Die Stenebergs und Barntrup (1805 -1925)

Die Stenebergsche Fabrik in Barntrup. Ansichtskarte

August Christoph Steneberg

Wenn das Wirken der Männer geschildert wird, die aus lippischem Boden den wirtschaftlichen Aufbau gefördert haben, die für die Gemeinden, in der sie schafften, eine über den Rahmen des üblichen hinausgehende Bedeutung erlangt haben, dann muß auch der Familie Steneberg in Barntrup gedacht werden. Sie hat einen großen Anteil an der Entwicklung der Stadt, die viel älter ist, als allgemein angenommen wird. Bereits vor Jahren hat sie den Tag gefeiert, an dem ihr vor 550 Jahren Stadtrechte verliehen wurden. Kriege, Brände und der umliegende große Majoratsbesitz derer von Kerßenbrock haben Jahrhunderte hindurch sich einer großzügigen Ausdehnung entgegengestellt Und dennoch setzte sich die kleine Stadt langsam durch. Der entzückende kleine Spottvers, den die übrigen lippischen Städte so gern gebrauchten, verstummte. Er lautete:

  1. Staedtekranz.1
  2. Staedtekranz.2

Barntrup hat gezeigt, daß es tatsächlich noch was will! Auf den Trümmerhaufen nach dem letzten großen Brande in der Mitte des vorigen Jahrhunderts (18. Jahrhundert) wurde in mühseliger Arbeit eine Ortschaft ausgebaut, die an Übersichtlichkeit und Sauberkeit vorbildlich ist. Nachdem die jetzige Stadtverwaltung noch darangegangen ist, die vorhandenen landschaftlichen Möglichkeiten auszunutzen und großzügige Anlagen zu schaffen, wird es sicherlich in absehbarer Zeit auch zu einem gesuchten Ausflugsort werden.

A. Ch. Steneberg 1845 – 1925

Die überwiegend landwirtschaftliche Betätigung der Einwohner bestimmte zusammen mit den handwerklichen Betrieben Jahrhunderte hindurch das äußere Bild der Stadt. Als nun zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Macht der Zünfte gebrochen wurde, als vielfach die Betriebe vom reinen Handwerk zum Verlagssystem übergingen und die Industrialisierung Deutschlands Fortschritte machte, gründete im Jahre 1805 Heinrich Friedrich Christoph Steneberg in Barntrup eine Tabakfabrik. Aus kleinsten Anfängen ist von dem Gründer und seinen Nachkommen ein Unternehmen ausgebaut worden, das einem hohen Prozentsatz der Barntruper Bevölkerung Arbeit und Brot gibt. Es nahm die Bevölkerungsteile auf, die in der Landwirtschaft keinen Platz mehr fanden· Die zahlreichen Ziegler der Gemeinde, die Jahr um Jahr in die Fremde zogen, wurden dort beschäftigt, so daß heute bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 2300 Menschen über 350 in der Firma August Christian Steneberg tätig sind. Rechnet man zu diesen reinen Zahlen der Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Familienangehörigen, die von ihnen ganz unterhalten oder zum mindesten unterstützt werden, so erhellt dies die Bedeutung der Stenebergschen Fabriken für Barntrup.

Unter den bisherigen Inhabern der Fabriken ist Kommerzienrat August Steneberg hervorzuheben, der 1925 kurz nach seinem 80. Geburtstag in Detmold starb. Nicht allein eine der modernsten Zigarrenfabriken mit einer Reihe von Filialabteilungen hatte er in seinem arbeitsreichen Leben ausgebaut, er hatte auch Zeit gefunden, seiner Vaterstadt Barntrup in dreißigjähriger Tätigkeit als Stadtverordneter, Stadtverordnetenvorsteher und Schulvorstand große Dienste zu leisten. Fast zwanzig Jahre gehörte er der Handelskammer an. Seine Arbeit für das Rote Kreuz während des Weltkrieges ist unvergessen. Die Zigarrenfabrik wurde unter seiner Leitung zum Großbetrieb und erlangte als Arbeitgeberin für die Barntruper Bevölkerung die Bedeutung, die sie heute hat.

Im Jahre 1871 übernahm er das Unternehmen von seinem Vater. Der Betrieb dehnte sich Jahr um Jahr weiter aus. Nachdem bereits 1877 durch den Neuerwerb eines Hauses die Beschäftigung von dreißig Arbeitern gesichert war, wurde 1883 mit dem Bau der neuen Fabrikräume begonnen. Die erstaunlich schnelle Vergrößerung der Anlagen, die eine Vervielfachung des Absatzes erforderte, ist nicht hauptsächlich auf die günstige Lage aller Industriezweige nach Beendigung des Krieges von 1870/71 in den sogenannten Gründerjahren zurückzuführen Sicherlich war die damalige Zeit für den Ausbau von Fabriken günstig, an der Spitze des Barntruper Unternehmens stand aber eine Persönlichkeit, die jeden Handgriff, der in der Fabrik getan wurde, bis ins kleinste beherrschte, die streng gegenüber sich selbst und den Mitarbeitern das durchführte, was notwendig und richtig erschien. August Steneberg war dazu ein hochbegabter Kaufmann, der auf lange Sicht seine Entschlüsse faßte und sein Unternehmen durch die allgemeinen Zusammenbrüche, die den Gründerjahren folgten, steuerte, ja sogar trotz schwierigster Verhältnisse in vielen Industriegruppen immer weiter vergrößerte. 1900 erhielt die Anlage eine weitere erhebliche Vergrößerung durch den Bau der Arbeitssäle für Zigarren- und Kautabakherstellung Ein Jahr vorher war die Errichtung einer Filiale in Sonneborn erforderlich geworden. Auch dieses Zweigunternehmen wuchs rasch, so daß 1902 auch dort ein eigener Bau aufgeführt werden konnte, der sich bald bis aus den letzten Platz füllte. Eine Kautabakfabrik in Nordhausen wurde erworben, Filialen in Hohenhausen, Alverdissen, Hagen bei Pyrmont, Deckbergen, Nohden und Karlshafen errichtet.

Sparsamkeit bis zum äußersten war eine der hervorstechendsten Eigenschaften von August Steneberg, der von dem alten Graf-Regenten Ernst wegen der wirtschaftlichen Bedeutung seines Unternehmens den Kommerzienratstitel verliehen bekam. Er verstand es, mit kleinsten Mitteln den größten wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Als er 1912 die Fabrik seinen beiden ältesten Söhnen August und Walter übergab und nach Detmold übersiedelte, tat er es in dem Gefühl, in Barntrup ein Industrieunternehmen aufgebaut zu haben, in dem ein erheblicher Teil der Bevölkerung Arbeit und Brot fand. Die Verbundenheit mit seinem Werk, dessen jetzige Inhaber im Sinne des Vaters stolz darauf sind, einen alten Arbeiterstamm zu haben — über 40 Werksangehörige haben das 25jährige, 40jährige und 50jährige Jubiläum gefeiert —, bekundete Kommerzienrat August Steneberg bereits nach seinem Ausscheiden noch durch die Stiftung eines Fürsorgefonds, aus dem in Not geratene Arbeiter und Arbeiterinnen unterstützt werden können.

Die Stadt Barntrup hat aus der kommunalen Tätigkeit August Stenebergs großen Nutzen gezogen. Aus ihn ist es mit zurückzuführen, wenn Barntrup mit seinen sanitären Anlagen zum Musterbeispiel für andere Städte wurde. An der Schaffung der Kanalisation der Wasserleitung, der Gehbahnen (Gehwege) war August Steneberg beteiligt. Auf ihn geht die Gründung der städtischen Sparkasse zurück, die sich heute zu einem mächtigen Faktor des wirtschaftlichen Fortschritts aller Berufskreise der Stadt entwickelt hat. Er war gleichfalls beteiligt, als die Familie Sundermann ein privates Elektrizitätswerk für Barntrup einrichtete. Sein Wirken im Interesse der Stadt hat reiche Früchte getragen. Er gehört in die Reihe der Männer-, die den wirtschaftlichen Wiederaufbau des lippischen Landes entscheidend befruchtet haben, in die Reihe der stolzen wirtschaftlichen Namen der Weber und Müller in Oerlinghausen, Ernst Blomberg, der Brüggemeyer, Wippermann, von Borries, Paulsen und vielen anderen, deren Wirken Lippe wohlhabend gemacht hat.

Quelle: Menschen vom lippischen Boden : Lebensbilder / hrsg. von Max Staercke, Detmold : Meyer, 1936

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