Die Externsteine – ein Aufbewahrungsort für Missetäter ?

Die Externsteine mit dem landesherrlichen Jagdschloss, Kupferstich von 1663. Elias van Lennep *1637/38, † 1692

In der unlängst erschienenen Broschüre über die Externsteine („Lippische Sehenswürdigkeiten“ Nr. 2, 1974) ist zum ersten Male ein Kupferstich Wilhelm Stradts veröffentlicht, dem der Verfasser des Textes folgende Erläuterung beigefügt hat:

„Kolorierter Kupferstich des Bückeburger Professors der Bildenden Künste Wilhelm Strack, eines Verwandten der Malerfamilie Tischbein, gestochen 1802.

Das Bild ist zwar wohl komponiert, aber im einzelnen ungenau. Die Grottenöffnungen (außer der „Adlertür“) waren um 1800 bis auf kleine Luken vermauert. Handschriftliche Nachrichten lassen vermuten, daß die Grotten zeitweilig zur Aufbewahrung von Gefangenen dienten. Das Original des Stiches befindet sich in der Grabbe-Sammlung der Landesbibliothek zu Detmold.“

Die Bemerkung, daß die Grotten zur Aufbewahrung von Gefangenen dienten, bedarf einer Rechtfertigung.

Während der ersten Auseinandersetzungen um die sogenannte „Rune“ in der Externsteiner Nebengrotte hatte Professor Alois Fuchs („Im Streit um die Externsteine“, 1934, Anm. 51 auf S. 94) einiges Aufsehen durch ein Zitat aus einem bis dahin ganz unbekannten Manuskript erregt. Fuchs schreibt: „In einer Eingabe an den Stadtrichter Heistermann zu Horn, die aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stammt, wird u. a. gesagt, daß die »Steinkammern« der Externsteine zeitweise »dem Amte Horn zur Aufbewahrung der Missetäter dienstbar« waren (Stolte, Archiv des AltertumsVereins 14, Paderborn)“. Er knüpft daran die Erwägung, ob nicht „ein eingesperrter Verbrecher, der vielleicht das Galgenzeichen auf dem Rücken trug oder gar den Galgen zu erwarten hatte, in seiner Einsamkeit in einer Art Galgenhumor ihn zum Zeitvertreib eingegraben hätte.“ Den Namen des Verfassers nannte Fuchs damals noch nicht.

Es war verdienstvoll von dem zu Anfang dieses Jahres verstorbenen Ferdinand Seitz, daß er dem Zusammenhang dieses Zitats nachgegangen war und daß er sich in den Archiven zu Detmold und Horn herauszufinden bemüht hatte, ob sich irgendwo eine Bestätigung dieser überraschenden Nachricht fände. In der dritten Auflage seiner kleinen Schrift „Rätsel um die Externsteine“ (1958) berichtet er von seinen negativen Ergebnissen. Er nennt als Verfasser des Schriftstücks einen „Dr. Jur. Gehrken, Capl[so!]“, bezeichnet den Satz, in dem das Zitat erscheint, als „unvermittelt und ohne ersichtlichen Zusammenhang“, ja er weist Fuchs sogar eine kleine Unkorrektheit nach (er habe hinter den „Steinkammern“ den Zusatz „und Felsenbegräbnisse“ ausgelassen) und erklärt den Urkundenwert dieses Dokuments, das weder Datum noch Jahreszahl trage, für „problematisch“ (Seitz, S. 48).

Um nun beiden gerecht zu werden, sei hier der volle Wortlaut des in der Tat recht eigentümlichen Schriftstücks veröffentlicht. Es handelt sich um einen bloßen Entwurf mit mehreren Streichungen und Korrekturen, der in dieser Form nicht abgesandt worden sein kann. Eine Reinschrift hat es vermutlich nie gegeben. Auf keinen Fall kann sie je an den im Jahre 1835 verstorbenen Horner Richter Heistermann gelangt sein. Der volle Text lautet:

„An den Herrn Rath und Stadtrichter Heistermann Wohl[geboren] zu Horn. Rechtliche Imploration an Seiten der Extersteine bey der Stadt Horn um Manutenenz [ Aufrechterhaltung] ihres Namens contra quoscumque turbare volentes [gegen alle, die ihm zu Leibe rücken wollen].

An der östlichen Abdachung des teutonischen Waldes hausten in den Bergschluchten unter unseren Felsenwänden zur Zeit der Carolinger Sachsen, die bei unseren häufigen Waldbächen von der Viehzucht und dem Ackerbau lebten. Was ihre Vorvorderen mit dem vom Rhein gekommenen Römer angefangen haben, wissen wir nicht. Bloß das Andenken vom Drusus haftete an den Gebirgsknoten, worin wir stehen, und in dem nahen Dorfe Feldrom erhielt sich die alte Sage von der Niederlage des Varus mit Adler und Cohorten und wie aus ihrem Blute deutsche Freiheit erstanden ist.

Unsere Häuptlinge teilten das alte Erbe. Der jüngste von drei Brüdern, Imico, erhielt Holthausen mit dem aigisterstein bis Hornon, wie die lateinische Urkunde des Jahres 1093 besagt; wir Eksternsteine kamen als gemeinschaftlicher Versammlungsort unter den Schutz der Benediktinerklöster Werden und Abdinghoff in Paderborn, wie früher die alte Eresburg der Abtey Corvey vom Kaiser Ludwig gegeben war. Unsere Felsenwände erhielten von den Mönchen ein colossal ausgehauenes Altarbild, welches oben den Allvater mit der Siegesfahne, in der Mitte die Kreuzabnahme und am Fuße den ersten Sündenfall darstellet. Bis zum 16. Jahrhundert stand es unter der Obhut von Klausnern, und noch jetzt tragen wir das fromme Gebilde zwar verstümmelt, aber desto mehr besprochen als Wappenschild.

In der Folge beliebte der Diözesanbischof, der gelehrte Ferdinand von Fürstenberg, 1672 auf der Landkarte von Altsachsen noch insbesondere die Abbildung der Felsen mit dem lateinischen Namen Picarum rupes [Elsternfelsen] im Kupferstiche unter die fränkisch-sächsischen Monumente aufzustellen, da der Landesherr bereits die aus dem Hochwalde aufstrebenden Glieder zu einem Jagdschloß vereinigt und die geistlichen Einkünfte der Schule zu Horn überwiesen hatte. Es wurden [diese beiden Wörter sind durchgestrichen, ohne daß das Verbum an anderer Stelle ergänzt worden wäre] unsere Steinkammern und Felsenbegräbnisse dem Amt Horn zur Aufbewahrung von Missethätern dienstbar. Die diebische Elster vermochte nicht den alten Namen aus dem Munde des Volks zu entführen, und der edle Graf zur Lippe verschmähte nachher das Geld, welches ein Italischer Fürst zum Ankäufe unserer Felsen zu zahlen willens war.

Erst in der neuesten Zeit hat die edle Fürstin Pauline sich der verlassenen angenommen und unsere Kette zur Bequemlichkeit der Reisenden mit einer Kunststraße durchbrochen . . . Nun ist in das Walhalla Westphalens auf breitem Wege die romantisch historische Schule hergefallen. Vom alten Häuptling war alle Spur verloren; die Schüler tappen in den Nebelwolken heidnischer Gottheiten und Opferstätten. Der ernste Forscher frägt vergeblich nach der Familie von Elstern, ihre Asche ist sogar aus den Särgen von Sandstein verschwunden, und nur allein ein entfernter Bach ober Alverdissen bewahrt den Namen.

Die Externsteine. Kupferstich von R. de Hooghe (167211714)

Die Externsteine. Kupferstich von R. de Hooghe (1672-1714)

Wir glauben daher, gestützt auf die notorischen Felsengründe, die wandelbare Menschen und Geschlechter nicht vorzubringen vermögen, darauf unseren gehorsamsten Antrag richten zu dürfen, uns bei der alten Volksbenennung hochoberlich zu stützen, die Jahrhunderte hindurch ungeachtet aller Anfeindung fortgedauert hat.

Zur näheren Information des Richters können wir uns noch auf die längst verschwundenen Grafengeschlechter unserer Gegend beziehen und kurz anführen, daß

a)    Graf Hermann von Pirmont und sein Vetter Gottschalk in den Jahren 1261 und 62 ihren Castellan Tydericus de Ekstern als Zeugen urkundlich zugezogen, auch denselben Hermann, Conrad und Hildebold Edle von Pirmont, 1290 bei ihren öffentlichen Verhandlungen aufgeführt haben.

b)   Desgleichen sind von den alten Grafen von Schwalenberg Adolph und Albert im Beisein des Ritters Theodorich Ekstern in den Jahren 1274 bis 90 mehrere Schenkungsurkunden ausgestellet.

c)   Ob die ehemaligen Lehnsträger der Abtei Herford von Exterde von vorstehenden oder vom lateinischen ad extremum ihren Ursprung ableiten, lassen wir dahin- gestellet sein; gewiß bleibt es, daß das nach Osten von uns drei Stunden entfernte Gut Externbrok durch Verlassenschaft einer gleichnamigen Familie, die in ihrem Wappen sieben schräg in die Höhe laufende Steinwürfel führte, an den Franz Otto von der Borch gekommen und der Kämmerei der nahen Stadt Nieheim danach angefallen ist, die das Gut an Kloster Hardehausen im Jahre 1742 für 14000 verkauft und den damaligen Besitzer Sarazin übergeben hat.

Wir bitten daher, uns bei der unvordenklichen Benennung Elstern- oder Externsteine, vor wie nach, hochoberlidi zu handhaben

Dr. Jur. Gehrken Cpt.

Darüber

[Abkürzung der Ergebenheitsformel]“

So weit der Wortlaut dieses absonderlichen Konzepts. Zunächst sollte geklärt werden, um wen es sich bei dem Verfasser „Dr. Jur. Gehrken Cpt. [die Unterstreichung steht im Original]“ handelt. Gehr- ken war nicht etwa Geistlicher, wie Seitz aus dem mißverstandenen und mißverständlichen „Cpt.“ schließt, sondern einer der politisch, administrativ und vor allem wissenschaftlich bedeutendsten Juristen Paderborns während der napoleonischen und der nachfolgenden preußischen Zeit. Geboren 1771 zu Steinheim, wurde er nach seinem Studium Doktor der Rechte im (protestantischen) Marburg, stieg zum Preußischen Geheimen Justizrat und Kriminaldirektor in Paderborn auf und war eine Zeitlang Leiter des Paderborner (politischen) „Inquisitoriats“.

Seine Hauptinteressen aber lagen auf historischem Gebiet. Er war Mitbegründer des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens (1824) und nach dem Tode des Domkapitulars Ignaz Meyer, der sich durch die Veröffentlichung mehrerer Externsteiner Urkunden verdient gemacht hat, dessen Direktor. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen erschienen fast alle in dessen Organ, der „Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde“, die noch jetzt unter dem Titel „Westfälische Zeitschrift“ weiterlebt.

Er legte eine wertvolle Privatsammlung westfälischer Urkunden und Handschriften an, die den Grundstock des Archivs des Altertumsvereins in Paderborn bildete. Gestorben ist er in Paderborn im Jahre 1845.

Das oben mitgeteilte Schriftstück gibt selbst bei mehrmaligem Lesen immer wieder Rätsel auf. Erst allmählich erkennt man, daß das Ganze ein versteckter Scherz, eine Art Parodie, ist, die sich wahrscheinlich gegen den ebenso gelehrten Detmolder Archivrat Chr. Gottlieb Clostermeier richtet. Es nimmt die Form eines fingierten Gesuches an den Horner Stadtrichter Heistermann (1800—1835) an, eines Gesuches, das die konsternierten Externsteine selbst gegen Leute, die sie ihres uralten Namens „Elsternsteine“ berauben wollen, einbrin- gen. In ihrem Auftrag und als ihr Wortführer unterzeichnet Gehrken, der sich hier den Titel „Cpt.“ beilegt, einer ungebräuchlichen Abkürzung, die vermutlich nichts anderes bedeuten soll als „Caput“ = „Häuptling“ (schon im Text war einmal von „unseren Häuptlingen“ in der Mehrzahl, ein andermal „vom alten Häuptling“ in der Einzahl die Rede). Unter dem Personalpronomen „wir“ bzw. dem Possessivpronomen „unsere“ sind also nicht irgendwelche Instanzen in Paderborn, sondern die sich gegen die beabsichtigte Namensänderung wehrenden Externsteine zu verstehen, die darüber entrüstet sind, daß man ihren unvordenklichen Namen nicht mehr von der „Familie der Elstern“ ableiten will. Ihr Verdruß kann sich eigentlich nur gegen Clostermeier richten, der den Namen der Externsteine aus vogelkund- lichen Erwägungen nicht von den Elstern, sondern von der nahe liegenden „Großen Egge“ hergeleitet wissen wollte und das sogar schon im Titel seiner mit Recht gerühmten Monographie („Der Eggesterstein“, 1824) zum Ausdruck brachte.

Trotz seiner parodistischen Form verrät das Schriftstück die ungewöhnliche Belesenheit und Gelehrtheit seines Verfassers. Es enthält in gedrängtester Form fast alles, was man in der Zeit Clostermeiers zur Geschichte der Externsteine beibringen konnte. Namen und Quellen in einem fiktiven Gesuch zu nennen, hält der Verfasser freilich nicht für nötig. Nur mit Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg macht er eine Ausnahme. Dabei ist ihm nicht einmal entgangen, daß dieser auf der angeführten Karte die übliche Wortstellung „rupes picarum“ mit „picarum rupes“ vertauscht. Aber er zeigt sich mit allen älteren Werken vertraut, die von den Externsteinen handeln — oft nur durch lapidare Anspielungen. Er kennt die zwei Klöster, ohne Partei zu ergreifen, Diskrepanz zwischen der Abdinghofer Urkunde von 1093 und der Werdener Bernhard-Urkunde von 1125/40 und vereinigt unter dem für seinen Zweck geschickt gewählten und versöhnlichen Titel eines „gemeinschaftlichen Versammlungsortes.“ Aber er ist auch in den jüngst erschienenen Monographien des Pyrmonter Badearztes K. Th. Menke (1823) und des Detmolder Archivars Clostermeier (1824) zu Hause, und letzterem entnimmt er wahrscheinlich sein Wissen um die Kaufabsicfiten des Erzherzogs von Florenz, um das Jagdschloß des Grafen Hermann Adolph, um die Überweisung der Einkünfte des Externsteiner Lehens an die Schule zu Horn und um die Verdienste der Fürstin Pauline. Ja, er weiß sogar von „Klausnern“, denen bis ins 16. Jahrhundert die Obhut über das Relief anvertraut war, obwohl die erste Urkunde, die sie erwähnt (vom Jahre 1469) erst 1837 durch Heinrich Schierenberg veröffentlicht wurde. Schließlich deutet er mit verhaltener Ironie an, daß eine „romantisch-historische Schule“ über dieses „Walhalla Westfalens“ hergefallen sei (wahrscheinlich spielt er hier auf König Ludwigs I 1830 errichtete „Walhalla“ bei Regensburg an). Aber er selbst bewahrt die Skepsis des historisch und archivalisch geschulten Gelehrten. Nur mit Vorbehalt berührt er die mannigfachen Assoziationen, die man zwischen den Externsteinen und den Feldzügen der Römer gestiftet hatte: „Was ihre [der Sachsen] Vorvorderen mit dem vom Rhein gekommenen Römer angefangen haben, wissen wir nicht.“ (Setzt man die Kenntnis der Urkunde von 1469 voraus, dann wäre das Schreiben erst in den letzten acht Lebensjahren Gehrkens entworfen und — vielleicht absichtlich — an einen bereits verstorbenen Richter Heistermann adressiert). Und inmitten all dieser überraschenden Einzelkenntnisse erscheint nun auch recht unvermittelt der Satz: „Es wurden unsere Steinkammern und Felsenbegräbnisse dem Amt Horn zur Aufbewahrung von Missethätern dienstbar“. Daß mit „Steinkammern und Felsenbegräbnissen“ ein und dasselbe gemeint ist, kann nicht zweifelhaft sein. Sie können nur synonym verstanden werden und bezeichnen die Externsteiner Grottenkammern. Schon der Begründer des Detmolder Fürstlichen Archivs, Johann Ludwig Knoch (Clostermeiers Schwiegervater), hatte die Hauptgrotte wiederholt als „das Grab Christi“ beschrieben.

Daß ein Mann wie Gehrken diesen einen Satz frei erfunden hätte, wird ihm niemand Zutrauen, selbst wenn man nichts weiter von ihm gelesen hat als dies eine Schriftstück. Es hätte ihm als Kriminaldirektor und Leiter des Paderborner In- quisitoriats schlecht angestanden, wenn er hier plötzlich seiner Phantasie freien Lauf gelassen hätte. Sollte ihm ein Irrtum oder eine Verwechslung unterlaufen sein? Oder trifft auch diese abrupte Äußerung zu, obwohl die lippischen Quellen bisher nichts von einer solchen Externsteiner Periode preisgegeben haben?

Nun hatten wir schon in unserem Begleittext zu dem Kupferstich Stracks beiläufig erklärt, die Grottenöffnungen seien, von der „Adlertür“ abgesehen, um 1800 bis auf kleine Luken vermauert gewesen. Bei Strack selbst erkennt man dies Phänomen nur am „Portal“, der der „Adlertür“ benachbarten Öffnung, in dem zwei Luken Übereinanderstehen.

Aber auf einer Gouachemalerei von Gottlieb von Blomberg vom Jahre 1796 zeigt sich derselbe Tatbestand auch an der „Petrustür“ und am Fenster der „Sakristei“. Und dasselbe begegnet uns auf einer (in der Detmolder Landesbibliothek erhaltenen) Bleistiftzeichnung des oben genannten Johann Ludwig Knoch.

Die Externsteine - ein Aufbewahrungsort für Missetäter ? 3

Die Externsteine. Kupferstich von F.H. Frisch (175O)

Bestätigt wird diese Beobachtung schließlich durch die älteste Grundrißzeichnung der Grotten von der Hand desselben Wilhelm Strack in seiner „Malerischen Reise durch Westphalen“ von 1801, in der trotz aller Ungenauigkeit deutlich wird, daß die Grotten damals nur einen einzigen Zugang hatten (in diesem Grundriß ist übrigens auch zum erstenmal die große Bodenvertiefung in der Hauptgrotte eingezeichnet, deren erster Zeuge überhaupt Strafe ist). Dieser Zumauerung könnte man verschiedene Gründe zuschreiben. Es ließe sich daran denken, daß der Krugwirt die Grotten damals als Vorratskammer mißbraucht hätte (H. Ferdinand Maßmann meinte 1846 sogar, man habe damals erst das „Portal“ durchgebrochen, um Fässer hineinrollen zu können). Aber eine solche Verwendung hätte man anders und leichter als durch Mauerwerk und leidlich regelmäßig angeordnete Luken bewerkstelligen können. An eine menschliche Behausung ist in jener Zeit erst recht nicht mehr zu denken.

Literarisch oder urkundlich wird der Zweck dieser seltsamen Maßnahme nirgends bezeugt. Der Meinberger Pastor Pustkuchen (1767), der Hofmarschall von Donop (1784 und 1790) und der Göttinger Philosophieprofessor Meiners (1787) erwecken in ihren Beschreibungen den Eindruck, als hätten die Grotten zu ihrer Zeit leer gestanden. Leer fand sie auf jeden Fall Strack im Jahre 1801 vor. In seiner „Malerischen Reise“ entwirft er ein stimmungsvoll-schwermütiges Bild: „Kein Landstreicher und Verbrecher wagt es in diesen, ehemals durch Heiligkeit gesicherten, jetzt durch Verödung unsicher gemachten Hallen zu verweilen.“ Vier Jahre später berichtet ein anonymer Schreiber „X“ in Kotzebues Zeitschrift „Der Freimü- thige und Scherz und Ernst“: „Auch sieht man in den vorderen und folgenden [Felsen] Öffnungen von Zimmern im Felsen, zu denen man nicht mehr gelangen kann.“ Demnach wurden sie zwischen 1802 und 1805 für Besucher verschlossen.

Nun wird aber unser Verdacht, daß Dr. Gehrken mit seiner umstrittenen Aussage Recht hatte, verstärkt durch ein umfangreiches Aktenstück im Detmolder Staatsarchiv. Es trägt den Titel: „Acta wegen Bau und Reparatur an den Amtsgefängnissen zu Horn. 1771 seq.“. Diese Akte umfaßt Beschwerden wegen des Zustandes der beiden Horner Amtsgefängnisse auf der dortigen Burg, Gutachten, Kostenanschläge und Rechnungen, die sich über den langen Zeitraum von 1771 bis 1802 hinziehen.

Der erste Abschnitt währt vom 29. 4. 1771 bis in den Sommer 1773. Damals war es vor allem der Horner Amtsrat und Richter Behmer (derselbe, der die Erlaubnis erhalten hatte, sein noch jetzt stehendes ansehnliches Haus in der Mittelstraße zu Horn aus den Trümmern des einstigen Externsteiner Treppenturmes zu errichten, seine Befugnisse dabei allerdings überschritten hatte, indem er zusätzlich auch die Platten der Externsteiner Balustradentreppen entführte und dadurch den Gipfel unzugänglich machte), der in mehreren eigenhändigen Schreiben beredte Klage über „die gänzlich verfallenen zwei gemauerten Gefängnisse hinten auf hiesiger Burg“ führt. Eins seiner Schreiben (vom 2. 7. 1772) trägt die Überschrift: „Amtlicher andringlicher Bericht wegen der ex causis maxime sonticis [aus sehr triftigen Gründen] verfrüheten und an Camera anfangs approbirten, nachhero aber nach geschehener Arbeit hinwiederum difficultirten Reparationskosten der im Kriege abgebrochenen Amtsgefängnisse, mit Bitte um schleunige Verordnung behufs Admini- strirung der Justiz.“ Im Text ist die Rede von „Inconvenienzen, da einestheils die Gefangenen in keinen sicheren Gewahrsam gebracht werden konnten, anderntheils der Conductor Cronemeier beschwert, daß ihm die zum Gebrauch der oeconomia habender Gesindestube solchergestalt genommen werde“. „Bei den letzten Kriegstroublen (im Jahre 1760) seien die beiden Amtsgefängnisse (ein Diebes- und ein Gehorsamsgefängnis) abgebrochen worden. Wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen Detmold und Horn scheint es trotz begonnener Bauarbeiten zu keinem Abschluß gekommen zu sein. Jedenfalls ist von einer Fertigstellung der Gefängnisse keine Rede, und eine Kostenabrechnung liegt den Akten nicht bei.

Nach einer Lücke von 15 Jahren, aus denen keine Akten vorliegen (und es scheint, als wären sie verloren gegangen), werden die Verhandlungen fortgesetzt und dauern vom August 1788 bis zum Januar 1794. Diesmal erhebt besonders der Regierungsrat König als Kommisssar des Gogerichts am 23. 12. 1791 Klage über den Zustand der Horner Gefängnisse: „Die auf der Burg in einem verfallenen Mauerwerk, .. ganz isolirt und ohne Dach .., befindlichen Diebes- und Correctionsgefängnisse sind aber, weil sie zu feucht sind und keine Luft haben, gar nicht zu gebrauchen, auch nicht wieder zu reparieren.“ Bis 1794 schleppen sich die Verhandlungen, immer wieder durch Mißverständnisse und neue Gutachten verzögert, hin, bis die erhaltenen Rechnungen den Eindruck erwecken, als müsse der Schaden endlich behoben sein.

Und doch leben die Klagen im Jahre 1805 noch einmal auf, diesmal aber aus anderen Gründen und von anderer Seite. Jetzt sind es die Detmolder Behörden, die unzufrieden mit dem Zustand der Horner Gewahrsame sind und die darauf bestehen, daß auf der Burg endlich „menschlichere Gefängnisse“ eingerichtet werden.

Über 30 Jahre währte also die Horner Gefängniskrise, und vor allem in der ersten Phase waren überhaupt keine Räumlichkeiten zur Unterbringung der Gefangenen mehr vorhanden, so daß man Ersatzräume in Anspruch nehmen mußte (u. a. Gesindestuben).

In keinem dieser Schriftstücke werden die Externsteiner Grotten direkt erwähnt. Kein Antrag an die Kammer zu Detmold liegt vor, sie zu diesem Zweck verwenden zu dürfen. Keine Rechnung über die dazu nötigen Materialien und Arbeiten ist erhalten. Ein direkter urkundlicher Beweis für die Erklärung Gehrkens läßt sich also nicht erbringen.

Unser Verdacht fällt aber auf die Urkundenlücke zwischen 1773 und 1788. Und auch innerhalb dieser Frist sind ihm noch Grenzen gesteckt. Hofmarschall von Donop besuchte die Grotten im Jahre 1784, aber zu seiner Zeit scheinen sie bereits leer zu stehen, so daß der fragliche Zustand sich auf die Jahre 1773 bis gegen 1784 reduziert. Doch innerhalb dieser Jahre ist durchaus mit der Möglichkeit zu rechnen, daß man sich zu der Notlösung entschloß, die sonst nicht mehr verwendeten Grotten als Ersatzgefängnis einzurichten, vielleicht nur für ganz kurze Zeit, sicher nicht über Jahre hinaus.

Die Frage, ob einer der dort Inhaftierten das „Galgenzeichen“ in der „Sakristei“ angebracht hat, ist damit noch nicht entschieden. Auf keinen Fall kann es einem Gefangenen zugeschrieben werden, der selbst mit dem Galgen zu rechnen hatte. Die Blutsgerichtsbarkeit oblag dem Peinlichen Gericht in Detmold. Der Horner Galgen hatte längst seine Funktion eingestellt. Abgeurteilt wurden vor dem Horner Stadtrichter nur Fälle von leichterem Diebstahl und bäuerlichem Ungehorsam. Dementsprechend kann auch die Haft in den Externsteiner Grotten nur eine leichte gewesen sein. Aufsicht und Verpflegung der Gefangenen mag man dem Krugwirt gegen Entgelt anvertraut haben. Nicht einmal kleiner Habseligkeiten einschließlich solcher Gerätschaften, mit denen sie ein Zeichen in die Wand ritzen konnten, wird man sie entblößt haben.

Sollte aber das Zeichen wirklich damals entstanden sein, dann wäre der Verputz, der es teilweise bis 1929 bedeckte und der sich, wie ein Augenzeuge berichtet, mit einem Lappen und heißem Wasser abreiben ließ, vermutlich erst während der Restauration von 1810/11 aufgetragen worden, um das als unangemessen und ungeschichtlich empfundene Mal unsichtbar zu machen.

Nimmt man das direkte (und sicher nicht aus der Luft gegriffene) Zeugnis Gehrkens, die Tatsache der Vermauerung der Grottenöffnungen um 1800, die Unbenutzbarkeit der Horner Amtsgefängnisse und die Urkundenlücke zwischen 1773 und 1788 zusammen, so wird die Wahrscheinlichkeit fast zur Gewißheit, daß die Externsteiner Grotten vorübergehend auch die Rolle eines provisorischen Gefängnisses übernehmen mußten. Außer den nachgewiesenen Zwecken, denen sie sonst gedient haben (als Oratorium hochmittelalterlicher Inklusen, als Behausung verkommener spätmittelalterlicher Klausner, als Unterkunftsort gräflicher Holzförster vor und nach Hermann Adolf, als Standquartier von Raubgesindel, um dessentwillen das Haus der „Steinfrau“ 1610 dem Erdboden gleichgemacht wurde, weil ihre Tochter angeblich Beziehungen zu ihm unterhalten hatte), mögen sie noch andere, uns unbekannt gebliebene Zwischenfunktionen im Laufe ihrer vielhundertjährigen Geschichte ausgeübt haben, ehrbare und unehrenhafte, religiöse ebenso wie profane.

Quelle: Heimatland Lippe 07/1975 – Von Dr. Johannes Mundhenk