Die Hornschen Schlachtschwertierer

Das Rott der Schlachtschwertierer im Juni 1985 vor dem Hausmann-Denkmal in Horn.

Im August des Jahres 1985 feierte das Rott der Hornschen Schlachtschwertierer ein Fest zur Erinnerung an ein Ereignis, das sich der Sage nach vor über 500 Jahren abgespielt haben soll. Das ist Anlaß genug, einmal zu überprüfen, was es denn auf sich hat mit der Befreiung eines Lippischen Edelherren aus der Gefangenschaft.
Geht man vom heutigen Erscheinungsbild der Schlachtschwertierer aus, so sieht man eine Gruppe von sechzehn gestandenen Männern aus alten Hornschen Familien, die als 7. Rott bei den Schützenfesten im Zuge marschiert. Dieses Rott fällt auf, denn unverwechselbar ist die Bekleidung und Bewaffnung: Ein dunkler Filzhut, geformt wie ein Dreispitz, schmückt den Kopf, ein Gewand aus grobem Leinen und ein darüber angelegter Kettenpanzer schützen den Leib, Stiefelgamaschen bedecken die Beine. Doch das Eindrucksvollste sind die langen Schwerter, etwa 2 Meter lang, nur mit beiden Händen zu benutzen. Diese Gruppe wird vom Hauptmann, vom Rottmeister, vom Fähnrich und vier Trommlern begleitet. Das Foto vom Juni dieses Jahres gibt einen Eindruck davon.
Was an den angeführten Dingen ist alt? Was gehört in die Zeit von 1485? Das sind zunächst als älteste Teile der Ausrüstung die Panzer. Es sind Kettenpanzer, die wie ein Mantelkragen getragen werden. In den Lippischen Mitteilungen von 1960, Band 26, berichtete Dr. Kittel über die Hornschen Schlachtschwerter und kam nach ergänzenden Untersuchungen durch das Klingen-Museum in Solingen (Dr. Kuhlmann) zu dem Ergebnis, daß die Panzer aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen können, daß aber über den Erwerb durch die Hornschen Bürger nichts gesagt werden könne.
Für diesen Bericht heißt das: die Panzer können aus der Zeit von 1485 stammen.
Wie verhält es sich mit den Schwertern?
Diese Frage wurde von Dr. Kittel ebenfalls dem Klingen-Museum vorgelegt und dahin entschieden, daß diese Bidenhänder frühestens im Jahre 1550, wahrscheinlich aber erst 1570 entstanden sind. „Der Form nach scheinen die Bidenhänder in der Tat aus dem Braunschweigischen zu stammen, wenn auch vielleicht nicht alle. Von den Homer Schwertern vertreten die Exemplare mit nur wenig gekrümmten Stangen den speziellen braunschweigischen Typus, zu dem nur ein anderer Knauf (platt mit eingerollten Enden) zu denken ist.“ — „Marken und Inschriften finden sich im wesentlichen nur auf zwei Schwerterpaaren, deren vier Klingen nach übereinstimmend angebrachten Marken von Reichsapfel und Wolf für Herkunft aus Solingen und sicherlich auch aus der gleichen Werkstatt sprechen.“ — „Alle datierbaren Elemente deuten sonst auf das 16. Jahrhundert.“
Daraus ergibt sich, daß diese Schwerter mit den Ereignissen von 1485 nichts zu tun haben. Was berichtet die Sage davon? In der überlieferten Form heißt es: „Der Herzog Wilhelm von Braunschweig und der Graf Bernhard zur Lippe waren in eine Fehde verwickelt. Ersterer hatte das Glück, den Grafen bei Schwalenberg zu schlagen und ihn gefangen zu nehmen. Um ihn recht sicher zu behalten, da ihm an einem solchen Gefangenen viel gelegen war ließ ihn der Herzog auf die feste Burg Calenberg bringen, und forderte darauf als Lösegeld eine Summe von 200000 Goldgulden, die für damalige Zeiten ungeheuer war, und die, wie der Herzog wohl wußte, der Graf niemals aufbringen konnte. Dies erfuhren die Hornschen Bürger, und alsbald beschlossen sie, da Gewalt gegen des Herzogs übermächtiges Heer nichts vermochte, durch Überfall der Burg den Grafen zu befreien. Sie holten zunächst die Gräfin nach Hörn in Sicherheit, und dann zogen alle jungen Männer der Stadt, die Ritter Carl von Blomberg und Hans von Hammerstein an der Spitze, wohl bewaffnet nach der Burg Calenberg. Es gelang ihnen glücklich, dieselbe zu ersteigen und nach einiger Gegenwehr den Grafen zu befreien. Im Triumphe zogen sie mit dem Befreiten, der einen von Brokmeier zu Schönemark gelieferten Schimmel ritt, nach Hörn zurück und nahmen die Glocke von der Burg und Harnische, Schwerter, Panzerhemden etc. als Triumphzeichen mit; Hans von Hammerstein aber war bei der edlen Tat gefallen. Der Graf Bernhard war über diesen Beweis der treuen Hornschen Bürger so erfreut, daß er ihnen das Versprechen gab, nirgends anders als bei ihnen zu wohnen und es auch so hielt. Er gab der Stadt viele Freiheiten und u. a. auch die, soweit seine Waldungen reichten, alles vom Sturm gefällte Holz als ihr Eigentum in die Stadt führen zu dürfen. Das Fallholz-Privilegium der Stadt Hörn, die Glocke, welche im Rathhausturme hängt, und die Schwerter und Panzerhemden, welche im Besitz der Hornschen Schützengesellschaft sind, stammen aus der Zeit der Befreiung des Grafen Bernhard durch die Bürger der Stadt Hörn her.“

So weit die Sage. Doch schon 1868 wurden von den Herausgebern der Lippischen Regesten, O. Preuß und A. Falkmann, Bedenken geäußert. In der Fußnote zur Urkunde Nr. 2694 von 1485 heißt es: „Der Geschichte ist die Gefangenhaltung eines Lippischen Herrn auf dem Hannoverschen, oder auch auf dem Hessischen Kaienberge bei Warburg nicht bekannt. Auch das Horner Stadtbuch (s. Nr. 1670) hat keine auf die Sage bezügliche Notiz.“ Ausgehend von dieser Anmerkung hat C. Iser-mann in seinen hinterlassenen Nachrichten aus der Stadt Hörn umfangreiche Untersuchungen darüber angestellt, was denn eigentlich geschehen ist. Ausgangspunkt waren die Regesten für das Jahr 1485. In Nr. 2694 heißt „Nachdem die Stadt Hildesheim mit ihrem Bischöfe Bartold von Landsberg im J. 1482 (Nr. 2648) wegen einer von diesem ihr auferlegten Biersteuer in Streit gerathen, verbündet sich der Bischof neben seinen Stiftsjunkern Heinrich von Hardenberg, dessen Schwiegervater Hermann von Haus u. A. mit dem Herzoge Wilhelm dem Jung, von Braunschweig und dessen Sohne Heinrich, während die Stadt den Herzog Friedrich, Wilhelm’s Bruder, zu Hülfte ruft. Herzog Friedrich wird aber von seinem Bruder Wilhelm auf dem Kaien berge gefangen genommen und, getrennt von seiner Gemahlin Margarethe von Rietberg, erst zu Hardegsen und dann zu Münden in Haft gehalten. Um den Herzog zu befreien schließt die Stadt am 23. Mai 1485 (s. Wigands Arch. III Hft. 2, S. 225) einen Vertrag mit dessen Schwager, dem Grafen Johann von Rietberg, in Folge dessen dieser mit 400 Reitern anrückt, aber am Tage Petri und Pauli (29. Juni) am Benterberge bei Gehrden am Dei-ster vom Herzoge Wilhelm geschlagen, nebst vielen seiner Ritter, worunter Anton von Zerßen, Joh. von Kerßenbrock, Alhard von Hoerde, Temme von Wuernheim, Johann und I del Torn etc. gefangen genommen und auf den Kaienberg gebracht wird. Als nun die Stadt Hildesheim durch Abschneidung der Zufuhr etc. vom Bischöfe fernere Unbill erleidet, verbündet sie sich am 13. Aug. mit ihren Schwester-Städten von der Hanse Braunschweig, Göttingen, Hannover etc., so wie mit verschiedenen Westfälischen Herrn, namentlich dem E. H. Bernhard zur Lippe (s. Nr. 2695). Während die Städter bei Braunschweig sich sammeln, rücken von den Westfalen die Bischöfe von Osnabrück und Minden und die Gr. von Schaumburg, Hoya und Diepholz unter Bernhard’s Oberbefehle am 22. Sept. über die Buckenthaler Landwehr (bei Barsinghausen) heran, lagern sich von der Stadt Hannover mit Lebensmittel versehen am Benterberge und ziehen mit den Städtern vereinigt vor Sarstedt, das sie am 23. Sept. einnehmen, plündern und in Brand schießen, kehren aber dann mit der Hauptmacht wieder in’s Braundschweigische zurück und lassen nur 400 Mann Fußvolk und die Reiter bei den Städtischen, welche über Hildesheim (hier erneuerte Bernhard wol sein Bündnis mit der Stadt am 27 Sept. s. Nr. 2996) nach Hannover und demnächst über Liebenburg nach Braunschweig ziehn und hier bis Martini blieben. Über die weitere Theilnahme der Westfalen an der Fehde, die von den Städtern gegen den Bischof und die Herzöge namentlich im Göttingenschen, wo Herzog Heinrich von Grubenhagen auf Seiten der Städter stand, fortgesetzt wurde, ist Nichts bekannt.“
Zwei wesentliche Bestandteile der Sage werden hier in abgewandelter Form genannt: der Gefangene (doch nicht Graf Bernhard, sondern der von Rietberg), und die Stadt Kaienberg. Hier dringt eine andere Wirklichkeit in die Sage ein und paßt sich einem poetischen Bedürfnis an. Aus der Anmerkung zu den oben genannten Regesten erhellt sich auch die spätere Verschiebung und Veränderung des Namens der Stadt:

Das Rott der Hornschen Schlachtschwertierer. Zur Erinnerung an den Einzug S. Erlaucht des Grafen Ernst zur Lippe-Biesterfeld, Regent des Fürstenthums Lippe in sein Land am 17. Juli 1897. Vor der Burg in Horn.

Da nach Anm. zu Nr. 3143 bei dem Sturme auf Sarstedt, das zwischen Hildesheim und Hannover nur eine Stunde vom Kaienberge entfernt liegt, auch Horner Bürger im Gefolde Bernhard’s zugegen waren, so bezieht sich möglicher Weise auf die obige Fehde eine Sage, nach welcher die Stadt Hörn einst ihren Landesherren aus der Haft auf dem Kaienberge befreiet haben soll, von denen die erstere bis zu dem Brande Horn’s im J. 1864 auf dem Rathhause angebracht war, die Schwerter und Panzer aber noch «jetzt im Besitze der Horner sind. Im Detmolder Archive befindet sich eine Eingabe der Horner an die Vormünderin Gräfin Johannette Wilhelmine (1734 —48), worin die Schützen zu Hörn unter Bezugnahme auf jene Sage, „wovon die Schlage-Uhr zu Hörn, wenn sie sprechen könnte, vollkommene Zeuge abgeben würde“, um Verabfolgung einiger Schwerter aus der Detmolder Rüstkammer bitten, weil ihrem „Rott der Schlachtschwerdierer durch Vergänglichkeit der Zeit einige Schlachtschwerter nebst Panzern fehlen und solche heutzutage vor Geld nicht mehr zu haben sind“. Liegt der Sage überhaupt eine historische Thatsache zu Grunde, so hat man vielleicht den Lippischen Herrn an die Stelle der Grafen von Rietberg gesetzt, der allerdings durch die Fehde aus seiner Halt auf dem Kaienberge befreiet wurde. Die Specialien, welche Fr. Wilh. v. Colin in seinem Handb. des Fürstenth. Lippe S. 94 ff über die Sage giebt, wonach Bernhard V. der befreite Landesherr gewesen und zum Lohne für die Tapferkeit der Horner in deren Stadt seine Residenz verlegt haben soll (s. Nr. 853) etc. verdankt der Verf. wol nur der Phantasie eines vaterländischen Dichters (Bürgertreue. Drama von Rath Ziegler in Hörn. Bielef. 1809).“

Das Rott der Schlachtschwertierer hat eine Burg-Aktie herausgegeben, um den Ausbau der Burg zu fördern. Das Bild zeigt rechts den alten Bestand und in der Mitte den Turm mit dem oben erneuerten Teil

Ungeklärt wird bleiben, bei welcher Gelegenheit die Horner in den Besitz der Schwerter gekommen sind. Ebenfalls ungeklärt bleibt die Verleihung des Fallholz-Privilegs, das den Horner Bürger gegeben wurde als Dank für bewährte Bürgertreue, später oft umstritten war, aber sich bis in unsere Zeit erhalten hat.Fünf Jahrhunderte sind seitdem vergangen, die historischen Ereignisse sind eingegangen in Sage und Dichtung, doch gelegentlich treten die Träger dieser Panzer und Schwerter deutlicher hervor. Immer wenn im Leben der Lipper ein Tag besondere Bedeutung haben soll, dann gelten die Schlachtschwertierer als ein vorweisbares Beispiel für die lebendige Tradition der Städte und des Landes, so geschehen, als am 8.9.1841 die Grundsteingewölbe des späteren Hermannsdenkmals geschlossen wurden, dann wieder, als die Schwertmänner am 16. 8. 1875 die Ehrenwache für den Deutschen Kaiser bildeten und das Hermannsdenkmal der Allgemeinheit übergeben wurde. Auch das zweite Bild zeigt eine solche Gelegenheit, als am 17.7 1897 der Regent des Fürstentums Lippe seinen Einzug hielt. Wie die Schlachtschwertierer sich selbst verstehen, das zeigt ein Lied, das einer der Schützen, Friedrich Lüke-meier, zu diesem Fest der Erinnerung geschrieben und vertont hat. Es wird wohl in Zukunft das Lied der Schlachtschwertierer von Horn werden.

Quelle: Heimatland Lippe 07/1985 – von Hans Vennefrohne