Die Landschaft um Wendlinghausen

Wendlinghausen, Ansichtskarte

Erdgeschichte und ur- und frühgeschichtliche Zeit

Die vielfältigen Erscheinungen der Landschaft unserer Heimat werden erst verständlich aus den Wechselbeziehungen zwischen Ur- und Naturlandschaft und der Einwirkung des Menschen bei der Besiedlung und Gestaltung zur Kulturlandschaft. Man kann bei solcher Betrachtung nicht in den Grenzen eines ehemaligen Dorfes und heutigen Gemeindeteiles bleiben. So trifft bei Wendlinghausen im wesentlichen die Schilderung zu, die der Verfasser zum 600jährigen Jubiläum der Stadt Barntrup für das obere Begatal gegeben hat.

Sie wird daher mit kleinen Änderungen und Ergänzungen hier wiedergegeben, zumal für die ur- und frühgeschichtliche Zeit des oberen Begatales alle jene Funde besprochen wurden, die in gleicher Weise Zeugnis für die Besiedlungsvorgänge Wendlinghausens ab- legen und zum wesentlichen Teil sogar aus den Randgebieten Wendlinghausens stammen (F. Hohenschwert, Das obere Begatal in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, in „600 Jahre Stadt Barntrup“, Barntrup 1976).

Erdgeschichte

Die erdgeschichtlichen Vorgänge, die das Landschaftsbild um Wendlinghausen bestimmen, reichen viele Millionen Jahre zurück. Die wesentlichen Ablagerungen, Sand, Ton, Schlick und Kalkschlamm, entstanden zu einer Zeit, als unser Gebiet vom Meer bedeckt war in größeren Tiefen, in flacheren Zonen oder als Randablagerungen und Schuttflächen der einmünden- den Flüsse. Bei Wendlinghausen handelt es sich vor allem um Ablagerungen des Keupers vor 200 bis 190 Mio. Jahren. Der Keuper stellt den oberen Abschnitt der Trias dar, die wiederum zum Erdmittelalter gehört, wie auch die nachfolgenden Ablagerungen der Jura und der Kreidezeit, die hier aber nicht vorgefunden werden. Die verschiedenen Mergel- und Sandstein- schichten des mittleren und oberen Keuper bilden sowohl den Untergrund des Tales als auch die ringsum liegenden Berge. Nach ihrer Ablagerung und Verfestigung wurden sie gefaltet und über den ehemaligen Meeresspiegel gehoben. Fließendes Wasser von Bächen und Flüssen, Wind und Eis modellierten dann seit dem Tertiär vor 70 Mio. Jahren bis zum Ende der Eiszeit vor etwa 10000 Jahren das Relief der heutigen Landschaft. Eine ausführliche Schilderung aller erdgeschichtlichen Vorgänge, die für das Verständnis wichtig sind, gibt Ernst Th. Seraphtm seimem Aufsatz „Der Barntruper Kessel – Erdgeschichte und Landschaftsformen“ in „600 Jahre Stadt Barntrup“, Barntrup 1976. Sie soll hier nur kurz ergänzt werden durch einige Hinweise für die nähere Umgebung Wendlinghausens. Das beherrschende Bergmassiv südlich und südöstlich von Wendlinghausen mit den Kuppen des Strubberges des Löh- und Lühberges, insbesondere aber des Blomensteins, werden gebildet von den harten Schichten des Rätquarzits des oberen Keuper. Die Hänge des Massivs sind ausgebildet in den leichter verwitternden Schichten des mitleren Keuper, bestehend aus bunten Mergeln, Letten und mürbem Sandstein, die vor rd. 200 Mio. Jahren abgelagert wurden. Die heutigen Ackerflächen am Begatal waren während der vorletzten Vereisung (Saaleeiszeit) vor etwa 100 000 Jahren von den Ausläufern der nordischen Gletscher bedeckt. An den nördlichen Hängen um den Biomenstein zeugen noch heute einzelne nordische Geschiebeblöcke von der Eisrandlage jener Zeit. Diese Eiszunge stieß in Richtung Barntrup über Bega hinaus noch bis zum Mönchsberg vor. Sie ließ bei ihrem Rückzug Geschiebelehme, Mergel und Sand als Grundmoräne zurück. Diese Schichten wurden in der nachfolgenden letzten Eiszeit von dem durch Wind transportierten Löß überdeckt, der die Fruchtbarkeit der Ackerböden bestimmt, die im wesentlichen der 2. und 3. Bodenklasse angehören. Nur entlang der Bega und ihrer kleinen Zuflüsse entstand der ebene Talboden mit umgelagerten Auelehmen erst in den letzten 10 000 Jahren nach der Eiszeit. Die wasserführenden Schichten des mitleren Keupers bestimmen die Lage der Quellen um den Biomenstein herum, an denen dann in historischer Zeit die heutigen Siedlungen, wie Wendlinghausen, Betzen und Stumpenhagen, entstanden. So erklären sich aus den geologischen Gegebenheiten zwanglos die Erscheinungen der heutigen KulturIandschaft, die Lage der Siedlungen, .der fruchtbaren Ackerflächen, der Waldgebtete, wie z.B. das Sporkholz auf schweren eiszeitlichen Geschiebeböden ohne Lößdecke, vor allem aber die geschlossenen Wälder auf den nur forstwirtschafdich nutzbaren Flächen des oberen Keuper und der obersten grauen Steinmergelschichten des mittleren Keuper.

Ur- und frühgeschichtliche Besiedlung

Seit sich Menschen auf der Erde bewegen, ihr Dasein bewältigen, sich in ihrem Lebensraum behaupten oder diesen aus- weiten und Formen des Zusammenlebens suchen, vollzieht sich Geschichte im weitesten Sinne von Kulturgeschichte. Im Unterschied zur Geschichte im landläufigen Sinne sind diese Zeitabschnitte jedoch nur mit Bodenurkunden, Denkmälern, Siedlungsspuren und Einzelfunden zu erhellen im Gegensatz zu jenen Epochen, für die uns schriftliche Zeugnisse und Urkunden zur Verfügung stehen. Wir nennen diese Zeit von den frühesten Spuren der Menschen in unserer Landschaft bis in die Zeit um Christi Geburt Urgeschichte.

Durch die Kontakte mit dem römischen Weltreich und später mit der Geschichte des fränkischen Stammes und Reiches liegen von diesem Zeitpunkt an, wenn auch zunächst lückenhaft, erste schriftliche Nachrichten vor. Sie sind jedoch noch zu spärlich, um geschichtliche Vorgänge klar zu fassen. Die Bodenfunde müssen in dieser Zeit die schriftlichen Quellen ergänzen. Wir nennen diese Zeit Frühgeschichte und lassen sie etwa in der Zeit Karls des Großen um 800 enden. Aber auch im dann folgenden frühen Mittelalter werden noch oft die Arbeitsmethoden der Ur- und Frühgeschichtsforschung zur Hilfe genommen, um den Ablauf historischer Vorgänge zu klären.
Mit den frühesten Abschnitten der Urgeschichte, der Altsteinzeit bis etwa 8000 vor Christi Geburt und der dann folgenden Mittelsteinzeit bis etwa 4000 vor Chr., brauchen wir uns hier nur kurz zu befassen, da gesicherte Funde aus der Gemeinde bisher nicht vorliegen. Es ist die Zeit, in der Großwildjäger von Mammut, Ren und anderen Tieren der Tundren der Kaltzeiten lebten und in den zwischen den Eisvorstößen liegenden Warmzeiten die Jagd auf Tiere betrieben, die inzwischen lange ausgestorben sind oder in den letzten Resten in anderen Kontinenten leben . Es sind Riesenhirsch, Ur- oder Auerochs, Bison, Wildpferd, Bären, Antilopenarten und viele Kleintiere, die die Steppen und Waldgebiete jener Zeit bevölkerten. Ihre Vielfalt ist in oft faszinierenden Darstellungen der Kunst der Altsteinzeit von den Jägern festgehalten worden.
Unsere Vorstellung vom Leben dieser Menschen ist, von den Maßstäben unserer Zeit ausgehend, in der Regel nur sehr lückenhaft oder falsch. Die Ergebnisse der jüngeren Forschung in anderen Landschaften gewähren uns einen Einblick in das Leben dieser Jägerhorden. Kunsterzeugnisse, in denen sie ihre Umwelt und oft sich selbst darstellen, fordern uns Bewunderung ab. Mit dem Ende der Eiszeit und dem Beginn der mittleren Steinzeit beginnt eine Anpassung der Menschen an völlig veränderte Lebensbedingungen in einer freundlicheren Umwelt. Von den Wohnplätzen aller dieser Jäger und Sammler kennen wir ein vielfältiges Inventar von immer stärker spezialisierten Geräten, Waffen für Jagd und Fischfang und Resten ihrer Behausungen, die uns zeigen, dass diese Menschen in einer aneignenden Wirtschaftsweise von dem lebten, was ihnen die Natur in den klimatisch günstigen Zeiträumen in großer Fülle bot oder was sie in ungünstigen Zeitabschnitten mit Klugheit und List ihrer Umwelt abgerungen haben. Ihre Lagerplätze befanden sich an den Strömen, größeren Flüssen, Wasserstellen der Steppen und vor Höhleneingängen.

In großer Zahl treten die ersten Bodenfunde um Wendlinghausen in der Jungsteinzeit auf. Sie sind Zeugnisse der ersten großen technischen Revolution in der Geschichte der Menschheit überhaupt. Die für den Laien zunächst oft unscheinbaren Geräte aus Felsgestein und Feuerstein, Beile, Hacken, gebohrte Hämmer und Äxte und dazu viele in hervorragender Technik hergestellte Feuersteingeräte, Klingen, Schaber- Pfeil. u. Lanzenspitzen weisen auf eine völlig veränderte Lebens- und Wirtschaftsweise hin. Es sind die Geräte sesshaft gewordener Menschen, die von der nur aneignenden Lebens- und Wirtschaftsweise als Nomaden zur produzierenden Wirtschaftsweise übergingen, die systematisch einen Acker bestellten, aus Wildgräsern die ersten Getreidearten Weizen und Gerste züchteten, die sich nicht mehr darauf verließen, dass genügend Wild in ihrer Nähe war, sondern Rinder und Schweine aus Wildformen züchteten, nachdem sie zuvor schon den Hund als ältesten Gefährten des Menschen zum Jagdgefährten gemacht hatten.

Diese ersten Ackerbauern besiedelten nach und nach, aus dem südosteuropäischen Raum kommend, die fruchtbarsten Flächen und Talauen, soweit sie trocken genug waren; sie rodeten zu diesem Zweck einen Teil des Waldes und nutzten den übrigen Wald für ihre Viehzucht durch Waldhude und Eichelmast. Es kam hierdurch zum ersten starken Eingriff des Menschen in die Naturlandschaft, der sehr bald bei zunehmender Bevölkerung zu einem gewissen Raubbau an der Natur wurde, so dass man bei zunehmender Bevölkerung allmählich auch die weniger fruchtbaren Böden nutzen musste. Man begann auch, sein Territorium und seine Habe in befestigten Dörfern zu schützen.

Die zahlreichen Gerätefunde am oberen Begatal bei Bega, Bentrup, Humfeld, Sommerseil beweisen, dass diese ersten Siedler, vielleicht die Bega aufwärts, die Landschaft um Wendlinghausen erreichten. Bisher ist es nicht gelungen, die Spuren ihrer großen Gehöft-Gruppen wie in anderen Landschaften festzustellen. Das ist damit zu erklären, dass unser Landschaftsrelief doch sehr stark gegliedert ist. Die Kulturschichten und Pfostenspuren dieser Gehöfte sind lange der Erosion zum Opfer gefallen. Sie sind an den höher gelegenen Hängen mit fruchtbaren Ackerböden durch den intensiven Ackerbau, wie er von den Bauerndörfern und zahlreichen Guts- und Meierhöfen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, auch in Wendlinghausen, betrieben wurde, zerstört, weil dieser Bodenhorizont lange talwärts gewandert ist. übrig bleiben hier nur die unvergänglichen Arbeitsgeräte aus Stein. Sie können auf den unteren Terrassen, aber auch durch meterdicke ungelagerte Bodenschichten überdeckt, noch erhalten sein. Es gibt auch Abfallgruben mit Keramik und Gerät und Pfostenspuren der Häuser.

Geräte der Jungsteinzeit aus Bega, Humfeld, Marksberg, Hohensonne, Asmissen, Sibbentrup und Barntrup.
Quelle: Heimatland Lippe

Diese erste systematische Besiedlung vollzog sich zunächst entlang der Talaue und auf den höher gelegenen Terrassen an der Bega. Erst in einem zweiten Abschnitt folgte diese Besiedlung den kleineren Zuflüssen und Bachläufen. So wird auch die ackerbauliche Nutzung entlang des Diebkebaches in Richtung Wendlinghausen etwas später eingesetzt haben, wenn sie überhaupt schon in der Jungsteinzeit erfolgte.

Die zuvor beschriebene besondere Fundsituation gilt auch weitgehend für die nachfolgenden Perioden der Ur- und Frühgeschichte und machte es verständlich, dass der Raum um Wendlinghausen im Vergleich zu anderen Gebieten des Lipperlandes verhältnismäßig fundarm ist.
Die Lebens- und Wirtschaftsweise dieser ersten jungsteinzeitlichen Ackerbauern löste nicht nur die Entwicklung der Landschaft zur heutigen Kulturlandschaft aus, sie steht an den Anfängen unserer heutigen Kultur· überhaupt.
Auf den ersten Hackbau auf gartenähnlichen Beeten folgte die Bodenbestellung mit dem Hakenpflug, der in der Zeit um Christi Geburt durch den Sohlen- und Wendepflug mit eiserner Pflugschar abgelöst wurde. Die jahrtausendelange Entwicklung führte zum heutigen hochintensiven Ackerbau. Wirtschaftliche und technische Errungenschaften der jüngeren Steinzeit bildeten die Grundlage für die Lebens- und Wirtschaftsweise im dörflichen Bereich bis in die Neuzeit hinein und waren die Voraussetzung für die Entwicklung der Stadtkulturen, in deren Folge es zur Industrialisierung und Spezialisierung kam.

In der Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur, die man nutzte und die sicher ebenso oft die Bemühungen der Menschen in Frage stellten, entwickelte sich der Kult. Eine große Rolle spielt für den Menschen der Frühzeit das Geheimnis um Leben und Tod, und sehr bald entwickelt sich ein ausgeprägtes Brauchtum um Fruchtbarkeit, Geburt und Tod. Besonders das Bestattungsbrauchtum ist uns durch die Grabdenkmäler jener Zeit überliefert. In der jüngeren Steinzeit wurden die Toten mit wesentlichen Geräten und Gegenständen ihres täglichen Lebens für ein Dasein über den Tod hinaus ausgestattet. In unserem Gebiet sind kaum Gräber jener Zeit erhalten oder entdeckt worden. Sie werden zum Teil den starken Veränderungen in der Kulturlandschaft zum Opfer gefallen sein. Darüber hinaus muss aber auch fest- gestellt werden, dass dieses Gebiet des Weserberglandes in einer Kontaktzone verschiedener Kulturen lag und es nicht zur Anlage solch großartiger Totendenkmäler kam, wie sie in den Kerngebieten der verschiedenen jungsteinzeitlichen Kulturgruppen entstanden. Erst in jüngerer Zeit findet man in großer Zahl auch in den weiten Lößebenen sehr tiefliegende Gräber jener frühesten Ackerbauern der Bandkeramik und Rößener Kultur, für deren Anwesenheit in unserem Raum die gefun- denen Steingeräte sprechen. Ebenso ist es mit den eindrucksvollen Großsteingräbern oder Hünengräbern, wie der Volksmund sagt, die wir im übrigen nordwestdeutschen Raum noch in großer Zahl finden, oder auch mit den „Steinkistengräbern“, die im südlichen Mittelgebirgsraum bis in die Paderborner Hochebene hinein vorhanden sind. Die Grenzen der Verbreitung solcher Grabmonumente berühren sich am Weserbergland. Einzelne unserer größeren und kleineren Hügelgräber in den Wäldern werden jener Zeit – der ausgehenden Jungsteinzeit um 2000 vor Christi Geburt – angehören. Ihre systematische Erforschung mit moderner Grabungsmethode steht noch aus. Die Grabsitte, die Toten unter mächtigen Hügeln zu bestatten, wurde in der nachfolgenden älteren Bronzezeit beibehalten. Aus dieser Zeit sind im angrenzenden nordlippischen Bergland und auch im lippischen Südosten noch zahlreiche Gräber in den Waldgebieten erhalten.

Grabfund der älteren „Hügelgräber-Bronzezeit“ um 1500 v. Chr. vom Blomenstein. Absatzbeil mit besonderer Schaftzwinge und bronzene Gewandnadel. Quelle: Heimatland Lippe

Die Bronzezeit, etwa 1750 bis 800 vor Christus, bringt in der Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen keine wesentlichen Neuerungen. Ihre Namen hat diese Epoche nach dem neu erschlossenen Werkstoff Bronze, einer Legierung aus Kupfer und Zinn. Aus den Grabhügeln dieser Zeit, insbesondere dem älteren Abschnitt, in dem die Toten weiterhin eine Körperbestattung in Grabhügeln erfahren, sind uns einige hervorragende Gerätschaften und Waffen der Menschen, die ihnen als Grabausstattung mitgegeben wurden, überliefert. Eines der schönsten Beispiele dafür ist der Grabfund vom Blomenstein bei Wendlinghausen. Das Beil mit Schaftzwinge ist ein Beweis für das meisterliche Können der Bronzegießer jener Zeit und gewährt uns einen Einblick in das Bestattungsbrauchtum. Der Tote wurde in einem Baumsarg beigesetzt. Sein Mantel wurde durch eine bronzene Gewandnadel zusammengehalten; mitgegeben wurde ihm das technisch vollendete Absatzbeil, das durch eine besondere ringförmige Zwinge am Schaft gehalten wurde. Diese Beile müssen als Statussymbol eines Häuptlings oder Kriegers gedeutet werden. Nicht alle Bestattungen jener Zeit erfolgten in so großen Hügeln mit solch reichen Beigaben, und so verdient das Gelände um diese Hügel herum, in dem weitere Bestattungen anzunehmen sind, immer besondere Aufmerksamkeit. Auch Gräber bedeutender Frauen sind festzustellen. In ihnen treten Armringe, Schmuckspiralen und Gewandnadeln auf, aus deren Lage im Grab man auf die Trachten zu schließen vermag, die uns unter besonders günstigen Erhaltungsbedingungen in norddeutschen Grabhügeln mit Textilien und sogar der erkennbaren Haartracht überliefert sind. In Frauengräbern des Lipperlandes wurden kleine Bronzedolche gefunden, die in der Gürtelgegend am Skelett liegen.

Daraus ist zu erkennen, dass die Untersuchung solcher Grabhügel keine sensationellen Funde bringt, dass aber die Beobachtung der Fundumstände unser Wissen über das Leben, die religiösen Vorstellungen, Bestattungsbrauchtum, Tracht und soziale Stellung dieser Menschen vervollständigen kann. Die noch vorhandenen Denkmäler dieser Zeit dürften daher keiner planlosen Buddelei oder rigorosen Kultivierungsmaßnahmen zum Opfer fallen, denn sie gehören zu den wichtigsten Zeugnissen dieser kulturgeschichtlichen Epoche. Einzelfunde von Bronzebeilen in den heutigen Ackerfluren deuten darauf hin, dass auch hier ehemals solche Grabhügel bestanden haben, die in den Jahrhunderten der Ackerbautätigkeit allmählich abgepflügt wurden. Durch Steinanhäufungen an den Fundstellen ist oft zusätzlich fest- zustellen, dass hier ein Grabhügel zerstört wurde. Die Kartierung all dieser Grabhügel und Einzelfunde hat aber noch einen weiteren Sinn. Sie lässt uns die Lage der bronzezeitlichen Siedlungen in der Nachbarschaft erkennen und gibt uns Hinweise auf den Verlauf uralter Höhenwege, die von Menschen benutzt wurden, bevor man im weiteren Landausbau die Verkehrswege weiter talwärts verlegte.

Der Vergleich dieser Bronzefunde mit denen benachbarter Landschaften lässt für unser Gebiet Einflüsse aus dem südlichen Mittelgebirgsraum ebenso erkennen wie Beziehungen zum norddeutschen Gebiet und Westeuropa. Im jüngeren Abschnitt der Bronzezeit werden neue Kultureinflüsse aus dem Bereich der sogenannten Urnenfelderkultur sichtbar. Die Totenverbrennung wird üblich, die Skelettreste werden nach der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen in Urnen beigesetzt, die man zunächts noch als Nachbestattung in die bekannten Totenhügel eingebettet, später aber in eigens angelegten flachen Hügeln oder im ebenen Acker beisetzt. Diese Art der Bestattung wird in leichter Abwandlung während der älteren Eisenzeit über die Zeit um Christi Geburt mit Brandgrubengräbern bis in die Völkerwanderungszeit bei uns üblich.

Bronzezeit-Hügelgrab vom Blomenstein (Aufnahme 1936) Der ursprünglich stärker aufgewölbte Hügel ist durch Erosion im Laufe der Jahrtausende und durch Kultivierungsmaßnahmen stark verebnet. Quelle: Heimatland Lippe

Zu den bedeutendsten Denkmälern unseres Landes aus der vorchristlichen Eisenzeit gehört die große Zahl der Höhenbefestigungen in Lippe, wie sie uns als Ringwälle der Grotenburg, der Herlingsburg bei Schieder, am Piepenkopf bei Lemgo und vom Tönsberg bei Oerlinghausen bekannt sind. Die oft kilometerlangen Ringwälle mit Lager-Innenflächen von 8 bis 15 Hektar werden auch Volksburgen genannt. Die heute oft durch Entnahme von Bausteinen, forstliche Kulturmaßnahmen und natürliche Erosionen stark abgetragenen Wälle sind die Reste gewaltiger Wehrlinien, die in unterschiedlichenTechniken aus Trockenmauern mit Stützpfosten, Erdrampen und vorgelagerten Wehrgräben errichtet wurden. Am besten kennen wir aus unserer Nachbarschaft den Aufbau des Ringwalles vom Piepenkopf bei Lemgo. Früher hat man diese Burgen für Fluchtburgen abseits der Siedlungskammern, in denen man sich vor dem Feinde verstecken konnte, gehalten. Zahlreiche Siedlungs- und Kulturreste, wie Keramik, Spinnwirtel und Mahlsteine, Feuerstellen und Pfostenspuren von Häusern deuten jedoch darauf hin, dass sie für längere Zeit als befestigte Siedlungsplätze gedient haben. Darüber hinaus ist bei ihnen zum Teil die Lage an wichtigen Verkehrsknotenpunkten erkennbar. Mit Hilfe naturwissenschaftlicher Datierungsmethoden, durch Messung des Gehaltes an radioaktivem Kohlenstoff ist es heute möglich, ihre Entstehungszeit genauer zu bestimmen. So wurde der Piepenkopf etwa im dritten Jahrhundert vor Chr. befestigt und war wohl in der Zeit um Christi Geburt, als die Römer ins Land kamen, schon aufgegeben. Diese Burgen werden kleinen Siedlungskammern und Stammesgebieten als „zentrale Orte“, Versammlungsplätze und vielleicht als Sitz eines Stammesfürsten gedient haben.

Die übrigen Siedlungsspuren jener Jahrhunderte um Christi Geburt sind im Gegensatz zu den Funden der Jungsteinzeit und Bronzezeit wieder verhältnismäßig selten. Das liegt daran, dass die Siedlungsspuren aus den oben schon erwähnten Gründen weitestgehend in der Kulturlandsmaft zerstört sind oder aber zu tief in der Erde stecken und nur rein zufällig bei Ausschachtungsarbeiten zu Tage treten können. Eisengeräte dieser Zeit sind ohnehin wegen der Zerstörung durch Oxydation und wegen des Rohstoffmangels in unserem Gebiet sehr selten. Ein Namweis eisenzeitlicher Besiedlung ist bei Ausschachtungsarbeiten in Humfeld gelungen. Urnenfunde aus dem Frettholz weisen ebenso darauf hin, dass das Gebiet zwischen Dörentrup und Barntrup auch in dieser Zeit besiedelt war.

In diesem Zusammenhang sind Einzelfunde der Eisenzeit von Eschenbruch, von Holzhausen bei Pyrmont, ein Urnenfriedhof bei Lügde im Emmertal und die Opferfunde der Pyrmonter Quelle, die über Jahrhunderte hin von der vorchristlichen Eisenzeit bis ins dritte Jahrhundert nach Christi Geburt niedergelegt wurden, von großer Bedeutung. Sie zeigen, dass das Siedlungsgebiet mit seinen zum Teil sehr alten Ortschaften zwischen dem Piepenkopf bei Hillentrup und Bega an einer uralten Verkehrslinie entlang der Bega liegt, die nach Westen über Lemgo, Schötmar und Herford nach Osnabrück führte, also etwa parallel zu den Ausläufern des Weserberglandes, dem Wiehengebirge und dem Teutoburger Wald verlief.

Im frühen Mittelalter hat dieses Gebiet dann einen verstärkten Landausbau erfahren. Die alten Siedlungen Bega, Humfeld, Lemgo und die Stadtgründung erklären sich aus der besonderen Bedeutung dieses günstigen Siedlungsgebietes am oberen Begatal zwischen dem nordlippischen und dem südostlippischen Bergland. Diese Betrachtung kann damit abgeschlossen werden, dass wir auf die stark befestigte kleine Dynastenburg Alt-Sternberg bei Schwelentrup hinweisen, die an die Herausbildung einer mittelalterlichen Territorialherrschaft erinnert. Diese Befestigung ist noch ganz in prähistorischer Manier angelegt und kann mit Sicherheit als eine Burg des ausgehenden 11. Jahrhunderts und als Vorläufer der Burg Sternberg gelten.
Trotz der nur geringen Zahl an Bodenfunden und Denkmälern im Wendlinghauser Raum selbst kann aus der gesamten Fundsituation der Umgebung geschlossen werden, dass der Ort Siedlungsvorgänger in lockerer Einzelhofsiedlung zumindest in frühgeschichtlicher Zeit gehabt hat und die fruchtbaren Böden am oberen Begatal auch in urgeschichtlicher Zeit bereits besiedelt waren.
Es bleibt eine Aufgabe der Zukunft, bei allen baulichen Maßnahmen und Veränderungen in der Landschaft Bodenfunden ein besonderes Augenmerk zu schenken, um weitere Funde zur Erhellung der Ur- und Frühgeschichte sicherzustellen und als Quellen zur Heimat- und Regionalgeschichte auswerten zu können. Dazu ist die Mitarbeit aller interessierten Bürger und Heimatfreunde erwünscht. Die Erhaltung der noch vorhandenen Denkmäler unserer Kulturlandschaft als Zeugnisse der Geschichte ist unbedingt erforderlich. Die Einbeziehung in unser Bemühen um eine lebendige und liebenswerte Heimat wird auch zukünftigen Generationen den langen Weg des Menschen in seiner Entwicklung vor Augen halten und immer wieder eine Verbindung zur Landschaft, in der wir leben, herstellen.

Quelle: Heimatland Lippe 08/1977