Die Ritter de Wend zu Varenholz

Am 15. Juni 1323 hatte der Edelherr Simon I. zur Lippe die Burg Varenholz und das Gogericht über das Kirchspiel Langenholzhausen von den Rittern von Vornholte erworben. Er hatte damit einen kühnen Sprung an die auch damals schon als Handelsstraße bedeutende Weser getan und die Grundlage für die spätere Erwerbung des gesamten lippischen Nordens gelegt. Er begann auch sogleich mit dem Ausbau der wichtigen Weserfeste, und die Ritter der Umgegend bewarben sich um die Burglehen. Eines der ältesten und angesehensten Rittergeschlechter unseres Landes war die Familie de Wend.
Die bedeutsame Lage Vornholtes wurde frühzeitig von den Wends erkannt. Schon Ende des Jahres 1324 kam die halbe Burg in den Pfandbesitz der drei Brüder Lutbert, Friedrich und Hermann de Wend. Im Jahre 1346 erwarben Lutbert und Friedrich auch ein Erbburglehen auf Varenholz und saßen dort nun fest im Sattel. Friedrich wurde in den nächsten Jahren auch mit den damaligen lippischen Ämtern Rehme und Eidinghausen belehnt, und in der Folgezeit wurde Varenholz mehr und mehr der Mittelpunkt des wachsenden Wendschen Grundbesitzes.

Das fehdereiche 14. Jahrhundert, das so manchem Rittergeschlechte den Hals brach, trug die Wends empor. Der immer größer werdende Geldmangel der hohen Grundherren kam ihnen bei Kauf, Tausch, Belehnung und Pfandverschreibung gut zustatten.
In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts beerbten die Wends die alten Familien von Rottorp, von Post, von Vornholte und vor allem die reichen Lehnsleute der Herzoge von Sachsen-Lauenburg, die Familie von Callendorp, der ein großer Teil des lippischen Nordens gehörte.

Von den alten Burgmannsgeschlechtern Vornholtes blieben zuletzt nur noch die Wends übrig. Ist es ein Wunder, wenn sie sich allmählich als Herren fühlten, hier am schönnen Weserufer? Immer waren sie ja auch bereit, ihren armen lippischen Lehnsherren aus den nie abreißenden Geldsorgen zu helfen. Aber umsonst? Nein! Die Lipper mußten dafür so manche Gerechtsame abtreten und so manchmal auch ein Auge zudrücken, wenn es ein bißchen ungerade herging hier oben. Mit den Wends war zuzeiten nicht gut Kirschenessen. Sie wahrten schon ihre Vorteile und ersessenen und erstrittenen Rechte. Ja, sie scheuten auch nicht davor zurück, ihren eigenen Lehnsherren den Fehdehandschuh hinzuwerfen. So während der langen Eversteinschen Fehde im Jahre 1408, als der ganze Wendenstamm gegen die Lipper zu Felde zog. Nun, man nahm das damals nicht so tragisch, oft hatte man schon nach dem Raub einiger Kühe, dem Brand eines Dorfes oder dem Schinden einiger Bauern seine „Ehre gewahrt“ und steckte das Schwert wieder in die Scheide.
Friedrich de Wend, genannt der Rote, war ein treuer Kampfgenosse der lippischen Herren, und in der langen Fehde gegen die Braunschweiger, wo es besonders um Vornholte herum heiß herging, stand Friedrich wacker seinen Mann. Seine beiden Söhne Friedrich und Heinrich waren ebenfalls auf dem Posten, und Friedrich hat in der blutigen Soester Fehde 1447 dafür gesorgt, daß sich an Varenholz kein Böhme heranwagte, ja, er hat dem bedrängten Bernhard VII., als ihn die Böhmen auf dem Blomberge fangen wollten, noch Männer und Armbrüste geschickt. Leider hatten die Böhmen schon ganze Arbeit gemacht und konnten ohne sonderliche Mühe die kleine Wendsche Streitmacht auch noch einkassieren und Lösegeld erpressen. Um 1450 kam dann der Wendsche Besitz an Heinrichs Sohn. Friedrich de W e n d , den Enkel des roten Friedrich. In ihm hat der alte Wendenstamm eine seiner interessantesten Blüten getrieben, war er doch nicht nur Erbe und unermüd- licher Erraffer von Gut und Geld, sondern ein Mann mit kühnen und hochfliegenden Plänen und Zielen. Eine stolze Herren- natur. ehrgeizig und rücksichtslos, aber auch voll unbeugsamer Willenskraft und Klugheit. Seine Standesgenossen haben ihn gefürchtet, die Krämer und Pfaffen haben ihn gehaßt, seinem Lehnsherrn war er unheimlich und gefährlich. Sein Ziel war offenbar, hier an der Weser ein unabhängiger Herr zu werden; sein ganzes öffentliches und verstecktes Handeln, sowie die Wut- und Weheschreie seiner Gegner und Opfer deuten auf dieses Ziel hin. Die noch in fremdem Besitz befindlichen Varenholzer Burgsitze brachte er in seine Hand. Nördlich der Bega suchte er durch Kauf und Tausch so viele Höfe und Kotten und Gerechtsame wie möglich an sich zu bringen.

Stammwappen der von Wendt

Seinem Lehnsherrn Bernhard VII. zur Lippe streckte er nach und nach bis zu 20 000 Goldgulden vor, so daß Varenholz mit allem Drum und Dran fest in seinen Pfandbesitz kam. An der Weser, die damals noch am Varenholzer Burgberge vorbeifloß, errichtete er eine eigene Zollschranke neben der lippischen. Er zog in seinem Gebiet die landesherrlichen Gefälle ein. An den Gerichtsbäumen zu Langenholzhausen, Hohenhausen, Lüdenhausen, Hillentrup und Heiden hing der Schild mit den drei Eisenhüten. Friedrich de Wends Gograf sprach Recht im Namen seines Herrn. Unter dem Hagedorn zu Vornholte aber nahm er selbst seinen Mannen und Lehnsleuten den Treueid ab. Sein Wappen ließ er in die Gotteshäuser schlagen, Glocken und Reliquien, Kelche und Meßgewänder, er nahm sie und gab sie, wie es ihm gefiel.
Ach, es war schon eine tolle Zeit damals. Kein Herr und Richter weit und breit. Der Kaiser Friedrich III., die Schlafmütze, saß in Wien und betrieb Heiratsgeschäfte für seine Kinder. Und die vielen Fürsten und Herren rauften sich herum, brandschatzten die Bauern und erpreßten die Kaufleute. Der Lipper Bernhard vor allem, den sie Bellicosus, den Kriegerischen nannten, war ein toller Raufbold, der nie Ruhe hielt und von einer Fehde in die andere zog. Nun, dem Wenden konnte es nur recht sein, er wußte die Zeit schon zu nutzen. Das Geld, diese Teufelserfindung der neuen Zeit, es lag auf den Straßen, auf den Straßen vor allem hier am Weserstrom! Also nur heran und frisch zugegriffen! Alle die schwer reichen Pfeffersäcke aus Minden und Hameln und weiter herauf und herunter am Strom, mochten sie zu Schiff und zu Wagen ziehen, sie sollten nicht ungerupft davonkommen. So war Vornholte bald das gefährlichste Raubritternest weit und breit. Keine Straße, kein Kaufmannswagen war vor dem Wenden sicher. Bis vor Hameln, ja, bis in die Gegend von Höxter streiften seine vermummten Gesellen, stahlen Vieh und schleppten Plünderware weg. Kaufleute und Priester schrien, daß sie zu Vornholte „gestocket, geplaget und gepeinigt“ seien und daß man ihnen all ihre Habe genommen.
Das Möllenbecker Kloster lag ihm zu nahe und hemmte des Wenden Ausdehnungsdrang. Darum erschlich oder erzwang er vom Mindener Bischof die Belehnung mit zahlreichen Möllenbecker Gütern, namentlich mit den ausgedehnten Waldungen zwischen Heidelbeck und der Weser und mit dem fruchtbaren Marschland im Stromtale. Den Bauern in Langenholzhausen, Tevenhausen und Stemmen räumte er in diesen Wäldern große Gerechtsame ein und hatte sie bei all seinen Taten darum auch stets fest auf seiner Seite. Die Augustinermönche in Möllenbeck wiesen zwar nach, daß der Bischof gar kein Lehnsrecht an diesen Gütern besaß, und der Bischof zog darauf auch die erschlichene Belehnung zurück, aber Friedrich de Wend kümmerte sich nicht darum, und die Güter wurden nie zurückgegeben.
Lange wagten die Lipper nicht, gegen Friedrich de Wend einzuschreiten. Als aber von allen Seiten Proteste kamen gegen des Wenden Übergriffe, als die Anzeichen sich mehrten, daß der Landesherrschaft hier ein großes Gebiet durch einen rücksichtslosen Vasallen entrissen werden sollte, als Städte und Ritter Herrn Bernhard Geld boten, damit er das Joch der Wendschen Pfandschaft abschütteln könne, — da kam es zwischen Bernhard zur Lippe und Friedrich de Wend zum Bruch.

Es muß hier gesagt werden, daß auch Friedrich mancherlei Grund zur Beschwerde hatte. Es war die Zeit, in der sich aus vielen Einzelrechten allmählich die Landesherrschaft herausbildete. Eine genaue Abgrenzung der landesherrlichen Rechte gegenüber denen der Grundherren und Lehnsträger mußte vielfach noch erstritten werden, und daß ein so tatkräftiger und eigenwilliger Vasall wie Friedrich de Wend nicht alle Übergriffe seines Herrn in sein ererbtes und errafftes Eigentum gutwillig hinnahm, ist verständlich.
Friedrich erhielt sein Geld ausbezahlt, und mochte er auch Rache schnauben und Ränke spinnen, mochte er sich gar heimlich mit Bernhards Feinden verbinden, das änderte die harten Tatsachen nicht. Schließlich wurde nach jahrelangen Streitigkeiten nach dem Schiedsspruch der lippischen Räte ein Vergleich geschlossen, der Friedrich zwar viele Zugeständnisse machte und auch seinen großen Allodial- und Lehnsbesitz nicht antastete, in dem jedoch die Lehnshoheit und Landesherrschaft der Lipper fest stabilisiert wurde. So war Friedrich am Ende seines Lebens denn wohl der reichste Herr hier in der Runde, aber das Hochziel seines Strebens, die Schaffung eines eigenen Staates, hat er nicht erreicht. Die Rose der Lipper blieb Herr hier am Weserstrom und nicht die drei Eisenhüte der Ritter de Wend.
Friedrich de Wend war mit Else von Zerßen vermählt, deren Familie im Wesertal ansässig war und auf Vornholte einen Burgsitz hatte. Aus der Ehe ging ein Sohn Florenz hervor. Unter den nordlippischen Bauern, bei denen die Wends noch heute in hohem Ansehen stehen, erhielt sich folgende mündliche Überlieferung: Friedrichs Sohn war ein Trinker zum großen Leidwesen seines Vaters. Eines Morgens kam er in betrunkenem Zustande in seines Vaters Stube und hat diesen durch sein unwürdiges Benehmen schwer gereizt. Der Vater gab seinem Sohne dann eine derartige Ohrfeige, daß er mit dem Kopf an eine scharfe Tischkante gefallen und binnen einer Stunde eine Leiche gewesen ist. Den Vater aber hat das so sehr geschmerzt, daß er die Freude am Leben verloren und nur daran gedacht hat, wie er mit seinem großen Besitz Gutes tun könne. So hat er vor seinem Tode den Bauern dann die großen Waldungen geschenkt.
Die Richtigkeit dieser Überlieferung läßt sich historisch nicht mehr feststellen. Friedrich de Wend und sein Sohn Florenz sind jedenfalls in den Jahren 1485/86 gestorben.
Florenz de Wend hinterließ zwei Söhne, Reineke und Florenz. Der letztere muß ebenfalls früh gestorben sein. Friedrich de Wends Witwe, Else von Zerßen, wurde Vormünderin ihrer Enkel. Sie war eine tüchtige, energische Frau, denn sie nahm in dieser schweren Zeit die Wendschen Belange fest in die Hand. Dennoch konnte sie nicht verhindern, daß der immer geldhungrige Graf Bernhard zur Lippe die Burg Varenholz an fremde Herren in Versatz gab, so 1487 an Statius von Barkhausen und 1497 an Dirik von Halle. Namentlich der letztere hat sich auf Varenholz sehr breit gemacht und auch allerlei Bau- und Besserungsarbeiten ausgeführt.

Am 17. Mai 1502 aber tritt stolz und fest wieder ein Herr de Wend auf den Plan. Es war Friedrichs Enkel, Reineke de Wend. Er wird am genannten Tage von Herrn Bernhard mit den Varenholzer Burgsitzen belehnt, die ja schon der Großvater in Besitz gehabt hatte. Reineke zeigte sich bald als ein kluger und energischer Mann, der es in wenigen Jahren fertigbrachte, den alten Wendschen Besitz nicht nur zu erhalten, sondern auch durch Kauf und geschickte Verträge bedeutend zu erweitern und abzurunden. Im Jahre 1510 kam Varenholz wieder in seine Pfandschaft. Gleichzeitig schloß er mit Herrn Bernhard einen Erbvertrag.

Wenn Reineke, während er Varenholz in Pfandschaft habe, ohne Leibeserben sterben würde, dann sollten seine „Husinghe, Erve und Gut“, zu Varenholz behörig, in den Kirchspielen Langenholzhausen, Hohenhausen, Lüdenhausen und Talle belegen, an Bernhard fallen, der dafür zwei Drittel des Wertes an Reinekes Erben auszahlen sollte. Dieser Vertrag, mit dem der uralte Fuchs Bellicosus sich noch ein Jahr vor seinem Tode das reiche Wendsche Erbe zu sichern suchte, wird für den jugendfrischen und tatenfrohen Reineke damals kaum mehr als eine höfliche Geste bedeutet haben. Gewiß, er war noch ledig, und die Wendsche Sache stand nur auf seinen zwei Augen. Aber er stand kurz vor einer reichen und machtvollen ehelichen Verbindung. „Ick, Reneke de Wend, bekenne vor my un mine husfrouwen, de ick nemede werde . . So beginnt der Vertrag. Reineke vermählte sich bald darauf mit Margarethe von S a 1 d e r n , Tochter aus einem einflußreichen, den Lauenburger Herzogen nahestehenden Rittergeschlecht.

Reineke de Wend – Zeichnung nach dem Denkstein in der Kirche zu Langenholzhausen

Seit dem Jahre 1514 tritt Reineke de Wend bei allen lippischen Verhandlungen als Landdrost des Grafen Simon V. und als Vertreter der lippischen Ritterschaft auf. Bei auswärtigen Händeln war er ein geschickter und vertrauenswürdiger Unterhändler. In den bewegten Zeiten der ersten Reformationsjahre, als überall in Deutschland weltanschauliche und soziale Fragen die Herzen aufwühlten, hielt Graf Simon fest und treu am alten Glauben und suchte seinem Lande all diese Unruhen fernzuhalten. In diesem Bestreben war ihm sein Landdrost Reineke de Wend eine feste Stütze. So scharf er, in echt Wendscher Tradition, auch den Möllenbecker Augustinermönchen auf die Finger klopfte, so sehr hat er doch andererseits durch Auswahl guter Pfarrer und reiche Dotationen für die nordlippischen Kirchen gesorgt. So stiftete er, wohl in der Freude über die Geburt seines Sohnes Simon, seiner Patronatskirche Langen- holzhausen im Jahre 1512 die schöne Helenenglocke, die noch heute ihren Ruf erschallen läßt.

Mit seinen Bauern lebte Reineke de Wend allezeit in gutem Verhältnis. Sonntags nach dem Gottesdienste trat er auf dem Kirchhofe unter sie und besprach mit ihnen die öffentlichen Angelegenheiten. Daß er auch den Schönen des Volkes nicht abhold gewesen ist, bezeugen zwei außereheliche Kinder, ein Sohn und eine Tochter, die er mit Land und Gut väterlich bedachte. Auch mit den Bürgern von Lemgo, wo er ja auch reich begütert und Gerichtsherr von St. Johann war, lebte Reineke de Wend in Freundschaft und half gern mit am gemeinsamen Werk. Als im Jahre 1519 vor dem Neuen Tore ein neues Bollwerk errichtet wurde, ließ Reineke 300 Fuder Steine fahren und durch seine Leute vermauern.

Die entschiedene Stellungnahme für die Reformation, die einige Jahre später Reinekes Sohn Simon kundtat, läßt darauf schließen, daß auch Reineke selbst der neuen Lehre innerlich nicht abhold gewesen ist und daß wahrscheinlich nur die Rücksicht auf seinen Landesherrn ihn zu äußerer Zurückhaltung zwang. Er sollte die Entscheidung nicht mehr erleben. Reineke de Wend starb im Jahre 1535, ein Jahr vor dem Tode seines Landesherrn, dem er allzeit ein treuer Diener gewesen war.

Noch einmal sollte der letzte Sproß dieses Geschlechts, Reinekes Sohn Simon de Wend, den ganzen stolzen Besitz seiner Väter, den auch er noch durch wichtige Neuerwerbungen vermehrte, in seiner Hand vereinen. Reich begabt und gut gebildet, voll inniger Gemütstiefe und mannhaftem Auftreten, so steht er als markige Gestalt unserer Heimat an der Schwelle der Neuzeit. Nur kurz war sein Leben; denn da er nicht vor 1511 geboren ist und schon im Sommer 1548 starb, ist er etwa nur 37 Jahre alt geworden. Seine ganze Kraft gab er seinem Lande und dessen jungen Herrn, dem Grafen Bernhard VIII. Simon de Wend hat für Lippe viel getan und verdient es, zu den größten Söhnen unseres Heimatlandes gezählt zu werden.

Sein Leben fiel in eine unruhige Zeit, Lippe war äußerlich, bis zu Graf Simons V. Tode im Jahre 1536, ein katholisches Land geblieben. Nun aber zeigte es sich, daß auch hier die Herzen am alten Glauben längst wankend geworden waren. Simon de Wend scheint schon früh von der evangelischen Lehre erfüllt worden zu sein, war er doch bei den Verhandlungen der Landstände und der Regentschaft der eifrigste Befürworter der luthersdien Lehre. Die neue Kirchenordnung von 1538 kam mit seiner tatkräftigen Unterstützung zustande. Er persönlich sandte das fertige Werk nach Wittenberg und bat sich Luthers Urteil darüber aus. Bei der Durchführung der von den Reformatoren gut- geheißenen Kirchenordnung stand Simon wiederum an der Spitze und sah in den Kirchen des Nordens selbst nach dem Rechten. Eifrig war er bemüht, Pfarrer und Laien aufzuklären. Er vertiefte sich selbst eingehend in die gottesdienstlichen Fragen. Als das Reformationswerk in andern Landesteilen nicht weiterkam, sorgte Simon de Wend durch geschickte Vermittlung bei dem Landgrafen Philipp von Hessen dafür, daß dessen tüchtiger Theologe Antonius Corvinus für einige Zeit als Visitator nach Lippe kam.

Auch sonst war Simon für das Land und die gräfliche Familie unablässig tätig. In den Hungerjahren 1538 und 1539 tat er alles, die Not zu lindern und wirkte für die gesamte Ritterschaft so vorbildlich, daß sie trotz der alten Privilegien, auf die sie sonst so gerne pochte, sich nach Kräften bereit fand, die schweren Lasten des Lan- des tragen zu helfen.

Graf Bernhard war noch minderjährig und wurde am Hofe Philipps von Hessen erzogen. Damit er aber seinem Lande nicht entfremdet würde, reiste Simon de Wend nach Warburg, wo er den langjährigen Grafen aus der Hut Philipps entgegennahm und ihn in festlichem Zuge nach Detrnold einholte. Anschließend hatte ihn Simon auch in Varenholz zu Gast. Bei seiner Begegnung mit Philipp von Hessen hat Simon diesem vielleicht auch einen Plan auszureden versucht, den der Landgraf verschiedentlich bei den lippischen Räten vorgebracht hatte, nämlich ihm als dem Lehnsherrn Lippes die Burg Varenholz und den lippischen Weserzoll zu überlassen. In seinem Streit mit dem Herzog von Braunschweig suchte Philipp einen festen Platz an der Weser zu bekommen. Aber weder Lippe, das feste Verträge mit Braunschweig hatte und nicht in Kämpfe verwickelt werden wollte, noch vor allem auch Simon de Wend, der seine ureigensten Interessen bedroht sah, konn- ten einem solchen Plane zustimmen.

Simon de Wend – Zeichnung nach dem Denkstein in der Kirche zu Langenholzhausen

Simon hatte viel Geld in seinen Pfandbesitz gesteckt und hatte Varenholz zu einem prachtvollen Herrensitz ausbauen lassen. Das im Stil der Spätgotik errichtete Mittelstück der Vorderfront ist sein Werk. Der große Festsaal im Obergeschoß trägt die Jahreszahl 1541. Auf die Befestigung des seit 1510 unablässig in Wendschem Pfandbesitz befindlichen Schlosses war er stets bedacht. Dies sein und seiner Väter Werk würde er auf keinen Fall fahrenlassen! Durch geschicktes Ausweichen und durch die dringende Bitte, doch die Unmündigkeit des Grafen zu berücksichtigen, suchte man Philipp hinzuhalten, der vor einer glatten Wegnahme dann doch zurückschreckte.

Die nächsten Jahre bis zu Simons Tode sind erfüllt von Waffenlärm ringsum und von Sorge und Unruhe daheim. Das kleine Land war wie in allen Kriegszeiten auch damals nur ein Spielball in den Händen der sich streitenden Parteien. Man durfte mit keinem halten, und man durfte es mit keinem verderben, eine strikte Neutralität aber konnte man erst recht nicht durchführen. So haben die Lipper denn immer die Faust des Siegers und die Rache des Besiegten spüren müssen. Die Vertreter des kleinen Ländchens aber hatten immer einen schweren Stand, brachten sie zu den Verhandlungen doch kaum mehr mit, als bewegliche Klagen und wehleidige Bitten.

Dieses harte und für einen aufrechten, stolzen Mann so entwürdigende Los ist auch Simon de Wend nicht erspart geblieben. Nach Kleinkriegen zwischen katholischen und evangelischen Fürsten, bei denen auch Lippe wieder und wieder in Mitleidenschaft gezogen worden war, brachten die Jahre 1546 und 1547 die Abrechnung des Kaisers Karl V. mit dem Schmalkaldischen Bunde. Philipp von Hessen, eines der Häupter der Protestanten, rief seinen lippischen Lehnsmann zu den Waffen. Kaiser Karl aber befahl, den „Empörern“ auf keinen Fall Beistand zu leisten. Im Vertrauen auf die Stärke der Protestanten, die noch im Vorjahre große Jubelfeiern gehalten hatten, ließ sich Lippe denn doch verleiten, dem Landgrafen eine kleine „Streitmacht“ zu schicken. Es sollen 23 Mann gewesen sein! Doch schon im Januar 1547 standen die Kaiserlichen bei Bielefeld und drohten ins Lippische ein-zufallen.

Simon de Wend bot seine Knechte und Bauern auf und ließ Varenholz in Verteidigungszustand setzen. Hermann von Mengerssen rüstete in Detmold. Dann ritten die beiden, zusammen mit Christoph von Donop und dem Kanzler Bernhard von der Lippe ins kaiserliche Lager. Doch als die kaiserlichen Kommissare in hochmütiger Verachtung tagelang auf sich warten ließen, kehrten Simon und Mengerssen schleunigst nach ihren Rüstplätzen zurück, wo ihre Abwesenheit nötiger war. Indessen mußten die beiden andern die harten Kapitulationsbedingungen entgegennehmen. Graf Bernhard sollte sofort ins kaiserliche Hoflager reiten und um Verzeihung bitten. Lemgo und Detmold sollten von kaiserlichen Truppen besetzt werden. Lippe sollte kaiserliches Lehen sein. Innerhalb von 14 Tagen sollte eine Kontribution von 30 000 Goldgulden gezahlt werden! Die kaiserlichen Truppen aber rückten bereits nach Lippe ein, und das Hauptquartier wurde nach Salzuflen verlegt. Von dort sollte, wie man drohte, der rote Hahn durch das Land fliegen!

Nun springt wieder Simon de Wend ein. Es gelingt ihm, die Kontribution auf 10 000 Gulden herabzuhandeln. Mit den übrigen Verhändlern wird er „Bürge und Selbstschuldner“ mit der Verpflichtung, sich bei Nichterfüllung des Vertrages mit vier Pferden in Antwerpen oder Brüssel dem Kaiser zu stellen. Unter größten Opfern aller Stände — Simon selbst ging mit bestem Beispiel voran — gelang es, den Kaiserlichen den Rachen zu stopfen und das drohende Verhängnis abzuwenden.

Im Sommer 1547 hatte der Kaiser alle seine Gegner zu Boden geworfen und schrieb nun einen „geharnischten Reichstag“ nach Augsburg aus, um den Frieden zu diktieren. Nach Detmold kam ein kaiserliches Mandat, in dem neben anderen Bedingungen nochmals 8 000 Reichstaler Kriegskosten gefordert wurden. Wieder- um wurde bei Nichterfüllung mit Acht und Oberacht gedroht.
Es mußte alles versucht werden, diese unerträglichen Erpressungen herabzudrücken. Unmöglich aber konnte man den jungen Grafen zum Kaiser reisen lassen. So sprang wiederum der bewährte Simon de Wend in die Bresche. Zusammen mit dem rechtskundigen Johann Grote von Horn reiste Simon als lippischer Drost und Bevollmächtigter nach Augsburg, die Gnade des Kaisers wieder zu erlangen und die unerschwingliche Kontribution abzuwenden.

Kaum jemals hat sich ein lippischer Gesandter redlicher und unermüdlicher für das Lipperland eingesetzt. Das Landesarchiv bewahrt die langen Berichte beider Gesandten und die von Simons Schreiber Martin sorgfältig abgeschriebenen Verhandlungsprotokolle auf, und aus all diesen vergilbten und verstaubten Akten quillt noch heute empor die mannhafte Haltung, die staatsmännische Klugheit und die rastlose Treue dieses größten Sohnes des alten Wendengeschlechts.

Ja ein Zorn kochte in den aufrechten Männern über die scheußlichen Zustände, die hier herrschten. Sie hatten den Eindruck, nicht auf einem deutschen, sondern auf einem spanischen Reichstag zu sein. Den unterworfenen Städten und Ländern wurden vom Kaiser ungeheure Kontributionen und Schmiergelder ausgepreßt. Der Übermut und Hohn der Räte gegenüber den mit leeren Händen kommenden lippischen Gesandten war unerträglich. Simon selbst mußte eine Anleihe von 350 Talern aufnehmen, um die stets offenen Hände der kaiserlichen Kreaturen zu füllen. Dazu waren die sanitären Zustände in der von Menschen wimmelnden Stadt geradezu katastrophal. „Schwere Pestilenzien, böse, vergiftete, stinkende Luft, mit Franzosen (Syphilis) und andern Blattern und Ungelücke ist hier genugsam vorhanden. Des Tages 60, 70 Tote ist hier ein Kinderspiel!“ Ist es ein Wunder, wenn Simon nach all seinen mühevollen, kostenreichen und ach so vergeblichen Audienzen beim Kaiser und den Großen des Reiches ausruft: „Ich bin es die Tage meines Lebens noch an keinem Orte so überdrüssig gewesen als hier und besorge dennoch, es möge von etlichen gesagt werden, wir lägen hier lange, verzehrten unserm gnädigen Herrn viel Geld und richteten nichts aus.“

Was die Gesandten erreichten, war die Gnade des Kaisers, wenn die 8 000 Reichstaler bezahlt seien! Außerdem wurde eine Urkunde ausgefertigt, nach der der Graf sein Land und seine Schlösser von Kaiser und Reich zu Lehen nahm. Am 23. Februar 1548 fand die feierliche Belehnung statt, und Simon de Wend empfing aus des Kaisers Hand das pergamentene Diplom mit den großen Siegelkapseln. Nachdem dann sechs Tage später die mühsam zusammengekratzten 8 000 Taler abgeliefert waren, traten die Gesandten, die fast ein Vierteljahr lang sich abgemüht, den Heimweg an.

Nur etwa drei Monate hat Simon de Wend die Rückkehr aus Augsburg überlebt. Am 12. Juni 1548 meldet er dem Grafen, daß er an schwerer Krankheit liegt, „als dat ick mich des tätlichen abganges vermodden muth“. Er erinnert seinen Herrn an die treuen Dienste, die sein Vater und er selbst den lippischen Grafen geleistet hätten und bittet, seiner Mutter nach seinem Tode eine im einzelnen aufgeführte Leibzucht zu sichern.
Simon de Wend fand in der Kirche zu Langenholzhausen, der Begräbnisstätte seiner Vorfahren, neben seinem Vater Reineke seine letzte Ruhestatt. Der schlichte Altartisch steht auf den Grabsteinen der beiden. Das prachtvolle Epitaph zeigt ihn in voller Ritterrüstung. Ein offenes, mannhaftes Gesicht, ein letzter Streiter eines Geschlechts, dessen Varenholzer Linie mit ihm erlosch.

Sein kinderloses Abscheiden war für die armen lippischen Grafen ein unerhörter Glücksfall. Das gewaltige Wendsche Erbe, nun konnte es in die Scheuern gebracht werden. Zwar lebte bis 1560 noch Simons Mutter, Margarethe von Saldern. Gestützt auf ihre zahlreiche und einflußreiche Verwandtschaft, ließ sie sich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Sie erwirkte sogar mehrere Mandate des Reichskammergerichts gegen die Übergriffe des lippischen Amtmannes zu Varenholz. Die umfangreichen Verhandlungen mit ihr und ihren Erben fanden in dicken Aktenbündeln ihren Niederschlag. Nach langen Schiedsgerichtsverhandlungen traten die Erben im Jahre 1563 gegen Zahlung von 100 000 Joachimstalern den gesamten Wendschen Besitz an den lippischen Grafen ab.
All die Güter und Gerechtsame, die ein kühnes, rücksichtsloses und tatenfrohes Geschlecht in jahrhundertelangem Schaffen aufeinandergetürmt — der jähe Tod des Letzten warf sie dem Landesherrn in den Schoß! Lippe erhielt durch das Wendsche Erbe, das außer dem zahlreichen Streubesitz im ganzen Lande fast den ge- samten Norden zwischen der Bega und der Weser umfaßte, die willkommene Abrundung und eine erhebliche Mehrung seiner Einkünfte, die sich in allen Krisenzeiten der folgenden Jahrhunderte als wertvoller Rückhalt erweisen sollten.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1951 – Von Wilhelm Süvern