Der Beginn der Ernte war hier an kein bestimmtes Datum gebunden, sondern die Reife des Getreides war allein ausschlaggebend. Die Mähreife wurde auf folgende Weise festgestellt: Bei der Gerste nahm man eine Ähre in die Hand und drückte diese leicht zu. Lösten sich die Körner, war die Gerste mähreif. — Der Roggen war mähreif, wenn sich das oberste Korn einer Ähre über den Daumennagel brechen ließ. Von der Blüte bis zur Mähreife wurden bei normalem Witterungsverlauf etwa 6 Wochen gerechnet. — Beim Weizen wurde von der „Dautrüipe“ = Totreife = vollkommen ausgereift, gesprochen.
Der Weizen konnte beim Mähen totreif sein, weil die Körner in den kräftigen Spelzen einen besseren Halt hatten, so daß dabei keine Verluste entstanden. Bei den älteren Weizensorten wurde das Korn bedeutend früher reif als der Halm, der in den Hocken schlecht trocknete. Dies war mit ein Grund, den Weizen erst in der Totreife zu mähen. — Der Hafer reifte oft ungleichmäßig. War das Wetter nach dem Auflaufen des Hafers kühl, stockte die Entwicklung. Setzte dann wärmeres Wetter ein, trieb der Hafer von unten neue Halme, es gab „Dürwoß“ = Durchwachs. Dieser Durchwachs, und das war oft ein erheblicher Teil, wurde nicht mit den ersten Halmen zugleich reif. Bei der Ernte konnte nicht auf den letzten Halm gewartet werden.Dieser Hafer wurde nicht gedroschen, sondern gehäckselt und als „Schauwkauern“ an die Pferde verfüttert. „Schauw“ = Bund ungedroschenes Getreide.
Einen „Flurzwang“, wie dieser z. B. in Mecklenburg erst zwischen den beiden Weltkriegen aufgehoben wurde, gab es hier nicht. Jeder konnte mit den Bestellungen und der Ernte nach seinem Gutdünken beginnen. Wer über das Ackerstück seines Feldnachbarn ein Überfahrtsrecht hatte, (mit der Durchführung der Umlegung verschwunden), richtete sich mit der Bestellung nach diesem, von dem allerdings erwartet wurde, daß er die allgemein übliche Fruchtfolge einhielt oder mit dem Nachbarn eine Absprache traf.
Die Erntezeit begann mit dem Mähen des Roggens. Am Abend des Tages gab es ein besseres Essen mit Bier. Anschließend verlas der Bauer eine sich auf die Ernte beziehende Andacht, die mit einem Bittgebet um gutes Erntewetter schloss. Nicht aus eigenem Erleben, sondern aus Erzählungen weiß ich, dass die Mäher am Abend des ersten Erntetages eine Handvoll Roggenhalme mit besonders guten Ähren mitbrachten, die mit einer grünen Schleife gebunden waren. Für die Mäher, die Abnehmerinnen und die Binderinnen gab es dafür ein Trinkgeld.
Die Pflege der Sensen war eine wichtige Angelegenheit während der Erntezeit. Die Sensen wurden an „Plöcken“ = Holzpflöcken an der Dielenwand hinter der „Nierndür“ = große Dielentür oder an der Außenwand des Haifses unter dem Dachüberstand aufgehängt, damit sie vor Regen geschützt waren, solange sie oft gebraucht wurden. Die Holzpflöcke waren so hoch angebracht, daß die Kinder die Sensen nicht erreichen konnten. Für den Winter wurden die Sensen gesäubert, mit „Ungel“ = Schaf- oder Rindertalg eingefettet und „up de Rumpelbühnen“, einen möglichst trockenen Raum an der Diele, gebracht. Hier wurden auch die übrigen Kleingeräte aufbewahrt. Jeder Mäher auf dem Hofe hatte eine „geo Schwaan“ = gute Sense, die er nur zum Mähen der Wiesen und des Getreides gebrauchte. Zum Mähen des Grünfutters und des Unkrautes wurden Sensen genommen, die nicht mehr ganz einwandfrei waren oder, wie man hier sagte „blaken“ Mit „blaken“ bezeichnete man ein Welligwerden des Sensenblattes, was auf eine ungleichmäßige Härtung des Blattes hinwies. Beim „Kloppen“ = Klopfen, Dengeln, dehnten sich die weniger harten Stellen mehr aus. Ein Kenner stellte dies gleich beim ersten Klopfen fest und gab die Sense zurück.
Wer seine Sense nicht in Ordnung hielt und sorgfältig klopfte, musste „mie den Riwwen maijjen“ = mit den Rippen mähen, d. h., er musste sich mehr anstrengen. Während des Getreidemähens mußten die Sensen jeden Abend sorgfältig gedengelt werden, oft auch nochmal in der Mittagszeit, oder es mußte mit den Rippen gemäht werden. Bei steinigem Boden, den harten Weizenhalmen und den dicken Bohnenstengeln genügte auch dies noch nicht, und die Mäher nahmen ihr „Kloppetuig“ = Hammer und Amboss mit auf das Feld. Beim Klopfen wurde der „Schwaanbaum“ = Sensenbaum abgenommen, oder mit einer „Twielen“ = Zwille gestützt, (siehe Heuernte). Das Schärfen der Sensen erfolgte mit der „Strieken“ = Streiche oder mit dem „Wettsteun“ = Wetzstein. Letzterer wurde von den einheimischen Mähern nicht benutzt. Die Strieken, die hier heute noch im Gebrauch sind, sind Holzleisten von 40 cm Länge, 4 cm Breite und 0,8cm Dicke. Etwa 2/3 der beiden Breitseiten sind mit einer Masse bestrichen, die aus scharfem Sand und einem sehr hart werdenden Bindematerial besteht. Die Strieken wird mit einer Lederschlaufe und einem Nagel am Sensenbaum befestigt, der Wettsteun in einem schmalen Lederbeutel mitgeführt, der am Hosenträger befestigt oder von einem um den Bauch geschlungenen Bindfaden gehalten wird.
Das „Affniehmen“ = Abnehmen = Zusammenziehen der Halme zu einem „Diuw“ = ungebundene Garbe erfolgte mit der „Diuwharken“, die etwas schmaler war als eine Heuharke und längere „Tinne“ = Zinken hatte, oder es wurde bei der Heuharke an jedem Ende ein Zinken herausgenommen. Außer beim Hafer wurde das Getreide gleich aufgebunden und „uprich’t“ = aufgerichtet. Ebenso wie beim Anmähen zunächst ein Dreieck gemäht wurde, richtete man es ein, dass, wenn mit der Sense gemäht wurde, beim „Affmaijjen“ = Abmähen der Fläche zuletzt ein Dreieck blieb. Beim Mähen dieses Dreiecks hieß es dann: „Hür sitt de Hase inne, niu passet up, wo heu henlöppet“ = hier sitzt der Hase drin, nun passt auf, wo er hinläuft. Er brachte dem Bauern, in dessen noch nicht gemähten Roggen er lief, für das nächste Jahr eine schlechte Ernte. Hierüber wurde nur beim Roggen gesprochen. Vielleicht auch deshalb, weil das andere Getreide, schon in meiner Jugend, fast ausschließlich mit der Maschine gemäht wurde. Wegen des langen Halmes war dies damals beim Roggen nicht möglich. Hierzu eine Erinnerung. Die damals in Detmold erscheinende „Lippische Tageszeitung“ meldete, es war kurz vor dem ersten Weltkriege, dass in ihrer Redaktion ein 2,50 m langer Roggenhalm abgegeben sei.
Kurz darauf war in der gleichen Zeitung zu lesen, dass ein 2,56 m langer Roggenhalm abgegeben sei. Die nachfolgenden Angaben über das Mähen des Hafers kenne ich nur aus Erzählungen. Solange ich zurückdenken kann, wurde der Hafer so gemäht wie das andere Getreide. Die Rindviehhaltung war mit der Zeit verstärkt, so daß mehr Futtergetreide benötigt wurde. Die früher gebrachten Flächen wurden zum Teil mit Hafer bestellt, dessen Erträge durch die sich allmählich steigernde Anwendung des Handelsdüngers besser wurden. Auch der Halm wurde länger und kräftiger, so dass sich Garben binden ließen.

So wurde früher geerntet. Der Mann mit Sense schneidet das Korn. Eine Magd recht das Getreide zusammen das dann von Erntehelfern zu Garben gebunden wird.

Als der Hafer noch keinen festen Platz in der Fruchtfolge hatte und ihm auch noch nicht die Beachtung zuteil wurde wie den anderen Getreidearten, waren die Erträge sehr gering. Der Halm war, besonders auf den schlechteren Böden, oft so kurz, daß er sich nicht in Garben binden ließ. Dies, und der schon erwähnte „Dürwoß“ waren die Gründe dafür, dass der Hafer „int Schwadd“ = in den Schwad gemäht wurde. Um die geringe Haferernte nicht auf dem ganzen Acker verstreut liegen zu haben, wurde auf dem unteren Ende des Sensenbaumes ein Bügel angebracht, und zwei Schwade „teohaupetogen“ = zusammengezogen. Der erste Schwad wurde an den noch auf dem Halm stehenden Hafer „anmaijjet“ = angemäht, der zweite wurde „anschowen“ = angeschoben, wobei aus der entgegengesetzten Richtung gemäht warde. Dieser „Duwwelschwadd“ wurde bei feuchten Wetter mit der „Gaffel“ „wennt“ = gewandt, oder mit der Harke „ümmetogen“ = umgezogen, damit die Trocknung beschleunigt wurde. „Up-bunnen“ oder „inbunnen“ = aufgebunden oder eingebunden wurde der Hafer erst dann, wenn er am gleichen Tage eingefahren werden konnte. Mitunter wurde der Hafer gar nicht gebunden, sondern wie Heu lose auf den Wagen geladen. Meistens wurden „Kruißbunne“ = Kreuzbunde gemacht, d. h., der Hafer wurde in kreuzweise gelegte Strohseile gebunden. Diese Angaben über die Haferernte kennt man nur noch aus Erzählungen. Die Ackerbohnen wurden gemäht, wenn „de Nawel“ = der Nabel = Verbindungsstelle zwischen Bohne und Schote, dunkel wurde. Die Bohnen wurden möglichst im Tau gemäht und mit der Hand abgenommen, weil es sonst starke Verluste durch Aufschlagen oder Abreißen der Schoten gegeben hätte. Statt in Garben, wie das Getreide, wurden die Bohnen mit Strohseilen in größere Bunde gebunden und einreihig aufgestellt. Beim Einfahren konnten die Bunde einzeln fortgenommen werden, wodurch Verluste durch Aufreißen der Schoten vermieden wurden. Nach Möglichkeit erfolgte das Einfahren im Tau oder bei feuchtem Wetter Zu welcher Tageszeit mit dem Mähen begonnen wurde, richtete sich, außer bei den Bohnen, nach der Reife des Getreides und dem Wetter. War das Getreide, Weizen machte hier eine Ausnahme, überreif, wurde begonnen, wenn noch Tau darauf lag. Kam die Sonne höher, wurde oft aufgehört und eine andere, noch nicht so reife Fläche gemäht. Ich habe nicht mehr erlebt, daß große Flächen zum Mähen mit der Sense in Akkord vergeben wurden und weiß daher auch nicht, wie hoch die Tagesleistung eines Mähers sein kann. Einen Anhalt gibt das alte Flächenmaß „Demat“ (Schleswig-Holstein) = soviel ein Mann an einem Tage mit der Sense mähen kann = etwa V2 Hektar. Während der Erntezeit wurden zusätzlich sog. „Ahrntenknechte“ = Ernteknechte beschäftigt, weil die Mäher fehlten. Diese Ahrntenknechte waren Ziegler, die sich nur bis zur Erntezeit verpflichtet hatten, weil sie selber eine kleine Landwirtschaft besaßen, auf der die Frau mit Beginn der Ernte die Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnte. Diese Ziegler wurden von ihren Arbeitskameraden „Anläuper“ genannt, weil sie helfen mussten, den Betrieb im Frühjahr zum Anlaufen zu bringen, was besonders auf den „Handwerken“ mit viel Arbeit verbunden war. Die Arbeit auf diesen Ziegeleien hat wohl dazu geführt, dass sich die Ziegler früher zu den „Handwerkern“ zählten. Als die Handwerke immer mehr verschwanden und mit Göpeln oder Lokomobilen getriebene Pressen aufgestellt wurden, war auch die Zeit der Anläuper vorbei. In der Landwirtschaft wurden auch nicht mehr so viele Ahrntenknechte gebraucht, weil Mähmaschinen eingesetzt wurden. Durch den Bau der Scheunen, vorher musste alles auf die Hausböden geschafft werden, wurden beim Einbringen der Ernte Arbeitskräfte gespart.

Binden und Aufstellen

Als das Getreide noch mit dem „Balkenoder Togseil“ = Balken- oder Ziehseil, über die „Plöjjen“ = Seilrolle über der Bodenluke, auf den Hausboden gezogen werden mußte, wurden „Schäuwe“ gebunden, weil damit schneller gearbeitet werden konnte als mit Garben. Die „Duiwe“ = ungebundene Garben, wurden etwa in der Mitte mit aus den Duiwen gezogenen Halmen gebunden. Waren die Halme sehr lang, wurden auch wohl 2 Duiwe zusammengelegt und dann gebunden. Vier einfache oder zwei Doppelgarben bildeten nun einen „Schauw“, der seitlich so weit auseinandergezogen wurde, dass er in der „Huken“ = Getreidehocke stand. Um dem Schauw einen besseren Halt zu geben, wurde dieser im oberen Drittel nochmal mit Getreidehalmen gebunden. So wurde Schauw vor Schauw gestellt. Die Größe der Hocken war verschieden. Hier wurden 5 bis 6 Schäuwe, gleich 20 bis 24 Garben gestellt, etwa die gleiche Zahl wurde auch beibehalten, als später statt der Schäuwe Garben gebunden wurden. Bei stürmischem oder unsicherem Wetter wurden die Hok-ken möglichst in Ost-West-Richtung gestellt. Dies hatte 2 Vorteile: Die vorherrschende Windrichtung konnte die Hocken nicht so leicht umwerfen und der Regen nicht die Längsseite fassen. Aus dem gleichen Grunde wurde mitunter auch „rund richtet“ = runde Hocken gestellt oder wie der Ausdruck hier lautete „sett’t“ = gesetzt. Dabei wurde ein Schauw in die Mitte gestellt und weitere 4 oder 5 „anricht’t“ = angestellt. Beim Rundrichten mit Garben wurden vier in die Mitte gestellt und soviel darangestellt, dass die Rundung geschlossen war. Außer Roggen habe ich nicht gesehen, dass Schäuwe gebunden wurden.

Die gebundenen Garben werden zu Hocken aufgestellt. Mit dem Bau von Scheunen fiel diese Arbeit fort. Erst recht mit dem Einsatz von Mähdreschern.

Die Arbeit mit den Schäuwen war sehr schwer, so daß das „Uprichten“ = Aufrichten, Aufstellen in Huken ausschließlich eine Arbeit für Erwachsene war. Mit dem Bau der Scheunen wurde das Binden der Schäuwe nach und nach aufgegeben, weil der Grund hierfür, die Arbeitsersparnis beim Abladen, fortfiel. Nachdem Garben gebunden wurden, konnten auch größere Kinder bei der Erntearbeit helfen, indem sie die Garben an die Stelle trugen, an denen Huken aufgestellt werden sollten. Auch dieses gehört schon wieder der Vergangenheit an. Seit dem Einsatz der Mähdrescher müssen wir auf den herrlichen, und in gewisser Weise auch Sicherheit, Zuversicht und Trost spendenden Anblick der mit Hocken bestandenen Getreidefelder verzichteten. Es wird eben nüchterner und kälter auf dieser, trotzdem doch so schönen Erde.

 Quelle: Heimatland Lippe 05/1973
  
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