Die Hütejungen von Oerlinghausen

Oerlinghausen, Ansichtskarte

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Oerlinghausens Einwohner größtenteils Zigarrenmacher und Weber. Ihr karger Verdienst zwang sie, nach zehnstündiger Arbeitszeit auch noch Ackerbau zu treiben. Zu einer Kuh konnten sich dabei allerdings die meisten nicht emporschwingen. Das krummgehörnte Buttertier war zu teuer, außerdem fehlte es an Räumlichkeiten. Aber Ziegen wurden gehegt und gepflegt, und fast jede Familie nannte 2 bis 3 dieser geschätzten Wiederkäuer ihr eigen.
Da nun die Besitzer der Ziegen anderweitig ausreichend beschäftigt waren, so mußte beim Hüten ein anderer einspringen; das war der Hütejunge. Mitunter gab es auch zwei, und wie die ihr Amt bekamen und versorgten, das soll hier zu Nutz und Frommen der Nachwelt aufgezeichnet werden. Ein Mitglied der Hütejungenzunft hat das Wort:

Ich war etwa 10 Jahre alt geworden, als mein Vater starb. Für die Mutter kamen sorgenvolle Zeiten, denn 5 hungrige Hälse wollten gesättigt werden. Soziale Unterstützung gab es nicht. Da mußten wir alle mit verdienen helfen. Die Schwester fand Aufnahme bei einer befreundeten Familie als Kindermädchen, die Brüder „struppten“ Tabak ab, d. h. sie streiften die Blätter von den Stengeln, und ich? Nun anfangs struppte ich auch. Weil ich aber, um schneller fertig zu werden, einen Teil der Tabakblätter zerriß, bekam ich kein Lot Tabak wieder. Da war guter Rat teuer.

Panorama von Oerlinghausen. Postkarte von 1905.

Aber, wenn die Not am größten ist, findet sich meistens ein Ausweg. Wir erfuhren, daß der bisherige Ziegenhirt August lohnendere Arbeit gefunden hatte und deshalb seinen bisherigen Dienst quittieren wollte. Flugs rannten wir, mein Bruder und ich, zu August, der uns von seinem beginnenden sozialen Aufstieg erzählte. Er war auch bereit, uns seine Protektion angedeihen zu lassen. Viel Formalitäten waren bei der Übernahme des Postens nicht zu erfüllen, zumal August seine Saison noch nicht eröffnet hatte. Trotzdem besorgte ich mir schon am nächsten Morgen das beim Hüten der Ziegen unentbehrliche Kuhhorn, und zwar bei Schlachter Hanning. Zu Hause schnitt ich dann mit der Säge von der Spitze des Hornes soviel ab, daß ein Loch von Erbsengröße sichtbar wurde. Damit war das Instrument fertig. Aber ich sollte erfahren, daß aller Anfang schwer ist! Ich vermochte nämlich trotz stundenlanger Anstrengungen dem Horn keinen Ton zu entlocken. Mit einem Male hatte ich aber den Kniff heraus, und nun tönte es macht- und prachtvoll „Tuuut“ und wieder „tuuuut“, bald im Zimmer, bald hinter dem Hause.

„Jiu (Euer) Junge, eck meune Wilm, will wall Siegen-hirte weern?“ fragte Nachbars Rickchen meine Mutter.
Ich war höchst befriedigt und fragte voll Künstlerstolz: „Rickchen, wutt mol heuern, wie eck blosen kann?“
Rickchen meinte: „Herrje, diu könnst ock Musikante weern!“, und sie fuhr fort: „Iuse Siegen kannste auch met hoin (hüten)!“

Die ersten Geschäftsabschlüsse waren also getätigt. Als nun allmählich die Sonne höher am Firmament emporstieg, konnte mit dem Hüten begonnen werden. Ich nahm einen Lappen Papier zur Hand und ging an einem Sonntagmorgen von Haus zu Haus, um die Zahl der Ziegen und die Namen der Besitzer festzustellen, die gewillt waren, mir ihre Lieblinge anzuvertrauen. Als Entschädigung wurde für eine Ziege pro Woche 10 Pf. ausgemacht. Zunächst wollte das Geschäft nicht so recht in Schwung kommen. In dem sogenannten Millionenviertel, an der Detmolder Straße, winkte uns nämlich nur kärglicher Verdienst. Lediglich zwei Ziegen konnten wir hier notieren, und zwar bei Brathuhn, ein Name, der bei mir seither einen wundervollen Klang hat.

Im Schopketal bei Oerlinghausen. Postkarte von 1905.

Dann aber ging’s besser. Haus für Haus erhielten wir Ziegen, die meisten in der Hoher Straße, und als ich mit meinem Zettel nach Hause kam, standen darauf nicht weniger als 63 Ziegen verzeichnet! Ich fühlte mich als Kapitalist.
Als ich am anderen Morgen zur Schule schritt, vergaß ich nicht, mein Horn mitzunehmen, einmal, um den anderen Jungen kundzutun, daß ich nun wohlbestellter Ziegenhirte sei, zum anderen aber auch, um ihnen zu zeigen, wie schön ich auf meinem Instrumente zu blasen verstand. Leider hatte der Herr Kantor, der uns doch mit der edlen Frau Musika bekannt machen sollte, gar kein Verständnis für meine Darbietungen, im Gegenteil! Beinah hätte ich sogar eine kleine Tracht bezogen.
Aber diese herbe Enttäuschung war längst vergessen, als ich mich am Nachmittage zu meiner Expedition in die Senne feldmarschmäßig ausrüstete. In einen kleinen Beutel steckte ich 6 Scheiben Butterbrot und eine Flasche Kaffee, um die Schulter hing ich das Hörn und in die Hand nahm ich eine Peitsche. Nachbars Fritz, der mich in diesem stolzen Aufzuge sah, spürte natürlich Lust, mitzugehen und erhielt nach vielen Bitten auch die Genehmigung seiner Mutter.
Und nun fing der Ernst des Lebens an! In der Detmolder Straße angekommen, stieß ich dreimal ins Hörn. Die Stalltüren bei meinem Gönner Brathuhn öffneten sich, und zwei schneeweiße Ziegen traten auf die Straße. Aber sie zeigten sich der Freiheit unwürdig! Denn, ehe wir uns versahen, lief die eine durch eine geöffnete Pforte in Webers Blumengarten und fiel kurzerhand über die seltenen Blumensorten her.

Eine Hausangestellte, die das ungebührliche Benehmen meines Hornviehes bemerkte, schalt nicht schlecht, zumal Fritz im Eifer des Gefechtes auch noch über ein Beet lief und die kostbaren Pflanzen elend zertrampelte. Kaum war diese Unbotmäßigkeit unserer ersten Schutzbefohlenen unterdrückt, da gab’s bei Proppings einen veritablen Straßenkampf. Minchen und Linchen, wie die Proppingschen hießen, standen dort auf dem Straßenpflaster und schielten bald uns, bald die Brathuhnschen Viecher an. Sie machten auch gar keine Anstalten vorwärts zu gehen, bis einer der Ausreißer von vorhin den Kopf senkte und den Neulingen zu Leibe rückte. Durch ein paar Peitschenhiebe war die  Ordnung bald wieder hergestellt, und nun spielte sich alles vorschriftsmäßig ab. Immer wieder ließ ich ein heftiges „Tuuut“ ertönen, dann öffneten sich die Stalltüren, und mein Trupp wuchs zusehend. Ich schritt stolz voran, dann folgten die Ziegen, und Fritz hatte die Nachhut. Am Rosinenkrug machten wir 5 Minuten Halt, weil hier ein Brennpunkt und Sammelpunkt war. Mehrmaliges Tuten brachte alle Ziegen der drei anstoßenden Straßen in Bewegung, und von allen Seiten strömten Ziegen heran, bis deren Zahl auf 60 stieg.

Das Vieh der ärmeren Leute mußte sich mit den Wegrändern begnügen. In einem Hohlweg bei Salzuflen. Um 1906.

Wenn wir dann endlich die Straße vor dem Rosinenkrug räumten, war diese mit schwärzlichen Produkten meiner Untertanen besät, so daß der Krug seinem schönen Namen wirklich Ehre machte! Dann ging es unserem Ziele entgegen, der lieben Senne.
Viel Arbeit gab’s in der Heide nicht. Sie hielten so schön zusammen, unsere Ziegen. Nur hin und wieder mußte Fritz diejenigen, die Lust verspürten, von dem Pfade der Tugend abzuweichen und in den Wald zu gehen, wieder auf den rechten Weg zurückführen. Im übrigen machten wir uns auf oder an der großen Buche zu schaffen, die unsere ganze Wonne war. Unser Bestreben war, dort oben auf dem Baume eine Hütte zu errichten. Zunächst wurden einige Knüttel zusammengetragen und als Stiege an den Baum genagelt. Dann entstand nach und nach in der Krone eine, wenn auch primitive, so doch wohnliche Hütte. Vier Sommer habe ich dort zugebracht, und wenn der Baum noch steht, so werden vermutlich an jedem Ast die Namen der Oerlinghauser Ziegenhirten nebst Jahreszahl zu lesen sein. Manch schöne Stunden verlebten wir dort. Die Wissenschaft kam allerdings dabei zu kurz. Denn, obwohl unser Lehrer immer wieder versicherte, auch beim Hüten könne man Schulaufgaben machen, kamen wir nie hinter dies Geheimnis. Das Lesebuch wurde zwar mitgenommen, aber unbenutzt wanderte es wieder in den Riemen. Und zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir das selbst heute keinen Kummer macht. Des Lebens Ernst habe ich hernach zur Genüge kennengelernt.

Quelle: Lippe Anno dazumal Bd. II von Hermann Diekmann, 1930.