Die Erbpachtmüller von Langenholzhausen

Die alte Mühle in Langenholzhausen

„Mühle zu Langenholzhausen bin ich genannt, bin eine der größten am Kallestrand, und wer den Hals mir will vollzwingen, muß jeden Tag ein Fuder bringen!“

Wo bist du hin, du stolzer Spruch unter dem farbenfrohen Konterfei der alten Mühle mit dem schäumenden Wasserfall und den vier großen Rädern? Ein kecker Malersmann hatte euch einst an die Wand gepinselt, drinnen bei den klappernden, staubenden Mahlgängen. Doch nun hat euch alle längst die neue Zeit verschluckt, die neue Zeit mit ihren Walzenstühlen, Elevatoren und Turbinen. Einsam noch trauert das letzte Rad, und, wie mirs scheint, hat auch es nur noch eine Gnadenfrist.

Dennoch, auch heute noch wie seit Jahrhunderten steht die alte Mühle, ihr reich geschnitzter Fachwerkgiebel ist des Kalledorfes schönste Zier. SIMON GRAVE UNDT EDLER HER ZUR LIPPE, so kündet das prunkende steinerne Wappen. Im Tor aber, unter dem dräuenden Löwenkopf mit der Jahreszahl 1568, steht voll Ruhe und Behagen der Besitzer, und um ihn herum schnattert, gackert und gurrt „Meister Müllers Federvieh“. Die stürzenden, schäumenden Wasser der Osterkalle aber rauschen noch immer ihr altes Lied.

Ein Blick zurück

Die Langenholzhauser Erbpachtmühle hat in alten Zeiten schon eine Vorgängerin gehabt, denn auch im Mittelalter wurde hier das Korn mit Wasserkraft gemahlen. Auf den jetzigen Kreinjobsthöfen, den alten Teichhöfen, lag der Mühlenteich, dem die Kalle einen Teil ihres Wassers durch die  Wasserstraße zuführte. Das kleine Häuschen Grünewälder an der Krämerstraße ist auf den Grundmauern der alten Mühle erbaut. Bauer H u m k e , Nachfahr der alten Langenholzhauser Müllerfamilie Rügge , hatte bis zur Holzablösung nach dem ersten Weltkriege Anspruch auf die sogenannte „Mühlenklafter“. So zäh vererben sich wohlerworbene Rechte durch die Jahrhunderte fort!

Wahrscheinlich ist das Kloster Möllenbeckk ursprünglich Herr dieser Mühle gewesen. Eine mündliche Überlieferung berichtet, die Mönche hätten ihr Korn mit Mauleseln zur Mühle gebracht, und noch heute heißt ja ein Stück des alten Weges nach Möllenbeck, am Fuße des Kirchberges, „im Eselshau“. Im Jahre 1479 aber ließ sich der Varenholzer Ritter Friedrich de Wend vom Mindener Bischof neben anderen Möllenbecker Gütern auch mit der Mühle zu Langenholzhausen belehnen, und trotz allen Protestes der Klosterleute blieben die Wends im Besitz der Güter. So kam nach dem Aussterben dieses stolzen Geschlechts mit ihrer ganzen Erbschaft auch die Langenholzhauser Mühle in den Besitz der lippischen Grafen. Das war im Jahre 1563.

Der Neubau der Langenholzhauser Mühle ist dann wohl eine der ersten durchgreifenden Maßnahmen der Lipper in dieser Gegend gewesen. Die Mühle wieder an der alten Stelle zu errichten, hätte nur Flickwerk bedeutet. Wenn man jedoch die ganze, ständig gleichbleibende Wasserkraft der Osterkalle nützte, war ein Sammelteich überflüssig, und statt eines Rades konnte man drei treiben. Doch wohin sollte man bauen? Nun, der ausgedehnte Pfarrhof konnte den Baugrund liefern, am großen Küstergarten entlang ließ sich der Graben ziehen und der Damm aufwerfen. Bauholz, Steine, Sand und Kalk gabs in Fülle in den Bergen ringsum, und die Bauern mußten in Hand- und Spanndiensten die Arbeit tun. Nur ein paar städtische Steinmetzen und Zimmerleute mußten bezahlt werden, alles andere war umsonst! So wuchs rasch der Bau, und der junge Graf Simon VI. konnte stolz sein, als die Werkleute seinen kunstreichen Wappenstein in die Mauer fügten.

Doch voll Groll blickte der Müller Johann Rügge auf den neuen Bau. Da hatte er nun seit Jahrzehnten in seiner kleinen Mühle für das Dorf und die Umgebung das Korn gemahlen, wie es schon seine Ahnen und sein Vater Tönnies getan. Gewiß, der Teich war verschlammt, und das Mühlwerk war klapprig, aber jeder hatte zur Not doch noch seine Handmühle zu Hause. Wenn nur Korn gewachsen war, gemahlen wurde es schon, und das hätte auch wohl noch weiter so gegangen. Aber nun sollte er Schluß machen. Alles Korn aus Stemmen und Varenholz, aus Tevenhausen und Heidelbeck und Faulensiek sollte in die neue Mühle des Grafen. Wenn man ihm wenigstens noch die Langenholzhauser als Mahlgäste gelassen hätte. Doch alle seine Bitten waren umsonst gewesen. Ja, wenn er die schier unerschwingliche Pacht bezahlte, hätte ihn der Graf wohl als Müller angestellt. Aber das konnte er nie und nimmer angehen. Die Wendsche Herrschaft hatte sich mit dem freien Mahlen ihres Korns begnügt. Und nun Pachtgelder? Nein, er tats nicht! Von seiner Stätte konnte er allenfalls leben. Mochte sich der Graf einen anderen Müller suchen!

Das tat der denn auch. Achtzehn Jahre lang stellte man fremde Mühlenknechte ein. Doch das Wandern war schon damals des Müllers Lust. Sie kamen und gingen, und als sich „Johann der Müller“ im Jahre 1586 nach Möllenbeck „vermeidet“ hatte, da sah man sich endlich nach einem beständigeren Müller um. Nun meldete sich neben anderen, „die jedoch vom Müllerhandwerk keinen Verstand haben“, auch der Sohn des alten Langenholzhauser Müllers, Hermann Rügge, zum Betrieb der neuen Mühle. Der Varenholzer Amtmann konnte ihm bescheinigen, „daß gemelter Hermann bei dem Niedermüller für einen Müller und folgends alhie für einen Zimmermann ufrichtig und redelich gedienet hat“. Ein Müller und Zimmermann zugleich, der so manche Reparaturen selber machen konnte, wie hätte man einen besseren Kerl finden können!

So hielt denn dochvdas alte Müllergeschlecht der Rüggen in der neuen Mühle seinen Einzug. Und Hermann hielt seine Mühle in Schwung. Eifrig war er dahinterher, daß ihm keiner seiner Bauern nach einer fremden Mühle ging. Die Stemmer namentlich ließen ihr Korn lieber in dem näheren Möllenbeck als in Langenholzhausen mahlen, wiederholt mußten sie auf Hermanns Anzeige hin in Strafe genommen werden.

Im Jahre 1617 trat Hermanns Sohn Henrich Rügge die Mühlenbedienung an. Nachdem er sieben Jahre lang als Mühlenknecht tätig gewesen, verpachtete ihm der Graf Simon VII. die Mühle. Dieser erste Mühlenkontrakt lautet:

„Wir Simon Graff vndt Edler Her zur Lippe fügen hiemit zu wissen, daß Vor- weisern dieses Henrichen Rüggen Unsere Mhüll zu Langenholthusen wir gegen erlegung Viertzig Reichsthalern Weinkauf Uff Zehen Jahre langk diesergestalt eingethan, daß Er dieselbe in dem Stande er sie entpfangen, uff seine Costen in Tach, Fach vndt gange halten, keine Mahlgest, so darin gehören abkommen lassen vndt dieselbe über gepürliches Malter durchauß nicht beschweren soll, mit dieser Verwarndung, da deswegen einige clagten einkämen, Ehr nicht allein der Mhülen verlusti- get, sondern auch mit willkhürlicher Straff beleget soll werden. Den Mhülenstein wollen Wir zu vorfallender nohtdurfft verschaffen vndt haben dieß zu Uhrkundt mitt Un- serm Secretum lassen bedrucken vndt mitt Unseren eigenen Henden unterschreiben uff Unsern Schloß Detmoldt in der Osterwochen des 1624 Jhars.

Simon Graff vndt Edler Her zur Lippe.“

Wenn man bedenkt, daß zu derZeit, als dieser Pachtkontrakt ausgestellt wurde, bereits die Heervölker des Dreißigjährigen Krieges im Lande plünderten, will es scheinen, daß der gräflichen Kammer ein fester Pachtvertrag sicherer erschien als die immer unsicherer werdenden täglichen Einnahmen aus der Mühle. Jedenfalls hat Henrich Rügge die ganze Schwere des großen Krieges durchstehen müssen. Aber er war auch der Mann, sich von den widrigen Schicksalsschlägen seines Lebens nicht unterkriegen zu lassen. Sein Nachbar, der Pastor, führte wiederholt Klage über ihn, daß er trotz Befehls nicht zur Kirche gekommen, daß sich sein Hausgesinde an der „heidnischen, barbarischen, ja teuf- lichen Gewohnheit“ des Osterfeuers beteilige, daß er einen gefährlichen Hund halte, „der mir auf freier Straße letzlich mal schon unverwehrlich zugesetzet und mir dreien Kälbern die Schwänze abgerissen“. Doch nur der Tatkraft und Umsicht Henrichs ist die Rettung der Mühle zu danken, als im Jahre 1633 fast das ganze Dorf Langenholzhausen niederbrannte. Wiederholt hat er die Mühle gegen räuberische Soldaten mannhaft verteidigt. Und oft genug hat man ihm auch böse mitgespielt. So schreibt er selber im Jahre 1648:

„So ist genugsamb Kund und offenbar, das nicht alleine ich selber sondern auch andere viel mehr Leute aus dieser Gemeine vom vergangenen herumbschwebeten und eingerissenen schweren Kriegswesen beschweret und geängstiget worden, sintemal etlichemal Parteien alhie gewesen und die Mühlen mit Gewalt aufgeschlagen und mich alles das meine entraubet, mich auch ausgezogen und in Frost, Kälte und Schnee und anderer großen Ungestümlich- keit des Wetters hin und her im Lande nacket und bloß herumbgeführet, dergestalt, daß ich einen großen und unüberwindlichen Schaden nicht allein an den Gütern, sondern auch an meiner Gesundheit erlitten, gänzlich ins Verderben gesetzet und zum äußersten ausgemattet worden.“ Und nun soll er, als sei nichts gewesen, noch seinen jährlichen Kanon von 180 Talern — früher waren es 200 — zahlen! „Aber ich habe zu diesen Zeiten mit meiner großen Arbeit und Mühe nichts ausrichten können, weil die Leute verlaufen und ein ganz Törff in dieser Gemeine, genannt Heilbeck, ist allda kein einzig Himbten Korn verblieben, und da wohl zehn Meiers waren, nunmehr kein einziger vorhanden.“

Die alte Erbpachtmühle

Doch die Rentkammer war unerbittlich und trieb die Testierenden Pachtgelder ein. Als Henrich Rügge im Jahre 1666 starb, konnte der Amtsschreiber nur feststellen: „Hat der Herrschaft nichts hinterlassen, nur ein alt Bette. Nichts nachgelassen als etzliche hundert Taler Schulden!“

Die Mühle war bereits im Jahre 1654 auf seinen Sohn Johann Rügge übergegangen. Nach fünf Probejahren schloß Graf Hermann Adolf mit ihm einen Erbvertrag, „daß er und seine Erben solche Unsere Mühle hinführ o erblich bewohnen“. Der Erbpächter muß alle entstehenden Besserungskosten selber tragen und jährlich einen Canon von 170 Talern zahlen, auch die Mühle alle 15 Jahre mit 20 Talern beweinkaufen. Die zur Mühle gehörenden Mahlgenossen aber werden nochmals ernstlich ermahnt, ihr Korn nur in dieser Mühle mahlen zu lassen, widrigenfalls sie harte Strafe zu gewärtigen haben.

Nach 35 Müllerjahren trat Johann die Mühle an seinen Sohn Conrad Rügge ab. Johann starb als Leibzüchter im Jahre 1696. Die Rentkammer verpflichtete  ihren neuen Pächter, über die 170 Taler Pacht noch ein fettes Schwein zu liefern. Der große Schweinestall vor der Mühle, in dem schon Vater Johann eine schwungvolle Zucht betrieb und den „Dorfsbären“ (Eber) hielt, hatte sicher zu dieser Auflage geführt, aber auch wohl zu den wiederholten Beschwerden der Mahlgenossen, der Müller nähme zu viel Mattenkorn. Zwanzig Schweine waren bei Johanns Tode vorhanden, und die fressen schon eine Menge weg.

Die ungetreuen Stemmer

Durch ein verheerendes Hochwasser der Kalle im Jahre 1690 wurde in der Mühle großer Schaden angerichtet. Die notwendigen Besserungsarbeiten zogen sich über Jahre hinaus hin, weigerten sich doch die Varenholzer und Stemmer Bauern, zu den Kosten beizusteuern und Dienste zu leisten. Sie wollten „eine ihnen weit bequemere Mühle“ in Stemmen anlegen. Da nun die ungetreuen Stemmer Mahlgenossen ihr lippisches Korn immer schon ins „Ausland“, nach Möllenbeck, geschmuggelt hatten, konnten sie nur durch eine eigene Mühle zum Nutzen der gräflichen Rentkammer bei der Stange gehalten werden.

So wurde denn der Bau einer kleinen Mühle in Stemmen sogleich ins Werk gesetzt und im Jahre 1694 vollendet. Conrad Rügge erhielt auf seine Bitte auch die Stemmer Mühlenbedienung, da ja doch, wie er ausführte, die Stemmer und andere Mahlgenossen vorher zu seiner Mühle gehört hätten. Er mußte nun von beiden Mühlen 220 Taler Pacht und zwei Mahlschweine zahlen. Nun, es traf ja keinen Armen. Neben seinen Mühlen und seiner großen Viehwirtschaft betrieb er noch einen einträglichen Handel mit Kalk.

Nach Conrads im Jahre 1716 erfolgten Tode übernahm seine Witwe Maria Ilsabein Rügge zwei Jahre lang die Mühle, bis im Jahre 1718 Conrads Sohn aus erster Ehe, Friedrich Rügge, die beiden Mühlen antrat. In jener Zeit war in den lippischen Kassen immer tiefste Ebbe, kannte doch die Verschwendungssucht der Regenten kein Maß mehr. Drum mußte die gräfliche Rentkammer aus Verkäufen und Verpachtungen so viel Geld wie nur möglich herausschlagen. Dem neuen Erbpächter wurde der Canon von 220 auf 250 Taler erhöht, die bisher 15jährige Pachtperiode aber wurde auf 12 Jahre herabgesetzt.

Aber nur 10 Jahre lang dauerte die Pachtzeit des Friedrich Rügge, im Sommer 1728 raffte ihn ein früher Tod hinweg. Seine Kinder waren noch klein, seine Frau ein junges, lebenslustiges Weib. Seine Stiefmutter — „sie wollt’ so gerne mahlen!“ — suchte mit List und Tücke die Mühle wieder in ihre Gewalt zu bringen. Sie brachte eine Kommission auf die Beine, die nach eingehender Besichtigung der Mühle feststellte, daß sie in einem traurigen Zustande sei, was „lediglich des abgelebten letzten Müllers Nachlässigkeit zuzuschreiben ist!“ Es scheint schon etwas dran gewesen zu sein an diesem harten Urteil, und vielleicht war der „Branntweinspott“, das Recht des Müllers, Schnaps zu brennen, das gegen gutes Geld der Graf schon dem Vater Conrad gegeben, nicht ganz schuldlos daran. Dennoch war alles künstlich aufgebauscht.

Die junge Witwe, Catharina Wil- helmina Rüggen, suchte die Mühle durch Aufnahme des Müllers Ludwig Humbke aus Lauenau wieder in Schwung zu bringen, doch die Alte hetzte das Dorf gegen sie auf, und so scheiterte sie an dem muffigen Sittenkodex jener Zeit. „Die junge Müllersche hat gegen die Kirchenordnung gehandelt und 11 Wochen nach ihres sei. Mannes Tode öffentlich wieder Eheverlöbnis gehalten und dadurch der Gemeine groß Ärgernis gegeben!“ Was aber sollte die Frau denn anders tun, wenn sie für ihre Kinder die Mühle retten wollte? Man befahl ihr, die Mühle wieder so instand zu setzen, „wie sie von ihrem Schwiegervater ihrem Manne geliefert worden.“ Da mußte doch wieder ein tüchtiger Müller her, wie es der Ludwig einer war! Gut, man zahlte die 2 Taler Strafe für das frühe Verlöbnis. Doch die Altsche hetzte weiter. „Die junge Müllersche hat wenige Tage (vorher warens 11 Wochen!) nach ihres Mannes Tode sich schon einen Bräutigam wieder zugelegt, welcher über ein halb Jahr bei ihr beständig im Hause gewesen, die Haushaltung regieret und miteinander als Eheleute gelebet, bis dato aber noch nicht copulieret sind und dadurch jedermann groß Ärgernis gegeben!“ Die amtliche Untersuchung der Angelegenheit förderte jedoch nichts Belastendes zutage, und die am 27. 10. 1729 erfolgte Eheschließung ließ dann die Lästermäuler verstummen.

Doch die Treibereien gegen die Einsetzung Humbkes als Erbpachtmüller gingen weiter. Wie sollte er die durch seinen Vorgänger verschuldete Schlenderei in so kurzer Frist beheben? Er erklärte sich bereit, die Besserungskosten in Höhe von 400 Talern zu zahlen und die Abgaben pünktlich zu entrichten. Der Pastor Volkhausen setzt sich warm für ihn ein. Der Niedermüller Redeker erklärt nach Besichtigung der Mühle, die Schäden seien nicht so groß und die Mühle selbst sei „in völlig gutem Stande“. Doch das nützt dem guten Müller Humbke alles nichts, längst ist seine Abmeierung beschlossen. Aber auch die alte Rüggesche, seine Widersacherin, kommt nicht mehr an den Drücker. Denn — Graf Simon Henrich Adolf braucht Geld! Er steckt bis über beide Ohren in Schulden, pumpt einen nach dem andern seiner Untertanen an und schreckt auch vor den verwerflichsten Mitteln nicht zurück, sich Geld zu verschaffen.

Die Rentkammer aber bringt den Müller Simon Henrich Frevert aus Laßbruch auf die Beine und verspricht ihm die Rüggesche Erbpachtmühle, wenn er innerhalb 4 Wochen 1000 Taler aufbringt! Eine Pachtvorauszahlung soll das sein mit langfristiger Abstotterung. Frevert zahlt, Humbke wird aus der Mühle gesetzt, Frevert zieht ein. Das war im Jahre 1732.

O, ihm ist nicht ganz wohl bei diesem Handel, in den er, Frevert, hier verwickelt wird. So erklärt er: „Verspreche festiglich, wenn die Kinder des vorigen Müllers sich gegen mich und die Meinen jederzeit erkenntlich zeigen, ich keine Ursache finde, ihnen eins meiner Kinder zur Ehe zu versagen und sie so durch eine Heirat wieder zum Besitz und Genuß beider Mühlen kommen zu lassen!“

Doch es kam anders. Nachdem Frevert 22 Jahre lang die Mühle in Pacht gehabt, immer pünktlich seinen Canon bezahlt, für die gräfliche Lotterwirtschaft nochmals 400 Taler vorgeschossen und unweit der Mühle ein Wohnhaus gebaut hatte, erlebte er nun die gleiche skandalöse Behandlung, wie sie einst seinem Vorgänger Humbke widerfahren war. Noch zwei Jahre vor Ablauf seiner zweiten Pachtperiode, im Jahre 1754, wurde er aus der Mühle gesetzt!

Der Mühlenpächter Johann Paul Vorher in Brake erbot sich, falls er sofort die Pacht der beiden Mühlen in Langenholzhausen und Stemmen antreten könne, den jährlichen Canon zu verdoppeln, statt 250 Talern nunmehr 500 zu zahlen! Frevert erklärt, daß es ihm unmöglich sei, einen solchen Preis zu zahlen. Er pocht auf seinen Erbpachtkontrakt, den er stets treu erfüllt habe. Doch wirkungslos verhallt seine Beschwerde. Es war die Zeit des Absolutismus, da das Recht des Untertanen machtlos war vor der Willkür des Landesvaters.

Für den neuen Mühlenpächter Vorher aber wurde außer der Verdoppelung des Canons noch eine weitere Abgabe fällig. Er mußte 300 Taler Kaution stellen, die ihm mit 5% verzinst werden sollten. Vorher war ein sehr tüchtiger Wirtschafter, der auch die schweren, mageren Jahre des Siebenjährigen Krieges gut überstand. Darum glaubte die Rentkammer schon ein Jahr nach Beendigung des Krieges, es sei nun wohl einmal wieder die Zeit gekommen, den Erbpachtcanon heraufzuschrauben. Doch die Varenholzer Beamten, die Paul Vorher das beste Zeugnis hinsichtlich seiner Tätigkeit ausstellten und besonders seine Mildtätigkeit „gegen die notleidenden und bedürftigen Untertanen“ hervorhoben, glaubten von einer Heraufsetzung des Canons abraten zu müssen. Dennoch suchte die Rentkammer das schon zweimal mit so großem Erfolge geübte Spiel zu wiederholen. Johann Wilhelm Nagel, „Mühlenbeständer zu Möllenbeck“, deckt in seiner Beschwerde die Taktik dieser hohen Behörde auf:

„Ich bin durch Oberjäger Rötteken zu Langenholzhausen verleitet worden, und ich mich gegen ihn herauslassen müssen, daß, wenn die Herrschaftliche Mahlmühle zu Langenholzhausen in Erbpacht gebracht würde, ich sie dann annehmen sollte!“ Man hat ihn dann nach Detmold zitiert, hat ihm Versprechungen gemacht, hat ihm auch schon eine Kaution von 640 Talern abgenommen. Er hat darauf seinen Kontrakt in Möllenbeck gekündigt. Nun aber hält man ihn hin, und er muß erfahren, daß Vorher bereits den neuen Kontrakt hat. Auf seine Eingaben erhält er keine Antwort mehr!

Ja, Nagel war für die Rentkammer nur der Köder gewesen, den Pächter Vorher wieder ein bißchen in die Höhe zu schrauben. Er mußte seine Kaution verdoppeln!

Nach dem im Jahre 1772 erfolgten Tode Paul Vorhers setzte seine tüchtige Witwe Anna Sophia Vorher, geb. Fi^ scher, alles daran, eine zur Mühle gehörige Wohnung zu erwerben. Die Familie Rügge hatte auf ihrer Mittelkötterstätte gewohnt, Frevert hatte sich ein Haus gebaut, aber die Familie Vorher wohnte zur Miete. Nun stand die nahe der Mühle gelegene Stätte Nr. 55 zum Verkauf, und nach längeren Verhandlungen mit der Rentkammer, die jedoch selbst nicht kaufen wollte, erwarb die Müllerin Vorher diese Stätte, die dann ihr und ihren Nachfolgern bis zum heutigen Tage zur Wohnung gedient hat.

Ja, sie war eine kluge, energische Frau, die Müllerin Vorher. Doch Arnold Friedrich, ihr einziger Sohn, war ihr Kummer. „In Gesellschaft des liederlichen Juden Itzig“, so klagt der Pastor, „treibt er sich nächtelang herum, und sie singen mir und allen rechtschaffenen Leuten zum Ärgernis allerlei lose Lieder“. Die kostbare, auf 5 Taler geschätzte Katze des Pfarrherrn erschießt er mit seiner Rattenflinte. Das Amt erteilt ihm eine ernste Rüge, und ob er sich zwar in einer maliziösen Verteidungsschrift geschickt rechtfertigte, so blieb er doch in der Mutter Augen und der Leute Mund ein Leichtfuß. Und als er sich dann, wohl auch gegen den Willen der Mutter, mit einer Krämerstochter aus Stemmen verlobte, stellte die Müllerin am 26. Juni 1777 den Antrag, ihrem Sohn die Mühle in Stemmen, ihrem Schwiegersöhne Friedrich Wilhelm Bauer aber die Mühle zu Langenholzhausen zu übertragen. Die Rentkammer erteilte sofort ihre Zustimmung. Von den 600 Talern Kaution wurden 100, von den 500 Talern Canon wurden 90 Taler für die Stemmer Mühle abgezweigt. Das war für Arnold Friedrich Vorher immerhin ein leichter Start.

Mit Friedrich Wilhelm Bauer aus Krankenhagen (1755—1830) aber trat nun in der Langenholzhauser Erbpachtmühle ein neues, selbstbewußtes Müllergeschlecht auf den Plan, ein Geschlecht, das in vier Generationen sich der Fürstlichen Rentkammer gewachsen zeigte und mit unbeugsamer Zähigkeit sein Recht vertrat. F. W. Bauer war einer alten Müllerfamilie des Schaumburger Landes entsprossen, Urgroßvater und Großvater waren Müller in Rehren gewesen, der Vater Johann Friedrich war nacheinander Mühlenmeister in Bösingfeld, Exten und Rinteln gewesen, hatte auch die beiden letzten Mühlen noch gepachtet. Durch Einheirat war er „Erbmühlenbeständer“ in Krankenhagen geworden. Friedrich Wilhelm Bauer hat in den ersten Jahren seiner Ehe mit Maria Elisabeth Vorher, als seine Schwiegermutter noch die Mühle in Langenholzhausen regierte, als Mühlenpächter in Exten gelebt, wo auch seine ersten Kinder geboren wurden. Doch aus dem Jahre 1781 wird berichtet, daß Bauer in der Langenholzhauser Mühle allerlei Verbesserungen gemacht hat.

Im Jahre 1788 bittet Bauer die Rentkammer um die Erlaubnis, eine Graupenmühle — „geschälte Gersten-Mühle“ schreibt er — anlegen zu dürfen. Die Rentkammer erteilt die Genehmigung, fordert aber 2 Taler jährliche Gebühr. Doch Bauer wehrt sich: „In meinem Erbpachtkontrakte ist mit ausdrücklichen Worten enthalten, daß ich die Mühle zu meinem besten Vorteile und Nutzen gebrauchen solle. So kann ich unmöglich wegen der auf meine Kosten zu verfertigenden Graupen-Mühle noch eine besondere neue Gebühr bezahlen.“ Doch als sich die Rentkammer auf nichts einläßt, fordert und erhält er wenigstens die Konzession schriftlich.

Inzwischen war es Bauer gelungen, durch langwierige Verhandlungen das mattenfreie Mahlen der Domänenpächter in Varenholz und Hellinghausen abzuschaffen. Doch nun entzogen sich diese dem Mühlenzwange, auf dem doch der hohe Canon des Müllers basierte. In Varenholz richtete die Kammer sogar eine eigene Sehloßmühle ein. Jetzt forderte Bauer mit Recht, entweder den Mühlenzwang der Pächter durchzuführen oder seinen Canon um 10 Taler zu senken. Doch die Kammer war allen Vorstellungen Bauers gegenüber unzugänglich, obwohl dieser ein für ihn günstiges Rechtsgutachten der Juristenfakultät der Universität Rinteln beibrachte. Am 15. Juni 1790 wandte sich Bauer an den Fürsten Leopold: „Wenn man bei der heutigen Justiz-Verfassung, deren langsamen Gang und Kosten-Erfor- derung, nicht vorher alle möglichen Wege zur Güte betritt, so handelt man gegen sich selbst“. Doch auch dieser Schritt ist umsonst. Bauer wird vors Amt zitiert, es werden ihm die Gründe für die Ablehnung seines Gesuchs eingehend klar gelegt, und er muß erkennen, daß der Untertan schwerlich Recht erhält im Kampf gegen den Landesherrn und seine Behörden.

Im Jahre 1802 konnte Bauer durch Kauf des nahe der Mühle gelegenen Küsterhauses nebst großem Garten seinen Besitz auf das Beste erweitern. Die neue Gestaltung dieses Gartens mit Lauben, Grotten, Springbunnen und Skulpturen, ferner Bauers im Jahre 1811 erfolgte Stiftung einer Sonnenuhr für die Kirche sind Zeugen von Bildung und Geschmack, Wohlstand und Gemeinsinn. Das renovierte Küsterhaus wurde die behagliche Leibzuchtswohnung der Familie. Hier starb Friedrich Wilhelm Bauer, 75 Jahre alt, im Jahre 1830. Seine Witwe, die zweite Frau, zog zu ihrem Sohne Ferdinand, dem Begründer des bekannten Detmolder Kaufhauses Bauer.

„Auf Jacoby 1819. Habe ich die hiesige Mühle von meinem Vater angetreten, und durch eine Amtliche Verschreibung durchs Hochfürstliche Amt zu Varenholz, hier in meinem Hause, die Bedingungen an meinen Vater übernommen und Amtlich bestätigt. Ist zu bemerken. Langenholzhausen d. 18ten July 1819.
F.   W.    Bauer.“

So schreibt der zweite Friedrich Wilhelm Bauer (1779—1842) in das alte, von seinem Großvater Paul Vorher angelegte Heft „Mühlenfuhren von 1754 an“.

Zu den Diensten der Mahlgenossen gehörte es, für die herrschaftliche Erbpachtmühle das nötige Bau- und Brennholz, die Mühlensteine und dgl. umsonst zu fahren. Das ging reihum bei den Bauern, und gewissenhaft wurde durch den Müller jede Fuhre notiert. Doch seit im Jahre 1808 die Leibeigenschaft aufgehoben worden, war immer erst ein Streit mit den Betroffenen auszufechten, so daß der Müller oft lieber ganz Verzicht leistete. Im Jahre 1838 wurden dann die Frondienste ganz abgeschafft. So finden wir in diesem Büchlein denn nur noch wenige Eintragungen von des zweiten Bauers Hand.

Leopold Bauer (1845—1917)

Überhaupt änderte sich manches in jenen Jahrzehnten, und nicht zum Vorteil des Erbpachtmüllers. Wo war der Mühlenzwang geblieben, der allein dem hohen Canon seine Berechtigung gab? Früher hatten die Strafen des Gogerichts immer geholfen. Nun aber wollte sich keiner mehr fügen. „Gewerbefreiheit!“ schallte es überall. Ein Müller schnappte dem andern die Kunden weg.

Und dann diese unvermeidlichen Neuerungen! Feinen weißen Weizenstuten wollte nun jeder am Sonntag essen, der Weizenanbau stieg von Jahr zu Jahr. Da mußte der Müller notgedrungen einen Mahlgang umbauen. Aber die Rentkammer, als sie davon erfuhr, sagte, das sei wider den Kontrakt, und die nachträgliche Genehmigung ließ sie sich teuer bezahlen. — Aber hielt sich diese hohe Behörde etwa selber an den Kontrakt? Wie konnte sie dem Erbpachtmüller einfach Konkurrenten vor die Nase setzen, wie konnte sie früheren simplen Ölmühlen das Recht geben, nun auch Graupen, Weizen, ja Roggen zu mahlen? Wo blieb da der alte Vertrag? Nein, die Bauers, die ihren Wohlstand allmählich schwinden sahen, konnten sich das nicht gefallen lassen!

So beginnt denn im Jahre 1831 jener große, in der Geschichte der lippischen Mühlen berühmt gewordene

Prozeß des Müllers Bauer gegen die Fürstliche Rentkammer,

der in Unterbrechungen und Abwandlungen mehrfach alle gerichtlichen Instanzen durchlief und erst im Jahre 1905 beim Reichsgericht in Leipzig zum glücklichen Ende gebracht wurde. Die Prozeßakten füllen acht Bände! Friedrich Wilhelm Bauer hat nur den Beginn dieses Rechtsstreites erlebt. Er starb, noch nicht 63 Jahre alt, im Jahre 1842.

Sein Sohn und Nachfolger aber, Friedrich Eduard Bauer (1815—1906) war ein zäher, unbeugsamer Kämpfer, der sein Recht und seine Interessen klug und rücksichtslos verfocht. Nach dreijähriger Lehr- und sechsjähriger Gesellenzeit in der väterlichen Mühle war er „nach Handwerksgebrauch und -gewohnheit“ im Frühjahr 1839 auf die Wanderschaft gegangen. Sein interessantes Tagebuch gibt uns Kunde von der außerordentlichen Beobachtungsgabe und dem vielseitigen beruflichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Interesse dieses bedeutenden Mannes. Als er im Herbst des Jahres 1840 heimkehrte, hatte er nicht nur die deutschen Lande durchzogen, sondern war auch in Dänemark, in der Schweiz und im französischen Elsaß gewesen. Er übernahm die Mühle im Jahre 1844, und sogleich trat auch der Streit mit der Rentkammer in ein neues Stadium.

Zweimal forderte er die Kammer auf, ihm „die abgewichenen Mahlgäste“ wieder zuzuführen und dem Ölmüller zu verbieten, Korn zu mahlen. Für den dadurch erlittenen Verlust forderte er „bis jetzt“ 300 Taler Schadenersatz. Als die Kammer auf nichts reagierte, stellte Bauer kurzerhand die Zahlungen des Canons ein und schrieb: „Ich habe meine Pflichten, welche meine Vorväter zu halten unterschrieben haben, treu gehalten. Tut hingegen Hochfürstliche Cammer nicht auch das Ihrige, und weiset mir meine weggewichenen Mahlgäste wieder zu,… so werde ich bei Serenissimo mal zuhören, ob nicht auch der Kleinste sein Recht im Lipperlande behalten kann!“

Die Rentkammer ließ sich auf nichts ein und befahl die Exekution.

Doch das Amt mußte berichten:

„Gegen die Vollstreckung hat der Erbpächter Bauer einen Bescheid Hochfürstl. Hofgerichts erwirkt, wonach die Exekution bis auf weitere Verfügung beanstandet werden soll.“

So mußten denn die Gerichte entscheiden, und ob auch die lippischen Richter sich für die Rentkammer aussprachen, Bauer gab den Kampf nicht verloren und scheute nicht Mühen noch Kosten, sein Recht bei den höheren Instanzen zu suchen.

In den vierziger bis sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herrschte in unseren Dörfern viel wirtschaftlicheNot. Auch Eduard Bauer rang zu Zeiten schwer um seine Existenz. Doch Tatkraft, Stolz und die Achtung, die er allenthalben genoß, zwangen ihn, seine Sorgen zu bergen, lieber Schulden aufzunehmen, als den Kampf aufzugeben und sich, wie man sagt, kleiner zu setzen. Als damals manche Familie nach Amerika ging und Haus und Grundbesitz billig losschlug, griff Bauer entschlossen zu und rundete durch Kauf mehrerer Stätten seinen Besitz vorteilhaft ab, mochten auch neue Schulden daraus erwachsen.

Im Jahre 1876 vernichtete ein großes Schadenfeuer Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude. An ihrer Stelle, auf den alten Stätten Nr. 55 und 68, ließ Bauer ein stattliches Wohnhaus mit Stallung und Scheune, Kreissäge und Dreschbetrieb errichten.

Fr. Eduard Bauer (1815—1906)

Daß dieser tatfreudige, kämpferische Mann auch am politischen Leben seiner Zeit regen Anteil nahm, ist selbstverständlich. Er gehörte der Fortschrittspartei an und war eifriger Mitstreiter Franz Hausmanns im Kampf für Freiheit und Volksrechte. Den übrigen Erbpachtmüllem war er Rufer im Streit gegen die Rentkammer, doch den großen Prozeß mußte er allein bestehen. Wohl mochte er einsehen, daß das alles schließlich über seine wirtschaftliche Kraft ging, doch unbeugsam schritt er seinem Ziele zu, und der Nimbus eines reichen Mannes begleitete ihn.

In den achtziger Jahren zog er auf die Leibzucht, wo er noch bis ins hohe Alter hinein als rühriger Imker und Gärtner tätig gewesen ist. Seinen reichen Schatz an Überlieferungen und Erinnerungen, an Wissen und Können spendete er den zahlreichen Besuchern in stets interessantem Gespräch.

Doch sein Sohn Leopold Bauer (1845 bis 1917) trat ein schweres Erbe an. Längst hatte eine neue Zeit mit alten Vorrechten Schluß gemacht. Am Orte war die kleine Ölmühle zu einer großen modernen Mahlmühle umgebaut worden. Mehrere Bauern hatten sich eigene Schrot- und Mahlgänge errichtet. Auch die Domänen der Umgegend mahlten ihr Korn selbst. Auswärtiges Korn bekam man nur noch, wenn man es mit eigenem Fuhrwerk beförderte. Freies Bauholz, freier Brand, freie Fuhren, das alles hatte längst aufgehört. Doch die Rentkammer pochte auf ihren alten Canon, und die Richter gaben ihr recht!

Leopold Bauer war eine vornehme, fein empfindende, für alle geistigen Fragen aufgeschlossene Persönlichkeit, stets hilfsbereit, dem Dienste am Gemeinwohl zugewandt. Den Belangen des lippischen Müllervereins widmete er viel Zeit und Mühe. Doch der rücksichtslose Kampfgeist und Behauptungswille seines Vaters ging ihm ab. Dennoch, der Prozeß mit der Rentkammer mußte weitergehen trotz aller Kosten und Rückschläge. Ein Aufgeben des Kampfes hätte der Alte nicht gelitten. Und Leopold Bauer hat den langen Prozeß auch zum glücklichen Ende geführt, und der alte Eduard hat den Endsieg, in dem der Canon auf etwa ein Drittel herabgesetzt wurde, noch erleben dürfen. Eine erhebliche Summe hatte die Rentkammer zurückzuzahlen. Für alle übrigen Erbpachtmüller aber war dieser Ausgang das Signal, nun auch die eigenen Forderungen anzumelden, die Kammer mußte sich mit allen vergleichen.

Im Jahre 1909 aber wurde das letzte Band mit der Rentkammer gelöst. Durch Ablösung des Restcanons ging die alte Langenholzhauser Erbpachtmühle in das freie Eigentum von Leopold Bauer über.

Doch die Familie Bauer, die für alle anderen sozusagen die Kastanien aus dem Feuer geholt hatte, konnte sich nicht lange mehr des errungenen Sieges erfreuen. Im Jahre 1913 mußte der ganze stolze Besitz verkauft werden. Leopold Bauer verbrachte seine letzten, von Sorgen überschatteten Jahre in der Leibzucht seiner Väter. Alle, die ihn gekannt, werden ihn in treuem Gedenken behalten.

Mühle und Wohnhaus gingen im Jahre 1913 in den Besitz des Müllermeister Fritz Wölt j e aus Werl in Lippe über. Unter seinen Händen hat das Innere der Mühle inzwischen ein neues, modernes Gesicht bekommen, doch als treuen Hüter einer alten stolzen Mühlentradition sieht man den Meister ab und dann im alten Torbogen stehen, ein Bild der Ruhe und der Beständigkeit im Wandel der Zeiten.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1956 – Von Wilhelm Süvern, Lemgo