Die lippische Rose im Wappen der niederländischen Gemeinde Hardenberg

Otto II. von Lippe. By Jan Fels [Public domain], via Wikimedia Commons

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, daß die »lippische Rose« in zahlreichen nord-rhein-westfälischen — und speziell lippischen — Gemeindewappen vertreten ist, aber wohl kaum, daß sie auch das Wappen einer niederländischen Gemeinde ziert. Seit 1962 nämlich führt die im deutsch-niederländischen Grenzgebiet gelegene Gemeinde Hardenberg (Provinz Overijssel) die rote Rose mit goldenem Butzen und goldenen Kelchblättern im Schilde.1Für die Bereitstellung der Abbildung des Hardenberger Gemeindewappens danke ich der Gemeindeverwaltung in Hardenberg. Nun muß nicht jede rote Rose in silbernem Feld auch gleich eine »lippische Rose« sein, schließlich ist die Rose in der Heraldik nicht gerade ein seltenes Wappenbild. Beim Hardenberger Wappen ist jedoch völlig sicher, daß man es hier mit der lippischen Rose zu tun hat, wie noch zu zeigen sein wird.

Diese Tatsache muß einigermaßen überraschen, denn anders als im Falle der Herrschaften Vianen und Ameiden2Am 15. September 1666 heiratete Simon Heinrich zur Lippe-Detmold in Den Haag Freifrau Amalia von Dohna-Vianen, Erbburggräfin zu Utrecht, Erbin von Vianen und Ameiden bei Utrecht hat es zwischen Hardenberg und Lippe in der Vergangenheit keinerlei Verbindungen gegeben. Auch die mögliche Vermutung, die Hardenberger hätten unter Umständen die lippische Rose in ihr Gemeindewappen aufgenommen, um dem aus dem Hause Lippe stammenden Prinzen Bernhard der Niederlande eine Ehre anzutun, trifft nicht zu. Die lippische Rose verdankt ihre Aufnahme in das Gemeindewappen vielmehr einem in Lippe sicherlich unbekannten Ereignis vor über 750 Jahren, der Schlacht bei Ane unweit von Hardenberg im Jahre 1227.

Damals gehörte Hardenberg zum Herrschaftsbereich der Bischöfe von Utrecht, die zu den mächtigen Fürsten der Niederlande und des Reiches überhaupt zählten. Als die Bischöfe von Utrecht sich anschickten, ihre Machtstellung zu festigen und weiter auszubauen, rief das den Widerstand der freiheitsliebenden Bauern der Twente — Hardenberg lag in diesem Gebiet —, vor allem aber die Opposition der Bauern der Drente hervor, die in Rudolf von Coevorden,3Chronica Johannis de Beka, in: Historia Ultrajectina, herausgegeben von Arn. Buche- lius, Doorn 1643, S. 70. dem bischöflichen Burggrafen der Burg Coevorden, ihren Anführer fanden‘. Auf dem Utrechter Stuhl saß nun seit 1215 Bischof Otto, ein Sohn des berühmten Edelherrn Bernhard IL zur Lippe4Von den Söhnen Berhards II. besetzten drei bischöfliche Stühle, Otto in Utrecht, Gerhard in Hamburg-Bremen und Bernhard in Paderborn, Dietrich war Probe in Deventer. Otto weihte seinen Vater in Oldenzaal zum Bischof von Semgallen/Livland..  Wie die meisten Kirchenfürsten seiner Zeit war Otto zur Lippe eher ein streitbarer Ritter als ein friedfertiger Seelenhirte und so versammelte er 1227 ein stattliches Ritterheer,5Chronica Johannis de Beka, S. 70. um gegen die aufrührerischen Bauern zu ziehen und sie unter seine Botmäßigkeit zu zwingen. In Anbetracht der Übermacht des bischöflichen Ritterheeres, das Unterstützung durch den Erzbischof von Köln und den Bischof von Münster erhalten hatte und in dem sich daher auch viele Mitglieder des rheinischen und des westfälischen Adels befanden, schien die Lage Rudolfs von Coevorden und der Drenter Bauern schier aussichtslos zu sein.6Die Schlacht bei Ane fand im Jahr 1227 zwischen dem Ritterheer des Utrechter Bischofs, Otto II. von Lippe, und den Truppen des Burggrafen Rudolf II. von Coevorden statt. Letzterer trug, unterstützt von den Bauern aus Drenthe, den Sieg davon. Der Bischof kam dabei ums Leben. Doch der Burggraf wußte sich seine Ortskenntnis zunutze zu machen. Das Gelände um Ane nämlich, wo das Ritterheer sich versammelt hatte, war zu einem großen Teil von sumpfiger und morastiger Beschaffenheit. Als der Kampf zwischen Rittern und Bauern entbrannte, verstand Rudolf von Coevorden es, die Ritter in eben dieses unwegsame Gelände zu locken, wo Mann und Roß versanken und wegen der schweren Rüstung zu einem nahezu wehrlosen Opfer wurden. Wie der Chronist zu berichten weiß, sollen dabei an die 500 der Bischöflichen von den erbitterten Bauern erschlagen worden sein, unter ihnen auch Bischof Otto, dessen Leichnam, nachdem ihm der Kopf abgeschlagen worden war, in einen Moortümpel geworfen wurde. Der Leichnam7Sein Todesdatum ist der 1. August 1227. wurde jedoch, von mitleidigen Leuten geborgen, nach Utrecht überführt und im dortigen Dom beigesetzt.
Als die Gemeinde Hardenberg ein neues Wappen einführen wollte, besann sie sich jenes unweit von Hardenberg im Jahre 1227 schmählich umgekommenen Bischofs Otto aus dem Hause Lippe und übernahm sein Stammwappen, zusammen mit den von drei weiteren Utrechter Bischöfen, in den Schild. Auch diese Bischöfe, Wildbrand von Oldenburg (1227 — 1233), Johann von Arkel (1342 – 1364) und Franz von Weve-linghoven (1379 — 1393) spielten für Hardenberg eine besondere Rolle, auf die hier nicht näher einzugehen ist.

① bis 1962 , ② 1962 – 2002, ③ seit 2002

Der gevierte Schild weist in Feld 1 in Silber die rote lippische Rose auf, in Feld 2 in Gold einen roten Balken für Oldenburg, in Feld 3 in Silber einen roten Gegenzinnbal-ken für Arkel und in Feld 4 in Rot einen silbernen Balken für Wevelinghoven. Hinter dem Schild steht der hl. Stephan in silbernem Gewand, die rechte Hand auf den Schildrand gestützt, während die linke ein rotes Buch hält.

Damit zeugt dieses Gemeindewappen nicht allein von dem unglücklichen Ende des Bischofs Otto zur Lippe sondern darüberhinaus auch von den einstigen engen Beziehungen zwischen dem Reich und den Niederlanden während des Mittelalters, denn drei der vier im Wappen berücksichtigten Utrechter Bischöfe sind deutscher Herkunft, Otto zur Lippe, Wilbrand von Oldenburg und Franz von Wevelinghoven.

Quelle: Heimatland Lippe 08/1882 – Von Peter Veddeler