Die Gemarkung Lage im Wandel der Zeit

Das Bild der Gemarkung Lage hat sich seit der Jahrhundertwende gründlich gewandelt. Von der Feldmark des einstigen „freyen Weichbildes tho derLohge“ ist fast nichts mehr übrig geblieben. Verkehr und Industrie, die vorwärtsdrängenden Kräfte in Lages Entwicklung, haben Besitz ergriffen von der Gemarkung. Die Wandlung ist auch in der Neugestaltung des Stadtbildes erkenntlich.

Die Flußebene der Werre mit ihrer Fruchtbarkeit bestimmte einst den Ursprung der Siedlung und die Arbeit ihrer Bewohner. Die Gemarkung Lage liegt in der Lippischen Keupermulde, deren aufgebogene Ränder von den Hängen des Lager Berges (157 m) und des Stadenhauser Berges (143 m) gebildet werden. Der kalkreiche, rote und grüne Mergel hinterließ mit der überlagernden Lößlehmdecke bei der Verwitterung durch die Eiszeitgewässer, die sich im Werretal absetzten, eine fruchtbare Ackerkrume. Von ihr behauptete von Donop, in der ältesten Beschreibung des Landes Lippe 1780, daß hier bei Lage „das Leinkraut in besonderer Güte und Feinheit gedieh.“

Die Fruchtbarkeit des Werretales, dazu ein uralter Straßenverkehr, der durch den Frankfurt-Bremer-Weg und den Hellweg „eine starke Passage“ nach Lage brachte, begründeten in ältester Zeit das Weichbild „tho der Lohge“. Lohnamen sind in Lippe zahlreich; sie gehören zu den ältesten Flurnamen. Ihre Häufigkeit kennzeichnet das Lipperland als ursprünglich waldreich. (Preuß).

Lohorte waren Ansiedlungen im Gehölz, in der Holzung, im Hain. Sie entstanden aus schwerer Rodungsarbeit „auf freier Lichtung im Walde in der Nähe heiliger Stätten“ (Jellinghaus westf. Ortsnamen).

Die gemeinsame Rodung legte es nahe, den mühsam geschaffenen Boden zur gemeinsamen Nutzung zu sichern. Heide, Hude und Wald waren allen gemeinsam, Allmende, oder gemeine Mark, über welche die Weichbildobrigkeit Gewalt besaß.

Gemarkung hieß das Land, das allen Markgenossen zur Mithude zustand. Die Begriffe „Weichbild“ und „Erbleihe“ bedeuten dasselbe. In einer Urkunde von 1559 wird Lage erstmalig als Wibbold oder Weichbild bezeichnet. Dem Landesherrn gehörte das weite Rentkammergelände „im Bruche“, der „Burgkamp“ bei der herrschaftlichen Mühle und der „Bruchpohl“.

Es ist erstaunlich, in welch weitem Umfange das Hudegelände das alte Weichbild umfaßte. Bis zur „Aufteilung der Gemeinheit“ im Jahre 1829 reichte die Lagesche Heide von Avenhaus „bis vor die Lageschen Gärten“ in einer Fläche von 488 Scheffelsaat1In Lippe entsprach ein Scheffelsaat der Fläche von 1717 Quadratmeter. Dazu kam „die Heide zu beiden Seiten des Weges nach Hardissen“ in einer Fläche von 210 Scheffelsaat. Auch der Lagesche Berg, Heide und Hudeland, war Allmende mit 239 Scheffelsaat.

Auf dem Werreanger befand sich ein „Eichenkamp“ von 27 Scheffelsaat, bei der „Wittenbrede“ ein Tannenkamp von 8 Scheffelsaat und im „Sandkamp ein Erlenkamp“ von 6 Scheffelsaat.

Aus dem „Verzeichnis der Gemeinheit des Fleckens Lage von 1829“ ergibt sich das Bild einer Ackerbürgerstadt, die von reichem Waldbestand und weiten Hudeflächen umschlossen war. Der Flurname „Auf der Howe“ und „Unter der Howe“ am Lageschen Berge scheint auf die ursprüngliche Feldeinteilung der Hudeverfassung hinzuweisen.

Von der alten Ackerbürgerstadt, dem Marktflecken der Leineweber, und der Zieglerstadt Lage ist nichts mehr zu erkennen. Noch vor 60 Jahren trieb der Stadthirte das Vieh auf die Lagesche Heide, „auf den Berg“ oder „auf den Maßbruch“. Es waren 1829 immerhin 240 Kühe, die sich, wenn das Hirtenhorn rief, vom am Eingang der Eichenallee auf dem „Köttelbrink“ sammelten.  Aus dem Köttelbrink wurde 1830 ein Friedhof und 1928 ein „Friedenshain“ mit dem Denkmal der Gefallenen der Stadt Lage. Zeit ist Werden.

Die Lagesche Heide

Heide umgab das Weichbild, wohin man blickte. Sie dehnte sich bis zur Sülterheide aus und reichte von „Brandingsheide“ bei Ehrentrup und der „Windheide“ beim Windhof bis zur „Hardisser Heide“ zu beiden Seiten der Lemgoer Straße. Heide war auch am Oetternbach, auf der „Heidbrede“ bei Feilensiek. Auch der Lager Berg war kahl und mit Heide bewachsen. Mit der Eröffnung der Eisenbahn im Jahre 1880 begann der allmähliche Schwund der Heide. Der Eisenbahnkörper nahm eine große Fläche am Rande der jungen Stadt. Heute hat die Eisenbahn zu wenig Raum, Lemgoer- und Heidensche Straße schränken sie ein.

Am Sedanplatz (Bahnhofvorplatz), einst Lagesche Heide, jetzt Parkanlage.

Am Sedanplatz (Bahnhofvorplatz), einst Lagesche Heide, jetzt Parkanlage.

Wer vor 50 Jahren aus dem Bahnhofsgebäude trat, sah nur Heide vor sich. Nur zwei Gebäude, der Klinkerbau der Bürgerschule und die Zuckerfabrik begrenzten seit 1884 die Heide. Das Gaswerk am Rande der Heide am alten Fichtenbusch liegt heute still. Die Metall- und Möbelindustrie verdrängte den Fichtenbusch und die Heide. Die Zuckerfabrik schuf mit ihren Klärteichen und Bewässerungsgräben vor 50 Jahren völlig neues Kulturland.

„Oben auf der Heide bei der „Wittenbrede“ wurde 1841 zum erstenmal Ziegelton gegraben. Die Stadt der Ziegler errichtete auf einer Grundmoräne, die einst die Johannissteine nach Lage brachten, die älteste Ziegelei im Lippischen.

Zur Zeit größten Holzmangels im Jahre 1799 wurde auf der Heide Torf gestochen. Zahlreiche „Heidekolke“ dienten als Flachsrotten. Auch „In den Ellern“, im Sandkampe, an der Lemgoer Straße und „im Bruchpol“ ließen Flachsrotten erkennen, wie sehr hier die Verarbeitung des Flachses zu Leinen in Blüte stand.

Die Heide lieferte auch ihren Beitrag zur Geschichte des Lipperlandes, indem sie als Versammlungsplatz im Zentrum des Landes eine historische Rolle spielte. So tagte „ein hoher Landtag“ 1514, 1532 und 1553 auf der Heide. Graf Simon gab Lehnbriefe an Lippische Mannen, an Ritter und Edle. 1587 wurde hier eine Landmiliz, eine Söldnertruppe, aufgestellt, „mit Büchsen, Musketen, Feuerrohren, Federspießen, Hellebarden und Streitäxten“. Von „Reutern und Knechten gegen die Türken“ sprach man auf dem Lande 1532. Daß auch im 30jährigen Kriege „Ritter und Edle auf der Heide gemustert wurden, wie dieselben mit Pferden, Munition und Gezeug eingerichtet sein sollen“, davon hören wir aus dem Jahre 1623. Wall und Graben auf der Heide wurden 1622 neu befestigt und in 26 Fuß Breite entlang der Rhinstraße geführt — 1633 „hausten spanische Kriegsvölker auf der Heide grausamst“. Nach einer Brandschatzung durch Schwedenoberst De Wend im Jahre 1636 bestand der Ort noch aus 28 Meierstätten, 1 herrschaftlichen Mühle, einem Mühlenhof und der Kirche. Die Kinder sangen: Bet’, Kinder bet’, denn morgen kommt der Schwed. Im 7jährigen Kriege diente die Heide Engländern und Franzosen als Lagerplatz. Sie fischten 1762 den Bruchpol aus.

Nur einmal benutzten auch deutsche Truppen die Heide, als 1896 die Regimenter 55 und 15 hier biwakierten.

Ein letzter „Landtag“ historischer Bedeutung tagte hier 1905. In der Turnhalle der Bürgerschule auf der Heide wurde das Urteil des Reichsgerichts im lippischen Erbfolgestreit verkündet.

Heute ist von der Heide nichts mehr geblieben. Ein letzter Rest, der Sedanplatz, Bahnhofsvorplatz, ist eine Erinnerung an die alte Heide, die in Kriegszeiten nie zur Ruhe kam. 1945 wurde der schöne Park durch Bomben bis in die Tiefen aufgewühlt. Jetzt er blüht er in fruchtbarer Üppigkeit zu neuer Schönheit. Aus den Trümmern der Ruinen sind neue Bauten erwachsen. Der Steilgiebel der Lutherischen Kircheund der von hohen Pappeln flankierte Turm bieten das Bild einer frohgemuten Auferstehung aus Bedrängnis und Not. Die Heide ist ein neuer Stadtteil geworden mit Schillerstraße, Friedrich-Ebert-Straße, Marienstraße, Oberer Straße, Heidenscher Straße und Gasstraße. Der Wandel in der Gemarkung ist deutlich und weitgreifend.

Rentkammergelände lm Bruche, 1193 durch Fürstin Pauline angelegt. Bleiche im Bruche: Veerhoffs-Bleiche 1906

Rentkammergelände lm Bruche, 1193 durch Fürstin Pauline angelegt. Bleiche im Bruche: Veerhoffs-Bleiche 1906

„Im Bruche“ — Rentkammergelände Veerhoffs Bleiche

Sumpfiges Wiesengelände, das Bruch, begleitete das rechte Werreufer in breiter Fläche bis zur Langen Straße, bis zur Kirche und bis zur Herrschaftlichen Mühle. Fürstin Pauline ließ hier eine große Bleiche anlegen (1793). Sie wollte durch die „Herrschaftliche Bleiche“ dem Leinengewerbe, das in Not kam, aufhelfen. Der Verteuerung der lippischen Leinenerzeugnisse sollte vorgebeugt werden durch Bleichen im lippischen Lande. Lage war Mittelpunkt des Leinengewerbes. Noch vor 50 Jahren schimmerten die langen Laken lippischer Leinewand auf Veerhoffs Bleiche. Das Rentkammergelände, das als Fideikommiß unantastbar und unteilbar war, wurde Bauland. Die Straßenzüge des Bleichenweges, der Bruch-, Werre-, Technikum- und Wehmgartenstraße haben mit ihren Wohnbauten die alte Veerhoffs-Bleiche verdrängt und einen neuen Stadtteil seit 1923 geschaffen. Auch der Versuch, die alte historische Webetätigkeit wieder in Gang zu bringen durch eine mechanische Weberei am Rande der Eichenallee, scheiterte um die Jahrhundertwende. Aus Spennemanns und Seiffs Webefabrik wurde im Zuge der Entwicklung Seppmanns Möbelfabrik.

Bruchpfuhlwiese — jetzt Jahnplatz

Wo heute Turner und Sportler auf dem Jahnplatz im freien Wettspiel ihre Kräfte messen, war noch vor 30 Jahren eine sumpfige quellenreiche Wiese, der „Bruchpol“. Hier legten im Jahre 1670 Bürgermeister Lindemann und Hebbeler einen Fischteich an und besetzten ihn mit 720 Karpfen mit der Begründung, „weil sonst das Bruchpol der Gemeinde nicht einen Pfennig schaffe, außerhalb, daß darin Flachs gerottet werde.“ Im 7jährigen Kriege berichtete Bürgermeister Hellmeyer, daß 1762 die Engländer den Bruchpol ausfischten.

Zur Jahrhundertwende war der Bruchpol Scheibenstand der Schützengilde im Sommer, Eislaufplatz der Lageschen Jugend im Winter; dann sorgte ein städtischer Waschplatz mit Bleiche dafür, daß hier die Lageschen Frauen nicht nur ihre Wäsche reinigen, sondern auch ihren „Landtag“ abhalten konnten.

Über den Wassergräben spielten glitzernde Wasserjungfern schwirrenden Fluges, wenn im Frühjahr der alte Bruchpol im blauen Blütenschimmer des Wiesenschaumkrautes lag.

Hier vollzog sich eine völlige Wandlung nach dem ersten Weltkrieg, als tatkräftige Turner in selbstloser Hingabe mit eigener Hand den Sumpfboden entwässerten und einen Tum- und Sportplatz schufen, der heute Mittelpunkt sportlichen Wettkampfes weit über die Grenzen der Stadt und des Lipperlandes geworden ist. Hier baute die Turngemeinde am Rande des Bruchpols mit zäher Überwindung größter Schwierigkeiten aus eigener Opferbereitschaft ohne gemeindliche Hilfe eine Halle, die nicht nur der turnerischen Erziehung diente, die zugleich Konzerthalle und Versammlungsraum wurde, die künstlerische Eindrücke vermittelte, die von Wert und von Dauer bleiben. Bruchpol und Jahnplatz mit Sport- halle und Konzertraum und einem Jugendheim — wer zurück und vorwärts blickt, spürt die Kräfte, die diesen Wandel der Gemarkung bewirkten.

Maßbruchsiedlung, einst Hude (Hardisser Heide), jetzt Hardisser Straße.

Maßbruchsiedlung, einst Hude (Hardisser Heide), jetzt Hardisser Straße.

Brede — Holzhofgärten — jetzt Wohnblocksiedlung

Am „gemeinen Hellwege auf jener Halbe nach Schötmar zu gelegen“, war der Holzhof, ein Stück herrschaftlichen Grund und Bodens. Graf Bernhard eignete 1559 „seinen lieben getreuen Ingesessenen des Wibbolds zur Lage diesen Holzhof zur gemeinen Nutzung“ zu, nicht als Geschenk, sondern als Gegenwert für Geldhilfe, mit der die Lageschen ihrem Landesherrn aus der Not geholfen hatten. Hier erwuchs aus der Pflicht jeden Ackerbürgers, drei Eichen zu pflanzen, ein mächtiger Eichenwald, in dessen Schatten die Schützengilde ihre Feste feierte. Im Jahre 1829 erfolgte die Aufteilung des städtischen Grundbesitzes in die Holzhofgärten und Rübegärten, dicht am Kampe. Innerhalb der letzten zwei Jahre ist hier jetzt eine Wohnblocksiedlung erstanden, die der Stadt im Westen ein völlig neues Gesicht gegeben hat. Wo in unmittelbarer Nähe der Bahnlinie nach Oerlinghausen 1945 Bombentrichter an Bombentrichter die Felder zerrissen, schufen Entschlossenheit und Tatwille einen Wandel in der Feldmark, der zugleich die Wohnungsnot zeigt, die der zerstörende Krieg und die Zusammendrängung der Menschen von Osten nach West hinter- ließen. Es stehen z. Z. 120 neue Wohnungen in diesem neuen Stadtteil zur Verfügung.

In der gleichen Not waren nach dem ersten Weltkrieg der große Teil des Maßbruches und die Heidbrede am Oetternbach bei Fellensiek Aufbaugebiete für Sied- lungen. Die Maßbruchsiedlung und die
Oetternbachsiedlung auf der Heidbrede haben mit Häusern und Wohnungen ganz neue Stadtteile erstehen lassen.

In der Geschichte Lages ist immer wieder der harte Wille der Bewohner des alten Marktfleckens zur Überwindung der Not durch schaffende Tat nachweisbar. Das haben auch die Nachfahren gezeigt, die als Bürger der jungen Stadt dem Grundsatz dienen, der am Ehrenmal der Gefallenen mahnt: Klaget nicht, schafft!

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1954 – Von Rudolf Koller, Lage