DIE FESTUNG LEMGO

Was mag den Edelherrn Bernhard II. zur Lippe bewogen haben, für seine zweite Stadtgründung, unser Lemgo, just diesen Platz im Begatale zu wählen?

Zu den wichtigsten topographischen Voraussetzungen für eine mittelalterliche Stadtgründung gehört die Sicherung gegen äußere Feinde. Was eine Siedlung überhaupt erst zur Stadt machte, war die Befestigung durch Mauer, Wall und Graben. Wie bei Bernhards erster Gründung Lippstadt1H. Rothere, Westfälische Stadtpläne, in der Gedächtnisschrift für F. Rörig, 1953 S. 432. die Lippe, so bot bei Lemgo die Bega die Möglichkeit der Sicherung durch Wasser.

Des weiteren bedurften die Bewohner einer Ernährungsgrundlage. Zu beiden Seiten des Flusses dehnten sich hier fruchtbare Ackerböden und Weideland. Eine umfangreiche, geschlossene Waldung bedeckte in bequemer Entfernung die umliegenden Höhen, Brenn- und Bauholz und reiche Schweinemast verheißend. Die Erde bot Lehm für Dachziegel und Gestein für Stadtmauern und Massivbauten.

Neben den topographischen waren auch die wirtschaftspolitischen Verhältnisse nicht ungünstig. Der Platz lag bequem für den Marktverkehr mit zahlreichen umliegenden Dörfern. Auch der Fernverkehr ging hier vorbei. Über einen Flachrücken lief west-ostwärts eine alte Fernstraße von Herford nach Hameln. Sie wurde, ursprünglich wohl östlich der späteren Stadt, von einer von den Osningpässen und Paderborn nordwärts nach Vlotho führenden geschnitten. Die weite Talmulde war damals, gegen Ende des 12. Jahrhunderts2Über die Zeit der Stadtgründung Kittel in den Mitteilungen B. 20, nicht ohne menschliche Siedlungen. Auf einer bastionartig gegen die Grevenmasch vorspringenden Erhebung stand die Gaukirche zu St. Johann. Das Vorhandensein dieses kirchlichen Mittelpunkts mag den Entschluß des Stadtgründers mitbestimmt haben. Bei der planmäßigen Stadtgründung blieb die Kirche, zu der zahlreiche, in weitem Umkreis liegende Höfe und Dorfschaften gehörten, außerhalb der Stadtbefestigung. St. Johann war noch lange Zeit Ortsbezeichnung3Meine Stadtgeschichte Lemgos S. 11..

Über den Gründungsvorgang im einzelnen ist nichts überliefert. Der Grundriß der Altstadt Lemgo zeigt ein westöstlich gestrecktes, etwas verschobenes Rechteck mit abgerundeten Ecken, ein Kilometer lang und etwa 320 m breit. Drei Parallelstraßen vereinigen sich im Osten vor dem Ostertore, im Westen biegt die nördliche Parallelstraße nord- westwärts zum Slavertorc, die südliche endet an der Stadtmauer. Schmale Querstraßen ergeben für das Ganze die bekannte Gitterform. Nur die Hauptstraße, die Mittelstraße, war beiderseits mit Häusern besetzt, die Parallelstraßen nur an den Außenseiten. Vorbild dafür war wohl Braunschweig, die Residenz Heinrichs des Löwen, dessen treuer Gefolgsmann Bernhard zur Lippe war.

Das Wasser

Als natürlicher Wasserschutz schien sich die Bega anzubieten, von der man etwa, wie bei Flußstädten üblich, einen Arm um die Stadt herumführen konnte. Man ging indes zunächst nicht an den Fluß heran, weil zwischen dem Fluß und dem trockenen Flachrücken, auf dem die Stadt stehen sollte, eine breite Sumpfzone lag. Diese gewährte zwar Schutz, lud aber nicht zur Besiedlung ein.

Wohl aber lieferte das Wasser für die Stadtgräben ein von dem nahen Schloß Brake ausgehender Begaarm, der zur Südostecke der Stadtmauer führte, am heutigen Kastanienwall. Die vielfachen Windungen des heute schmal gewordenen Gewässers beweisen, daß es sich nicht um eine künstliche Ableitung, sondern um einen natürlichen Flußarm handelt, der dann bei der Stadt zweckentsprechend reguliert sein wird. Dieser Wasserlauf trennte nach der Gründung der Neustadt Lemgo die beiden Städte und floß, nach ihrer Vereinigung, mitten hindurch. Vor 50 Jahren fing man noch Fische darin. Erst vor wenigen Jahrzehnten wurde er im Stadtgebiet in Röhren gelegt.

Dieser für die Stadt enscheidend wichtige Begaarm führte früher so viel Wasser, daß er in kurzem Abstand drei Mühlen trieb — am Neuen, Slaver und Johannistor, die letztere noch bis zum Beginn unsres Jahrhunderts4Zuerst genannt 1306 (LR 566), wo vom Heil.-Geisthospital die Rede ist, „area et Domus, que protenditur ad rivum transeuntem fossatum“..  Er trägt den Namen „der Alte Fluß“, später auch „die Kleine Bega“ (1557 Urk.Stadtarchiv Lemgo), „Mühlengraben“, „Feuergraben“, „der alte Graben binnen Lemgo“. Der Alte Fluß gab einen Teil seines Wassers ab für den nördlich herumführenden inneren Graben und schützte die lang gestreckte Südflanke der Stadt, traf am Südwestende mit dem umlaufenden Graben zusammen, wandte sich dann zur Südmauer der Johanniskirche und ergoß sich, nachdem er in Windungen die Grevenmasch durchflossen hatte, 1 ½ km westlich der Stadt in die Bega.

Mit dem Alten Fluß vereinigte sich hinter der Johanniskirche ein Bach, der im Diebesgrund der Lemgoer Mark entspringt und früher gewiß weitere Wasserläufe in sich aufnahm. Er erreichte die Nordostecke der Altstadt beim heutigen E-Werk, umgibt als äußerer Graben die Nordwälle, wendet sich, nachdem er zwei Teiche gespeist hat, zwischen Slaver und St. Johannistor südwestwärts und trifft unmittelbar hinter der Bastion der Johanniskirche mit dem Alten Fluß zusammen. Früher begleitete ein abgezweigter Arm die Westumwallung über das Johannistor hinaus bis zum Alten Fluß5Der vom Walde kommende Bach ist auf der Karte vom Jahre 1801 (Stadt- arch. Lemgo) und später immer wieder fälschlich mit Alter Fluß bezeichnet worden. Das erklärt sich daraus, daß der wirkliche Alte Fluß auf der Strecke vom Westwall (jetzt Engelbert-Kämpfer-Straße) bis zur Johanniskirche später trocken gelegt und als äußerer Graben südwärts um die Neustadt weitergeführt wurde. Vor 50 Jahren floß er noch als offener Graben zur Hohen Brücke..

Der Zustrom der Siedler zu der neugegründeten Stadt muß stark gewesen sein. In der Umgebung liegende Höfe und Dörfer gaben ihre Bewohner an die Stadt ab und wurden allmählich wüst“6Meine Stadtgeschichte S. 12.. Zahlreiche Rittergeschlechter legten Höfe in der Stadt an, deren Rate sie ursprünglich als Korporation angehörten. So erwies sich die Stadt bereits nach wenigen Jahrzehnten als zu eng für weitere Siedler, und es wurde, wohl schon von Bernhard III. vor 12657Kittel, Mitteilungen B. 20 S. 21, die Neustadt Lemgo gegründet, und zwar auf eben dem Sumpfgelände, das man bei der Altstadtgründung gemieden hatte.

Hier verhieß die Bega zwar starken Schutz gegen feindliche Angriffe, drohte aber zugleich mit Überschwemmungen. Deshalb führten hier die Bürger den Lindenwall und den Hohen Wall zu mächtiger Höhe auf. Der letztere verläuft vom Langenbrücker Tore bis zum Rondell in schnurgerader Richtung. Ebenso schnurgerade fließt die Bega nebenher. Daß sie das von jeher tat, ist nicht wahrscheinlich. Sie verlief gewiß auch hier, wie oberhalb und unterhalb der Stadt in Windungen, vielleicht sogar in mehreren Armen, bis sie später durch den Wall zurückgedrängt und künstlich begradigt wurde8Im Jahre 1531 (LR 3194) werden Landstücke westlich der Stadt genannt ..Auf dem Hohen Graben“ u. „vor der Joh.Pforte zwischen dem alten Vlote und dem Tiefen Graben“ — also vielleicht Nebenarme der Bega. Vgl. auch Schierholz, Herford, S. 38, über Veränderungen des Werrelaufs..

Von dem Wasserreichtum rings um die Stadt zeugen zahlreiche Teiche. Ursprünglich waren sie Teile der Almende und von den Bürgern gemeinsam zu benutzen. Simon I. überläßt den Schwestern des neu gegründeten Augustinerinnenklosters im Jahre 1306 unter anderem die gemeinsame Benutzung der Wiesen, Weiden, Gehölze und Fischteiche in der Nähe der Stadt (LR 355). Im Laufe der Zeit wurden diese Teiche reguliert und an verschiedene Zünfte oder auch an einzelne Bürger verpachtet oder verkauft.

Die Straßenziehung der Neustadt Lemgo entsprach weitgehend der in der Altstadt, nur daß nicht drei, sondern bloß zwei Straßen nebeneinander herliefcn und sich am Regenstor vereinigten, während im Westen der nördliche Straßenzug, die heutige Stiftstraße, vor der Stadtmauer auslief und der südliche, die Heustraße, am Heutor endete. Die einzige durchgehende Querstraße, die Breite Straße (früher Steinweg, auch „platea alta“ genannt), setzt nicht die Südrichtung der altstädtischcn Querverbindung fort, sondern wendet sich vom Südtor der Altstadt süd- westwärts zum Langenbrücker Tor. Warum? Weil hier der Fluß der Stadt am meisten sich nähert. Hier wurde „vor der Langenbrügge“ (LR 1758) die erste Mühle angelegt.

Von der Altstadt war die Neugründung durch Mauer, Graben und ein Tor getrennt. Sie hatte ein Rathaus und vermutlich doch auch einen Marktplatz, von dem freilich urkundlich nichts verlautet9Über seine wahrscheinliche Lage vgl. Kittel, Mitteil. B. 20 S. 21. O. Gaul meint, die Breite Straße habe als Marktplatz gedient (Mitteil. B. 21 S. 98)..

Simon I. (1275—1344) schenkte der Neustadt Lemgo seine besondere Huld. Im Jahre 1323 verkaufte er den Bürgern seinen Wassergraben, „der anfängt vom Graben der Altstadt Lemgo und in diesen auf der anderen Seite mündet, indem er die Mauer oder Wälle der Neustadt angrenzend umgibt, ebenso den Damm, der zwischen dem genannten Graben und dem anderen abfließenden Wasser gelegen und dem Graben selbst ringsum benachbart ist, um Besitz und dauernder Nutzung sowohl im Trockenen wie im Nassen zu friedlichem Gebrauch…“ (LR 687, Urkunde im Stadtarchiv Lemgo)10„fossam nostram aquatam incipcntem a fossa veteris oppidi Lemegogensis ct terminantem in earn ex alia parte, murum scu valla dicti novi oppidi contiguc circueuntem item aggerem situm inter dictam fossam et aliam aquam defluentem, ipsi fosse per circuitum contiguatum ad fructifkandum tarn in humido quam in sicco ad utifruendum pacifice.“ Was ist hier mit „agger“ im Unterschied zu „valla“ gemeint? Offenbar das, was wir heute Wall nennen, während „valla“ die Aufschüttung ist, auf der die Mauer stand.. Diese, für unsern Gegenstand überaus wichtige Urkunde wird ergänzt bzw. korrigiert durch eine Übereignung Simons an die Altstadt Lemgo aller sie umgebenden Gräben und Wälle — omnia fossata tarn in aquis quam aggeribus, quod dicitur „in den wallen“ — zu beliebigem Gebrauche, bis auf das Recht des Fischcns, das er sich selber vorbehält (LR 725. 1329).

Das „abfließende“ Wasser ist im Süden die Bega, im Osten ein Graben, der von einer, im Teich der Kuhlmannschen Gärtnerei entspringenden Quelle gespeist wurde, im Westen die Weiterführung des äußeren Grabens der Altstadt.

Um die Wassermenge der inneren Gräben zu regulieren, durchstach man an verschiedenen Stellen die Wälle durch Siele. Diese gestatteten die Zuführung des Wassers der Bega wie auch des Waldbachs in die inneren Gräben. Der gewölbte Eingang zu einem solchen Siel war bis vor kurzem an der inneren Böschung des Lindcnwalls oberhalb der Langenbrücker Mühle erhalten. Ein zweites Siel befand sich unter dem Rondell des Hohen Walls. Beide dienten dem Langenbrücker Müller als U m f l u t e r.

Der nordwärts umlaufende innere Graben war am Slaver Tor11Im Jahre 1560 erhält Ludolf Crosmann für Hausteine „thor rennen vor dem Slage under dat Zyell 12 Mgr. vor 30 foir (Fuder) muirsteens gebroken 15 Mgr., item Luloff dem Steenhouwer vor houwstein thom zile 3K» Dalcr. und am Neuen Tor durch Siele mit dem äußeren Graben (dem Waldbach) verbunden. Das Siel neben dem Neuen Tor wurde kürzlich bei Erdarbeiten für die städtische Abortanlage freigelegt und vermessen. Der ummauerte Gang konnte 13 m unter dem Wall her verfolgt werden. Er war beim Eingang 0,9.2 m hoch und 0,90 m breit, und von 11,80 m Tiefe an verengt zu 0,74 m Höhe und 0,75 m Breite12Die Maße verdanke ich dem jungen Sohne des Malermeisters Pahmeier. der auch ein Foto des Eingangs anfertigte.. Ein weiteres Siel mit Schütt und Mönch regelte den Eintritt des Alten Flusses in die Stadt, ebenso den Austritt am Johanniswall (jetzt Engelbcrt-Kämpfer-Straße). Eine „Schleuse“ vor der Osterpfortc wird im Jahre 1676 erwähnt (Akten über Türme u. Stadtmauern Stadtarchiv Lemgo.

Der Gang liegt etwa 1,60 m unter der Erdoberfläche.

Von dem Wasserreichtum in der Umgebung der Stadt zeugen die Teiche, die rings um die Stadt lagen: vor dem Ostertore der Schützen – und der Knochenhauerteich, vor dem Neuen Tore der Bäckerteich. Im Jahre 1727 erhielten die Bäcker die Erlaubnis, ihn zu verkaufen. Vor dem Langcnbrücker Tore lag, vermutlich an der Stelle des jetzigen toten Begaarms, der „Ehrenfischeteich“, so genannt, weil aus ihm die Fische genommen wurden, welche die Stadt die Ehre hatte alljährlich zu Pfingsten an die Höfe von Detmold und Brake zu schicken. Vor dem Regenstor lag an der Stelle des jetzigen Bieichplatzes der Dechen teich. Im Jahre 1827 legte hier der Ziegler Chr. Engelhard Kracht eine Bleiche an. Im Westen lag vor der Stadt der „Gemeinheitsteich“, vor dem Slaver Tore ein Fischteich, „Frederikes Dyk“ genannt (LR 1288). Ein Fischteich des Schmiedeamts lag auf dem Kuhgraben, vor der Osterpforte gab es ein „Perdewater“ — wohl eine Pferdeschwemmc.

Der morastige Grund bedeutete für die Neustadt durch die Jahrhunderte hin ein schlimmes Schicksal. Das gesamte Gebiet mußte entwässert und aufgefüllt werden. Die um das Jahr 1300 erbaute Marienkirche steckt 1,30 m tief in der Erde. Vor einigen Jahren fanden sich bei Erdarbeiten in der Orpingstraße und Hinter dem Heiligen Geist in mehr als 2 m Tiefe Kuh- und Ziegenhörner und Hufeisen. Die Anlage von Kellern war wegen des hohem Grundwassers unmöglich.

Öfter werden offene „Rönnen“ oder „Gotten“ erwähnt, welche die Abwässer fortschaffen (LR 979 und 1033). Vor der Anlegung von Pumpen gab es in der Stadt eine ganze Reihe offener Brunnen, die im Besitz einzelner Bürger oder einer Gruppe von Familien waren13Im Jahre 1855 werden folgende Eigentümer aufgezählt: in der Heil. Geist Bauerschaft Färber Koch an der Breiten Straße, dessen Brunneneinfassung nicht die erforderliche Höhe hatte, Hummerjohann an der Orpingstraßc, in der Marienbauerschaft Bäcker Sasse auf der Breiten Straße, Maurermeister Wilm in der Helle, in der Rampendaler Bauerschaft die Bewohner in der Wüste (der Brunnen stand bis etwa 1900), in der Slaver Bauerschaft Weber Eikmeier an der Mittelstraße, Tischler Meier und Waldschütz Langenberg, in der Troger Bauerschaft Schlosser Körte, Stellmacher Scheidt und Forstinspektor Heldman, Schlosser Niewald und Niemann..

Die Stadt wurde öfter von schlimmen Überschwemmungen heimgesucht. Eine große Wasserflut im Jahre 1343 soll Menschen über die Stadtmauern weggespült haben (LR 831). 1650 geriet die Neustadt in große Wassersnot, nicht, wie später so oft, durch die Bega, sondern durch Wasserfluten, die infolge Dammbruchs zwischen Neuem und Slaver Tor, also von dem nördlichen äußeren Graben her, in die tiefer liegende Neustadt strömten. Noch die letzte Überschwemmung im Februar 1946 setzte die gesamte Neustadt unter Wasser.

Hölzerne „Pipen“ leiteten das Trinkwasser aus dem „Langcnbroksborn“ am Abhang des Biesterberges durch die Bega in die Stadt.

Wälle und Tore

Als älteste Befestigung wird man wohl einen Erdwall annchmen dürfen, mit einem hölzernem Plankenwerk darauf, das dann später durch eine Mauer ersetzt wurde, wobei die Erde für den Wall aus dem davor nach außen liegenden Graben genommen war. Von „murum seu valla“ war auch bei der Neustadt die Rede (LR 687).

Die Stadt brauchte für das Werk keine Kosten aufzuwenden: der Drost Reineke de Wend ließ 300 Fuder Steine zu dem Bau anfahren und durch seine Leute vermauern. Der Rat bewilligte ihm und seinen Erben dafür Freiheit von aller „Stadestracht“ für sein neues Haus auf der Altstadt (LR 3077). Das Bollwerk diente als Hauptgefängnis der Stadt.

Der folgende Wall, der heutige Ostertorwall, hieß ehemals Wandmacherwall. Da wo er nach Süden umbiegt, am Platze des Kriegerdenkmals, lag das Wandmacherrondell.

Am Ostertor mündeten die drei Straßen der Altstadt auf einen geräumigen Platz, den Osterort. Innen- wie Außenseite des stattlichen Tors ist uns in Fotos erhalten. Der Turm wurde im Jahre 1583 als Schuldturm eingerichtet. „Wer schuldig bleibt, soll auf die Osterpforte gebracht werden, die dazu aptiert und bequem gemacht werden soll“ (Prot. Sen.). Im Jahre 1863 wurde der stolze Turm ohne Not niedergerissen. Ein Ratsherr konnte die Steine eben gut für einen Neubau gebrauchen.

Der Kastanienwall hieß ursprünglich Kramerwall. Hier hielt der Rat mit einem Vertreter der Landesherrschaft alljährlich das „Hölting“ (Holzgericht). Im Jahre 1583 (Prot. Sen.) heißt es, das Hölting soll nach altem Brauch „zwischen den Porten vor der Osterportc gehalten werden“. Das läßt auf ein Doppeltor schließen, wie wir denn auch 1646 lesen „die Herren gehen nach der Osterpforte uff den alten Graben und Zwinger“. Zwinger ist der Raum zwischen einem Doppeltor. Der Wall endete am Kramerrondell, dem südöstlichen Eckpfeiler der Altstadtbefestigung. Hier ist in der Kuhlmannschen Gärtnerei, unterhalb des Rcinertdenkmals, ein gutes Stück der alten Bastion erhalten. Der Wall wurde 1785 „als eine Esplanade“ angelegt. „Vom Ostertor bis an das Rondell über der Schlingbrückc soll der Wall planiert und zum Vergnügen der Einwohner mit einigen Alicen von Kastanien versehen werden.“ Die Schlingbrücke führte über den Alten Fluß, der hier an die Stadt herantritt.

Die Fortsetzung des Kramerwalles zwischen Rondell und Regenstor, jetzt mit Rotdorn bepflanzt, wurde im Jahre 1810 abgetragen und der daneben liegende Dechenteich mit dem Erdreich ausgcfüllt und so ein Bleichplatz geschaffen.

Am Regenstor — nach einem Anwohner auch Regeners Pforte genannt — liefen die beiden Längsstraßen der Neustadt zusammen. Auch der Regenstorturm diente als Gefängnis. Hier wurde der unglückliche Pastor Andreas Koch gemartert, bevor man ihn am Morgen des Pflngstsonnabends 1666 die Treppe hinabtrug und Meister David Claus ihm unter dem Tore als „geständigen Zauberer“ den Kopf abschlug.

Es folgt in einer weiten Schwingung zum Fluß hin der Kaufmannswall, der heutige Lindenwall, bis zum Langenbrückcr Tore. In der Mitte des Walls führte früher eine kleine Brücke über einen von der Neustadt herabkommenden Wasserlauf, der sich in den äußeren Graben ergoß. Das Langenbrückcr Tor war dazu bestimmt, die ehemals einzige steinerne Brücke über den Fluß zu sichern. Daher wurde außer dem inneren, in der Mauer liegenden Tore ein starkes Außenwerk aufgeführt, von dem uns der Lennepsche Stich ein recht genaues Bild gibt. Innerhalb der Bastion erhebt sich ein viereckiger Turm mit vier Geschossen, mit einem von Fialen besetzten Treppengiebel. Eine seitlich angelegte Holzbrücke, deren letztes Stück gewiß hochzuziehen war, führte zum anderen Ufer. Die jetzige Brücke ist nicht die erste. Wir lesen an einem Bogen neben der Rose die Zahl 1576 und die Namen  Z. Wippermann und JO. Prodt14Preuß in der Anmerkung zu LR 1521 behauptet — und alle anderen folgen ihm —, das Langenbrüker Tor trage ohne Zweifel vom Langenbroke und nicht von der Brücke den Namen. Das ist unrichtig, denn auch in den ältesten Urkunden ist stets von der „Langen Brüggen Porten“ die Rede, z. B. 1369 (LR 1194) 1410 (LR 1744) wird ein Garten „vor der Langen Brüggen“ genannt, 1414 (LR 1785) ein Garten „juxta longum pontem versus Brac“. Neben der Langen Brücke gab es die Hohe Brücke, die unterhalb der Everts Mühle (heute Neue Mühle) über den Fluß führte..

Der anschließende Hohe Wall hatte früher den Namen Schuhmacheramtswall. Um 1850 hieß er Tannen wall nach den, an der Außenböschung stehenden Tannen, die um 1930 herum gefällt wurden. Er führt in gerader Linie bis zum „Schusterrondcll“, auf dem jetzt das Kämpferdenkmal steht, und bog dann nordwärts zum Heu tore, das zuerst Bolen- oder Boltenporte (1409 LR 1696 Anm.), dann, nach dem Besitzer der nahe gelegenen Mühle „Meister Everdings (auch Eberhards oder Everts) Pforte“ genannt wurde. In der Mitte des 17. Jahrhunderts kommt der Name Heutor auf, vermutlich, weil durch dies Tor von der Grevenmasch das meiste Heu in die Stadt kam. Der Stich von Lennep zeigt hier ein niedriges inneres und ein von zwei ungleichen Türmen flankiertes äußeres Tor. Die Zeichnung läßt bei beiden Wällen deutlich den gemauerten Sockel und darüber die schräge Erdböschung erkennen.

Der an Stelle der jetzigen Engelbert-Kämpfer-Straße zum Johannistor führende Wall war der Bäcker wall. Später (1735) wird er Johannistorwall genannt. In der Mitte floß durch ihn hindurch der Alte Fluß. Die Stelle war besonders geschützt durch ein Blockhaus1516 Stegmann, Die Grafschaft L. im 30jähr. Kriege, Mitt. Ill S. 135..

Mauern und Türme

Von den Stadtmauern Lemgos haben sich nur spärliche Reste erhalten: ein 25 m langes und 2 m dickes Stück bildet die Rückwand des alten Judenfriedhofs am Ostertorwall, im Rembken steht noch eine etwa 100 m lange, bis an das ehemalige Regenstor reichende Mauer, ein andrer Rest am Langenbrücker Tore zeigt noch die einstige Höhe von fast 4 m. In einer Akte vom Jahre 1858 wird die Höhe mit 3½ m, die Stärke mit 1,40 m angegeben.

Zahl und Namen der Mauertürme sind aus Niederschriften zu erschließen, die bei Rundgängen des Rats, so z. B. am 1. Juni 1664, vorgenommen wurden. Diese Türme müssen sich auf den wenigen erhaltenen Darstellungen der alten Festung Lemgo nachweisen lassen, besonders auf dem offenbar recht genauen Stich von Lennep aus dem Jahre 166316Abbildungen in den Mitt. B. 19 Abb. 19 und in meiner Stadtgeschichte. Nicht unterbringen kann ich den einmal (1608) genannten „Krautthorn“.. Der Standort des Zeichners läßt sich noch heute genau feststcllen. Er liegt auf der Höhe des Steinstoßes in einem Garten.

Der Stich zeigt die Südseite der Stadt. Hinzu nehmen wir den Stich von Brake aus dem Jahre 1726, auf dem die Ostseite der Stadt im Hintergründe, freilich zusammengedrängt, erscheint. Ein ähnlicher Stich, wie der Lcnnepsche, jedoch keine Kopie, findet sich in der „Biblia Sacra, das ist die ganze Heil. Schrift, 2. Aufl. Lemgo bei Meyer gedruckt 1756“ (im Besitz der Nikolaikirche, Lemgo). Wenig brauchbar ist der plumpe Holzschnitt auf den Fürstlich lippischen Kalendern, von 1791 bis 1861. Hinzu kommt eine kolorierte Federzeichnung im Lcmgoer Heimatmuseum aus der Mitte des 19. Jahrhunderts (nicht, wie im 19. Band der Mitteilungen S. 125 bemerkt wird, des 18. Jh.).

Wir betrachten den Lennepschen Stich. Der dicke runde Turm links vom Langenbrücker Tor wird Pulverturm genannt und ist auch auf den beiden anderen Abbildungen der Südseite zu sehen. Nach Preuß (Die baulichen Altertümer des lippischen Landes, 1881, S. 55) war er noch im Jahre 1881 vorhanden.

Es folgt gegenüber dem Rondell der achteckige Hohe Turm17Einer von diesen beiden Türmen müßte der „Storchturm“ sein, der „am Mai 1714 zwerch über die Bega gefallen, daß die Langenbrücker Mühle wegen Aufstauung des Wassers bis zum 29. Stillstehen müssen und nicht mahlen können“ (Küsters Diarium). Wie aber konnte ein Turm auf der 25 m hinter dem Wall liegenden Stadtmauer in die Bega fallen? Wenn die Nachricht zutrifft, kann es sich nur um einen auf dem Walle stehenden Turm handeln, dessen Fundamente unter dem Eingang zum Frieseschen Hause noch sichtbar sind, genau an der Stelle des Pulverturms. Dann wäre die Zeichnung Lenneps unrichtig, der den Turm in die Mauer setzt..

Nach den beiden Türmen des Heutors folgen bis zum Johannistor zwei Türme: ein Rundturm ohne Helm und ein hoher achteckiger. Der größere ist zweifellos der oft erwähnte mit dem rätselhaften Namen Jüterbocksturm „bei der Wüsten“. Er ist gewiß identisch — die Namen wechselten im Laufe der Jahrhunderte — mit dem „Zürnebock“ oder „Kalkturm“ (1720 Prot, publ.), von dem am 8. Dezember 1713 „das Dachwerk durch den Windsturm geschlagen worden, wovon der darauf gestandene kupferne Drache ans Rathaus gelegct“. Der Turm wurde 1787 „zur Verhütung größeren Schadens und sonst leicht möglicher Unglücksfälle“ gänzlich abgebrochen (Prot. publ.).

Der Rundturm wäre dann „des Holtgers Turm“ im Katzhagcn, der bei dem Rundgang des Rats im Jahre 1664 genannt wird. Es soll, da Einsturz droht, „eine Pilarde mit einem Bogen daran gemauert werden, damit man darunter hergehen kann“.

Der Lennepsche Stich zeigt am linken Rande den Turm der damals, 1664, bereits niedergelegten Johanniskirche. Der Zeichner hat die beiden Zwerchhäuser offenbar nachträglich dazu gezeichnet. Rechts wird sichtbar die als Ersatz für die abgebrochene Kirche der Gemeinde zur Verfügung gestellte ehemalige Franziskanerkirche, die hier, wie auch auf dem Stich von 1726, noch ein Satteldach und einen spitzen Dachreiter trägt. Das heutige Mansardendach mit Zwiebeltürmchen entstammt dem Umbau, der unter Pastor Pothmann im Jahre 1798 erfolgte.

Rechts von der Johanniskirche wird die Stadt überragt von dem Diebesturm. Sein Name ist zu erschließen aus dem Senatsprotokoll vom 29. September 1644, wo es heißt, einige Ratsherren seien zum Verhör eines Delinquenten nach dem Diebesturm hinter Groten Hof gegangen. Eben dort aber haben wir den an der westlichen Echternstraße gelegenen Hof zu suchen. Der Turm stand also etwa in der Fortsetzung der Luisenstraße. Der kleine Dachreiter links vom Marienkirchturm weist auf das „Süsternhaus“ hin, dessen Kapelle heute das Stadtarchiv birgt.

Carl Dewitz, Das Ostertor 1882

Carl Dewitz, Die Stadtmauer1881

Der Dachreiter ist allerdings inzwischen verschwunden. Der Stich von 1726 zeigt ebenfalls den Dachreiter. Damals war dort bereits das Gymnasium untergebracht.

Der hohe Turm 1. von den Nikolaitürmen liegt genau in der Richtung des Neuen Tors. Für die beiden rechts folgenden Türme stehen die Namen Jägerturm und Brockhausenturm am Wandmacherwall zur Verfügung, die beide als Gefängnisse erwähnt werden (Urfehdeverz. 6. Nov. 1592). Bei der Besichtigung im Jahre 1664 wird der letztere als ganz baufällig bezeichnet. Vermutlich ist es die Turmruine, die auf dem Stich von 1726 rechts sichtbar ist.

Schwierig wird die Deutung der Türme, die rechts am Rande des Lennepschen Stichs nahe beieinanderstehen. Einer muß der Ostertorturm sein, der auf dem Stich von 1726 richtig als viereckig gezeichnet ist. Bei Lennep kommen fast nur achteckige Türme vor. Hinter dem mächtigen Hausdach, das vermutlich zu dem Weißenfelder Hof gehört, wird eine Turmspitze sichtbar, die zum Ostertor gehören könnte. Der dann folgende würde dann der hoch erhaltene, aber halbrunde, am Kastanicnwall sein, für den der Name Pulverturm vorkommt. Auf dem Stich von 1726 ist er rund. Deutlich sichtbar ist auf diesem Stich (r. von der Zahl 2) das Regenstor, ebenso die Bastion. Der Turm hinter der Bastion — auf beiden Bildern — ist der oft genannte Hohe Turm ob dem Rembken.

Die Mauer zwischen Regens- und Langenbrücker Tor zeigt einen kleinen Turm ohne Helm, der einmal (1664) Diebesturm, ein andermal (bei Preuß, 1881) Hexenturm heißt. Als Hexentürme dienten zu den Zeiten der Hexen Verfolgung gewiß sämtliche Stadttürme.

Der Zeichner Lennep konnte von seinem Standort die r. vom Langenbrücker Tore gelegenen Festungsanlagen längst nicht so gut erkennen, wie die ihm gerade gegenüberliegenden. Daher hat er vielleicht seinen Standpunkt gewechselt. Trotzdem ist seine Arbeit gewissenhaft ausgeführt, und zwar nicht allein die Darstellung der Befestigungswerke, sondern auch das Häusergewirr der Stadt selbst. Unschwer findet man das Haus des Bürgermeisters Kerkmann, das später zur Abtei umgebaut wurde. Sogar die Ziergiebel am Marktplatze sind zu erkennen.

Aus der Geschichte der Festungsanlagen

Hat die große Mühe, welche die Bürger Lemgos auf die Befestigung ihrer Stadt verwandt haben, sich gelohnt? Haben Mauern und Wälle im Laufe der Jahrhunderte ihre Abwehrkraft bewährt?

Die zahlreichen Fehden, welche die Edlen Herren zur Lippe im Mittel- alter zu führen hatten, spielten sich zumeist außerhalb ihres nördlich vom Teutoburgerwalde liegenden Territoriums ab. In der Eversteinschen Fehde (1407) aber wurde unser Gebiet weithin von den Horden des mit Braunschweig verbündeten Bischofs von Paderborn verwüstet. Er griff mit 500 Lanzen auch Lemgo an. Die Stadt hielt einen bewaffneten Widerstand für aussichtslos. Sie mußte sich verpflichten, an der Schleifung der Burg Lage mitzuwirken. Auch bei der Socster Fehde, 1447, blieb die Stadt vor Plünderung und Zerstörung bewahrt, allerdings nur gegen eine ungeheuerliche Brandschatzungssumme.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde unser Land durch drohende Kriegsgefahr aus langer Friedensruhe aufgeschreckt18Falkmann, Beiträge, 4. Heft S. 154.. Während die Niederländer um ihre Freiheit mit den Spaniern rangen und der Krieg um die erzbischöfliche Würde im Stifte Köln zum Teil in Westfalen ausgekämpft wurde, war unser Graf Simon VI. (1563—1613) auf erhöhten Schutz seines Landes bedacht. Er organisierte eine Landmiliz und regte die Städte zur Verstärkung ihrer Befestigungen an.

Der Lemgoer Rat hatte mit dieser Aufgabe schon vor Jahren den Wallmeister Hanns von Königsberg betraut, der 1594 ein gutes Zeugnis vom Rate bekommt. Er hat der Stadt viele Jahre lang treu gedient und „unsre Wälle und Gräben z. T. neu gebaut, z. T. gebessert“. Auch Hermann Wulf, der Erbauer der Lemgoer Rathauslaube, bekam den Auftrag, „dat ji ein muren maken, daruv ein wal scholde gesettet werden, dat di sware verdregen konde“, also eine Untermauerung des zu erhöhenden Walls zwischen Langenbrücker Tor und Rondell, wozu 300 Fuder Steine benötigt wurden.

Wie die Detmolder Regierung, ließ auch der Lemgoer Rat im Jahre 1585 in Minden zwei Kanonen gießen und bat, da „die Stadt übel bespannt“ sei, um zwei Wagen aus dem Amte Varenholz19Landesarch. Ortsakten Lemgo, D Sect. VI..

Die Einfälle spanischer, aber auch statischer Truppen und Freibeuter in Westfalen hörten auch in den folgenden Jahren nicht auf. Graf Simon war im Jahre 1595 zum Kreisoberst von Westfalen gewählt worden und dadurch genötigt, seinem Lande öfter fernzubleiben. Als im Jahre 1599 „allerhand Zeitung ankommen wegen hispanischer Kriegsvölker und daß sich die Benachbarten dagegen in Rüstung gesetzt“, wurde vom Lemgoer Rat ein Hauptmann angeworben, Frantz von Onsen, der monatlich mit 25 Thalern bezahlt wurde. Durch die ganze Stadt sollen Rottmeister bestellt werden, und das „Gebäu vor der Langcnbrücker Pforte“ soll vervollständigt, das Rondell erhöht werden und am „runden Teil“ am Schuhmacherwall soll ein Streichwehr gemacht werden von „rauhem Stein“. Das Stück Graben „von der Regensporte bis an die Bege vor der Langen Brücken“, das den Bürgermeistern L. Cothmann und Henr. Erp- Brockhausen für 100 Rth. „wiederlöslich“ verpfändet war, wurde den Inhabern gekündigt, da Lemgo den Graben jetzt nicht länger entbehren könnte.

Bis dahin weiß die Geschichte von einem Abwehrkampfe der Lemgoer gegen äußere Feinde nichts zu berichten. Als die Bürger zum ersten Male, soviel wir wissen, ihre Kartaunen auf einen Feind richteten, da war dieser Feind der eigne Landesherr. Die Stadt widersetzte sich hartnäckig der von Simon VI. dem Lande aufgenötigten reformierten Konfession. Es kam zur „Lemgoer Revolte“20Falkmann, Beiträge VI. Band S. 36 und meine Stadtgeschichte S. 75—81.. Der Landesherr vermochte mit seiner geringen Heeresmacht gegen die starke Feste nichts auszurichten. Vielmehr wurde er selber in seinem Schloß Brake bedroht, da die Bürger ihre fünf stärksten Kartaunen auf dem Kaufmannswall auffahren ließen. Nach dem Tode des Grafen setzte sein Nachfolger, Simon VII., den Streit mit der rebellischen Stadt fort. Im Jahre 1617 ließ er Schanzen gegen die Stadt aufwerfen. Der Oberst Wredc lagerte vor den Toren und rings um die mit Kanonen besetzten Wälle. Er ließ Schanzen und Laufgräben an- legen und Munition anfahren. Als die Lemgoer sahen, daß es Ernst wurde, schickten sie Boten und baten nur um einige Stunden Frist. Aber der Oberst gab dreimal Feuer „auf die vornehmsten Häuser“. Der Magistrat erklärte später, durch das feindliche Feuer seien viele Dächer zerstört worden. Die Bürger hätten zu deren Reparatur das Material von den Häusern der entwichenen Anhänger des Grafen genommen. Zum Glück kam es bald danach zu Verhandlungen und zum Frieden. Das war im Jahre 1617.

Im folgenden Jahre begann der Dreißigjährige Krieg, der die Grafschaft Lippe und besonders die Stadt Lemgo furchtbar heimsuchte, die als stärkste Festung des Landes von Kaiserlichen und Schweden gleichermaßen begehrt, berannt und wechselweise besetzt wurde21Stegmann, Die Grafschaft Lippe im 30j. Kriege, Mitteil. B. 3, und meine Stadtgeschichte S. 97—103.. Es half der Stadt nichts, daß die Landesherrschaft Neutralität zu bewahren versuchte. Und natürlich konnte man nicht daran denken, einem Christian von Braunschweig, Tilly oder Pappenheim bewaffneten Widerstand zu leisten. Die Stadt mußte wiederholt Besatzungen der einen wie der andern Partei aufnehmen und wurde so jeweils Angriffsziel der gegnerischen Partei. Es war ein großes Entgegenkommen des Generals Tilly, daß er gestattete, die Besatzung aus lippischen Truppen zu bilden.

Aber den selbstbewußten Lemgoern scheint es nicht gepaßt zu haben, dergestalt einem Detmoldcr Kommando unterstellt zu werden. Der Hauptmann Rembert de Wrede teilte im Jahre 1627 der Landesherrschaft mit, er habe bei dem Magistrat um Reparatur der Brustwehren, sonderlich am Schusterrondell angesucht und dazu den Detmolder Wallmeister in Vorschlag gebracht, aber nichts erreicht. Es könnten wohl bei Nacht daselbst 100 Mann trockenen Fußes in den Ort kommen.

Die lippischen Soldaten hielten keine Disziplin. Im Jahre 1628 gab es eine regelrechte Meuterei. Von den Anstiftern wurde einer gehängt, ein andrer „decolliert“ und fünf des Landes verwiesen.

Als dann die Schweden kamen, geriet Lemgo jahrelang zwischen zwei Feuer. Als im Jahre 1636 die Kaiserlichen unter General Speerreuter in der Stadt lagen, erstiegen von Minden heran rückende schwedische Truppen unter dem Feldmarschall Götz am 12. September morgens um drei Uhr heimlich die Wälle, überwältigten die kaiserlichen Soldaten und plünderten die Stadt völlig aus. Im September 1638 erschienen schwedische und kurpfälzische Truppen vor der inzwischen wieder von Kaiserlichen besetzten Stadt, konnten sie aber nicht nehmen. Darauf mußten die Bürger auf Befehl des Kommandanten die bereits stark beschädigte Johanniskirche extra muros abbrcchen. Ein Überrumpelungsversuch hessischer Truppen im Jahre 1642 scheiterte an der Wachsamkeit der durch einige Kanonenschüsse aus Detmold gewarnten Besatzung, welche die zwischen Langenbrückcr und Regenstor Angreifenden blutig zurückschlug.

Stegmann teilt a. a. O. S. 135 ohne Quellenangabe einen Brief mit, in dem ein Ungenannter, mit den Lemgoer Festungswerken offenbar wohl Vertrauter den Angreifern seine Dienste zur Verfügung stellt. Er schreibt: „Der gantze Bau ist in allen Werken sehr irregulär und die Wassergräben an etzlichen Orten gantz seicht und das Wasser gar zu nehmen, nemblich zwischen der Johannispforten und Heupforten ligt ein kleines Blockhauß uff dem Wall, alda die Bcega (er meint die ,kleine„Bega, den Alten Fluß) hindurchfleust in den eußersten Wassergraben, und ist die Grafft nach dem Heutor gantz seigt und der Erde gleich, auch ist unter dem Wachtheusel an der Heuporten ein verborgener Zapfe, welchen man auf schlagen kann, dadurch die Gantzc Graff t vom Johannisthor bis an die Heupforthen gantz trocken.“ Auch sei bei der Osterpforte die Zugbrücke schlecht verwahrt, und die äußere Graft nach dem Neuen Tor nicht über halb Manns tief.

Als bereits die Vertreter der Kriegsparteien in Münster und Osnabrück über den Frieden verhandelten, wurde Lemgo noch einmal fuchtbar heimgesucht. Die Landesherschaft war damals, wie schon öfter, bemüht, von beiden feindlichen Parteien Neutralität für das Land zu erreichen. Solange aber Lemgo eine so starke Festung blieb, mußte sie beide Gegner als Stützpunkt anlocken. Daher forderte die Regierung den Rat wiederholt auf, daß „nunmehr bei solcher Evacuation der Stadt die Außen werke und Pallisadcn demoliert werden müßten, er solle also dies durch Angesessene durchführen lassen“ (LA Ortsakten Lemgo D Sect. V,18. 4.1646). Auch stellten die Städte Blomberg, Horn und Salzuflen der Regierung vor, wie sie, wenn Lemgo eine so wichtige Festung bleibe, immer von neuern ins Unglück gestürzt würden. Aber der Lemgoer Rat wollte nicht. Abgesehen davon, daß es dazu an den nötigen Menschenkräften mangelte, widerstrebte es auch dem Bürgerstolz, die in Jahrhunderten aufgebauten Festungswerke niederzureißen.

Im Jahre 1646 rückte der schwedische Generalleutnant von Königsmarck von Nordwesten heran und verhandelte mit dem Kaiserlichen Kommandanten Lemgos, Graf Johann Kasimir von Leiningen, wegen Räumung der Stadt. Er war bereit, die kaiserliche Besatzung unbehelligt abziehen zu lassen. Da der Kommandant aber die Räumung hinauszögerte, schloß der Schwede die Stadt ein und eroberte sie, nachdem er an sechs Stellen der Mauer Bresche geschossen hatte, nach einem drei Stunde währenden Sturm in der Nacht zum 23. Mai. Der Kommandant mit seinen Offizieren wurde gefangengenommen und die Stadt gänzlich ausgeplündert.

Die Schweden blieben in der Stadt und gingen sofort daran, die Festungswerke zu verstärken. Sie forderten dazu vom Lande einen Geldbetrag von 300 Fl. monatlich und stellten ein Verzeichnis auf, was jede Stadt und jedes Amt beizutragen hatte zur Lieferung von 300 Pallisaden und 500 Sturmpfählen (LA Ortsakten Lemgo D Sect. V). Dazu forderte der Kommandant Meyer von den Bürgern einige „Frondienste“. Die Leute sollten an der Brustwehr innerhalb des Stadtwalls arbeiten.

Auch nach dem Friedensschluß von 1648 blieb die Stadt auf die Erhaltung ihrer Befestigungen bedacht. Da aber die Bürgerschaft infolge von Krieg, Pest und der selbstmörderischen Hexenverfolgung stark zusammengeschmolzen war, mangelte es an Arbeitskräften. Die Landesregierung beauftragte einige Ämter — Oerlinghausen und Lage — mit Hilfeleistung, doch mußte der Lemgoer Rat im Jahre 1657 klagend berichten, die Lager und Oerlinghauser weigerten sich, den „Umgraben“ zwischen Wall und Mauern vom Johannis- bis zum Heutor auszuräumen. Schließlich fand sich die Vogtei Detmold bereit zur Hilfeleistung.

Die „Münstersche Invasion“ des Jahres 1675 brachte neue Leiden über die arme Stadt, der nichts übrigblieb als dem Münsterschen General das Johannistor zu öffnen, vor dem er seine Artillerie hatte auf fahren lassen. Es kamen dann ruhigere Zeiten. Erst im Siebenjährigen Kriege gab cs wieder drückende Einquartierung. Im Jahre 1761 rückte ein Bataillon vom Braunschweigschen Leibregiment unter Generalmajor v. Hariing in die Stadt. Er ließ von den Wällen 7 eiserne Kanonen abschleppen und durch 128 Pferde und 7 Sattelwagen nach Lippstadt bringen. Nach dem Friedensschluß bat der Lemgoer Rat den Herzog von Braunschweig untertänigst, „die gnädige Ordre an Ihre Kommandanten in Lippstadt zur Verabfolgung der Kanonen erteilen zu lassen“. Ob die Bitte Erfolg hatte? Was wollte der Rat der Stadt noch mit Kanonen? Nun, man konnte sie zu Gelde machen, wie man es denn auch mit den übrigen auf den Wällen stehenden tat.

Allmählich erlahmte das Interesse der Bürger an den Toren, Türmen und Mauern, deren ursprünglicher Zweck hinfällig geworden war. Die Reparaturen kosteten Geld, und daran fehlte cs der einst so reichen Stadt. So wurde das Außen werk des Langenbrücker Tors schon 1713 niedergdegt. „Die Langenbrüggenpforte, welche auswärts gestanden, ist, weil sie baufällig gewesen und herunterfallen wollen, durch den Schmied Diedrich Grotthaus untenher ausgehauen worden, daß sie heute, 20. September umgefallen.“ Im gleichen Jahre wurde, wie oben berichtet, der mächtige Jüterbocksturm vom Sturm arg beschädigt und 1787 vollends abgetragen. Im Jahre 1808 drohte der Johannistorturm zusammenzustürzen und wurde daher an den Meistbietenden verkauft.

Viele Tausende von Kubikmetern Steine steckten in den Stadtmauern. Die konnte man anderswo nützlicher verwenden. Vom Jahre 1854 an wurden die Stadtmauern Stück für Stück abgerissen. Die Bürger, deren Gärten an die Mauern stießen, legten Wert darauf, die Grundfläche der Mauern ihrem Besitz zuzufügen. Die Strecken wurden vermessen und der genaue Kubikinhalt festgestellt. Die Steine verwendete man zum Teil für die Kommunalwege.

Auch die Wälle blieben nicht unangetastet. Schon im Jahre 1770 wird zur Abtragung des zwischen Johannis- und Heutor gelegenen Walls eine Summe von 210 Rtl. bewilligt. Der Wall wurde erniedrigt, nicht völlig abgetragen. Das gilt auch für den Lindenwall — damals Hoher Wall genannt —, von dem die Erde „in die längs des Walles laufenden Wassergräben der Masch und in die Masch transportiert werden“ sollte. Also war damals, 1877, die Fläche des heutigen Zeltplatzes und des Ententeichs noch von Wassergräben durchzogen.

Die Gräben wurden geschätzt wegen des Fischfangs und wegen der anliegenden Bleichplätze. Im Jahre 1828 beschwerte sich der Müller Harke bei der Rentkammer, „daß durch die in und bei Lemgo neu angelegten Bleichen ihm zu viel Wasser für die Johannismühle entzogen und diese dadurch benachteiligt würde“. Für die noch heute existierende Bleiche am Regenstor dürfe das Wasser nicht aus dem von Brake kommenden Mühlengraben (dem Alten Fluß) genommen werden, sondern allein aus der Röhrenleitung, die aus dem Stadtgraben — dem heutigen Teich in der Gärtnerei Kuhlmann — unter dem Mühlengraben hergehe.

Der Graben vor dem Ostertor hatte sich 1775 bereits „so zugesetzt, daß er zur Fischerei ganz untüchtig worden“. So schlagen die Kämmerer vor, den Graben mit dem Wall zuzuwerfen. Das gäbe einen schönen Kuhkamp.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Zerstörung der Festung Lemgo vollendet.

Landwehr und Turmhöfe

Wie die Bürger ihren Wohnbezirk mit fester Wehr umhegten, so waren sie auch darauf bedacht, ihre Feld- und Waldmark gegen Einbrüche zu sichern durch Erdaufwürfe, die mit einem dichten Verhau geknickter und ineinander verschlungener Bäume und Sträucher besetzt waren. Solche „Knicke“ waren bei gehöriger Breite zusammen mit den davorliegenden Gräben wohl geeignet, feindliche Trupps und Viehräuber fernzuhalten und die Bauern der benachbarten Dörfer daran zu hindern, ihr Vieh auf städtischem Grunde zu hüten.

Die Wegdurchlässe waren durch Schlagbäume, „Schlinge“, zu sperren. Die Hauptausfallstraßen wurden durch mehrere, quer zur Straße angelegte Wälle gesichert, besonders aber durch befestigte Turmhöfc, die von einem Turmmeier bewohnt und bewirtschaftet wurden.

Die von der Lemgoer Landwehr22E. Weißbrodt, Die Lemgoer Landwehr. Lippischer Dorfkalender 1922. umschlossene Fläche hatte einen größten Längsdurchschnitt, vom Licmer Turm bis zum Gröchtenhof, von 10 km, und in der Nord-Süd-Richtung von etwa 6 km. Die Umrißlinie war vielfach gewunden und umfaßte auch herrschaftliches Gebiet, im Norden Entrup, im Süden Brake. Die Wälle sind im Laufe der Jahrhunderte zumeist eingeebnet, besonders da, wo sie über freies Feld liefen. Doch ist ein mehrere hundert Meter langes, mit dichtem Brombeergesträuch bewachsenes Stück auf dem Biesterbcrge erhalten. Besseren Schutz gewährte der Wald, und hier finden wir an vielen Stellen, bei der „Landwehr“ wie in der Lemgoer Mark, die Erdwälle recht gut erhalten23Abbildungen bei Weißbrodt und in meiner Stadtgeschichte S. 35. Da, wo natürliche Hindernisse eine Annäherung erschwerten, verzichtete man auf den Wall, wie an der Ostgrenze der Lemgoer Waldung, wo der Lauf der Maiboltc eine tiefe Schlucht bildet.

Die Landwehr, deren Reste wir noch heute beobachten, war nicht die erste, welche die Lemgoer erbauten. In Urkunden wird einige Male eine „Alte Landwehr“ erwähnt. Sic lag der Stadt näher und umgab nur einen Teil der späteren Feldmark. Sie wird schon im Jahre 1411 (LR 1750 Nr. 55) als „alte“ bezeichnet. Ihre Lage ist aus den Urkunden mit großer Wahrscheinlichkeit zu erschließen. In dem Verzeichnis von 1411 ist die Rede von zwei Stücken bei der Alten Landwehr. Aus den übrigen dort genannten, offenbar nahe beieinander liegenden Landstücken darf erschlossen werden, daß jenes Stück in der Gegend des Spiegelbergs, Vogclsangs und der Waterfohr (jetzt Gräfcrstraße) lag. In einer Urkunde vom 8. Juli 1595 (Stadtarch. Lemgo) lesen wir, daß der Landesherr die Schafhude gebrauchen darf „im Westerfelde (das Land westlich der Stadt), auf die alte Landwehr, die von den Gartens bis auf den Bach die Ilsa genannt ins Norden zu gehen pfleget, von dannen von dem Knick auf nach der Steinmühlen nach dem stumpfen Thorn (Turm) am Stöhnebrink…“.

Die Ilse fließt 1200 m entfernt vom Nordrande der Stadt. In etwa der gleichen, vielleicht etwas größeren Entfernung vom Nordostrande der Stadt haben wir das 1411 erwähnte Stück der Landwehr zu suchen. Sonach umgab die alte Landwehr den Westen, Norden und Nordosten — und wahrscheinlich doch auch den Osten bis an die Bega — in einer Entfernung von 1 bis 1½ km. Genau in dieser Entfernung liegen zwei Warttürme: der eine ist der eben genannte „Stöhnebrinkturm”, auch „Stumpfer Turm am Stöhnebrink“ genannt. Seine Steine wurden zu Anfang des 17. Jahrhunderts zum Neubau des Lippehofs abgefahren. Ein weiterer „Stumpfer Turm“ erhob sich im Westerenfelde auf der Balster Höhe, einem sandigen Hügel zwischen der Herforder Straße und dem Leeser Wege. Im Jahre 1566 ist unter den Freiheiten für den Wulffenhof (Mittelstr. 128—130) die Rede von einer Hude „vor dem Wehrthorn“ bei der Balster Höhe.

Wahrscheinlich waren die beiden Warttürme dazu bestimmt, die nach Westen und Norden führenden Straßen unter Kontrolle zu halten24Den gleichen Zweck hatte die Warte bei Salzuflen, der „Stumpfe Turm“.. Den Süden der Stadt glaubte man wohl durch die Bega hinreichend gesichert, so daß man hier anfangs auf eine Landwehr verzichtete.

Der Verlauf der späteren Landwehr ist, auch wo ihre Spuren verschwunden sind, unschwer festzustellen an der Hand eines Protokolls, das bei einem dreitägigen Grenzbegang im Jahre 1784 abgefaßt wurde25An der Hand dieses Protokolls hat E. Weißbrodt den gesamten Umfang der Landwehr abgeschritten und wertvolle Beobachtungen aufgezeichnet.. Ihr Verlauf entspricht fast genau der heutigen Grenze des Stadtbezirks.

Es gab zur Sicherung der Zugangswege folgende Turmhöfe :

  1. Im Norden an der Straße nach Vlotho lag zwischen Entrup und Matorf der Neue Turm. Der Gutshof ist jetzt im Besitz der Familie Gellhaus. Ein Turmrest findet sich nicht.
  2. Nicht weit davon saß auf beherrschender Höhe der Türmer zum Bienberge (jetzt „Weege auf dem Berge“). Er kontrollierte den alten Höhenweg nach Salzuflen und Herford.
  3. Der Liemer Turm (jetzt Gutshof Schwabedissen) schirmte die Straße nach Herford, die ursprünglich unmittelbar neben dem Hof in der Senke verlief. Der runde Vorbau des jetzigen Wohnhauses steht genau auf dem Fundament des ehemaligen Turms. Dieser Turm ist auf einer Flurkarte aus dem Jahre 1590 (Land.) sorgfältig gezeichnet26Abgebildet in Mitteil. B. 19 Abb. 1.. Ein an ein Fachwerkhaus gelehnter stattlicher Turm mit Kuppelhelm, hoch ummauert, vom Wasser der Ilse umspült, das Obergeschoß allein durch eine hochziehbare Leiter zugänglich. Eine Nachricht aus dem Jahre 1620 besagt, daß der Rat beschloß, daß am Liemer Turm des Torhüters Namen „ausgehauen“ und dafür, an dessen Stelle die Lemgoische Rose gesetzt werden möge.
  4. Am Detmolder Wege liegt an der Grenze der Laubkerhof (jetzt Gutshof Laubker Meier). Ein Turm ist hier nicht nachweisbar, am steilen Nordufer eines Wasserlaufs sind drei stufenförmig hintereinander liegende Wälle noch deutlich erkennbar.
  5. An der Hamelner Straße war sowohl die innere, wie die äußere Landwehr durch einen Turm gesichert, die innere durch den Rieper- turm (auf dem Gutshof sitzt seit langer Zeit die Familie Frevert). Früher führte hier die Landstraße südlich des völlig ummauerten Hofes vorbei. Auf einer Karte von 1587 (LA) ist ein Rundturm mit Kcgel- dach abgebildet und dabei auch der jetzt so gewaltige Eichbaum, der also 350 bis 400 Jahre alt ist.
  6. Jenseits des Rieperberges, 2½ km östlich des Rieperturms, lag, den städtischen Besitz begrenzend, der Gröchtenhof, auch „zu den Gruchten“ genannt. Auf dem höchsten Punkte der Landstraße lag der Turm, der beim Neubau der Gastwirtschaft „Zur Erholung“ in die Küche eingebaut wurde. In den gefährlichen Zeitläuften zu Ende des 16. Jahrhunderts beschloß der Rat, daß der Gröchtenturm „solle wiederum neu gebaut werden“ (Prot. Sen.). Er war demnach vorher verfallen.

Außer den sechs mit einem Gutshof verbundenen Türmen und den beiden Warttürmen gab es noch einen, oberhalb des Dorfes Lüerdissen erbauten Turm, von dem sich spärliche Reste in der Nordostecke des Forstbezirks 53 erhalten haben. Der Durchmesser des Rundturms beträgt etwa 7 m. Man überschaut von dort oben ein weites Gebiet, insonderheit den Varenholzer Weg und die alte Rintelner Landstraße.

Alle Türme sind so angelegt, daß die Wächter sich mit den benachbarten Türmen verständigen konnten, die meisten auch mit dem Turmhüter der Nikolaikirche. Aus den Turmhütern wurden allmählich ineier- stättische Bauern und schließlich freie Besitzer.

Quellen und Literatur:

Akten des Landesarchivs Detmold:
Ortsakten Lemgo, A Sect XIX,
D Sect V u. VI G Sect IV
Lemgoer Copiarbuch, Verträge und Privilegien der Stadt Lemgo.
Stadtarchiv Lemgo: Scnatsprotokolle, Ausgetane Örter, Flüsse und Gräben, Türme und Stadtmauern, Städtische Bauten, Urfehdeverzeichnis.
Preuß, Die baulichen Altertümer des Fürstentums Lippe, 1881.
Stegmann, Die Grafschaft Lippe im 30jährigen Kriege, Mitteilungen B. III.
Gregorius, Lemgo, Forschungen zur Frühzeit, Mitt. B. XVII.
Falkmann, Beiträge zur Geschichte des Fürstentums Lippe, 1857—1902. Weißbrodt, Die Lemgoer Landwehr, Li pp. Dorfkalender 1922.

1. Kittel, Zur Gründung lippischer Städte, Mitt. B. XX.
2. Gaul, Die lippische Frühgeschichte bis zur Gründung der Stadt Lemgo, Mitt. B. XIX.
3. Meier-Lemgo, Geschichte der Stadt Lemgo, 1952.
4. Schwartz, Die Befestigungen einer Hansestadt (Soest) in „Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte. Gedächtnisschrift für Fritz Rörig, Lübeck 1953.

Abbildungen :
Mauer und Tore: Kupferstich des Elias van Lennep um 1663, vgl. E. Kittel, Lippe im Bilde bis 1800, Mitt. 19, 1950, Liste Nr. 25 und Abb. 19. — Kupferstich Schloß Brake 1726, Kittel Liste Nr. 45, Abb. K. Meier-Lemgo, Das schöne alte Lemgo, Lemgo (1927), S. 78. — Zeichnungen der Stadtmauer von Carl Dewitz in der Landesbibi., vgl. K. Vollpracht, Carl Dewitz und seine Aufnahmen lippischer Baudenkmäler, Mitt. 21, 1952, S. 50.
Ostertor: Aquarell von Zeiß 1863, Abb. 19. Jahrcsber. d. Lipp. Bundes f. Heimatschutz 1926 S. 18. — Foto 22. Jahresber. 1929 S. 12 und K. Meier-Lemgo, Das schöne alte Lemgo S. 13. — Aquarell Dewitz 1882 wie oben.
Regenstor: Aquarell von Zeiß, Abb. 19. Jahresber. S. 19. — Zeichnungen Dewitz wie oben.

Quelle: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde 1955 – Von Dr. Karl Meier, Lemgo

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