Die romanischen Dorfkirchen in Lippe

Evangelisch-reformierte Kirche in Lemgo-Brake. Quelle: Wickipedia,Tsungam

Wenn an den Feiertagen die Glocken zum Kirchgang rufen, so beleben sich auf dem Lande die Straßen und Feldwege mit den Kirchgängern. Viele haben die Kirche gleich im Dorfe, aber zahllose andere müssen einen tüchtigen Weg zurücklegen, um zu ihrem Gotteshaus zu kommen. Besonders im Westen unseres lippischen Landes liegen die Kirchen weit voneinander entfernt, und erst in neuester Zeit hat man sich, angesichts der wachsenden Bevölkerung, bemüht, die Lücken zu schließen. Im östlichen Teil des Landes dagegen liegen die Kirchen viel dichter zusammen, hier hat fast jedes größere Dorf sein eigenes Gotteshaus. Wie ist dieser Unterschied zu erklären?

Es ist schon des öfteren bemerkt worden, daß von altersher eine Grenzlinie mitten durch das lippische Land geht, die in den verschiedensten Formen — besonders in der Siedlungsform, in der Verteilung des Grundbesitzes und in den Volksbräuchen — zum Ausdruck kommt. Westlich der Linie Lemgo—Detmold ist das Land flacher und ebener, mehr dem Verkehr aufgeschlossen. Hier wird das Bild beherrscht von den in die Landschaft verstreuten einzelnen Bauernhöfen, es ist der ausgesprochen westfälische Landschaftscharakter. Im östlichen Lippe dagegen, in der bergischen Landschaft, haben sich die Menschen in geschlossenen Haufendörfern angesiedelt, wie es auch in dem anschließenden niedersächsischen Gebiet der Fall ist. In diesen unterschiedlichen Verhältnissen wird die Grenzlage Lippes deutlich, und es ist anzunehmen, daß hier in alten Zeiten eine Stammesgrenze zweier verschiedener Germanenstämme lag.

In vorchristlicher, sächsischer Zeit bildeten sich die Gaue, die einen bestimmten Bezirk von Dörfern und Höfen umfaßten und einen Mittelpunkt hatten, an dem regelmäßig die Volksversammlung, das „Goding“ stattfand, wo das Gericht gehegt wurde und das Heiligtum für den religiösen Kult bestand. An diesen Gauzentren wurden nach der Christianisierung die ersten Kirchen gegründet. Nur im westlichen Teil unseres Landes hat sich diese alte Gaueinteilung bis in die geschichtliche Zeit erhalten und ist in die Organisation der Kirche übernommen worden. Wir wissen, daß für den Agau Schötmar das Zentrum war, Oerlinghausen für den Havergo, St. Johann vor Lemgo für den Limgo, Detmold für den Theotmalli-Gau, und der Pfarrbezirk dieser „Gaukirchen“ deckte sich in alter Zeit mit dem Gau. Anders im östlichen Teil Lippes: Hier muß das Bewußtsein der Gaueinteilung schon früh verlorengegangen sein, statt dessen trat die Dorfgemeinschaft in den Vordergrund, und so ist es zu verstehen, daß hier in den geschlossenen Dörfern verhältnismäßig viel mehr Kirchen errichtet wurden als in den westlichen Gauen. Freilich gab es auch im Osten Unterschiede: Es gibt auch heute noch einerseits „Mutterkirchen“ mit großem Pfarrbezirk, wie Cappel, Reelkirchen und Bösingfeld, und andererseits „Filialkirchen“ oder Kapellen, die nur für das eigene Dorf zuständig sind bzw. waren, wie Brake, Meinberg und Wöbbel.

Wir wollen uns nun im folgenden mit den ältesten in Lippe erhaltenen Kirchen- bauten beschäftigen und der Frage nachgehen, aus welcher Zeit sie stammen. Die ersten Kirchenbauten nach Aufnahme des Christentums wurden sicherlich in der den Germanen gewohnten Holzbaukunst errichtet, von ihnen ist natürlich nichts erhalten; bei der Vergänglichkeit des Materials reichen die in Lippe heute bestehenden Fachwerkbauten nicht über das Jahr 1500
zurück. Erst allmählich, als man die Technik der Steinbearbeitung erlernte, ging, man daran, die Holzbauten durch dauerhafte monumentale Steinbauten zu ersetzen. Dies geschah in Lippe offenbar erst, ziemlich spät, im 12. Jahrhundert. Der Grund liegt wohl darin, daß unser Land abseits von den Hauptverkehrsstraßen mit ihren Kulturzentren lag, daß es damals keine Klöster oder Stifter gab und auch die Städte erst ziemlich spät — als erste Lemgo um 1190 — entstanden sind.

Als älteste Zeugen des romanischen Baustils stehen noch die Türme in Stapelage, Talle und Hohenhausen. Als sie erbaut wurden, waren ihre Kirchenschiffe vielleicht noch in Holzfachwerk errichtet. Aus der Folgezeit sind einige Kirchen vollständig erhalten geblieben: Meinberg, Donop, Brake, Elbrinxen und Reelkirchen. Wesentliche Teile der alten romanischen Anlage sind erhalten in Heiligenkirchen,  Heiden, Hohenhausen und Talle. Alle diese Kirchen haben noch ihre romanischen Kirchtürme. Außerdem sind nur die alten Türme erhalten in Lüdenhausen, Sonneborn, Wöbbel und Schlangen. Den ursprünglichen Eindruck haben wir heute noch am besten von den Kirchen in Donop und (wenigstens im Äußern) in Elbrinxen, die beide von späteren Erweiterungen verschont geblieben sind. Die romanischen Dorfkirchen waren, entsprechend der geringen Bevölkerungsdichte der damaligen
Zeit, nur sehr klein, so daß sie mit der zunehmenden Menschenzahl nicht mehr den Ansprüchen genügen konnten. Sie wurden daher erweitert (wie Reelkirchen, Heiligenkirchen, Meinberg) oder überhaupt abgebrochen und durch größere Neubauten ersetzt (wie Schlangen, Bösingfeld). Um der Raumnot zu steuern, hat man außerdem in das Innere Holzemporen (Priechen) eingebaut, die zwar dem Raum einen traulich-anheimelnden Charakter geben, aber doch die ursprüngliche Wirkung von strenger Wucht und monumentalem Ernst aufheben.

Es ist nicht leicht zu bestimmen, zu welcher Zeit diese romanischen Kirchen und Türme erbaut sind. Baunachrichten fehlen überhaupt aus dieser frühen Zeit. Sogar das Bestehen einer Kirche in den einzelnen Orten ist erst in aufallend später. Zeit urkundlich belegt, obwohl sie auf Grund ihrer Bauformen schon lange bestanden haben müssen. Ausnahmen bilden nur die Silixer Kirche mit der sagenhaften Überlieferung, daß sie um 898 gegründet
worden sei, wie noch heute aus einer Inschrift an der Kirche hervorgeht, ferner Heiligenkirchen, das als Ort 1015 genannt wird und wo aus dem Ortsnamen auf das Bestehen einer Kirche geschlossen werden muß, und schließlich die Detmolder Kirche, die in der Zeit Bischof Meinwerks (1015—1036) urkundlich erwähnt wird. Aber dann folgt erst 1185 die Erwähnung der Kirche in Stapelage, um 1210 Oerlinghausen und erst 1231 Lemgo-St. Johann, Cappel, Reelkirchen und Wöbbel. Alle übrigen Kirchen, die auch schon früher bestanden haben müssen, werden erst in späterer Zeit genannt, Meinberg z. B. sogar erst 1421. Da also urkundliche Nachrichten über das Alter der jetzt bestehenden Kirchen völlig fehlen, läßt sich nur durch Vergleich der Bauformen mit denen anderer Bauten außerhalb Lippes ungefähr bestimmen, in welche Zeit ihre Errichtung fällt. Für die spätesten Bauten der romanischen Zeit ist die Datierung sicherer, da sie sich mit dem ersten großen Kirchenbau in Lippe, der Nikolaikirche in Lemgo, vergleichen lassen, deren Bauzeit in die Jahre zwischen 1210 und 1240 fällt und deren Bauformen sich z. B. auf Reelkirchen und Oerlinghausen ausgewirkt haben.

Der Turm

Auf Grund ihrer einfachen und schlichten Formen lassen sich die Kirchtürme in Stapelage, Talle und Hohenhausen als die ältesten erhaltenen bestimmen, die wahrscheinlich aus der Zeit um 1100 stammen. Ihr Grundriß zeigt unter den lippischen Kirchtürmen die kleinsten Maße (4,65 bis 5,20 m im Quadrat), ihre Mauerstärke ist mit etwa 0,90 m die geringste. Daher wirken diese Türme auffallend schlank — im Gegensatz zu den wuchtigen späteren Türmen —, zumal Talle und Hohenhausen im Mauerwerk (also ohne Helm) die normale Turmhöhe von 15 m haben. Alle drei Türme haben im Erdgeschoß ursprünglich kein Gewölbe (in Talle und Hohenhausen ist es später eingezogen worden), ihr Inneres diente also nur dazu, die Treppe zur Glockenstube und zum Dachboden aufzunehmen. Nur das oberste Geschoß, also die Glockenstube, ist von Öffnungen durchbrochen, um den Klang der Glocken hinauszutragen. Es sind einfache rundbogige Fenster, in Talle an allen vier Seiten je zwei, in Stapelage an zwei Seiten je zwei und in Hohenhausen (wo die Fenstergewände später verändert sind) an jeder Seite eine Öffnung.

Dieselben schlichten Fensteröffnungen in der Glockenstube haben auch die Türme in Heiden, Donop und Lüdenhausen. In Heiden ist allerdings der Turm später um ein Geschoß erhöht worden, so daß die alten Fenster unterhalb der jetzigen Glockenstube sitzen, aber gerade dadurch sind sie von einer nachträglichen Veränderung verschont geblieben und geben eine Vorstellung davon, wie wehrhaft geschlossen diese Turmblöcke ursprünglich wirkten. Die Donoper Glockenstube hat überhaupt nur zwei — allerdings größere — Fensteröffnungen. Im Gegensatz zu den schlanken und schmächtigen ältesten Türmen machen aber diese bereits denselben wuchtigen Eindruck wie die späteren Türme. Alle diese Türme sind anscheinend nach einem bestimmten Proportionsgesetz gebaut: Ihre Höhe im Mauerwerk ist ungefähr gleich der Summe ihrer Länge und Breite (z. B. Donop: Längedes Turms 6,80 m, Breite 5,60 m, Höhe 12,60 m). Nur der Turm in Sonneborn ist im Verhältnis zu niedrig und der in Heiligenkirchen beträchtlich höher.

Oben: Südportal der Nicolaikirche Lemgo
Links davon Tierbilder: Löwe, Fabeltiere, Löwe und Drache.
Rechts davon: Drei Köpfe auf einem Untergrund (Dreifaltigkeit) und vogelartiges Ornament (Pelikan).

 

In den Türmen von Heiden, Donop und Lüdenhausen ist nun — und das ist der Grund ihrer wuchtigen Bauweise — das Erdgeschoß mit einem Gewölbe in Form einer Halbkreis-Tonne überdeckt. Damit wurde ein wichtiger Schritt vollzogen, der überhaupt für den westfälischen Kirchenbau charakteristisch ist: Der Turm-Unterbau dient nicht als Treppenhaus, sondern wird Teil des Kirchen-Innenraums und mit einem breiten Bogen zum Kirchenschiff geöffnet. Im großen sehen wir dies z. B. an den Türmen der Lemgoer Nikolaikirche und der Herforder Münsterkirche, wo im Innern kaum etwas davon zu merken ist, daß ‚die westlichen Seitenschiffs joche die Türme tragen. Unter diesen Umständen mußte eine andere Möglichkeit geschaffen werden, um auf die Glockenstube und den Dachboden zu kommen. Bei den späteren Türmen ist darum meist von vornherein die Mauer an der einen Seite besonders dick und darin eine Treppe versteckt, die über das Turmgewölbe hinaufführt. In Heiden ist eine solche Mauertreppe nach- träglich eingebaut worden. Wie in Donop und Lüdenhausen der Aufgang war, ist ungewiß, ebenso bei den späteren Türmen, die bei gewölbtem Erdgeschoß auf eine Mauertreppe verzichten (Brake, Lage, Oerlinghausen). Die Treppe läuft geradlinig in den Mauern hoch; Wendeltreppen finden sich erst in späterer Zeit, und nur in den Städten (Lemgo: St. Johannisturm und Marienkirche; Salzuflen).

Die Wölbung im Erdgeschoß des Turms mag noch einen besonderen Grund gehabt haben. Als im Mittelalter Kriegshorden und Räuberbanden das Land durchstreiften, dienten die Kirchen als Zufluchtsort für die Landbevölkerung, wo sie sich hinter dicken, unzugänglichen Mauern in Sicherheit bringen konnte. Daher die kleinen und hochsitzenden Fenster, daher auch die Vorrichtung, mit einem vorgelegten Balken von innen die Kirchentür verrammeln zu können, wie es noch heute z. B. in Elbrinxen an den Mauerlöehern zur erkennen ist. Mit Sicherheit wissen wir es von Heiden, daß hier die Kirche mit dem ummauerten Friedhof eine „Kirchenburg“ bildete. Und insbesondere der Kirchturm war dazu wie geschaffen, als letzter Zufluchtsort zu dienen, zumal wenn ein starkes Gewölbe die Obergeschosse abtrennte und die schmale Mauertreppe leicht abgesperrt werden konnte. Es ist kennzeichnend, daß diese Mauertreppen niemals von außen, sondern immer nur vom Innenraum aus zugänglich sind. Als Besonderheit ist in diesem Zusammenhänge noch der Turm in Elbrinxen zu erwähnen,: Hier sind auffallenderweise zwei Geschosse des Turmes eingewölbt, eine Mauertreppe gibt es aber nur im Obergeschoß.

Oben links: Kirche in Hohenhausen (1875).
Mitte links: Kirchturm in Wöbbel (1864) nach Zeichnung von E. Zeiß
Unten links: Portal an der Kirche Reelkirchen
Oben rechts: Kirche in Heiligenkirchen.
Unten rechts: Portal an der Kirche in Heiligenkirchen.

Die größte Gruppe bilden die Kirchtürme aus der spätromanischen Zeit, die etwa zwischen 1200 und 1240 entstanden sind: Elbrinxen, Reelkirchen, Wöbbel, Brake, Heiligenkirchen und Schlangen. Für diese sind zwei Merkmale charakteristisch: Sie haben im Erdgeschoß ein Kreuzgewölbe (natürlich noch ohne Rippen), das als Durchdringung zweier Halbtonnen schwieriger zu konstruieren war als das einfache frühe Tonnengewölbe. Es bot aber den Vorteil des geringen Druckes auf die Mauern und einer größeren Raumhöhe, so daß an den Seiten auch Fenster oder Türen angelegt werden konnten. Diese Kreuzgewölbe wurden ohne Wandvorlagen zwischen die Mauern gespannt. Nur in Heiligenkirchen, diesem besonders kunstvoll ausgeführten Turm, ruht das Gewölbe auf abgetreppten Wandpfeilern. Hier ist auch das Gewölbe zwischen kräftige Wandbögen eingespannt, die bereits — ein Zeichen der eindringenden Gotik — leicht gespitzte Form haben.

Das zweite Merkmal des spätromanischen Stils ist im Äußern weithin sichtbar: In die Öffnungen der Glockenstube sind Säulchen eingestellt, die zwei kleine Rundbögen tragen. Hierin kommt der Sinn für zierliche Einzelformen zur Geltung, wie ihn die Spätzeit des romanischen Stils mit sich brachte. So haben Reelkirchen und Wöbbel an drei Seiten je eine solche Fensterarkade, in Brake und Elbrinxen sind es an zwei Seiten je zwei. Die reichste Gruppierung zeigen die Türme in Schlangen und Heiligenkirchen, wo das Glockengeschoß an den Hauptansichtsseiten in je zwei Fensterarkaden aufgelöst ist und auch das Geschoß darunter je eine Fensterarkade zeigt. Dabei konzentrieren sich in Heiligenkirchen die Öffnungen auf die dem Dorfe zugewandte Ostseite des Turms, während die dem Dorfe abgewandte Westseite völlig geschlossen ist. In Schlangen sind die meisten Fensterarkaden an der Nord- und Südseite, während an der dem Dorf abgewandten Ostseite nur zwei kleine einfache Fenster sitzen. Wir sehen hier also, wie die wirkungsvolle Durchgliederung des Turmblockes bewußt auf den Beschauer abgestellt ist. — In seinen Ausmaßen übrigens erscheint der Turm in Heiligenkirchen als der Riese unter den lippischen Kirchtürmen — wie umgekehrt der Stapelager gewissermaßen der Zwerg ist.

Mit den besonders eindrucksvollen Türmen zu Schlangen und Heiligenkirchen endet die Zeit der romanischen Kirchtürme — und auch die spätere Zeit hat diese nicht zu überbieten vermocht. Im Gegenteil, die gotischen Türme verraten weniger Sinn für künstlerische Durchbildung. So hat der wehrhafte Turm als weithin sichtbares Symbol des Gotteshauses gerade in romanischer Zeit seine vollendete Ausprägung erfahren, und zweifellos ist der Turm in Heiligenkirchen das schönste Beispiel romanischer Baukunst auf lippischem Boden.

Inneres der Kirche in Meinberg

Noch stärker als das Mauerwerk bestimmt allerdings der Turmhelm das Gesicht des Turms in der Landschaft. Da diese Helme wegen ihres vergänglichen Materials in besonderem Maße der Verwitterung und der Vernichtung durch Sturm oder Blitzschlag ausgesetzt sind, dürfte keiner mehr in seiner Substanz in die romanische Zeit zurückreichen. Immerhin gibt es noch einige, welche die alte Form offenbar getreu bewahrt haben: Heiligenkirchen, Meinberg,
Donop und Talle. Es sind einfache pyramidenförmige Dächer, wie sie in ihrer ruhigen Geschlossenheit dem gedrungenen Unterbau angemessen sind. Der Stapelager Helm ist schon erheblich schlanker und spitzer. Den jüngeren, gotischen Typ mit Brechung in das Achteck zeigen Schlangen, Elbrinxen und Lüdenhausen sowie Cappel mit seiner geradezu nadelförmig hochgezogenen Spitze, und schließlich als Sonderfall Heiden mit seltsamer Drehung der Grate,
so daß der Helm zu rotieren scheint. Anscheinend ist diese Drehung nicht nur als Zierform, sondern auch als Schutz gegen Winddruck erdacht. Bemerkenswert ist auch der Wöbbeler Turm mit seinem spätgotischen Treppengiebel und einem Renaissance-Helm als Dachreiter. Weniger zum Unterbau passen die unruhigen Barockhelme in Brake und Reelkirchen, obwohl sie mit ihren bizarren Umrißlinien dem erhalten sind und an deren Stelle heute ein nüchternes Weiß getreten ist. Gewiß mag sich in den Kirchen der Fußboden im Laufe der Jahrhunderte erhöht haben, aber es ist bezeichnend — man muß es sich nur einmal klarmachen —, daß etwa in der Meinberger Kirche die Wandpfeiler, also die tragenden Stützen, nur 1,80 m hoch sind, während darüber die Wölbung in einer Höhe von 5 m hinaufsteigt, also fast dreimal so hoch ist wie die tragenden Pfeiler.

Im Grundriß und Aufbau hatte der romanische Stil das Prinzip, die einzelnen Teile der Kirche klar aneinanderzufügen, sie gewissermaßen wie aus Blöcken eines Steinbaukastens zusammenzusetzen. Am besten kommt dies in den Kirchen von Donop und (im früheren Zustand) von Meinberg zum Ausdruck: Im Westen der  Turm, in der Mitte ein breiteres Kirchenschiff für die Gemeinde und im Osten der schmale und niedrigere Chor für den Altar. Der romanische Stil bevorzugt für den Grundriß das Quadrat. In Donop und Meinberg sind Turm und Chor quadratisch, jedoch wird das Kirchenschiff zu einem Rechteck in die Länge gezogen.

Außenansicht des ursprünglichen Zustandes der Kirche in Donop

Eine andere Lösung bringen Elbrinxen (jetzt ohne Wölbung), Talle (jetzt gotisch umgebaut) und Reelkirchen: Hier sind es zwei Grundrißquadrate im Schiff, an die das schmalere Chorquadrat angefügt ist. Die in anderen Gegenden beliebte runde Altarapsis am Chorquadrat, durch die die Staffelung noch stärker zum Ausdruck kommt, findet sich in Lippe nicht. — Ein dritter Grundrißtyp unterscheidet nicht mehr zwischen Schiffs- und Chor joch, vielmehr wird ein einheitlicher Raum von zwei Grundrißquadraten gebildet. So in den ursprünglichen Anlagen von Brake, Heiligenkirchen und Hohenhausen (Brake ist später durch Seitenschiffe erweitert; Heiligenkirchen hat jetzt gotische Gewölbe und ist durch ein Seitenschiff und Chorjoch erweitert; Hohenhausen ist in gotischer Zeit umgebaut und modern erweitert). Brake ist insofern ein auffallender Bau, als hier der Turm in das quadratische Schema des Innenraumes völlig einbezogen ist; es ist eigentlich eine dreijochige Kirche mit Turm über dem westlichen Joch. — Die Kirche in Brake, größte unter den Dorfkirchen war die in Heiden mit drei Grundrißquadraten für Schiff und Chor (hiervon sind Wandpfeiler und Bögen an der Südseite des jetzigen Mittelschiffes erhalten). In der fehlenden Differenzierung zwischen Schiff und Chor macht sich offenbar die westfälische Tendenz zum Einheitsraum, also im Sinne der späteren Hallenkirche, bemerkbar.

Kirche in Reelkirchen (Rekonstruktions-Skizze.)

Die Gewölbe sind aus Bruchsteinen in dicker Mörtelpackung hergestellt, eine Methode, die unserem Betonbau ähnlich ist. zumal die Masse auf ein mit Brettern benageltes Gerüst aufgepackt werden mußte. Erst im Laufe der Gotik, etwa nach 1400, kam man dazu, die Gewölbe regelrecht zu mauern. — Die Gewölbe der romanischen Zeit sind „gebust“, d. h. ihre Flächen bilden keine Ebenen, sondern sind aufgebläht, wie Ausschnitte einer Kuppel gekrümmt, und steigen von allen Seiten zur Mitte des Gewölbes an. Es ist anzunehmen, daß die ersten ausgeführten Wölbungen, die sich vom Tonnengewölbe her entwickelten, noch verhältnismäßig flach ausfielen, was einen starken Schub auf die Mauern als Nachteil hatte (z. B. Donoper Chor, Türme in Cappel und Elbrinxen). Aber bald kam man dazu, durch die kuppelförmige Erhöhung den Seitenschub mehr nach unten, also in die Mauern hinein, zu verlagern (z. B. Donoper Schiffsjoch, Meinberger Chor, Brake). Am stärksten steigen die Gewölbe an im Meinberger Schiff, im l Heiligenkirchener Turm und in der Kirche von Reelkirchen. Hier wird der Eindruck erweckt, als seien es Kuppeln, die über dem Kirchenraum schweben. Diese Wölbungsform ist bezeichnend für die späteste Zeit des romanischen Stils. Mit dem Einsetzen der Gotik werden die Gewölbe wieder flacher, man nähert sich wieder der horizontalen Scheitellage, wie sie z. B. in der Sonneborner Kirche erreicht wird. So vollzieht sich in der Wölbetechnik ein eigenartiger Kreislauf.

Jedes Gewölbe wird von Gurtbögen eingefaßt, die von Wandpfeilern getragen werden. Die profilierten Kämpfer, welche die Wandpfeiler nach oben abschließen, sind die einzige, freilich bescheidene Zierform, die wir in diesen Kirchen finden. — Bei späteren Erweiterungen wurden die Wandgurtbögen beibehalten, während die Mauer darunter herausgebrochen wurde (Brake, Meinberg, Heiden).

In jedem Joch befand sich an derNord- und Südseite ein rundbogiges Fenster, außerdem eins in der Mitte der Ostwand. Die Fenstergewände waren abgeschrägt und verengten sich nach der Mitte, wo die Verglasung saß. Da die Öffnungen nur klein waren und wenig Licht einließen, sind sie später fast überall vergrößert worden, wenn nicht überhaupt die Seitenwände bei Erweiterungen herausgebrochen wurden, wobei auch die Fenster verschwanden. Daher sind nur vereinzelt alte romanische Fenster erhalten: In Donop und Meinberg je eines am Chor, in Talle zwei am Chor, in Elbrinxen zwei an der Nordseite des Schiffs, und schließlich ist in Reelkirchen verschiedentlich noch die alte Fensterform zu erkennen.

Grundriß der Kirche in Reelkirchen (Rekonstruktions-Skizze.)

Wie unter den Türmen der von Heiligenkirchen, so ist unter den Kirchenschiffen das von Reelkirchen am reichsten und sorgfältigsten ausgeführt, es ist ein Meisterwerk spätromanischer Steinmetzkunst. Die leicht zugespitzte Form der Bögen verrät hier schon das Herannahen der Gotik, die Bauzeit fällt in die Jahre um 1230. Als einzige unter unseren Kirchen hat Reelkirchen einen reich profilierten Sockel an Schiff und Chor sowie zwei ungewöhnlich
reich verzierte Portale, von denen das frühere Hauptportal an der Südseite später leider größtenteils zerstört bzw. zugemauert ist. Aber das Nordportal ist gut erhalten und stellt mit dem um das Portal oben herumgeführten Sockelprofil, den beiden Säulen am Gewände und dem Bogenfeld mit Blattfriesen und der Halbfigur des hl. Liborius ein ausgezeichnetes Werk spätromanischer Dekorationskunst dar. Erwähnt seien auch die figürlichen Kragsteine am Chorgiebel: Der eine zeigt einen Löwenkopf, der andere einen Engel, der seine Arme auf ein Pult stützt. Reelkirchen ist der einzige unter den hier behandelten Bauten, an dem Ornamentsteinmetzen tätig waren. Vorher gab es offenbar keine in Lippe, und erst durch den Bau der Lemgoer Nikolaikirche wurden sie in das Land gezogen.

Die übrigen erhaltenen Portale aus romanischer Zeit sind viel schlichter. Ihre Gewände haben einen rechteckigen Rücksprung und profilierte Kämpfergesimse, auf denen der Rundbogen sitzt: So an den Türmen in Talle, Reelkirchen und Wöbbel. Eine etwas reichere Form mit doppelter Gewände-Abtreppung zeigen die Turmportale in Heiligenkirchen und Schlangen, letzteres bereits spitzbogig. In Langenholzhausen ist an einem späteren Portal ein romanisches Bogenfeld wiederverwendet worden, auf dem das Kreuzeszeichen als christliches Weihesymbol ausgemeißelt ist.

Schließlich noch ein Blick auf die vier „Gaukirchen“, die sicherlich die ältesten kirchlichen Gründungen (etwa 800—830) in unserem Lande waren. Leider ist hier nichts aus der frühmittelalterlichen Zeit erhalten. Nur die Westmauer der Detmolder Kirche verbirgt noch einen Rest aus alter Zeit. In Oerlinghausen und Lemgo- St. Johann entstanden um 1230—40 Neubauten unter dem Eindruck der damals im Bau befindlichen Nikolaikirche in Lemgo, aber auch hiervon sind in Lemgo nur der Turm, in Oerlinghausen die untere Hälfte des heutigen Turms und die Seitenschiffswände erhalten. Die alte Kirche in Schötmar ist 1850 abgebrochen worden.

Damit haben wir unseren Rundgang durch die lippischen Dorfkirchen beendet. Vielleicht mag es manchem Leser wünschenswert gewesen sein, jede Kirche einzeln für sich zu betrachten. Aber gerade der Vergleich von Formen und Verhältnissen an den verschiedenen Kirchen führt dazu, die Wesensart und die besonderen Eigenheiten der einzelnen Kirchen zu erkennen und so ein tieferes Verständnis für das zu wecken, was sie uns von den alten Zeiten zu sagen haben. Denn das verdienen sie durchaus, wenn sie auch neben den großen und be- rühmten Kirchen klein und bescheiden wirken. Nächst dem Vaterhaus ist es gerade die Kirche, das Gotteshaus, das den Menschen unserer Scholle mit seiner Heimat verbindet und mit dem unser Leben verbunden ist wie das unserer Vorfahren seit Jahrhunderten. Ungeachtet aller Stürme und Unbilden, die im wechselvollen Laufe der Zeiten über unsere Heimat dahingegangen sind, stehen diese alten Kirchlein auch heute noch allsonntäglich im lebendigen Strome der Zeit.

Quelle: Lippischer Dorfkalender 1950 – Von Dr. Otto Gaul