Die unterirdische Glocke

Es waren ein paar ganz gerissene Jungs, der Hinnerk und der Ludewig. Nicht, daß sie ihrem alten Kantor gerade viel Freude machten. Der war im Gegenteil nicht wenig erbost, daß er immer wieder Strafrichter sein mußte über die Streiche, mit denen die beiden rotbackigen, kräftigen Bauernjungs das Dorf beunruhigten.

Einstweilen hatten beide Teile Ruhe Voreinander, weil Ferien waren. Daß die Jungs sich dabei sehr wohl fühlen, sieht man ihnen an, wie sie über den Meyerhof der vierteiligen großen Tür zustreben auf die lange Deele, die gegen Abend schon ein wenig in Dunkel gehüllt ist. Die Pferde links, die Kühe rechts lassen sie unbeachtet, und steuern auf den Schafstall zu, der jetzt im Sommer leersteht. Kaum hat Ludewig  die Tür geöffnet und seine Nase hereingesteckt, da ruft er freudestrahlend: „dunner Hinnserk, sitt  all wedder einer inne.“

Die beiden hatten nämlich eine Marderfalle hergestellt. Wie das Ding aussah, läßt sich kaum beschreiben, jedenfalls erfüllte sie ihren Zweck vollkommen. Sie hatten schon zwei Marder darin gefangen und sie an den Lumpenhannes, mit dem sie vom Taubenhandel her befreundet waren, verkauft. Für ihre Verhältnisse war das ein ganz gutes Geschäft gewesen, und das Geld konnten sie sehr gut gebrauchen. Das erste Mal hatten sie eine Flasche Bier und einen Kautabak dafür erstanden. Sie waren doch nun bald große Kerls! Na, das Bier hatte ausgezeichnet geschmeckt. Der Kautabak mochte wohl sehr gut sein. „Prima Kanasterer Kautabak“ stand auf der Tüte, aber gut bekommen war er ihnen nicht. Hinnerk konnte sogar nicht zur Schule gehen, und die besorgte Mutter hatte ihn ins Bett gesteckt. Einstweislen waren beide jedenfalls vom Kautabak kuriert.

Das zweite Mal hatten sie Zigarren gekauft, dieselbe Sorte, die sie holen mußten wenn der Kantor Besuch bekam. Vorläufig haben die beiden auch für Zigarren kein Interesse mehr. Da ist das Rohr von einem alten Peitschenstiel doch zum Rauchen mehr zu empfehlen, und das kostet nicht einmal Geld. Aber Geld konnten sie trotzdem gut gebrauchen, schon um demnächst auf der Kirmes den Zirkus zu besuchen, wo der dumme August es ihnen im Vorjahr mächtig angetan hatte.

Nun hatten sie also wieder einen Marder erwischt, „Et is ower man ’n lütken, Ludewig.“ „O diu, dat es jo gar keiner, da es jo man ’n ole Ratt’n.“ Die beiden stehen da, die Händetief in den Taschen, und machen lange Gesichter.

Aus dem Drahtgeflecht sieht die Ratte ängstlich in die Welt. Die kleinen Aeuglein sind unruhig vor Schrecken.

Die Jungs haben kein Verständnis für ihre Nöte und Aengste.  Dem Hinnerk scheint ein Gedanke zu kommen. „Du, Ludewig, ick hew ’n lütke Pingelklocken (Schelle), de mak wui de Ratt’n üm den Hals und lodt se läupen, dann pingelt sei de annern Ratten olle weg. Musik könnt sei nämlich nich häbben.“

Schon ist er fort, die Glocke zu holen. Ludewig nimmt indessen einen alten Sack und läßt die Ratte hereinspringen Hinnerk ist wieder da. Sie schneiden den Sack an einer Ecke ein wenig auf, drehen den Sack zusammen, bis die Rattenmutter nur mit dem Kopf aus der kleinen Oeffnung hervorsiseht Ganz bequem können die Jungs ihr nun die kleine Glocke um den Hals binden. Dann lassen sie das Tier los.

Die Rattenmutter saust wie wild in dem Schafstall herum. Dabei läutet es, daß die Jungs sich vor Lachen nicht zu helfen wissen.  Endlich hat die arme Geängstigte ein Loch gefunden, in dem sie schnell verschwindet.

Es dauert nur einen Augenblick, da läutet es unter der Deele. Bald hier, bald dort, bald leiser, bald lauter, mal ist es ganz still und dann hebt es wieder an. Die beiden Jungs stehen mit vorgeneigtem Kopf auf der dunkeln Deele und lauschen, jetzt stecken sie die Köpfe zusammen. Hinnserk nickt Verständnisvoll und geht dann leise durch den Unterschlag des Hauses, an dem großen Herd vorbei, zur Wohnstube.

Dort sitzt der Bauer mit seiner Frau und allen Hausleuten am langen Eichentische beim Abendessen. Vorn der Bauer selbst, der gerade das große Schwarzbrot an den Knien hält, um Brot zu schneiden. „No, Hinnerk, du mags woll äuf ’n Täller Miälke metiäten?“ sagt die Bauernfrau. Hinnerk gibt gar keine Antwort, er kommt auf Zehenspitzen bis mitten in die Stube und flüstert leise, als ob er Angst hätte: »Meyers Vatter unner jüwe Diäl es et nich richtig.“  „Junge“, sagt der Bauer und hält mit dem Brotschneiden inne, „Junge, niu makmi keine Geschichten.“ Es entsteht eine lange Pause, alle Gesichter blicken ängstlich auf. Man hatte gerade eben noch davon gesprochen, daß in der vergangenen Nacht das Leichenhuhn lange in der alten Eiche geschrien hätte. Das bedeutete nichts Gutes. Wenn der Bauer auch kein Angsthase war, an das Spuken glaubte er doch und hatte in seinem Leben manchcherlei wunderliche Dinge erfahren müssen.

Er erhebt sich und mit ihm die ganze Tischrunde. Ganz behutsam, den Kopf voraus, die Augen weit ausgerissen, geht der Bauer zur Deele, die andern folgen, am Ende die Bauernfrau und übrigen Frauensleute, einige haben die Holzschuhe ausgezogen, andere bleiben ängstlich in der offenen Stubentür stehen.

Am weitesten vorne im Unterschlage steht der alte Bauer, neben ihm Hinnerk und Ludewig. „Hört je et?“ sagt Hinerk. Jawohl, man hört es, das Läuten, unheimlich klingt es, hohl und dumpf, wie aus der Erde kommend. Jetzt nähert sich das Läuten. Dem alten Meyer beginnen die Knie zu zittern, er steht mit gefalteten Händen, sein Atem geht schneller. Was soll das bedeuten? Tausend Gedanken gehen ihm durch den Kopf, all das begangene Unrecht steht wieder vor ihm. Er sieht den Untergang des Hofes kommen. Ja, es mußte ihm so gehen. Seine Frau hatte es ihm gesagt, daß er den Grenzstein stehen lassen sollte. Es war ein Teufelswerk gewesen, das er in der Nacht begangen und dafür war er jetzt dem bösen Feinde Verfallen. Er wollte ja alles wieder gut machen, wollte jeden Sonntag zur Kirche gehen!

Etwas zurück stehen seine Leute. Die Frauensleute bewegen leise die Lippen, ein lautes Wort wagt niemand zu sagen. Sogar der sonst so furchtlose Hund steht mit eingezogem Schwanze zwischen den Leuten. Endlich schleicht der Großknecht an den Bauern heran, berührt dessen Schulter, daß er zusammenfährt und fragt leise: „Schall ick mal de Bötemöhne halen?“ Der Bauer nickt nur mit dem Kopfe und sinkt wieder in sich zusammen.

Mit dem Knecht schleichen auch Hinnerk und Ludewig aus der Seitentür. Sie sehen aus, als ob ihnen bei ihrem eigenen Streich nicht mehr ganz wohl wäre. Hinnerk meint, ob sie es nicht dem Bauern sagen wollten, was sie ausfraßen. „Du häst woll lange keine Schläge mähr hat, de jockett datt Fell“, sagt Ludewig. „Häw us de ole Meyer nich oll genog ärgert un verkloppet? Ick ben jo gespannt of de ole Bötemöhne hielpen kann.“ Dabei lacht der Ludewig so übermütig, daß Hinnerk ihn vermahnt, nur nicht mit der alten, klugen Karline, so hieß die Betmutter, seinen Spott zu treiben. Dann schauen beide wieder durch das Fenster in den Unterschlag.

Dort rührt sich kein Mensch. Sie stehen und horchen und lauschen, daß man sich wohl wundern kann, daß ein Mensch solange steif auf einem Fleck stehen kann. Halt, jetzt ist es still. Sie atmen etwas erleichtert aus und heben die Köpfe ein wenig. Doch wehe, was ist das? Mit einem Male klingelt es direkt unter dem Bauern. Die Frauensleute stoßen einen Schrei aus, aber nur einen halben, aus lauter Angst. Einige flüchten in sdie Stube.

Eigentlich muß man sagen, daß der alte Bauer sich doch noch am besten hält, wenigstens äußerlich. Nur dann und wann gehen seine Augen hsilfesuchend nach der Seitentür, durch die die alte Bötemöhne kommen muß. Gott sei Dank, da ist sie endlich! Dem Bauern fällt ein Stein Vom Herzen. Er geht dem alten Weibe entgegen und gibt ihr die Hand. Das hätte er früher nicht getan. Er hatte die alte Karline, mit der in guten Tagen kein Mensch etwas zu tun haben wollte, kaum beachtet und war ihr nicht gern begegnet. In der Not tut der Mensch vieles. Die alte Karl im macht nicht einen sehr freundlichen Eindruck. In ihrer etwas schwierigen Kleidung, mit dem runzligen, Vernarbten Gesichte, aus dem ein paar rote, kranke Augen blinzeln, mit dem wirren weißen Haar, sieht sie wie eine richtige Hexe aus. Die Leute glauben auch allgemein, daß sie eine ist und daß sie mehr kann als andere Menschen. Die Not hat schon manchen Bedrückten Von nah und fern zu ihr getrieben.

Sie steht eine Weile neben dem Bauern und lauscht. Dann schleicht sie mit ernstem Gesichte auf der Deele herum. Ihre Hände machen allerlei wunderliche Zeichen, dabei murmelt sie Sprüche, die niemand Versteht. Das Klingeln geht weiter, ja es verstärkt sich sogar wieder. Den alten Bauern überkommt seine gewisse Hoffnungslosigkeit Karline läßt sich nicht beirren. Jetzt nimmt sie ein paar Strohhalme und legt sie hier und da kreuzweise übereinander, und bewegt sich weiter und murmelt ihre Zaubersprüche. Alle folgen ihren feierlichen Handlungen mit größter Spannung.

Nun wird das Läuten leiser! Es hört sich so an, als ging es weiter fort. Immer leiser klingt es, man muß scharf horchen, um es noch zu vernehmen. Nochmal tönt es heftiger. Das ist wie ein letzter Widerstand eines bösen Geistes. Jetzt ist es vorbei! Noch stehen alle gesenkten Hauptes, lauschend, bangend. Der alte Meyer richtet sich hoch auf, seufzt tief auf, als ob ein Alpdruck von ihm gewichen wäre. „So, nu es et Vorbie“, sagt Karline und als ob ein Bann gebrochen ist, so werden die Hausleute wieder lebendig. Man hört wieder Menschen gehen und sprechen. Alle Blicke ruhen voll Staunen und Bewunderung auf der alten Karline, die sich nicht lange nötigen läßt und in der Stube am kleinen Tisch Platz nimmt.

Es war schon bald Mitternacht, als sie sich aus dem Hause schlich. Ihre Schürze birgt mancherlei gute Sachen, die die Bauernfrau ihr zusteckte

Kaum hatte sie das Haus verlassen, kaum war Ruhe eingekehrt, da schlich der Bauer mit der Schaufel sich zum Felde. Mit dem Grenzstein sollte es doch wieder seine Ordnung haben.

Quelle: Lippischer Dorfalender 1931. Eine Spukgeschichte von Ernst Schrewe