Die Mordkuhle

Einbringung einer Räuberbande im schwäbischen Oberlande in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Ein junges Mädchen entlarvt eine Räuberbande

Als der diesseitige Teil des lippischen Landes schon in kultureller Blüte stand, war die Senne noch öde und leer. Die Wegeverhältnisse waren die denkbar traurigsten, und nur die Handelskarawanen die Paderborn, Lippstadt und Bielefeld zustrebten, benützten die grundlosen und in ihrer Breite kaum zu übersehenden Wege. Räuberbanden trieben ihr Unwesen. In der Dörenschlucht lag nur der Dörenkrug, der auch, wie geschichtskundig feststeht, eine unsichere Bleibe war.

Wo die Landstraße von Detmold nach Lopshorn die Höhe des Teutoburger Waldes passiert, liegt ein seltsames Stückchen Erde, das der Volksmund „Mordkuhle” nennt. Etwas abseits von der Straße finden wir in einer Vertiefung den Eingang zu einer größeren Höhle. Mit einer guten Laterne ausgerüstet, kann man ein gutes Stück in die Höhle eindringen, bis dann plötzlich eine steil abfallende Wand jegliches Vorwärtskommen verhindert· Der Volksmund weiß nun zu erzählen, daß die Höhle in einem größeren Raume endet. Nebengänge sollen bis zum Jagdschloß Lopshorn gehen.

Eine jener Räuberbanden, die im Teutoburger Walde und in der Senne ihr Unwesen trieben, hatte der Sage zufolge ihr Quartier nach hier verlegt, und die oben erwähnte Höhle diente ihnen als Unterkunft. Eine Leiter diente zur Verbindung der oberen Höhle mit der unteren. Ein großer Tisch in der Mitte des Aufenthaltsraumes, einen Schemel für jeden Kumpan und etwas notwendiges Hausstandsgerät gaben das Höhlen-Inventar ab. Die Bande bestand aus 21 Köpfe.

In geringer Höhe über dem Erdboden hatte man einen Draht über die Straße gezogen, dessen eines Ende in der Höhle an einer Schelle befestigt war. Fuhr nun ein Wagen über den Draht oder trat ein Fußgänger darauf, so setzte sich die Schelle im Innern der Höhle in Tätigkeit. Die Bande stürzte heraus, überfiel die Karawanen, beraubte sie und tötete die Menschen. Die Lopshorner Bande hat wohl nie Kaufleute als Geiseln behalten, vielleicht aus Furcht vor Entdeckung, sondern sie restlos abgeschlachtet, weshalb der Volksmund für diese Stelle im Teutoburger Walde den Namen „Mordkuhle” prägte.

Ueber die Entdeckung der Räuberhöhle weiß der Volksmund folgende, ebenso eigenartige wie interessante Geschichte zu erzählen:

Ein Mädchen, das auf dem fürstlichen Anwesen in Lopshorn in Dienst war, wollte seine Eltern in Pivitsheide besuchen. Es trat jedoch auch auf den Draht. Die Bande stürmte heraus, schleppte das Mädchen in die Höhle, tötete es aber nicht. Fortun mußte es den rauhen Gesellen den Hausstand führen.

Drei Jahre waren seitdem vergangen, als das Mädchen vom Räuberhauptmann der Bande die Erlaubnis erhielt, seine Eltern in Pivitsheide zu besuchen. Vorher mußte es jedoch versprechen, bestimmt wiederzukommen und keinem Menschen über seinen Aufenthalt etwas zu sagen. Das Mädchen gab das Versprechen und machte sich dann auf den Weg.

Kaum konnten es die alten Eltern fassen, als nach drei Jahren Dauer ihr totgeglaubtes Kind aus der Schwelle des Hauses erschien. Schnell wurde alles vorbereitet und bald saß man bei einem Mahl zusammen in der Stube. Es wurde viel erzählt. Die Freude der Eltern kannte keine Grenzen. Aber soviel das Mädchen zu erzählen wußte, seinem Versprechen blieb es treu.

Als nun der Tag ihrer Rückkehr in die Höhle im Walde kam und sie den Eltern dies bedeutete, schlug ihre Freude jäh in unsägliche Trauer um. Sie drangen mit Bitten in ihr Kind, allein das Mädchen hielt ihr Versprechen Als das Mädchen jedoch das traurige, abgehärmte Gesicht ihrer Mutter sah, siegte in ihm das Gefühl, das aus der Liebe zur Mutter entspringt. Es bat die Eltern, aus dem Zimmer hinaus zu gehen, dann wollte es dem Ofen alles erzählen. Die Eltern folgten den Weisungen ihres Kindes, stellten sich aber nebenan an die Wand, und nun wurden sie Mitwisser des Geheimnisses, das die Seele ihres Kindes belastete Zu gern hätten sie noch den Aufenthaltsort gewußt, das Mädchen versprach jedoch lediglich, aus seinem Wege Erbsen zu streuen.

Der Abschied kam und so schwer es auch war, es mußte sein. Das Mädchen hielt aber auch sein Versprechen, das sie der Mutter gegeben hatte, und streute von den mitgenommenen Erbsen so reichlich aus den Weg, daß man sie bequem als Wegweiser benutzen konnte.

Kaum war das Mädchen den Blicken der Eltern entschwunden, als der Vater ins Haus eilte und schnell den neuen Leinenrock anzog Die Mutter reichte ihm den Hut vom Nagel und den Stock und fort ging’s, in Eilmärschen nach Detmold.

Als der Landesherr in Detmold von dem Vorkommnis hörte, befahl er, ein tüchtiges Heer auszurüsten und übergab einem als besonders tüchtig bekannten Kommandeur die Führung Außerdem beteiligte sich der Vater des Mädchens und ging wegweisend voran.

Man war bald an der Höhle angelangt. Der Kommandeur ließ die Höhle umzingeln und gab dann Befehl zum Angriff. Ein kurzes Gefecht, wobei es Verluste auf beiden Seiten gab, doch dann waren die Räuber der Uebermacht der Soldaten erlegen. Sie wurden nach Detmold abgeführt und dort auf Befehl des Landesherrn erhängt. Der Vater aber schloß sein Kind in die Arme, küßte es und brachte es der Mutter für immer zurück.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1935 – Von Karl von Jusendörp

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