlieferung kaum erwähnten und schon vor der Reformation heruntergekommenen Augustinernonnenkloster Ullenhausen sonst sehr wenig zu berichten. Politisch am bedeutsamsten waren die Herforder Vogteirechte und sonstigen Kölner Lehen und Pfandbesitzungen. Im Jahre 1377 verkauften Graf Heinrich V. zum Sternberg und sein Sohn Johann angesichts des bevorstehenden Aussterbens ihres Geschlechts ihre Herrschaft an das ihnen verwandte Haus Holstein-Schaumburg, dem schon 1369/70 entsprechende Aussichten eröffnet waren; 1391 verzichtete Graf Johann unter Vorbehalt einer Leibzucht auch auf das Rückkaufsrecht.

So war das Sternberger Gebiet schaumburgisch geworden, doch ging der Besitz auf dem Wege der Verpfändung sehr bald in lippische Hände über, so 1400 Barntrup und  Salzuflen, demnächst das Schloß Sternberg und 1405 die ganze Herrschaft. Aus dieser Verpfändung ist Stemberg nicht wieder gelöst worden, obwohl es 1424 zu einer das Land schwer verwüstenden Fehde mit Schaumburg gekommen zu sein scheint, und obwohl Schaumburg im 16. Jahrhundert erhebliche Anstrengungen zur Wiedereinlösung machte. An Umfang reichte das Sternberger Gebiet zunächst offenbar über die späteren Grenzen des Amtes hinaus und erreichte im Nordosten mit dem Rumbecker Forst die Weser; ein lippisches Amt Rumbeck wird zwischen 1405 und 1428 erwähnt, ein Amt „Echttorpe“ zwischen 1411 und 1481. ,,Echtorpe“ ist bisher nicht identifiziert, in Tallensen-Echtorf bei Bückeburg ist lippischer Besitz nicht nachzuweisen, und Uchtdorf (Uptorpe, Uttorpe), Kr. Rinteln, erscheint nicht als Echtorpe. Ein förmlicher Verzicht Lippes auf die am Westrand des großen Forstes gelegenen Dörfer Krankenhagen, Uchtdorf, Volksen, Wennenkamp und Goldberg ist um 1510 ausgesprochen worden.

Quelle: Chronik des Landes Lippe