Die lippische Wirtschaft im Industriezeitalter

Ruine der ehemaligen Firma Temde-Leuchten in Detmold (aus Nord-Osten). By Tsungam (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

Der wichtigste Erwerbszweig für die Bevölkerung des Landes ist neben der Landwirtschaft das Zieglergewerbe.
Dieses Zitat stammt nicht etwa aus der Biedermeierzeit, sondern aus dem Jahre 1899. Es steht also unmittelbar an der Schwelle unseres Jahrhunderts in einer Zeit, in der andere deutsche Länder schon längst in das zweite, ja vielleicht sogar schon in das dritte Stadium der Industrialisierung eingetreten waren. Daß es ohne Einschränkungen zutrifft, beweisen die Zahlen über das lippische Ziegelgewerbe, die einen ständigen Anstieg belegen:

Zeitraum Anzahl der Ziegelleiarbeiter
1778 – 1787 353
1787 – 1779 549
1798 – 1807 640
1808 – 1817 828
1818 – 1827 1006
1828 – 1844 1184
1845 – 1854 3318
1855 – 1864 6500
1865 -1874 8000
1875 – 1884 10500
1885 – 1894 12500
1895 – 1899 14000

Wie alle absoluten Zahlen sind auch diese nur beschränkt aussagefähig und erhalten ihr volles Gewicht erst in Verbindung mit Bezugsgrößen. So sei denn daraufhingewiesen, daß das gesamte Fürstentum Lippe der Volkszählung von 1895 zufolge 134854 Einwohner aufwies [261] zu einem Zeitpunkt, als die Zahl der Zicgler ungefähr 14000 ausmachte. Das waren rund 10% der Gesamtbevölkerung und mehr als 20% der Beschäftigten. In manchen Teilen des Fürstentums waren 1910 mehr als 20% der gesamten männlichen Bevölkerung als Wanderarbeiter tätig, im Amt Detmold erreichten sie sogar den Rekordanteil von 25,5%. Damit herrschten um die Jahrhundertwende in Lippe Verhältnisse, die an manche Heimatregionen der Gastarbeiter von heute erinnern. Ebenso wie dort spielte zusätzlich zu den periodischen Wanderungen der Arbeiter auch noch die endgültige Auswanderung zumindest zeitweilig eine bedeutende Rolle. Selbst in der Zeit von 1881 bis 1910, als die Wanderarbeit ihrem Höhepunkt zustrebte, haben insgesamt rund 30000 Lipper ihre Heimat verlassen. Einige von ihnen gingen nach Übersee, die meisten aber zogen in andere Teile Deutschlands.
Hält sich die Auswanderung damit in Grenzen, die keine besondere Aufmerksamkeit verdienen, so steht es mit den periodischen Fernwanderungen der Zieglcr anders. Sie können geradezu als Leitphänomen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Lippes angesehen werden.
Es wurde bereits im ersten Kapitel erwähnt, daß die „Hollandgängerei“ in diesem Lande eine jahrhundertealte Tradition besitzt. Im 19. Jahrhundert aber, im Zeitalter der Industrialisierung, gewann sie nicht allein Ausmaße, die bis dahin noch nicht erreicht worden waren, sondern sie nahm auch eine sozioökonomische Funktion an, die sie zuvor allenfalls in Ansätzen besessen hatte. Sic wurde zum Überdruckventil.

Wie die Graphik 183 zeigt, ist die Bevölkerung Lippes seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts zumindest in langfristiger Sicht nachhaltig gewachsen, aber dieser Prozeß verlief keineswegs gleichförmig. So zeigt sich bspw. in dem Jahrzehnt von 1864 bis 1875 eine Stagnation, die sogar zeitweilig in Schrumpfung überging. Ähnliche Phasen hat es auch bereits früher gegeben, so etwa im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, als größere Auswanderungen stattfanden.

Bild 183

Wenn diese auch einen Teil des natürlichen Bevölkerungswachstums absorbierten, so fiel dem Zieglertum doch die weitaus größere Bedeutung zu, als es darum ging, die Diskrepanz zwischen Bevölkerungswachstum und Arbeitsplätzen zu überbrücken. Daß die Zicgler Jahr für Jahr ihren Broterwerb in der Fremde suchten, mochte Nachteile haben. Ihre Wanderungen aber bewirkten, daß dem Lipperland Menschen erhalten blieben, die es sonst für immer an wachstumsstärkere Regionen verloren hätte. Die erhebliche Zunahme ländlicher Siedlungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird damit in unmittelbaren Zusammenhang gebracht:
Mit dem Aufblühen des Zieglergewerbes aber begann ein neuer Aufschwung in der Besiedlung des Landes. Der Wolilstand der Arbeiter ermöglichte den Ankauf einer kleinen Fläche Land zur Anlage kleinerer Stätten; deren entstanden dann auch bis zum Jahre 1887 nicht weniger als 1657. „
Daß es nicht verfehlt ist, nach 1850 von einem „Aufblühen“ des Zicglergewerbes zu sprechen, zeigen die Zahlen auf Seite 191. Betrug doch im Zeitraum 1855 bis 1864 die Anzahl der Zieglcr im Jahresdurchschnitt 8000 und lag damit rund zwcicinhalbmal so hoch wie in den Jahren 1838 bis 1844.
Angesichts dieser Bedeutung hatte der Staat nicht nur längst den Übergang von der Ablehnung zu wohlwollender Duldung vollzogen, sondern schritt sogar zu aktiver Förderung. Im Jahre 1851 erschien das „Zieglergewerbegesetz“, das, nach Maßstäben der Zeit, beträchtliches sozialpolitisches Engagement erkennen ließ.  Es regelte nicht allein das Verhältnis zwischen den Vermittlern, den Ziegelagenten, und den Arbeitern, sondern auch Krankenfürsorge, Nahrung und Unterbringung. Meistens, so scheint es allerdings, kam es über die gute Absicht nicht hinaus, und die Mehrzahl seiner Bestimmungen blieben „totale Gesetzesparagraphen …, um die sich weder Agenten, noch Meister und Arbeiter kümmerten“.  So hinterließ es anscheinend keine große Lücke, als es durch die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes 1869 außer Kraft gesetzt wurde.

Lippische Ziegler auf der Zieglerstätte

Lippische Ziegler auf der Zieglerstätte

Die lippischen Ziegler und ihre Arbeitsverhältnisse haben übrigens bei Theodor Fontane eine aufschlußreiche Beschreibung erfahren. In den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ berichtet er über die große Ziegelei in Glindow:

„Die Lipper, nur Männer, kommen im April und bleiben bis Mitte Oktober. Sie ziehen in ein massives Haus, das unten Küche, im ersten Stock Eßsaal, im zweiten Stock Schlafraum hat. Sie erheben gewisse Ansprüche. So muß jedem ein Handtuch geliefert werden. An ihrer Spitze steht ein Meister, der nur Direktion und Verwaltung hat. Er schließt die Kontrakte, empfängt die Gelder und verteilt sie. Die Arbeit ist Akkordarbeit, das Brennmaterial und die Gerätschaften werden sämtlich geliefert, der Lehm wird ihnen bis an die ,Sümpje‘ gefahren; der Ofen ist zu ihrer Disposition. Alles andere ist ihre Sache. Am Schliß der Kampagne erhalten sießirje 1000fertiggebrannte Steine einzwei-drittel bis zwei Taler. Die Gesamtsumme bei acht bis zehn Millionen Steine pflegt bis 15000 Taler zu betragen. Die Summe wird aber schwer verdient. Die Leute sind von einem besonderen Eleiß. Sie arbeiten von drei Uhr früh bis acht oder selbst neun Uhr abends, also nach Abzug einer hißstunde immer noch an siebzehn Stunden. Sie verpflegen sich nach Lipper Landessitte, d.h. im wesentlichen westfälisch. Man darf sagen, sie leben von Erbsen und Speck, die beide durch den .Meister‘ aus der Lippischen Heimat bezogen werden, wo sie diese Artikel besser und billiger erhalten. Mitte Oktober treten sie, jeder mit einer Überschußsumme von nahezu hundert Talern, den Rückweg an und überlassen nun das Eeld den einheimischen Ziegelstreichern.“

Fontane hat sich offenbar gründlich informiert. Was er hier über die lippischen Ziegler schreibt, findet in der wissenschaftlichen Literatur Bestätigung, insbesondere seine Angaben über die Einkommensverhältnisse dürften zutreffen. Allerdings irrte er sich, wenn er damals, 1870, einen Niedergang der Ziegelei befürchten zu müssen glaubte, aber er konnte ja nicht ahnen, daß schon ein Jahr später Berlin Hauptstadt des Deutschen Reiches und bald auch schon eine seiner größten Baustellen sein würde. Ebenso würde die Bautätigkeit auch in anderen Teilen Deutschlands zunehmen. So sollte in den Jahren nach 1871, den „Gründerjahren“, die Wanderung der lippischen Ziegler ihre räumlich größte Ausdehnung erfahren. Gerade damals aber bewirkte die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften, daß die Lipper Konkurrenz bekamen. Nicht nur Arbeiter aus anderen deutschen Regionen traten mit ihnen in Wettbewerb, sondern auch Ausländer wie Italiener, Tschechen oder Polen. Sic aber hatten sogar den sparsamen Lippern gegenüber einen Vorteil. Ihre Lebensansprüche waren geringer: „Wo aber der anspruchslosere Fremde mit dem Deutschen in Wettbewerb tritt, da pflegt dieser in der Regel zu unterliegen.“ Ganz so schlimm kam es freilich nicht. Verloren die Lipper auch im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einen großen Teil ihrer weit entfernten bisherigen Arbeitsgebiete, so fanden sie dafür in der Nähe ihrer Heimat Ersatz, in dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet mit seiner wachsenden Bautätigkeit.

Die Ziegler wurden zuvor als „Leitphänomen“ der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Lippes bezeichnet. Genauer gesagt für eine bestimmte Periode, nämlich jenen Zeitraum, der allgemein als die Phase der Industrialisierung Deutschlands angesehen wird. Warum gerade damals und nicht bereits früher? Schließlich hatte die Wanderarbeit ja schon in der Grafschaft Lippe eine lange Tradition. Das trifft zweifellos zu, dennoch gibt es einige Kriterien, die die Zieglerwandcrung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von früheren Epochen unterscheiden. Um sie zu würdigen, ist allerdings ein kurzer Überblick über einige langfristige Veränderungen notwendig, die sich damals vollzogen haben.

Lippische Leinenweber mit ihren „Linnenpucken“ auf dem Weg nach Lemgo. Ölgemälde von Ernst Meier-Niedermein, um 1900

Die Landwirtschaft hatte sich vor allem seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts so kräftig entfaltet, daß ihr Entwicklungsstand bei weitem jenes Niveau übertraf, auf dem sie sich um 1770/80 bewegt hatte. Die Innovationen, die die Regierung so geduldig und mit so geringem Erfolg gepredigt hatte, waren nun längst zu Selbstverständlichkeiten geworden. Die „Gemeinheiten“ waren seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts größtenteils aufgeteilt und in Kultur genommen worden. An die Stelle der Brache trat die Fruchtwcchselwirtschaft. Klee und Esparsette hatten sich verbreitet und auch die Kartoffel, zu der die Regierung ihre Untertanen noch einige Jahrzehnte zuvor mit viel Geduld überreden mußte. Es gab sogar inzwischen mehr Mist, denn die Stallfütterung hatte immer weitere Verbreitung gefunden. Zuwächse in Produktion und Produktivität hoben den Wohlstand der Landwirtschaft und festigten ihre Bedeutung für die Gesamtwirtschaft des Landes.
So blieb sie auch im Industriezeitalter, was sie bereits vorher gewesen war: der weitaus dominierende Wirtschaftssektor, und unser früheres Zitat hat gezeigt, daß sich daran auch an der Schwelle zum 20. Jahrhundert noch nichts geändert hatte. Und die 1899 erschienene Landesbeschreibung vermerkt nicht ohne Stolz: „Unser Land ist durchweg ein sehr fruchtbares Land. “ Die Landwirtschaft selbst hat sich daher gewiß über den größten Teil des 19. Jahrhunderts hinweg wachsenden Wohlstands erfreut. Allenfalls die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einbrechende Konkurrenz ausländischen, insbesondere überseeischen Getreides auf den deutschen Märkten dürfte sie beeinträchtigt haben.
Der wichtigste Sektor der lippischen Rcgionalwirtschaft aber hatte eine generelle Schwäche, die ihm zumindest seit den 1830er Jahren anhaftete. Ungeachtet seines Wachstums war er nicht imstande, alle Arbeitskräfte aufzunehmen, die ihm das natürliche Bevölkerungswachstum hätte zuführen können. Allerdings gibt es auch Erscheinungen, die mit dieser Deutung absolut nicht in Einklang gebracht werden können. Während nämlich Jahr für Jahr Tausendc von lippischen Zieg-lern für sechs Monate das Land verließen, klagten die Landwirte über „Leutenot“ und holten polnische Saisonarbeiter. Der Widerspruch ist freilich nur scheinbar und findet durch das relativ hohe Einkommen der Zicglcr eine Erklärung, die im 18. Jahrhundert noch weniger eindeutig erscheinen konnte. [2761 Wanderten die Lipper damals noch zum Grasmähen und Torfstechen über die Grenzen, so waren sie inzwischen zu hochqualifizierten Fachkräften geworden. Es zeigt sich also auch im Lipperland des ausgehenden 19. Jahrhunderts jene Differenzierung des Arbeitsmarktes, die den summarischen Vergleich von Angebot und Nachfrage verbietet.

Es bleibt übrigens zu bemerken, daß die lippische Landwirtschaft insbesondere seit den 1880er Jahren rasche Fortschritte in der Mechanisierung gemacht hat. Die ersten Sä- und Dreschmaschinen waren 1857 aufgetaucht; seit 1871 gelangte der Dampfpflug in den Großbetrieben zum Einsatz; um die Jahrhundertwende kamen die Mähmaschinen und seit 1910 die Mähbinder hinzu. Den Mähmaschinen wird übrigens auch ein gewisser Verdrängungseffekt zugeschrieben, denn es heißt, daß mit ihrer Einführung „immer mehr Männer für die Sommerzeit als Ziegler auf Wanderarbeit gingen“.
Um die Jahrhundertwende war es jedenfalls schon soweit, daß nur noch Kleinbauern und Zieglcrstättcn mit den traditionellen Methoden weiterwirtschafteten, während in der übrigen Landwirtschaft längst ein umfassender Modernisierungsprozeß stattgefunden hatte.
Diesem Wachstum im primären Sektor standen zeitweilig Schrumpfung oder zumindest Stagnation im sekundären gegenüber. Das Lcin-wandgewerbe erlebte seinen vollkommenen Niedergang.
Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts hatte es sich noch einmal kräftig von den Schwächesymptomen erholt, die die lippische Regierungsenquete seinerzeit ermittelt hatte. Ein wesentlicher Grund für diesen neuen und letzten Aufschwung wird im Sieg der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung gesehen. Als die schon um 1770 so gefährliche englische Konkurrenz die bisherige Vorzugsstellung als Kolonialmacht auf dem großen Markt der jungen USA verlor, bekam das deutsche Leinen dort noch einmal eine Chance, von der auch die Lipper profitierten. Dann aber kam rasch der Einbruch, und zwar zunächst durch ein Ereignis, das anderen deutschen Textilrcgioncn eher Vorteile gebracht hat, nämlich Napoleons Kontinentalsperre. Daß sie Europa der englischen Industrie verschloß, vermochte für das lippische Leinen jedoch nicht die Verluste aufzuwiegen, die es in Übersee hinnehmen mußte. Die folgenden Kriegsjahre boten obendrein wenig Möglichkeiten, nach neuen Märkten auf dem europäischen Kontinent Ausschau zu halten.

Die Lage wurde auch nicht besser, als 1815 der Friede endgültig wiederhergestellt war. Nun überschwemmte die englische Industrie mit ihren aufgehäuften Lagerbeständen ganz Europa. Und, was vielleicht noch schlimmer war, sie hatte inzwischen ein Verfahren entwickelt, auch Flachs maschinell zu verspinnen. Das Industrieprodukt kostete nur noch ein Drittel des Handgespinstes und war obendrein auch noch feiner und regelmäßiger.
In der Not dieser Jahre hat man es in Lippe noch einmal mit einem Instrument versucht, über dessen Vor- und Nachteile schon seinerzeit der Kanzler Hoffmann angestrengt nachgedachte hatte: 1826 wurde in Lemgo eine allgemeine Legge eingerichtet.  Und sie brachte sogar Erfolge. Freilich nur für kurze Zeit, dann ging es mit dem lippischen Leinen wieder abwärts. Dieses Mal endgültig.
In dieser Zeit, als der wichtigste Gewerbezweig des Landes im Absterben begriffen war, wuchs die Zahl der Ziegler, wie die Tabelle aufS. 191 zeigt.
Was sich in diesen Jahrzehnten in Lippe abspielte, vollzog sich auch in anderen Tcxtilregionen Deutschlands mehr oder minder gleichzeitig. Gerhart Hauptmann hat in seinen „Webern“ diesen Zusammenprall herkömmlicher und neuzeitlicher Produktionsmethoden ebenso eindringlich wie realistisch geschildert. Im Gegensatz zu seinen Schlesien! aber ist den arbeitslos gewordenen lippischen Webern die Verelendung erspart geblieben. Sic wurden Zieglcr.

Leinwandproduktion und Zieglerwesen
Zeitraum Anlieferungen zur
Lemgoer Legte
Zahl der
Ziegler
1833 10958 938
1838 10411 1801
1845 5267 4017
1850 4953 3250
1855 2340 7361

In diesem Beruf hatten sie die Konkurrenz der Maschine nicht zu befürchten, denn sie blieben ihr lange Zeit überlegen. Wenn auch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits die ersten Ziegclmaschincn auftauchten, blieben sie doch noch höchst unvollkommen. Weder im Preis noch in der Qualität konnten sie mit der Handarbeit Schritt halten.
So haben denn die Lipper auf ihre Art das Weberproblcm gelöst. Es mag sich freilich die Frage erheben, warum das nicht auch auf eine andere Art geschah. Etwa so, wie in der unmittelbaren Nachbarschaft des Lipperlandes.
Zwar trifft es zu, daß manche traditionsreiche Leinenregionen Deutschlands gegen die Maschinen und gegen die Baumwolle ins Hintertreffen gerieten. Aber beileibe nicht alle. Das Ravensberger Land etwa, unmittelbar jenseits der Grenzen des lippischen Fürstentums, vollbrachte nicht allein den Übergang in die industrielle Revolution, sondern hielt auch mit der weiteren Entwicklung Schritt. Dort nämlich wurde um den Schwerpunkt Bielefeld zunächst das alte Leinengewerbe zur neuzeitlichen Textilindustrie, und diese ließ ihrerseits wieder im Zuge der zweiten Industrialisierung eine prosperierende Maschinen-industric entstehen. Ähnliches geschah beispielsweise auch im Württembergischen, etwa im Reutlinger Raum. Warum also nicht auch in Lippe?
Einige und vermutlich die wichtigsten Gründe dafür dürften in politischen Faktoren zu sehen sein. Um es auf einen sehr einfachen Nenner zu bringen: in der Selbständigkeit des Kleinstaates.
Sie behinderte beispielsweise die Einbeziehung des lippischen Raumes in die wirtschaftlichen Integrationsbewegungen, die seit 1818 von Preußen ausgingen und 1833 zur Gründung des Deutschen Zollvereins führten. Das Fürstentum Lippe hat fast zehn Jahre gebraucht, um sich zum Beitritt zu entschließen. Als es endlich, am 1. Januar 1842, soweit war, hatte seine Textilwirtschaft bereits irreparable Schäden erlitten. Fast ein Vierteljahrhundcrt lang hatte sie Zollmauern überwinden müssen, um auf den größten deutschen Binnenmarkt zu gelangen, ja sogar ihre außerdeutschen Exporte wurden durch die preußischen Transitzölle erschwert. Es half ihr wenig, daß an den preußischen Grenzen ein lebhafter Schmuggel mit Kolonialwaren blühte, die in Lippe billiger waren. Der politische Status war dem Fürstentum auch hinderlich, um den Anschluß an die großen Verkehrswege zu gewinnen. Die Eisenbahnen etwa führten alle um das Land herum:
„Aber betreten wird das Land von den wenigsten unserer Leser sein. Der große Strom der Reisenden, die von Nord nach Süd, von Ost nach West Deutschland täglich durcheilen, fließt an ihm vorüber. Von den Arterien und Venen des modernen Verkehrslebens, den eisernen Straßen, durchkreuzt und berührt es keine.“
Solchermaßen abseits gelegen bot die Landeshauptstadt das Bild einer verschlafenen Idylle:
„Am Sonntag ging man mit der Familie, der Vater mit langer Tabakspfeife voran, in den ,vor dem Tore’gelegenen altväterlichen Garten, wo im kleinen, dauerhaß gebauten, mit geschwungenem Dache versehetieti Gartenhause … Kaffee gekocht wurde. Ging man über das Weichbild der Stadt hinaus, so wurde wohl der Falkenkrug aufgesucht (Berlebeck und Hiddesen waren noch nicht modern) oder der alte baufällige Apenkrug, erbaut im Jahre 1722 mit gnädigsten gräflichen Privilegien, und auf dem Wege dorthin an dem großen Findling links der alten jetzt vereinsamten Poststraße Detmold — Lemgo erfuhren die Kinder von der grausigen Tat des Franz Böger aus Brake aus dem Jahre 1794.“
Daß in einer solchen Atmosphäre Industrie gar nicht wünschenswert erscheinen konnte, fällt nicht schwer zu glauben. Jedenfalls heißt es, daß um diese Zeit die Dctmoldcr Stadtväter ihre Abneigung gegen derlei Neuerungen unverhohlen aussprachen:
„Gar noch 1864 stellte sich der Detmolder Magistrat auf den Standpunkt, daß Dampfkesselanlagen mit hohen Schornsteinen nur außerhalb der Stadt zulässig seien; er verweigerte entsprechende Konzessionen.“
Das freilich war eine Entscheidung, die jede Zeit mit ihren Maßstäben messen mag. Letzten Endes waren die Detmolder von Anno 1864 so rückständig, als daß sie eine ungemein fortschrittliche Entscheidung getroffen hätten.
Es wäre allerdings höchst unsachlich, aus einigen solchen Tupfern des Zeitkolorits ein Gesamtbild zu konstruieren und daraus eine generelle Fortschrittsfcindlichkcit des Landes abzuleiten. Daß die Eisenbahn einen Bogen um das Fürstentum machte, hatte zum Beispiel überhaupt nichts mit der Mentalität seiner Bewohner zu tun. Im Gegenteil. Seit die preußische Köln-Mindcncr Eisenbahn 1847 bis nach Hannover fortgeführt war, gab es ernsthafte Bemühungen, auch die lippische Landeshauptstadt an den Schienenweg anzuschließen. Zehn Jahre später schien das Ereignis bereits unmittelbar bevorzustehen, denn die Strecke von Herford nach Detmold war bereits abgesteckt und ebenso der Platz des Dctmolder Bahnhofs auf dem „Bruche“.

Der Bahnhof in Lage um 1900.

Der Bahnhof in Lage um 1900.

Vielfältige Hindernisse, die zum wenigsten im Lande selbst lagen, haben nicht nur damals den Eiscnbahnanschluß verhindert, sondern auch später. So mußte noch Kaiser Wilhelm I. zur Einweihung des Hermannsdenkmals im Jahre 1875 mit Pferd und Wagen anreisen. Erst gut fünf Jahre später, am Silvestertag 1880, fuhr der erste fahrplanmäßige Zug nach Detmold, und die Verbindung nach Altenbeken sollte sogar erst weitere fünfzehn Jahre später, am 11. Juni 1895, eröffnet werden.
Neben dem Mangel an Bodenschätzen kann daher die Verkehrsentwicklung als eine der wichtigsten Ursachen dafür angesehen werden, daß das kleine Fürstentum Lippe soviel später den Anschluß an die Industrialisierung fand als Ravcnsbcrg im preußischen Großstaat.
Vor dem Eisenbahnbau war eigentlich nur ein einziger Industriebetrieb von überörtlicher Bedeutung im Fürstentum Lippe entstanden,
die 1850 gegründete Stärkefabrik in Salzuflen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts folgten ihr weitere Betriebe. Teilweise gingen sie aus kleineren gewerblichen Unternehmen hervor, wie etwa die Dctmolder Tabakindustric oder auch die Aktienbierbrauerei Falkenkrug. 1884 war auch in Lage eine Zuckerfabrik neu entstanden, die ihren wichtigsten Rohstoff von der hochentwickelten Landwirtschaft des Landes bezog. In ähnlicher Weise rohstofforientiert war wohl auch die Entstehung der Möbelfabriken, die ursprünglich vor allem heimische Hölzer verarbeiteten.

Setzte die Industrialisierung in Lippe auch erst mit beträchtlicher Verspätung ein, so bewirkte sie doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts rasche Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur, die in der untenstehenden Graphik wiedergegeben sind. Die Landwirtschaft verlor beträchtlich an Boden, die Industrie, zu der allerdings auch Teile des Gewerbes zu zählen sind, nahm zu. Zunahmen zeigten auch Teile des tertiären Sektors, nämlich die Bereiche Handel und Verkehr sowie die Gruppe der Berufslosen. Ihr beträchtliches Anwachsen ist darauf zurückzuführen, daß um die Jahrhundertwende das Lipperland und insbesondere seine von Industrie so wenig berührte Hauptstadt als Ruhesitz immer mehr Anziehungskraft gewannen.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Fürstentums Lippe, geprägt durch Vorherrschaft der Landwirtschaft, Zieglerwanderungen und verzögerte Industrialisierung, bot für die Entwicklung des Kapitalmarktes Bedingungen besonderer Art. Kapitalnachfrage ging größerenteils von der Landwirtschaft aus, zunächst, im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, für die verschiedenen Rationalisicrungsmaßnahmcn bei der Bodennutzung und insbesondere beim Ackerbau, später dann auch für Wirtschafts- und Wohngebäude. Der wachsende Wohlstand der Landwirtschaft steigerte ihre Kreditfähigkeit, und so sahen sich Institute, die den Bodenkredit pflegten, die Leihekassc und die Sparkasse, einem wachsenden Markt gegenüber. Dennoch haben beide immer wieder darüber geklagt, daß es durchaus nicht immer leichtfiel, Hypotheken zu plazieren, auch dann nicht, als die Grundablösung nach 1849 ins Werk gesetzt wurde.
lipp.indust.09Die Gründe dafür mögen einmal auf der Nachfrageseite des Marktes gesehen werden. Darin zum Beispiel, daß die prosperierende, durch Erbfolge wenig belastete Landwirtschaft in beträchtlichem Maße Selbstfinanzierung zu betreiben vermochte. Es kam hinzu, daß sich der öffentliche Sektor bei der Kreditaufnahme größter Zurückhaltung befleißigte. Die fürstliche Regierung etwa hatte zwar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts insbesondere für Straßenbauten Kredite aufgenommen, aber der Schuldenstand des Landes war darum trotzdem nur von rund 170000 Rtl. im Jahre 1838 auf rund 330000 Rtl. im Jahre 1847 angewachsen und seitdem auf diesem Niveau nahezu stehengeblieben.Nach dem Sieg über Frankreich hatte auch das Fürstentum Lippe seinen Anteil an der Kriegsentschädigung bekommen, die den Staat mit einem Millionenbetrag versorgte und fürs erste der Notwendigkeit des Schuldcnmachens enthob. Die ergab sich erst später. Etwa durch die Neuvermessung des Landes und die Schaffung eines neuen Grundbuches, die alleine 750000 Mark kosteten, oder aber die Eisenbahnen, für die insgesamt bis 1897 über 1,5 Millionen Mark aufgewendet werden mußten. So ergab sich denn um die Jahrhundertwende ein Schuldcnstand von rund 842000 Mark, aber das war keine Summe, die an das Finanzierungsvermögen von Leihekasse und Sparkasse schwierige Anforderungen gestellt hätte, denn jedes der beiden Institute verfügte damals über ungefähr zehn Millionen Mark Einlagen.
Auf der Angcbotsscite ist die Finanzwirtschaft des Fürstentums wesentlich durch jene Erscheinung beeinflußt worden, die bereits zuvor als Leitphänomen ihrer sozioökonomischen Entwicklung gekennzeichnet wurde, nämlich die Ziegler. Schon für die Jahre 1863/64 und 1870 bis 1876 wurden die Nettoeinkommen, die sie in ihre Heimat mitbrachten, auf zwei bis drei Millionen Taler bzw. sechs bis neun Millionen Mark veranschlagt. Eine genauere Berechnung für das Jahr 1910 ergab einen Betrag von nahezu acht Millionen Mark.
Angesichts solcher Beträge erscheint es nicht überraschend, wenn Flecgc-Althoff, der Erforscher des lippischen Zieglcrwcscns, am Ende des 19. Jahrhunderts für das Lipperland eine durchaus positive Bilanz ziehen konnte:
„Alle diese Faktoren haben es mit sich gebracht, daß es in Lippe wirklich Anne nach Art der Großstädte und Industriegegenden früher nicht gab. Gewiß wurden fast in jedem Orte Annenunterstützungen gewährt, doch in so geringem Maße, daß von einer Überbürdung der betreffenden Ortskassen nicht gesprochen werden kann .. ,“

Quelle: Lippe – Leben, Arbeit , Geld

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