Das Erntedankfest mit Anbringung des Erntehahns

Eine schöne alte Volkssitte ist bei uns noch das Aufhängen des Erntehahns und das Feiern des Erntedankfestes. Wer früher einmal solch ein Erntefest miterlebt hat, wird, trotz der mühevollen Arbeit, die jeder Sommer mit sich brachte, gern an diese Zeit zurückdenken. Das Erntefest wurde von Dorf zu Dorf verschieden gefeiert. Auf den großen Gütern wurde ein richtiges Fest, oftmals auch mit Kapelle, veranstaltet. Dieser Tag war die Krönung der schweren, mühsamen Feldarbeit und von mancherlei Zufälligkeiten des Wetters abhängigen Erntezeit, und es gebührte sich, einmal fröhlich und unbeschwert alle Mühsal zu vergessen. Der Gutsherr ließ es sich nicht nehmen, Gutes aus Keller und Küche seinen Dienstleuten zu spendieren. Zu Beginn des Festes wurde vom Gutsherrn eine Festrede gehalten, die mit einem Dankgebet abschloss. Knechte und Mägde hatten ihr schönstes Gewand angelegt und haben so ihrerseits Ausdruck gegeben, dass dieser Tag etwas Besonderes sei. Am Erntefest wurde reichlich Bier gereicht, und der Volksmund spricht daher auch vom „Erntebier“ An Äußerlichkeiten sei noch zu vermerken, dass vor der großen Feier das letzte Fuder mit Garben beladen und eingefahren wurde. Es war keine große Fuhre, wie sonst üblich, denn auf dem Wagen saßen Mägde. Die erste Magd hielt den buntbemalten und mit Ähren, Blumen, ausgepusteten Eiern und grünem Buchsbaum geschmückten

Diesen lippischen Erntehahn finden sie auf dem Mindener Hof im LWL-Freilichtmuseum Detmold

Diesen lippischen Erntehahn finden sie auf dem
Mindener Hof im LWL-Freilichtmuseum Detmold

Erntehahn. Auch andere Helfer fanden ihren Platz auf der Fuhre, und der Knecht brachte den vierspännigen Einerntewagen zum Gut. Die Pferde waren besonders gut gestriegelt und geschmückt. Bevor am Nachmittag Kaffee und Kuchen gereicht wurden, war es den Töchtern des Gutsherrn vorbehalten, Gedichte und Verse vorzutragen. Eines dieser Gedichte, sicherlich schon mehr als hundert Jahre alt, aber immer noch aktuell, möchte ich hier wiedergeben:

Lobt den Herrn, der Erde Segen, den wir sammelten, ist sein.
Seine Wolken geben Regen, seine Sonne goldnen Schein.
Wir haben diesen Sommer oft auf besser Wetter wohl gehofft,
wenn Regenwetter trüb und schwer, am Himmel zogen häufig her.
Doch gab Gott auch in diesem Jahr, was unseren Fluren nötig war.
Nun mag der Hausherr noch gewähren, dass wir den bunten Erntekranz befestigen an seinem Haus, damit, die gehen ein und aus bedenken,
dass all Hab und Gut, steht in der gütigen Gottes Hut.
Er segne an uns seine Gaben, die wir von Ihm empfangen haben.

Auf den Höfen der Dörfer beging jeder Bauer sein eigenes Einerntefest, denn es war nicht möglich, dass alle Bauern an einem Tag einernten konnten. Hieraus ergab sich eine Zeitspanne, je nach Witterung, von etwa 14 Tagen. Am Abend vor dem Einerntetag wurde der Erntehahn mit dem darunter befindlichen Erntekranz gebunden und auf der letzten Fuhre, von der Magd und den Helfern stolz gehalten, gezeigt. Dieser Erntehahn mit dem Kranz wurde an der Giebelwand eines jeden Bauernhauses befestigt und behielt dort seinen Platz ein Jahr lang bis zum nächsten Erntefest. Für dieses Fest wurde die Deele hergerichtet, da die Räume im Wohntrakt klein und daher nicht geeignet waren. Neben Knechten und Mägden nahmen auch alle Tagelöhner, die halbtags oder ganztags mitgeholfen hatten, an diesem Festschmaus teil. Selbstgebackener Platenkuchen, jeder Bauer hatte ja früher seinen eigenen Backofen, wurde am Nachmittag mit gutem Bohnenkaffee gereicht; am normalen Werktag gab es nur

Alt und jung nehmen an dem Erntedankgottesdienst teil, es gibt Kaffee und Platenkuchen. Beide Fotos: Walter Hausstätter

Selbstgebrannten Roggen oder Gerstenkaffee.1Muckefuck Abends wurde ein von der Bäuerin bereitetes reichliches Festmahl gereicht. Der Bauer sprach Worte des Dankes zu seinem Gesinde, und es wurde in ausgelassener Stimmung manche Flasche Wacholder oder Korn geleert. Nun zu dem Erntedankfest, das der Heimat-und Verkehrsverein in Lothe zur Erhaltung alten Brauchtums alljährlich begeht. Das Fest findet auf einem Bauernhof statt, der 1529 erstmalig genannt wird. Ein Gabentisch, der die Fülle von Garten und Feld darbietet, ist Mittelpunkt der Andacht. Darüber ist an der Giebelwand der frisch geschmückte Erntekranz zu sehen, der am Einerntetag aufgehängt wurde. Neben dem Gabentisch steht eine Erntekrone. Diese Erntekrone wurde von einer Lot her Bäuerin geflochten und enthält alle Kornhalme des Feldes. Die Erntekrone ist zusätzlich mit Klatschmohn und Kornblumen geschmückt und bietet so, zusammen mit den Früchten des Feldes, ein buntes Bild. Jedes Jahr, wenn zum Erntedankfest eingeladen wird, kommen die Dorfbewohner in großer Zahl, darunter erfreulicherweise auch sehr viele Jugendliche. Das Fest beginnt mit einer Dankandacht, an der die Pastore beider Konfessionen teilnehmen. Nach der Andacht werden alle Teilnehmer (ca. 300 — 400 Personen) mit Platenkuchen und Bohnenkaffee bewirtet. Seit der Wiedereinführung des Erntedankfestes ziert auch auf allen anderen Bauernhöfen unseres Dorfes der Erntehahn wieder die Giebelwand. Wie ein Einerntefest in früheren Jahren ausgesehen hat, konnten wir der Bevölkerung einmal zeigen anlässlich der 1200-Jahrfeier in Lügde. Mitglieder des Heimat- und Verkehrsvereins Lothe hatten einen richtigen Leiterwagen mit handgebundenen Korngarben fertiggestellt. Der Leiterwagen war geschmückt mit dem Erntehahn, und auf dem Wagen saßen in bunter Tracht die Mägde. Dem Einerntewagen folgten die Altbäuerin, der Altbauer, die Jungbäuerin, der Jungbauer und, mit gebührendem Abstand, das lachende Gesinde. Altes Brauchtum wieder aufleben zu lassen, ist das Bestreben des Heimat- und Verkehrsvereins Lothe.

Von Fritz Mühlenhof

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