Die Zinngießer vom Speller Berg

Teutoburgerwald bei Schlangen

In einem großen Kreise attraktiver vielbesuchter Wanderziele, wie Bauernkamp, Hohlenstein, Lukenloch, Veldrom, Bedastein — mit Kennzeichen barocker Kunst —, Gut Kempen, Durbeeketal, die 17 Grabhügel der Bronzezeitmenschen im Neuen Walde am Stadtwege, Römerbrunnen, Altes Haus — von Förster Noak erzählend —, Alte Pumpe, Feldbrandkalkofen bei Kloken Tannen, Glashütte am Hüttenknapp und Bielsteinhöhle, weit im südlichen Teile des Teutoburger Waldes, wo sich die Kreisgrenzen von Lippe und Paderborn berühren, steht auf dem westlichen Höhenpunkte Nr. 400,5 des Speller Berges, das Mestekerldenkmal. Sein Standort gehört seit der Verwaltungsreform, vom 1. 1. 1970 an, zum Kreis Lippe.
Das Monument ist aus Sandebecker Sandstein in einem Stück gehauen und von Meisterhand im Barockstil wunderschön gemeißelt. Im oberen Teil ist es als Kreuz mit christlichen Signaturen gefertigt und verziert mit dem Kreuzigungsbild von Jesus Christus, den drei Engelsköpfchen an den drei Kreuzenden, einem Totenkopf, die Hölle anzeigend und seitwärts des Kreuzes stehend die Gottesmutter und der Jesusjünger Johannes in tiefer Andacht.
Die Inschrift des zwei Meter hohen Denkmals lässt darauf schließen, dass die Steinmetzen bei der Errichtung die neuhochdeutsche Sprache, wie sie Dr. Martin Luther mit der Bibelübersetzung geformt hatte, nicht voll beherrschten. Die Inschrift lautet:
„INRI 1752 DEM 28 SEPTEMBER IST ALLHIR ERBORMLIG UM SEIN LEBEN GEKAMEN ALBET MEIJER VON VOLTLAGEN BETE VOR SEINE SEL UNT VOR ALLE REISENE EIN VATTERUNSER UNT AFE MARIA“
Das Denkmal scheint 232 Jahre alt zu sein und hat sich mit der Aufschriftseite um einige Grade vornübergeneigt. Seine lotrechte Aufstellung wie auch die Beseitigung eines froh-wüchsigen Kastanienbaumes, der den Stein gefährden kann, durch die offenbar verantwortliche Stadt Horn-Bad Meinberg erscheint zwingend geboten.
Die Sage von den dramatischen Begebenheiten vom Speller Berg haben uns unsere Eltern erzählt. Dazu bemerke ich, dass mein Vater über 30 Jahre im Sommer Ziegelbrenner in Heeßen bei Hamm und jeweils im Winter in den Fürstlich-Lippischen und Königlich-Preußischen Forsten als Holzfäller tätig war. Auch der große gewaltige Speller-Berg-Kegel, 434 m hoch in der östlichen Erhebung, gehörte zu seinem Arbeitsgebiet. In unserer achtköpfigen Familie wurde die Sage vom Speller Berg sicherlich als erzieherisch wertvoll angesehen und erzählt; so blieb mir alles ziemlich im Bewusstsein. Schon als Kind bin ich auf dem Speller Berge gewesen, um Fallholz zu sammeln. Manche Wanderung dorthin ist mir in Erinnerung. Auch das Volksbildungswerk Schlangen hat zum Mestekerldenkmal vor vielen Jahren eine Exkursion durchgeführt, und es ist heimatgeschichtlich sicherlich wichtig, Erzählungen der Vorfahren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ich bitte nun um Verständnis, dass ich nach längerer Vorrede in Form einer Nacherzählung von der Sage berichte. Sie sollte uns, lieber Leser, auch heute noch etwas sagen können und bedeuten.

Wer heutzutage dort oben wandert auf dem Speller Berge, der empfindet tiefe Waldeinsamkeit, in der sich Füchse und Hasen noch „Gute Nacht!“ sagen. Mancher glaubt, die Elfen führten mit den alten Waldgeistern zur Nacht im blassen Mondlichte und nebelnden Talgründen rund um den Speller Berg ihre Tänze in aller Heimlichkeit auf; denn die Sterne funkeln im goldenen Licht am Mestekerl, dem von Sagen umwobenen Denkmal.
Ein Mann von ehrbarer Wesensart und lustiger Schnurren, als „wanderndes Tageblatt“ weithin bekannt, voller Pläne und Gedanken und von allem unterrichtet, fleißig, fromm, sittsam und im höchsten Maße bescheiden, das war Albert Meijer, ein Zinngießer aus Voltlage im Osnabrücker Land, der Mestekerl, Packenträger, wandernder Händler, Kaufmann, der die Löffelgießerei und deren Verkauf und den Handel mit allerlei Eisenwaren, wie Messer, Gabeln, Kellen, Speckhaken und Tellereisen zum Wildfangen und sonstigem metallenen Kram gut verstand und dieserhalb solche Waren über Land in einem Handkarren mit sich führte. Glücklicherweise war er in den ersten Wochen und letzten Tagen im September alles so ziemlich losgeworden. Dafür hatte er viel Geld, sorgfältig versteckt im Mantelsack und Fahrzeuge, bei sich, als er friedlich und frohen Mutes, immer bergan von Hörn kommend, über Veldrom und Kempen in Richtung des Speller Berges dahinzog. Dabei leuchteten von Osten her in der frühen Stunde die dunklen, goldenen Gluten des Morgenrotes durch den Wald und verebbten im herrlichen Schein des höher steigenden Sonnenballs. Es war schönes spätsommerliches Septemberwetter. Von weit her hörte der wackere Handelsmann auf seiner Reise hin und wieder den Schrei des Habichts, das Gurren des Taubers und das Singen einer Waldlerche. Die herrliche Waldlichtung, wo Grenzstrecken, Waldschneisen und Waldwege sich kreuzen, dazu die guten Geschäfte, frei von allen Beschwernissen auf dem Westabhange des hohen Berges, von wo es nach Paderborn nur noch bergab ging, brachten den Handelsmann in eine frohgelaunte Stimmung. So legte er eine Rast auf der Waldlichtung ein. Doch den kleinen Vorrat an Löffeln wollte er noch ergänzen. Behende machte er sich das Feuer zurecht, stellte die Zinnpfanne darauf mit leicht schmelzendem Zinnklumpen, der flüssig werden musste. Neue gute Geschäfte winkten schon für den nächsten Tag. Der Winter würde bald kommen, und dann war es erst wieder damit vorbei. Wanderung und rüstiges Vorwärtsschreiten machen Freude, aber auch müde. Mit diesem friedlich gütigen Gedanken machte er ein Nickerchen, lang ausgestreckt auf der sonnigen Lichtung, und stellte zuvor aber bei seinem wertvollen Proviant von Brot und Speck eines seiner Fuchsfangeisen auf, um dem feinnasigen Vielfraß „Reineke Fuchs“, sollte er hier Mahlzeit halten wollen, die Suppe zu versalzen. Sicher, sein Fell wäre noch gut verkäuflich. In der Mittagssonne, im erholsamen Waldquartier, schlummerte der brave Mann, träumte von Voltlage, seinen Lieben daheim, den drei Buben und seiner treuen Frau am häuslichen Herd, die er bald wiedersehen wollte, wenn der harte Winter ihn daheim hielt. „Ich werde sie alle froh wiedersehen, und was kann meinem Frieden mangeln, wenn sie lächeln“, dachte er bei sich.
Sein wacher Geist enthob ihn der irdischen Hülle seiner trägen Glieder auf dem Speller Berge, und bei seiner Familie in dem Heimatdorf Voltlage weilend und träumend mit schlafoffenem Munde, befand er sich bald in den weichen Armen von Gott Morpheus.
Die feine Flamme des Feuers mit gekräuseltem Rauch bot ein friedvolles Bild, das weit über die Lichtung leuchtete. Doch wie der dauernde ewige Friede nur ein Traum ist, aber Huldigung und Verdammung und Friede und Kriegsich gegenüberstehen, so war hier das Böse nicht weit.
Ein Schuft, weggelaufener Mörder und Vagabund strich beutesuchend durch den Wald. „Trittbrettfahrer der Gesellschaft“ würde man heute sagen. Ihm war der Handelsmann ein Krösus und als Geldmann bekannt. Hier hatte er ihn endlich wehrlos, schlafend, friedlich vor sich. Der fast leere Karren machte den Verkauf der Waren deutlich. Geld, Geld, blanke Taler waren hier. So sprang der Räuber durch den Wald hinter dem Baume, der ihn beim Beobachten noch verdeckt hatte, hervor durchs rankige Brombeergestrüpp, ergriff die Zinnpfanne mit dem brodelndflüssigen Inhalte, glühendheiß, und kippte ihm den Schläfer in den Mund. Ein erstickender röchelnder Laut. Mit einer teuflisch ersonnenen, tödlichen antikulinarischen Rezeptur des grausamsten Mordes wurde Albert Meijer im tiefen Schlafe überfallen und starb für sich allein eien jammervollen Tod auf dem Mordplatze im stillen Walde, unblutig, aber fürchterlich.

Realistischer Wahrheitsbeweis vom Mord auf dem Speller Berg ist das barocke Denkmal mit der Jahreszahl 1752, 28. September

Der Ruchlose setzte die Pfanne mit viel Zinn zurück aufs Feuer, das er noch schürte, um ein friedliches Bild zu heucheln. Wo sind die glänzenden Taler mit ihrem verführerischen Glanz? So suchte der Fledderer den Toten und sein Gefährt, alles von innen nach außen drehend, durch. Heiß wurde sein Verlangen nach Geld und unruhig dabei seine Hände. Als er immer noch nichts fand, wollte er, wie alle Mörder das tun, fluchtartig den Tatort verlassen. „Der Wind im Hain, das Laub am Baum, saust ihm Entsetzen zu“. Jede Vorsicht geriet bei ihm außer Acht. Sein Geist taumelte zwischen Hollen und Himmeln des Wahnsinns dahin. Das Blut seiner Adern wurde zu Feuer.
Er wollte aufspringen, doch, oh heiliger Schreck, plötzlich stand er selbst, der Mörder, in der scharf zuschlagenden Fuchsfalle. Der kochende Zinnbrei wurde dabei vom Feuer gerissen und ergoss sich über ihn, und der Räuber fing Feuer. Das Fegefeuer der Hölle kam nun, er brannte, und elendig musste er sterben. So war er seines Unglücks eigener Schmied, und was er säte, das musste er ernten. Holzknechte fanden beide Toten am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang. — Aus Schande wurde dem Mörder der Tod zur Pflicht und ausgelöscht sein Lebenslicht. —
Lange hatte er mit dem Tode ringen müssen. Vorbei war das Leben beider, die auf den Jüngsten Tag gemeinsam warten müssen, der Mörder wie der ehrliche Handelsmann. — Die Holzknechte aber sargten beide sachte ein, zu langem Schlaf im engen schwarzen Schrein. —
Seither wirkt die Stätte des Grauens, auf dem Westhange des Speller Berges, unheimlich auf den Wanderer. Dort im Walde, wo heute keine Lichtung mehr zur Rast einlädt, wo der Laubwald im Sommer alles zudeckt und im Winter die Schneedecke vieles sorgsam verhüllt, hört man ein Raunen zur Nacht, wenn die Geisterstunde kommt. Der Todeskampf des Mörders ist noch nicht zu Ende gegangen und immer noch vernehmbar. Sei bst die Hölle hat ihre Tore vor dem grausamen Mörder verschlossen. Die Höllenhunde jagen seine Seele, die nicht spurlos im Augenblick des Todes wie ein schwacher Funke verweht, heute noch durch den Teutoburger Wald. Entsetzte unheilkündende Augen starren den Wanderer an, wenn er in den Abendstunden nach dem Speller Berge schaut. Nur, so denken dann viele, wer der Inschrift des hohen Monumentes gemäß hier niederkniet und ein „Vaterunser“ betet, der kann hier in innerer Sammlung Ruhe gewinnen; dann öffnet sich die Seele zu hellem Licht trotz tiefstem Waldesdunkel. Der nächtliche Himmel wird hell und der Betende allein kann weiter wandern.
Die Ehefrau von Albert Meijer und Mutter von drei Buben zu Voltlage starb, wie so viele Leute heute, an einem tiefverwundeten Herzen bald nach Empfang der Schreckensnachricht. Gott aber lenkte die Geschicke der Buben. Sie wuchsen in der Wesensart des Vaters heran, waren treu und gesund an Leib und, was noch wichtiger erscheint, an der Seele und gottesfürchtig. Sie lernten bald erkennen, dass über den Schätzen dieser Welt ein für alle Menschen verführerischer Glanz liegt, der alle blenden und verblenden kann, wie den Mörder ihres Vaters. Rechtschaffen lebten sie dahin.
Möchten wir bedenken, daß jedes, auch das schönste Familiengemälde einmal zerbrochen zu Boden geht und die Vergänglichkeit der Welt erkennen. Unterworfen sind wir alle dem verwirrenden irdischen Weltgetümmel mit fortwährend wechselnden Schicksalen.
Wie wertlos und maßlos traurig ist unser Leben und glücklos, wenn es in einer rauschhaften Vergänglichkeit endet. Nur wahres Gottvertrauen hilft uns. Das war die feste Lebensauffassung meiner Eltern, denen ich die Sage als Nacherzählung ehrend widme.

Wilhelm Klöpping, Heimatland Lippe 06/1985