Die Uffenburg bei Bremke

Wallreste der Uffoburg

Anderthalb Kilometer östlich von Bremke trägt ein gegen Südwesten vorgestreckter Ausläufer des Rintleschen Hagens, der sogenannte Schloßberg, die wohlbehaltenen Reste einer alten Befestigungsanlage, welche man vielfach in älterer wie in neuerer Zeit für eine Burg des edlen Uffo abgesehen hat, der im 9. Jahrhundert n. Chr. gelebt haben soll.

Die älteste uns erhaltene Nachricht von dem Edlen Uffo finden wir in Hermann von Lerbekes Chronicon episcoporum Mindensium (abgedruckt in Leibnitz, Scriptorum Brunsvicensia illustrantium tomus secundus S. 157 – 211). Hermann von Lerbeke, ein Geistlicher der St. Paulskirche zu Mindesn, lebte in der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. und soll um das Jahr 1404 gestorben sein; nach seinem Tode ist die Chronik von Anderen bis zum Jahre 1473 fortgeführt, und es ist nicht immer leicht, zu unterscheiden, was von ihm und was von seinen Nachfolgern herrührt, da letztere ihre Zusätze nicht nur am Ende hinzugefügt, sondern auch hier und da in den alten Text eingeschoben haben.

Für uns kommt das fünfte Kapitel der Chronik in Betracht, welches die Regierungszeit des Bischofs Drogo von Minden (bis 904) behandelt. Darin wird erzählt, daß im Jahr 896 bei Möllenbeck im Gau Osterburg im Kirchspiel Aecriste, z. Z Eckersten (gegenwärtig Exten) von der edlen Frau Hilteborch oder Hilborch und einem Priester Namens Foleart ein Nonnenkloster gegründet und Init Gütern ausgestattet ist, daß Bischof Drogo das Kloster unter seinen Schutz genommen und ihm gleichfalls Güter überwiesen hat, und daß endlich Kaiser Arnulf (896) und nach ihm Otto II. (987) und Heinrich II. (1003) demselben Schutzbriefe erteilt haben.

Man wird annehmen dürfen, daß diese Nachricht von Hermann v. Lerbeke herrührt, der sie offenbar aus den uns erhaltenen kaiserlichen Schutzbriefen, welche u. a. in das »Directorium super bona Molenbeke« Aufnahme gefunden haben, zusammengestellt hat. Zwischendurch kommen mehrere Partieen vor, welche sich auf das Kloster betreffende Begebenheiten des 15. Jahrhunderts beziehen, und die deshalb Hermann von Lerbeke nicht zugeschrieben werden können.

Dann fährt die Chronik fort: »Vor Alters waren jene Kanonissinnen, ebenso wie die von Herford, von edler Geburt (nobiles) und sie hatten ihre Ämter (officia) aus den Gütern (aratris), welche der ehrwürdige Drago und andere Edle und Kriegsmänner (militares) und insbesondere jener Edle Uffo, welcher zwei Burgen (eastra), die Uffenburg und Osterburg besaß, ihnen zugewandt hatten; das mag von Möllenbek genügen.«

Die vorgenannte Hilteborch war aber die Gattin eines edlen Mannes namens Uffo, welcher zwei vortreffliche Burgen im Kirchspiel Eckersten besaß, die eine nahe beim Dorf Bredenbeke, welche die Anwohner noch gegenwärtig Uffenburg nennen, die andere unweit des Dorfes Steinborch, welche Osterburg genannt wurde. Uffo und Hilteborch hatten weder Söhne noch Töchter. Uffo unternahm schließlich eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande und zum heiligen Jacobus und, da er keine Erben hatte, beeilte er sich mit der Wiederkehr; es verging so lange Zeit, daß man annahm, er wäre längst gestorben. Seine gebeugte Gattin, welche keine Erben hatte und sich scheute, eine neue Ehe einzugehen, setzte auf Zureden eines frommen Priesters namens Jolerat oder Jolcart in Abwesenheit ihres Gemahls Christus zum Erben ein und gründete neun Kirchen, nämlich Molenbeke, Segelhorst, Degbore (Deckbergen), Ostereyseberg, Honrade, Siliesen (Silixen), Veltheim. Was geschah? Bei der Rückkehr in die Heimat sah Uffo im Traume, daß seine Gattin neun illegitime Töchter hatte. Als er aufgewacht war, fing er an, über den Traum nachzudenken; er wußte doch, daß seine Gattin eine ehrbare Person war. Bei der Rückkunft des Gemahls rühmte sich diese, daß sie ihm neun Töchter geboren habe. Der berühmte und gottergebene Mann erkannte, daß die neun Kirchen damit gemeint waren, beschenkte diese, vor allem Möllenbeck, reichlich mit Gütern und sorget dafür, daß sie durch die Hand des Bischofs Drogo geweiht wurden.«

Ich habe diese Erzählung in aller Ausführlichkeit und in möglichst genauem Anfschluß an das lateinische Original wiedergegeben, um ihren legendenhaften Charakter nicht zu verwischen, welcher geeignet ist, einige Zweifel an der Zuverlässigkeit des Chronisten wachzurufen. Daran zu zweifeln, daß die Erzählung von Hermann von Lerbeke selbst herrührt, liegt, wie ich glaube, kein Grund vor, wenn auch die unmittelbar vorhergehenden Sätze mit Sicherheit auf seine Nachfolger zurückgeführt werden können. Sie stammt dann also aus der zweiten hälfte des 14. Jahrhunderts.

Treten wir nun in eine Prüfung der Frage ein, ob der Edle Uffo eine reale Existenz gehabt hat, oder ob seine Gestalt von der sagenbildenden Phantasie geschaffen ist, so liegt es zunächst nahe, Umschau zu halten, ob sich nicht weiter glaubwürdige Nachrichten über ihn finden. In erster Linie kommt hier der Schutzbrief des Kaisers Arnulf in Betracht, Dieser enthält unter anderem die Angabe, daß Hiltburg und Folcart das Kloster gegründet und daß sie und Drogo dasselbe mit Gütern ausgestattet haben, Uffo dagegen wird nicht erwähnt. Das muß auffallen, da das Kloster gerade ihm einen großen Teil seiner Güter verdanken soll. Der Schutzbrief ist zu Torchheim im August 896, d. h. noch in demselben Jahre ausgestellt, in welches die Gründung des Klosters fällt; deshalb wird man annehmen dürfen, daß Uffo zu der Zeit, als der Schutz des Kaisers erbeten wurde, von seiner Pilgerfahrt noch nicht zurückgeehrt war; in diesem Falle lag aber, da er für tot galt, keine Veranlassung vor, seiner in dem Schutzbriefe Erwähnung zu tun. Daß er aber in den Schutzbriefen der späteren Zeit nicht vorkommt, kann nicht weiter auffallen, da man bei einer Erneuerung der Privilegien die tatsächlichen Auführungen aus den früheren Ausfertigungen herüberzunehmen pflegte.

Eine andere zuverlässige, freilich auch ziemlich dürftige Geschichtsquelle ist das Möllenbecker Totenbuch, welches im 13. Jahrhundert angelegt, aber wahrscheinlich in seinem älteren Teile eine Abschrift bzw. Umarbeitung eines älteren Rekrologs ist. In dieses Totenbuch wurden neben den fortlaufenden Monatstagen die Todestage derer eingetragen, deren Jahresgedächtnis von den Klosterfrauen gefeiert wurde.Ich finde darin im Monat Juni die Eintragung: »Drogo episcopus,« im August: »Obiit Hildeburh hujus loci fun,« im Juli und November: »Folchard, presbiter,« endlich im Januar: »Obiit Uffo, pesbiter,« im September: »Uffo, diaconus« und im Mai zweimal »Uffo, laicus.« Hier haben wir also statt eines Uffo vier dieses Namens, von denen man annehmen darf, daß sie in irgend einer Beziehung zu dem Kloster gestanden haben. Vieleicht hat Mooyer Recht, wenn er annimmt, daß der Presbyter Uffo der Gemahl der Hildeburggewesen ist. Damit gewinnen wir dann einen weiteren Anhalt dafür, daß der Edle Uffo wirklich existiert hat.

Erwähnt wird derselbe weiter in einer über dem Eingange der Möllenbecker Klosterkirche eingehauenen Inschrift in gotischer Minuskel, welche lautet:

Fundavit Hiborch, dotavit noblis uffo
Flamen tune Folcart ditat cum praesule Drogo
Annis sexentis ferme fuit his Monialis
Gloria his celebris, sed singula praeterierunt

Diese Inschrift ist offenbar bei dem im Jahr 1503 vollendeten Neubau des Klosters enstanden, also jedenfalls viel jünger als die Nachricht des Chron. ep. Mind. Alle Späteren wie Hoier (1623), Paulus (1784), Piderit (1831), Heldmann (1896) gehen auf Hermann von Lerbeke zurück; wir werden uns also für die Beantwortungunserer Frage im Wesentlichen mit dem Chron. ep. Mind. abzufinden haben.

Was die Darstellung bedenklich machen kann, das ist allein die sagenhafte Erzählung von dem Traume; aber eine derartige Ausschmückung des nüchternen Tatbestandes entspricht dem Geiste jener Zeit, daß, wollte mann geschichtliche Überlieferung, die in ähnlicher Weise von Sagen umrankt ist, deshalb anzweifeln, von der Geschichte des früheren Mittelalters nicht allzuviel übrig bleiben würde. Im übrigen enthält die Erzählung nichts, was zu Bedenken Anlaß geben könnte. Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande wurden vor und nach 900 unternommen, und die Wallfahrten nach Santiago de Compostela standen gerade im 9. Jahrhundert in hoher Blüte. Besonders beweiskräftig scheint nun der Umstand, zu sein, daß noch im 14. Jahrhundert die Bezeichnung »Uffenburg« im Munde des Volkes lebte. Daß dies wirklich der Fall war, wird man nicht bezweifeln können; denn, wenn man Hermann von Lerbeke auch zutrauen kann, daß er sagenhafte Geschichten gutgläubig nachschrieb, so liegt doch durchaus kein Grund zu der Annahme vor, daß er Tatsachen wissentlich gefälscht hat.

Auf Grund der vorstehenden Erörterungen wird man also, bis das Gegeteil bewiesen wird, annehmen dürfen, daß der Edle Uffo in der zweiten hälfte des neunten Jahrhunderts tatsächlich existiert und eine Burg in der Nähe von Bremke besessen hat.

Eine andere Auffassung vertritt Hölzermann in seinem Buche: »Lokaluntersuchungen, die Kriege der Römer und Franken usw. betr.« Er glaubt die Meinung derer, welche die Burg auf dem Rintelschen Hagen für die Uffenburg halten, damit abtun zu können, daß die Bewohner der dortigen Gegend zu seiner Zeit, d. h. also vor 30 – 40 Jahren, die Burg nicht mehr kannten. Er fährt dann fort: »Die Untersuchung der Burg auf dem Rintelschen Hagen hat ergeben, daß dieselbe das Lager eines Sächsischen Vorposten-Detachements1Ein Detachement ist eine kleinere Truppenabteilung, die aus dem Verband eines größeren Heerkörpers zur Lösung einer selbständigen Kriegsaufgabe abgezweigt ist. Mit dem Begriff Detachement ist meist der Umstand verknüpft, dass das betreffende Truppenkorps wegen der selbständigen Aufgabe aus Abteilungen verschiedener Waffengattungen zusammengesetzt ist. gewesen sein muß, welches auf der vorliegenden Wasserscheide, den höhen von Goldbeck, postiert war. Dieses geht aus dem Umfange, der Lage und Befestigungsmanier jener sogenannten Burg unzweifelhaft hervor.« Eine weitere Begründung dieser Behauptung fehlt. Es kann zugegeben werden, daß der Umfang des Werkes nicht groß genug ist, um ein Heer aufzunehmen, ebenso, daß die Befestigungsmanier auf die tatsächliche Zeit hinweist; beide Umstände zwingen aberkeineswegs zu der Annahme, daß wir es mit dem Lagerplatz eines Vorposten-Detachements zu tun haben, noch weniger aber die Lage der Burg.

Viele Ritter- und Dynastensitze haben eine ähnliche Lage, und für einen solchen ist der Umfang der Anlage mehr als ausreichend. Auch die tatsächliche Befestigungsmanier kann keinen Anstoß erregen, da auch Uffo selbst die Burg angelegt haben sollte und nicht schon seine Vorfahren, ihre Entstehung doch in die Mitte des 9. Jahrhunderts zu setzen sein würde, eine Zeit, in der die Traditionen der sächsisch-karolingischen Zeit noch nicht erloschen sein werden. Hölzermann selbst hat offenbar empfunden, daß, wo von einem Vorposten-Detachement die Rede ist, auch ein Hauptheer nachweisbar sein muß, dem dasselbe als Deckung gedient hat, denn er fährt fort: »Spuren eines Hauptlagers zeigt die plateauartige Kuppe des nördlich vom Rintelschen Hagen gelegenen Saalberges.« Worin diese Spuren bestehen, sagt er nicht. Gegenwärtig finden sich auf dem Saalberg nicht die allergeringsten Spuren eines Lagers. Da Hölzermann nicht näher angibt, wo sich diese angeblichen Spuren befinden, ob sie in Wällen oder Gräben bestehen, welche Ausdehnung sie haben, und da er endlich keine Abbildung geliefert hat, während er sich sonst selbst die unscheinbarsten Spuren nicht entgehen läßt (vgl. die Abb. der Münterburg und der Amelungsburg), so wird man das Vorhandensien eines Hauptlagers mit Grund bezweifeln müssen, umsomehr, da nicht abzusehen ist, weshalb dieses Hauptlager bis auf die letzten Spuren verschwunden sein sollte, während sich das Lager des Vorposten-Detachements auf das Vollkommenste erhalten hat. Hat aber ein Hauptlager nicht existiert, so schwebt auch das Vorposten-Detachement in der Luft. Hölzermanns Behauptung ist demnach nicht dazu angetan, die Annahme, daß der Schloßberg die ehemalige Uffenburg ist, wankend zu machen.

Die Burg liegt, wie schon erwähnt wurde, auf einem gegen Südwesten vorgestreckten Ausläufer des Rintelschen Hagens, welcher nach drei Seiten hin steil abfällt, an der vierten dagegen langsam gegen Nordosten ansteigt. Sie zerfällt in zwei Hauptabschnitte, das Hauptwerk und die demselben nordöstlich vorgelagerte Vorburg. Ersteres nimmt den äußeren Vorsprung des Bergrückens ein und hat, indem es sich der Terrainbildung anschließt, eine unregelmäßig dreiseitige Gestalt. Ein mächtiger Wall mit Außengraben, der sich noch gegenwärtig 5-6 m über die Grabensohle erhebt, legt sich etwa in nordsüdlicher Richtung quer über den Höhenrücken und sichert so den äußeren Abschnitt desselben gegen die einzige Seite hin, nach welcher das Terrain nicht abfällt.

Lageplan der Uffoburg auf dem Rintelnschen Hagen von 1916 (nach Carl Schuchardt 1859-1943)

In der Mitte ist dieser Wall durch ein breites Tor unterbrochen, vor dem der Graben ausetzt, – eine Zugbrücke war also noch nicht vorhanden. Die übrigen Seiten des Bergvorsprungs sind ohen Wall; man hat sie in der Weise befestigt, daß man den Abhang durch Abstechen steiler gemacht hat, wodurch stellenweise Böschungen bis zu 45° entstanden sind. Dadurch ist ein umlaufender Absatz oder eine Terrasse von 2 – 3 m Breite entstanden, welcher das Bergplateau in einer Tiefe von 6 – 10 m umzieht und ehemals, aller Wahrscheinlichkeit nach, sei es durch eine lebende Hecke (Knick), sei es durch ein Hackelwerk (Astverhau) oder eine Palisadierung, weiter geschützt war. Dieser Absatz geht beiderseits allmählich in den Wallgraben über. Durch das Tor des Hauptwerks gelangt man in die Vorburg, welche eine annähernd rechteckige Form hat und gleichfalls von Wall und Graben umgeben ist, deren Abmessungen freilich viel geringer sind als bei der Hauptburg. Dieser Wall schließt sich im Südosten an den Hauptwall an, hat in dem Teil, welcher dem Hauptwalle annähernd parallel quer über den Rücken läuft, gleichfalls ein Tor; auf der dritten Seite bricht dieser Wall da ab, wo von Bremke her der Eselspatt die höhe erreicht, so daß hier, also nach Bremke hin, vom Eselspatt bis zum Hauptwalle eine weite Lücke bleibt, in der auch nicht die geringsten Spuren von Wallresten zu entdecken sind. Will man nicht annehmen, daß das Werk unvollendet geblieben ist, so wird man annehmen müssen, daß hier, der Bergkante entlang, ehemals ein Bergbau den Wall ersetzt hat.

Die ganze Anlage nimmt einen Flächenraum von 2 – 3 Hektaren ein; ihre größte Ausdehnung in der Richtung von Nordosten nach Südwesten beträgt etwa 240 m, wovon 150 auf das Hauptwerk, 90 auf die Vorburg entfallen; ihre größte Breite mag etwa 160 m betragen.

Reste von Gebäuden sind innerhalb der Umwallung nicht zu erkennen, dagegen kommen mehrfach auffallende Vertiefungen vor, die Hölzermann auch wiedergibt und und von denen er zwei als Brunnen bezeichnet hat.

In der ersten Hälfte des Oktober 1900 wurden an drei Tagen Ausgrabungen in der Burg vorgenommen, durch welche Anhaltspunkte dafür gewonnen werden sollten, ob Ausgrabungen in größerem Maßstabe irgend welche Aussicht auf Erfolg bieten. Das Ergebnis dieser Ausgrabungen ist in Kürze folgendes gewesen: Spuren von Mörtel und Mauerwerk haben sich nirgends gefunden, weder im Walle, noch im Innern des Hauptwerks oder der Vorburg. Die Anlage stammt darnach aus einer Zeit, in welcher der Steinbau noch nicht, wenigstens noch nicht allgemein üblich war. Wohngebäude und Turm werden deshalb, wenn sie überhaupt vorhanden gewesen sind, aus Holz und Lehm ausgeführt gewesen sein. Die Vertiefungen im Innern des Hauptwerks sind, wie schon der Augenschein vermuten läßt, neueren Ursprungs und rühren, wie in der Umgebung allgemein bekannt ist, von Schatzgräbern her. Trotzdem wurden einige dieser Vertiefungen ausgeräumt, es fand sich aber nicht der geringste Anhalt dafür, daß hier etwa menschliche Wohnungen bestanden haben. In einer dieser Vertiefungen, welche Hölzermann als Brunnen bezeichnet, stand auch jetzt Wasser; beim Graben aber zeigte sich, daß schon in einer Tiefe von wenig mehr als einem Meter eine feste Felsenbank den Boden der Grube bildet. Das der Boden undurchlässig ist, so sammelt sich in der Grube das Regenwasser, was sich, nachdem ein starkes Gewitter niedergegangen war, gut beobachten ließ. Einen Brunnen haben die Burgbewohner hier also nicht gehabt, man könnte höchstens an eine Zisterne denken; aber auch das scheint ausgeschlossen zu sein, da sich keine künstliche Einfassung nachweisen ließ und auch Topfscherben weder in der Grube selbst, noch in deren Umgebung gefunden wurden.

Für einen zweiten Brunnen sieht Hölzermann eine Vertiefung in einem Winkel der Vorburg an. Auch das beruht auf einem Irrtum, denn schon in geringer Tiefe stießen die Arbeiter auf den gewachsenen Boden. Darüber lagen in einer Humusschicht zahlreiche Holzreste, welche die Vermutung wachrufen, daß sich hier ehemals eine Sägestelle befunden hat.

Soweit lieferten die Ausgrabungen ein negatives Resultat. Weiter schien es wünschenswert, die Konstruktion des Tores kennen zu lernen und zu ermitteln, ob dasselbe etwa gemauerte Wangen hatte, welche das Nachstürzen des Walles verhinderten, wie solche z. B. für das Tönsberglager von Herrn Dr. Schuchhard nachgewiesen sind. Es fand sich indessen weder Mörtel, noch auch das Fundament einer Trockenmauer; dagegen kamen in der Tiefe Mengen von Holzbohlen zu Tage, die sich als ein mehrere Zentimeter breiter Streifen fast vier Meter lang senkrecht zur Wallrichtung verfolgen ließen. es unterliegt wohl keinen Zweifel, daß wir es hier mit den Resten einer Plankenbekleidung der Torwände zu tun haben. Mehrere Bäume hinderten vorläufig eine Verfolgung der Spur durch die ganze Breite des Walles. Hiernach wurden zu beiden Seiten des Tores Querschnitte durch den Graben gezogen. So fand sich östlich vom Tor ein Spitzgraben, welcher mehr als 1½ m unter die gegenwärtige Grabensohle herabgeht, sodaß sich der Wall ursprünglich mindestens 7 m über die Grabensohle erhob. Auf der anderen Seite des Tors ist der Graben erheblich breiter und seine Sohle scheint hier flach gewesen zu sein; doch ist es notwendig an dieser Stelle noch weitere Untersuchungen anzustellen, auch deshalb, weil sich in dem Graben ausfüllenden Schutte zahlreiche große Steinplatten fanden, von denen es noch unsicher ist, ob sie etwa als Bekleidung der Grabenwände oder des Walles gedient haben.

In diesen Einschnitten fanden sich auf verhältnismäßig kleinem Raume eine ansehnliche Zahl alter Topfscherben von schwarzer, grauer und roter Farbe, die aus demselben Material hergestellt sind, aus welchem die Totenurnen unserer Hünengräber bestehen. Sie sind schwach gebrannt und enthalten als charakteristisches Merkmal zahlreiche eingesprengte Quarzkörner, die man dem Tone beigemengt zu haben scheint, um ihm mehr Halt zu geben. Von den Töpfen wurden vorwiegend Randstücke gefunden, die sich eher als die Teile des Bauches erhalten konnten, da der Rand stets etwas verdickt ist. Sie zeigen, daß der glatte Rand stets etwas nach unten gebogen ist. Bodenstücke, die sich als solche erkennen lassen, sind nicht vorgekommen, man wird sich deshalb den Boden unserer Töpfe nicht flach, sondern gerundet denken müssen. Weiter ist ein zylindrisch geformter Ausguß (Tülle) besonders bemerkenswert.

Fragen wir nun nach der Zeit, aus der diese Scherben stammen mögen, so ist zunächst festzustellen, daß man mit dem Material allein nicht viel zu beweisen ist, da, wie die Totenurnen lehren, das gleiche Material bei unseren Vorfahren sehr lange Zeit im Gebrauch war, so lange, wie es Sitte war, die Toten zu verbrennen und ihre Reste in Urnen beizusetzen, d. h. von der Steinzeit an bis zur karolingischen Zeit, und auch noch später fand dasselbe Material, wenn auch nicht zu Totenurne, so doch zu Gebrauchsgegenständen Verwendung. Erst im späteren Mittelalter wurde es durch eine schärfer gebrannte Tonware mit klingenden Scherben ersetzt. Mehr Anhalt für die Altersbestimmung bietet die Gestalt der Gefäße. Formen wie die auf dem Schloßberge gefundenen pflegt man heute in die karolingische Zeit zu setzen; der erwähnte Ausguß gehört einer Gefäßform an, die erst ziemlich spät, d. h. im 9. – 10. Jahrhundert, auftritt

Kurz vor dem Schlusse der Ausgrabungen wurde noch im Innern des Hauptwerks an einer wenig markierten Stelle ein Graben gezogen, in welchem neben Holzkohle auch eine Scherbe zutage kam. Es hat danach den Anschein, daß hier oder doch in der Nähen eine Wohnstelle anzunehmen ist, die demnächst weiter zu untersuchen sein würde.

Der geschilderte Befund, wenn ihm auch keine besondere Beweiskraft beigelegt werden kann, — dazu ist die Zahl und Art der gemachten Funde noch zu gering — steht doch ganz gut im Einklang mit der Annahme, daß der Schloßberg in der zweiten hälfte des 9. Jahrhunderts bewohnt gewesen sei.

Es ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß weitere, planmäßig ausgeführte Grabungen eine größere Zahl von Gebrauchsgegenständen ans Licht bringen werden, nachdem auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern Bruchstücke von etwa einem Dutzend verschiedener Töpfe aufgefunden sind, und es ist zu erwarten, daß es gelingen wird, Wohnstätten im Innern der Burg aufzudecken und Plan und Bauweiser derselben zu ermitteln. Damit würde aber für die kulturgeschichtliche Entwicklung des nordwestlichen Deutschlands etwas Wesentliches und Nützliches geschaffen werden. Was wir bisher über die Siedlungen, den Hausrat usw. unserer Vorfahren in jener entlegenen Zeit wissen, das stammt großenteils aus literarischen Quellen, und diese Quellen fließen für das nordwestliche Deutschland sehr spärlich; reichlicher für den Süden und Südwesten, aber was für das südliche Deutschland gilt, das läßt sich nicht ohne weiteres auf unsere Gegend übertragen. In dieser Beziehung braucht nur auf die verschiedenartige Entwicklung des Hausbaus hingewiesen zu werden, auf den Unterschied zwischen dem fränkischen und dem westfälischen Hause, ferner daß sich dort der römische Einfluß viel früher und intensiver geltend machte als hier.

Die Uffenburg scheint nun ganz besonders geeignet zu sein, in der gedachten Betzehung Aufschluss zu geben. da die Einheitlichkeit des bisher gefundenen Materials darzutun scheint, daß sie nicht bis ins spätere Mittelalter hinein bewohnt gewesen ist, hier also die Reste einer bestimmten Kulturepoche vorliegen werden, und nicht, wie oft an anderen Stellen, die länger bewohnt blieben, eine Kulturschicht über die andere getragen und mit ihr vermischt ist.

Aus diesen Gründen ist es dringend zu wünschen, daß in der Zukunft der Spaten zu umfangreicheren Grabungen angesetzt wird. Ein Olympia oder Pergamon wird die Uffenbur nicht werden, unsere Voreltern waren aber auch keine Hellenen; was wir aber von ihr hoffen dürfen, ist, daß es hier vielleicht gelingen wird, den Schleier, welcher die Vorzeit unseres Volkslebens verhüllt, wieder an einer kleinen Stelle zu lüften.

Quelle: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde 1903 – Von Otto Weerth ( 21. Juni 1849 in Blomberg; † 27. April 1930 in Detmold). Otto Weerth war Gymnasialprofessor und langjähriger Vorsitzender des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe e.V..